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294. Fuld a, Donnerstag den 23. Dezember 1909. 36. Jahrgang.
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Zweites Wtatt.
•fc Briefwechsel von vier Freidenker- Häuptlingen
yit Anmerkungen unserer Setzerlehrlinge Max und Moritz.
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Auf den Schreibebrief des Lederer sind natürlich die angegriffenen drei „Jesuiten* David, Fricke und Beißwanger die Anwort nicht schuldig geblieben. Ihre Erklärungen lauten:
Genoffe Paul David schreibt:
.Werter Herr! Indem Unterzeichneter derartig') über geringfügige Moralbegriffe erhaben ist,') gestatten Sie mir bitte meine nichts durchbohrenden') Gefühle hierdurch zum Ausdruck zu bringen. Wenn Eie, werter Herr L.., uns dieser letzten beiden Zeilen des Festprologs erinnern, so wäre es doch nach meiner Ansicht — vielleicht ist es auch die der beiden heuchlerischen Jesuiten — angebracht, diese Stelle, Herr L., sich fest einzuprägen und dementsprechend zu handeln, so daß ich nicht von meiner Pflicht als Zentralvorstand Gebrauch machen müßte,') um solche Herrschaften uns vom Leibe zu hallen, welche nach Reichsverbandsmanier unter unseren Mitgliedern krebsen gehen.
Indem wir uns nun stets bemüht haben, von Eisenach ab friedlich nebeneinander herzumarschieren, haben Sie, werter Herr L., uns des öftern gezeigt, rote Eie sich das friedliche Zusammenarbeiten, welcher Bffnung sich Genoffe Vogtherr und wir in Eisenach gaben, denken, indem Sie durch einen außerordent- ien Anstand bezw. Bildung glänzten.') Wer mit Dreck wirft, besudelt sich selbst.') Im übrigen überlaffe M es den werten Atheist-Lesern, sich ein') Kommentar fiber Ihren zur Schau gebrachten') Anstand zu machen.
Paul David.
Der zweite „Jesuit" Genoffe Fricke schreibt:
Zu dem Schreiben des Herrn Lederer an bett Gestossen David-Dresden habe ich zu bemerken, daß ich allerdings seit längerer Zeit schon davon abrate, den Herrn L. als Referenten in Anspruch zu nehmen. —
Hierzu fühle ich mich veranlaßt, weil ich durch das, roaS ich von dem Herrn selbst gelesen habe, wie durch daS, was ich über seine Vorträge gehört und gelesen habe, zu btr Ueberzeugung gekommen bin, daß seine Leistungen nicht den berechtigten Ansprüchen von Arbeitervereinen entsprechen, was m. E. in dem zu lückenhaften Wissen') des Herrn seinen Grund hat. —
Auf seine geschmacklosen Anwürfe einzugehen, verbietet mir die Selbstachtung, ist auch überflüssig, denn beleidigen kann Herr Lederer mich nicht, so wenig wie )r mich gegen den Genossen Beißwanger hetzen konnte.
Theodor Fricke.
Als dritter, richtiger „Genosse" schreibt Beißwanger:
„Ich betrachte es unter meiner Würde, zu dem chrabschneiderischen Treiben des Herostratew") Julius «derer irgendwie Stellung zu nehmen.
K. Beißwanger.
Anmerkungen:
*) Ist das ein Deutsch! — *) Wie denn? Der Lederer sprach von „derartigen. . . Moralbegriffen' und der David, der ihn mit seiner Schleuder töten will, greift arg daneben und redet von „derartig erhaben", ohne zu sagen, wie denn! — •) Auch der David ist in den deutschen Klassikern schlecht zu Saufe. Er redet gar von „nichts durchbohrenden esühlen*; gibt es denn Gefühle, welche etwas durchbohren? Ja der deutsche Sprakk sein ein schwerer Sprakk! Der Schiller kann etz nicht verantwortet!, welche Verwirrung er mit seinem schönen Ausdruck in den Köpfen der denkfreien „Freidenker* angerichtet hat; — *) Sehr nett, daß der „Z ntral- vorstand* von seiner Pflicht spricht, gewisse Herrschaften sich vom Leibe zu halten. Und so was bei den „freien" Denkern! Aber warum tadeln denn diese Freidenker den „Zentralvorstand" der katholischen Kirche, das Papsttum, wenn eS ebenfalls im Bewußtsein seiner Pflicht sich gewisse Herrschaften vom Leibe gehalten und Irrlehren und Jrrlehrer
verurteüt hat! Oder darf bloß der „Zentralvorstand" David so vorgehen? — ®) Genoffe Paul David, lernen Sie doch deutsch! — 6) Das dürfen sich alle Freidenker merken für die Art und Weise, wie sie die katholische Kirche bekämpfen. — ’) Das Wort Kommentar ist männlichen Geschlechts. Also muß eS heißen „einen Kommentar zu etwas machen." — 8) Man sagt: „zur Schau gestellt" oder „zur Kenntnis der Oeffentlichkeit gebracht"; aber was der David schreibt, ist nicht deutsch. — 9) Welch einen Blamagekübel gießt Th. Fricke über all' jene Vereine, Fretdenkerversammlungen, freidenkerischen und sozialdemokratischen Zeitungen aus, welche seither die Weisheit des Lederer hoch bejubelt und beklatscht haben. Es ist noch nicht lange her, da machte der Lederer eine Agitationslour durch Rhein- land. Die Genoffen und Freidenker von Mülheim, Duisburg, Düffeldorf, M.Gladbach, Rheydt haben mit Staunen des Mannes Weisheit gehört, und ihre Zeitungen meldeten, daß wieder mal die Wissen- schäft gezeigt habe, wie unhaltbar das Christentum geworden war, und viele kauften gierig des Lederers Broschüre über die Ehe, weil schon ein paar nackte Figuren auf dem Umschlag reizten; lausten auch des Mannes andere Broschüre über „Jeschuah* (Jesus von Nazareth), und bildeten sich ein, nun der Weishest und Wissenschaft Inbegriff nach Hause zu schleppen. Und jetzt kommt Fricke mit dem vernichtenden Urteil, das Wissen des Lederer ist „zu lückenhaft*. Wenn das schon ein Fricke merkt, der auch nicht mehr weiß als der Lederer, wie muß erst einer, der die wiffenschaftlichen Arbeiten kennt, über die Lederer-Wissenschaft urteilen! — 10) Herostrat hieß ein alter Heide, der berühmt werden wollte und deshalb einen berühmten Tempel in Ephesus anzündete — so erzählt uns unser Freund, der das Gymnasium besucht. Aus dem Vergleich des Beißwanger, der den Lederer einen Herostrat nennt, geht hervor, daß K. Betßwanger sich für ein berühmtes Haus hält, eine Meinung, die außer ihm selbst ganz bestimmt niemand in der weiten Welt hat.
Nachschrift des Redakteurs: DieHerren Freidenker werden an den stacheligen-jutatenMaxens und Moritzens zu ihren Briefen wenig Freude haben und mit ihrem edlen Busenfreund, dem Zehngebote- Hoffmann, der ebenfalls mit „dem deutschen Sprakk* in ewigem Krieg liegt, die Ausrede vorbringen, wenn sie eine bessere Schulbildung genossen hätten, könnten sie auch besser deutsch! Es sei ihnen darauf quittiert mit der Bemerkung: Wenn sie einsehech daß schon zum einfachen deutschen Ausdruck eine bessere Schulbildung gehört, dann werdm sie bald begreifen, daß eine solche erst recht erforderlich ist, wenn man über Fragen der Wissenschaft mitreden will. Sie reden über die schwierigsten und umwickeltstm Probleme, als wären es Biertischwitze und denken halt:
Dem Mönch und Doktor mag die Schule taugen, . . .
Wir, mein ich, wissen so viel wie wir brauchen.
Da braucht man sich über das, was diese vom Denken und von Sachkenntnis freien „Sprecher" als „Wiffenschaft* zum besten geben, nicht mehr zu wun.ern. Hier ist das Rezept für ihre Frei- denker-„Wiffenschast": Recipe (nimm 1000 Gramm Blödsinn, 50 Gramm unverdaute Fremdwörter, 100 Gramm Denkfaulheit, alles ordentlich durcheinandergerührt und ordentlich mit hohlen Phrasen überstreut!
Deutsches Reich.
) ( Die Penfiouskasse für die Arbeiter der preußisch- hessischen Gsenbahngemeinschaft hielt in den Tagen vom 16. bis 18. Dezember in Berlin ihre ordentliche Hauptversammlung unter Beteiligung von etwa hundert Arbeitervertretern aller Eisenbahndirektionsbezirke ab. Es kamen Anträge auf Satzungsänderungen zur Beratung, durch die eine Erhöhung der satz
ungsmäßigen Kassenleifttlngen angestrebt wurde. Durch Zusttmmung der Regierungsvertreter konnten Anträge angenommen werden, die Verbesserungen der Mitglieder-, Witwen- und Waisenrenten, zum Teil schon alsbald, zum Teil vom 1. April 1911 bringen werden.
* Die „Genossen" glauben offenbar in manchen Parlamenten nicht ruppig genug sein zu können. Im Bremer Stadtparlament sitzt auch der sozialdemokratische Redakteur der „Bürgerzeitung" Henke. Dieser „Genoffe" hat sich wäh- rend der Sitzungen etwas sehr — „sozialdemokratisch" betragen. Um Ordnungsruse des Präsidenten kümmerte er sich nicht und machte spöttische Gegenbemerkungen, so daß der Präsident ihm gegenüber völlig machtlos war. Nunmehr ist dem Stadtparla nente ein Antrag unterbreitet worden, durch den der Bürgerschaft die Möglichkeit gegeben werden soll, ein Mitglied zeitweilig, und zwar bis zur Dauer von zwölf Sitzungstagen, auszuschließen.
Ausland.
* „Immer bleibt etwas hängen."
Man wird in Deutschland meistens mit einem Lächeln die neuesten Leistungen englischer konservativer Wahlredner auf dem Gebiete des Bangemachens vor Deutschland zur Kenntnis nehmen. Auch die Engländer werden wohl nicht ernst bleiben, wenn ihnen, wie es jetzt durch Lord Cawdor geschehen ist, erzählt wird, Belfast, die irische Seestadt, werde im Falle eines liberalen Wahlsiegs bald eine deutsche Marinewerft und Reparaturwerkstätte sein.
Die Iren nämlich, denen die Liberalen die Unabhängigkeit versprochen hätten, würden Belfast den Deutschen ausliefern. Sicher werden auch die stolzen Söhne Albions dem Lord Milner nicht zusümmen, der behauptet, daß England heute die schwächste aller größeren Nationen sei; bereits sei der Zweimächte-Standard zur See aufgegeben, und zu Lande könne sich England höchstens mit Bulgarien oder Belgien vergleichen.
Diese haarsträubenden Uebertreibungen wird niemand glauben. Aber eine ungünstige Nachwirkung auf die deutsch-englischen Beziehungen wird sicher ihre Folge fein. Die Hitze eines Wahlkampfes macht immer, und besonders in dem parlamentarisch geschulten England, die Gemüter für die Ausnahme politischer Ideen besonders empfänglich. Die endlosen Brandreden der konservativen Wahlagenten werden schließlich in den Massen den Glauben an eine drohende deutsche Gefahr unvermeidlich großziehen, zumal gemäßigte Männer, wie Lord Cromer, es nicht uvterlassen, den deutschen- sresserischen Phantasien von der Art der von uns mitgeteilten Auslassungen des Sozialisten Bla- tenford öffentlichen Beifall zu zollen. Heute lachen noch viele Engländer über die konservativen Kriegsgefpenster und ein besonders bildreicher Redner mußte seinen lachenden Zuhörern zurufen: „Sie werden mir nicht glauben, bis Ihnen die Deutschen ihre Bajonette in den Leib stoßen."
Am Ende aber wird dieser englische Wahlkampf sicher im hohen Maße dazu beigetragen haben, einer aufrichtigen Verständigung zwischen Deutschland und England Schwierigkeiten zu machen, denn von den konservativen Kriegsredcn wird immer etwas hängen bleiben.
vermischter.
* Das Geld der englischen Gewerkschaften, der sog. Trabe Union?, darf nach einer letztinstanzlichen Ent- fcheibung des Oberhauses nicht zu Wahlzwecken verwandt werden. Dieses Verbot wird sich im Wahlkampf bemeckbar machen.
** Der Warenhausbrand in London. Nach den neuesten Berichten sind bis jetzt acht Leichen au- den Trümmern heworgeholt worden. Zehn Personen werden noch vermißt. Das Feuer ist, wie sich jetzt herausgestellt hat, durrch die Ungeschicklichkeit eines Angestellten vemrsacht word-n. Dieser wollte einen' Schirm vom Stand nehmen, dabei fiel der Scharm gegen eine Glühbirne, die zerbrach und einen Vorhang in Brand steckte. Im Augenblick stand ein Aus- legefenster vollkommen in Flammen. Das Warenhaus hatte 500 Angestellte; in den oberen Etagen spielten sich verzweifelte Szenen an den Fenstern ab. Dt< Rettungsleitem gerieten in Brand; ein Mann brachte zwei Mädchen aus dem Innern an die Rettungsleiter und fiel dann selbst besinnungslos zurück. Eine Frau stand kreischend am Fenster, zog ihre Schuhe ab, warf sie hinunter und sprang hinterher. Ein Mann krachte mit einem Kopfsprung aufs Pflaster; aus demselben Fenster sprangen sechs bis acht junge Leute, da ander unteren Etage schon die Flammen emporzüngelten. In kürzester Zeit war das ganze Gebäude ein Glut- ofen. Es brannte bis auf die Grundmauern nieder.
** Das Grafenkind. Das Posener Oberlandesgericht hat aus dem jungen Grafen Kwilecki nach langwierigen Prozessen einen einfachen Joseph Stanislaus Meyer gemacht oder vielmehr einen Stanislaus Pa- reja, da er den Mädchennamen seiner Mutter führen muß. Gewiß wird niemand dem armen Jungen, der nun in das Bahnwärterhäuschen hinauswandern wird,' sein Mitgefühl versagen können. Es ist ein hartes Los, so auf einmal aus dem Kreise, in dem er ausgewachsen, heransgerissen und in ein schlichtes Bahnwärterhäuschen geworfen zu werden. Jedenfalls darf man annehmen, daß in der ganzen Affäre das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, da Leute vorhanden sind, die die feste Ueberzeugung vertreten, daß der angeblich von der Gräfin Kwilecka untergeschobene junge Graf wirklich der Sohn der Gräfin und nicht derjenige dec Bahnwärtersfrau Meyer ist. Der frühere Verteidiger der inzwischen verstorbenen Gräfin er* klärte einem Berichterstatter des „Berl. Tagebl." gegenüber, die Aehnlichkeit des jungen Grafen mit seiner Mutter sei so frappant, daß eine Unterschiebung als vollständig ausgeschlossen gelten müsse. Der viel* umstrittene Junge habe eine große Gesichtsähnltchkett mit der Gräfin, schleppe das eine Bein etwas nach/ genau wie der Gatte der Gräfin und habe auch die eigentümliche Stimme, die eine Familteneigentümlich-' keit der Familie Kwilecki ist. Bemerkenswert ist, daß im Jahre 1903 einen Tag vor dem Urteilsspruch deS Schwurgerichts bei dem Anwalt der Gräfin Kwileöst' von ihrem Gegner, Grafen Hektor v. Kvilecki, ein Brief einlief, worin dieser erklärt, er sei durch den Gang der Verhandlungen zur Einsicht gelangt, seine Verwandten auf Grund nicht zu beweisender Tatsachen beschuldigt zu haben und bittet, den Irrtum zu entschuldigen. Uebrigens wird jetzt gemeldet, daß Graf Miezislaus Kwilecki, der Senior der Gräflich« Kwilecki'schen Familie, schon, ehe er dem Prozesse der Fran Mayer — als Nebenkläger beitrat, die Mittel zu einer guten Erziehung des Knaben zur Verfügung gestallt habe. Er verpflichtet sich, bis zu dessen vollendeten 18. Lebensjahre eine jährliche Rente von 1500 Mack zu zahlen und bis zum vollendeten 25. Lebensjahre eine jährliche Rente von 1800 Mark. Der Knabe befindet sich seit dem Tode der Gräfin in Pen* wn bei dem Univerfitätsprofessor v. Tessen-WesserSky in Bceslau. Er besucht dort das Magdalenen-Gym- nastum und sitzt gegenwärtig in Untertertia. Er wird als ein gesstig sehr geweckter, sympathischer Junge go« childcrt.
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