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JV§ 3.

Fulda, Donnerstaa, den 4. Januar 1906.

33. Jahrgang.

j * Eine „liberale" Unverschämtheit.

Während die übrigen Berliner Blätter daS huldvolleSck'reiben, welches der K a i s e r an den Erzbischof von Gnesen und Po­fen, Dr. von Stablewski, gerichtet hat alS Ant­wort auf die Ucberscndung des letzten Hirtenbrie­fes des Erzbischofs ohne Kommentar wiedergeben, sieht sich das judisch-„libcrale" Berliner Ta­geblatt" bemüßigt, das kaiserliche Schreiben mit einer Glosse zu versehen, die eine schwere Be­leidigung des Erzbischofs und zugleich eine unqua­lifizierbare Verdächtigung seiner nationalen Ge­sinnung darstcllt. In dem erwähnten Hirtenbriefe hatte der Erzbischof die Geistlichen seiner Erz­diözese aufgefordert, der Gefahr einer Verwahr­losung der Jugend gemeinsam mit den Eltern entschiedener als bisher entgegen zu treten. Die Geistlichen sollten das in der wirksamsten und ihnen zugänglichsten Weise tun, indem sie den Vorbereitungsunterricht zu den hl. Sakramenten ausdehnten und vertieften.

Diesen Hirtenbrief hatte der Erzbischof mit der selbswerständlichen Versicherung dem Kaiser -über­mittelt, daß seine Anordnungen zur Ausführung der Mahnungen an den KleruS im G e t ft e der Treue gegen den Staat ergehen würden. । Der Kaiser hat darauf mit dem Ausdruck der Hoff- ' nung geantwortet, daß die Geistlichen der Erz­diözese die Fingerzeige, die sie erhalten würden, in demselben Gei st e zur Ausführung brinaen würden. Diese Bemerkung des Kaisers deutet das „Berl. Tagebl." als eine „Mahnung an den Erz­bischof, „dem deutschfeindlichen Klerus aufs Dach zu steigen". ES gehört eine wahrhaft „liberale Seelengröße" dazu, um eine derartige sinnlose Be­merkung in eine derartig geschmacklose Form zu zu kleiden.

Die Geschmacklosigkeit wird aber übertrumpft durch die Gehässigkeit, mit welcher das ge­nannte liberale Blatt sich weiter zur Sache äußert. DaS „Berl. Tagebl." erklärt es nämlich für „frag­lich", „ob Herr von Stablewski der kaiserlichen Mahnung so ernstlich nachleben werde, daß der polnische Klerus von der Zwecklosigkeit feder Oppo­sition gegen reichstreue Bestrebungen seines Ober­hirten überzeugt werde." Das Blatt „will nicht recht daran glauben", daß die Einwirkung des Erz­bischofs auf seine Kleriker „sonderlichen Nutzen für das Deutschtum haben werde". Mit ziemlich unverhüllten Worten wirft das „Berl. Tagebl." also dem Erzbischof bewußte Heuchelei vor, indem es seine deni Kaiser gegenüber gemachten Versiche­rungen in einen Widerspruch zu seinem tatsäch­lichen Verhalten zu stellen versucht. Eine Verdäch­tigung und eine Beleidigung zu gleicher Zeit.

Sie werden von dem Berliner Blatte verübt, ohne daß dasselbe aus der Vergangenheit oder Ge­genwart auch nur den Schimmer eines An­haltspunktes für seine Verdächtigungen bei­zubringen vermöchte. Sie werden von ihm verübt angesichts des Rundschreibens, mit welchem der Erzbischof das Schreiben des Kaisers zur Kennt­nis der Geistlichkeit seiner Erzdiözese gebracht hat. In diesem Rundschreiben betont der Erzbischof, daß auch die treue und entschiedene Er- «füll un gderPflichten, welche uns die Z u- gebörigkeitzum Staate nach dem Willen Gottes und nach den Vorschriften der bl. Religion auferlegt,... uns am besten vor den Absichten des sozialen Umsturzes und vor dem immer mehr sich ausbreitenden Geiste des rücksichtslosen Egoismus und des nur irdischen Gcnnsies bewahren" werde. Diese hohe Auffassung der staatsbürgerlichen Pflichten ist dem „Berl. Tagebl." natürlich fremd.

Man kann die Regierung nur bedauern, daß sie für ibre Antivolenvolitik bei solchen Freun­den Hilfe und Unterstützung suchen muß. Ter Ein Schatten auf dem Wr.

Von H. Catalina.

3] lNachdruck verboten.)

Tagsüber gab es viele neue Eindrücke in der gänzlich veränderten Lebensweise. Im i^rgleiche zu der Abgeschiedenheit, in der Felix aufgewachsen war, ging es im Hanse WildnerS lebhaft zu. Da war vor allem der große Garten, ein herrlicher Spielplatz. Irma nahm den Spielgefährten ganz in Anspruch. Tie beiden Kinder tummelten sich im Freien oder saßen still bei den Bilderbüchern. Felir baute Häuschen für die Puppen und leistete Beistand bei all den mannigfachen Unfällen, den diese und andere Spielzeuge in den energischen Kinderbändchen ausgesetzt waren. Als Gegen- leistung nahm Irma ihn großmütig zum Teil­haber an all ihren Schätzen an. Alle ihre großen und kleine» Lieblingstiere gehörten ihnen nun gemeinsam: Pascha, der gelb und weiße Bern­hardiner mit dem großen Kopse und den klugen Augen: dann Puck, der Pony mit langer Mähne und langem Schweif; Kaninchen, Gürteltiere, die alle ihre Behausung auf dem hinteren Hofe hatten; Tauben aller Art, und nicht zu veraesten Loro, der grün und gelbe Papagei, der überaus ge­räuschvoll und geschwätzig war und schon nach wenigen Tagen „Felir!" rufen konnte, wie er alle anderen Hausgenossen mit Namen rief. Und welcher Jubel, als eines Tages neben Puck ein hübsches braunes Pferdchen stand, das Onkel Ernst den, Knaben schenkte! Bald saß Felix fest im Sattel und freute sich, als er mit Irma au den Spazierritten Wildners teilnehmen konnte. War es da zu verwundern, wenn die dunklen Augen wieder bell erglänzten, wenn die rosige Jugend- sreude und Fröhlichkeit in das Knabenherz ein- zogen? — Von Natur still und ernst, liebte Felix das wilde Lärme» und Toben gleichaltriger Kame­raden nicht. Nur wenn er mit Irma spielte.

Geist, der auS dem „Berl. Tagebl." spricht, ist auch der Geist des Hakatismus. Kaan man sich da wundern, daß die Katholiken dec Ostniark der Antipolenpolitik Mißtrauen entgegen­bringen?

Deutsches Reich.

Berlin, den 3. Januar 1906.

8 Zu den Steuervorlagen bringt die ,Germania^ eine längere Zuschrift au« „parla­mentarischen Kreisen". AuS den Ausführungen ergibt sich, daß von den Steuervorlagen der Re­gierung wesentlich« Abstriche zu erwarten sind und bei weitem nicht der beanspruchte Ertrag von 230 Millionen Mark erreicht wird. Es würde daher zu prüfen sein, ob nicht andere Einnahmequellen zur Deckung de« Ausfalls aus­findig zu machen seien. Ein Ausfuhrzoll aus Kali könne ernstlich in Betracht gezogen werden. Da Kali allein in Deutschland gewonnen werde und das Ausland desselben bedürfe, so sei nicht einzusehen, warum daS Reich sich aus diesem Schatze nicht auch eine Einnahmequelle erschließen solle, wie eS Chile durch seinen Cbilisalpeter getan habe. Da die Ausfuhr fortgesetzt stark zunehme, so würde ein angemeffener Ausfuhrzoll sicherlich hohe Erträge erzielen. Weiter werde zu erwägen sein, ob noch solche indirekte Steuern zu finden seien, welche in erster Linie die Besitzenden treffen, oder bestehende (Steuern solcher Art noch erhöht werden könnten, wie z. B. die Börsen- und Seklsteuer. Für den Fall, daß andere Steuerqiiellen in aus­reichender Menge sich nicht finden lassen, empfiehlt die Zuschrift die Einführung einer rationelleren Verteilung der Matrikularumlagen, als die be stehende nach der Kop zahl es fei. Die Einzel- floaten sollten zur Deckung der Matrikularbei- träge zu einer Erhöhung der Einkommensteuer, namentlich bei den ganz großen Vermögen, schreiten. Eine Reichseinkommensteuer könne eventuell auch in Betracht kommen, doch empfehle sich eine Umlegung auf die Einzelstaaten mehr, damit sich die direkten Steuern in derselben Hand befänden und dadurch einheitlicher gestaltet werden könnten.

* Eine Herabsetzung des GesamtkouttnoentS der Brennereien für das Betriebsjahr 1905 06 von 2,364,175,80 Hektoliter auf 2,187,943,52 Hektoliter Alkohol hat der Bundesrat neben der von uns bereits gemeldeten Erhöhung des Brenn- steuervergütungSfatzes von 6 auf 8 Mark verfügt.

.'. Die Gnfuhr lebenden Viehes ist im Monat November 19o5 noch weiter zurück­gegangen. Nach dem vom Statistischen Amte herausgegebenen November heft der „Monatlichen Nachweise über den auswärtigen Handel" sind nämlich an Rindvieh 5655 Stück weniger, alS im Oktober 1905 und 2578 Stück weniger, als im November 1904, an Schweinen 3331 Stück weniger, als im Oktober 1905 und 2900 Stück weniger, als im November 1904 zur Ein­fuhr gelangt. Der Rückgang der Einfuhr von Rindvieh habe darin feine Ursache, daß Oesterreich und Dänemark außerstande seien, mehr Rindvieh nach Deutschland einzuführen; die Verminderung der Einfuhr von Schweinen sei ausschließlrch aut die durch die Wirren hervorgerusenen Störungen deS Eisenbahnverkehrs zurückzusühren. Der Rück­gang der Schweineeinfuhr aus Rußland war

wurde er lebhafter, aber immer in milder Weise. Hier war es der Knabe, der besänftigend auf das Mädchen wirkte, während sonst das Gegenteil all­gemein als Regel angerrommen wird.

Endlich nach einigen Wochen mrißte Felix seine unterbrochenen Studien wieder aufnehmen. Nach reiflicher Ueberlegung entschied sich Herr Wildner für Privatunterricht. Nicht als ob er die Vor­züge der Schule unterschätzt hätte, nein, er ließ sich von rein persönlichen Gedanken leiten. Er wollte verhüten, daß Felix die Wahrheit über das Verschwinden seines Vaters erfahre. Wie leicht konnte in einer Schule der eine ober andere, namentlich die älteren Knaben, eine unvorsichtige oder auch absichtliche Bemerkung fallen lasten, dtirch welche die ganze Jugend seines PflegesohneS verdüstert worden wäre. Felix war durch seine Mutter auf den Glauben gebracht worden, daß fein Vater wegen eines politischen Vergebens des Landes verwiesen fei, und wenn der Knabe auch keinen klaren Begriff von der Sache haben konnte, so wußte er zum Beisviel, daß selbst der gegen­wärtige Präsident der Republik in früheren Jah­ren als Verbannter im Auslande geweilt hatte. Er war sich also gewisterrnaßen bewußt, daß in einem politischen Vergehen nichts Entehrendes liege imb hielt bas Andenken an feinen Vater hoch. Dildner wollte ihn nicht aus diesem Wahne reißen; seine Kindheit wenigstens wollte er ihm behüten. Der dunkle Schatten, der über dem Knaben schwebte und früher ober später auf besten Lebensweg fallen mußte, sollte gebannt werden, so lange bewahrende, sorgende Liebe ihn bannen konnte. Tie Leitung des Unterrichts übernahm Pater Lichtenberg, der Superior der deutschen Redemptoristen in Buenos-AireS. Als diese ehr­würdigen Väter, aris ihrer Heimat bertrieben, hier ankamen, war der alte Wildner, der Vater Ernst Wildners, eine der Hauptstützen. An feiner Opferwilligkeit entflammten sich die nicht sehr zahlreichen deutschen Katholiken der Hauptstadt, und bald erstand ein einfaches Wohnhaus nebst Schulräumen, bald erhob sich baneben eine Kirche

größer, al« die gesamte Minbereinsuhr von Schweinen, die Deutschland im November 1905 zu verzeichnen hatte; denn es wurden au8 Ruß­land 3418 Schweine weniger, als im Oktober 1905 und 3042 weniaer, als im November 1904 geliefert. Die Einfuhr von Hammeln, Schafen und Lämmern ist andauernd unbe­deutend, dagegen war die Ausfuhr auch im 'Jlo« vember ziemlich bedeutend. Vom 1. Januar 1905 bi- »um 1. Dezember 1905 führte Deutsch­land 93873 Hümmel rind Schafe, sowie 20554 Lämmer au«. Die Einfuhr von Fleisch und Fleischwaren hat dagegen im November 1905 bedeutend zugenommen. Am meisten stieg die Einfuhr von frischem Fleisch. Gegen Ok­tober 190a i t die Einfuhr von Fleuch und Schnalz imtfLoembet 1905 um 52319Doppel­zentner gestiegen.

Der Bericht über die Ausführung von Eisenbahnverstaatlichungen ist dem Herren- häufe zugeganzen. Von der Ermächtigung zur Auflösung der BreSlau Warschauer Eisenbabn- geiettschast ist Gebrauch gemacht (Preußische Ad- terlung) und die 3 , prorentigen Anleihescheine der Dortmund-Gronau-Enscheder Eisenbahn zur baren Rückzahlung der verschiedenen Kapilal- beträge zum 1. April bezw. zum 1. Oktober 1905 gekündigt. Die Kündigung erstreckte sich bei der Anleihe der Breslau-Warschauer Ei''enbahngefell- schaft auf Prioritäts-Obligationen über 512,000 Mark, der Dortmund Gronau-Enfcheder Eisenbahn auf Anleihescheine über 2,483,000 Mark.

* Dre Zuständigkeit für die gewerblichen Privatschulen d. h. diejenigen Unterrichleanstallen, welche dre Ausbildung zu einem gewerblrchen oder kaufmännischen Berufe zum Z oeck haben, istnach einerEntfcheidung des zuständlgen Ministers auf den Minister für Handel und Gewerbe über- gegangen. Dre Zuständigkeit für (Schulen, welche der allgemeinen wissenschaftlichen oder künstlerischen AuS« und Fortbildung dienen, verbleibt jedoch dem Kultusminister. Die Bearbeitung der Ange­legenheiten der mit höheren Lehranstalten ver­bundenen Handelsklaffen sowie der sogenannten Handelsrealfchulen erfolgt im Kultusministerium unter Hinzuziehung des Handelsministeriums.

* In Betreff der Schulgrlderhrbung bat der preußische Kultusminister bestimmt, daß vom 1. April d. I« ab bei jedem Neber gange eine« Schülers von einer höheren Lehranstalt an eine andere, wenn der Anstaltswechsel nicht aus An- laß von Schulstrasen oder um solchen zu entgehen erfolgt ist, so zu verfahren ist. daß daS für das betreffende Vierteljahr gezahlte Schulgeld der ersten Anstatt verbleibt, und an der zweiten Anstalt für daS lausende Vierteljahr kein Schul­geld entrichtet wird.

* Der Prozeß Hoensbroech-Dasbach in Sachen der 2000 Gulden für den Nachweis, daß der Grundsatz „der Zweck heiligt die Mittel" in Iesuitenschriften gelehrt wer e, ist nun endgiltig erledigt. Gegen das abweifende Urteil des Oberlandesgerichts Köln hatte Graf Hoensbroech Revision beim Reichsgericht eingelegt, und es war bereits Termin vor dem dritten Zwck- ienat des höchst» n Gerichtshofes angesetzt. Doch vor der Verhandlung bat der Kläger, wie fein Leiborgan berichtet, die Revision zurückgen om- men, weil er zu der Ueberzeuguiig gekommen ist, baß diefes Rechtsmittel aussichtslos war.

X Hünfeld, 2. Jan. 19< 6. Ter König'iche Regierungs- und Forstrat Kaute, bis jetzt bet

zu Ehren unserer Lieben Frau von bet immer­währenden Hilfe.

Hierher, unweit der Plaza Libertab, lenkte Felix täglich seine Schritte unb arbeitete mehrere Stunden mit seinem verehrte» Lehrer ober unter dessen Aussicht. Hier wurde der reichbegabte Knabe nickt nur in die klassischen Schätze des Altertums, sondern auch in die Errungenschaften der Neuzeit eingeweiht; hier wurde ihm eine tiefe Religiosi­tät ins Herz gesenkt, die ihm Kraft geben sollte in den Stürmen des Lebens. Lehrer der betref- fehben Nationalitäten unterrichteten Felix in ber französischen und englischen Sprache, die sich dieser mit Leichtigkeit aneignete. Auch zu Hause saß Felix am liebsten hinter seinen Büchern.

Ein Glück war es, baß durch Irma ein heil­sames Gegengewicht geschaffen wurde. Die kleine Dame hielt ihr Versprechen, all das ihre mit Felix zu teilen, von Öen Herzen ihrer Eltern bis herab zu ihren Puppen; dafür aber betrachtete sie Felix als ihr ausschließliches Eigentum. Nur zu lange währten die Unterrichtsstunden, während deren sie ihn entbehren mußte; in feiner freien Zeit gehörte er ihr, und gewöhnlich ließ er ihr ihren Willen.

Mit rührender Anhänglichkeit schloß sich ber Knabe an Tante Mathilde, so nannte er Frau Wildner, an, und vertraute ihr tote seiner Mrt- tcr. Aber bald fand er heraus, bei aller Liebe, die sie für ihn zeigte, daß sie stets seinen kindlichen Fragen auswich, wenn diese nach seinem Vater forschten. Und doch beschäftigte dessen Schicksal die lebhafte Phantasie des Knaben nur zu sehr. Irma machte-er zu seiner Vertrauten. Die -Hel­den ber alten Geschichte, die wunderbaren Neiieii von JuleS Verne, das Schicksal Robinsons und manche abenteuerliche Erzählung von polnischen Flüchtliiigen, all das zusammen spann unb ver­webte sich in dem Kopfe des phantastischen Knaben zu unzähligen Gebilden, deren Mittelpunkt stets sein Vater war, unschuldig verbannt, arm in ber Fremde un herirrend, vielleicht auf einer Insel gestrandet, von wilden Stämmen aefanaen He­

bet König!. Regierung zu Potsdam beschäftigt, ist zum 1. April d. IS. der König!. Regierung zu Aachen al- Obersorstineister überwiesen worben. Kaute ist LandtagSabzeorbneter für den Wahlkrer« Hünfelv-Gersfeld unb Mitglied ber ZentrumSsraktion.

♦ München, 3. Jan. 1906. Die staat­lichen Znwenbungen für den pro­testantischen Kultus werden in der libe­ralen ,Augsb. Abendztg.' in dem Sinne behandelt „baß bie Pro'»stauten in Bayern, deren Ver­sorgung hinter den Katholiken immer noch zurück­steht (?), bie staatlichen Aufwendungen nicht al« Vergünstigungen eines Wohltäters ober von Zentrumsgnaden, sonbern auf Grand ihrer Leistungen für den Staat in Berücksichtigung ihrer kirchlichen Bedürsmffe erhalten." Das ist doch ganz selbstverständlich. Wo ist denn etwas anderes behauptet worden? Die Hetzer auf pro­testantischer Seite stellen es immer fo bar, als ob ber Staat hinter die katholische Kirche zu­rückgesetzt werde. Das ist eine Unwahr­heit. Unter anderem wurde vor Monaten unter mach'igem Geschimpf auf bie katholische Kirche em fürchterliches Geschrei erhoben, baß der Staat nicht einmal Mittel zur Fortbildung der Seelsorgestellen gewähre. Daraus erbrachten Zentrumsbiälter den Nachweis, daß der Staat für neue Seelsorgestellen der Protestanten mehr aufwende, wie für solche der Katholiken. Darauf kommt jetzt der verspätete Art kel der ,Augsb. Abendztg/ zurück Was aber da vorgebracht wird, ist ebenso windig, wie die erste unwahre Be­hauptung. Der Aitikel will bie Tatsache nicht g.lien faffen, daß in Bayern für den prote­stantischen Kultus auf bie Kopfzahl der Bekenner erheblich mehr vom Staat ausgegeben wirb, als für die katholische Kirche. Es gibt in Bayern 1782321 Protestanten. Der staatliche Auswanb für ihren Kultus beträgt (im neuen Etat) 2752083 Mark. Das sind pro Kopf rund 1,60 Mark. Tie Katholiken zählen 4452159; der staatliche Aufwand für die katholische Kirche beträgt 5252855 Mark, daS macht rund 1,25 Mark pro Kopf. Dabei darf man nicht außer Acht taffen, daß der Staat bie katholischen KirchengÜter säkularisiert bat, bie heute einen weit größeren Wert ausmachen, als zur Zeit der Beschlagnahme. Den Protestanten ist nichts säkularisiert worben, weil nichts ba war. Wir meinen, jene protestantischen Pastoren, die immer ihre Streitlust an diesen Dingen aus­lassen, sollten schwelgen. Namentlich ist es ge­fährlich, an der Geistlichen-Befoldung zu mäkeln. Der Staat wendet für die katholische Geistlichen- Äufdefferung 2774184 Mark, für die prote- stantlsche 1585900 Mark auf. Dabei kommen 5722 katholische Geist!,che unb nur 1325 prote- stantlsche Prediger in Betracht; die.letzteren er­halten pro Kopf vom Staat über ba« Doppelte von bem, was für bie katholischen geleistet wird. Sie haben also zu Klagen sicher feine Ursache.

Ausland.

* Ein „schneidiger" französischer Unter­suchungsrichter namens Cavaillon in Mars eilte ließ den Pariser Advokaten Destrez, den Verteibiger bes Hauptbeschulbigtcn einer inter­nationalen Diebesbanbe verhaften, weil er sich geweigert hatte, ihm den Aufenthalt eines anberen

halten. Sobald er, Felix, erwachsen sein würde, wollte er ousziehen, seinen Vater zu suchen, er wollte Gesabreu und Kämpfe bestehen zu Waner und zu Lande. Endlich würde er ihn finden, befreien, im Triumphe zurückführen.

Im Schatten mächtiger Akazien hing eine be­queme Schaukel für die Kinder. Dort saßen sie in tra' tek» Gespräche, sich leise wiegend. Un­ermüdlich entrollte dann Felix die immer wech­selnden Bilder, bald zog er allein aus, bald sollte Irma ihn begleiten, daß er sie seinem Vater als feine Brant zuführe. Von den naben Jasmin- sträuschen oder Orangenbäumen pflückte er weiße Blüten und steckte sie in Irmas goldblonde Locken, und die Kleine freute sich lind war ftoU auf ihren Schmuck. Sie stimmte all seinen Plänen bei, nur zu den Menschenfressern und unter die wilden Tiere sollte er nicht gehen.

So flössen die Jahre dahin. Immer seltener malte Felix seine Zukunftsbilder aus; endlich sprach er selbst mit Irma nicht mehr von fernem Pater. Fing er an, ihn zu vergessen, oder stiegen Zweifel in ihm auf? Als die Spiele der Kindheit aiifbärten, lagerte sich ein ungewöhnlicher Ernst über fein ganzes Wesen, ein Hauch von Schwer­mut, der amfi bann nicht wich, als er in die Jung« lingsjabre eintrat, und Gesundheit, Umgebung, Freundschaft ihn zu frohem Lebensgenüsse ein- lnden. Nur in Irmas Gegenwart war er heiter; immer vc-mochte sie es, ein Lächeln auf seine ernsten Züge zu locken.

Im Alter von 19 Jahren sollte Felix die Reise über's Meer antrehn, um sich in Deutschland für feinen Beruf als Kaufmann weiter auszubilden. Schon stand der Abschied nahe bevor, und die lebten Vorbereitungen tvareu getroffen. Frau Wildner genoß in ihrer Veranda die kühle Abend- lüft und unterhielt sich mit Felix. Sie ließ alles, was sie ihm für die Reise anzuempfehlen hatte, noch einmal Nevue passieren unb ermahnte ihn mit toahrf'aft mütterlicher Sorge. Sie liebte Felix wie ihr eigenes Kind, und sie wußte, baß et