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33. Jahrgang

Fulda, Dienstag, den 23. Januar 1906.

M 18.

Botetienstred «. Verlag »et c#l»eet He« ttew»rwaerei tu Suite, gerafprener Hr. 9.

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S*riftleitet: 3. Baum; *-

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X«teige»: vieekt- |p mge Petitjeiie eter beten Raum 15 psg. Fetlamen die petitjeiie 25 pfg.; bei wiedet- bolungen wird entfpt. Rabatt gewühtt.

*, Die behördliche Beaujfichtigung der ralholischeu Geistlichen.

Der Zentrumsabg.ordnete Roeren erfüllte nur eine Pflicht gegenüber den katholischen Geistlichen und der katholischen Bevölkerung Preu- ßens, als er im preußischen Abgeordnetenbause eine Interpellation einbrachte, welche Aufschluß torderte über die in zahlreichen Einzelfallen aus allen Teilen der Monarchie festgestellte Ausübung einer besonderen Kontrolle der Polizei­behörden und der lokalen Verwal­tungsorgane über das Verhalten der katho­lischen Geistlichen. Gleichzeitig diente er mit dieser Interpellation dem Ansehen der Staats- regierung und der staatlichen Behörden, indem er der zuständigen Stelle eine Gelegenheit bot, Stellung zu dieser Angelegenheit zu nehmen, denn es läßt sich nicht leugnen, daß die in der Interpellation berührten Vorgänge nicht nur ge­eignet waren, eine lebhafte Beunruhigung in die katholische Bevölkerung zu tragen und starken Un­willen zu erregen, sondern auch die Behörden in einem überaus bedenklichen Lichte erscheinen zu lassen.

Um so mehr mutz man sich darüber wundern, Latz bei der Verhandlung der Interpellation in der Montagsitzung des Abgeordnetetthauses vom Ministertische aus Beschwerde dar- über geführt wurde, daß der Abg. Roeren es an der gebotenen Zurückhaltung habe fehlen lassen. Herr Roeren hat gleich zu Anfang seiner Aus­führungen betont, datz seine Interpellation nicht den Charakter einer Anschuldigung gegen den Kultusminister trage; er hat die Annahme, datz der Minister seine Hand geboten habe bezw. bieten könne für die „widerwärtigen Spionage", die gegen die katholischen Geistlichen ausgeübt wird, weit von der Hand gewiesen, und hat auch der Ueberzeugung Ausdruck verliehen, datz die ein­zelnen Regierungen keine Verfügung erlassen haben, welche diese Spionage anordnet. Damit hatte der Interpellant von vornherein der Ange- legenheit jeder Spitze gegen den Minister oder eine höhere staatliche Behörde genommen und es lag für den Minister kaum ein Anlatz vor, seine Tätigkeit im Interesse des konfessionellen Frie- dens besonders zu betonen. Andererseits aber war es das gute Recht des Abg. Roeren, die Tat­sache des Bestehens der behördlichen Kontrolle und Spionage gegenüber den katholischen Geist­lichen scharf zu beleuchten und dem berechtigten Unwillen der betroffenen Geistlichen und der ka­tholischen Bevölkerung den zutreffenden Ausdruck zu geben. Das und nichts anderes hat Herr Roeren getan und dafür verdient er den Dank euer preußischen Katholiken.

Ueber das tatsächliche Bestehen einer unge­hörigen Kontrolle auf Seiten der unteren Ver­waltungsbehörden kann ein Zweifel nicht obwal­ten. Auch darüber nicht, datz diese Kontrolle in vielen Fällen zu einer ebenso leichtfertigen wie fehlerhaften Berichterstattung dieser Behörden iber katholische Geistliche geführt bat, und datz liefe Kontrolle in so zahlreichen Fälleti mit einer unwürdigen Spionage verbunden war, daß mit Fug und Recht von einem System in diesen Din­gen gesprochen wurde. Der Abg. Roeren hat von dem Material, welches ihm zur Verfügung stand, nur einen sehr beschränkten Gebrauch gemacht. In der katholischen Presse stnd in den letzten Wochen so viele drastische Fälle der behörd­lichen Kontrolle veröffentlicht worden, daß man über den Umfang der Kontrolle kaum im Unklaren sein kann. Der Kultusminister bat nur einen schwachen Versuch peniacht, die Wucht der von dem Abg. Roeren angeführten Tatsachen in etwas zu entkräften. Er wollte einige weiter zurückliegende

Fälle ausgeschieden wissen und beschränkte sich im übrigen darauf, unter der Versicherung, datz von keiner „maßgebenden Behörde" eine „Verfügung" betr. die Kontrolle der katholischen Geistlichen er­gangen fei, das Vorhandensein eines Spio­nagesystems zu bestreiten. Wir wollen mit dem Minister nicht um Worte rechten. Ein Sy­stem im Sinne einer organisierten, bis in alle Einzelheiten geordneten Spionage mag nicht vor­handen sein, aber der Umfang dieser Spionage und ihre Anwendung sind doch derart, datz man, wie schon betont, sehr wohl von einem s y st e m a - tischenVorgehender unteren Verwaltungs­behörden reden kann.

Wir hätten es gern gesehen, daß der Kultus- Minister klipp und klar die Versicherung abgegeben hätte, die Regierung werde die g e e i g- neten Mittel, etwa in Form einer Ministe- rialverfügung, ergreifen, um dem Treiben der unteren Verwaltungsbehörden ein für alle MaleinEndezumachen. Vielleicht kommt so eine allgemeine Ministerialverfügting noch. Vorläufig wird man sich mit derMißbil- l i g ü n g begnügen müsien, welche Minister Dr. Studt über das Verhalten der einzelnen in Be­tracht kommenden Verwaltungsorgane ausgespro­chen hat. Hoffentlich entnehmen diese Organe dem Tadel des Ministers den Anlaß, ihr Ver­fahren einzustellen.

Daß es der Rechten und den N a t i o n a l- liberalen nicht angenehm war, die Verhand­lungen über die Interpellation weiter fortgeführt zu sehen, verstehen wir. Ihr Schlußantrag hat vielleicht verhindert, daß die Kraßheit einzel- ner Fälle noch besonders beleuchtet wurde, er hat aber den Hauptzweck der Interpellation, die Klar­stellung der Angelegenheit und des Verhaltens der Regierung zu ihr, nicht illusorisch machen kön­nen. Und das genügt vorläufig.

Deutsches Reich.

Berlin, den 22. Januar 1906.

* Eine Reihe von Ordensverleihungen wird im ,Retchsanzeigeri außer der Liste der zum Ordensfest mit 'Dekorationen Bedachten bekannt gegeben. U. a. hat der russische Minister­präsident Graf v. Witte die Kette zum Groß­kreuz des rotfit Adlerordens erhalten. Der spa­nische Botschafter in Berlin hat die königliche Krone zum Großkreuz des roten Adlerordens e^> halten. Weiterhin find verschiedene spanische und portu gi es ische Persönlichkeiten im diplo­matischen Dienst bedacht woiden.

• Der „sozialdemokratische Sonntag" ist, tote von allen Seiten gemeldet wird, ganz ruhig vorüber gegangen. Noch kurz vor Weih­nachten hatte bekanntlich das internationale sozi­aldemokratische Bureau in Brüssel einen auch von Bebel und Singer unterzeichneten Aufruf mit dem Befehle erlassen, „daß am Montag, den 22. Januar, oder mindestens am Sonntag, den 21., alle Gruppen von allen angeschlossenen sozialde­mokratischen Parteien öffentliche Versammlungen und, wo möglich, Straßendemonstratio- n e n organisieren". Dann waren in allen sozial­demokratischen Blättern, insbesondere im „Vor­wärts" und der „Leipziger Volkszeitung", die Massen in blutrünstiger Sprache, die selbst einzel­nen maßgebenden Genossen als überflüssige „Re­volutionsromantik" erschien, aufgewiegelt und zu Straßenkundgebungen nach russischem Mu st er angespornt worden, deren Generalprobe in Sachsen und später in Hamburg abgehalten wurde. Anfang letzter Woche veröffentlichte die „Tägl. Rundsch." den

FeldzugSPlan der Sozialdemokratie für Sonntag und zugleich als eindringliche Warnung, die von den Behörden getroffenen umfassenden scharfen Abwehrmaßregeln. Und nun erklärte der Par­teivorstand, daß er von den Straßendemonstratio­nen, die vier Wochen vorher augeordnet waren, nichts wisse; es sei niemals beabsichtigt ge­wesen, den Versammlungen eine Fortsetzung auf der Straße zu geben, und er selbst habe Ordner ausgestellt, um einen ruhigen Verlauf der Ver­sammlungen und die Ruhe auf der Straße zu ga­rantieren. Dabei ist es denn nun auch glücklicher­weise geblieben. Nach den uns vorliegenden Mel­dungen ist der Tag unter anderem auch in Berlin, Hamburg, Altona und feinen Nachbarorten, in Köln, Düsseldorf, Krefeld, Essen, Saarbrücken, in Breslau, Danzig, Dresden, Erfurt, Frankfurt a. M., Hannover, Kiel, Kottbus? Posen, in ganz Oberschlesien, in zahlreichen ostpreußischen Pro­vinzstädten ohne Störung der Ordnung verlau­fen. Aus Mannheim wird gemeldet, daß eine im Rosengarten stattgehabte Versammlung wegen einer vom überwachenden Polizei beamten bean­standeten Aeußcrung des Referenten aufgelöst wurde, ohne daß es zu Ruhestörungen kam. Eben­so wurde in Elberfeld die Versammlung aufgelöst. Besonders stark besucht war in Berlin die Ver­sammlung in dem Moabiter Gesellschastshaus, wo Abg. Bebel sprach. Er sagte u. a., wenn auch die Sozialdenwkraten heute nicht auf die Straße gingen, könne es doch eines Tages passie­ren, daß sie auf die Straße gehen und den Mas- fenftreif proklamieren würden wie in Rußland. Bebel nimmt bekanntlich den Mund recht voll; er selber weiß sehr wohl, was in Deutschland „eines Tages passieren" würde, wenn „die Sozial­demokraten auf die Straße gehen" — etwas ganz anderes als in Rußland.

*, Da» friedliche Verhalten der Sozial- demokrateu am „roten Sonntag" wird der Sozialdemokratie im »Reichsanzeiger' ausdrücklich testiert mit der Bemerkung, daß die Versamm­lungen, „unter einstimmiger Annahme der ein Paileioorstande vorgeschiagenen Resolutionen ruhig und ohne S törung der Ordnung verlaufen" fei.

* Der zum Nachfolger des verstor­benen Staatssekretärs Freiherrn von Richthofen ausersebene preußische Gesandte in Hamburg von Tschierschky und Böget-dorff halte am Samstag eine längere Unterredung mit dem Reichskanzler Fürst v. Bülow und wurde am Sonntag vom Kaiser empfangen. Er kehrte dann nach Hamburg zurück, um fich bei den Han,astädten und den beiden Mecklenburgischen Hötrn zu verabschieden. Die Uebernabme der Geschäfte deS Auswärtigen Amts durch ihn soll in aller Kürze erfolgen.

.-. Die Mitteilung der Regierung vom Ableben des Staatssekretärs Freiherrn von Richthofen an den Reichstag soll einem parlamentarischen Berichterstatter zufolge un­mittelbar nach der Plenarsitzung am Frei aq erfolgt fein. An der Verzögerung der Mitteilung soll nach einer Darstellung der „ver­wickelte" Geschäftsgang, nach einer anderen Darstellung aber ein „Versehen" eines Beamten schuld tragen. Was den verwickelten Geschäfts­gang anbe angt, so besteht derselbe darin, daß das auswärtige Amt dem Reichstag die Mit­teilung durch das Reichsamt des Innern zu­gehen lasten mußte. Daß dieser Weg zwei Tage beanspruchen mußte, können wir nicht recht einsehen. Auch das angebliche Veifehen eines Beamten will uns wenig plausibel erscheinen.

Merkwürdig ist und bleibt es, daß die offizielle Anzeige unmittelbar nach der bewußten Er­klärung des Grafen Ballestrem erfolgte. Unter den Drucksachen des Reichstages war übrigens auch bis Montag abend noch nicht die amtliche Benachrichtigung vom Ableben des Staatsjekre« tärs vorhanden.

* Die in her preußischen Thronrede angekün- digte Wahlrechts-Vorlage soll dem Abgeordneten- jauie nun doch in absehbarer Zeit nicht zugehen. Der Berl. ,Lokalanz/, der diese Nachricht aus unterrichteten parlamentarischen Kreisen erfahren haben will, knüpft daran folgende Bemerkung: „Die Regierung würde dabei wohl in Ueberein« timmung mit der Mehrheit des Äbgeordneten- ,aufes handeln, da dir Einbringung der Vorlage m gegenwärtigen Augenblicke zu einer nach An- icht der Mehrheits-Parteien zwecklosen allgemeinen Debatte über die Wahlrechtstrage in Preußen führen würde. Die Vorlage sollte sich bekannt­lich auf die Aenderung ewiger übergroßer Wahl­kreise und aus Reformierung einiger Bestimmun­gen des Wahlverfahrens beschränken. Eine all­gemeine große Wahlrechts-Debatte dürfte jedoch gerade im gegenwär igen Augenblicke weder der Regierung noch der Mehrheit des Hauses ange­bracht erscheinen " — Wir sehen keinen rechten Grund für die Verzögerung der Wahlrechts-Re­form, zumal wenn dieselbe sich auf die oben an­gedeuteten Punkte beschränken soll. Ein abncht- liches Ausweichen der Regierung vor einer Wahl­rechts - Debatte wurde unseres Erachtens gerade jetzt unangebracht sein.

% Beim Reichstage eingegangen sind: bet deutsch-äthiopische Handelsvertrag, die allgem. Afrtkadenkschrift, die Denlschrist über die Entwicklung des Gebietes von Kiaut« s ch o u, die Uebersicht über Mietspreiie Wohnnngs- Verhältnisse in den mit Reichsunterstützung er­richteten Genossenschaftswohnungen und in den im freien Verkehr hergestellten Miels« Wohnungen für Reichsbeamte.

Aus dem Reichstage.

25. Sitzung vom 22. Januar 1906.

Eröffnung Vk Uhr. '

Kbent Graf Ballestrem erbittet und erhält cichtigung, dem Kaiser zum Geburtstage die Glückwünsche des Hauses vorzubringen.

Ein Privatklageverfahren gegen die Abgg. Ms- angel (Btt.) und Thiele (Soz) wird für die Tauer der Session eingestellt.

Der Entwurf, betr. Statistik des Warenverkehrs des deutschen Zollgebietes mit dem Auslande wird in zweiter Beratung angenommen, ebenso der Gesetz­entwurf bett, die Wertbestimmung der Einfuhrscheine im Zollverkehre.

Erste Beratung des

Reichsbanknotengesetzes.

Der Entwurf hat bereits in voriger Session dem Reichstag vorgelegen. Der Gesetzentwurf ermächtigt die Reichsbank, Banknoten auf Beträge von 50 und 20 Mark auszugeben.

Abg. Ortet mtL) erklärt, seine Partei sei bereit, dem Gesetzentwurf auch ohne vorhergehende Rom« mifsionsberatnng zuzustimmen.

Abg. Dr. Manour Ztr) beantragt Serroeguna an die Budgetkommission. Er sei mit der Mehrzahl seiner Freunde der Ansicht, daß die Ausgabe der kleinen Reichsbanknolen nach oben hin begrenzt werden niuß. Geschieht das nicht, so laufen wir

GilIlhMkllMfdkmWk.

Von H. Catalina.

21] (Nachdruck verboten.)

Felix war auf einen Stuhl gesunken; bas Gesicht in beiden Händen verborgen, stöhnte er laut. Lange sprach der Pater auf ihn ein von der verderblichen Macht des Bösen, die den Menschen umgarnt und verblendet — und von der unend­lichen Vaterliebe Gottes, die den Sünder zurück­führt und seine Wunden heilt und auch von uns verlangt, daß wir nicht richten, sondern vergeben.

Felix erhob sich taumelnd:

„Mein Leben ist zerstört, mein Glück dahin. Nie kann ich mit meinem befleckten Namen, mit dieser Last der Vergangenheit einen ehrlichen Mann um die Hand feiner Tochter bitten."

Er sprach wie zu sich selbst, die Anwesenheit des Paters schien er vergessen zu haben.

„Sagst Du das nur im allgemeinen ober hast Du eine bestimmte Absicht?"

„Irma!" fast unhörbar kam eS von seinen .Lippen.

„Irma Wildnerl" rief der Pater. „Ist sie gleich Dir gesinnt?"

„Ja. Wir find einander gut seit den Kinder­jahren ; unmerklich ist unsere Neigung mit uns gewachsen, und es war mein sehnlichster Wunsch, daß Irma mein Weib werde, aber jetzt" . . . .

„Felix, fasse Mutt Ich halte eS für ein Glück, daß Du Irma wähltest. So wie ich ihren Vater kenne, wird et Dir keine Schwierigkeiten machen. Er liebt Dich wie feinen Sohn. Die Vergangen­heit ist vergessen, glaube es mir! Manches Gute haben diese neuen Länder für sich: Man hängt weniger an Familien-Traditionen als im alten Baterlanbe. Wenn Du Dich der Achtung wert zeigst, so wirst Du geachtet. Die Schuld eines andern, auch Deines eigenen Vaters, wird Dir in keiner Weife angerechnet. — Sur eine» möchte

ich Dir noch nahelegen: Sprich Dich offen gegen Deinen Pflegevater aus und unterwirf Dich seiner Entscheidung. Er meint es gut und treu. — Und nun geh' mit Gott! Vergiß nicht, daß wir alle hienieden unser Kreuz tragen müssen durch angestammte Schuld oder durch eigene. Das letz­tere ist das schwerere, mein Sohn! Behalte das eine wichtige Lebensziel im Auge, und wenn der Weg auch dornenreich oder düster umschattet ist, geh' mutig voran! Froher Gottesglaube und mäch­tiges Vertrauen können jede Wolke lichten."

Er segnete den vor ihm Knieeuden und nahm Abschied.

Im Hause Wildners waren an diesem Abend Gäste zu einem gemütlichen Familienabende ver­einigt. Für Felix war der Zwang, den er sich der Etikette halber antun mußte, qualvoll und heilsam zugleich. Als er der Plaza Libertad zuschritt, schien es ihm, die ganze Welt habe sich verän­dert, und nun konnte er sich ohne weiteres über­zeugen, daß dem nicht so war. Harmlos und ver­traulich plauderte es sich im Freundeskreise. Man fragte nach seinem Befinden, fand ihn angegrif­fen aussehend, schob dieses auf angestrengte Ar­beit und neckte ihn als „Dizefürst" über zwei Ge­viertmeilen Land und dessen meist vierbeinige Be­wohner. Di« Spannung seiner Nerven löste sich. — Als er abends in fein Zimmer trat, zog er eine Photographie hervor, die er in seiner Brusttasche bei sich trug und küßte sie innig. Ein liebreizen­des junge» Weib lächelte aus dem Bilde, auf ihrem Schoße streckte ein schönes Kind die Aermchen freu­dig aus — nach wem? — Nach dem Vater, der im Augenblick der Aufnahme ins Zimmer getreten war. — Die Frau war Felix Mutter, daS Kind er selbst.—

„O, Du Verklarte, was mußt Du gelitten haben! — Wie konnte er so handeln! Dir das antun, Dir und Deinem Kinde!" — Groll und Bitterkeit erfaßten ihn. Das Andenken an feinen Vater, das er im Heiligtum seines Herzens verehrt hatte, war wie ein falsches Idol in den Staub gestürzt, zerttümmert. Felix verhärtete sich; er konnte jetzt nicht entschuldigen, nicht vergeben. Der Zett erst

mit ihrem lindernden Einfluß sollte es gelingen, ihn milder zu stimmen und ihn zu lehren, die Schuld von dem Schuldigen zu trennen. Abscheu gegen jene, Liebe und Mitleid für diesen würden dann gesondert sprießen. — Eine Aussprache mt Wildner vermied Felix zunächst. Sein innerstes Ich war wie zermartert und zerschlagen. Die Wunde war zu frisch; er ertrug es nicht, daran zu rühren. Die Einsamkeit — wie willkommen war sie ihm! — würde Heilung und Ruhe bringen.

Von Irma nahm er innigen Abschied. Ihr war es nicht entgangen, daß sein Wesen ungewöhn­lich gedrückt war. Kurz vor dem Scheiden flüsterte sie ihm zu:

„Hast Du Forster toiedergesehen?"

„Nein, mein Lieb!"

„Aber es betrübt Dich etwas!"

„Nichts Neues, nur die alten, alten Geschichten. Es ist nicht denkbar, daß Du den Sohn meines Vaters liebst."

„Felir, ich werde ernstlich böse! Ich liebe Dich so wie Du bist, und alle, Papa und Mama lieben Dich. Laß doch diese krankhafte Idee und ver­bittere uns nicht den letzten Augenblick des Zu­sammenseins".

Wiederum versprachen sie sich gegenseitig Liebe und Treue. Bei seiner Rückkehr sollte Felix offen bei ihrem Vater um Irma werben. Sie kannte keine Befürchtungen und blickte hoffnungsfroh in die Zukunft. Felix aber reifte schweren Her­zens ab.

12. Kapitel.

Die Sonne neigte sich schon dem Untergänge zu, als Felix nach 24-stündiger Eifenbahnfahrt auf der einsamen Station La Paz ausstieg. Der niedrige Bahnhof, dessen Backsteinwände mit gro­ßen, grellfarbigen Plakaten behangen waren, ein Schuppen, ein langgestrecktes Haus, das Laden und Wirtshaus bereinigte, waren die einzigen Gebäude in nächster Nähe. In einiger Entfer­nung unterschied man einzelne weißgetünchte Häuser, zum Teil in dichtem Grün versteckt, alle wett auseinander gelegen, dies war da» Dors.

Auf dem Perron standen der Stationsbeamte, ein Schaffner, ein Polizist und ein wohlbeleibter, stattlicher Mann mit rötlichem Gesicht und grauem Haar und Bari, in einen dicken Mantel gehüllt. Der Abend war kühl. Als Felix aus dem Wagen stieg und sich fragend umschaute, eilte der Mann im Ueberziehcr auf ihn zu.

„Don Felix? Habe die Ehre. Willkommen hier in unferer Einöde! Wie haben Sie sich ver­ändert! Kaum wieder zu erkennen! Es sind allerdingS sechs Jahre her, seitdem ich Sie nicht gesehen. Erinnern Sie sich noch an den alten Haller?"

,J<h habe Sie sofort erkannt. Sie sind ganz derselbe geblieben. Wie geht es Ihnen? — Warum haben Sie sich die Mühe gemacht, zitt Bahn zu kommen, da Sie doch leidend sind? Und bei diesem kühlen Wetter!"

„So schlimm ist es nicht! Werd' ich doch uw fern jungen Herrn selbst abholen. Es ist dieser Tage schon eine Fuhr Model für Sie gekommen. Habe alles nach bestem Können untergebracht. Ihr Gepäck? — Poncho, laß Dir den Koffer deS Senortto geben 1 — Und bann fahren wir gleich ob — Ah, cacantbal Da ist ja unser Nachbar, Don Luis! Ich hatte Sie gar nicht bemerft. Hier haben wir unfern jungen Herrn, Don Felix Bertrand. Don Felix, ich ergreife die Gelegen- beit, Sie mit unferm Nachbar, Don Luis Seefeld bekannt zu machen."

Der so begrüßte Herr war ebenfalls au8 dem Zuge gestiegen und schien durch die Begegnung überrascht. Aber schnell faßte er sich und bot ^eI*,5reut mich,'Sie hier zu feben!" sagte er wie zu einem alten Bekannten. „Weriwn Sie längere Zeit in Nueva-Germania bletbcnt

„Vier bis sechs Monate"

„Don Felix muß muh vertreten, wahrend ich mir in Baden-Baden den Rheumatismus auS den Knochen vertreiben soll."

„In diesem Falle hoffe ich, Sre öfters zu sehen, Herr Bertrand, wir werden gute Nachbarschaft