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Lotationrdruckuud Verlag der Fuldaer Ab tirndruckerei i« Fulda Fernsprecher Rr. 9.

JV3 298.

Fulda, Mittwoch den 29. Dezember 1909.

36. Jahrgang.

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Gr-ffes WlclLt.

[] Die preußische Wahlstatiftik.

Die amtliche Statistik über die preußischen Landtagswahlen hat nur tu konservativen Kreisen befriedigt.

। Die rechtsstehende Preffe erkennt in der Statistik einen vollgiltigen Beweis für die Güt«, wenigstens für die prinzipielle Vortrefflichkeit des gegenwärtigen Wahlsystems. Sie betont, daß die behauptete Herrschaft des Geldsacks nicht bestehe, in­dem die erste und zweite Abteilung zusammen in den Jahren 1849, 1888, 1908 17,31 bezw. 14,44, dezw. 17,69 Prozent aller Urwähler umfaßt Haden. Sie betont weiter, daß die grundsätzliche Forderung, der Mittelstand solle die zweite Klasse be­herrschen, vollkommen erfüllt sei.

Diese Feststellung trifft auch der der Statistik beigegebene offiziöse Kommentar selbst, aber fie ist ihm nur möglich durch den Hinweis:

„Der mittler« Kaufmann und Gewerbetreibende, der Rechtsanwalt, der Beamte, Arzt usw. werden sehr oft big zu 500, ja selbst bis zu 1000 Mark Steuern aufzubringen habe» . . ."

Wenn ein Wähler, um in die zwette Klaffe zu kommen, 500 oder 1000 Mark Steuern zahlen must, dann klingt aber doch eigentlich die Behauptung, daß die zweite Klaffe dem Diittelstand reserviert sei, wie ein bitterer Hohn.

Bei alledem darf man nicht vergeffen, daß die Zahlen der Statistik noch viel ungünstiger sein würden, wenn nicht die Drittelung nach bett Urwahlbezirken eine Verschiebung nach der Richtung bewirkt hätte, daß in den Bezirken der Arbeiterbevölkerung der Mittelstand zum großen Teile in di« erste Klaff« hineingebracht wird. Die Drittelung nach Urwahlbezirken hat als Aushilfs­mittel gewiß im ganzen betrachtet günstig ge« wirkt, aber andererseits ist doch nicht zu vergeffen, daß sie im einzelnen große Sonderbarkeiten hervor­gerufen hat. Denn als sehr vernünftig kann man es rticht wohl bezeichnen, wenn ein Steuerzahler im Wahlbezirk A in der ersten Klaffe, sein Nachbar aber mit der gleichen Steuersumme im Wahlbezirk B in der dritten Klaffe wählt, ebensowenig, wenn von den einkommenfieuerfreien Wählern, die bei der Berechnung der drei Klassen mit einer nicht zu zahlenden Dreimark-Steuer in die Rechnung einge- isetzt werden, nicht weniger als 8993 in der ersten Wählerklaffe gewählt haben, während andererseits Steuerzahler in die dritte Abteilung gelangten, die über 100000 Mk. Steuern zahlen, also vermutlich rin Millionenvermögen besitzen.

Wir meinen, daß die neue Statistik die Unge­heuerlichkeiten und Unsinnigkeiten des Dreiklaffen- wa.lrechts in derart schroffer Form aufzeigt, daß über die Besettigung dieses Wahlrechts eigent­lich kein Streit sein dürfte.

Eine Debatte, für die die Regierungsveröffent­lichungen nicht dirett Unterlagen beibringt, tobt in bei liberalen Presse bei der Besprechung einer an­geblichen Bevorzugung des platten Landes. In der Berechnung der Steuererträge wird mitgeteilt, daß auf die Städte 412 Millionen, das platte Land dagegen nur 187 Millionen Einkommensteuer ent­fallen. Daraus wird nun die Folgerung gezogen, daß hier ein« Ungerechtigkeit sondergleichen vorliege. Bei der Beurteilung dieser Frage wird man sich stets die Leute gründlich anzusehen haben, di« sich da zum Richter aufwerfen. Wenn die Linksliberalen sich gegen dies« Erscheinung, und ein Konservativer dafür ins Zeug legen, dann kann man von den beiden sagen, sie treiben Jntereffenpolttik. Das B enttum allein kann hier ohne Parteüntereffe prechen. Seine Wurzeln haben ffo fest im katho« Ischen Volke Boden gefaßt, daß es von keinem Wahl- , recht, möge eS beschaffen sein wie «S wolle, eine ' oesentliche Verschiebung der Mandatsziffern zu­

gunsten oder zu ungunsten seiner Fraktionen zu befürchten braucht. Grade wieder die vorliegende Statistik beweist in den Zahlen, die wir gestern mttgeteilt habe», daß das Zentrum in allen Ab­teilungen stark vertrtten ist, daß es auch unter einem schlechte» Wahlrecht nicht so leicht „totzu- triegen" ist, da es sichere Anhänger in großer Zahl in allen Schichten des Volkes besitzt.

Der Schrei der Liberalen nach einer Berück­sichtigung des städtischen Großkapitals ist weiter ntchts als eine Neuauflage der gerade von dieser Sette so «btttert bekämpften „Wahlrechts-Pluto- kratt«". Nun liegt es aber doch klar auf der Hand, daß wie jede andere Art von Wahlrechtsplutokratie, so auch die d«S städtischen Großkapitals ent­schieden bekämpft werden muß. Hinzukommt, daß man dem Lande die Vertretung lasten muß, die ihm angesichts seiner Bedeutung, angesichts seiner historischen Entwickelung zukommt. Ein linWiberales Blatt verlangt heute, daß Berlin etwa 50 Landtagsabgeordnete bekomme. Daß ein derartiges Verlangen unerfüllbar ist, das liegt auf der Hand, kein vernünftiger Mensch wird be­haupten wollen, daß die Bedeutung Berlins dem der zehnten Telles der ganzen Monarchie gleich- komme. Berlln ist schließlich doch nur die Sammel- und Austauschstelle der Produkte geistiger und ma­terieller Arbeit, die das preußische Volk in den Provinzen leistet.

Deutsches Reich.

** Berlin, 28. Dez. 1909. Der Kaiser ist nach Berlin übergesiedelt. Am Dienstag morgen hörte er militärische Vorträge. — Der liberale preußische Lehrerverein hat am Dienstag in Magdeburg eine Vertretertagung abgehalten. — Der sozialdemokratische Preußentag, ein Parteitag für die Sozial­demokraten in Preußen wird in den ersten Tagen des neuen Jahres in Berlin abgehalten werden.

X Die Finanzlage des Reiches bessert sich. Im November betrugen die Einnahmen insgesamt gegenüber dem entsprechenden Monate des Jahres vorher etwa 40 Millionen Mark mehr. Man kann annehmen, daß der größte Teil dieses Mehrertrages auf die neu er­schlossenen Steuerquellen kommt; insbe­sondere sind aus dem Umsahstempel sehr hohe Beträge eingegangen. — Hoffentlich bestätigen und befestigeu die Einzelausweise dieses erfreu­liche Ergebnis.

)( Der „Deutsche Landwirtschaftsrat", der unter der Leitung des Abg. Grafen Schwerin- Löwitz steht, ist zum 15. Februar einberufen worden. Nach der Tagesordnurg wird man sich beschäftigen mit der Herkunft der Soldaten a„s den verschiedenen Berufsgruppen, mit den han­delspolitischen Beziehungen zu den politischen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, mit der Fleischversorgung der Bevölkerung, mit der ver­mehrten Verwendung der Elektrizität in der Landwirtschaft u. a. — Die Tagung des Bundes der Landwirte dürfte der Versammlung des Landwirtschaftsrats unmittelbar folgen.

* Gegen di« Herabsetzung der Altersgrenze f ü r den Bezug der Altersrente wendet sich eine offi­ziöse Korrespondenz. Sie rechnet aus, daß eine Herabsetzung der Altersgrenze auf 65 Jahre die Zahl der Altersrentenempfänger um 176000, eine Herabsetzung auf 60 Jahre um 496000 erhöhen würde. Nun betrug aber die durchschnittliche Alters­rente 161,6 Mk. Legt man diesen Betrag zugrunde, so ergibt die Herabsetzung der Altersgrenze auf 65

Jahre eine Mehrbelastung von über 28 Mill., von denen die Versicherungsträger 20 Mill, und das Reich 8,8 Mill, zu tragen hätten. Wollte man aber gar eine Herabsetzung auf 60 Jahre befür- Worten, so würden die jährlichen Mehrkosten auf über 80 Mill, anwachsen, von denen 55. Mill, zu Lasten der Versicherungsträger und fast 25 Mill, zu Lasten des Reiches gingen. Die Korrespondenz ist der Meinung, daß diese Zahlen der Mehrbe­lastung eine Herabsetzung der Altersgrenze nicht möglich erscheinen lasten.

)( Die ostpreußische Landschaft unter Leitung ihres Direktors Dr. Kapp ist bekanntlich fest Jahren mit besonderem Nachdruck in der Ent­schuldung der Landwirtschaft tätig. Jetzt hat die Landschaft dem Generallandtag, wie man in Ostpreußen den Provinziallandtag nennt, eine Denkschrift betreffend Einrichtung einer Lebensversicherung zur Entschuldung des Grundbesitzes ohne Entschuldungsgrenze vorge­legt. Es ist klar, daß diese Denkschrift bei der Wichtigkeit ihres Gegenstandes vielfaches Inte­rest« finden wird.

(*) Konservative und Zentrum Zu diesem Thema schreibt Herr v. Wedel-Escerischken in der ,Kreuzz!g/ unter der Ueberschrift „Zuviel Entschuldigungen" folgende beachtenswerte Worte:

„Die Worte des Herrn von Heydebrand, daß wir nichts zu bereuen und nichts zu entschuldigen hätten, werden für die Folge hoffentlich auch von unserer Preffe und den konservativen Rednern beherzigt werden? Dies gilt besonders für die seit Monaten in jedem die Haltung der Konservativen bet der Finanzreform be­rührenden Zeitungsartikel und in saft allen Reden unserer Parteimitglieder vorgebrachten Entschuldigung, daß wir die Finanzreform mit dem Zentrum ge­macht hätten. Die gleichfalls unzählige Male abge­gebene Versicherung, daß die konservative Partei kein Bündnis mit dem Zentrum geschlossen und sich von diesem in keiner Weise abhängig gemacht habe, genügt. Sich aber unausgesetzt zu entschuldigen, daß die keinen Aufschub erduldende Reform mit dem Zentrum ge­macht werden mußte, weil keine andere Mehrheit zu finden war, und die mildernde Umstände erbittende, auch immer wiederkehrende Beteueiung, daß die Kon­servativen das Zentrum auf demselben Wege gefunden, ist überflüssig. Der Einwand, daß dem Empfinden der evangelischen Bevölkerung des Reichs Rechnung ge­tragen werden müßte, ist nur gewissermaßen berechtigt. Das Empfinden des evangelischen Volkes, d. h. seiner auf possiliv christlichem Standpunkte stehenden Steife, müßte ungleich mehr verletzt werden, wenn . die Konservattven sich mit Parteien in eine» Block schmieden ließen, deren Mitglieder zum nicht unbeträchtlichen Teil Atheisten und ge­schworene Feinde der Kirche sind, Leuten, die — wie der Ferrer-Rnmmel bewies — keine Gelegen­heit vorübergehen lassen, u u dem Umsturz die Wege zu ebnen, gleichviel, ob sie näher zu Baffermann oder zu Bebel stehen. Bei jener Blockbildung hörte man keine Entschuldigungen, obgleich wir die Athe­isten und Demokraten nicht etwa auf gemeinsamem Wege bei einer rettenden Tat gefunden, sondern uns nur gutmütig mit diesen vor einen Wagen spannen ließen, um eine Politik mitzumachen, die in ihren Fol­gen der evangelischen Kirche nicht weniger gefährlich geworden wäre, wie der bestehenden Staatsordnung. So schroff wir auch einer Vorherrschaft des Katholi­zismus in Deutschland und unberechtigten Macht­gelüsten des Zentrums gegenüberstehen, so läßt sich doch nicht leugnen, daß wir mit einer Partei, deren überwiegende Mitgliederzahl auf dem Boden des Christentums und der Monarchie steht, starke Berührungspunkte, mit den demokratischen Par­teien hingegen absolut nichts gemein haben. Es dürfte sich daher empfehlen, nun endlich mit den Ent­schuldigungen aufzuhören oder eine gewisse Parität bei diesen walten zu lassen, denn die „um Ferner" für bündnisfähiger hinzustellen, muß das Zentrum unnötig verletzen."

■4- Die zentrumsscheue „Post". Gegen die „bürgerliche Liebedienerei vor der Sozialdemo­kratie", welche die Nationalliberalen in Heidel­

berg jüngst bewiesen haben, nimmt die frei* konservative „Post" (Nr. 601 vom 24. Dezember) mit erfreulicher Energie Stellung. Warme An­erkennung zollt sie der Verwahrung, welche der Zentrumsredner gegen das Verhalten der National- liberalen eingelegt hat. Das Blatt spricht in- besten nur von einem „alten Kriegsveteranen", daß es ein Zentrumsmann ist, wftd streng ver­schwiegen. — Ist es der „Post" unangenehm, daß gerade ein Zentrumsmann die patriotisch« Pflicht bewahrt hat, oder erlaubt es ihr Programm nicht, die Zentrumsleute anders denn als „anti- nationale Gesellen" ihren Lesern vorzuführen?

+ Wahlrechtsreform und evangelische In-, tereffen — den Zusammenhang zwischen diesen Dingen aufzuspüren, blieb dem tüchtigen „Reichs­boten" vorbehalten. Er warnt (Nr. 302 vom 25. Dezember) die Nationalliberalen in der Wahl», rechlsreformfrage zu weitgehende Forderungen zu vertreten, denn:

„durch eine solche Haltung der Liberalen würbe natürlich das Zentrum auch im preußischen Abg«-, ordnetenhause ausschlaggebend; durch eine sehr kurz-, sichtige Politik würden die Liberale» das Zentrum th Preußen in den Sattel setzen, während sie ihm in^ Reiche bereits in den Sitz verhalfen haben. Dies ent«, spricht in keiner Weise weder den evangelische^ noch den liberalen Interessen."

Wer verquickt Religion und Politik?

= Eine Kulturkampfserinntruitg

Die „Köln. Ztg." meldet das Ableben des GhtO, nasial-Oberlchrers a. D. Professor Dr. PaulWoll») mann. Sein Name hat eine geschichtliche Bedeutung, erlangt, insofern er zu den ersten kulturkämpferische« MaßuahineA des Kultusministers v. M ü h l e r anlassung gegeben hat.

Dr. Wollmann hatte als katholischer Printer seist Unterwerfung unter die Beschlüsse de? vatikanisches Konzils abgelchnt. Bischof Krementz von Ennlcmd, der nachmalige Kardinal-Erzbischof vo« Köln, hatt^ den als Religionslehrer am Gymnasium zu Staun* berg angestelltcn Priester deshalb mit kirchlichen Stra­fen und zuletzt mit der Exkommunikation belegt un^ ihm die Erteilung des Religionsunterrichtes untersagt. Das Vorgehen des Bischofs entsprach den Gesetzen der Kirche, stand auch mit keinem Staatsgesetze in Wider­spruch. Und doch erklärte der Minister v. Wühler tu seiilem Erlaß vom 29. Juni 1871, „den Maßnahme«! de? Bischofs könne eine rechtliche Wirkung in 8M ziehung auf das von dem Religionslehrer bekleidet» Staatsamt. nicht zuerkannt werden". Er ging noch eint» Schritt weiter — und das war verhängnisvoll —: die katholischen Schüler des Braunsberger Gym- nasiuins wurden gezwungen, dem Religionsuu- terrichte des von bet Kirche wegen häretischer Lehr« ausgeschlossenen Priesters beizuwohnen. Der Minister wobt? „auf dem Wege logischen Denkens" zu dem Urteile gekommen sein: der Braunsberger Religions­lehrer wäre immer noch katholisch, weil derselbe lehr^ ivas er mit Zustimmung der Kirche vor dem 18. Juli 1870 gelehrt habe.

„Wenn übrigens", fügte er höhnisch hinzu, „bl» katholischen Schüler zur Teilnahme an dem Religions­unterrichte sich nicht entschließen wollten, so bestände ja keine gesetzliche Nötigung zum Besuche beS Gymna­siums zu Braunsberg ober eme8 Gymnasiums über»' Haupt."

Es gab Leute, welche meinten: „in den Ausfüh­rungen des Ministers wehe ein köstlicher Humor", Das kaihollsche Volk dachie anders. Mit dem Blschq von Ermland hielt es dafür, daß hier ein „geroafo tätiges Eingreifen in die Gewissens- und Glaubens- frciheii" vorliege. Gemeinschaftlich traten die Bi­sch ost Preußens für daS schwerverletzte Recht ein S» ernst erschien ihnen die Lage der Dinge, daß sie fich soglich an die höchste Stelle wendeten. Sie hieltet sich verpflichtet: „vor dem Thron« feierliche« Protest einzulegen gegen alle und jede Eingriffe ttz

Schattenblume.

14] Origmalroman von Irene v. Hellmuth.

Und dann saß Gerda im Zug, der sehr langsam, raffelnd und stoßend sich in Bewegung setzte. Die Stadt verschwand ihren Blicken, versank im Nebel. Son der Landschaft, die der Zug durcheilte, war mig zu sehen; eS lag ein grauer Schleier über Feld 'und Wald. Manchmal tauchte ein Dörfchen mit roten 'Ziegeldächern auf, der spitze Kirchturm rggte au8 dem Nebelmeer empor, um gleich darauf in der dämme- jrtgen Ferne zu verschwinden.

Müde und abgespannt lehnte Gerda den dunklen Kopf an die Rückwand und schloß die Augen.

Was die Stiefmutter wohl sage» würde, wenn Der da nicht mehr nach Haust kam. Sie wird rasen, ■toben, schimpfen, aber niemand wird sie hören, keiner ihr Aniwori geben. Endlich war die Station erreicht, tao die junge Reisende aussteigen mußte. Außer ihr 'verließ niemand den Zug. Unschlüssig stand Gerda ■auf der Landstraße, die rechts und links begrenzt von ^dichten Fichtenwäldern sich in gerader Linie dahin zog. Man konnte dieselbe ein Stück wett überblicken. Sie 'war von dem vielen Regen völlig aufgeweicht und

Von tief einschneidenden Furchen durchzogen.

Noch immer trieb ein kalter Wind dichte Schnee- Een, untermischt mit Regen, Vor sich her. Fröstelnd atc die Einsame sich um. Kein Mensch war zu n weit und breit, wie ausgestorben erschien die 'ganze Gegend. Zagen und Furcht schlichen sich in des Mädchens Herz.

Da Gerda schon von früher her wußte, daß dl« Lanlffiraße einen großen Bogen machte, fo wähtte sie den näheren Weg, der zwar mitten durch den Wald führte, aber sie kam dadurch eine halbe Stunde früher ans Ziel. Es war freilich lange her, daß fle diesen Weg gegangen, doch hoffte sie ihn noch so In Erinne­rung zu haben, daß sie sich ohne fremde Hlffe zurecht

feig zu haben,

■nben konnte.

*- In dem dichten Fichtenwalde herrschte Dämme- fctng. Lautlos still war eS ringsum. Nur der Wind «uschte in den hohen Bäumen, die tote Säulen da­

standen. Mutig schritt Gerda dahin. Die Nässe be­gann sich unangenehm bemerkbar zu machen. Feucht unb kalt drang eS Ihr durch die dünnen Stiefelchen, da der welche moostge Waldboden, In den sie manch­mal tief einscmk. völlig getränkt war mit Wasser. Der schmale Pfad schlängelte sich bergaufwärts und Gerda hoffte von der Höhe aus die Gegend etwas überblicken zu können, um fich zu orientieren.

Als Serba den ziemlich stellen Weg emporgeklet- tett war und oben auf der fielen Höhe stand, malte sich tiefe Enttäuschung auf ihrem Gesicht. Sie hatte gemeint, das Dorf, das fle erst durchschreiten mußte, ehe sie die Mühle erreichte, würde jetzt unten am Fuße des Hügels liegen, aber nicht ein einziges Haus vermochte fle zu sehen. Sie blickte bestürzt umher. Ueberall nur ein wogendes Nebelmeer, das mtt grauen Schleiern alles einhüllte. Gerda wußte jetzt überhaupt nicht, sollte sie sich nach rechts oder links wenden. DaS fehlte noch, daß sie den Weg verfehlt hätte! — Wenn dir Nacht hereinbrach, ehe sie ihr Ziel erreichen konnte, befand sie sich in einer entsetz­lichen Lage. Eine furchtbare Angst befiel fie plötzlich. Sie überlegte, ob es nicht am besten wäre, nach der Station zurüchugehen und von da au3 der Land­straße, die sicher zum Dorfe führte, zu folgen. Aber eine halbe Stunde war sie schon gewandett; bis fie wieder zurücklief, brach fast die Dämmerung herein; bann mußte sie in Nacht unb Dunkelheit ben weiten Weg zurücklegen, während sie hier in einer halben Stunde am Ziel sein konnte. Also mutig vorwärts, möglicherweise begegnete ihr ein Bauer oder Arbeiter, de« sie fragen konnte. Sie eilte jetzt schneller vor­wärts, die Angst beflügelte Ihre Schritte. Aber so viel sie auch umherspähte, nirgends zeigte sich eine Spur von Menschen »der eine menschliche Wohnung. Nur daS tiefe Schweigen bei Waldes umfing sie. Nachdem sie eine gute Viertelstunde Wetter gewandert, hatte fie eine Lichtung erreicht, der Wald war hier zu Ende unb zu ihren Füßen erblickte fie braunes Ackerfeld, das frisch gepflügt schien. Links ragte aus de» Nebelmasse« eine Bergspltze hervor, während wei­ter nach rechÄ «in breiter Bach stchLar wurde, der — Gerda erinnerte sich dessen genau — das Dorf

durchscknltt unb an bet Mühle vorbeifloß. Das junge Mäbchen flog ben Hügel hinab — aber ba teilte sich mieber ber Weg und Serba wußte nicht, welcher der richtige war.

Mutlos, verzagt, mit Tränen in den Augen stand sie eine Weile; dann horchte sie mit angehaltenem Atem. Ihr war es, als hätte sie Schritte vernommen. Hastig legte sie die hohle Hand an den Mund und rief aus Leibeskräften: Halloh, — hierher, — — hier — her!"

Das war von Erfolg. Droben auf der Anhöhe erschien ein Mann, der fich suchend nach allen Setten umsah. Gerda wintte eifrig mit der Hand und gleich darauf befand sich der Ankömmling an ihrer Seite. Er trug einen grauen Lodenmantel, hohe Stulpstiefel und einen Filzhut, unter dem reiches, welliges Haar hervorquoll. Ein dunkler, kurz gehal­tener Vollbart umrahmte ein edelgeschnittenes ®e. sicht, aus dem ein paar kluge, stahlblaue Augen hev- vorsahen. Der Fremde ging lebhaft auf baS Mädchen zu und sagte, die Tränenspuren In deren Augen be­merkend: „Mein Fräulein, Sie habe» geweint? Darf ich erfahren, toaS Ihnen solchen Kummer macht?"

Gerda fühlte fich von dem Klang der Stimme wohltuend berührt, verirauenSvoll schaute fie auf und sagte mit einem Seufzer der Erleichterung: „Ich habe mich so geängstigt, — eS wird bereits dämmerig, und ich muß noch heule zur MWe; — kennen Sie den Müller Brendel?. Vielleicht haben Sie die Güte, mir den Weg zu zeigen, — ich finde mich nicht mehr zurecht."

Er nickte und begann lächelnd: „Den Müller Brendel? Ja, den kenne ich freilich — aber waS wollen Sie denn bei dem alten Sonderling?"

„Er ist mein Großvater und der einzige Ver­wandle, den ich noch besitze. Ich hoffe, bet ihm eine Zuflucht zu finden. Vielleicht kann ich mich irgend­wie nützlich machen."

„Aber Fräulein", machte der iknderr erstaunt, „Sie wollen fich mtt Ihrer Jugend und Schö«--

Er brach plötzlich ab, da Gerda «tiw abwesende Handbewegung machte.

„Das möchten Sie nicht hören? Auch gut", 14 djelte «r amüsiert, und fuhr dann fort: „Also SU wollen sich auf der einsamen Mühle vergraben, noch dazu bei einem alten verbitterten Mann, der keinem Menschen gut ist? Glauben Sie denn, daß Sie bal auf längere Zeit aushalten werden?"

„Aushalten?" gab Gerda mit bitterem Lächeln zurück. „Ich sagte Ihnen doch schon, daß ich ein? Zuflucht suche; ich bin froh, wenn er mir ein Plätz­chen in seinem Hause gönnt und werde ihm dafür dankbar sein. Ich suche nicht nach Vergnügungen uni Zerstreuungen, dergleichen habe ich nie gekannt uni werde sie daher auch hier nicht vermissen. Ich mußt» im Schatten stehen, deshalb bin ich nicht veltoöhiff und stelle keine großen Anforderungen an daS Lebe» — was ich suche und erwarte, ist wahrhaftig wenig genug!"

Der Fremde war emst geworden.

„Das klingt sehr bitter, mein Fräulein", entgeg­nete er, „sind Sie so arm an Hoffnung, daß Ihnen rein gar nichts mehr übrig blieb?"

Der große Mann beugte sich ein wenig nieder uni sah dem Mädchen forschend-in die Augen.

Gerda schüttelte den Kopf und es klang beinah« trotzig, als sie erwiderte: „Nichts! Meine rechten Eltem sind tot!'

Sie machte eine Pause unb fuhr bann eifrig fort, „Meine Stiefmutter, eine herzlose, egoistische Frau, hoi mich nie lieb gehabt! Sie machte mir baS Leben zur Hölle und ,qlug mich inS Gesicht, wenn ich 4 wagte, mich zu rühren, — so bin ich denn hierher ge­laufen, weil ich es bei ihr nicht mehr aushalien konnte! Zurück zu ihr gehe ich nicht — niemals, lieber —"

Sie vollendete ben Satz nicht, weil ihr Begleiter sie entsetzt ansah.

„Armes Kind," murmelte er, „dar Ist freilich trau­rig," gleich barauf fügte er laut unb aufmunternb Hinz«: „Nun, vielleicht gelingt es mir, ein bischen Sonnenschein in Ihr junges Leben zu tragen, da» sollt« mich unendlich freuen! Freilich," — fuhr er bedenklich sott, „wenn Sie die ©nletin des Müllers Brendel find, wird es mir sehr schwer werden, den» der Alt« haßt alles, ttxtii mit unserem Hause zusaE