MaerW Zeitung
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36. Jahrgang
Fulda, Freitag den 24. Dezember 1909
JW 295
»«»rlge«: vre ei» spaltigepetitzeitesder deren Baum 15 pfg. Seklomendtepetttzeile 25 Pfg., bet Wieder- holmtgenwirbenispr.
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üotationrdrucknnb Verlag der Fuldaer Ar-
Feste des Friedens, auS den Niedemngen heraus den, Berg hinaufwallen, wo das Kirchlein steht und der Priester betet, und mitstngen und mitjubeln: Ehre sei, Gott in der Höhe und Friede den Menschen, die eine- guten Willens sind!
volkswirtschaftliches und Soziales.
m Der Arbeitsmarkt in Hesien, Hessen-Nassau und Waldeck im November 1909, weist einige Zeichen einer allmählich eintretenden Besserung auf. Es find eigentlich nur 2 Branchen, die über einen guten Arbeit!» markt berichten können. Die Portefeuille- und
aeleat werden, wobei eine Berufung der vermeintlich Benachteiligten bei einer staatlichen Sachverstiindtgen- kommission ermöglicht werden soll.
Die politische Lage in Oesterreich-Ungarn bleibt weiterhin trostlos. Das österreichische Parlament kann mit seinen Arbeiten nicht vorwärts kommen da die flavischen Parteien alles versuchen, um dre Beratungen aufzuhalten. Eine 8 6 stündtge Dauer s t tzu n g ist nur durch das Nach geben der deutschen Parteien beendigt worden, sodaß nunmehr das Bud- aetvrovisorium wieder weiterberaten werben kann. Ob die neue Bestimmung der Geschäftsordnung, wonach dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses eine größere Machtbefugnis verliehen ist, um die Ordnung aufrecht zu erhalten, eine abermalige Obstruktion der Tschechen verhindern kann, ist noch mehr als fraglich.
Belgien lenkt ja verhältnismäßig oft genug die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich; aber in der letzten Woche schien das kleine Land fast ganz die „Aus- landspolittk" in der Presse in Anspmch nehmen zu wollen. König Leopold hat schon während seines Lebens viel von sich reden gemacht, aber nach seinem Tode war dies noch mehr der Fall. Der Kampf um sein Erbe muß jeden anständigen Menschen geradezu anekeln Die belgische Regierung läßt sich durch den Tod des Königs nicht von der Durchführung ihrer Verteidignngspläne abhalten, zumal Albert I, der an diesem Donnerstag den Thron bestieg, ebenfalls für eine größere Wehrkraft des Landes ist.
In England kann auch die Weihnachtszeit den Wahlkampf nicht mildern, der toilb entbrannt ist. ES stehen sich bekanntlich die Liberalen als Freihändler und die Konservativen als Schutzzöllner gegenüber. Me die „Politik" da gemacht wird, zeigt ein in den Blättern erzählter B ä n k e l s ä n g e r t r i ck, der auch schon vor vier Jahren in liberalen Wahlversammlungen angewandt wurde . Er besteht darin, daß auf dem Podium ein Redner emen Laib Brot hervorzieht und in der Versammlung henimreicht. Es ist deutsches Schwarz-oderGraubrot oder soll wenigstens solches sein, und der Redner pflegt bei der Vorführung auszurufen: Seht, was ich hier habe, ist das Brot des deutschen Arbeiters, schwarzes Brot! Solches werdet ihr an Stelle des guten und schönen Weizenbrotes zu essen bekommen, wenn das Vereinigte Königreich zum Schutzzoll übergeht! Das wirkt. Der Wahlredner, der sich häufig mit dem von einem Parteiverband zurecht gemachten Redestofi breit macht, hat das Vereinigte Königreich wieder einmal gereitet. Er weiß nicht, wie es in Deutschland aussieht und braucht es auch nicht zu wissen, nur auf den augenblicklichen Erfolg kommt es an. Er hat auch nicht viel gelesen und kennt den ausgiebigen Vergleich nicht, den in dem Werke Industrial Efficiency Dr. A. Schadwell zwischen England, Deutschland und den Vereinigten Staaten für Sozialpolitik und Lebenshaltung gezogen hock, und worin er über das deutsche Brot schreibt: „Weizenbrot ift auch in Deutschland teurer, aber Roggenbrot und Roggenmehl sind billiger. Dies^ wird gewöhnlich Schwarzbrot genannt, und irrigerweise hält man dies bei uns für einen verächtlichen Ausdruck. Roggenbrot ist ausgezeichnet und besonders appetitanregend; es wird in ersten deutschen Hotels mit dem Weißbrot aufgetragen, sowie in England manchmal „Braunbrot" als besonderer Genuß geboten wird. Meinerseits ziehe ich das Roggenbrot wegen seiner Schmackhaftigkeit vor, und aß es im Gasthof immer zum Frühstück* — Ganz richtig.
Das neue italienische Ministerium Sonnino ist nicht auf Rosen gebettet. Dadurch, daß Sonnino bei seiner Kombination die äußerste Linke vemachlässigte und vernachlässigen mußte, hat er sich schlimme Feinde gemacht. Dazu kommen dann noch die etwa 200 Deputierten, welche Kiolitti treu geblieben find; cs würde also genügen, daß diese Gioltt- tianer sich bei einer einzigen politischen Abstimmung mit der Linken vereinigen, um das ganze Ministerium zu stürzen. Trotzdem ist keine Aussicht vorhanden, daß dies bald geschehen wird, denn Giolitti hat alles In-
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ÄÄ*. MchEare,Illustrierte ZomitagsMng"
Erscheint »glich mit Aurnahme bet Sorn- «»d Feiertage, vierteljährlicher verugapreir ohne vringerwhn und vestellgeld in Fulda sowie aurwärtrl.soM. verautw. «edaktenrr
tiendrmkerei in Fulda
Monatrbellage: „Sulbaer Geschichtsblatter" Fernsprecher Nr. 9.
Deutscher Reich.
Die sozialdemokratische Berelendungs. theorie ist arg in Mißkredit gekommen. Während man sonst in der roten Presse immer nur von Ausbeutung, Sklavenleben und Knechtung der Arbeiter lesen konnte, muß sogar der .Vorwärts", daS sozialdemokratische Hauptblatt, jetzt Mgeben, daß das nicht mehr recht stimmen will; er schreibt wörtlich:
„Daß die Lebenslage des Proletariatr sich, langsam zwar, aber doch immerhin h e bt, soll gar nicht bestritten werden. Das beweist >a nicht nut die Gewerkschaftsstatistik, sondern auch die offizielle Statistik, beispielsweise die Emrommensteuerstatlsttk für Preuben. Danach gab es 1892 nur 2,1 Millionen 8enfiten mit 900 -3000 Mark Einkommen, 1908 dagegen 5,2 Millionen. Die Hebung auch breiter Bolks» schichten ist also eine von uns auch gar nicht bestrittene Tatsache."
Das wird aber die rote Presse nicht abhalten, auch in Zukunft die „Verelendungstheone zu predigen.
* Hüben und drüben. Der Bezickspräsident von Lothringen, Graf v. Zeppelin-Aschhausen, hat auf dem Festmahl, welches rote alljährlich auch bei der diesmaligen Tagung des Bezirkstages statt- fand, in französischer Sprache einen Toast ausgebracht, wie auch die ganze Unterhalfiing bei dieser Gelegenheit durchweg französisch ist. Wir haben nichts ba» gegen, aber wir möchten einmal den französischen Fan in das p o l n i s ch e übersetzt sehen und statt des Be- zirkstages einen viel bescheideneren Kreistag, statt des reichsländischen Präsidenten einen preußischen Land-, rat in rein polnischer Gegend uns denken. Ein fol» cher würde wohl zum ersten und letzten Male als — Landrat eine polnische Tischrede gehalten haben.
Ausland.
* Die Frage der Schiffahrtskonzession für Euphrat und Tigris wird der türkische» Regierung noch schwer zu schaffen machen. Kaum ist der Sturm im Parlament vorüber, da melden Depeschen aus Bagdad, die dortige Bevölkerung protestiere gegen die Kon« zessionierung der Schiffahrt auf dem Euphrat und Tigris und fordert die Bagdader Deputierte» auf, ihre Mandate niederzulegen.
5 Die Durchfahrt des russischen Kriegsschiffes, das die Leiche des Großfürsten Michael von Cannes nach der Krim bringt, durch die Dardanellen ist von der türkischen Regierung gestattet worden.
* Das neue portugiesische Ministerium ist endgültig gebildet worden. Es wird die Kortes am 2. Januar 1910 eröffnen, sie aber sogleich auf 2 Monate wieder vertagen, um Gesetzentwürfe über eine Wahlresorm und über eine Abänderung mehrerer Artikel der Verfassung vorzubereiten.
wochen-Rundschau.
[:] Fulda, 24. Dezember 1909.
Wenn es nach dem Sprichwort ginge: „Was lange währt, wird güt', bann müßte bie Verschmelzung ber linksltberalen Parteien sicherlich etwas ganz hervorragendes zu Stande bringen, denn an bet neuen „beutschen freisinnigen Volkspartei", für bie bas Einigungsprogramm nunmehr vorliegt, hat man wahrhaftig lange genug hemmgedoktort. Wie lange dies« Einigung Vorhalten wird, läßt sich natürlich nicht sagen. Die linksliberalen Parteien alle miteinander haben es in der gegenwärtigen politischen Konstellation wie auch in der absehbaren Zukunft leicht, sich auf gewisse prinzipielle Grundsätze, deren Verwirklichung doch nicht in Frage kommen kann, festzulegen. Ein noch besserer Kitt allerdings als dieses „positive" Programm ist bie oppositionelle Stellung ber genannten Parteien, überhaupt gegen alles wirklich positive. Uebrigens besagt bas Einigungsprogramm absolut nichts neues. Es forbert Beseitigung der Klassenwahlen unb ber öffentlichen Stimmabgabe mich in ben Kommunen, allgemeines, geheimes und direktes Wahlrecht für bie Volksvertretungen ber Einzelstaaten, Berücksichtigung ber Minderheiten bei ben Wahlen, Gleichberechtigung aller religiösen Bekenntnisse unb Religionsgesellschaften (bas soll heißen: Aufgabe bes christlichen Charakters bes Staates, Gleichstellung ber Mischen „Konfession", sowie bes MohammebanismuS, bes Buddhismus, überhaupt jämllicher heibnischen Religionen), Unabhängigkeit bes Unterrichts von ber Kirche, insbesondere Beseitigung ber geistlichen Schulaufsicht, Sicherung ber vollen Wehrkraft des Reiches bei möglichster Sparsamkeit, schrittweise Herabsetzung ber Lebensrnittel- unb Jn- bustriezölle (soll heißen: allmählicher llebergang zum Freihanbel, Ruin ber deutschen Landwirtschaft), Beseitigung aller Steuerprivilegien, insbesondere ber toten Hanb, sowie Aufhebung ber Fideikommisse. — Als» alles Forderungen, die man auch bisher sattsam kannte, die man aber guttut, sich von Zeit zu Zeit :in Erinnerung zu bringen. Denn da, wie schon an- -gedeutet, diese Programmpunkte eine Bedeutung für die Praxis nicht haben, so sind sich viele Leute im Lande nicht klar bewußt, was diese oft so vernünftig 'scheinenden Freisinnigen eigentlich anstreben.
Die preußische ^Regierung hat beim Bundesrat ben .Entwurf eines Kaligesetzes eingebracht, burch das bie Verhältnisse in bet Kaliindustrie für die nächsten zwanzig Iahte geregelt werden. Veranlaßt ist dieses Vorgehen ber preußischen Regierung dadurch, -daß ber gegenwärtige Kalishndikatsvertrag mit bem '81. Dezember abläuft. Da bie Erneuerungsvethand- limgen stets große Schwierigkeiten, namentlich wegen Festsetzung der Beteiligungsziffer gezeitigt haben, so ist bie Befürchtung berechtigt, daß nach dem Ablauf des nunmehr in letzter Stunde noch erneuerten Syndikatsvertrages nach 5 Jahren eine weitere Erneuerung nicht zustande kommt. Das würde die Folge Hadens daß die Kalisalze von einzelnen Kaliwerken zu 'niedrigen Preisen an bas Ausland verschleudert würben, was eine Schädigung bet Kaliverbraucher im Hnlande bebeuten würbe. Da Kalisalze nur in Deutschland Vorkommen, so ist bie Absatzmöglichkeit im Auslanbe für bie Kaliproduzenten sehr groß unb es muß daher befürchtet werben, baß einzelne Probuzenten sich ganz dem Auslandmarkte zuwenben würben, falls bem nicht entroeber durch Gesetzgebung ober Syndikat begegnet wirb. Nach bem Gesetzentwürfe der preußischen Negierung sollen Kalisalze nur durch Vermittlung einer aus ben Kaliwecken zu bilbenben Vertriebsgemeinschaft abgesetzt werden dürfen, e8 soll also an die Stelle des gegenwärtigen freien Syndikates ein Zwangssyndikat treten. Ferner soll auch die Frage der Festsetzung ber Beteiligungsziffern gesetzlich fest-
Aweites ^Latt
tereffe daran, daß fein Nachfolger die leidigen Gesetzentwürfe (rote jene betreffend bte P°^ampseckonvm- tionen und die Steuerreform) aus dem Wege schafft
In G t i e ch e n l a n d ist es zu einem Zwischen- all in der Kammer gekommen, der wieder einmal daran erinnerte, unter wie dünner Decke in Grtechen- iand die Geister der allgemeinen Verwlrrung schlum- mCr®te Lage inOstasien scheint wieder äußerst kritisch au sein. Trotz ber Beschwichtigungsversuche ber japanischen Regierung sollen 50 000 russische Truppen nach ber Mandschurei abgehen.
Der Präfidenienwechsel in Nicatagua hat noch keineswegs bazu geführt, baß bie Revolutionäre bte Waffen nieberlegten. Nach einer neueren Meldung sollen die Regiemngstruppen in diesen Tagen eme äußerst schwere Niederlage erlitten haben. Der neue Präsident Madriz hat, um das ganze Volk für sich zu gewinnen, eine Amnestie bewilligt und bte Freilassung aller politischen Gefangenen angeorbnet.
f Aus den Niederungen heraus in Höhenregion führt bas bevorstehenbe Fest. Es ist, als ob man nach langer Wanderung burch dumpfes Flachland plötzlich an einen Berg käme, um ben bte Sonne leuchtet unb eine frische Lust weht, wahrend tief unten bie Dünste unb Nebel schwelen. Da oben schweigt ber Lärm des Alltags, bie feierliche Sülle des Berg- unb Gottesfriedens umfängt die aufatmende Brust.
Mensch sein, das heißt Kämpfer fein. Die Notdurft des Lebens treibt einen jeden, zu kämpfen um ein wenn auch nur armseliges Plätzchen an ber Sonne. Und bann bie vielen anderen, inneren wie äußeren Kämpfe, bie wir durchzufechten haben unb durchfech- tn müssen auf bem Posten, auf ben uns bet Menschheit Heerführer gestellt hat! Was kann man im Kriege — unb das Menschenleben ist ein Krieg — viel verlangen? Muß in ihm ber Soldat nicht Mühen und Entbehrungen ertragen, ja sein Herzblut zu geben bereit sein? — Unb doch wirb stack unb stärker in ber Brust ein Sehnen nach Ruhe unb Frieden; unb ist es auch nur für Tag» unb Stunden, ber Lärm muß einmal schweigen, unb es muß Friede sein! —
Vom Berg klingt ein Glöcklein, so hell unb froh, so milden Klanges, eine Stimme voll glücklicher Verheißung. Wir stapfen den verschneiten Pfad hinan unb treten in ein Kirchlein, wo Lichter strahlen wie in einem Märchenreich. Unb eine hehre Gestalt steht an einem Opfertisch unb verkündet eine frohe Botschaft. Unb wie aus einer anderen Welt klingt und singt es: Ehre sei Gott in der Höhe! ....
Gott in ber Höhe! Wenn wir in ben Niedemngen kriechen, haftet der Blick an ber Erde. Sursum cotba, zur Höhe bie Augen unb bie Herzeick In bet Höhenluft bes GottesgedankenS wirb das Herz weit unb bie Brust stack; regeneriert unb blutaufgefrischt mag ber Mensch dann wieder hinabsteigen in bie Ebene, um weiter zu kämpfen; er ist ein ganz anderer Mensch, einer ber neu bie Muskeln streckt, bem bie Augen mutvoll leuchten. —
Friede ben Menschen! Wir kämpfen nicht um bes Kampfes willen: Der Friebe ist bas Endziel, das erst in einer anbern Welt erreicht wirb. Aber ein Abglanz dieses köstlichen Friedens fällt von bem Stern in Bethlehem! Mit bem Kindlern im Stalle ist ben Menschen bet Erden-Friede geschenkt. Wie wunderbar: ein Kind bringt den Frieden. Nicht ein Großer, ein Gewaltiger, ber übet bie Macht schreitet, sonder ein Kindlein, das nur lächelt. Lächelt über die Großen dieser Welt, die sich was dünken an Macht, Gelehrsamkeit und Tüchtigkeit! Lächelt über bie Kleinen, bie zag unb scheu bie Augen niederschlagen! Allen liebend zulächelt! Unb dieses lächelnde Kind zwingt alle nieder auf die Kniee, alle.
Kindlein im Stall, Dich grüßen wir all! Groß und Klein, Alt und Jung, Reich unb Arm, Gesunde unb Kranke — wir alle wollen zu Weihnachten, am
Unpolitische Zeitläufe
(N.) Berlin, 22. Dezember 1909.
(Nachdruck verboten.)
Der junge Graf Joseph Stanislaus K w i l e ck i Lat im Weihnachtsmonat eine schlimme Bescherung erhalten. Das Posener Gericht hat eckannt, baß er nicht ber Sohn des Grafen Kwilecki auf Wroblewo fei, sondern ber Sohn einer galizischen Bahnwärtersfrau Meyer geb. Patcza. Das ist bas zivilrechtliche Seitenstück zu dem großen Strafprozeß, ber vor sechs Jahren gegen bie Gräfin Kwilecka wegen Kindesunterschie- jbung usw. geführt wurde. Die Berliner Geschworenen «rftärten damals bie Gräfin, bie sich mit großer Würbe Mb Kraft berteibigte, für nicht schuldig. Das srei- Iprechende Urteil hatte aber nur Bedeutung für bie trafrechtjiche Seite bet Sache. Der angeblichen Muter, der österreichischen Bahnwärtersfrau, blieb es frei- gest llt, vor bem bürgerlichen Gericht ihre Ansprrüche Huf bas Kinb geltend zu machen. Das hat sie getan, .und da sie sowohl als die beteiligte Hebamme beschworen haben, daß ber Junge nach Berlin gebracht wor- ,ben, um als Sprössling ber Gräfin Kwilecka untergeschoben zu werben, so hat bas Gericht biefen „Beweisen" Glauben geschenkt unb Folge gegeben. Die Gräfin Kwilecka hatte seinerzeit bas Gegenteil beschworen; aber sie war inzwischen gestorben. Ob ba8 Reichsge- jkicht noch einen Gmnd findet, um das Urteil aufzuheben, ist sehr ftaglich. Von Rechtswegen musste also ,ber Junge, bet bisher als Graf Kwilecki und Majo- ictSetbe erzogen wurde, ber Bahnwärtersfrau ausgeliefert werden.
Wo ist bie Wahrheit? Der Staatsanwalt, ber damals mit seiner Anklage vor dem Schwurgericht durch- ,fiel sagt natürlich jetzt: Seht ihr wohl, ich habe boch «cht gehabt. Die Verteidiger der verstorbenen Gräfin (und deren nähere Freunde bleiben ober boch habet, baß iler Junge ein echter unb rechter Kwilecki sei und nicht «n galrzischeS Findelkind. Scharfsinnige Rechtsan- »äße sagen, bet Rechsstreit sei überhaupt noch nicht D« Ende, auch wenn ba8 Posener Urteil Giltigkeit er- Wnge. _$)enn bas habe nur der Bahnwärterfrau ihren
Anspmch auf die Mutterschaft zugestanden: wenn es sich ober um das Erbrecht auf das Majorat handele, so müsse ein neuer Prozeß geführt werden, in dem eine selbständige Beweisführung und Beweiswürdigung erfolgen werde. Ich mische mich nicht in diese juristischen Streitigkeiten, sondern möchte nur meinem menschlichen Mitgefühl Ausdruck geben. Auf jeden Fall ist der Junge nicht schuld barmt, daß er bas erste Jahrzehnt seines Lebens als Stammhalter eines Grafenge- schlechts verbracht hat. Er wirb allseitig als ein gesunder, netter, begabter unb hoffnungsvoller Schüler geschildert. ES heißt, dass von jener Seitenlinie, die nach seiner Entthronung das Majorat erhalten würde, ein ordentliches Jahresgelb bis zum 25. Lebensjahre beS Kleinen ausgesetzt sei. Das ist schon etwas, aber ich denke, man müßte auch durch Adoption ober sonstwie Vorsorge treffen, daß et in ben Familien- unb Standeskreisen verbleiben kann, in benen er ausgewachsen ist. Ein versöhnlicher Ausgleich zwischen ben gegensätzlichen Interessen wäre ein großes Glück. Aber eins muß mit aller Entschiedenheit öffentlich gesagt werden: bet Junge darf unter keinen Umständen in die Hände der Bahnwärtersfrau fallen. Denn diese angebliche Mutter ist keine Mutter. Sie hat das Gegenteil von dem getan, was bet weise Salomon als Beweis ber Mutterschaft gelten ließ. Damals sagte die falsche Mutter: das Kind soll halbiert werden! bie echte Mutter aber schrie: Nein, gebt ihr lieber bas Kind, aber lasst es leben! Wenn eine Mutter sieht, daß ihr Kind ht einem Grasenschloss als Sohn des Hauses aufblüht, wie soll sie sich bann In einen schweren Prozeß stützen, um bas Kinb aus seinem Glück hetauszureißen!
Wie verfchlungen unb dunkel sind die Pfade, aus denen da» Schicksal ben Erbenmenschen umhertreibt. Dinge, bie man dem Romanschreiber kaum noch glauben will, treten mit ber Autorität eines gerichtlichen Urteils auf ben Markt der Gegenwart. Gestern noch auf ber Höhe ber menschlichen Gesellschaft, heute in bie liefe geschleudert! WaS soeben noch als wahr unb recht galt, wird jetzt für Falschheit unb Betrug erklärt. Die festeste Burg vermag bem Unheil ben Eingang nicht zu verwehren, ES ist nicht alles Golb, was
glänzt, unb nicht alles Glück, was beneibet wirb. Irrtümer unb Fehler, Schnlb unb Verhängnis, Recht unb Unrecht — daS schlingt unb wirbelt sich so durchein- anber, daß kein menschlicher Richtet die Knoten zu lösen weiß, und nichts übrig bleibt, als mit den Moha- mebanern zu sagen: Allah weiß es besser!
Der häßliche Familienstreit fällt genau in bie Woche vor bem Fest, das ganz besonders ben Familiensinn hegen unb heben, veredeln unb heiligen soll. O ihr alle, bie ihr in einem kleinen Heim an einem bescheidenen Tische in Frieden und Rechtssicherheit das häusliche Fest begeht, freut euch unb frohlockt! Denn wenn etter Rest auch eng unb dürftig ist, ihr habt ein warmes Nest und fühlt euch geborgen.
lieber Familiengeist und Familiensinn ist von den Liberalen im vorigen Sommer viel gespottet worben. Die Steuer auf bas Kindes- unb Gattenerbe wurde bekanntltch von ben Konservativen unb dem Zentrum abgewehrt, unb dabei berief man sich auch darauf, daß ber Familiensinn barunter leibe, wenn beim Tode des Gatten und Vaters seine Witwe unb seine Kinber einen Teil des Familienvermögens an bie Steuerkaffe abführen sollten, obschon sie boch selbst bet bem Erwerb und bet Pflege des Familien gutes mitgetoirft hatten und bie natürlichen Nachfolger in ber Verwaltung desselben feien. .Ach was", sagten bie aufgeklärten Herren von ber Gegenseite, „bas sind bloß heuchlerische Vorwände, um die schnöde Habgier zu verdecken!" Das hat mich sehr gekränkt, denn ich halte die Berufung auf den Familiensinn für eine sehr ernste Sache. Man kann nicht sorgsam genug die letzten Reste des Familiengeistes schonen; denn es ist ein überaus schlimmes Verhängnis für unsere Kuftur- entwicklung, daß diese grundlegende Gemeinschaft mehr und mehr gelockert unb weithin bereits zerstört ist.
Die verschiedensten Kräfte wirken auf das Zerreissen der Familienbande hin. So lange noch der grösste Teil bes Volker in länblichen Verhältnissen auf ber eigenen Scholle saß, ging es bem Familiengeiste gut. Nun überwiegt aber schon die städtische Lebensweise in wechselreichen Mietskasernen und die industrielle Be- schästigung. Für Millionen ist bereits ba3 Wort „Sa- terhaus" ein märchenhafter Begriff geworden. Die
Lohnarbeit gestattet den Kindern, sich von der elterlichen Hauswirtschaft bereits unabhängig zu • machen, wenn sie kaum flügge geworden sind. Wenn nicht bloß der Hausvater, sondern auch die Frau und fühlt* ter dem Erwerb außer bem Hause nachgehen muß, so teröbet unb verkommt das Heim; wo soll ber Familiensinn bleiben? Die modernen „Bewegungen" tra* cen dazu bei, baß bie Lust zum Heiraten abnimmt, daß bte Kinderzahl sich vermindert, die Ehescheidungen sich mehren. Die Ichsucht greift um sich. UeberaB wird vom „Recht ber Persönlichkeit gesprochen, baS soll heißen vom „Recht ber Einzelpersönlichkeit, bie für sich allein sich ausleben will. Ohne Rücksicht auf btt anbern Menschen möglichst wenig belastet werben von bem sog. Familienanhang. Früher suchte man baS Glück in ber Sammlung, im Anschluß, in ber Gemeinschaft. Jetzt findet man es bequemer unb billiger, sich abzusondern und bloß für sich selbst zu sorgen.
Eine unheilvolle Entwicklung, die an bem Grundpfeiler bet menschlichen Gesellschaft rüttelt! Aber unheilvoll auch für ben Einzelnen; denn das wahre Glück auf Erden findet er nicht in der selbstsüchtigen Absonderung. Der alte gute Familiengeist, ber zugleich so echt beuffch unb so echt christlich war, hat unersetzliche Kultur- unb Glückeswerte geschaffen; es sind T» ren, bie dieser Quelle ber Wohlfahrt aus bem Weg« gehen, unb es sinb Frevler, bie sie zu verschütten suchen.
Wit können mit unseren schwachen Händen beit Lauf ber Welt nicht wenden. Aber jeder vernünftig« unb brave Mensch kann für sein Teil sich anftrengen, um die liebel ber Zeit fern zu halten unb vom guten (Seift zu retten, waS er für sich und bie Seinen noch retten tarnt. Datum möchte ich meinen Weihnachtsgruß so ausklingen lassen: Feiert das Fest im häuslichen Kreise so schön und innig, wie ihr nur könnt, und suchet vor allem unter dem Christbaum ben F a- milienfinn zu beleben.
Me macht man benn bas? Ach, wenn Du nut bte rechte Liebe hast, bann wird sie dich so findig unb getoanbt machen Fang' bei bit selber mit bet tatsächlichen Pflege an. Werde dir recht bewußt, waS für hrilige Bande und natürliche Interessen dich mit