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Fulda, Donnerstag den 30. Dezember 1909.

36. Jahrgang.

Erstes Wlcrtt.

» Ueber die Wahlresorm

^vird nach einer Meldung der zuweilen offiziös be­dienten „Neuen Pol. Korresp." die Thronrede gur Eröffnung des Landtages einen Passus enthalten; über den Inhalt werde jedoch bisher Stillschweigen beobachtet, und alles darüber in der Presse Verbreitete beruhe lediglich auf Vermutung.

. Plan braucht kein großer Prophet zu sein, um Vorhersagen zu können, daß es mit der Reform nicht weit her sein wird. Bekanntlich handelt eS sich bei der Reform um vier Fragen:

1. Gleiches Wahlrecht oder Abstufungen des Stimmrechtes?

2. Direkte Wahl oder Zwischeninstanz der Wahl- männer?

3. Geheime oder öffentliche Stimmabgabe?

4. Neueinteiiung der Wahlkreise gemäß den Be­völkerungszahlen?

Die eben vorliegende Wahlstatistik liefert nur Ma- terial zur Beleuchtung der ersten Frage. In den halbamtlichen Auszügen aus der Statistik suchen die Offiziösen nach Möglichkeit den „plutokratischen Cha- rakter" des Wahlrechts abzuschwächen und sie verwenden ganz besonderen Eifer auf die Darlegung, daß der Mittelstand in der 2. und vielfach sogar in der L Wählerklasse zu seinem Recht koinme und daß über­haupt die mittlere Durchschnittslinie bet der sozialen Schichtung der Wählerklaffen in der Re­gel eingehalten werde.

DaS muß die Vermutung bestärken, daß die an- 'geblich bevorstehende Reformvorlage in die Grundlagen des bestehenden Zensuswahlrechts nicht tief eingreifen soll. Die liberale Presse, die zum Teil für das gleiche Wahlrecht, zum Teil für eine Abstufung mittels der Pluralstimmen eintritt, erhebt denn auch schon lebhaften Widerspruch gegen die Be­schönigung' des bestehenden Systems der drei Steuer­klassen. Ein nationalliberales Blatt faßte seine Kri­tik und sein Bestreben kurz und kräftig zusammen in die Formel: Kein plutokratisches und kein demokra­tisches, aber ein ari st akratisches Wahlrecht! Natürlich hat das Blatt nicht die Aristokratie der Ge­burt oder des Grundbesitzes im Auge, sondern will Vorrecht für die „Bildung" und die „höheren Lebens­auffassungen" so konstruieren, daß die national- liberalen Herren das U e b e r g e w i ch t be­kommen.

Während man so auf der liberalen Seite den Par» teivorteil in der tendenziösen Abänderung des Wahl­recht, anstrebt, wirkt die konservative Partei in ihrem Parteiinteresse auf die Erhaltung des sesu henden Verfahrens hin. Wir haben schon ausge- Kh:t, daß das Zentrum zwischen diesen bei­den Bestrebungen fleht. Es kann uns natürlich nicht e'mfalleu, den Liberalen zu einem Pluralwahlrecht zu Gunsten ihrer „Aristokratie" zu verhelfen, aber wir 'Innen auch nicht für die Erhaltung des Dreiklaffen- shstems eintreten.

Es ist und bleibt ein rohes plutokratisches System, weil es einzig und allein die S t e u e r l e t st u n g, ilso das Einkommen und das Verniögen, zum Maß­stäbe für die Abstufung des Wahlrechtes macht. Wenn in den letzten 15 Jahren die Uebermacht der großen Geldbeutel in den Stäckezifsern und Wahlklassen nicht stärker als früher hervocgelreten ist, so liegt das an den „demokratischen" Klauseln, die seiner Zeit, bei der Miguelschen Steuerreform, vom Zentrum durch­gedrückt worden sind. Die Bestimmung, daß nicht im ganzen Gemeindebezirk, sondern in den einzelnen Ur­wahlbezirken „gedrittelt" werden soll, hat vielfach kleine Leute in die obersten Klassen gebracht, und die weitere Bestimmung, daß den Wählern, die keine Ein­kommensteuer zahlen, 3 Mark gutgerechnet werden sol­len, hat zu einer allgemeinen Ausrückung in die oberen Klaffen mit beigetragen. Die letztere Wirkung war

aber zu schwach, und die erstere Bestimmung hat zu ungleichmäßig und zu sporadisch sich betätigt. Wei­tere Reformbestrebungen der Zentrums, wie z. B. die Nichümrechnung von Steuersätzen über 2000 Mk., sind bekanntlich vor zehn Jahren an dem Widerstand der Konservativen und der Nationalliberalen ge­scheitert.

Tas Bild, das die preußischen Wahlen jetzt bie­te«, ist trotz aller BeschöniMNgsversuchr verzweifelt unerquicklich. Die Plutobratie ist nur hier und da gemildert durch ganz unregelmäßige Ab­schwächungen, die wie ein wirres Spiel des Zufalles aussehen. In der einen Straße kommt ein Millionär in die 3. Klaffe, in der anderen ein Arbeiter in die 1. Klaffe. Auch die vielgepriesene „MittclstandS- fteuridlichkeit" des Wahlrechts kann nur aus solchen wirren Ausnahmen erklärt werden. Auf die Dauer ist so ein unordentliches Flickwerk nicht haltbar. Noch weniger die Unterschätzung des persönlichen Wertes und die Mißachtung des s o z i a l p ol i t i - s ch e n Zuges der Neuzeit.

Die Reform ist notwendig, aber die Aussichten für eine gründliche Reform kann man beim besten Willen nicht für günstig erklären.

Deutsches Reich.

* 100 Millionen Defizit in Preußen.

Neber den neuen preußischen Etat für 1910 wird der „Deutschen Tageszeitung" geschrieben: Der preußische Etat für 1910 ist fast noch sparsamer aufgestellt worden als 'der von 1909, trotzdem hat es sich nicht vermeiden lassen, daß ein Defizit von annähernd 100 Millionen Mark sich ergeben hat. Die Eisenbahnverwaltung steht ja leider schon seit Jahren unter einem ungünstigen Stern. Die Reinüberschüsse werden von Jahr zu Jahr kleiner, von 250 auf 83 Millionen sanken die Zahlen in den beiden Vorjahren. Für 1910 liegen die Verhältnisse wenig besser; durchgreifende Refor­men werden nötig werden, um die frühere Stabi­lität des Etats wieder herzustellen. Man hat die Trennung des Eisenbahndispositionsfonds vom Ausgleichsfonds vorgeschlagen. Dieser Vorschlag ist für 1910 auch befolgt worden. Dem Gedanken einer Tariferhöhung hat man aus einleuchtenden Gründen nicht nähertreten wollen. Die Einnahmen für 1910 sind im Eisenbahnetat sehr vorsichtig auf­gestellt, mit der Verkehrszunahme von 4 Prozent wie in den Vorjahren ist nicht gerechnet worden.

* Berlin, 29. Dez. 1909. Der Kaiser hat sich bereits wieder nach Potsdam zurückbegeben. Die Verlegung des Hofhaushaltes von Potsdam nach Berlin wird für die Mitte der ersten Januar­woche erwartet. — Das Kronprinzenpaar von Griechenland, das gegenwärtig in Deutsch­land weilt, fuhr am Mittwoch mm Besuche des Großherzogpaares nach Karlsruhe und kehrle abends wieder nach Frankfurt zurück. — Der H erzog - regent von Braunschweig Johann Albrecht und die Herzogin Elisabeth haben Mittwoch vor­mittag die Reife nach Süd- und Ostasien angetreten. — Reichsgevchtsrat Stephan Hoffmann ist zum Senatspräfidenten beim Reichsgericht, Land- gerichlsdirektor Dürr und der Vortragende Rat im Justizministerium Heyer find zu Reichsgerichts­räten ernannt worden.

)( Der mitteleuropäische Wirtschastsverein wird in den ersten Januartagen eine Konferenz zur Be­ratung über einen Rechtshilfevertrag zwischen Deutschland, Oesterreich und Ungarn in Wim ab­halten. — Mit der steigenden Entwickelung des internationalen Güteraustausches ist die Industrie mehr und mehr gezwungen, ins Ausland hinein Kredit zu gewähren. Dabei ist eine leichte Rechts­verfolgungsmöglichkeit absolute Voraussetzung. Die Großindustrie beschäftigt sich zwar neuerdings leb-

Sie frieren wohl sehr? Kommen Sie, wir wollen uns beerten I"

„Ach bitte, bemühen Sie sich nicht", wehrte Gerda errötend, al» er feinen wasserdichten Wettermantel abnahm und ihn dem Mädchen um die Schultern hing.

„Rein, laffen Sie ben Mantel nur ruhig um", lachte et, „ich brauche ihn wirklich nicht und Sie sehen so blaß aus. Ich merkte eS wohl, wie Sie frö- stcknd zusammmschauerten. ES ist unverzeihlich von mir, daß ich nicht eher daran dachte; und nun führe ich Sie auf dem kürzesten Wege zur Mühle."

Die beidm schritten jetzt rasch in den bereits nie- berbämmetnben Abend hinein. Aber eS wollte kein rechtes Gespräch mehr auflommen. Gerda fühlte ihr Heq heftig klopfen bei dem Gedanken an ben Groß­vater und ihr Begleiter, der von Zeit zu Zeit einen forschen dm Seitenblick auf das Mädchen warf, mochte die Gedanke« erraten, die hinter der blassen Stirn kreisten. Deshalb hob er nach einer Pause wieder an: „Sie haben gewiß Angst vor dem, war die nächste Zukunst Jhnm bringen wird?"

Sie nickte beklommen.

„Na, na," ermutigte er gutmütig das junge Mäd­chen, „lassen Sie den Kopf nicht hängen I So hart- herzig wird der alte Müller wohl nicht sein, daß er Jhnm die Aufnahme In fein HauS verweigert. Sie sind wohl da» einzige Kind seiner Tochter?"

„Ja", nickte Gerda.

„Und wenn er sich weigert", nahm Viktor da» Gespräch wieder auf, „so tommen Sie zu uns. In unserem H<mse ist Raum genug für Sie, und meine Verwandten würden sich freuen. Sie Dören ja ganz gut aufgehoben. Ich denke, eine Beschäftigung wird sich dann leicht finden lassen."

Da« junge Mädchen blickte fragenb auf

„Ihre Verwandten? Leben dieselben bei Ihnen? Sind das die Kinder von — Robert Helldorff?"

Er merkte da» Zögem bei Nennung de» Namens

„Allerdings", entgegnete et rasch, „die Kinder meines Onkel», für die zu sorgen ich ihrem sterbenden Vater versprach. Kinder sind beide freilich nicht mehr, sie find meiner Zucht sängst entwachsen. denn

Schattenblume.

16] Originalroman von Irene v. Hellmuth.

„Also das wissen Sie mich schon? Wer hat Jhnm denn von mir erzählt? Ich kam allerdings aus Ame­rika, aber ich glaube, ich war schon von Kindheit an mehr Dmtscher als Amerikaner; das macht eben, daß meine beiden Eltern Deutsche waren und meine Mut­ier hat die Sehnsucht nach der Heimat nie ganz aus dem Herzen zu bannen vermocht; sie sprach mir so viel von den deutschen Wäldern, ben Bergen, von der Scholle, wo jte geboren war — ich kannte alle deutschen Märchen auswendig; da ist es nicht zu »er­muntern, daß ich das schöne Land kennen lernen wollte, das mit meine Mutter so begeistert schilderte. Es wat ihr einziger Wunsch, die Heimat wieder sehen zu dürfen; — leider ging er nicht in Erfüllung. '— Und als meine Eltern gestorben waren, da zog es mich unwiderstehlich nach der Stätte, die meiner ge­lebten Mutter so unendlich teuer war. Da fand ich 'allerdings, daß sie recht hatte, das Land ist schön, und e8 wurde mir eine zweite Heimat. Ich fand auch -Arbeit genug, und die Arbeit war für mich ein großer ©egen. So überwand ich leichter dm Schmerz, ben der Tod meiner Mutter mir bereitete. Sie sehen, Win Fräulein, wir teilen eigentlich das gleiche LoS: benn auch ich stehe so ziemlich verwaist auf der Welt." ! Er senkte ben Kops und Gerda, die ihm aufmerk­sam und interessiett zugehört hatte, fiel lebhaft ein: ! DaS ist bei einem Manne doch etwas ganz anderes. 'Er kann überall hin, ihm bietet sich viel leichter eine 'Gelegenheit, feine Kenntnisse zu verwerten, als einem Älädchm. Wäre ich ein Mann, ich könnte eher dm Kampf mit dem Dasein aufnehmen, ich ginge in die Welt hinaus und brauchte nicht um Ausnahme zu Jettein. Man wird mir dieselbe widerwillig genug gewähren."

.Da mögen Sie wohl recht haben", stimmte Viktor Dolz bei, „aber verzeihen Sie, daß ich Sie hier so lange aufhalte bei diesem miserablen Wetter. Mir ^hk'nt. Sie haben ein trockene» Plätzchen sehr nötta.

haft mit der Frage der Errichtung eines Instituts für internationales Recht, um so für die Gewäh­rung von Kredit ins Ausland das Studium der Rechtsverhältnisse zu erleichtern. Wo aber Rechts­hilfeverträge möglich sind, da bildm sie natürlich das Ideal, und darum darf man wünschen, daß die Bestrebungen dieser Organisationm von Erfolg begleitet sein mögen.

X Ueber die Wohmmgsfürsorge für Staats- arbeitet und Staatsbeamte liegt nunmehr eine Art llebersicht vor. Der Staat hat bisher für diese § wecke 37 Millionen Mark ausgewandt. An 431 rten sind 2042 Häuser mit 12 354 Wohnungen geschaffen worden.

* Ueber die Deutsche Bereinigung wacht deren Organ, die Deutsche Wacht (Nr. 51/52) nachstehende Angaben: Der Schwerpunkt der Be­wegung liegt vorderhand in Rheinland und West­falen. . . . Außerhalb Rheinlands und West­falens bestehen noch folgende Orgamsationen: ein Agitalionsausschuß für Hessen-Nassau und Ortsgruppen in Hachenburg und Montabaur.

* I« der Freisinnige« Bolkspartei ist zum 15. und 16. Januar der Zentralausschuß berufen worden, um Stellung zu dem Programm und dem Organifationsstatut für die Vereinigung der drei linksliberalen Parteien zu nehmen. Von dieser Beratung wird das Schicksal der Einigung abhängen; denn der Widerstand dagegen fand bisher in der Hauptsache in der Freisinnigen Volkspartei seine Stütze, währertd die anderen Gruppen mit der Einigung längst einverstanden waren, zumal sie angesichts ihrer Schwäche ja bei einer Einigung nur zu gewinnen, nichts zu verlieren haben.

s. Der liberale preußische Lehrerverein hat soeben in Magdeburg eine Vertleteroerfammlung abgebalten. Erwähnenswert ist von den Be­schlüssen zunächst jener, der sich dagegen wendet, daß bet Zählungen irgendwelcher Art auf die Lehrer ein Druck ausgeübt roetbe, in dem Sinne, daß sie das Amt des Zählers übernehmen sollten. Weiter beschäftigte man sich mit einem Anträge über die Verwaltungsreform der Schule. Man nahm einstimmig einen Antrag an, der ein eigenes Unterrichtsministerium, die ehrenamt­liche Mitwirkung der Lehrer in allen Instanzen der staatlichen Schulverwaltung, ferner einen „durch ihre Eigenart bedingten Schutz vor zu weitgehender, einseitigex/periönlicher Einwirkung" für die Schule, ferner die hauptamtliche Kreis- schulinspektion durch Fachleute verlangt wird. Weiter faßte man einen Beschluß zugunsten des passiven Gemeindewahlrechts für Lehrer.

* Keine persönliche Kampfesweise. Das nationalliberale ,Siegener Volksvlattt, das kürz- lich ehrenrührige Andeuiungen gegen christlich­soziale Abgeordnete machte, wird von der ,Natio- nallib. Korrsp/ mit Recht derb abgerüffelt, weil es den politischen Kampf durch das Hereinziehen persönlicher Momente „vergiftet".

* Zu der mecklenburgischen Berfaffungs- frage erfährt die .Kreuzzig/ auf Erkundigung, daß die Mehrheit des Reichstags zu einer Aenderung der Reichsverfassung aus Anlaß der mecklenburgischen Kämpfe nicht gewillt ist, und daß auch der Bundesrat nach wie vor auf dem Standpunkte stehe, den am 15. Juni d. I. der ehemalige Staatssekretär des Innern, der heutige Reichskanzler, dahin präzisiert hat, es liege nicht in der Absicht der Verbündeten Re­gierungen, die Machtsphäre des Reiches gegen­über dem inneren Verfassungsrecht der Einzel­staaten anders abzugrenzen, als es in der Ver­fassung geschehen ist.

* Die Sozialdemokratie ta eigener Beleucht tung. In Stoppenberg bei Essen haben di» „Genossen" bei der Gemeinderatswahl das Kunst­stückchen fertig gebracht, einen Zechenbeamten zum Wahlbeifitzer zu machen und damit die Freiheit der Wahl zu beintrSchtigen. Das gab der .Essener! Vlksztg' Gelegenheit, daS Gebühren der rotem „Helden" gebührend zu kennzeichnen. In einet. Polemik mit dem gen. Zentrumsblatt schreibt die .Essener sozialdemokratische Arbztg. u. a. neuer­dings folgendes:

„Werter erzählt sie (die Ess. Volksztg.) mit breitem. Behagen, daß der in Stoppenberg aufgestellte foual». demokratische Gemeinderatskandidat und Wahlbeisitzer. Heinrich Karwel zusammen mit bet Ehefrau AwisznS' und dem Uhrmacher Kreutz wegen Falsch münz er ek verhaftet worden ist. Dieses Vorkommnis ist für unsere Stoppenberger Genossen, es soll dieses nicht geleugnet werden, eine äußerst deprimierende Tatsache, mit de» sie sich abzufinden haben. Sie bilden aber gewisser», maßen nur den Schlußstein zu den langjährigen zer-, fahrenen Verhällnisfen in unserer gesamten Stoppen-, beiger Arbeiterbewegung, wo gewissenlos^ Schwadroneure es immer verstanden haben, ein wildes Durcheinander zu erzeugen. Alle ReinigungS- versuche schlugen immer wieder fehl an bim dort herrschenden Kliquenwesen, in welchem sich teilweises Schwadroneure und Aemtchensäger breit machten, I« einem Falle erfuhr die Staatsanwaltschaft sogar von, dem Ausschluß eines Genossen aus der Partei, der, Diebstahl an Privateigentum begangen hatte.- Nun erlebt man das alte Trauerspiel in neuer Auf­lage. Eine Person, die vor einem Münzverbreche« nicht zurückschreckt, hat es verstanden, sich das Aev- trauen der Genossen zu erschleichen. Wird der Vor», fall endlich unseren Stoppenberger Genossen zeigen daß man die Memchen nach ihren Taten und nicht, nach ihrem Geschwätz beurteilen muß?

Diese Selbstbekenntnisse nennt die .Essener, Volksztg/ mit Recht den Zusammenbruch der Stoppenberger Sozialdemokratie und knüpft daran die Frage: „Glaubt denn die «Arbeiterztg., daß noch ein Arbeiter, der etwas auf seine Ehre hält, einer solchen Gesellschaft, die in dieser Weise von’ der eigenen Parteileitung bloßgestellt wird, in; Zukunft angehören könnte?" Im übrigen haben die Zustände im sozialdemokratischen Lager anderer Städte verzweifelte Aehnlichkeit mit dem Stoppen« betger Musterbelspiel. Man muß sich nur immer wundern, wie solche Leute, wie sie von der «ED Arbeiterztg/ geschildert werden, ben Mund so­weit aufzureißeu wagen.

* Karlsruhe, 29. Dez. 1909. Die S chulti steht in Baden gegenwärtig im Vordergrund deSj Interesses. Es ist für die Lage in unsere»! Lande bezeichnend, daß die Liberalen das fRefe«: rat über die Volksschule an den Sozialdemo-i traten Kolb ausgeliefert haben, damit eS ja nicht! in die Hände eines Fehrenbach komme. Im! engsten Zusammenhang damit steht ein anderer! Vorgang, der sich kurz vor den Feiertagen m der Budgetkommission abgespielt hat. Er dreht»! sich um die Lehrerseminare. Die filteren! badischen Bildungsanstalten für Volksschullehrerf waren von jeher konfessionell, die neueren ba», gegen trugen einen simultanen Charakter. Es hatte also jedermann Auswahl. Man sollt» meinen, dieser Zustand müßte jedem liberalen Manne auch in Baden genügen. Mit Nichten I Schon auf dem letzten Landtage hatte der Block den Antrag eingebracht, daß die Regierung bi» noch konfessionellen Lehrerseminare simultani- sieren solle. Damals unterlag ber Großblock weil einige Nationalliberalen nicht mitmachtew Dafür würben sie aus dem Parteitage zu Mor­bach von den Jungliberalen energisch abgerüffelt. Als nun die Ährerseminare jüngst in der Bud-

meine Koustne Ada zählt bereits 20 Jahre, wahrend ihr Bruder Egon um drei Jahre älter ist."

„Und Sie glauben, daß zwischen den Kindern Ro- bert Helldorffs und mir ein freundschaftlicher Ver­kehr stattfinden könnte?"

„Weshalb nicht, mein Fräulein, hoffentlich sind Sie nicht so engherzig wie der alte Müller Brendel und machen nicht die Kinder für die Sünden des Vaters verantwottlich?"

„Stöbert Helldorf hat schlecht gehandelt, er hat sich schwer an meinem Großvater und der armen Trude versündigt? Er hat den Großvater unglücklich gemacht und die Trude in ben Tod getrieben I' rief Gerda lebhaft, „ich begreife, wenn der alte Mann seinen Haß auch auf die Kinder überträgt!"

„Mein Fräulein, Sie kennen die Geschichte, die da vor langen Jahren passierte, wie es scheint, ganz genau."

Gerda nickte.

„Mein Vater, der sie miterlebte, hat sie mir er» zählt. Und Sie, wer hat sie Ihnen berichtet?"

„Mr? Nun, ich hörte so mancherlei von meinen Arbeitern, doch war eS nichts Genaues. Die Kinder Roberts mochte ich nicht nach der Schuld der Vaters fragen, und so wandte ich mich an die alte Stof et. — Sie kennen wohl auch ben guten Geist, der auf der Mühle haust?"

Als Gerda lächelnd bejahte, fuhr Mktor fort: „Sie müssen nämlich wissen, baß ich der erklärte Lieb­ling der alten Rosel bin. Der Müller darf da» freilich nicht ahnen, das gäbe einen Heidenspektakel, aber die gute Alte hat mich in ihr Herz geschloffen, ste hat e» mir nämlich selbst gesagt, als ich sie zufällig tm Walde traf. Wir redeten so allerlei, sie fragte mich auch, warum ich mir noch keine Frau genommen hätte. Ich sagte ihr, ich sei nun schon zu alt, um noch zu freien; da lachte sie mich auS. Dazu sei man nie zu alt, meinte sie. Ich glaube, die würde mich gen re nehmen, sie schaut mich immer ganz verliebt an."

Zum erstenmale seit dem Tode ihre» Vaters lachte Gerda laut und.he«fich auf.

„Ein komisches Bild, das Ste entwerfen! Die alte Rose! hat doch gern ihre sechzig Jahre aüf dem Rücken, während Sie — — —'

DaS Mädchen stockte errötend.

„Na, weshalb vollenden Sie nicht?" lachte er be­lustigt.

„Für wie alt halten Sie mich denn eigenttich?"

Gerda warf einen halb schelmischen Blick auf ihren Begleiter, der sich zu seiner vollen Höhe aufrichtet» und sie erwartungsvoll ansah.

„Nun?" mahnte er eindringlich, als Gerda ver­legen schwieg.

„Etwa — 35 Jahre", sagte ste stockend.

„O, Sie schmeicheln", lachte er, „ich bin ein alter Knabe, — bereits vierzig!"

„Das sieht man Ihnen aber nicht an!" —

„Na, das freut mich, das heißt, wenn es wahr ist!" „Gewiß", versicherte sie heiter.

Gerda hatte für kurze Zeit ihre Sorgen vergessen. Ihr Begleiter verstand es, ste zu unterhalten und z« zerstreuen. Sie hatten das stattliche Dorf erreicht unb Viktor deutete auf ein im Villenstil erbautes Hau», das auf einer kleinen Anhöhe stand, ganz abgefonbert von ben Übrigen und mit seinen Türmchen unb Erkern einen sehr vornehmen Eindruck machte.

„Sehen Sie, Fräulein, dort hause ich mit meinen Verwandten Meine Cousine Ada führt die Oberauf­sicht über die Dienstboten; sie versteht daS Haus­wesen mustergilttg zu leiten. Mein Vetter Egon hat allerdings viel von den Untugenden feines Vaters ge­erbt, — leider", fügte er mit leichtem Seufzer hinzu. „Die Strbeit liebt er durchaus nicht, er meint, eS gehe auch ohne dieselbe unb hat mir mit dieser seiner An­sicht schon viel zu schaffen gemacht. Na, er ist ja noch sehr jung unb wird schon noch zur Einsicht kommen. Einstweilen steht et unter meiner besonderen Aussicht und Leitung, vielleicht gelingt eS mir doch, einen tüchtigen Menschen auS ihm zu machen. Waren Sie früher schon einmal hier, Fräulein?" wandte er sich plötzlich, da» Thema wechselnd, fragend an das junge Mädchen.

Sie.nickte mit leuchtenden .Augen.