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monatsbeiiagc „Sulbaet Geschichtsblätter".

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14.

Fulda, Donuerstaa, den 18. Januar 191.6.

33. Jahrflana.

* Die Diätenfrage.

Man kann den Rednern der Linken in der Reichstagssitzung vom Mittwoch, in welcher wieder einmal die T mtenfrage erörtert wurde, nicht Unrecht geben, wenn sie die Behandftmg. welche die Verbündeten Regierungen dieser An- gelegenbeit angeveihen lassen, als beschämend für bte Vertretung des deutschen Volkes bezeichneten. Ter Zentrumsabg. Kirsch hat dem Reichstage die „Leidensgeschichte- erzählt, welche die Diäten­forderung dis setzt durchlaufen hat. Es ist das eine recht lange Geschichte, der am Mittwoch durch die Annahme eines vom Zentrum in die Form eines Gesetzentwurfes gekleideten Antrages und einer von nationalliberaler Seite einge­brachten Resolution zugunsten von Anwesenheirs- pelbern ein neues Kapitel hinzugesügt wurde. SJlit Ausnahme eines kleinen Teiles der Kon- seivativen haben sämtliche Parteien des Reichs­tages sich für die Gewährung von Anwesenheils- teldern erklärt, so daß man nachdem auch die leichspariei zu den Freunden der Diäten in dieser beschränkten Form übergegangen ist, d-e widerstrebende Reichsregierung alle politischen Richtungen im deutschen Vclke gegen sich hat.

In sachlicher Hinsicht ist zugunsten der An- wesenheitsgelder wirklich nichts neues mehr zu sagen. An den Ausführunaen, die am Mitt­woch im Reichstage gemacht wurden, interessierte daher eigentlich nur der „Ton", in welchem sie gemacht wurden. Tiefer Ton war ein recht scharfer. Durch alle Reden fast klang eine hoch­gradige Verstimmung und die Empfindung, daß nicht nur der deutschen Volksvertretung durch das Verhalten der Verbündeten Regierungen das Ansehen im Volke geschmälert werde, sondern daß auch der nationale Gedanke im In lande rote im Auslande dadurch eine Einbuße erleide. Stellung und Haltung des deutschen Reichstages ist doch auch für unser Ansehen und unteren Einfluß im AuSlande nicht gleicbgiltig, und in dem von feiten des Zentrums wie von Rednern anderer Parteien gemachten Hinweis auf den Ernst der Zeiten, der ein einträchtiges Zn- fammenwirken aller Faktoren im Reiche heische, liegt eine überaus eindringliche Mahnung für die Verbündeten Regierungen.

Die Interpellation, welche von liberaler Seite unter Beruanahme des Houptzentrums-Redners, des Abg. Kirf ch, auf die jüngste Stellungnahme des Reichskanzlers zur Duellfrage gegeben wurde, war verfehlt. Und doch besteht ein gewisser Zu­sammenhang zwischen dieser Erklärung und der Haltung der Verbündeten Regierungen zur Diäten f.aae. Die weder durch fachliche noch durch for- meue Giünde zu rechtfertigende Weigerung der Verbündeten Regierungen, einer fo oit wieder­holten, na eju einstimm.gen Forderung der Volks - ;Vertretung nachzukommen, muß in bedenklichster Weise den Eindruck ergänzen, den jene Erklärung des Reichskanzlers Hervorrufen mußte. Zu dem Gefühle der bebingun sweisen Mißachtung des Ge etzes tritt die Empfindung einer tatsächlichen Mißachtung des Gesetzgebers, wenigstens eines Faktors der Gesetzgebung. Diese Empfindung wird ver'chärft durch die Wahrnehmung, daß es anti- pail.imentarifche und infoni'litutionelle Einflüsse sind, meld e die Anerkennung der Forderung des R ichslages verhindern, und daß im letzten Grunde eine persönliche Anschauung da ailsfchlaggedend

t, wo allein sachliche Erwägungen Platz haben ollten.

Man scheint sich in gewissen Kreisen tatsäch- ich über die Tragweite dieser Angelegenheit । iner Täuschung hinzugeben Die Folgen dieser Täuschung werden sich im gegebenen Augenblicke bedenklicher Weise geltend machen. Die Ver­antwortung dafür wird denen nicht erspart »leiben, die sie trifft. Am Bundesratstische hat am Mittwoch „beredtes Schweigen- geherrscht. Nicht allzulange mehr kann man mir dieser Methode ausweichen. Der Reichstag hat noch einmal in warn ender Weise seine Stimme erhoben; das nächste Mal wird die Tonart eine andere fein. Wenn bte Verbündeten Regierungen wähnen, durch ihr Zögern die Volksvertretung für „Kompensationen" gefügig zu machen, fo irren re sich. Was heute noch über die Kompen- ationsfrage gesagt wurde, wird das nächste Mal schwerlich wiederholt werden. Die Dinge und Tatsachen drängen zu einer glatten Lösung der Frage hin ohne jede Beimischung von Kompensationen. Diese Lötung noch weiter hinansichieben heißt nationale Güter schwer ge­fährden.

Deutsches Reich.

Berlin, den 17. Januar 1906.

♦ Eine schöne Würdigung des Bolksvereins iir das katholische Deutschland sindet sich in >em in Wiesbaden erscheinenden .Rheinischen kurier'. Nachdem das nationalliberale Blatt ein­gehend die politischen Verhältnisse im Wahlkreis Montabaur-St. Goarshausen besprochen und die Wühlarbeit der Sozialdemokraten erwähnt bat, wißt es weiter: „Präsident des katholischen Bolksvereins int Bistum Limburg wurde Pfarrer Dr. Lufchberger in Wirges, zum Adjutanten hat man ihm einen Kaplan beigeaeben, der e n ge­borener Volksredner ist, ein Sohn des polititch iehr tätigen Stadtverordneten Müller in Frank­furt. Mit Unterstützung von Arbeitersekretären, Leute, die früher vieltach selbst als Ardeiier tätig waren und da m in M -Gladbach geschult wurden, werden jetzt fast täglich Ve,sammlungen des katholischen Volksveretns im Westerwald abge­halten .... Auf dem Wefterwalb ist in dem katholischen Teil eine mustergültige Abwehr gehen die Sozialdemokratie geschaffen. In jedem Oert- chen ist ein Vertrauensmann des Volksvereuis und keine Geiährdung oder Einbruch durch Sozial- bemofraten kann ihm entgehen. Sollte sich nicht in der evangelischen Bevölkerung eine ähnliche Einrichtung schaffen lassen — ein evang.lischer Bolksoerein als Abwehr gegen bte Sozialdemo­kratie, der ja bei den Wahlen seinen Miigliedern freie Hand lassen könnte, ob sie für den Kan­didaten der einen oder anderen staatserhallenden Partei stimmen wollten? Eine konfessionelle Polemik brauchte in diesem evangelischen Volks­verein ebensowen'g statlzufinden, als es in dem katholische» geschieht, sondern nur eine Schulung des Volkes gegen die Verführer der Sozial- bemotrahe".

* Der Zustand des Staatssekretärs des Aus­wärtigen Frhrn von Richthosen hat, wie die ihn behandelnden Aerzte bekannt geben, in bet Nacht zu in Mittwoch eine erhebliche Verschlimme­rung erfahren. Gegen 6 Uhr morgens traten Zeichen akuter Herzschwäche auf, fo daß höchste Lebensgefahr besteht.

* Handelsvertrag mit Bulgarien. Die Rati­fikationsurkunden zu dem Handels-, Zoll- und Schiffahrtsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und Bulgarien vom 1. August 1905 sind am 9. Januar d. Js. in Berlin ansgeweckselt. Der Ver­trag ist am 14. Dezember in Kraft getreten.

* Graf Götzen, der Gouverneur von Deutsch-Oftasri ka, wirb von der /Neuen Gesellschaftl. Korresp.' als zukünftiger Unter« taatsfekre tär im R eichskolo n iala mt teteicbnet. Die genannte Korrespondenz schreibt: Die Tatsache, daß der Gouverneur von Deutsch- Ostafrika Graf Götzen im Lause bet nächsten Monate eine Reite nach Deutschland antieten wirb, wird in kolonialen Kreisen damit in Zu- ämmenhang gebracht, daß bie Absicht bestehen oll, ihm in dem neu zu schaffenden Reichs- olonialamte den Posten als Unterstaatssekretär oder Direktor zu übertragen. Urivrünalich war Graf Götzen selbst bestimmt, an die Spitze des Retchskolonialamtes zu treten; der Ausstand in dem ihm unterstellten Schutzgebiete ließ seine Ernennung indeffen als untunlich erscheinen und führte zur Berufung des Erbprinzen zu Hohen- lohe-Lanaenburg. Wenn Graf Götzen wirklich in bas Reich»kolonialamt eintreten sollte, so würben dem Erbprinren Hohenlohe in ihm eine sehr schätzenswerte Kraft zur Seite gegeben werben, die auch die dem Erbvrinzen fehlende prak- tische Erfahrung im Kolonialwesen mitbrächte. Eine Entscheidung ist jedoch bisher noch nicht gefallen."

* Eine Proklamation des Gouverneurs v. Lindequist. In einer am 1. Dezember er« lafpnen Bek innlmachung teilt der neue Gou­verneur den Herero zunächst mit, daß mit der Abreise des Generals o. Trotha der Krieg gegen sie jetzt auf hören soll. Dann fährt er fort:

Herero, ihr lernt mich! Fünf Jahre bin ich früher in diesem Lande gewesen, als kaiserlicher Richter und Stellvertreter des Gouverneurs Leut- roem — als Assessor und Regierungsrat — zur Zeit, da Manaffe von Omaniru und Kambazembi von Waterberg noch lebten, die mir stets treugesinnt untergeben waren. Es ist jetzt mein Wunsh, daß der 'Ausstand, den eure Hänvtlinge und Großleute und die Kinder, die ihnen gefolgt sind, frevethaster- roeife begonnen haben, und der das Land verwüstet hat. nunmehr fein Ende erreicht, auf daß wieder Ruhe und Ordnung herrscht. Ich rufe daher alle Herero, die sich jetzt noch im Felde und in den Bergen herurntrriben und sich von ärmlicher Feldkost und Diebstählen ernähren: Kommt und legt die Waffen nieder. Herero! Tausende euerer Stammesgenossen haben sich bereits ergeben und werden von der Regierung ernährt und gekleidet. Es ist jede Vorsorge von mir getroffen, daß sie gerecht behandelt werden. Dasselbe sichere ich auch euch zu. Es ist ferner ungeordnet worden, daß vorn 20. Dezember ab, also drei Wochen nach dem heutigen Tage, im Damaratande keine Herero- roetfien ausgesucht und aufgehoben werden sollen, da ich euch Zeil geben will, selbst in Frieden zu mir zu kommen und euch zu unterwerfen. Kommt nach Omburo und Otjihemena! Dort werden eure Missionare von wir hingeschickt werden. Sie werden auch Proviant initnehinen, damit ihr euren ersten nud großen Hunger stillen könnt. E? soll euch auch etwas Kleinvieh für die Unterhaltung eurer Weiber und Kinder zur vorläufigen Benutzung getassen werden, sofern ihr noch solches habt. Die­jenigen, welche kräftig sind und arbeiten können, sollen, wenn sie besonders iüchtig arbeiten, eine kleine Belohnung erhalten. Es werden in Omburo und Otjiheinena keine weißen Soldaten stationiert werden, damit ihr nicht Angst habt und

denkt, es soll noch weiter geschoisen werden. Je chneller ihr kommt und die Waffen niederlegt, desto eher kann daran gedacht werden, eueru Stammes- genoffen, die jetzt gefangen sind. Erste! hterungen in ihrer jetzigen Lage zu gewähren und ihnen später d.e Freiheit wied.-rzugeben Wem von euch Omburo aber Otjiheinena zu weit ist, der kann ietne Waffen auch bei irgend einer Militär statt on abgeben und sich dort stellen. Auch die Solda.en, dw auf d.esen Stationen sind, werden nicht schießen Ebenio sind die Soldaten, welche Wagentransporte begleiten und deshalb im Lande hcrnmziehen, angewiesen, nicht auf euch zu schießen, o lange ihr nichts Feindliches gegen sie unternehmt, fürchtet euch also nicht, wenn ihr sie feilt. So liommt denn schnell. Herero, ehe ei zu wär ist!

* Hebet den Besitz der konservativen Frak­tion des Abgeordnetenhauses soll am -Montag Entscheidung getroffen werden. Der,Dcuttchen Tageszeitung" zufolge ist Abg. v. He yd e b ran d und der La ja zum Vorsitzenden ausei sehen. Da von anderer Sette gemeldet wurde, Herr v. Heydebrand habe den Poften abgelehnt und Frhr. v. Erfa sei zum Vorsitzenden ausersehen, o müßte darnach Herr v. Heydebrand seinen Entschluß geändert haben.

Aus -em Reichstage.

22. Sitzung vom 17. Januar.

Eröffnung 214 Uhr. ...

Antrag auf Gewährung von Sta­te». Es liegen zwei Anträge vor. Ein Antrag Hompesch (Ztr.) und Genosse» vcrla»gt freie Eisen- bab»fahrt und Anweseuheilsgelder in Höhe von 20 M pro Tag: Ein Antrag Baffermau» (nl.) fordert das Gleiche.

Abg. Kirsch (Ztr.) gab seiner Verwunderung Ausdruck, daß der Bunoesrat trotz der wiederhol­ten Beschlüsse des Reichstags »och immer nicht zur Diätensrage Stellung genommen hat. Tie freie Eisenbahnsahrt ist nichtig für die Abgeordnete»: sie wären alsdann in der Lage, sich an Ort und Stelle von der Notwendigkeit der Negiermigs- forderuuge» zu überzeuge»., (Sehr richtig.) Nanlenilich würde auch der Reichsgedmike i.i ©üb- deutschlaud sehr gewinnen, wenn cs deu füddcut- schen Abgeordneten ermöglicht würde, die Wünsche der süddeutschen Staaten hier zur Geltung zu brin­gen. (Sehr richtig.) Außer England gibt es nicht einen Kulturstaat mit einem Parlament ohne ®tä­ten. Ich hoffe, daß die Antwort auf unseren An­trag so lauten wird, daß durch sie die Erklärung des Reichskanzlers bei der Duell-Interpellation wieder gut gemacht wird. (Lebh. Beifall im Zen­trum.) . m

Abg. Basierman» (nl.) stimmt dem Vorredner bei. Die Gewährung von Diäten ist das einzige Mittel, der chronische» Veschlntzunfäh'gkeit des Reichstags ein Ende zu machen. Freie Eisenbahn­fahrt würde auch im Interesse einer sachlichen Be- ratung der Regierungsvorlagen liegen.

Abg. Lenzmann (fr. Vp.) deutete an, daß nur noch der Widerstand „eines einzigen Mannes" tut Deutschen Reiche gegen die Diäten zu überwtndeu sei. Er stellte diesem warnend die Vorgänge in Rußland vor Augen. .

Abg. Liebermann v. Sonnenberg (toirtfl). Vgg.) 'stellte es als selbstverständlich hin, daß bei der Einführung von Diäten eine „Verbesserung" der Geschäftsführung etngeführt werde. ,

Abg. v. Tirdentann (Reichsp.) äußerte sich tn ähnlichem Sinne. Unter dieser Voraussetzung tst die große Mehrzahl der Reichsparteiler für bte Diäten. Ein Teil hält an dem bisherigen ab- lehnenden Standpunkte grundsätzlich fest.

Nomens der freisinnigen Parteien sprachen für die Anträge die Abgg. Schroder und Muller-Met-

CK Schallen iillfdeui Wi'

16]

Von H. Catalina.

(Nachdruck verboten.)

Ahnungslos plauderte Carlos weiter, während Felip jedes seiner Worte einsog, feilt gespanntes Interesse jedoch unter äußerster Geschäftigkeit zu verbergen suchte. Nu» war Forster aus dem ge­heimnisvollen Dunkel, in das ihn Felix' Phantasie gehüllt hotte, einigermaßen herausgetrete». Aber das auf ihn gefallene Licht war kein günstiges: er trug verschiedene Nanten, stand im Verdacht eines Falschspielers. Hatte Felix Besseres von ihm zu hören erwartet?

Bald trabten die Pferde munter über die Ebene hin. Carlos hielt sich wie gewöhnlich an Irmas Seite. Felix, ganz in Gedanken versunken, über­ließ schweigend Bella ihrem Schicksale, sodaß diese sich an ihre» Bruder und Adela anschloß. Im Schatten mächtiger Bäume ritten sie den Fluß ent­lang, dessen Welle» dichtes Buschwerk ihren Bli­cken entzog. Jetzt mutzten sie sich durch hohes Steppengras den Weg bahnen. Mutig stanip-jien die Pferde die kräftigen Halme nieder; allein der Bortrab — von Doktor Thomson geführt — murrte über de» schlechten Weg. Nach kurzem Berate» mit Irma schlug Felix vor, direkt über die Weide nach den, großen Brunnen zu reiten.

„Vom Brunnen an haben wir gebahnten Weg." „Aber sind die Tiere der Weide nicht zu fürch­ten — junge Stiere?" fragte Thomsen vorsichtig.

Irma lachte: „Seit meiner Kindheit reite ich über die Weide, und ich hatte nie eine Ahnung von Gefahr.".

„Eine,» Futzgäuger mochte ich es nicht rate», aber zu Pferde kann ma» jederzeit die Weide kreuzen," beschwichtigte auch Carlos.

Scho» stürmte der Bortrab aus kurzem, wei­chem Grase dem Brunnen zu, den die umgebenben Bäume von ferne anzeigten. Dre anderen folgten.

ohne ihre Pferde anzutreiben. Irma bewunderte den schone» Abendlnminel »nb genoß in reichen Zügen die reine, sich obkühlende Luft. Carlos machte lobende Benierkungen über den Stand der Werde, die Felix kaum hörte.

„Diese dürren Distelschäfte sollten iiiedcrge- brannt werden," er deutete auf eine große Fläche hin, die mit hohen Disteln bedeckt war. „Es ber­gen sich nur Schlangen und anderes Ungeziefer darin. — Aber was geht dort vor?" Er reckt seine lange Gestalt in die Hohe und blickt Sem Brunnen zu. Verworrene Rufe und Pferdegeiiap- pel tönten von dort. Der Vortrab bog weit aus.

„Was soll das heißen? Treiben die Gauchos (sprich: Gautschos, Rinderhirten) das Vieh zur Tränke — oder üben sie sich im Lassowerfen? — Wahrhaftig, sie kommen auf uns zu!"

Deutlich tönt von der andere» ©eite der Ruf. Cuidao, euidaol (Eigentlich: Ctiidada, Achtuiigl) In die heiseren Stimmen der Hirten mischte sich lautes Knacken der dürren Schäfte und tn wilden Sätze» stürzte ein kräftiger, junger Stier hervor auf die Grassläche. Blind rannte er vorwärts, gerade auf Irma und ihre Gefährten zu. Noch war feine Gefahr. Einige hundert Schritte trenn­ten sie von dem fliehenden Tiere und schon nahte der erste Gaucho auf galoppierendem Ro'se, den nie fehlenden Lasso über dem Haupte schwingend. Ein Ruf, ein leises Pfeifen — nun mußte der Lasso fliegen. Gespannt blickten die Retter auf dieses stets interessante Schauspiel. Ta itraua-eUe das Pferd des Verfolgers. Ein Augenblick, ein einziger Augenblick war verloren; allein dieser reichte bin, dem Stiere weiteren Vorjprung zu ge­währen. Gefahrdrohend näherte er sich.

„Nach links!" tief Carlos und trieb fein Pferd an. Irma und Felix folgten. Tie Äugen des jungen Mädchens hefteten sich wie gebannt auf den immer näher kommende» Stier. Ihr Pferd fchie» wie am Boden angewurzelt.

„Links, links, Irma!" rief Felix. Sie folgte feinem Rufe; allein der Stier schlug dieselbe Rich tung eia. Kein Zweifel, er hatte es auf die Reite­

rin abgesehen, seinen Verfolger vergessend. — Dennoch war feine Gefahr. Irmas Pferd griff in mächtigein Galopp aus und würde sie bald in Sicher ’t bringen. Auch sprengte der Gaucho mit geschwungenem Lasso heran. Da plötzlich strauchelte Irmas Pferd; Disteln und rauh- Step- pciigröser hemmten seinen Lauf. Nur mit Mühe hielt sich Irma im Sattel. In schwerfälligen Sprüngen hatte der Stier sie erreicht, wild peitschte er fick mit dem Schweife die Flanfen und hielt ben mächtigen» Nacken bereit, auf Irma einzudringe» Ein lauter Schrei — dann warf sich schnell wie der Blitz Felix auf seinem Pferde zwischen den Stier und sein beabsichtigtes Opfer. Ern wuchtiger Stotz traf das Pferd und warf den Reiter aus dem Sattel. I» wilder Wut drang der Stier au: den am Boden Liegenden ein, während das Pferd zitternd und blutend das Weite suchte. Felix ver­suchte sich zu erheben, ein stechender Schmerz im (infert Arme hinderte seine Bewegungen. Krampf- haft hielt die Rechte die Reitgerte umspannt — seine einzige Waffe. Ein scharfer Hieb traf den Stier auf die Nase, als er zu neuem Stotze auS- holte. Brüllend hielt das Tier inne, hob den Kopf, scharrte die Erde mit breiten Hufen und schlug sich wütend mit dem Schweife die Lenden. Ta — ein leiser, pfeifender Ton, ein lauter Schrei des Gauchos — der Stier fiel zurück und lag, vergebens um sich schlagend am Boden. Im ent­scheidende» Augenblicke war der Lasso über seine Hörner gefallen und ein mächtiger Ruck des gcr wandten Gaucho, der sein Pferd, an dessen ©alte das andere Ende des Lasso befestigt wor, mi: Blitzesschnelle wandte, hatte den Stier rücklings zu Boden gerissen. .

Carlos, der durch die Schuelligfeit seines jun­gen, feurige» Pferdes einen ziemliche» Vorsprung gewonnen hatte, war erst durch Irmas Schrei auf ihre Gefahr aufmerffam geworden. Er wandte sich rasch, gerade in dem Augenblicke, da Felir sich zwischen Jrnra und die Hörner des Stieres warf. Unwillfürlich griff er nach dem

, Revolver, ben er immer bei sich trug und war in

welligen Sefunden an Irmas Seite, bereit, sie zu beschützen und Felix beizustehen. Allein schon hatte die furchtbare Schlinge ihr Werf getan.

Von allen Seiten näherten sich die Hirten, teils um den Stier beiseite zu schaffen, teils um Felip zu Hilfe zu fommen. Irma sprang mit Carlos Hilfe vom Pferde. Sie eilte mit lautem Aufs rei auf Felix zu und umarmte ibn; in unzusammenhängenden Worten dankte sie ihm.

„Felir, mein Felix, mein alles, wie soll ich Dir danken! — Aber Du blutest I — O Gott,

dieses schreckliche Tierl" ,

Mit ihrem Tascheuftiche wischte sie Felix Staub

und Blut von der Stirne

„Wasser l" rief sie den Hirten zu; doch tchon sprengte einer von diese» dem nahe» Brunnen zu.

„Und wie bleich Dn bist, Felix! Du hast ernst­lichen Schaden genommen —£>, daß Du dies für mich getan hast, wie foff td) £ir es je harnen? Ter Umstehenden nicht achtend, warf sie sich von neuem an seine Brust. Felix suchte sie zu be-

1 „

Cs ist sicher nicht der Rede wert. Ich fühle mich ganz wohl; nur mit diesem Arme ist nicht alles in Ordnung; ich kann ihn nicht bewegen.

Carlos stand dabei tote einer, der neben das Ziel geschossen. Wie konnte er Irma mich nur eine Sekunde aus dem Gesichte verlieren! Welches Hochgefühl, sich für Irina zu opfern und ihren Dank zu ernten, einen solchen Dank! Aber er war und blieb ein Pechvogel.

„Was soll dieser Unfug?" herrschte er die Hirten an.

„Warum habt Ihr bas Tier gejagt?

„Der Stier ist für bie Fiesta in Moinos be­stimmt. Er soll auf der Plaza am Spietze ge- braten werden. Don Ernesto schenkt den Leuten jedes Jahr ein junges Tier zu diesem Zwecks Der Capataz, Aufseher, hat ihn vor seiner Abreise wieder um die Erlaubnis dazu gefragt und den Stier selbst ausgewählt. Floro sollte ihn heute abend etnfangen; das geht nicht ohne den Lasso.