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Maer W Zeitung

sÄ«"Ä. wschenbettaee: Illustrierte Sonntagszeitung"

Monakbellag«: „Fuldaer GeschichirbMer"

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Sotationrdruckund Verlag der Fuldaer Ak- tteudruckerei in Fulda Fernsprecher Br. 9.

M 300.

Fulda, Freitau den 31. Dezember 1909.

36. Jahrgang.

Drittes WLcrtt.

= Fulda im Jahre 190S.

In der natürlichen Entwickelung der gesellschaft­lichen Organisation zeigt sich in unseren Tagen zwei- felloS die Tendenz, den Staat, die umfassendste Form der Vergesellschaftung, zu entlasten und den Einheiten im StaatSkSrper, darunter vor allem den städtischen Gemeinwesen zu selbständiger Betätigung mehr Ge­legenheit zu geben. 68 ist heute schon nicht schwer, unter den Lebensäußerungen einer Stadt wie Fulda in dem Zeitraum eines Kalenderjahres eine Reihe von Vorgängen sestznstellen, die in politischer, wirt­schaftlicher, sozialer oder kultureller Hinsicht entweder an sich oder in ihren Folgen höchst beachtenswert sind.

Fulda'S Einwohnerschaft hat sich nach der Personenstandsaufnabme vom 18. Oktober d. I. von 21 350 im Vorjahre auf 21651 Personen erhöht. Die Vermehrung betrug demnach 1,3 Proz. Nach Fest­stellungen deS kaiserlichen statistischen Amtes pflegt die Vermchning in Städten von der Größe Fulda's durch­schnittlich etwa 2 Proz. zu betragen. An G e- meindesteuern wurden 158 Pwz. von der Ein­kommensteuer und 172 Proz. von den Realsteuern er­hoben. Im Steuerjahr 1908 waren von Einkommen- wte Realsteuer gleichmäßig 143 Proz. zur Erhebung gekommen.

An die städtischen Körperschaften traten im Be­richtsjahre eine ganze Reihe wichtiger Fragen heran, deren Erledigung in den weitesten Kreisen der Bür­gerschaft lebhaftestem Jntereffe begegnete. J>n Früh­jahr beschloß der Magistrat und die Stadtverordneten­versammlung einen einmaligen Kanalbeitrag von den Hausbesitzern in Höhe von 6,40 Mk pro 1000 Mk. des gemeinen Wertes der Liegenschaft zu er­heben. Mit diesem Beschluß war ein großer Teil der Betroffenen sehr unzufrieden. Man bestritt die Zu- lössigkett der Erhebung und eine Anzahl Hausbesitzer strengte einen Prozeß an, der von den Verwaltungs- aerichten bis jetzt nicht entschieden worden ist. Im yuli erfuhr man von der Absicht des preußischen Mi­nisteriums des Innern, die hiesige königliche Po­lizei in städtische umzuwandeln. Die finan­zielle Folge der Umwandlung, eine Mehrbelastung des Stadtsäckels um 35 000 Mk, war geeignet, Befürchtung hervorzurufen. Der Täticckeit unseres Reichstagsab­geordneten, des Herm Rich. Müller, ist es zu ver­danken, daß die drohende Wolke wieder verschwand. Am 23. September verabschiedeten die städtischen Kör­perschaften eine Vorlage über die Besoldung der städtischen Beamten. Die Geholter haben dadurch, entsprechend der Verteuerung der Lebenshal­tung, eine Erhöhung erfahren. Gleichzeitig wurden die Ortszulagen für die Lehrer und Lehrerinnen an den Volksschulen in einer Höhe festgesetzt, die von der Regierung nicht beanstandet wor­den ist. Von großer Bedeutung für die Gestaltung der städtischen Finanzen waren die Beratungen des Kreistages am 19. November. Es handelte sich um die Ausführung der neuen Gesetzesbestimmungen über die Verteilung der Wegebaulasten, die eine itarke finanzielle Heranziehung der Stadt ermöglichen. Fm Kreistage gelang es den Vertretern der Stadt, eine Festsetzung der Beiträge durchzubringen, nach der die städtische Mehrbelastung sich auf die verhält­nismäßig geringe Summe von 20 000 M. belaufen wird. . Anfangs Dezember ist im Stadtverordneten- Kollegium auch die Schulfrage akut geworden. Es wurde Mitteilung über die Absicht der Regierung gemacht, an den Volksschulen Rektoren zu bestellen. Da es sich bekanntlich dabei nm ein Manöver zur Be­seitigung der geistlichen Schulaufficht handelt, gab die Gesamtheit der Stadtverordneten in unzweideuti­ger Weise ihre Ansicht über diese Angelegenheit kund.

Stadtverordneten - Ergänzungswah­len haben am 10., 11. und 12. November stattgefun­den. BiS auf Herrn Kräh, der zurücktrat und durch Herm Oberlehrer Vollmer erseht wurde, kehrten die bisherigen Stadtverordneten wieder.

Das äußere Bild der Stadt ist vor allem durch die umfangreichen, allerdings auch kostspieligen N e u - Pflasterungen günstig beeinflußt worden. Mit Schlackensteinpslaster ivurden versehen: Friedrichs- markt, Mittelstraße, Königstraße vor dem Amtsgericht, Karlstraße und Löherstraße. Ein besonders großzügi­ges Unternehmen war die Pflasterung der Kohlhäuser Chaussee bis zur Stadtgemarkungsgrenze (Kosten 58 000 Mk.) Zu einem stattlichen und schönen Bau­werk ist das fgl. AmtSgerichtsgebäude um­gestaltet worden. Die Erneuemngs- und Erweite­rungsbauten wurden in der ersten Hälfte des Jahres zu Ende geführt, sodaß am 22. Juli sämtliche Bü­ros ihren Einzug halten konnten. Begonnen wurde heuer mit den Erdarbeiten für die E rw e i t e r un gs- bauten der Eisenbahnhauptwerk st ätte. Bekanntlich ist im preußischen Eisenbahnetat für diese Erweitemng eine Summe von 375 000 Mk. vorge­sehen, davon für 1909 eine erste Rate von 100 000 Mk. ^kn Viehmarktplatz geht der Neubau eines c v a n- gelischen Gemeindehauses der Vollendung entgegen. Das gewaltige Werk der Fuldaer K a- nalisation ist im verflossenen Jahr in sofern zu einem Abschluß gekommen, als am 1. Juni die Frist ablief, in der der Anschluß der Wohnungen an das Kanalnetz herbeizuführen war. Die Kanalbaurech­nung, die gegen Ende des Jahres die Stadtverordne­ten beschäftigte, ergab, daß das Werk Ausgaben von 1492 139,41 Mk. verursacht hat. Der Voranschlag ist mit 607 139,41 Mk. überschritten worden. Die private Bautätigkeit lag im Berichtsjahre nicht darnieder. Vielfach ünd im Stadtinnern Neu- bairten in die alten Häuserfronten eingefügt worden. Erwähnenswert ist vor allem die vielbedauerte Nieder­legung des alten Hasenpflugschen Fachwerkbaues am Steinweg. An der Stadtperipherie, vor allem in der Gegend an der Leipzigerstraße, sind zahlreiche neue Wohnhäuser errichtet worden.

Der Umfang der Bautätigkeit ist auf die Gestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse des Jahres natürlich nicht ohne Einfluß gewesen. Bedeutungsvoll in die­ser Hinsicht war auch die Gründung eines Grund- und HauSbefitzervereins am 11. Februar. Der Verein hat sich im Laufe des Jahres zu einer maßgebenden Organisation des hiesigen HauSvesitzer- standes ausgestaltet Wichtig für das Erwerbsleben sowohl der städtischen als der ländlichen Bevölkerung des Kreises war die landwirtschaftliche Kreisausstellung, die, verbunden mit einer Tierschau, in den Tagen vom 10. bis 12. Juli veran­staltet wurde. Die Ausstellung hat von zuständigster Seite das höchste Lob errungen. Nicht unwesentlich für die wirtschaftliche Entwickelung dürfte auch die Einverleibung hiesiger, langbewährter Vrivatbanken in deutsche Großbanken sein. Dir Goebel'sche Bank schloß sich ebenso wie tue Birkenncth'sche dem Hessischen Bankverein-Kassel ar; die Wallach'sche (Inhaber Bacharach) trat dem Dres­dener Bankverein bei. Der Ban einet Vogels­berg-Kleinbahn, von der für Handel und Ver­kehr in Fulda viel zu erwarten ist, wurde durch die letzten Verhandlungen im Kreistage sehr gefördert. Der Bau einer Linie Großenlüder—Hosenfeld— Wei­denau ist jetzt nicht mehr zweifelhaft. Der Vier­krieg, der in anderen Städten dem Gastwirtgewerbe viel zu schaffen gemacht hat, spielte sich in Fulda in den harmlosesten Formen ab.

Es fehlte im vergangenen Jahre auch nicht an Maßnahmen, Gründungen und Bestrebungen, die, wurzelnd in dem Gedanken der christlichen Charitas, als Aeußerungen einer modernen Sozialpolitik dahin

zielen, einem jeden menschenwürdige Daseinsbedin- gungen zu gewährleisten. Vor allem ist hier die Tä­tigkeit der katholischen Standesvereine zu erwähnen. Von Bedeutung war in diesem Sinne der Delegiertcntag bet kath. Arbeitet- und Mämier- veteine der Diözese am 21. November. Einen stacken Fortschritt hat die Organisationsidee unter den An­gestellten in kaufmännischen Betrieben gemacht. Der kath. kaufmännische Verein gliederte sich im Mai eine Jugendvereinigung kaufmännischer Lehrlinge an. Am 14. November wurde ein Verein kath. kaufmännischer Gehilfinnen ins Leben gerufen. Der Jugend­fürsorge, diesem Kapitel der sozialen Frage, da? durch Vorgänge in Fürsorgeanstalten im deutschen Norden Heuer im Vorbergcunb des Interesses stand, war die Fürsorgekonferenz gewidmet, die unter gro­ßer Beteiligung des Diözesanklerus im März in Fulda abgehalten wurde. Von nicht zu unterschätzender so­zialpolitischer Bedeutung war schließlich die vorn Gar- tenbauverein weiter geförderte Schrebergätten- b e w e g u n g. Neuanlagen gelangten am Künzeller­weg und am Waldschlößchen zur Aufteilung. Im Laufe des Jahres wurde von sachverständiger Seite die nicht erfolglose Anregung gegeben, die Schreber- gärtenibee für bie Praxis bet Armenpflege nutzbar zu machen, inbem vonseiten bet Stadt an Stelle von Batunterstützungen den Armen Schrebergärten über­wiesen werden.

Von Vorgängen, die das geistige Leben der Be­völkerung berührten, nennen wir vor allem die aus Anlaß des 700jährigen Bestehens des Franziskaneror­dens auf dem Frauenberg in den Tagen vom 2.—5. Oktober veranstaltete Jubiläumsfeier. Die Franziskaner-Klosterkirche ist in diesem Jahre einer völligen Restauration unterzogen worden. Die Neuausmalung ist in künstlerischer Vollendung ausge­führt. Am 24. Nov. wurde auch bie pneumatisch um­gebaute Orgel eingeweiht. In den ersten Wochen des ablausenden Jahres wurden die letzten Erinne­rungszeichen an den Dombrand von 1905 beseitigt. Das Gerüst am Dom verschwand und die neuen Glocken wurden montiert. Am 2. März fand in Gegenwart des Domkapellmeisters Hartmann- Frankfurt a. M. ein Probeläuten statt. Der Sachver­ständige bezeichnete dabei die neue Osanna als eine „Perle der Gkockengicßerkunst". Der Dombrandpro- zeß hat auch 1909 noch kein endgültiges Ende gefun­den. Die v o r g e s ch ich t l i ch e n Forschungen und Ausgrabungen sind von Professor Von- berau mit Erfolg fortgesetzt worden. An der Tränke wurde eine umfangreiche Pfahlbauanlage ausgedeckt. Am 27. Juli fand man in der Domdechanei einen römischen Altarstein. Gegen Ende des Jahres wur­den auf dem Grundstück des Fabrikanten Karl Kramer die Ueberreste eines Rhinozeros im Pliozän ange= troffen.

Ein wohlgelungenes Kreisturnfest fand am 3. 4. und 5. Juli in den Mauern unserer Stadt statt. Der große Fesizug bewies die Leistungsfähigkeit des hiesigen Kunstgewerbes. Der erste Kreisfeuer­wehrtag, verbunden mit einem großzügigen Feuer­wehrmanöver, wurde am 25. Sept, abgehalten.

Größere Veränderungen in der hiesigen staatlichen und städtischen Beamtenschaft sind im letzten Jahre nicht eingetreten. Stadtbaurat Schirmeher verließ allerdings Fulda, nm die Stelle eines Stadtbaurates in Münster i W. zu über­nehmen. In den sieben Jahren seiner hiesigen Tätig­keit sind Schlachthof und Kanalisation sowie die Fried- hofsmilage zur Ausführung gekommen. Gewerbeinspek­tor Dr. Schröder wurde am 1. April nach Hanau versetzt. Gestorben ist im Laufe des Jahres das ehe­malige Mtgkicd mehrerer städtischer Körperschaften, Herr Johannes Geisler.

Ausland.

* AIS Militärschriststeller betätigt sich der östeo. reichische Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand. Er hat eine kritische Schrift über da» österreichische Manöver von 1909, an dem bekanntlich auch Kaiser Wilhelm teilnahm, erscheinen lassen. In dieser Veröffentlichung, die den Titel führt: „Bemerkungen über die großen Manöver ii Mähren 1909" nimmt der Thronfolger zu den bq der Truppenführung zutage getretene» Mängeln Stellung. Der Inhalt bezieht sich in» besondere auf die Verwendung der Ärtilleri' und Kavallerie, auf die Marschleistungen, au die Truppenverpflegungen usw.

* Bnn französischen Kolonialkämpfen wird att» dem Tschad-See -Gebiet berichtet. 200 Sri# qcr des Borkustammes griffen am 27. November dal Lager der Kamelreiter bei Kenam, 45 Kilometer nordöstlich von Mao, an. Auf französischer Seite b# trug die Zahl der getöteten und vermißte» eingeborenen Schützen zwanzig. Auch ein Leut uant wurde verwundet. Das Lager wurde in Brank gesteckt. Die Besatzung von Kenam ist nnverzüglick verftärtt worden.

* Der lOOfte Geburtstag Gladstones gab am vev floffenen Mittwoch den liberalen englischen Partei« Veranlassung, am Londoner Denkmal des große» Staatsmannes (vergl. „2Mt und Wissen") prächtige Kranzspenden niederzulegen. Sehr stack war au# bas Ausland vertreten. Das Balkan-Komitee und eii armenifcher Deputierter brachten Blumenstrauß« und eine Abordnung von sechs bulgarische» Parlamentariern hängte zum Zeichen ihrer Bewim berung für den großen Staatsmann einen sehr kost baren silbernen Kranz an dem Denkmal auf. Auss aus Finnland, aus Holland waren Kränzl gekommen. Die Kranze au3 den Balkanländer» waren meist „dem größten Freunde der Unterdrück ten" oder „dem Erlöser von den tückischen Gräuel» gewidmet

** Der Neunstunbentag für bie belgische» BergwerkSarbeiter ist nun vom belgisches Senat bewilligt worben. . Bekanntlich hach der Senat zuerst dem diesbezüglichen Beschlüsse des Abgeordnetenkgmmer seine Zustimmung versagt unf die Bergarbeiter hatten für den Fall einer fortgesetzte» Weigerung den Generalstreik in Aussicht g# stellt.

vermischtes.

* Die „Tägliche Rundschau" das Orgran oez Evangelischen Bundes, hatte (423, 1909) aus eines Schrift des „alckatholifchen Pfarrers" Sttef in Offen bürg folgendes mit geteilt: „Die Stehler Mission i» Tsingtau soll auf Hypotheken Geld zu 15 bis 1| v. H. ausleihen, während die Gläubigen in Deutsch­land stürmisch durch die ultramontane Presse m» Gaben angegangen werden. Da für die Missionen bd Zoll aufgehoben ist, soll weiter ein Pater BarteÜ cbenbaselbst große Mengen Waren beziehen unb über einen guten Weinkeller verfugen, aus welchem abd den Kranken nur gegen gute Bezahlung bet Wests verabfolgt wird." Bischof Henninghaus aus beC Steyler Missionsgesellschaft, Apostolischer Vikar vo» 3üb-Schantnng, erklärt mm aber die sämtliche» Sttefschen Behauptungen für „böswillige E» fin düngen" und „unsinnige Lügen" Dasselbe erklärt der gegenwärtige Provikar der nän» lichen Mission. Der Verleumder in Offenburg wst Oie ebenso „gewissenhafte" ,Tägl. Rundfchau" hattet offenbar geglaubt, weil Tsingtau so weit entfernt fet, könnten sie ihre schamlofe Verdächtigung der dov ligen Mission ruhig riskieren, ohne sobald eine Wideo lcgung befürchten zu müssen.

Unpolitische Zeitläuse.

(N.) Berlin, 29. Dezember 1909.

(Nachdruck verboten.)

Was ist ein Jahr? Auf dem Weihnachtsmarkt sah ich einen Jungen, der „Waldteufel" anpries unb vor­führte. Die Dinger mußten an ihrer Strippe einen Kreis nach bem anbern durchfliegen. Aha, dachte ich, die Erde gleicht diesem Waldteufel; die Sonne hat sie an der Strippe und läßt sie in einem fort rundum fliegen. Wenn eine Runde um ist, so fchütteln die Bazillen, die auf der umhergewirbelten Erde sitzen, sich gegenwärtig die Hand und sagen: Prost Neujahr!

Wir haben wieder einmal mit unserer Mutter Erde einen Nundgang um die Großmutter Sonne ^.vollendet. Wie oft die Erde schon diesen kreisförmigen JahreSspaziergang gemacht hat, weiß ich nicht; die Gelehrten rechnen mit Millionen von Jahren, aber sie wissen eS auch nicht. Wie ost die Erde diesen Spa­ziergang noch machen wird, wissen wir erst recht nicht. Vermutlich wird es ihr ebenso ergehen, wie der Motte, die beharrlich um die Flamme kreist; schließ­lich werden die Kreise zu enge, und sie fällt hinein. Wenn die Erde in bie Sonne wieder zurückkehrt, von der sie ausgegangen ist, so werden unsere Ur-ur-nv- usw. Enkel den Silvesterabend der Schöpfung und das Neujahr der Ewigkeit begehen.

Der jüngste Tag, — das ist noch ein Jahreswech­sel, der sich lchnt. Die gegenwärtigen Wechsel der JahreSziffern sind nur kindliche Vorspiele. Ein tobt« »igeS Äbschnittchen der Weltgeschichte. Ein dünne» Blättchen aus dem dicken Buche! Auch daS nicht ein­mal; sagen wir lieber: ein Buchstabe auS dem Kon- dersattonslexikon. Oder ein Körnchen in der meilen- st°hen Sanduhr der Zeit. Oder ein Tröpfchen von dem Weltmeere, daS zwischen dem Paradiese und der Hrnmtelsvforte feine Fluten wälzt.

. ^0 'Vrumpst das Jahr zusammen, wem» man er bom Gesichtspunkte der Gesamtschöpfung betrachtet. Etwas anders sieht eS freilich auS, wenn wir die Hand auf daS eigene Her, legen und unS fragen: Was M «in Jahr für mich? Es ist ein Stück von mei- nnn Erdenleben, ein beträchüiche» Stück sogar Wer 80, 70 oder auch nur 60 Jahre lebt, ist schon ein be­vorzugter Vetter von Methusalem. Die meisten Men­

schen muffen früher Schicht machen. Je kürzer das irdische Dasein, desto größer wird der Bruch, In dem sich rechnungsmäßig der Anteil eines JahreS an dem Srbenleben ausdrückt, lind nun muß man noch in Betracht ziehen, daß ein Dutzend oder eine Mandel Jahre auf die Kindheit fallen, in der man sich erst zum richtigen Leden und Wirken vorbereitet, und obendrein noch verschiedene Jahre der Krankheit, der Ermattung, des erzwungenen Ruhestandes in Reserve zu stellen sind. Da bleiben als wirkliche Jahre der Kraft, des Arbeitens und Wirkens nur wenige übrig. Also find diese Jahre Stück für Stück kostbar; kost­barer als alles Gold und Edelgestein, da mit sämt­lichen Schätzen der Erde kein Zusatzjahr zu eckau- fen ist.

Daraus folgt, daß wir zu Silvester den Kopf hoch­heben und uns für reich halten dürfen. Ein neues Jahr ist uns geschenkt. Uns gewöhnlichen Sterblichen wird da» zu Teil, warum so viele Millionäre und Jüchen im letzten Jahre vergebens geseufzt haben. Sie mußten sterben im Jahre 1909 — trotz aller Kunst ihrer zahlreichen Aerzte. Wir aber erleben das neue Jahr; wir sind noch da, wir können mtt unseren Verwandten und Freunden noch di, Glück­wünsche auStouschen; wir habe« noch Hoffnung im Herzen und Kraft in den Händen. Wir können noch wirken und schaffen. Wir können noch nachholen, was versäumt ist, und gut machen, was geschlt ist. Und wenn einer matt und krank darniederliegl am Neu­jahrsmorgen, fo freut er sich doch über bie Verlänge­rung seines irbischen Dasein»; benn er kann boch we­nigstens noch bafür sorgen, baß seine Tobesstunbe selig wirb.

Sllvefter ist ein bemokratischer Mann, er hält eS mit btt Gleichheit unb predigt die Brüderlichkeit. Zu Weihnachten sind die Bescherungen nicht gleich; der eine bekoinmt einen Tragkorb voll, der ander, kaum die hohl« Hand; dort strahlt der Diamant, hier gibttS nur bissigen Tand. Aber Neujahr bringt allen dasselbe. Dann wird nur ein einziger Gegenstand in den Palästen, in den Hütten beschert: nur Zett, Lebenszeit. Der Kaiser freut sich seine» verlängerten Leben», unb bet Tagcköhner sagt auch: Ra, ba ist mir ja noch ein Jährchen zugelegt!

Zett gewonnen, alle» gewonnen.

Es ist kein Zufall, baß zu Silvester eine gewisse wcltbürgerliche Gemütlichkeit herrscht, bei ber bie stei­fen Formen ber Gesellschaft sich etwas lockern. Wenn ich sonst einem fremden Menschen auf der Straße be­gegne, so gehen wir steif und still aneinander vorüber; wir sinb uns gegenseitig Lust. Und wenn er in einer sonstigen mitternächtlichen Stunde mir einen „guten Abend" zurusen wollte, so würde ich mich erstaunt fragen: „ Was will denn der Mann? Irrt er sich oder ist er nicht wohl? Aber das „Prosit Neujahr" in der Silvesternacht hat einen Freibrief. Man wird angepiostct von Leuten, die einem nicht vorgestellt sind und wahrscheinlich auch nie vorgestellt werden. Und wenn der Gruß nicht gar so rüpelhaft ertönt, so antwortet man hübsch, ohne erst zu fragen, was für einer das sei. Wie sein Antlitz zeigt, ist er ein mensch­licher Bruder von Adam her, und wie sein Anruf zeigt, freut er sich des veckängerten Lebens, gerade so wie wir. Er atmet mit uns von derselben Lust und macht mit uns die alljährliche Rundreise um die Sonne mit. Er wird auch ebenso roie wir einmal sein letztes irdisches Neujahr begehen, und wer von uns am längsten Prosit Neujahr rufen kann, da» bleibt abzuwarten. Augenblicklich sind wir noch Reisege­fährten, und auf der Reise muß man mtt seinen Ge­nossen möglichst gemütlich verkehren. Die Unterschiede von Stand, Besitz und Bildung werden sich morgen schon wieder bemerklich machen; seien wir heute ein­mal rein menschlich gestimmt, wie er für Abkömmlinge von Adam und Eva sich geziemt.

So ecklärt eg sich auch, daß man das Christfest am liebsten im engeren häuslichen Kreise begeht, da­gegen zu Neujahr sich mehr in die Oeffenilichkeit ge­zogen fühlt. Dort die Innigkeit der Einzelpmülie hier das Gefühl der lorttburgerlichen Familiengrmein- schast. Dort die ftiBe Rächt, hier die geräuschvolle Rächt. Man könnte auch als Gegensatz zu der hei- ligen Nacht den int^dligen Charakter mancher Sil- vesterfeier hervorheben. Aber wenn auch der welt­lich« Zug, di« Freude am irdischen Leben sich beim Jahreswechsel stäcker vordrängt, so braucht d.-ch kein vemünfüger und braver Mensch die Sinseiügkeit oder Maßlosigkeit der Jahresfeier mitzumachen. In har- nwmscher Vereinigung kann man dem Himmel die Ebre und der Lebensfreude ihr oebübrende» Recht

geben. Das Auge muß zu Silvester nach den Rich­tungen sich wenden: auf die vergangenen Jahre mU kritischem Blick, auf die kommenden Jahre mit hoffe» dem und entschlossenem Blick, und zum Himmel hi«i aus mif gelobendem und bittendem Blick.

Weihnachten und Neujahr liegen nicht bloß zeit­lich sich nahe, sondern ergänzen sich auch innerlich ge­mäß dem Doppelruf auf Bethlehems Fluren: Ehr« sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen aus Erden.

Zu Weihnachten sind die Kinder die ersten unb lebhaftesten Träger der Freude. Zu Neujahr siehe« die Erwachsenen in der ersten Reihe. Das Kind weiß den Wert eines JahrcS noch nicht recht zu erfassen. Aber je weiter der Mensch vorrückt in seiner bemessenen Lebensfrist, desto besser weiß er jede Ver­längerung der Zeit zu schätzen. Ob an die Schätzung in der Silvesternacht auch die Ausnutzung i« den folgenden 365 Tagen anschließen wird, — daS hängt von der Klughett und Tatkraft deS Einzelnen ab. WaS unS beschert wird, ist ein Gefäß; für bi« Füllung müssen wir selbst sorgen.

Nun gibt es Schwarzgallige unb Flaumacher, btt ba sagen: „Ach was, bie JahreSziffern ändern sich zwar, doch das neue Jahr ist nicht besser, als daS alte. Jacke wie Hose. ES ist nichts mit dem menschliche« Leben, und es wird auch nichts." Solche Verdrossen- heft ist nicht bloß ungerecht, sondern auch unklug. Wenn man seufzend oder scheltend bie Hände in den Schoß legt, so kann freilich die Verlängerung bei Leben- nicht nützen. Das Glück muß geschmiedet werden, und wer schmieden will, muß die Arme recken unb strecken. Frisch und fest zum Hammer gegriffen, dann wird es sich schon schmieden taff eit. Und sollt« da» Eisen dieses irdischen Mücke» fich spröd« erweis««, nun, bann schmiebest bu btr wenigstens den Hebel zu dem ewigen Glück. Da» neue Jahr wird gut sein, wenn wir nach bestem Wissen und Können unsere Wicht unb Schulbigkett tun. Und daß wir baz« noch Zett unb Gelegenheit haben, barüber freuen wir uni tut verein mit allen Zeitgenossen.

Zeit ist eine rare Ware;

Nutze sie unb spare, spare!

Von ber Wiege bi» zur Bahre Sinb nur wenig kurze Jahre.