Fulda, Mittwoch, ben 17. Januar 1906,
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Betationsbrnd u. Verlag »et «ulbaet Ar« tienbttiderei tu «hdea. Jernipre der Br. 9.
»l,»eigen: Vie ei, sp Ittge Petttzeile ober deren Baum 15 Pf». Rctlamen die Petiljeile 25 pfg.; bei wieder- hsllmaen wird entspr. Xadatt aewShrk.
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roedRüMiagt: „Illustrierte Somtagrzeitung
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15] (Nachdruck verboten.)
AlS endlich die Dämmerstunde kam, wurden bte Lichter des Baumes und die Lampions der Beeanda angezündet. Feierlich ertönte das Weih- »«chtSlied „Stille NaHl Heilige Nachti"
Um den Baum versammelt stand die Familie Wildner mit ihren Gästen. In der Vorhalle staunten die braunen, dunkeläugigen Gesichter der eingeborenen Dienstboten und Arbeiter die Lichter- Pracht verständnislos an. Auch einige gebräunte, wetterharte, bärtige Männer standen dort, wehmütige Rührung in den rauhen Zügen, im Auge den feuchten Schimmer der Erinnerung und der Sehnsucht nach der Kinderheimat: es waren die deutschen Arbeiter, Ackerbauer und Hirten des großen Gutes. Keiner von diese» hatte in der Fremde das gleißende Glück gefunden, das er sich erträumt hatte.
Frau Wildner teilte die Gaben aus, erst an die Dienstboten und Arbeiter, die sich alsbald dankend zurückzogen. Dann erfolgte die Bescherung im Familienkreise. Nach und nach erloschen die Weihnachtskerzen. Dui'.kelbeit und Stille lagerte sich über HauS nnd Steppe. In aller Morgenfrühe, wenn kaum der Tag graute, wollte die Herrschaft in das nächste Städtchen, das zwei deutsche Meilen entfernt war, fahren, um der heiligen Messe bei- zuwohnen und wieder zurnüzukehren, ebe die Hitze ihren Höhepunkt erreichte, die Menschen und Tieren verhängnisvoll werden konnte. Einige Knechte ritten noch des Abends spät — es war eine inond- helle Nachck — zum Städtchen, um der Mitter- vachtsmesie beizuwohnen.
Unmerklich flössen die Tage dahin. Der Neujahrstag kam und ging mit seinen Glückwünschen von nah und fern. Schon sprach Herr Wildner do« dringenden Geschäften, die ihn nach der Stadt
Erstes Matt.
rieien. teilten Tag liest er sich halten und noch einen. Dann trafen Telegramme ein; er reiste ab. Felix sollte ihm in wenigen Tagen folgen. Auch Carlos Minden (teilte seine Abreise in Aussicht. Er wollte seinen Vater, dessen Gesundheit sich zwar gebessert hatte, nicht länger allein lassen, und Adela, obwohl sie sich für Doktor Thomsens Privatvorlesungen mehr denn je interessierte, drängte in kindlicher Sorge zum Aufbruch. Der gute Carlos hatte die kurzen Wochen auf Santa Mathilde benützt, um sich gründlich in Irma zu verlieben. Erst faßte die junge Schone feine Huldigungen als Scherz auf und antwortete mit Neckereien. Nun aber wurden seine Augen beredt, feine Stimme klang weich, wenn er mit ihr sprach. Antwortete sie ihm wie ehedem mit Scherzworten, dann ging er traurig einher und liest den Kopf hängen. Irma machte sich viel im Hause zu schaffen, um sich seiner Gesellschaft zu entziehen und überließ den unglücklichen Liebhaber bet teilnahmsvollen Bella, die sich auf die Dauer von Felix vernachlässigt fühlte. Aus BellaS großen, blauen Augen sprach so viel Mitgefühl; sie nickte mit solchem Verständnis bei allem, was der lange Carlos vorbrachte, daß dieser nicht zögerte, ihr sein Herz auszuschütten und sich bitter über Irmas Kälte und Hörte zu beklagen.
Die letzten Tage des Beisammenseins wurden von der jugendlichen Gesellschaft zu größeren Ausflügen, zum Jagen und Fischen benützt, da infolge einiger Gewitter die Temperatur erträglicher ge- worden war. An einem lauschigen Plätzchen am Flusse, im kühlen Schatten überhängender Edelweiden und mächtiger Platanen treffen wir die Gäste von Santa Mathilde. Sogar Frau Thomsen und Frau Wildner hatten sich dazu verstanden, in die schwerfällige Kutsche zu steigen und ihr Tee- stündchen an den murmelnden Wellen zu halten. Ein Boot von fragwürdiger Solidität lockte die Jugend zu einer Kahnfahrt. Doktor Thomsen verlegte sich auf den Fischfang, lieh aber ärgerlich davon ab, als erst einige Krabben nacheinauder den Koder von der Angel stahlen nnd schließlich
solle die Höhe des zu deckenden Fehlbetrages fest- f stellt werden, dann nach der Reihenfolge der Regierungsvorlage die einzelnen Steuern nnd schließlich auch das Mantelgesetz beraten werden. Die Verteilung der Referate schlug der Vorsitzende folgendermaßen vor: lieber das Gesetz selbst sollen Zentrum und Freisinnige referieren, über die Brausteuer Konservative und Zentrum, über die Tabak- und Zigaretteuftener Nationalliberale und Sozialdemokraten, über Frachturkundenstempel Sozialdemokraten und Wirtschaftliche Vereinigung, über die Fahrkartensteuer National- liberale und Freisinnige, über die Automobilsteuer Konservative und Nationalliberale, über die Quittungssteuer Wirtschaftl. Vereinigung und Sozial- denwkraten, über die Erbschaftssteuer Zentrum und Freikonservattve. Die Frage der Bericht- erstattung für das Plenum nahm längere Zeit in Anspruch. Es wurde die außerordentliche Arbeitslast betont, welche bei der Berichterstattung zu bewältigen ist. Abg. Müller- Fulda (Ztr.), der als General-Referent ausersehen ist, schlug einen besonderen Berichterstatter für das Erb- schaftssteuergsetz und das Mantelgesetz vor. Die Kommission übertrug dem Abg. Müller-Fulda das Referat über das Mantelgesetz und über alles, was nicht einem besonderen Referat Vorbehalten ist. Abg. Müller-Fulda soll mit seinem Referat die Einheitlichkeit der Berichterstattung toahren. Für die einzelnen Vorlagen werden die Frak- twnen ihre Referenten bestimmen. Für das Erbschaftssteuergesetz ist seitens des Zentrums bereits Abg. Dr. am Zehnhoff bestimmt. Staatssekretär Freiherr von Stengel erklärt, auf Grund der Bemängelung im Plenum, wegen der Höhe der zu deckenden Forderungen habe er eine erneute Prüfung vornehmen lassen, da« Ergebnis sei aber kein anderes gewesen, als es seinerzett dem Reichstage mitgeteilt worden ist. Er bitte, bei der Prüfung der vorzulegenden Materialien mit Objektivität vorzugehen. Unterstaatssekretär Twele setzte in längerer Rede die Bedarfsbs- rechnnng auseinander. Die Ausführungen werden der Kommission gedruckt zngchen. Die Steuer- komwission überließ die Festsetzung der nächsten Sitzung dem Vorsitzenden, bis der Borttag des llntetftrrnWprrptnra Twele gedruckt vorläge.
»te rvudgerrommisfion des Reichstages bewilligte cm Dienstag zunächst eine nicht pensionsfähige Stellenzulage für den Retchsschatz- lekretSr und ging dann zum ordentlichen Etat des ReichSamt« des Innern über. Für das Germanische Museum in Nürnberg wurden bewilligt 108 700 M. (im Vorjahre 70000 M), für die Einrichtung eines wettertelegraphischen Dienstes "400000 M., für die Unterstützung wissenschaftlicher, technischer und allgemeiner Bestrebungen auf dem Gebiete der Landwirtschaft 115000 Mk. Zum Kapitel „Statistisches Amt" beantragten die Abgg. Erz- berget und Speck (Zentrum) eine Resolution, durch welche der Reichskanzler ersucht wird, unter Anhörung von Sachverständigen in eine Prüfung darüber einzutreten, ob und in welchem Umfange sich die stotisttfchen Arbeiten vermindem und zweckmäßiger gestalten lassen. Der Antrag fand zwar starken Widerspruch, wurde aber schließlich von der Mehrheit der Kommission angenommen. Nicht zum Abschluß kam die Debatte über Neuforderungen für Hohkönigsburg (200000 Mark). Die Meinungen darüber gingen in der Kommission auseinander. Die Beratung soll Mittwoch, vormittags 10 Uhr, fortgesetzt werden.
* Für die Etatsberatung im Abgeordneten- Hause ist folgender Einteilungsplan
eine energische Schildkröte anbiß, die mit gewaltigem Zerren die Rute zerbrach. Schallende Beifallsrufe tönten vom Boot herüber der Siegerin zu, die mit ihrer zweifelhaften Deute in der Tiefe verschwand. Auf dringendes Bitten der älteren Damen, deren Blicke dem gebrechlichen Fahrzeuge mit Todesangst folgten, steuerte dieses dem Lande zu, und für ein kurzes Stündchen lagerten sich alle in der Runde, um unter Lachen und Scherzen die mitgebrachten Vorräte zu verzehren. Beim Auf- bruche fuhren Frau Wildner irnb ihre Freundin direkt ram Landhause zu. Die anderen, die zu Pferde gekommen waren, beabsichtigten, erst eine Strecke den Fluß entlang zu reiten und in weitem Dogen zurückzukehren. Felix und Carlos sahen nach den Pferde,!, die in einiger Entfernung angebunden waren.
„Sieh dort zwei Reiter. Sie fonimen auf uns zu. Kennst Du sie, Felix?"
„Nein", erwiderte dieser nach einem gleichgültigen Blicke.
„Sie wollen wohl nach dem Wege fragen oder ihre Pferde tränken."
Schon hatten sich die Fremden genähert. Sie sprangen von den Pferden. Der eine in der Tracht der Landbewohner, der anscheinend als Führer diente, übernahm die Zügel, während der andere in bestaubtem Reiseauzuge auf Carlos zuschritt und ihn in spanischer Sprache anredete.
„Tenor, können Sie mir vielleicht sagen, wie weit es von hier nach Molinos ist?"
„Ich schätze, daß Sie von hier aus noch zwei Stunden zu reiten haben. — Felix! Felix!" rief Carlos diesem zu, der die Ankömmlinge nutzt weiter beachtet hatte und sich mit den Pferden zu schaffen machte. „Nicht wahr, von hier noch Mo- linos sind es noch zwei Stunden?"
„Zwei Stunden scharfen Trabes, ja", antwortete Felix sich unNvendend. Vor ihm stand For- ster, sein Reisegefährte vom „Helios". Ehe er seinem Erstaunen Ausdruck verleihen konnte, streckte Carlos die Hand ans uns tief:
, Ah, Mister Brown, jetzt erkenne ich Sie erst
In der vorjährigen Saison trafen wir und im Hotel Bristol —"
„Gewiß erinnere ich mich. Freue mich, Sie zu sehen. Wie geht es Ihrem Herrn Vater? Sind Sie hier auf Ihrer Estancia?"
Keine Miene verriet, daß dem Sprecher die Begegnung höchst peinlich war. Auch der Anblick Felix' brachte in den harten Zügen keine Veränderung hervor; nur schien etwas in Haftung und Blick diesen zur Vorsicht zu mahnen.
„Meinem Vater geht es gut", antwortete Carlos, „viel besser als da Sie ihn in Mar del Plaw (berühmtes Seebad in Argentinien) gekannt haben. Unsere Estancia liegt einige Stunden weiter flußaufwärts. Ich bin hier zu Gaste bei Freunden." Er machte eine vorstellende Bewegung gegen Felix. Wieder traf diesen ein warnender Blick.
„Ich reite in Geschäften nach MolinoS. Man sagte mir auf der Station, daß es nur drei Stun- den wett sei, und nun bin ich schon mehr als zwei Stunden unterwegs."
Carlos lachte.
Auf die Zeitbestimmung unserer Landbewohner kann man sich nicht verlassen: daS Wort Stunde hat hier zu Lande eine sehr elastische Bedeutung."
Felix hatte sich gefaßt. Er bot Forster oder Brown, wie er nun heißen mochte, und seinem Begleiter einen Trunk an, der mit Dank angenommen wurde.
„Ich kann Ihnen nur mit einem Reste bienenf denn wir find am Aufbrechen", entschuldigte er sich förmlich, als er die halbgeleerte Flasche pro» sentierte. Mit gedämpfter Stimme — Carlos stand in einiger Entfernung — sagte nun Forst«»
„Es ist besser, Sie sagen Ihrem Freunde nicht, daß Sie mich kennen. Ist dies eine Beschung WildnerS? — Wann kehren Sie nach der Stadt zurück?" .. ,
Felix beantwortete diese Frage« einsilbig und hörte dann schweigend dem zwischen Carlo» UR» Forster geführten Gespräche zu. v *
„Was dieser Brown in Moltno» will, da» möchte »ch wissen," sagte Carlo», all® mit Festk
gebenden eigenartigen Beziehungen sowie durch da» hieran» für Frankreich folgende besondere Interesse daran, daß im Scheristschen Reiche Ordnung herrsche."
Auf Grund diese» Notenwechsels haben Deutsch- land und Frankreich gemeinschaftlich am 28. Sept. 1905 auch das Programm der Konferenz festgesetzt. Dasselbe beschränkt sich auf die internationale Regelung des Polizeiweien» außerhalb deS Grenzgebiets, das Reglement zur Ordnung der Ueberwachung und Unterdrückung deS Maffen- schmuggels mit der Klausel, daß im Grenzgebiete die Anwendung dieses Reglements ausschließlich Sache Frankreichs und Marokko» bleiben soll, die Finanzreform, die Prüfung der Frage eines besseren Ertrages der Steuern und der Erschließung «euer Einkünfte, und schtteßlich auch die Verpflichtung deS Makhzen, keinen Zweig des öffent- lichen Dunstes zum Vorteil von Sonderinleressen auS der Hand zu geben.
Wenn dieses Programm auch nicht ohne Fußangeln ist, so enthält eS doch nichts, worüber eine Einigung der Mächte ausgeschlossen wäre. Die Frage ist nur, ob dieses Programm in Algeciras wird ein geh alten werden. Ueber das Vorhandensein des Willens oder Nicht» willens dazu bei den einzelnen beteiligten Mächten wird man bald aufgeklärt sein. Dann wird man auch einen sicheren Schluß auf den mutmaßlichen Verlauf der Konferenz ziehen können, als es heute möglich ist. Ein Grund zur Beunruhigung ist aber vorläufig gar nicht vorhanden.
der Gäste sprach der Reichstagspräsident Gra Ballestrem, der auSfühtte, im ganzen Reichstage denke kein Mensch an ernste Miß Helligkeiten um» chen den beiden Ländern. Auch früher hätten nie Deutsche gegen Engländer, sehr oft aber beide Schulter an Schuller gekämpft. Der Vizepräsident der Londoner Handelskammer Charleton betonte, daß niemals ernste Mißhelligkeiten zwischen beiden Stationen bestanden hätten und daß zu hoffen lei, daß der gemeinsame Handel die fernere Friedenspolitik unterstützen werde.
Keine Handelsinspektoren. Im Laufe des letzten Jahres sind in größerer Anzahl Eingaben an den Bundesrat gelangt, welche sich teils für, teil» gegen die Einführung von Handelsinspektoren aussprechen. Der Bundesrat hat nunmehr, wie die ,Berl. Kort/ mstftift, beschlossen, den auf die Einführung von Handelsinspektoren gerichteten (Bingaben keine Folge zu geben.
* DaS MiMargesangbuch für 9 Pfennige. Das Herrenhaus hat im vergangenen Jahre eine Resolution gefaßt, welche den Wunsch ausiprach. es möchte den Mannschaften der Landarmee und der Marine daS M i l i t ä r g e sa « g b u ch bei ihrem Eintritt als Eigentum übergeben werden. Daraus hat die Heeresverwaftung den etwas merkwürdigen Beschluß gefaßt, den ans dem aktiven Dienste ausscheidenden Mannschaften dc>S Militärgesangbuch gegen den Preis von — 9 Pfennig (!) ausdrücklich anbieten zu lasten. Auch sollen die Mannschaslen im Lause der aktiven Dienstzeit von den Militärgeistlichen daraus hingelenkt werden, daß sich ihnen Gelegenheit bietet, ihr Dwnstge» langbuch bei der Entlastung als Eigentum zu erwerben. Hinzugesügt wird: „Nach dem Ergebnis der angefteUten Ermittelungen wird hiermit dem vorhandenen Bedürfnis voraussichtlich völlig genügt werden." (— Ob der Staat nicht auch noch die 9 Pfennig hätte entbehrenkönnen ?!—) „Der Wegweiser zum Zukunftsstsot" hat keine Geschäfte gemacht. W,e Mannt, warnte der .Vorwärts' jüngst vor einem mit allerlei sozialistischem Schwulst gefüllten Blättchen „Der Wegweiser zum Zukunftsstaat", das allerdings einen nickt» weniger als vertrauenerweckenden Eindruck machte. Jetzt meldet der vorwärts', daß das Blättchen sein Erscheinen eingestellt hat.
Zu ben Steuervorschlägen schreibt die ,Nationallib. Korr.': „Wie in Bundesratskreiftn angenommen wird, ist wenig Aussicht vorhanden, daß Preußen und Sachsen weiter als i ie Vorschläge der Verbündeten Regierungen gehenden Anträgen bei der Erbschaftssteuer zustimmen, wenn nicht auch hinsichtlich der stärkeren Heranziehung des Bieres zu den allgemeinen Ausgaben Beschlüsse zustande kommen, welche eine Herabminderung der Unterschiede in der Ausgestaltung der Brausteuer im Gebiete der norddeutschen Brausteueraemeinschast und in Süddeutschtand herbeizuführen angetan sind." — Wir halten das für eine Kombination, der es an triftigen Unterlagen fehlt
Parlamentarische Nachrichten.
* Die Steuerkommissiou des Reichstage» hat am Dienstag ihre Arbeiten aufgenoi men. Der ! Vorsitzende Abg. Büsing (ntl.) schlug vor, jeden Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag präzise 10 Uhr vormittags Sitzungen zu haften. Eine zweite Ladung soll Vorbehalten werden. Zunächst
Deutscher Reich.
Berlin, den 16. Januar 1906.
* Der N ücktritt des Chefs des Civilkabinetts v Lucanus wird von der „Voss. Ztg." angekündigt. Das Blatt will von gutunlerrichteter Seite ersahren haben, daß der Rücktritt des Herrn v. Lucanus binnen kürzester Zeit bevorsteht. Als sein Nachfolger sei der frühere Polizeipräsident von Berlin und jetzige Oberpräsident in Kastel v. Windheim in Aussicht genommen. — Der Rücktritt des Chefs des CioilkabinettS ist schon so ost irrtümlich angekündigt worden, daß man nicht recht daran glaubt, obgleich Herr v. Lucanus in einem Alter steht, in welchem er, sich wohl mit Rücktrittsgedanten tragen könnte.
*„ Eine englisch-deutsche Sympathiekundgebung hat Montag abend auch die Berliner Handelskammer veranstaltet. Neben den Minister Frhrn. v. Rheinbaben und Delbrück, Staatssekretär Kraeke waren auch zahlreiche Ministerialdirektoren und Geheimräte aus den Reichs- und preußischen Staatsämtern erschienen. Der englische Botschafter Sir Frank Lescetles betonte, das Mißtrauen zwischen England und Deutschland müffe beseitigt werden. E« sei klar, daß die nunmehr zu erwartende Freundschaft zwischen ben beiden Nationen die anderweitig be- stehenden'Freundschaftkn beider Länder nicht störe. Die Bersftminung zwischen beiden Ländern beruhe auf einem Mißvetstäntnis. An die Wahrhei der Gerüchte von einem Kriege zwilchen beiden Ländern haben Sie ebensowenig, wie ich geglaubt. Der Handel und das gemeinsame Interesse an Kultur- und Erziehungsprobtemen sei die Garantie für den Frieden. Im weiteren Verlauf des Festes feierte Franz v. Mendelssohn die englischen (Säfte nut dem Bischof von Southwark. Siamens
[] 5«r «jrotto-Konferenj. Ä’W.säX??
taitung dieser Frage, sondern auch die Entwicke» ung der Weltpolitik abhängt. Hebet dre Br- >eutung der Konferenz von Algeciras brauchen wir daher kein Wort mehr zu verlieren.
ES ist begreiflich, daß man dem Verlaufe der Konferenz mit Spannung entgegensieht. Zwar würde eS durchaus verfehlt fein, einer pessimistischen Auffassung der Lage und der Zukunft Raum »u geben. Man darf die Erwartung hegen, daß jede Station sich der Schwere der Entscheidung bewußt ist, die in Algeciras getroffen werden soll. Das Scheitern des EinlgungswerkeS, welche» dort unternommen wird, würde zwar keineswegs gleichbedeutend sein mit einem Appell an dir Entscheidung durch die Waffen, aber immerhin müßte ein solche» Scheitern die Spannung, welche dir internationale Lage schon heute aufweist, noch erheblich verschärfen. Auf jeden Fall würde also da» Fehlschlagen der Einigungsversuche in Alge- «ras die Gefahr eines europäischen, eines Weltkrieges in deoenfliche Nähe rücken.
Unter diesen Umständen erscheint e» angemessen. Noch einmal auf die Stellung hinzuweifen, welche Deutschland prinzipiell zur Marokko-Frage bezw. zu der Marokko-Konserenz einnimmt, um bazuttm, daß Deutschland wohlgerüstet mit Gründen und Forderungen des „guten Rechts" ttach Algeciras geht. In formeller Hinsicht vertritt Deutschland die Anschauung, daß dre Beschlüsse bet Konferenz nur dann Gültigkeit beanspruchen können, wenn bei ihnen die Einstimmigkeit der Konferenzteilnehmer vorhanden ift. In sachlicher Beziehung steht Deutschland auf dem Standpunkte der G lerchbetechtigung aller Nationen in Marokko, wenn es auch Frankreich al» Grenznachbar Marokkos in den Grenzdistrikttn einige besondere Befugniste einzuräumen gewillt ist.
Gegenüber den Versuchen, von vornherein »inen fast unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Deutschland und Frankreich als vorhanden hinzu stellen, wie sie in einem Teile der ausländischen Presse unternommen werden, sei daran erinnert, daß schon vor längerer Zeit ein vsllstän- digrS Einvernehmen zwischen beiden Staaten erzielt und die Grundsätze festgelegt worden sind, welche Deutschland u nd Frankreich für die Konferenz beobachten wollen. Durch Notenwechsel am 8. Juli 190» sind Deutschland und Frankreich über eingenommen, folgende Punkte zu re» fpettieren:
„Souveränität und Unabhängigkeit des Sultans; Integrität seines Reichs ; wirtschaftliche Freiheit ohne jede Ungleichheit; Nützlichkeit von polizeilichen und finanziellen Reformen, deren Einführung für kurze Zeit auf Grund internationaler Vereinbarung geregelt werden soll; Anerkennung der Lage, die für Frankreich in Marokko geschaffen wird durch die langauSgedehnte Grenzberührung zwischen Algerien und dem Scheristschen Reiche, durch die sich hieraus für die beiden Nachbarländer et»