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Huldaer
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Rotationsdruckunl vertag der Fuldaer Ak- tiendrnckerei ht Fulda Fernsprecher Nr. 9.
Fulda, Mittwoch den 29. Dezember 1909.
JM& 298.
36. Jahrgang.
das Wort. Freilich als Reichskanzler fiihrte er sich mit seinen drei kleinen Reden nicht sehr gut ein, hätte er sie zusanimenhüngend als eine Rede gehalten, dann würden die offiziösen Speichellecker vor ihm auf dem Bauche liegen. Bethmann-Hollweg ist trocken, ernst, zurückhaltend, kann aber auch sehr warm werden und findet dann den Brustton der Ueberzeugung.
Wir glauben, man unterschätzt diesen Mann gar sehr; er ist mehr, alS er sich gibt und wird gar bald zeigen, daß er nicht der harmlose Wanderer ist, der nicht auf 5 zählen kann
Deutsches Reich.
* Die »Konservative Bereinigung" der Herren Bredereck und Koch — vom ihrem Sitze Pankow bei Berlin auch die Pankgrasen (Behörde zur Reinhaltung der Panke) genannt — hat sich schriftlich um Ausnahme in den Gesamtverband der Konservativen Partei angemeldet. Wie die ,Kons. Korresp/ schreibt, ist der Parieivorstand noch nicht in der Lage, sich hierzu zu äußern, da die verlangten Statuten noch nicht vorgelegt worden sind. Zwischen den Zeilen kann man lesen, daß das Aufnahmegesuch glatt abgelehnt werden wird. Warum schlüpft die Vereinigung nicht bei den Nationalliberalen unter, denen sie doch weit näher stehen. Anscheinend will man sie dort auch nicht haben. So schreibt der hannoversche Kurier":
„Was sich in der „Konservativen Vereinigung" zusammengeschart hat, das sind zum Teil Pfarrer, zum Teil unpolitische Köpfe, aus Offiziers-, Studierten und Beamtenschichten. Die „Konservative Vereinigung" wird daher vermuttich ein ähnliches Dasein führen wie im katholischen Lager die „Deutsche Vereinigung", die sich unter ganz ähnlichen Umständen vor zwei Jahren vom Zentrum getrennt hat."
Hiernach kann also Herr Bredereck die Ein- zeichnungsliste schon wieder schließen.
Ausland.
** Das österreichische Herrenhaus hat 30 neue Mitglieder erhalten. Es wurden sechs erbliche Mitglieder und 24 Mitglieder auf Lebzeiten neu ernannt. Unter diesen befindet sich der Zisterzienser-Abt Bruno Pammer und der bekannte Wiener Nationalökonom Prof. Eugen v. Philippowich.
** lieber konfessionelle Uebertritte in Rußland berichtet das russische Ministerum des Innern. Nach seinen Angaben sind in Rußland in der Zeit zwischen dem 30. April 1905 und dem 14. Januar 1909 230 000 Personen von der sog. orthodoxen Kirche zum Katholizismus übergetreten. Zum Protestantismus sind 14500 Personen übergetreten. Zum Islam 50000, zum Buddhismus 3400, zum Judentum 400 und zum Heidentum in Sibirien an 150.
volkswirtschaftlicher und Soziales.
m. Der 2. Jahresbericht des Mitteldeutschen Arbeitsnachweisverbandes, Sitz Frankfurt a. M, der die Provinz Hessen-Nassau, das Großherzogtum Hessen, das Fürstentum Waldeck und die Kreise Wetzlar und Kreuznach der Rheinprovinz umfaßt, stellt u. a. fest, daß die an dm Verband berichtenden Arbeitsnachweise insgesamt für das Jahr 1908=09 folgende Zahlen aufzuweisen haften: 208 337 Arbeitsgesuche, 111342 offene Stellen, 72 208 besetzte Stellen, gegen 145 730 Arbeitsgesuche 107 269 offene Stellen und 65 317 besetzte Stellen im Vorfahre. Besonders erfreulich ist trotz der schlechten Konjunktur, die naturgemäß eine Abnahme der Vermittlungen erklärlich machen würde.
Zweites Wtcrtt.
i-1
Der Reichskanzler als Redner.
/ Das Auftreten des neuen Reichskanzlers ist in der (Presse sehr verschieden beurteilt worden. Eine „gute Presse" hat Herr von Bethmann-Hollweg nicht; er tut auch nichts, um sie zu gewinnen, empfängt nicht Berliner Journalisten und füttert sie nicht mit „Informationen", die dann der Verleger gut bezahlt. Die ganze Mache ist ihm vorerst fremd. Da rächt sich nun |ln Teil der Presse und spricht ihm das Rednertalent to. Das reizt zu Vergleichen mit seinen Vorgängern. j Auch als Redner steht obenan F ü r st B i S m a rck; ,Ein eleganter Redner war er gewiß nicht, aber ein wuchtiger. Seine Redeweise war nicht fließend, son- bem stockend, aber er sprach mit einer Wucht, die lortritz. Wenn er den Gegner recht grob anfaffen Konnte, war es ihm ein Hochgenuß; Spott und Hohn wandte er nur selten an. Während der Rede geriet er in hohe Erregung und fühlte sich nachher immer abgespannt. Zwischenrufe liebte er nicht und noch Weniger Widerspruch durch Oho! nsw. Da wurde er sehr zornig und fuhr namentlich den Abgeordneten (Richter bös an. Windthorst kannte diese Schwäche lind hielt sich sehr zurück. Bismarck war als Parla- mentsredner ganz hervorragend und sprach immer bann am besten, wenn er durch den Verlauf der Debatte gereizt worden war und unvorbereitet sprechen Mußte.
L Nach einem solchen Redner konnte natürlich Daprivi sich nicht hervorragend geltend machen, aber Jüan tut ihm unrecht, wenn man ihn als Stümper Ansehen will. Er war sogar ein recht gewandter Durchschnittsredner, der namentlich militärische Kürze deS Ausdruckes beliebte und streng sachlich sprach. 'Die Logik verletzte er dabei nie. Aufreizend zu wir- Fen, war nicht seine Art; wenn er aber auch nicht pnstoßen wollte, so scheute er doch vor einem offenen Morte nicht zurück. Eines war bei ihm sicher: man konnte sich auf seine Worte verlassen und darum hörte jnan ihn gerne.
Fürst Hohenlohe wurde in einem Alter Reichskanzler, in dem andere sich zur Ruhe setzen; ein Red- /tter war er sein Leben hindurch nie gewesen. Als 'Reichskanzler aber stand er geradezu hilflos da: das ■'alte, kleine, zufammengefchrumpfte Männchen mußte 'Mitleid erregen, wenn es hilflos in feinem Manuskript blätterte. Hohenlohe sprach nämlich nie frei; 'tr brachte feine Rede immer mit. Auf riesigen Kanzleibogen war sie mit großen Buchstaben verzeichnet; da kam es bann häufig vor, daß die Reihenfolge der Bogen gestört wurde und dann wußte sich der Reichskanzler nicht mehr zu helfen.
Fürst Bülow war der liebenswürdige Schwerenöter und Plauderer; er handhabte das Wort gut. Aber bei allen seinen Reden hatte man den Eindruck, daß er diese vor dem Spiegel einstudiert habe; sie almeten auch stark Lampengeruch. Selbst die Witze waren vorbereitet. In der Erwiderung ging Bülow nie auf das ein, was der Vorredner gesagt hatte, sondern er baute sich eine Wand, die er dann zusammenschoß. Wenn er einen seiner sozialdemokratischen Gegner verspotten konnte und zwar persönlich, tat er das gern Seine Reden aber waren pures Feuerweck; er konnte fesseln und blenden, aber am Schlüsse fragte jeder: was hat er denn gesagt? Schillernde Seifenblasen ließ er aufftetgen, um politische Kinder yu erfreuen. Als Nachfolger Hohenlohes stach er natürlich zu seinem Vorteil sehr von seinem Vorgänger ab.
Nun kommt in Vethman n-H olltoeg wieder eine ganz andere Art des Redens. Ihn als einen Stümper zu bezeichnen, ist lächerlich; wenn er will, kann er sehr packend reden. Wie hat er einstens das preußische Abgeordnetenhaus mit seiner Wahlrechts- xcde förmlich gepackt! Welch ungeheuren Eindruck brachte er im Reichstage mit feiner Einleitungsrede &ur Arbeitskammervorlage? Wer so spricht, beherrscht
Kleines Fenilleton.
— Die Marseillaise. Die Münch. Reuest. Nachrichten schreiben: „Töff töff — töfs töff", das Mo- -tordrcirad mit „Avanttrain" nähert sich der schwäbi- .schen Piovinzstadt. An der Steuerung saß der Zol- jinger Maxi, aus dem Vordersitz fein Freund Stadler. „Langsamer, langsamer!" rief der Vordermann, „auf ;ber Tafel da steht: „Betteln und Radfahren verboten!" „Zettgemäß und gut gebrüllt von diesem 'Ortstyrannen!" brummte der Maxi, „geniert mich (aber durchaus nicht!" „Bis wir ausg'schrieben werden." „Ah was, dumm's Zeug, laß mich nur machen!" entgegnete Maxi, „ich komme schon durch — e§ ist immer gut, wenn man im Schwäbischen a bifferl französisch kann." „Aber Du kannst ja gar net Französisch!" Stadler lachte hell auf. „Lach nicht so damisch, ich kann die Marseillaise." „Sonst nichts." >Nein, aber das genügt vollkommen", erklärte Maxi bestimmt, „auf alle Fälle bist Du stad, wenn ein Polizist kommt. Laß mich allein reden." „Mir soll'S recht fein, aber Du hast die Verantwortung." Zollinger nickte und fuhr in die Stadt. „Halt!" tönte es da plötzlich den zwei Motorradlern entgegen, und 'aus dem Schatten eines Hauses trat der Schutzmann Scherrieble. „Wollet er glei halte! Zum Teufel au. Wisset er net, daß bei uns 's Radfahre schtreng verhole isch?!" Stadler sah stillschweigend auf den -Sreund. Dieser stellte ruhig den Motor ab und trat puf den Sckmtzmann zu. „Allons enfants", klang eS jfanft vcn feinen Lippen. „Se berfet do net fahre, fient Se me verschtande?" „De la Paine" „Gucket De, höret Se, machet Se koi dummS Zeug; wie heißet De benu?" „Le jour de glolre eft arrivS." „Wia imoinet Se?" „Contre nous de la thrannie" „Ha Po, jetzt wisset Se. so müsset Se grab au net daher- Äeb." „L'btendard fanglant eft levtz." „Du liabs verrgöftle vc Biberach, könnte Se denn gar net e 'kiele befisch?" .Entendei-vouS ban8 les campag-
nes." „Jetzt wiffet Se was, i will Ihne ebes sage, fahret Se werter!" Scherrieble war in Helle Verzweiflung geraten, ber Zollinger Maxi ließ sich aber nicht ans der Ruhe bringen, heftig gestikulierend schrie et den Armen weiter an. „Mugir res feroceS soldats? Jls öiennenet jusqne dans voS bras, egorger wos fils, vos compagnes." Scherrieble schwitzte vor Angst. Eine MengeLeute harte sich angesammelt: alles sah, wie er hilflos den Motorradlern gegenüber» stand, darunter litt sein ganzes Ansehen. Zollinger arbeitete inzwischen immer heftiger mit den Armen und rief: Aux armes, ciioyens! Fotmez vos batail» Ions! MarchonS — Matchons!" Scherrieble zuckte zusammen. In seinem Soldatenhirn war eine Erinnerung geweckt worden durch die Worte: „Mar- chons, MarckmnS!" „Wuih, wuih", rief er, mit den Fingern vorwärts deutend, „wuih, wuih, rnarfchiereh wuh; alleh, alleh, tutzwitt! Verschtandeh wuh! Tutz- witt, tutzwitt'!" Zollinger wurde nchig, und mild säuselte er: „Qu’un fang impur abreuve vos sillons!" Er drückte sodann dem verdutzten Schutzmann kräftig die Hand, bestieg das Rad und fuhr mit dem Freunde unbehindert von bannen, „'s nächste Mal Hmmt der zweite Ber? dran", flüsterte er, „den kann ich auch noch."
— Naturschutzparke. Der Gedanke, den in ihrer Existenz bedrohten Tier- und Pflanzenarten Zufluchtstätten zu sickern, die dauernd in ihrem natürlichen Zustande erhalten bleiben sollen, findet — dank der Bemühungen des „Vereins Nattirschuhpark", E. D., Sitz Stuttgart, — immer mehr Anhänger, und eS scheint, daß Deutschland und Oesterreich nicht mehr länger hinter anderen Ländern, z. B. Schweden ober ber kleinen Schweiz, zurückstehen werden. Drei derartige Packe sind geplant: im wildromantischen Hochgebirge, im waldreichen Mittelgebirge und in der norddeutschen Seelandschast. Dem Verein ist bereits ein ausgedehntes, äußerst reizvolles Gebiet in den österreichischen Alpenländern, das für die genannten Zwecke geradezu ideal genannt werben muß, in Erbpacht zur Verfügung gestellt worden Einige zehn-
das Wachstum derselben. An dieser Zunahme sind vor allen Dingen die Vermittlungen auf landwirtschaftlichem Gebiete beteiligt. Neben einer Reihe eingehender Erhebungen über die öffentlichen Arbeitsnachweise und deren Einrichtungen sind in dem Jahresbericht noch die Resultate der von dem Verband angestellten Enqueten enthalten und zwar über: Arbeitsnachweise von Innungen, Geweckschaften (freie und christliche), Vereinen — Beschäftigung von ausländischen Saisonarbeitern — Wanderbewegung der Bevölkerung — Privates Stellenverrnittlungswefen — Wilde Herbergen — alles im einzelnen hochinteressante Materien. Die Erhebung über das Herbergswesen im Verbandsgebiete zeigt, daß die Wanderung einen ungeahnten Umfang annimmt und daß das Wanderleben in übelfter Weise von ber in einer über* raschend großen Zahl bestehenden „wilden Herbergen" beeinflußt wird.
Aus dem Nachbargebiete.
* Mellrichstadt, 26 Dez. 1909. Der Müller Herbert von Sondheim i Gr., der in das & e t r ie b e seinerMühle geriet, ist den Verletzungen erlegen. — Heute starb hier der älteste Mann der Stadt, ber Landwirt Adam Breun, im Alter von 91 Jahren. Er war bis in die letzte Zeit körperlich und geistig rüstig. Im Sommer bat er sogar noch auf dem Felde mitgearbeitet.
* Schotten (Vogelsberg), 28. Dez. 1909. Der Kreistag hat die Einrichtung einer wandernden K o ch- und Haus ha lisch nie beschlossen.
* Frankfurt, 28. Dez. 1909. Ein betrüben- des Bild über die Entlöhnung der Heimarbeiterinnen bot die Klage einer Arbeiterin vor dem hiesigen Gewerbegericht wegen Einbehaltung des Lohnes für beschmutzte Wäsche. Das Gericht stellte fest, daß für ein Dutzend verzierte Kissenüberzüge ohne Knopflöcher 1 Ml. bezahlt wurde. Nach dem Gutachten einer Arbeiterin soll es bei fleißiger Arbeit einer geübten Weißzeugnäherin möglich fein, im Tage 1% Dutzend Kissen fertig zu stellen, was bei lOftünbiger Arbeit ein Verdienst von 1 Mk. 50 Psg. oder von 15 Pfg. pro Stunde ist. Und davon sollen oft noch mehrere Personen ernähert werden. — Z u r Lösung der Dienstbotenfrage soll in Frankfurt ein Hausfiauenbund gebildet werden. Der Bund bezweckt: Ausbildung der Dienstboten, Stellennachweise, Förderung konfessioneller Dienstbotenvereine, gesetzliche Reformen und Versammlungen mit auf» klärenden Vorträgen über die Dienstbotenfrage.
* Gießen, 28. Dez. 1909. „Verkehrte Welt"' kann man sagen, wenn man hört, daß die Lieferung von Schweinefleisch und Wurstwaren an das Jäger- batmllon in Marburg für das erste halbe Jahr einem Gießener Metzgermeister zugeschlagen worden ist, während die Lieferung für das Gießener Regiment für den gleichen Zeitraum an Marburger Metzgermeister vergeben worden fein soll.
* Gera, 27. Dez. 1909. Ein Urteil von allgemeiner Bedeutung fällte das Gewerbegericht. Einem Arbeiter war, weil er die Kon- trollversammlung besucht hatte, eine Stunde Lohn abgezogen worden. Er klagte gegen den Arbeitgeber auf Herausgabe des Lohnes. Das Gewerbegericht verurteilte den Arbeitgeber zur Herausgabe. Der Besuch der Kontrolle sei gesetzlich vorgeschrieben. Der Arbeiter habe ohne sein Zutun die Arbeit versäumen muffen, es könne ihm deshalb kein Lohnabzug gemach werden.
* Erfurt, 24. Dez. 1909. Der Magistrat hat beschlossen, die Talonsteuer sür Stadtanleihen auf die Stadt zu übernehmen.
* Bad Kissingen, 28. Dez. 1909. Die ä It este Frau Kisjingens, Frau Franziska Assel, ist gestem im Alter von 9114 Jahren gestorben.
tausend Mitglieder (Jahresbeitrag mindestens 2 Mk.) würden bereits die Ücocrnahme ermöglichen. Die Geschäftsstelle des Vereins Naturschutzpark in Stuttgart Pfizerstr 5, erteilt alle gewünschten Auskünfte.
— Wie er die Verjährung unterbrach. Der Manufakturwarenhändler A. begegnet seinem Freunde, dem Eisenwarenhändler B., und fragt ihn: „ Warum so betrübt?" — „Ich habe eben einen Prozeß verloren; der Michel war mir schon lange vierzig Mark schuldig, ich ließ die Sache hängen, weil ich den Michel für anständig hielt und glaubte, er würde sich nicht auf das Verjährungsrecht berufen, und nun doch —" — „DaS lut mir leib, denn ich bekomme von chm sogar noch vierhunbert Mark, die schon verjährt sind." — „Streich sie aus. Du bekommst auch nichts." — „Was? Der Michel ist mir gut." — „Gut ist er schon, aber toenn’8 verjährt ist —" „Warten wtt's ab! Ich werd'S schon machen." — Einige Tage später besuchte A. ben Michel und drängte ihn, wieder einmal etwas bei ihm zu kaufen. Michel wehrte ab, er habe jetzt kein Geld. „Du bist mir auch ohne Gelb gut", sagte A, komm nur. Du bekommst Ware, so viel Du wIM, auch ohne Gelb." — Am folgenben Sonntag, als ber Laden ganz voll gestopft war, erschien Michel zum Einkauf. A., bet gerabe andere Kunden bediente, kümmerte fick nicht um Michel, aber Frau A. bediente ihn flink und billig, er hatte schnell für achtzig Mack gekauft, nahm ruhig sein Paket mit und steckte ebenso ruhig die präsentierte Zigarre an und die überreiche Rechnung ein. — Am andern Morgen erhielt Michel folgenden Brief: „Lieber Michel! Stimm eS nicht übel, daß meine Frau gestem in dem Trubel versäumt hat, Dir die drei Mark zu quittieren, die Du bezahlt hast, ich habe sie Deinem Konto gutgeschrieben." — Michel rieb sich vergnügt die Hände, die drei Mack hatte ein anderer Kunde bezahlt, der neben ihm ge- standent baS war gefundenes Geld. Einige Monate später ersucht A. den Michel „höflichst" um Zahlung unb ba seinem zweiten „bringenden“ Ersuchen ebensowenig Folge geleistet würbe als seinem ersten Höft Heben, verklagte er den Michel. Km Termin mackste
Vermischter.
* Die Stadt Weißenburg in Mittelfranken befindet sich in einer beneidenswerten Lage. Sie kann die Gehaltsaufbesserung ihrer Beamten, Lehrer unb1 Bediensteten durchführen, ohne die Gemeindeumlagen irgendwie erhöhen zu müssen. Der große weißen«, burgische Stadtwald liefert nämlich neuerdings derart, reiche Einkünfte, daß sie die erhöhten Ausgaben vollauf decken. j
* Infolge der Milchpreiserhöhung von 16 aus 18 Pfg. pro Liter in Füssen in Bayern kam es zu großen Massenkundgebungen. Die Folge^ davon war, daß mehrere Milchhandler bereits wieder zum alten Preise von 16 Pfg. den Liter Milch verkaufen. , , J
♦ Die Maul- und Klauenseuche. Nachdem sechs Monate lang die Seuche in Deutschland vollständig erloschen war, wurden in ber vorigen Woche unerwartet brei neue Krankheitsfälle, zwei in Bayern unb einer im babischen Grenzbezirk bet Konstanz bei bet amtlichen Stelle, dem Reichsgesunbheitsamt, zur An-', zeige gebracht. Zwei ber angeblichen Fälle sind je-, doch, wie sich herausgestellt hat, keine Maul- unb Klauenseuche, es bleibt mithin nur ein Fall bestehen, in bem zweifelsfrei bie Seuche feftgefteöt ist. Die Er-, Mittelungen über ben Urftirung dieses Seuchenfalles sind noch nicht abgeschlossen; immerhin besteht viel Wahrscheinlichkeit dafür, daß eine Einschleppung ander Schweiz vorliegt.
Literarisches.
Unsere Wett. Illustrierte Monatsschrift' zur Förderung der NaturerkenntniS.1 Naturwissenschaftlicher Verlag, GodeSberg.1 Preis halbjährlich 2,40. Einzelne Hefte 45 Pf.!
Nr. 12. Dezember 1909. Mit diesem Hefte, schließt der 1. Jahrgang dieser von Professor Dr. E. Dennert redigierten und unter Mitwirkung zahlreicher Fachgelehrten vom Keplerbund herauS-f gegebenen Zeitschrift. Wer die einzelnen Hefte aufmerksam durchgelesen, hat manche Anregung gesun« ben, manche Frage eingehender erfaßt; er wird gerne die weiteren Hefte erwarten. Aus diesem letzten Hefte heben wir folgende Artikel hervor! Fliegende Menschen, ein Rückblick und Ueberblick über den derzeitigen Stand der Flugtechnik, vott Oberlehrer Milarch (mit 5 Abbildungen). Pom heutigen Stand der Marsforschung, von Dr. I. Riem.' Gesundheitspolizei unter den Jnfetten, von W. Türck,> Aus der Chemi? der Schreibtinte. Von Universität^ Professor Dr. F. W. Hinrichsen (7 Abbildungen).' Das Salz, von Professor Dr. Adolf Meyer. Die Darwinsche Lehre, von Prof. E. Dennert. Stretf- züge durch die freie Natur (Pflanzen-, Tierwelt/ Sternhimmel). Die beigehefteten „Keplerbund- Mitteilungen« Nr. 13. bringen den „Jahresbericht". Für den folgenden Jahrgang sind schon mehrere Originalartikel bekannter Autoren angekündigt.
Dr. St.
Reklamen- und Anzeigenteil.
Konfekt
ÄbfUhrmlttel für Kinde» und Erwachsene» sicher und mild Wirkend. unschÜdL* k • ürstllch empfohlen. • A \ 1 Oese (20 Stück) H Mark.
Michel mit ber größten Gemütsruhe das Rechts bet Verjährung geltend, aber A. hatte Kassa- unb Kopiert, buch mitgebracht unb überzeugte ben Richter, daß Michel eine ä conto-Zahlung von drei Mack erst vor wenigen Monaten geleistet hatte. Michel wurde zur Zahlung berurteilt, ba half kein Neben unb Beteuern. Die ordnungsmäßig gebuchte und burch Kopierbuch bewiesene L conto-Zahlung hatte die Verjährung', unterbrochen.
— Der voreilige Zeremonienmeister. Belgische Zeitungen berichten, daß bereits Vorbereitungen zu« Leichenbegängnis Leopolbs II getroffen Würben, während ber König noch unter ben Lebenden weilte. Diese Eilfertigkeit, ben König zu begraben, erinnert an eine Anekbote aus bem Leben Karls X. von Frankreich. Karl X. beglückwünschte kurz nach seiner Thronbesteigung ben Großzeremonienmeister des Hofes, Herrn be Deprö dazu, baß bei ber Bestattung König LubwigS XVTH. alles so glatt von statten gegangen war. Herr DöprS würbe verwirrt unb entgegnete: „Ach, Sire, Sie sind zu gnäbig; es hat doch manche! bei dem Leichenbegängnis nicht geklappt. Aber das nächste Mal wird es schon besser gehen!" Karl X. sah seinen Hofzeremonienmeister an und meinte: „Ich danke Ihnen. Aber ich habe es nicht so eilig."
— Eine praktische Erfindung zur Bequemlichkeit des reisenden Publikums ist der vofi zwei Eisenbahnwerkführern in Pfersee bei Augsburg konstruierte und gesetzlich geschützte Eisenbahn-S t a- tionSanzeiger. Der höchst einfache Apparat kann in jedem Waggon und Abteil angebracht werden und zeigt jede nächstfolgende Station sowie Abgang unb Ankunft durch ein vorher gegebene« Glockenzeichen schon nach ber Absahrtstation an, woburch ein lieber- fahren, wie es bei Nacht unb Nebel, bei gefrorenen Fenstern ober Ueberhören des Ausrufens leicht Vorkommen kann, unmöglich wirb. Das reisende Publikum Würbe gewiß jeder Bahnverwalttrng für die Einführung dieser Neuerung dankbar sein.