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Fulda, Montan, den 22. Januar 1906

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BotattoHierud u. Verlag oet >uldarr ät« ttenerulittet tn 'nlba. tjernipre oet Nr. ».

trf*dirt täglich, mit HMsnabme bet S«mi- unb Seiertege. viertel- jährl. Bezugspreis •litte Bringerlobn unb BebeB gelb tu Stilb« unb «useärts! Ml 5V Pis-

monatsbenagt: „Sulbacr GelchichtsblStter"

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“Ä. wod>tnb«ii«ge: „IluftrietteSonntagrzeitung

Reichskanzlers und der Heeresleitung tn der Frage deS Duells und des Duell­zwangs im Heere entgegenbringt und vom allgemein sittlichen, wie speziell vom christlichen Standpunkte aus entgegenbringen mutz. Diese Mißbilligung ist ja in den Reden der Zentrums- abgeordneten Dr. Bachem und Roeren in der Reichstagssitzung vom letzten Montag in einer ebenso beredten wie scharfen Weise ausgesprochen worden, aber das Zentrum hat es doch für ange­zeigt erachtet, den Stellen, die es angeht, auch wissen zu lassen, datz es Mittel und Wege gibt, dieser Mitzbilligung auch praktische Folgen zu geben. Das Verfahren des Zentrums gefährdet vorläufig nicht das Zustandekommen der Mili­tärpensionsgesetze; es ist nur ein Wink für ge­wisse Stellen. Wir hoffen, datz er genügt. Wir hoffen, datz das nicht etwa aus der Herrschsucht oder Rechthaberei, sondern lediglich im Bewußt­sein, datz ein solcher Verstoß gegen die bestehenden Gesetze und eine solche Verletzung christlicher Grundsätze, wie sie die Erklärung des Reichskanz­lers enthält, die der Kriegsminister von Einem am Montag im Reichstage zur Verlesung brachte, eine Gefährdung der Grundlagen jedes christlichen StaatsweseirS bedeutet und unmöglich aufrecht er­halten werden kann.

nicht das Richtige.

Eine Nichtbeteiligung des Zentrums an der ersten Lesung der Militärpensionsgesetze als einen direkten Protest gegen die durch die Schließung des Reichstags diesen Gesetzen bereitete Schwie­rigkeit anzusehen, geht schon deshalb nicht gut an, weil ein solches Verfahren doch nur eine Ab­kürzung der erneuten Behandlung der Gesetze be­deutet haben würde. Man hätte darin also mit einigem Rechte sogar ein Entgegenkommen gegen­über der Reichsregierung erblicken können, zumal die Nichtbeteiligung ausdrücklich auf die „erste Lesung" der Pensionsgesetze beschränkt wurde.

Don anberer Seite pat man oas Vorgehen des Zentrums als einen Protest gegen bte Verweigerung der Diäten bezw der Anwesenheitsgelder für den Reichstag hingestellt. Auch diese Lesart trifft nicht zu. Abgesehen da- non, datz ein solcher Protest unmittelbar nach der fast einstimmigen Annahme der Anträge des Zentrums und der Nationalliberalen tn Sachen der Anwesenheitsgelder, die mehr als einen indirekten Protest gegen die Nichtgewährung der Anwesenheitsgelder» nämlich eine Erneuerung der direkten Forderung von solchen dar­stellte, wenig angebracht erscheinen mutzte, wurde es, wenn man wirklich in der Diätenangelegen­heit hätte protestieren ober demonstrieren wollen, nahe gelegen haben, dafür eine andere, bessere Gelegenheit zu wählen. Eine solche Hätte sich bei der Etatsberatung unschwer geboten.

In Wirklichkeit hat daS Zentrum, wie wir schon am SamStag andeuteten, durch sein Verfahren lediglich der Mitzbilligung praktischen Aus- druck verleihen wollen, die es der Haltung des

Deutsches Reich.

Berlin, den 20. Januar 1906.

* Ordensverleihungen. Bei dem gestrigen (21. Jan.) Ordensteste wurden u. A. folgende Auszeichnungen verliehen: Den Roten Adler­orden II. Klaffe erhielten die Bischöfe von Paderborn und Osnabrück. Den Kronen­orden I. Klaffe Reichstag-Präsident Graf Ballestrem. Von den Abgeordneten er- hielten u. A.: DieZenirumsabgeordnelen Mar- tour, Chefredakteur in Koblenz und Wallen- corf, Rentner in Ibbenbüren, den Roten AdleroiK>en IV. Klaffe, ferner Dr. Hitze, apostol." Protonotar und Universitätsprofeffor in Münster, den Kgl. Kronenorden 111. Klaffe; von andern Fraktionen: Abg. v. Kardorff den Stern zum Kronenorden II. Klaffe, Abg. Gamp und Abg. Frbr. v. Zedlitz-Neukirch den Kronen­orden ll. Klasse, v.Kropalschek, Chefredakteur der Meuzztg/ und Abg. Sattler den Kronen- orden HI. Kl. mit der Schiene; die Abgg. von Köhlendorf, Hilbck, Himberg, Lotichius uttd Münsterberg den Roten Adlerorden I >. Kl. Den Kronenorden If. Kl. erhielt der katholische Feld­propst der Armee Vollmar.

* Bon einer Seereise Kaiser Wilhelms und von Zusammenkünften mit frem­den Monarchen war in ausländischen Blättern kürzlich die Rede. Halbamtlich werden diele Meldungen jetzt als haltlose Vermutungen bezeichnet. Eine bevorstehende Jndiensts ellung der „Hohenzolletn" sei wegen größerer Keffel- reparaturen ausgeschloffen. Feststehend sei allein, daß der Kaiser, wie schon seit längerer Zeit in Aussicht genommen, im April den Besuch des Könias Allons voo Spanien erwidern werde.

* Die Vermählung des Prinzen Eitel Frie­drich von Preußen mit der Herzogin Sophie Charlotte von Oldenburg ist amtlichen Meldungen zufolge auf den 27. Februar, dem Tage der silbernen Hochzeit des Kaiserpaares, festgesetzt.

♦ Der apo statische Präfekt vou Süd- w e st a f r i k a, Pater Nachtwey, wurde gestern int Bestem des Leiters des Kolonialamts, Erb­prinzen v. Hohenlohe, vom Kaiser empfangen.

Alt AttüiüS"h«r des Zk»tr»»s Ur reschäst' l chkll LkhaAäluug Irr ^ilitirttefimg* die in der Freitagsitziw g des Reichstags durch den Vorsitzenden der Zentrumsfraktion, Grafen- Hom- pesch, mittels einer kurzen Erklärung bekannt ge­lben wurde, hat in der Presse verschiedene Kom­mentare gefunden. Das Zentrum lehnte es be­kanntlich ab, sich an der ersten Lesung der Milrtar- vensionsgesetze zu beteiligen. Dke Grunde für dieses Verhalten zu suchen, überliefe die Erklärung hem Hause und der Reichsregierung.

Dafe dieses Verfahren einiges Aufsehen er- „egen würde, war vorauszusehen. Es lag das sogar in der Absicht des Zentrums, und Graf Hompesch selbst hat am Schlüsse seiner Erklärung das Verfahren als ein „ungewöhnliches bezeich­net Als ein solches wird es denn auch allgemein in der Presse anerkannt. Nur über die Grunde »st man sich nicht einig. Während einige Blatter sich darauf beschränken, von einer M i festrm - mung des Zentrums gegen die Regierung zu sprechen, suchen andere die Ursachen dieser tat­sächlich vorhandenen Mißstimmung zu ergründen. Dabei gehen indessen die meisten fehl.

Wir geben zu, dafe ein gewisser Anlafe vorlag, das Verfahren des Zentrums als einen $ to­te ft gegen die vorjährige plötzliche Schliefeung des Parlaments durch bte Reichsregierung anzusehen. Diese Schliefeung kam bekanntlich sehr unerwartet, und sie brachte es mit sich, datz nicht nur manche wichtige Vor­lage unerledigt blieb, sondern auch verschiedene mühsame Vorbereitungen für die Erledigung solcher Vorlagen ins Wasser fielen. Dazu ge­hörten auch die Kommissionsverhandlungen über die Militärpensionsgesetze. Die Ansicht, datz das jetzige Verhalten des Zentrums einen Protest gegen dieses Verfahren der Reichsregierung dar­stelle, klingt verschiedenen Blättern so verständig, daß sie ihrem Bedauern darüber Ausdruck geben, datz die anderen Parteien sich dem Zentrum nicht angeschlossen haben. Und doch trifft diese Ansicht

Der Kaiser vernahm der »Germania^ zufolge mit Jnlereffe die Mtt.eilungen des apostolischen Präfekten über die Verhältnisse in der Kolonie. Paler Rachtwey wiid am Samstag von Ham­burg aus bte Rückreffe antreten.

* Die Trauerfeier für Freiherrn v. Richt­hofen fand am Samslag nachmittag in der Dreifaltigkeitskirche statt. Eß waren alle Bot­schafter und G sandten anwesend, vom Aus- wärtigen Amt fehlte niemand. Der Kotier liefe sichdutch den Kronprinzen, bie Kastnin bttcl) bte Oberhofmeisterin Frau Gräfin von Brochdorf ver­treten.

♦ Der Reichstagsabgeordnete Sartorius hat sich, wie die ,Freie deutsche P esse' fdire bi, dem Abg. Müller-Meiningen gegenüber ebrenwörtltt) verpflichtet, sein Mandat niederzulegen Der Fall Sartorius wird immer eigentümlicher.

* Die ungleiche Behandlung des NeichtngS und des Landtags seitens der Regieruna i't sehr auffällig. Während dem Reichstag-Präsidenten bekanntlich bisher eine offizielle Benachrichtigung vom Ableben des Slaat-sekretärs Frhr. v. Nicht- Hofen nicht zugeaangen ist, hat Fürst Bülow beiden Häusern des vieufeischen Landtags am 19. d. M. eine solche Benachrichtigung zugehen la»‘ m mit dem Ersuchen, den Landtag hiervon in Kenntnis zu setzen. Mit dem Landtage hatte bet Verstorbene nur nebenamtlich zu tun, dem Reichstage aber stand er sehr nahe.

* Dem Reichstage ist, wie alljährlich, eine Uebersicht über Bauausführungen undBeichaffunaen der Reichseisenbahnvern altung, für welche die Mittel bei den Fonds zu einmaligen Ausgaben bewilligt sind, nach dem Stande vom 30. Sep­tember 1905 zur Kenntnisnahme ma-mangen.

* Die Einnahmen der Preußisch-Hessischen Eisenbahngemeinschaft im Dezember 190 > be laufen sich insgesamt auf 13808 000 M. (gegen Dezember 1904 mehr: 95i3000 M.). Davon entfallen auf den Personenverkehr: 36361000 (4- 2932000 M.f, auf den Güterverkehr 92861000 M. (4- 6058000 M.). In der Zeit vom 1. Anril bis Ende Dezember 19O> betrug bie gesamte Verkehrseinnahme 1297288(00 M.

738780« 0 M.f. Davon kommen auf den

P erson en verkehr 378702000 M. (4- 24ol4000 M), auf den Güterverkehr 843214000 M. (4- 45392000 M.i. Die Belriebslänge betrug Ende De em her 34770,88 km (• 690 18 km). — Die starken Mehreinnahmen sind ein treffliches Beispiel für den wirtschaftlichen Aufschwung Deutfchlands.

1 — > ll I»

Ausland.

• Mit Frankreichs Protektorat über die Ka- tholiken im Orient ist es vorbei. Der „Agenee Havas" wird aus Smyrna gemeldet, datz die Dominikaner auf ihren Niederlassungen in Smyrna und Konstantinopel bie italienische Flagge gehitzt haben.

* In der französischen Dchmttertenkammer interpellierte ® rouifeau am Freitag über bte Instruktionen, welche die Regierung bezüglich der durch das Trennungszesetz voraeschriebenen Aufnahme des Inventars des Kirchen­vermögens erteilte. Er bezeichnete biete In­struktionen als gesetzwidrig und willkürlich und erhob Einspruch gegen die Einbeziehung der Tabernakel in bie Inventaraufnahme. Finanz- Minister Merlou erklärte bie von der Regierung

erteilten Instruktionen für gerechtfertigt und be­hauptete, dafe ihr Zweck fei, jede Entweihung und (Snthetligung zu vermeiden, denn bie Regie- tung wolle bas Geich zur Turch'ühnmg bringen, ohne bie Katholiken zu verletzen. (Als ob nicht schon bas Trennungsgeietz an und für sich eine grobe Verletzung der Ge-ühle ber Katholiken bar« steifte! D. Red.) Die Interpellation winde daraus zmückgezoaen

* Zum Präsidenten der fpauifdjen Dcputier- tenkammer ist, einer Meldung aus Madrid zu­folge, Canalejas gewählt worden.

• Zur Lage in Nutzland. Tie Reformarbeit des Ministerpräsidenten Witte geht, nachdem die Unruhen im europäischen Rußland ziemlich ganz unterdrückt worden sind, ihren Gang Schritt für Schritt weiter. Die Wahlen zur Neichsduma stehen bevor und zugleich ist eine russische erste Kammer, eine Art Herrenhaus geschaffen worden. Die „Petersb. Telegr.-Agentur" meldet, man hafte es für durchaus sicher, datz ernste Unruhen am 22. Januar in Petersburg sich un möglichereignenkönnen, da dre Mehrheit dec Arbeiter wenig Neigung dam hat und die Regierung die Absicht hat, allen Massen­kundgebungen oder mit Unruhen verbundenen Kundgebungen sofort ein Ende zu machen. Nufe- lanb gewinnt mehr und mehr seine Ruhe wieder, im ganzen Reiche mit Ausnahme einiger Grenz- gebiete ist Ordnung unb Friede wieder einge- kehrt, die Unruhen in den baltischen Gegenden, in Polen und Sibirien haben erhöblich abgenom­men. Man erwartet, datz überall bald völlige Ruhe wieder hergestellt sein wird. Geheime revo­lutionäre Versammungeii haben anerkannt, datz eine Fortsetzung der bisherigen revolutionären Aktion wegen ihrer Ohnmacht unzweckmäßig sei.

• Fremden-Niederlassungen in China. Die chinesische Regierung hat, nach dem „Bureau Reu- ter", eine Reihe neuer Bestimunaen für bte 53er- wattung aller fremden Niederlassungen, bte in Zukunft eröffnet werden, erlassen; die Bcsttm- mungen sind teilweise nach dem deutschen System in Kiautschou ausgestellt. Jbr Zweck ist, den chinesischen Behörden einen gröfeeren Etnslutz vor- zubehalten, als diese Behörden in den jetzt be­stehenden Niederlaffunaen besitzen. Die neuen I Bestimmungen sollen Anwendung finden auf bte ! mandschurischen Städte, die demnächst dem srem- ! den Handel geöffnet werden.

* Der bisherige Gouverneur der Phtltp- pinen, General Wriaht, ber zurzeit in den Vereinigten Staaten auf Urlaub weilt, roitb nach ber ,Köln. Ztg/ nirt mehr auf «einen Posten ’ nach Manila zurückkehren. Er ioll es nicht ner- standen haben, bie führenden Philippiner zu sich heranzuztehen und sie so der amerikanischen Herr­schaft geneigter zu machen, roährenb fein Vor­gänger, der jetzige Kriegsminister Tast, lo meister­haft sie zu behandeln verstand. Jnfoll edeffen zogen sich die vornehmen Philippiner-Familien immer mehr von dem Verkehr mit den amerika­nischen obersten Beamten zurück, sehr mm Schaben 1 ber sehnlich gewünschten endgültigen Verstände ! gung. In Herrn Smith, zurrest Richter in Manila unb Mitglied ber Philippinen^Komm ssion, glaubt man den richtigen Mann gefunden zu haben. Der bisherigen Verwaltung des Generals Wright wird übrigens im allgemeinen von allen Seiten bedingungslose Anerlen ung gezollt.

* Gewerbliche Sachverständige aus dem handwert.

In ber gewitz sehr richtigen Einsicht, datz der seinerzeit auf dem Zzweiten deutschen Handwerks-

Em Schallen aus dem Pfade.

Lon H. Catalina.

*>) (Nachdruck verboten.)

.«der. Junge, daS ist doch nicht Deine Schuld! Nimm eS nur ganz gelassen. Kannst Du etwa über Wind unb Wellen verfügen? Wem hast Du bie Versicherung übertragen?"

„Der Magdeburger Gesellschaft." — Felix war noch nicht Herr feiner Bestürzung geworden. Als ihm dieses Geschäft übertragen worden war, da hatte er sich stolz gefühlt unb alles gut unb glück­lich besorgt. Mit Spannung hatte et dem weite­ren Verlaufe, einem günstigen Resultate, entge­gengesehen. Er dachte in diesem Augenblicke kaum daran, dafe daS Haus Wildner durch die Versiche­rungssumme gedeckt, war. Sein schöner Weizen verloren: das brachte chn aus der Faffung.

„Ich wette, jetzt tut Dir die Versicherungsgesell- Ichast leid, die den Schaden tragen mufe," sagte Wildner lächelnd. „Die letzten Stürme haben viel Unheil angerichtet, Millionen an Gut verschlungen ober verdorben. Wenn es nur keine Menschenleben kostet! Alles andere läfet sich ersetzen. — Aber ich sehe. Du bist noch nicht beruhigt. — Wenn es Dicki intereffiert, so gehe auf die Agentur und erkundige Dich, ob nähere Nachrichten eingelaufen sind. — Du mutzt es noch lernen, das Aus und Nieder, den Wellengang deS Handelsverkehrs, ruhiger zu betrachten."

Felix schritt eilig durch bie Straße dem Bureau der Magdeburger Versicherungsgesellschaft zu. Er fürchtete, dort Aufregung und Bestürzung zu fin­den, war jedoch angenehm überrascht, als ihn der Agent, ein junger Mann, wenige Jahre öfter als er selbst, mit Freundlichkeit unb ber gelassen­sten Miene empfing. — Ja, es waren Telegramme eingelaufen. Der Schaden toar bebeuteub. Felix notierte sich einzelne Angabe«.

„Unsere Gesellschaft wird daS havarierte Gut übernehmen; das ist unser Geschäftsbrauch, weil einfacher, kürzer. Sie erhalten die Versicherungs- summe rund ausbezahft, und unser Bevollmächtig­ter mutz sehen, was aus dem Weizen für uns noch zu machen ist. Ich kann jedoch erst mit Herrn Wildner in Unterhandlung treten, wenn weitere Nachrichten eintreffen; würde Ihnen aber auf Verlangen einen Teil deS Betrages sofort aus­bezahlen."

Felix verneinte den Antrag. Die Ruhe des Agenten imponierte ihm. Er sah wohl ein, wie nötig es toar, datz er sich mehr Gleichmut bewahre. In Gedanken versunken, über daS Vorkommnis philosophierend legte er den kurzen Weg nach dem Geschäftshause zurück. Der Tag war regnerisch und rauh. Wenige Fußgänger zeigten sich in die­sen sonst so belebten Straßen. Felix beföleunigte seine Schritte; denn es fielen die ersten großen Tropfen eines jener Regengüsse, die in den sub­tropischen Ländern im Herbste häufig sind. Rasch die Sttafee gekreuzt, um die Ecke gebogen, und das Ziel toar erreicht. Ohne aufzusehen sprang Felix auf daS ziemlich hohe Trottoir. Schon klatschte und prasselte der Schauer senkrecht nieder. An der Straßenecke stand, in einen weiten spanischen Mantel gehüllt, den Hut tief in der Stirne, ein Mann, deS Unwetters nicht achtend.

Warum trat er nicht in bie offene Tür eines CafSS, die nur einen Schritt entfernt gastlich ehr- lud? In feinem raschen Laufe, geblendet vom Regen, rannte Felix gegen ihn an, ftiefe mechanisch eine Entschuldigung hervor unb eilte Wetter.

„Felix!" klang eS da durch den Regen, wie ein Ruf au$ gepreßter Brust. Der junge Mann blieb stehen und horchte; bann wandte et sich um. Niemand toar zu sehen; ber Fremde Ivar äugen- scheinlich in das CafS getreten. Kein Mensch weit und breit. Felix machte die drei Schritte, die ihn vom Bureau trennten. Dann blieb er, tief aufatmend, stehen.

„Was war das für eine Stimme? — Mir ist, ich sollte sie kennen. Können bie Nerven solche

Eindrücke schaffen? — Leide ich an Sinnestäusch­ung?"

Nur mit Mühe gelang eS ihm, geschäftsmäßig Herrn Wildner da» Ergebnis seiner Unterredung mitzuteilen.

„Ja, daS ist UsuS und für beide Teile ein- facher. Wir überlasten der Versicherungsgesell­schaft den ganzen Posten. Wenn sie noch ettoaS daraus retten kann, soll eS mich freuen. Wir find gedeckt —,nnd Du hast wieder etwas gelernt. So schickt uns jeder Tag in bie Schule — auch uns Alte — es handelt sich nur darum, ob wir ge­lehrige Schnier sind. — Und nun, sieh hier."

Wildner nahm ein Geschäftsbuch an- dem eisernen Schranke.

„DaS ist das Kontobuch von Nueva-Germania. An solchen Regentagen mufe man die ruhigen Stunden benutzen. — Nun laß Dir erklären."

Und Felix erfuhr, tote die große Besitzung als Steppenland von Wildners Vater um eine geringere Summe gekauft toorden war, erfuhr aber auch, was e$ gekostet hatte, sie auf die jetzige Höhe zu bringen.

„Nächstes Jahr sollte gebaut werden. ES ist vieles zu verbessern an den Arbeiterhäusern, bett Scheunen usto. Nur unsere Raffentiere bewohnen Paläste, die ich vor einigen Jahren habe ent­führen lassen. Haller ist alt und scheut bie ver­mehrte Arbeit, die Unruhe, die mit ber Bautätig, keit verbunden sind. — Sieh Dich um, erwäg«, was verbessert, erneuert werden muß! Suche auch einen passenden Platz für ein Landhaus. Es ist längst meine Absicht, ein solches lmks vom Verwafterhause auf ber kleinen Anhöhe zu er- richten. Im Frühjahr könnte ber Grundstem ge­legt werden, wenn bie Geschäftslage eS gestattet."

Felix war dieser Plan neu. Wozu sollte in Nueva-Germania ein Landhaus gebaut werden? Die Familie wohnte ja nie draußen. Wildner toar nicht ber Mann phantastischer Pläne; er dachte an einen bestimmten Fall unb fanb es für gut, Felix keinen Weiteren Ausschluß ,u geben.

11. Kapitel.

Am folgenden Tage schritt Felix, an der Plaza Libertad von der Straßenbahn abspringend, dem langgestreckten, weifegetünchten Hause der Redemp­toristen zu. Erst trat er in die liebliche Kirche, wo das Bild Unserer Lieben Frau von der immer- währenden Hilfe über dem Altar grüßt. Hier verrichtete er ein kurzes Gebet. Ein schwerer Seufzer ,ber sich seiner Brust entrang, gab Kunde von feinem bedrückten Herzen. Nach einiger Zeir erhob sich der Betende und wandte sich der Pforte des Hauses zu, wurde auch sogleich in das kahle Sprechzimmer geführt. Symmetrisch standen Sofa, Tische und Stühle genau an der Stelle, wo sie in Felix Knabenjahrcn gestanden hatten. Ein schön geschnitztes Kruzifix — ein Geschenk von Frau Wildner — zierte die Wand; einige bunte Heiligenbilder blickten nieder. Der Be­sucher hatte kaum Zeit, seine Gedanken zu sam­meln, als Pater Lichtenberg eintrat. Die Jahre hatten die hohe Gestalt ein wenig gebeugt; aber das milde, freundliche Gesicht war dasselbe ge­blieben. Erst eine herzliche Begrüßung, hierauf die üblichen Fragen nach dem Wohlergehen der Familie Wildner, bann ein kurzer Bericht Feliz über feine Beschäftigung und die Art, wie er den Sommer zugebracht.

„Unb nun komme ich, um Abschied zu mchmeix Pater Lichtenberg."

„Du bist ja erst vor einem halbe» Jahre an­genommen. Wohin soll es gehen?"

„Nicht Übers Meer, sondern ansS Land, tn die Provinz Santa Fs, nach der Estancia Nueva- Germania." .. „ c.,

„Das läfet sich hören. Ich kenne dte Besitzung, da ich auf meinen Missionsreisen dort absteige Was willst Du in dieser Jahreszeit draußen?

In wenigen Worten setzte Felix den Sachver- halt auseinander.

„Du wirst Dich dort sehr einsam fühlen, bet Regenwetter und an den langen Abenden ganz auf Dich angewiesen sein. Du mutzt Dny nut guter Lektüre versorgen."