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Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Ak» tienötuaeret In jinlba. Setnfpre oer Nr. 9.
JW 22.
Fulda, Samstag, den 27. Januar 1906.
33. Jahrgang.
Zweites Äätatt
wochen-Nun-lchcm
(Nachdruck verboten.)
Fulda, den 27. Januar 1906.
Der Reichstag hat in der vergangenen Woche fleckig gearbeitet. Eine ganze Reihe von Vorlagen hat er in erster Lesung erledigt und da- mit bis zur Kommissionsbehandlung gefördert. Die Vorlagen betrafen kolonialpolitische, finanz- «olitische und sonstige Fragen. Ihre weitere Ge- altung hängt jetzt zunächst von den Kommissionsberatungen ab. Der Schwerpunkt der parlamentarischen Situation im Reichstage liegt zur Zeit überhaupt in den Kommissionen, vor allem in der Budgetkommission und der Steuerkom- mission. Die Beratungen der letzteren werden sich allem Anscheine nach noch lange hinziehen, so daß die Erledigung der wichtigsten Vorlagen der Session noch in weitem Felde steht. Um so mehr sollte unseres Erachtens seitens der Verbündeten Regierungen Wert daraus gelegt werden, die Arbeitsfreudigkeit des Parlaments rege zu erhalten. Nm Mittwoch gelangte der vom Zentrum eingebrachte Gesetzentwurf betr. die Gewährung von Anwesenheitsgeldern an die Neichstagsabgeord- neten in dritter Lesung zur Annahme. Dann beschäftigte der Toleranzantrag des Zentrums wieder einmal das Haus. Ter Antrag wurde von dem Abg. Dr. Bachem in glänzender Weise begründet.
Im preutzischen Landtag steht jetzt die Etatsdebatte im Abgeordnetenhause im Vordergrund. Dieselbe schreitet aber nur langsam fort, da man den Kommissionen, vor allem der Schulkommission Zeit für ihre Beratungen lassen muß. Zu einer bedeutsamen Debatte gab die Interpellation des Zentrumsabgeordneten Roeren über die von den unteren Verwaltungsorganen ausgeübte beleidigende Beaufsichtigung der katholischen Geistlichen Anlaß. Der Kultusminister konnte die Tatsache dieser Beaufsichtigung nicht bestreiten, erklärte aber unter Mißbilligung der Vorgänge, daß von irgend einer maßgebenden Stelle eine Verfügung zu Gunsten einer solchen Kontrolle nicht ergangen sei.
Einen bedauerlichen Verlust haben Reichsregie- rang und Reichstag durch das Hinscheiden des Staatssekretärs Freih. von Richthofen erlitten, dessen Geschick in der Führung unserer auswärtigen Angelegenheiten sich oft bewährt hat. Zu seinem Nachfolger ist der bisherige Gesandte bei den Hansastädten von Tschischky und B L - genborff in Aussicht genommen.
Die Erwartung, daß es gelingen werde, den nach Hendrik Witbois Tode als Hauptführer der aufständischen Hottentotten in Deutsch- S ii d - westafrika anzusehendcn Morenga einzukrei- ien, hat sich nicht erfüllt. Erfreulich rst immerhin, daß die Zahl der Hottentotten, die sich unterwerfen, beständig wächst. Auch in Deutsch-Ost- afrika macht die Bekämpfung des Aufstandes Fortschritte, wenn es auch nicht an Wechselfällen fehlt, die unseren Streitkräften empfindliche Verluste bringen.
Großen Lärm hat in der vergangenen Woche die Sozialdemokratie mit ihren Wahlrechtsdemonstrationen gemacht. Sie hatte sich dafür den 21. Januar, den Tag des Beginnes der russischen Revolution, ausersehen, und ihre Presse bemühte sich, die Massen in der wüstesten Weise aufzuhetzen. Die Behörden antworteten mit umfassenden Sicherheitsmaßnahmen. Angesichts derselben hielt es die sozialdemokratische Parteileitung doch für angezeigt, zur Zurückhaltung zu mahnen. Tatsächlich find denn auch in Berlin wie in allen anderen Städten die sozialdemokrati- schen Versammlungen ruhig verlaufen und es ist nirgendwo zu Ruhestörungen gekommen. Daß die Scharfmacherpresse die sozialdemokratische Hetze benutzte, um für ihre Ziele Propaganda zu machen, kann nicht überraschen. Bedauerlich aber wäre es, wenn die preußische Regierung aus den Vorgängen den Anlaß schöpfen wollte, die Wahlrechtsreformfrage selbst in dem geringen Umfange, in welchem sie ihre Berechtigung anerkannt hatte, zurückzustellen.
Die Marokko-Konferenz hat bisher einen Verlauf genommen, der die Erwartung eines günstigen Ausganges nur befestigen kann. Wenn auch die zunächst behandelte Frage der Unterdrückung des Waffenschmuggels keine allzu große Schwierigkeiten bot, so ließ doch das Entgegenkommen, das bei ihrer Erledigung von allen Seiten bewiesen wurde, den versöhnlichen Ton erkennen, auf den die ganzen Verhandlungen gestimmt sind.
In Oe st erreich dauert die Wahlrechtsfrage iveiter. Jettz drohen die ruthenischen Bauern in Galizien schon mit dem bewaffneten Aufstande, wenn ihnen nicht das allgemeine Wahlrecht bewilligt werden sollte. Inzwischen macht der Ministerpräsident von Gautsch den Versuch, den Wünschen der verschiedenen Nationalitäten zu Liebe sein Kabinett zu „parlamentarisieren". Vorerst hat er den Deutschen und den Tschechen die Aufnahme je eines Vertrauensmannes in das Ministerium zugestanden. Ob sich der Nationalitätenhader auf diesem Wege wird beschwichtigen «inen, ist doch sehr die Frage.
Zwischen Oesterreich-Ungarn und r5 c r 6 1 eJ1 ist jetzt der handelspolitische Konflikt, OeItQU»3 der von Serbien und Bulgarien geplanten Zollunion drohte, akut geworden. C'«* verlangte von Serbien kate- gonid) die Zurückziehung der Uuionsvorlage. Die Antwort lautete aber nicht befriedigend und bar- auf brach Oestereich-Ungarn nicht nut die Han- delsvertragsverhandlungen mit Serbien ab son- •fcetn setzte auch sofort Zwangsmatzregeln gegen
Serbien in Form einer teilweisen Grenzsperre kn Kraft.
Nachdem die Präsidentenwahl in Frankreich vorüber ist, nehmen die innerpolitischen Dinge dort wieder den gewohnten Gang. Die Wahl Fallidres konnte nach den voraufgegangenen Senatswahlen und namentlich nach der Probeab- stimmung Niemanden mehr überraschen. Daß Fallidres versuchen wird, die kirchenfeindliche Politik zum Stillstand zu bringen, ist leider nicht anzunehmen. Die französischen Katholiken und der französische Klerus werden genötigt sein, mit einer strengen Durchführung des Trennungsgesetzes zu rechnen. Die französischen Bischöfe beabsichtigen daher, in einer allgemeinen Zusammenkunft die Haltung sestzustellen, die sie dem Gesetze gegenüber einnebmen wollen.
Die englischen Wahlen haben auch in ihrem weiteren Verlaufe den Liberalen und der Arbeiterpartei einen starken Zuwachs gebracht. Schon jetzt haben diese beiden Parteien zusammen einen Gewinn von über 150 Mandaten zu verzeichnen. Eine ganze Reihe ehemaliger Minister ist nicht wiedergewählt worden.
Der beste Beweis dafür, daß die Dinge in Rußland allmählich wieder in geordnete Bahnen einlenken, ist wohl in der Tatsache gegeben, daß der 21. und 22. Januar, für welche Tage die Revolutionäre noch bis vor kurzem neue Schrecken ankündigten, völlig ruhig verlaufen sind. Man trifft jetzt überall die Vorbereitungen zu den Wahlen für die Reichsduma.
Zwischen Frankreich und Venezuela sind die diplomatischen Beziehungen jetzt offiziell abgebrochen. Auch zwischen den Vereinigten Staaten und Venezuela scheint eine gewisse Spannung eingetreten zu fein.
Von einem bedauerlichen Unglücksfall ist die brasilianische Marine betroffen worden. Durch eine auf eine bisher picht aufgeklärte Wem» herbeigeführte Explosion ist ein großes Panzerschiff vernichtet worden und mit ihm über 200 Menschenleben. Auch der brasilianische Marineminister ist dabei umgekommen.
[] Die ßinanzrefonn.
Ueber die Finanzreform im Reichstage äußerte sich der Abg. Speck, Mitglied des Reichstages und der Bayerischen Abgeordnetenkammer, in der „Allgemeinen Rundschau" (Wochenschrift für Politik und Kultur, herausgegeben von Dr. A. Kausen in München) wie folgt:
Nachdem die einzelnen Parteien durch ihre Redner in der Generaldiskussion Stellung zu den Steuervorlagen genommen hatten, wurden die letzteren, tote bei der Wichtigkeit des Gegenstandes zu erwarten war, an eine besondere Kommission zur Vorberatung überwiesen. Die Ausgabe dieser Kommission ist eine überaus schwierige, voraussichtlich aber auch langwierige. Schwierig nicht nur wegen der zur richtigen Behandlung der Materie erforderlichen eingehenden Sachkenntnis, sondern ganz besonders deshalb, weil die Ansichten über den zur Sanierung der Neichsfinanzen einzuschlagenden Weg auch in der Volksvertretung weit auseinander gehen. Alle Welt ist mit dem Reichsschatzsekretär einig in der festen Ueberzeugung, daß die Dinge so nickt mehr länger fortgehen können, ohne ernstliche Gefährdung der Leistungsfähigkeit des Reiches in bezug auf die ihm gestellten großen Aufgaben oder ohne ein geradezu den Kredit des Reichs untergraben- des riesiges Anschwellen der Reichsschuld. Herrn von Stengel fiel die undankbare Aufgabe zu, den verfahrenen Finanzkarren wieder in das richtige Geleise zu bringen. An Mut und Unternehmungslust, die zu diesem Wagnis zweifellos gehören, fehlt es ihm, wie die Steuervorlagen beweisen, keineswegs, möge es ihm gelingen, seine riesige Arbeit und Mühe durch einen sachlichen Erfolg schließlich belohnt zu sehen. Des Dankes oller Vaterlandsfreunde kann er im Voraus gewiß fein.
Allerdings scheint ein solcher Erfolg vorerst noch in weiter Ferne zu liegen. Daß an der Fiktion der „Einheitlichkeit" der fünf Steuervorlagen nicht weiter festgehalten werden kann, steht jetzt schon fest. Wichtige Teile derselben, so z. B. die Tabaksteuererhöhung, der Ouit- tungs- und Frachturkundenstempel, ferner auch der Vorschlag, die Höhe der Matrikularbeiträge auf 40 auf den Kopf der Bevölkerung nach oben zu begrenzen, werden im Reichstag wohl keine Mehrheit finden; ebensowenig hat die Bravsteuer in der vorgeschlagenen Höhe Aussicht auf Annahme. Auch an dem Personenfahrkarten- stempcl werden wohl einschneidende Aenderungen vorgenommen werden. Am lebhaftesten umstritten ist aber die Erbschaftssteuer. Während die äußerste Linke in einer möglichst weitgehenden Erschließung dieser Steuerguelle das alleinige Heilmittel erblickt und alle übrigen Steuervorschläge ablehnt, wird gerade die Erbschaftssteuer von konservativer Seite auf das heftigste bekämpft. Hier will man zur Deckung des Mehrbedarfs im Reiche in erster Linie die Schraube der Steuern auf Verbrauchsgegenstände noch fester angezogen haben. In diesem Widerstreit der Meinungen bildet das Zentrum das Zünglein an der Wage und man ist sich in dieser Partei auch der schweren Verantwortung wohl bewußt, welche mit der Entscheidung über diese wichtigen Fragen verbunden ist. Man verkennt insbesondere die Bedenken nicht, welche der Einführung einer Reichserbschaftssteuer entgegenstehen einerseits vorn föderativen Standpunkt aus, anderseits aber auch wegen der bei dieser Steuerart nicht ganz zu vermeidenden ungleichen Belastung des mobilen Kapitals und des Grundbesitzes. Diese Bedenken fallen ganz besonders bei den baye
rischen Abgeordneten inS Gewicht und müssen eingehend geprüft werden.
Die Kommifsionsberatungen haben bis jetzt zu dem Ergebnis geführt, daß nach Prüfung des Mehrbedarfs derselbe im Beharrungszustand nach Abzug von 24 Millionen an ungebeten Matrikularbeiträgen und von 25 Millionen Mehrerträgnis aus dein neuen Zolltarif auf rund 200 Millionen zu bemessen sei. Zur Deckung desselben reichen wohl die Erträgnisse der Steuer- Vorlagen, soweit die letzteren Aussicht auf Annahme im Reichstag haben, nicht aus. An neuen Vorschlägen, Ersatz zu schassen für den Ausfall, fehlt es nun allerdings nickt; sowohl der Reichs- schatzsekretär als auch die Kommissionsmitglieder finden in dieser Beziehung mehr hilfsbereite freiwillige Mitarbeiter, als ihnen lieb ist. Es vergeht wohl fein Tag ohne einen neuen Vorschlag. Allen diesen Projekten ist aber charakteriftischer- weise mit wenigen Ausnahmen das ei n e gemeinsam, daß sie andere Kreise treffen sollen als die jeweiligen Befürworter derselben. . . . Verschon' mein Hans, zünd' andre anl
Ob es sich empfiehlt, wie von verschiedenen Seiten in Aussicht genommen ist, aus der Volksvertretung heraus Ersatzsteuer in Vorschlag zu bringen, erscheint doch recht zweifelhaft. Neue Wege zu suchen, die zum Ziele führen könnten, ist nach Ablehnung eines Teils der gemachten Vorschläge dock wohl Sache der Verbündeten Negierungen. Das schließt aber selbstverständlich nicht aus, daß in der Kommission nach der ersten Lesung die eventuell noch weiter zu treffenden Maßnahmen in einer für die Volksvertretung unverbindlichen Form besprochen und damit dem NeicÄschatzamt gewisse Anhaltspunkte dafür gegeben werden, in welcher Richtung sich weitere Vorschläge zu bewegen hätten. Tie positiven Parteien haben den ernstlichen Willen, den Reichs- schatzsekretär in seinem schwierigen Unternehmen nach Möglichkeit zu unterstützen, und too ein Wille ist, wird sich auch ein gangbarer Weg finden. Der Schwierigkeiten und Hemmnisse wird es ja im weiteren Verlauf der Kommissionsberatungen noch gar manche geben, sie zu überwinden bedarf es fleißiger Arbeit, großer Geduld, namentlich aber weitgehender Opferwilligkeit auf allen Seiten!
Unpolitische Zeitläufe.
(5) Berlin, 2ö. Januar 1906.
(Nachdruck verboten)
Topsgucker! So werden die fürsorglichen Hausväter gescholten, wenn sie mal ihre Nase in die Küche stecken und das Geheimnis der brodelnden Töpfe vorzeitig ergründen möchten.
Und da lese ich soeben einen Artikel, der aus der deutschen Armee eine große Kochschule machen, also die auserlesensten Männer nicht bloß zu Topfguckern, sondern sogar zu Topskllustlern machen will. Unter Hinweis auf die Herrlichkeiten einer großen Kochkunstausstellung stellt nämlich dieser Fachmann den Antrag, daß in den Kasernen mehr für die zweckmäßige Zubereitung der Speisen getan werden müsse. Er will für geeignete Unteroffiziere Lebrkurse einriditcn, damit sie die Kochkunst gründlich erlernen können; solchen geprüften Speisemeistern soll dann die Verpflegung der Mannschaften anvertraut werden, wobei ihnen als lockendes Ziel die lebenslängliche Anstellung als Bataillonskoch winkt. Dahinter steckt ein sehr vernünftiger Gedanke: es geht viel Geld und viel Gesundheit verloren, wenn nicht bei der Anschaf, fung und Verarbeitung der Nahrungsmittel mit Sorgfalt und Geschick vorgegangen wird. Ich möchte sogar den Vorschlag erweitern. Man sollte unter den gemeinen Soldaten möglichst viel Koch- kenntnis zu verbreiten suchen. Tas würde die Wehrkraft stärken. Ohne Spaß! Tenn wenn die Leute ins Feld ziehen, sind sie auf das selbständige Abkochen angewiesen, ost für mehrere Tage. Da kommt es darauf an, recht schnell aus den gelieferten oder gefundenen Stoffen ein verdauliches Esten zu bereiten. Verstehen die Leute nicht mit Fever, Wasser, Fleisch rc. umzugehen, so leidet der Magen, die Stimmung, die Gesund- beit, die Schlagfertigkeit. Wenn wenigstens einige Leute mit Topfgeickick bei der Rotte sind, so wirkt ihre Lehre und Hilfe schon sehr heilsam. Und wenn die gedienten" in das bürgerliche Leben zurückkehren, so können ihnen die Kochkenntnisse gewiß nicht schaden. Als Junggesellen wissen sie sich besser zu helfen, und als Familienvater haben sie wenigstens eine Ahnung von dem Kernpunkte der Hauswirtschaft. In dem berühmten Büch- lein vom „Häuslichen Glück" nimmt nicht ohne Grund das Kochkapitel einen so großen Raum ein. Die Magenfrage darf nickt verachtet werden.
Neuerdings geschieht sehr viel für die hans- wirtschaftliche Ausbildung des weiblichen Geschlechts. Ausgezeichnet. Aber soll denn das männliche Geschleckt in dieser Hinsicht ganz kalt gestellt werden? Dürfen die sogenannten „Herrm der Schöpfung" sich erhaben dünken über solche „gewöhnlichen" Hausarbeiten? Dinge, von denen das leibliche Wohl, das wirtschaftliche Auskommen, die Gemütlichkeit im Hanse und schließlich auch die sittliche Entwicklung abbangen, sind nicht gewöhnlich und nicht minderwertig. Ter Mann und Vater wird die Tätigkeit der Hausfrau um so höher schätzen, je mehr Verständnis er für die hanswirtschaftlicken Angelegenheiten hat. Er wird umso dankbarer fein für das lecker bereitete und sauber aufgetischte Mahl, wenn er weiß, wieviel Umsicht, Kunst und Mühe dazu gehört, mit bescheidenen Mitteln alle Tage die Gerichte fertig zu stellen, die den Bedürfnissen und Wünschen der Tischgenossen zweckmäßig angepaßt sind. Er wird auch nachsichtig fein, wenn mal nicht alles klappt. Und er wird die Frau unterstützen bei ihrer schwierigen Aufgabe, indem er sachverständig mit ihr
den Haushaltsplan entwirft, bei der rechtzeitigen Anschaffung der Vorräte mit Rat und Tat beb springt, auch sonst durch gelegentliche Handreichungen (Holz- oder Kolilentragen, Wasserholen usw.) ihr die Arbeit erleichtert, im Notfälle auch, wenn die Frau krank oder durch die Kindersorge obgebalten ist, selbst am Herde Hand anlegt.
„Schiedlich — friedlich" ist ein beliebter Spruch. Für die Ehe gilt nur die letztere Hälfte. Alles soll dort friedlich fein, ober schiedlich gar nichts, weder im Denken noch im Handeln. Die Frau soll Verständnis haben für die Berufstätig- feit des Mannes und soll immer bereit sein zu einem aufmunternben Wort, zu einem liebevollen Rat und zu unverdrossener Hilfe, wenn sie den Wunsch des Mannes ober das Bedürfnis dazu erkennt. Ebenso soll der Monn sein Interesse bekunden für die Wirksamkeit der Frau. Dabei kann und muß jeder Teil die berechtigte Selbständigkeit des anderen in seinem verantwortlichen Ressort achten und schonen. Tie gute Frau eines pflichttreuen Mannes wird nicht die Hosen anziehen und den Mann in feiner Berufstätigkeit bevormunden und tyrannisieren wollen. Und der vernünftige Mann wird nicht seiner braven Frau die Küchenschürze und den Kochlöffel abkuöpsen wollen, um sie auf die Stellung eines Dienstmädchens herabzn drücken.
Wer ist Herr im Hause? Diese Frage gehört gar nicht auf eine gute FamiNentagesordnung. Sie herrschen alle beide, und es gibt doch nur einen Herrn, weil sie beide eins sind in allein. Wo solche wirkliche Eintracht herrscht, da laßt der Mann die Frau gern in seine Arbeit gucken, und sie hat nichts dagegen, wenn er mal in ihre Töpfe gucken will.
„Ja, schon vor der Ehe tut das Verständnis für Hauswirtschaft dem jungen Manne gut. Denn dadurch wird er bei der Brautschau und Heirat?- wähl vor Mißgriffen bewahrt. Er sieht bann nicht bloß auf bas hübsche Lärvchen, fonbern fragt sich vor allem, was hinter der reizenden Stirn und unter dem bezaubernden Haar steckt. Er beißt nicht auf das zarte Streichelhändchen an, ohne sich erst zu fragen: Wird diese Hand unser häusliches Glück schmieden können? Er fragt auch nicht bloß, was sie hat, sondern forscht vor allem, was sie will und was sie kann. Je mehr Hausverstand die jungen Männer haben, desto mehr Aussicht haben die tüchtigen Mädchen.
Na, da könnten wir ja gleich den Antrag stellen, daß die Knaben und Burschen nickt mehr ihren eigenen Handarbeitsunterricht bekommen, sondern mit den Mädchen zusammen das Stricken, Flicken und Kochen lernen sollen. Immer langsam l Die Schule mag jedem Geschlecht beibringen, was gerade für dieses Geschlecht das Wichtigste ist. ES genüat vorläufig schon, wenn im häuslichen Leben die Einseitigkeit etwas ausgeglichen wird. Am gefährlichsten ist die Einseitigkeit des männlichen Geschlechts. Abgesehen davon, daß die Frauen findiger und geschmeidiger sind, haben sie auch eine viel ftärfere Neigung, sich in die sogenannte männliche Berufstätigkeit hineinzuarbeiten. Der Mann ober aereft leicht in den Wahn, es sei unter feiner „Würde", das zu tun ober auch nur z» verstehen, was gewöhnlich der Frau obliegt. Daher haben wir ja die alltägliche Erscheinung, baß eine tüchtiae Frau noch dem Tode ihres Mannes sowohl bas Geschäft als die Fomilienwirtsckaft trefflich forhnfiihrcn versteht, während der Mann, dem die Hausmutter durch den Tod entrissen wird, rat- und hilflos do-stcht und kein anderes Heil siebt, al? sich möglichst schnell wieder zu verheiraten. Ober man denke an den Krankheitsfall: die tüchtioe Fron ist gleichzeitig Krankenpflegerin, Kinbervettoraerin, Köchin und im Bedarfsfall Geschäftsführerin; wenn aber die Fran andauernd krank ist, so geht alles drunter und drüber, weil der Mann sich nickt zu helfen weiß. Das kommt von der Einseitigkeit der männlichen Erziehung. Die junaen Leute werden „Haushal- tunasvorstand" und Familienvater,, ohne von Haushaltung, Kinderpflege und Erziehung das geringste gelernt zu haben. Dieser Einseitigkeit sollte man dadurch entaeaentreten, daß man von Anfang an von den Knaben das Hockmutsfcstel- cken fernbält, das ihnen die häuslichen Arbeiten als minderwertig und ausfcklieüsick weidlich erscheinen lasten w'll, und daß man ihnen Gelegenheit gibt, den Wert dieser Arbeiten, auch des Kochens, selbst zu erproben.
„Also sollten wir die Junaen zu Topfguckern erstehen?" Das Spottwort schreckt mich nickt. Meinetwegen nennt den Jüngling, der sick in bet .Hauswirtschaft immesehen hat. einen Topfgucker. Es sind nur drei Fälle möglich: 1. Er heiratet nicht, dann wird es ihm sehr vorteilhaft fein, wenn er fciner Haushälterin auf die Finger gucken kann. 2. Er heiratet eine tüchtige Frau: bann wirb bie ihm die übermäßigen Einmisckungs- gelüste schon austreiben. 3. Er bekommt eine Frau, bie wenig Kenntnisse, Geschick und Fleiß für bie Hauswirtschaft mitbringt: dann ist es ein grober Segen, wenn der Mann in bie Bresche springen und die Erziehung der Frau ergänzen kann.
Nun gibt es freilich „fortgeschrittene Männlein und Weiblein, die alles das für rückständig erklären und das nabe Ende der ganzen Haus- wirtschnft provheueihen werden. Namentlich erklären sie den Kochherd der einzelnen Familie für ein veraltetes Möbel. Es fallen große Garküchen eingerichtet werden, aus denen die umliegenden Familien ihr Mittagsmahl beziehen. Auch ein Stück Vorbereitung zum soffalbemokratffckeu Zu- kunftsstaat! Die Leute beweisen „wissenschaftlich", dgß bie Nabrungsstoffe bei derartiger fabrikmäßiger Verarbeitung bester aiisgenutzt, Zeit, Kraft und Geld gespart würden usw. Wenn der Mensch eine Maschine ober ein Stück Mastvieh wäre, so hätten sie am Enbe recht. Aber beseelte Menschen lassen sich nicht nach chemischen Formeln allein ernähren. Wer längere Zeit als Junggeselle in