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jKÄ wsch-nbei-aer: Illustrierte Sonntagszeitung

36. Iahrqang

Fulda, Freitaq den 31. Dezember 1909

300

Zweites Wtcrtt

Wochen-Nundjchau.

[:] Fulda, 31. Dezember 1909.

Noch brennen die Lichter am Weihnachtsbaum, noch herrscht auf dem politischen Kampfplatz stillschwei­gender Waffenstillstand. Zwar hat man deshalb nicht aufgehört, über die preußische Wahlreform, wann und wie sie kommen soll, zu orakeln. Hoffentlich wird es ja nicht mehr allzulange bauern, bis wir die Vorlage selbst in Händen haben und so können wir mittler­weile davon absehen, Betrachtungen über den even­tuellen Ausfall des ersehnten neuen Wahlrechts anzu­stellen. Indessen ist als nicht ganz wertloses Material für die künftigen Beratungen des neuen Wahlrechts­entwurfs die amtliche Wahlstatistik der Land­tagswahlen vom Jahre 1908 erschienen. Wesentlich Neues läßt sich aus dieser Statistik allerdings nicht entnehmen, aber sie bringt doch mal wieder ins Be­wußtsein, was für Mängel dem alten System anhaf­ten. Die Schiefheiten und Ungerechtigkeiten des Drei­klassenwahlrechts werden auch in der neuen Statistik in derart drastischer Form offenbar, daß der Wunsch nach Beseitigung dieses Wahlrechts als selbstver­ständlich erscheinen muß. Indes auch nach der ande­ren Seite hin werden einige Feststellungen aus der Statistik entnommen werden können, die immerhin bemerkenswert sind. So vor allem, daß in ungefähr 60 Prozent der Urwahlbezirke die Wähler aller drei Abteilungen politisch einig waren, während die Fälle, in denen die erste und zweite Abteilung gegen die dritte stimmte, ein Sechstel, und die Fälle, in den die zweite und dritte gegen die erste zusammenhielten, ein starkes Neuntel umfassen. Auch das gibt allerdings zu denken.

Aus Oesterreich-Ungarn ist auch in die­ser Woche nur Unerfreuliches zu melden. In Ungarn reist seit etlichen Tagen Herr Lukas hin und her, um seinen Auftrag, ein marschtücbtiges Kabinett zu bilden, auszufahren. Bis jetzt sind die Aussichten aber noch sehr trübe, und der Führer der Unab­hängigkeitspartei, Justh ivill nicht die erforderlichen Zugeständnisse machen. Vor kurzem verlautete, die Lösung der ungarischen Krise sollte bis Neujahr ge­funden werden — nachdem sie dreiviertel Jahr ge­dauert hat; wird das dec Fall fein? Und wenn es der Fall sein wird, für wie lange bann? — In Wien ist ber sogenannte Frieds i«ng-Prozeß" zu Ende. Es ist ein Vergleich zustande gekommen, in welchem Dr. Friedjung, der am ersten Tage so sieges- '»'wußt in die Arena trat, selber die Beweiskraft aller von ihm vorgelegten Dokumente preisgab. Auch die Reichspost hat sich dann diesem Zurückweichen Dr. Friedjungs angeschloffen und so gehen die serbisch- kroatischen Abgeordneten au? dem Prozeß so ziemlich als volle Sieaer hervor. Das könnte man als eine, wenn auch zu bedauernde Blamage der Privatperso­nen Dr. Friedjung und Dr. Funder ansehen, wenn nicht jedermann wüßte, daß die gefälschten Dokumente aus dem österreichischen Auswärtigen Amte stammten. Die ganze Angelegenheit eröffnet die allerbedauerlich- sien Perspektiven. Wir wollen aber, dem Rate des deutschen Reichskanzlers v. Bethmann-Hollweg ent­sprechend. die Kritik ausländischer Staaten und Staatsmänner unterdrücken; in diesem Falle werden sich schon andere Leute finden, die ihre Folgerungen aus dem Prozesse ziehen. Englische Leitungen wissen bereits zu melden, daß die Stellung des Grafen v. AehrentHal tatsächlich erschüttert ist und daß er nach einer kleinen Anstandspause demissionieren würde.

.Ich liebe mein Land. Die Königin teilt mein Gefühl der unwandelbaren Treue zu Belgien. Wir werden unsere Kinder damit erfüllen und in ihnen er­wecken die Liebe zum Heimatboden, die Liebe zur

erscheint irglich mu Ausnahme der $oä« u-idZeiertage. viertel' jährliche* Yesvqrprek ohne «rtngerwhn und Bestellgeld inZuldas». tote auswärts 1.50 MIL

Verantw. Redakteur i tariS»ltte|

V Zur Schularrffichtsfrage.

II. Zur Aussicht über den Religionsunterricht in der Schule; Grundsätzliches. (1.) In den beiden vorausgegangenen Artikeln.Zur Schulaafsichtsfrage" (Fuld. Zeitg. 23. Dezbr. 1909 Erstes Blatt und 24. Dezbr. 1909 Erstes Blatt) zog die Geschichte der Schulaussicht an unserem Blicke vorüber, die Geschichte der Aufsicht sowohl über den weltlichen als über den religiösen Unter­richt in den Schulen. Nunmehr sollen die Grund­sätze dargelegt werden, welche die katholische Kirche in dieser Sache von alters her vertreten hat, heute noch vertritt und nach ihrem ganzen Charakter alle- zeit vertreten muß. An die Darlegung dieser Grund­sätze soll sich aber jedesmal auch eine geschicht­liche Würdigung anlehnen, aus welcher der Leser ersehen kann, wie weit im Verlauf der Entwicklung des Schulwesens diese katholischen Grundsätze tat­sächlich beachtet wurden oder nicht, und welche Stellung die Kirche insbesondere gegenüber den ver-

Familie, zur Arbeit und zum Guten. Diese Tugen­den mach«, ein Volk stark" Mit diesem herrschen Programm ist der neue König bet Belg ter Albert vor sein Volk getreten; eS war ein selbst- verfaßteS, aus innerer Ueberzeugung geflossenes Pro­gramm, da» in btm Herzen beS belgischen Volkes ge- zünbet hat. DaS schweraeschäbigte Ansehen bei Mo­narchie erhält neue Straft und neuen Glanz: des bürfen sich bie Monarchisten aller Länder freuen. König Albert ist ber Mann, feine schönen Worte in die Tat umzusehen; unb sein Volk jubelt ber mit ihm beginnenden neuen Zeit zu.

In Frankreich rückt der entscheibende Wahl­kampf auch näher, entscheidend darüber, ob die Ka­tholiken Frankreichs die Straft besitzen, das kultur- kämpferische Joch ber Regierung mit ben Romfeinden abzuschütteln. Es wäre ein Leichtes, wenn man nut einig im Vorgehen wäre. Der Anfang war erfreulich Da aber trat ein Gegensatz hervor: Der Erzbischof von Toulouse unb der Bischof von Nancy stellten lebet ein von etnonber abweichendes Programm auf, das die Gefchlossenheit in Frage stellt. Wenn nicht bald Uebereinstimmung erzielt wird, dürften auch die im Mai stattfindenden Neuwahlen alles beim Alten lassen. Erstände doch den französischen Katholiken noch in letzter Stunde ein Windthorst! Ernst genug lst ihre Lage dazu!

Die Türkei hat ihre M i n i st e r k r i s e. H i l m i Pascha ist am Mittwoch aus dem Amte des Großwestcts geschieben, nachbem er noch vor we­nigen Tagen in der Lynchaffäre vermocht hatte, einen Vertrauensbeschluß für das Kabinett zu erwirken. Es hat sich an ihm das Schicksal wiederholt, das seinen Vorgänger Kiamil Pascha Im Februar 1909 traf, der auch unmittelbar nach einem anscheinenden parlamen- tanschen Erfolg gestürzt wurde. Hüssein Hilmi Pascha galt als ber fähigste Staatsmann, den die Türkei be­faß. Der sttlle Kämpft den er mit den Jungtürken als Großwesier zu führen hatte, ließ ihm nicht Ge­legenheit, fein volles Können in der inneren Politik zu entfalten. In der äußern Politik war der Grotz- loesir bemüht, die Ansprüche des ottomanischen Reicks auf Gleichberechtigung im Kreise ber Mächte nach­drücklich zu verfechten. Von feinen Gegnern wird ihm vorgeworfen, baß er dabei seine Haltung zu sehr in einem freundlichen Sinn für England orientiert habe, ohne Rücksicht darauf, daß Lebensinteressen des Reichs dadurch geschädigt würden. Es ist dies eine Anschuldigung, über deren Berechttgung man die Ottomanen entscheiden lassen muß, jedenfalls bot jetzt die geplante Perleihung eines Schiffahrtsmonopols auf dem Euftat und Tigris an eine angebliche otto- manische, der Tatsache nach unter entscheidendem bri­tischem Einfluß stehende Gesellschaft den Jungtürken die Handhabe, um den tSnr; des Großwesirs zu be­werkstelligen.

Lehren zu bringen, bie spezifisch christliche» Lehren, sonbern er war, was er ausdrücklich erklärte, auch gekommen, das Gesetz und bie Propheten, die Wahrheiten ber natürlichen Religion und des natür­lichen Sittengesetzes auf8 neue zu verkünden, sie von den durch die Schwäche unb Herzenshärte ber Juden ihnen beigemischten Entstellungen zu reinigen unb sie so zur Vollendung zu bringen, zur Vollendung im Inhalte in bet Sanktion, und in der Eingliederung in die übemotürliche Hcilsordnung „J-h bm mcht gekommen, das Gesetz und die Propheten zu losen, ,on- dern ich bin gekommen, sie zu vollenden." (Matth 5, 17.)

Mit den erwähnten Worten ist zweitens ein unmittelbarer, direkter und unabhan- gißet Lehrauftrag hinsichtlich der gesamten religiö­sen und sittlichen Wahrheiten übertragen.

Ein unmittelbarer Lehrauftrag liegt vor, und das betrifft die Uebertragung selber; denn Chri­stus hat diese Worte unmittelbar an die Apostel unb Jünger unb (da er bis zum Ende ber Zettln die Lehrtätigkeit der Apostel ausgeübt wissen wollte) de­ren Nachfolger gerichtet; unmittelbar also wird ihnen diese Lehrautorität von Ehnstus übertragen, nicht wird sie einem andern — der Gemeinde, dem Staate, dem Volke — gegeben, von dem erst sie den Aposteln oder deren Nachfolger jedesmal verliehen werden sollte; nein, so wie sie Übertagen wurde, pflanzt sie sich auch fort: von Christus unmittelbar auf die Apo­stel von den Aposteln unmittelbar auf deren Nachfol­ger und so fort „bis zur Vollendung der Zeiten". Es wäre daher eine Umkehrung der von Christus auf­gestellten Ordnung, wenn den Lehrauftrag zum Unter­richte in der Religion der Staat oder die Gemeinde den Lehrern übertragen wollte, wo doch nur von der Kirche dieser Auftrag ausgehen kann. Darum kann ein katho­lischer Lehrer an den Volksschulen, an ben Gymna­sien unb an ben Universitäten nur bann rechtlich unb erlaubt ben Religionsunterricht erteilen, wenn und solange die Kircke ihm den Lehraufttag, bie missio canonica, hierzu gegeben hat.

Eine b ir e k t e Lehrgewalt hat Christus mit bie« sen Worten verliehen, nämlich eine Gewalt, bie ge­radeaus auf die gesamte Religion und Sittlichkeit sich erstreckt, die befugt ist, an das innere Gefüge der Glau­bens- und Sittenlehren, in den inneren Betrieb deS Unterrichtes in denselben einzugreifen. Das betrifft den Gegenstand der Lehrgewalt. Wiederum wäre es banim eine Verkehrung der von Christus aufgestellten Ordnung, wenn ber Staat oder bie Gemeinde be­stimmen wollten, welche Glaubens- unb Sittenlehren in ber Schule bezw. in ben einzelnen Klassen vom Lehrer durchgenominen luerben sollten, in welcher Reihenfolge, nach welcher Methobe, im Anschluß an welche Schulbücher usw., wo boch nur bie Kirche ein direktes Reckt auf ben Unterricht in ben gesamten Glaubens- unb Sittenlehren besitzt.

Schließlich liegt in ben Worten Christi ein unabhängiger Lehrauftrag ausgesprochen. DaS betrifft die Ausübung der Lehrgewalt der Kirche. Die Kirche hat also ein Recht, Schulen zu gründen und zu eröffnen, feien es Volksschulen, Gymnasien ober Universitäten; wer sie daran hindern wollte, würbe sich gegen Christi Anordnung vergehen. ES wäre ebenfalls eine Verkehrung ber von Christuk eingerichteten Heilsordnung, wenn irgenb jemand, fei es bie Gemeinde ober ber Staat ober sonst einer, sich zum Oberaufsichter ber Kirche im Religions­unterrichte aufwerfen wollte; ja nicht einmal eine gleichberechtigte Mitaufsicht wäre zu gestatten, viel­mehr hat nach Christi Willen bie Kirche bas birelte Oberaufsichtsrecht über ben gesamten Unterricht in ben Glaubens« unb Sittenlehren des Christentums, etwaige Aufsichtsrechte anberer bürsten nur in Ab­hängigkeit von der direkten Oberaufsicht der kirch­lichen Organe geltend gemacht werden, denn zwischen das höchste Ziel des Menschen, zwischen die ewige Seligkeit bezw. die ewige Verdammnis einerseits und diese Lehrautorität andererseits schiebt sich keine andere höhere ein, nach den ausdrücklichen Worten

suchten oder begangenen Mißachtungen ihrer Grund- sähe bezüglich der Schule eingenommen hat. Dtese geschichtlichen Rückblicke werden von ben m den erwähnten Artikeln gegebenen so verschieden fern, wie das Allgemeine vom Besonderen verschieden ist. Dort beschäftigte nnS die Geschichte der Schulaussicht im allgemeinen, hier tritt uns die Geschichte der Schulaufsicht im befonbern, b. h. in ber Gegenüber- stellung mit ben katholischen Grundsätzen, vor bie Seele.

An erster Stelle nun sollen bie katholischen Grund­sätze hinsichtlich ber Aufsicht über ben Religions­unterricht zur Sprache kommen.

Es ist katholischer Grundsatz, baß ein unmittel- bares unb birektes Recht, ben Religionsunterricht zu erteilen und zu beaufsichtigen, nicht dem Staate eignet, sondern der Kirche, gemäß dem unmittel­bar ihr von Christus geworbenen unbeschrankten Lehrauftrag: „Gehet hin in alle Wett unb predigt das Evangelium jeglicher Kreatur. Wer (dieser eurer Predigt) glaubt unb sich taufen läßt, ber wirb selig werden; wer aber (dieser eurer Predigt) nicht glaubt, wird verdammt werden." (Mark. 16,15.16).

Wir fragen uns 1. Wem ist dieser Lehrauf- trag übertragen worben? Antwort: Nur ben Aposteln unb Jüngern. Vom Staate ist weder hier die Rede noch auch an all den anderen Stellen, wo CyristuS seinen Aposteln und Jüngern den Lehrauftrag in Glauben-- und Sittensachen erteilt unb bei ber Ausführung dieses Lehrauftrages „bis zur Vollendung der Zeiten" ihnen seinen wirksamen Beistand verheißt (Matth. 28,20). Es ist eine müßige Frage, ob denn nicht auch der Staat die Fähigkeit unb bas Interesse besitzen könne, unmittel­bar unb birett Religionsunterricht zu geben bezw. zu beaufsichtigen. Der Stifter ber Kirche bat nun einmal alle Glaubens- unb Sittensachen nicht ber unmittelbaren Obhut unb Verwaltung des Staates, sonbern seiner Kirche übertragen, unb da­mit muß sich jeder absinden, der noch sesthält an der göttlichen Würde ober wenigstens an der gött­lichen Sendung und an ben darausfließenden Ho­heitsrechten Christi über jeglichen Menschen unb über jegliche menschliche Autorität. Die Forderung der völligen Unabhängigkeit des Rstigionsunter- richtes von der staatlichen Gewalt ist darum gar keine spezifisch katholische Forderung, sondern eine Forderung, bie von je*em erhoben werben muß, der anbieGottheitoderanbiegött- kiche Senbung Christi glaubt, eine Forberung, die also auchoon allen gläu­bigen Protestanten vertreten werben muß.

Welcher Art ist aber 2. dieser, ben Aposteln unb Jüngern gegebene Lehrauftrag? Welches ist sein Umfang, feine Tragweite unb fein Inhalt?

Ehe wir in die Beantwortung dieser Frage eintre- ten, soll ein für allemal bemerkt werden, daß Christus selbstverständlich nirgendtvo von unseren heutigen Schulen gesprochen hat; an der angeführten Stelle und an all den anderen, die man in dieser Sache an= zusnhren pflegt, spricht Christus allgemein vom Leh­ren und Unterrichten in den Glaubens- und Sitten- w.rhrheiten und von der Erziehung der Menschen zur Beobachtung aller von ihm geoffenbarten bezw. bestätigten Glaubens- und Sittenlehren. Aber die betreffenden Worte Christi sind derart klar und be­stimmt gehalten, daß man mit aller Sicherheit aus ihnen erschließen kann, was Christi Wille und Befehl für unsere heutigen Schulverhältniffe sei. In diesen Schlußfolgerungen gehen wir umso weniger fehl, als Christi Worte so klar und deutlich sind, und die katholische Kirche sie auch immer so verstanden hat, wie wir sie darlegen werden.

Mit diesen Worten ward der Kirche nun erstens die Lehre und der Unterricht im g e samten Evan­gelium, in der gesamten christl. Hetlslehre über­tragen, also die Predigt und der Unterricht in allen Wahrheiten der natürlichen und übernatürlichen Reli­gion, des natürlichen und übernatürlichen Sittenge- setzes, denn Christus war nicht bloß gekommen neue

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Monakbellage: „Sulbaor GeschWMatter sernfp«^ nr.y.

Das Siegel.

Silvesterhumoreske, dem Leben nacherzählt v. Else Ury.

„Gott fei Dank, den wären wir los!" mit einem Stoßseufzer der Erleichterung sah Rudolf Lustig dem sich ächzend aus der Bahnhofshalle wälzenden Eisen- koloß nach. Dann schlang er übermütig den Arm um fein junges Frauchen.

„Ein blauer Lappen hat doch noch daran glauben müssen, Schatz, mir schwante gleich nichts Gutes, als Onkel Rudolf so bericitwillig unserer Hochzeitsein- ladung Folge leistete. Mein Herr Namensvetter ist derselbe Bruder Pumpius geblieben, der er anno da­zumal war. Aber das Berliner Pflaster brannte ihm doch unter den Füßen, er mag hier Wohl noch so man­chen Gläubiger zu fürchten haben — ua, uns kann's recht sein, Schatz, was — hätten sonst am Ende unsere Flitterwochen mit dem alten Onkel zusammen feiern könnenl" Rudolf Lustig lachte sein herzerquickendes Lachen

Frau Ilse starrte mit nachdenklichen Augen den ent­eilenden Tampfwölkchen nach.

„Schatz —" der junge Ehemann suchte ihren Blick, »also doch traurig, daß wir auf die Hochzeitsreise Ver­zicht leisten mußten? Es wird mir ja schwer genug, Kind, hatte mich darauf gefreut, meinem kleinen Frau­chen, während eS hier stürmt unb schneit, den sonni­gen Süden zu zeigen. Wäre mein alter Buchhalter Mengers nicht krank geworden, unb lväre nicht heute gerate Silvester, wo jeder geordnete Kaufmann In­ventur über fein Soll und Haben aufnimmt, fo rollten Vir jetzt statt des alten Onkels in die Ferne hinaus."

Frau Ilse schmiegte sich fester an den Arm des Gatten.

„DaS Weitz ich Rudi, siehst Du, daran dachte ich tben, und nicht an dir mißglückte Reise. Du bist mir fo der Inbegriff aller Rechtschaffenhett und Solidität, daß es mich traurig stimmt, daß Onkel Rudolf Suftig, ber leichtsinnige Windhund, Deinen lieben Namen trägt* Mit zärtlichem Blick sah sie zu ihrem Manne

Dem ward es heiß, trotz der 8 Grad Winterkälte. Unbekümmert um das sie umflutende Silvester­getriebe und die sie umtanzenden Flockensternchen fan­den seine Lippen den Weg zu dem jungen Frauen­mund.

„Wohl bekomm's" — ein vorübergehender Schuster­junge erinnerte die Beiden daran, daß sie nicht die einzigen Bewohner der Millionenstadt seien.

„Also vor zehn werde ich kaum zu Hause sein kön­nen, bettf an mich, Schatz, laß Dir die Zeit nicht lang werden, mein Lieb, — der Teufel hole den alten Mengers und den Silvester dazu, —" mit diesem frommen Wunsch entschloß sich Rudi endlich als wil­lensstarker Mann zu der schweren sechsstündigen Tren­nung.

Langsam schlenderte Frau Ilse ihrem nagelneuen Heime zu. Fußgänger, in dem einen Arm die bau- chige Punschflasche, in der andern die knisternde Pfann­kuchentüte, eilten geschäftig an ihr vorüber. Sie machte auch noch einige Silvestereinkäufc; das sollte ein trau­licher Jahresabschluß zu Ztveien werden I

Mit glückttchen Augen durchschritt Frau Ilse ihr junges Reich. Der Salon war wirklich feudal ge­worden, die ©erbaute mit den Meißner Püppchen un­geheuer chik, und der Marmor Appoll in der Ecke ent riesig anständiges Hochzeitsgeschenk. Dagegen halt eit sich Schützens nicht besonders angestrengt, die Wein- kanne toar ziemlich lumpig — entschieden kein echter Schliff. Und die Bisttenkarienschale, da? toar ganz sicher ein Rundreisegeschenk, die wollte sie nur gleich für die nächste Gelegenheit verpacken. Stück für Stück ihrer neuen Herrlichketten ließ grau Ilse durch die Hand wandern, mit strahlendem Blick nahm sie In­ventur auf — eS war ja Silvester heute. Als sie end- lich ihren Rundgang durch alle vier Zimmer beendet, stand kein Stück Möbel mehr auf feinem alten Platz.

Rudi sollte heute abend Augen machen l

Ihr bester Damastgedeck hatte sie auf den Lisch gebreitet, dar reizende Baccaratschiffchen mtt frischen Blumen gefüllt und die Pfannkuchen in dem kostbaren antiken Korb, der noch von Rudis Großmutter her- stammte, aufgehäuft.

Nun stand sie am Fenster und schaute mit verson­nenen Augen in das Schneegestöber. Ein Prachtmensch war er doch, ihr Rudi, offen und ehrlich wie ein Kind, und dabei ernst, zuverlässig und gewissenhaft---

Frau Ilse fuhr zusammen. Durch die lautlose Stille klang schrill die Türkltngel. Stimmen wurden laut, wahrscheinlich noch ein verspätetes Geschenk.....

„Inädige grau, da is einer, der will Herrn Ru- dolf Lustig oder seine grau sprechen," meldete die neue Perle.

„Sagen Sie, die Herrschaften empfangen noch feine Besuche."

„Er will sich nicht abweisen lassen, er sagt, er muß den Herrn ober die Frau sprechen — da iS er schon selbst!"

Es war ein älterer Manu in blauer Uniform, wel­cher dem Mädchen auf dem Fuße folgte. Prüfend überflog sein Blick bie geschmackvolle Einrichtung.

„Sie wünschen?" grau Ilse maß ben Dreisten vom Stopf bis zu ben Füßen.

„Ich habe mtt Ihnen zu sprechen, lassen Sie bas Mäbchen hinausgehen," klang eS in geschäftsmäßigem Tone.

grau Ilse zauderte. Alles, was sie jentals von Einbrechern und Aiördern gehört, wurde im Augen­blick in ihr lebendig. Wenn der sie abmurkste--

Der Fremde hatte bereits bie Tür geöffnet Ohne auf bie empörte Miene ber Küchenfee zu achten, schob er sie aus dem Zimmer.

„Sinb Sie die Ehefrau von Herrn Rubolf Lustig?" wandte er sich jetzt an die mit großen Augen drein- schauende Ilse.

Ilse neigte zustimmend das Haupt

Ich habe einen Zahlungsbefehl gegen ihren (Batten über 5000 Mark, hier ist das gerichtliche Erkenntnis," et zog aus einer altersgrauen Aktenmappe ein gelb­liches Formular und hielt es der jungen Frau dicht unter die Rase.

„ZwangSvollstreckungS-Protokoll", laS Frau Ilse mtt verständnislosen Augen.

„Sind Sie gewillt, die 5000 Mark Schulden sofort "• zahlen, sonst sehe ich micb genötigt die aerichtliche

Pfändung hier vorzunehmen," wieder überflog, fein Blick abschützend das trauliche Nestchen.

grau Ilse begriff noch immer nicht. Nur dpS Wort Schulden war in ihrem Ohr haften geblieben — ihr Rudi Schulden — 5000 Mark — sie lacht plötzlich befreit auf.

„Mein — mein Mann" — ein bißchen genierte sie sich noch bei der ungewohnten Benennung — „hat keine Schulden, gestern erst hat er mir erzählt, daß er sich noch nie auch nur einen Pfennig geborgt hätte. Sie haben sich vielleicht in der Etage geirrt---*

„Bitte Kenntnis zu nehmen," der Mann (fielt ihr schon wieder das schreckliche Papier vor bie Augen.

„In Zwangsvollstreckungssachen ber Firma N. En­gelhardt wider ben Kaufmann Rudolf Lustig" — da stand es in furchtbar deutlichen Lettern.

grau Ilse griff nach der Stuhllehne.

„Mein Mann ist ein Ehrenmann," stieß sie ge- preßt hervor.

„„Glaub' ich gern", beut Gerichtsvollzieher begann das arme Frauchen teil zu tun, „aber solch ein junger Mann — Du lieber Sott —--da wird gespielt,

das Geld vertan — »as weiß ich," er kratzte sich viel­sagend den Kopf.

Spielschulden — Zechschulden — ihr Rudi, ber In­begriff aller Rechtschaffenheit — es wurde ihr schwarz vor ben Augen.

„Wollen Sie zahlen?" leise Ungeduld klang au» der Stimme des Beamten.

„Ich — ich habe nur vierzig Mark Wirtschafts­geld --'

»Dann sehe ich mich genötigt, zu siegeln," wieder ganz gestrenge EerichtSbarkett schritt der Fremde ge- radenwegS auf grau Ilses Stolz, die ungeheuer chike Eervante, los. „Gehören bie Möbel Ihrem Mann?"

Ilse nickte beklommen.

Wie hatte er sie mit jedem Stück überrascht und erfreut unb nun — Schulden — weiter vermochte Ilse noch nicht zu denken.

Aber als ber frembe Mann jetzt ein großes Siegel auf die Rückseite ber Servante brückte, als auf einem Meißner Püppchen nach dem andern, auf dem Spiegel, ben Polstern, sa selbst auf der weißen Marmor schütt«