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Zeitung

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33. Jahrgana.

Fulda, Mittwoch, den 24. Januar 1906

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ttfctet*« tigli <6, mit eiinobme der Sonn« «nö .Stitrtoflt. Piertti« jclrl vezuarpreir ehrt Bringerlot)« »nd Benkiioeldin>uldai>nd auswärts • Hit 50 psg-

Rotationsdruck u. Verlag oer > «Idaer Mc« tienoruaerei tn tu 16a. Sernfpre her Nr.».

Lnzeiae«: vteetn- fp Ittge Petitjei e oder deren Raum 15 Psg. Fetlamen die petitjcile 25 Pf3.; bei Wieder­holungen wird entipr. Kabart gewährt.

Erstes Wlcitt.

Deutsches Reich.

Berlin, den 23. Januar 1906.

♦ (?in Dank- und Anerkennungsschreiben deS Kaisers für die Leistungen der Berliner Polizei am veroanflenen Sonntag bat der Ber­liner Polizeipräsident Dr. v. Borries erhallen. Das Schreiben lautet:

„Ich habe mit Befriedigung erfahren, daß der gestrige Tag ohne Störung der öffenilichen Ordnung und Sicherheit in Meiner Haupt- und Residenzstadt Berlin verlauten ist. An diesem erfreulichen Reiullat haben die um« sichiigen ’olijeilidien Moßnalmen und das taktvolle und angemessene Verhalten der Schuymannschaft einen wesentlichen Anteil. Ich kann es mir nicht vetfaeen, der brr ven Berliner Schutzmannschaft hierfür Meinen Königlichen Dank und meine Anerkennung auszusprechen, und beauftrage Sie, der Schutz- rnannschafk dieses bekannt ,u geben.

gez. Wilhelm R.‘‘

.•. Eine Konferenz zur Reform dcS Madchenschulwesens ist am Dienstag vormittag im preußitchen Kultusministerium zusammeifge- treten. Die Konierenz soll über die Umgestaltung des höheren Mädchenschulwesens beraten. Zu den oeladenen Herren gehören u. a. Obeihof- prediger Dryander, Kardinal Kopp-Bie-lau, Prof.'Harnack, die Abgg. Dr. Hackenberg und Jrmer, die Professoren Paulsen-Berlin uni Lenis-Göltingen,Stadtschulrat Michaelis und Seminardirektor Wychgra m-Berltn. Bon Damen nahmen u. a. an der Konferenz teil Frl. Dr. Gertrud Bäumer -Gr unewald, Frl. von Grünwa d, Oberui der Kaiserin Augusta- Slistung in Potsdam, Frl. Henschle, Leiterin der Viktoria-Foitb'tdungsschule in Berlin, Schul­vorsteherin Heßling-Beilin, Schulvorsteherin Ktockow-Charlottenburg, Frl. Heb Lange- Grünewald, Frl. Paula Müller, Vorsitzende des Deufch-Eoangel. Frauenbundes in Hannover, Frau v. Rohr, Aebulsin des Kloster»zum heck. Giabe in Heiligengrabe, Frl. Auguste Sprengel, Leiterin der Frauenschule in Berlin. — Tie Konseienz begann hre Beratungen unter dem Vorsitze des Kultusministers Dr. Studt und wurde mit einjünbtger Pause bis in die Nach- tniilagsstunden forigesührt. Was die künsliae ua. höheren Mckvcheiychulen an langt, so wird, wie oeilautet, beabsichtigt, öffentliche ^iormalschulen unter dem Flamen „rtyzeeu" und „Obei-Lyzeen" einzurichten. Tie Errichtung ist so gemacht, dass die Lyzeen wertere Verbreitung finden, . Ol>er-Lyieen" dagegen nur in ganz be­schränkter Zahl einaerichtet werden sollen. Das Ly eum soll eine Bildung vermitteln, welche der­jenigen der sechsklassigen, höheren Knabenschulen mindestens gleichwertig ist, wenn auch in Berück- sichttoung der weiblichen Eigenart eine rein me­chanische Ueberemftimmiing mit den Knabenichulen naturgemäß ausgeschlossen ist. Das Mindest­alter für die Aufnahme in die unterste Klaffe soll in der Re ul 9 Jahre betragen. Für den Ein'ritl sind diejenigen Kenntnisie zu fordern, welche bei den höheren Knabenschulen für die Sexta verlangt weiden. Das Lyzeum bat 7 Klassen mit je einjährigem Lehrgang. Der Lehr­

plan wird sich folgendermaßen gestalten: Deutsch 34 Stunden, Religion 17, Französisch 34, Englitch 16, Geschichte und Erdkunde je 12, Rechnen und Mathematik 21, Naturwissenschaft 15, Zeichnen 14 Stunden, al'o in den 7 Klassen zusammen 175 Stunden. Dazu kommen noch für alle Klassen je 2 Stunden Turnen. Ten Teilnehmern der heutigen Konferenz lagen die Lehrpläne der höheren Mädchenschulen von Preußen, Sachsen, Württemberg und Baden vor. Eine Schlußprüsung findet nicht statt. Die Ab­gangszeugnisse, in denen der erfolgreiche Besuch der obersten Klasse des Lyzeums bereinigt wird, verlangen dies, Iben Berechtigungen, wie das Zeugnis der Reise für die Obersekunda der höheren Knabenschulen.

* Einen sehr stürmischen Verlauf nahm am Montag eine in Berlin von antisemitischer Seite veranstaltete Protest-Versammlung gegen die Sozialdemokratie. An der Versammlung nahmen auch zahlreiche Sozialdemolralen teil. Tie Re­ferenten sprachen sich gegen das Landtags-Wahl­recht au», verurteilten aber scharf die sozialdemo- Iratischen Agitationen in Tresden und Hamburg. Jrn Hintergründe des Saales batten Sozialdemo­kraten und Deutschnalionale Kämpfst Uung gegen einander eingenommen. Bet dem entstehenden Tumulte entging die Versammlung nur durch wiederholte Vertagungen der polizeilichen Au - lösung. Als ein Redner fcharte Angriffe ge.en die Sozialistensührer richte e, stimmten die Sozial- demolraten die Arbeiter Marsellaiie an; die Geg­ner antro nieten nut „Deutschland, Deutschland über alles." Lärmend zogen dann die Sozial- gemokraten ab und die Versammlung konnte ohne weitere Störung zu Ende geführt »erden.

• lieber die handelspolitischen Beziehungen zwischen Deutschland und Chile waren in- faiern Zweifel aufgetaudt, als es als fraglich bingefteüt wurde, ob zwischen Teutschlano und Chile das Recht der gegenseitigen Meistbe- günftigunfl bestehe. Der deutsche Handelstag hat den Staatssekretär des Innern um Auslunst darüber gebe:en und von ihm den Be­scheid erhalten, daß die im deutschen Handels- archio 1896 mitoeteilte Kündionng des Handels­vertrages zwischen dem Zollverein und Chlle vom 1. Februar 1862 nicht zur tatiädjlicfyen Wirksamkeit gelangt sei, und sich demnach beide Teile unter Zngruirdrlegung der Best immun gen des erwähnten Vertrags gegenteilig auf dem Fuße der meistbegünstigten Nation behandeln.

• Em ft. 9?«r<ftfrnn8=Kfnt für Teutsch-Süd- westasrika soll, wie in, parlamentarischen Kreisen verlautet, dem Reichstage anfangs März zugeben. Derselbe soll u. a. auch Entschädigungen für die Farmer enthalten.

* Aus Tentsch-Südwestafrika meldet Oberst Dame, daß die Annahme, Morengo fei nach Sprinoputs gezogen, sich nicht bestätigt hat Die zu seiner Verfolgung angeletzte Abteilung des Hauptmanns Siebert sand nur Spuren einer schwächeren Bande und kehrte daher tn die Ge- genb von Durudrisr-Ondermailje zurück. Mürengo stand am 8. Januar noch bet Harlebeestmund am Oranjepuffe. Gegen Cornelius, der sich fett dem Dezember in dem T'rasgebirge auf hält, war eine Stteisableilung ron 70 Gew.hren unter dem Besel le des L> ulnants v. Crailsheim in Marsch gesetzt worden. Sie g.iff am 11. Januar eine 300 Köpfe starke Werft beim Namtob an. Ter Gegner hielt jedoch nicht Stand und stob unter

Zurücklassung seines sämtlichen Hausgerätes, einiger Reittiere und Gewehre in nördlicher Rich­tung. Cornelius für feine Perwn hatte sich schon zuvor mit seinen Otlog’eulen von der Werft ge- trennt und übeifiel am 13. Januar bei Utnub nördlich Bethanien einen Viehposten. Durch dte sofort eingeleuete Verfolgung gelang es jedoch, ihm den größeren Teil des Viehrs wieder abzu­nehmen. 'Verschiedene kleinere Truppen Abteilun- gen sind über Geimusis zur Verfolgung gegen Cornelius angesetzt. Am 11. Januar betrug die Zahl aller Kriegsgefangenen und der sreiivillig Gekommenen l2,l'.ll»Köpje nämlichltf,'>24Hereros und ‘2166 Hottentotten. T ar unter befanden sich im ganzen 30"5 Männer. Infolge starken Regens ist der große Fiichfiuß abgekominen und dadurch der Verkehr der Berpstegungs-Kosten nach Keet- mannshop unterbrochen worden.

Parlamentarische Nachrichten.

... Tas preußische Abgeordnetenhaus soll sich einer parlamentarischen Korrespondenz zu­folge auf eine Woche vertagen und seine Beratungen erst am Mittwoch, den 31. Januar wieder aufnehmen. Tie Zwischenzeit sollen alle Kommissionen zur Förderung ihrer Arbeiten benutzen.

Die Budgetkommission des Reichstags beriet am Dienstag die Vorlage betreffend die NatmaUeiflungen weiter. Es gelangte ein An­trag d s Abg. Erzberger (Z.) zur Annahme, der höhere Sätze annimmt, sowie ein weiterer An­trag des genannten Abgeordneten, wonach der Bundesrat' befugt fein soll, in Teuerungszeilen die Sätze zu er höben. Die jetzt bewilligten Sätze sollen bis zum 31. März 1918 gelten. Weiter­hin fand eine allgemeine Diskussion betr. die Entlastung , es Reichsinvalidenfonds, des Etats des Reichsschahaiiiis und des Allgemeinen Pen- sionsfonds statt. Die Beratung wird am Mitt­woch fortgesetzt.

* Die Steuer-Kommission des Reichstages setzte am Tienstag die Beratung her Braufteiier |oit. Den Hauptgegenstand der Erörterungen bildete die Frage der Staffelung der Steuer, zu der ein Antrag des Abg. Sveck (Zentr.i vorlag Beschlüsse wurden nicht gefaßt. Die Beratung wird am Mittwoch fortgesetzt.

.-. Tie koitservative Partei des Hauses der Abgeordneten hat gestern tn ihrer Abendsitz.ng zu ihrem Vorsitzenden den Abg. Tr. v. Heyde- btanh und der Lafa gewählt, zu dessen Stellvertretern bi- Abgg. Tr. F>hr. v. Erfsa und v. Pappenheim, zu Beisitzern die Abgg. Gras v. Kanitz, v. Neumann-Hanseberg, Winckler, Stebermann, Baechelt und v. Rautter gen. v. Presfentin. Zu ihnen tritt der Abg. v. Rormann als Ehrenmitglied des Vorstandes.

Aus dem Reichstage.

26. Sitzung vom 23. Januar 1906.

Eröffnung 1% Uhr.

Erster Gegenstand der Tagesordnung ist die Interpellation Stychel und Gen0f- fen (Pole) wegen Anordnung einer Aussicht über d i e S p r a ch e, w e 1 ch e v 0 n katholischen Mannschaften in kirch­lichen Beichten gebraucht worden ist.

Tie Interpellation lautet: „Tas General­kommando des 1. Armeekorps hat unter dem 19. Tezember 1905 eine Verfügung erlassen, worin

im Widerspruch mit der katholischen militärkirch­lichen Dienstordnung eine Aussicht oder nachträg­liche Feststellung darüber, in welcher Sprache die Mannschaften beichten oder gebeichtet haben, an- geordnet wird, und zwar unter der Begründung, daß durch Erfüllung einer religiösen Pflicht in der den Mannschaften geläufigen Sprache pol­nischen Bestrebungen Vorschub geleistet werden konnte. Wir fragen den Herrn Reichskanzler, ob ihm diese Verfügung bekannt ist und was er zu tun beabsichtigt, um einem solchen Eingriff in das religiöse Leben der Mannschaften zu be­gegnen."

Kriegsminister von Einern erklärt sich bereit, die Interpellation sofort zu beantworten.

Abg. Stychel (Pole) begründete die Inter- pellalion und führte habet lebhafte Beschwerden über schimpfliche Behandlung polnischer Soldaten wegen ihrer Religion und ihrer Nationalität und Verlangte volle Gewissensfreiheit in der Armee.

Kriegsminister von Einem erwiderte, in Gar­nisonen, wo ein Geistlicher des Polnischen mächtig fei, werde gar nickst gefragt, ob einer polnisch oder deutsch beichten wolle. Der Mann könne beichten, wie er sich zu dem Geistlichen am besten von Her­zen aussprechen könne. In solchen Garnisonen aber, wo kein Geistlicher des Polnischen mächtig ist, müsse festgestellt werden, ob Soldaten vorhanden seien, die nur polnisch zu beichten vermochten, weil diesen sonst die Wohltat der Beicht in pol­nischer Sprache nicht gewährt werden könne. Ties« Feststellung erfolgt durch den Militärgeistlichen. Nach diesem Grundsatz sei verfahren feit der neue­ren Kirchenordnung von 1900, und keinerlei Miß- hell igkeiten hätten sich dabei ergeben. Der zur Rede stehende Erlaß sei notwendig gewesen zur Aufhellung einer Siquibation, die der Militär- Pfarrer in Gumbinnen eingereicht habe. Ein Eingreifen in das religiöse Leben sei mit dem Erlaß nicht beabsichtigt gewesen, und komme, so viel, wie er wisse, nirgendwo in der Armee vor. Da ihm ein gewisser Zweifel darüber entstanden sei, ob nicht die Generalkommandos vielleicht glau­ben konnten, daß die Geistlichen gefragt werden dürften, »wie viel Leute polnisch gebeichtet hätten, habe er deshalb nochmals allgemein verfugt, daß eine solche Frage nickst zulässig sei. Ter Anspruch der Polen auf volle Sprachfreiheit beim Militär fei zuriickzuweisen. Tie deutsche Sprache müsse die Heeressprache im weitesten Sinne des Wortes sein Er habe feine Abneigung gegen den pol- Nischen Soldaten: im Gegenteil, er könne aus praktischen Erfahrungen bestätigen, daß der pol- nische Soldat immer ein guter Soldat gewesen sei. Daß polnische Soldaten wegen ihrer Natio­nalität oder Religion verspottet würden, sei nicht wahr. Richtig sei ja, daß die jungen Leute, die zusammeiilägen, sich gern mal etwas am Zeuge flickten. Das komme nickst nur zwischen den einzel­nen Leuten, sondern auch zwischen den verschiede- nen Truppenteilen vor. Protestieren aber muHe er dagegen, daß ein Soldat, weil er Katholik und Pole sei, beschimpft werde. Kein Mensch denk« beim Militär daran, einen Gewissenszwang ans- znüben. (Lebhafter, allseitiger Beifall folgte die­sen Ausführungen des Ministers.)

Eine Besprechung der Interpellation wurde nicht beantragt.

Hierauf wird die erste Beratung des P r 1 b a t- Versicherungsgesetzes fortgesetzt.

Die Vorlage, zu der die Interessenten vorher gehört waren, sand in den wesentlichsten Punkten die Zustimmung fast aller Redner. Strittig ist haiiptsächlich, ob die Sozietäten ,n die Vorlage einbezogen werden sollen. .

Abg. CM (Ztr.) sprach sich ebenso tote bet Staatssekretär Nieberding dagegen aus.

Tas Hans beschloß die Einsetzung einer be­sonderen 21er Kommission für das Versicherungs- gesetz. -

GüLchiltltiiiiiifdemPDr.

Von H. Catalina.

22] (Nachdruck verboten.)

Rasch fuhr der Wagen auf seinen hohen Nä­dern dahin. Felix ließ seine Augen über die fremde Gegend schweifen, die in den letzten Strah­len der Abendfonne vor ihm lag. In sanften, langgezogenen Wellen breitete sich das Land aus: kein Berg, kein Hügel beschränkte den Horizont. Hier und dort erblickte er zerstreut liegende, nied­rige, weißgetünchte Häuser und Ranchos. Weiße Rauchwölkchen stiegen in die Höhe; offene Feuer flackerten vor den Ranchos, den Braten am Spieße beleckend, der daneben aufgesteckt war. Der Tust in der Glut backender Bataten drang herüber. Gruppen von Frauen und Männern standen um die Feuer versammelt oder kauerten am Boden. Ten Fremden hätte dieser Anblick an ein Zigeu- nerlager erinnert; aber Felix, der mit Sitte und Charakter des Landes vertrant war, sah nur malerische Gestalten und friedliche, heimatliche Bilder. — Bald mahnten unsanfte Stöße, daß der Wagen in einen Feldweg eingebogen war. Langsam ging es ein ziemlich steiles Gelände hinab, dem Flusse zu; bann rauschten die Räder durch das Wasser, das stellenweise über die Achse reichte. Ter Fluß war wohl hundert Meter breit, aber um diese Jahreszeit nicht tief.

»Letzten Sommer war der Fluß bereits aus- getrocknet; aber im Winter ist er oft wochenlang unpassierbar. Bei San Patricio ist eine Brücke; im Notfälle kann man sich dorthin wenden; es ist ein Umtrfeg von drei bis vier Stunden."

Der Fluß war passiert und in rascherem Tem­po rollte der Wagen querfeldein.

„Nun find wir auf Ton Ernestos Grund und Loben. — Ein herrliches Stück Land, fruchtbar, gut bewässert, wie weit und breit kein anderes 1 — So weit wir hier sehen können, reichen die

Weizenfelder. — Die Weiden für unsere Tiere sind in der Nähe des Wohnhauses, und die Mais- fclber liegen nach Osten, wo der Arroyo (Bach) in den Fluß mündet. — Tie Gegend hier ist viel schöner, viel abwechselnder als in „Santa Ma- thilbe", wo das Land so eben ist, wie ein Tisch. Unsere Estancia ist eine wahre Perle, eine Gold­grube, besonders seitdem wir mit unserer Pferde- und Schafzucht solche Erfolge haben. — Ich kann Don Ernesto nicht begreifen. In der Stadt sitzen und von früh bis spät arbeiten, was bat einer ba von seinem Reichtum? Wozu immer noch mehr erwerben? — Ich hätte längst bas aufregende Geschäft aufgegeben und hätte mich auf eines der Landgüter zurückgezogen."

„Welchen Genuß sollte ihm das einsame Leben auf den Landgütern bieten? Und glauben Sie, daß Frau Wildner es so herrlich finden würde, jahraus, jahrein in dieser Einöde zu wohnen? — Um sich auf dem Lande glücklich zu fühlen, mutz man das Landleben lieben. Ton Ernesto aber ist an das Treiben des Großhandels gewohnt. Für den oberflächlichen Zusckwuer bandelt es sich dabei nur um Geld und wieder Geld. In Wahr­heit aber gehört zur Abschließnng eines großen Geschäftes so viel Ucberlcaung, Scharfblick, Geistesgegenwart, daß der Erfolg, — der Erfolg rein als solcher gedacht — den Kaufherrn be­friedigt, wie den Felbherrn eine, gewonnene Schlacht, ben Diplomaten ein glücklicher Schach- zug, ben Künstl e ein gelungenes Werk. — Trifft einmal das Gegenteil ein und zeigt bas Glück sich ihm abholb, so inuß bie Scharte wieder aus- gewetzt werben; man muß ben Gegnern —.in unferm Fall Konkurrenten — zeigen, daß man ihnen gewachsen ist. — Wer bei diesem wechsel- vollen Spiele alt geworben, mag es nicht mehr missen. — Ich für meine Person schwärme für das Landleben. Ich liebe die Natur und ihre Schän- beiten und sehne mich oft aus der Stadt hinaus in die freie Steppenlnst."

.Nun ist ja Ihr Wunsch erfüllt für eine ge­raume Zeit."

Schon war es ganz dunkel geworden, dichte Nebel verhüllten die Gegend. Trotz der ange­steckten Laternen sah man vom Wagen ans nicht einmal bie Köpfe der Pferbe. Pancho knallte mit der Peitsche und ließ seine Tiere munter auf dem breiten, gut erhaltenen Wege ausschreiten.

„Nur keine Sorge! Unsere Braunen würden den Weg auch ohne Kutscher finden. Sie sind auf diesem Grund und Boden groß geworden und kennen keinen anderen Weg als diesen hier, nach La Paz und wieder zurück. — Wenn der Nebel nicht wäre, fönnten wir schon bie Lichter ber Estancia sehen. Hören Sie bie Hunde, bie unS anmelbcn? Leiber wird der Empfang mager ge­nug ausfallen. Sie wissen ja, ich wohne allem, seit meine Frau tot ist. Meine Töchter habe ich schon früher fortgegeben; sie sind beide in Rosa­rio verheiratet. — Ich hoffe, daß es Ihnen nicht allzu schwer werden möge, sich an bie Einsamkeit zu gewöhnen. — So, da sind wir angekommen! Willkommen in Nueva-Germania, Ton Felix!"

Der Wagen hielt vor einem nicht sehr großen, zweiftöckiaen Hanse, zu dem eine Allee hoher Pinien führte. In der Dunkelheit und im Nebel konnte man kaum bie Umrisse wahrnehmen. Am Wagenschlag erschien ein hochgewachsener Mann; neben ihm stand, eine Laterne hochhaltend, ein brauner Bursche und an der hellerleuchteten Haus­türe ein junges Mädchen in hellem Kleide mit weißer Schürze. . „

„Guten Abend, Rolf! Da bringe cch Ihnen ben jungen Herrn. Don Felix, hier steht unser Ge- stütsmeister Rolf, Sie zu begrüßen, dort seme Tochter. Ines, komm her, zeige Tech! Hast Du ein gutes Nachteffen für »ns bereit?"

Nach kurzer Begrüßung trat Felix tn das Haus Aerr Wildner hatte thm ben schlechten Zustand desselben so schwarz geschildert, daß Felix angenehm überrascht war, eine wohnliche Stätte zu finden. Einfach genug war bie Bauart bes Hauses: ein Rechteck, durch eine Längslinie unb zwei Querlinien in sechs Felber eingeteilt, so baß di« beiden mittleren etwas breitet waren als die

seitlichen. Ties toar der Grundriß bes Baues. Eine Glastüre führte vom Freien in ben ersten Raum, eine Art Vorzimmer. Durch bieses ge­langte man in das Speisezimmer. Tw betben Zimmer zur Rechten bewohnte, Herr Haller, bie zur Linken waren für Felix bestimmt. Aus dem Vorzimmer führte eine Treppe in den obere* Stock, der nur aus zwei ineinandergeheiiben Zim­mern bestand; ringsum dieselben lief em breiter Gang, mit einer Balustrade versehen.

Im Speisezimmer brannten zwei belle Lam­pen. Blumen standen auf dem gedeckten siche; auch das Vorzimmer zeigte reichen Blumenschmuck. Geschästig eilte Ines hin unb her unb servierte bei Tisch. Jose, der als Kammerdiener üorge- stellt war, brachte bie dampfenden Schusseln aus der im Nebengebäude befindlichen Küche herbei.

„Don Felix, hier sind Ihre Zimmer Sommer ist es oben lustiger, im Winter aber ist es hier unten gemütlicher. Sie sehen, >chr Wohn­zimmer bat einen Cf en; es ist der einzige im Hause. Ich habe ihn für meine Frau setzen laßen als sie zu kränkeln anfing."

Ines näherte sich mit verlegener Miene Sie hatte den Herren schon zweimal verkündet, daß das Essen bereit sei. Endlich ließ sich Haller be-

tpcßcn.

„Treten Sie in unfern Speisesaal, Don Felix! Morgen bei Tageslicht können Sie das Hau» besser in Augenschein nehmen."

Unb nun setzten sie sich zu Tisck^ Das Abend, effen toar von dem italienischen Koch mit außer- gewöhnlicher Sorgfalt zu bereitet worben

„Unsere Leute sind fast bnrckiweg Ualiener. Wir haben Arbeiter, bie schon viele vs«hre biet sind. Sie werden ja sehen."

Nachdem Ines verschwunden war -- sie ub r- nahm nur ausnahmsweise Dienstleistungen tm ßaufe — begann Haller, den Neuangekoinnienen mit einigen Eigentümlichkeiten seines kleinen Reiche bekannt zu machen. Da war vor allem die Eifersucht zwischen den drei Aufsehern, obwohl ieber feinen Bereich scharf abgegrenzt halte. Rolf.