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36. Jahrgang

Fulda, Donnerstag den 23. Dezember 1909

294

Avstes

d«s Volke», die in Hörigkeit oder Sklaverei schmach­tende Bevölkerung, von allen Schulen und von aller Bildung und Erziehung gänzlich ausgeschlossen blieb. Man spricht zwar ost von einer .Nationalerziehung' der Perser, Aegypter, Griechen usw., aber dabet ist nur an die Erziehung zu denken, die den »oberen Zehntausend' zu teil ward und deren Ziel einzig die Erziehung zum Bürger war, nicht aber war diese Nationalerziehung' eine Volkserziehung in unserem Sinne. Erst das Thristentum brachte den Ge­danken einer Volks erziehung in die Welt, denn erst das Christentum belehrt die Menschheit, daß alle Menschen gleich seien, gleich von Natur, weil jeder Mensch im Besitze aller wesentlichen Naturgaben ser und keiner eine mindere Seele als der andere besttze, gleich als Kinder eines gütigen Schöpfers, gleich als Brüder einer Welterlösers, gleich als Berufene zu demselben Glauben, zu denselben Gnadenvorzügen, zu derselben ewigen Bestimmung, zu demselben Him­mel, gleich darum auch in ihren Rechtsansprüchen, speziell auch im Rechte auf Ausbildung. Erst das Christentum erklärte weiterhin alle Menschen, vom Kleinsten bis zum Größten, als freie persönliche Wesen, die man nicht wie eine Sache behandeln könne, die man insbesondere nicht als bloße Staats- und Ge­meinschaftszwecke betrachten dürfe, sondern von denen jeder ein Recht auf die persönliche Ausbildung hat, aus daß er zu einer wohlgebildeten und wohlerzogenen Persönlichkeit heranwachse und heranreife.

Diesen ihren Grundsätzen entsprechend und zudem noch vom Heiland selber ausgefordert, jegliche (menschliche) Kreatur zu belehren und ihr das Evan­gelium zu verkünden und alle Völker zu erziehen (Matth. 28, 19. 20; Mark. 16, 15. 16), widmete sich die katholische Kirche vom Anfänge an der Volks- erziehmng. Sie errichtete sogenannte Katechu- m e n a t e, in denen die Erwachsenen vor der Taufe in den Anfangsgründen des Glaubens unterrichtet wurden. Und da der Herr gesagt hatte, daß jeder Erwachsene zuvor glauben muffe, ehe er getauft wer­den könne (Mark. 16, 15), und da der Apostel Paulus im Hebräerbrief, dieses Gebot Christi näherhin aus­legend erklärt hatte, daß jeder, der selig werden wolle, zum mindesten glauben müsse, daß ein Gott sei und ein Vergelter des Guten und Vosen, so war damit die Pfticht für die Kirche gegeben, in Wahrheit jeden Menschen, jegliche Kreatur zu unterrich­ten Dieses geschah in den Katechumenaten; das Katechumenat kann darum als die e r ft e Volks­schule der Menschheit angesehen werden. Neben diesen Täuslingsschulen errichtete die Kirche alsbald auch Katechetenschulen, Schulen, in denen cie Lehrer für den Unterricht in den Katechumenen­schulen ausgebildet wurden: so zu Alexandrien, An­tiochien, Edessa, Nisibis usw. Diese Katechetenschulen müssen als die ersten Lehrerseminare in der Menschheitsgeschichte gelten. Und nun die Haupt­sache: Wer hatte in diesen Volksschulen und in diesen Lehrerseminarien die Schulaufsicht? Antwort: die Kirche und nur sie allem

Aber, wird man einwenden, dieses ausschließliche Schulaufsichtsrecht war selbstverständlich, es handelt sich eben hier nur um die Aufsicht über den Reli­gionsunterricht, denn in diesen Kcitechumenen- schulen und in diesen Katechetenschulen der christlichen Vorzeit ward nur Religion gelehrt. Aber das Schul­aufsichtsrecht der Kirche über den Profanunterricht, über den Unterricht in den weltlichen Fächern ist damit noch nicht bewiesen. — Ganz recht,.so weit die Katechumenenschulen in Frage kommen: aber in den Katechetenschulen wurde von allem Anfang an nicht bloß Religion gelehrt, sondern es wurde auch in weltlichen Fächern unterrichtet, im Schreiben, Lesen, in den Sprachen usw , und auch über diesen weltlichen Unterricht übte die Kirche das Aufstchtsrecht. Indes, gar bald zogen mich die christlichen Volksschulen welt­liche Fächer ein, und die Kirche nahm auch über diese Fächer das Auffichtsrecht in Anspruch

In den Stürmen der Zeit, namentlich in den Bedrängniffen der Völkerwanderung, verfielen die

Katechumenen- und Katechetenschulen. Doch die Küche h,elt zähe fest an der Idee einer Schule, die alle Christen umfaßte. Und so gründete ste jetzt neue Schulen für den Volksunterricht, die Pfarrfchulen — so genannt, weil sie im Anschlüsse an die Pfarreien be­standen und von den Schülern der betrefienden Pfar­rer besucht und von den Geistlichen der betreffenden Pfarrei geleitet wurden. Die Pfarrschulen sind dem­nach an die Stelle der Katechumenenschulen getreten. Die Kirche sorgte aber für die Heranbildung von Leh­rern für die Pfarrschulen; dies tat sie durch Gmn- düng der Kloster- und Domschulen, in denen die Kl» riker die geborenen Volksschnllehrer, unterrrchtet und erlogen wurden Die Dom- und Klosterschulen losten also^ die allen Katechetenschulen ab, sie waren: bre Lehrerseminar- des Mittelalters Jnd.esen Kloster- und Domschulen, in diesen Volksschulen des M'ttel- alters wurde aber nicht nur Religion, sondern sehr häufig auch das Lesen gelehrt — dem Brldungsbe- bürfniS der damaligen Zeit war damit Pollauf ge­nügt — und auch über dieses weltliche Fach behielt die Kirche das Aussichtsrecht . . ..

Wir stehen bereits im 8. Jahrhundert— noch hatte der Staat nicht das Geringste für dre Schule getan, alles und jedes war nur der Kirche zu verdanken Da ersteht der Volksbildung auch von staatl. Sette her em warmer, mächtiger und weitschauender Freund Kaffer KarlderGroße. Getränkt vom Geist der Küche faßte auch er den Plan einer allgemeinen Volksblt- düng fchars ins Ange nnd mit der Energie und dem weitschauenden Blick, die ihm eigen waren mit der Machtfülle der Autorität, die ihm so reichlich zu Ge­bote stand, ging er in viel allseitigerer und wrrkfame- rer Weise, als dies seither geschehen war und nach Lage der Zeitumstände und der sozialen Verhältnisse geschehen konnte, ans Werk. Sein, Plan war, daß jeder Geringste aus dem Volk «ne Summe von Kenntnissen sich aneignen solle, und damit dieses leich­ter geschehen könne, ordnete er an, daß der Unterricht, der seither lateinisch erteilt wurde, in der Mutter­sprache gegeben würde. So war der Umfang der Schule erweitert; aber auch derInhaIt des Unter­richtes sollte eine Ausdehnung erfahren: nicht nur in der Religion, sondern auch im Lesen, Schreiben und Singen sollten die Kinder unterrichtet werden. Selbst eine Art Lernzwang führte Karl der Große ein: die Sendschöffen erhielten den Auftrag, über säumige Eltern, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken woll­ten, Strafen zu verhängen. Aber wer hatte in diesen Schulen Karls d. Gr. die S ch ul auf sicht?. Wie­derum die Kirche und nur die Kirche. Gewiß ent­faltete Karl d. Gr. seinen ganzen Einfluß aus die Kirche, um seinen Lieblingsplan der allgemeinen Volksschule zu verwirklichen, aber in das Schulaus­sichtsrecht der Kirche griff er niemals ein. Den Lern­zwang übte er durch seine staatlichen Organe aus. — dies Recht hat ja die Kirche dem Staate nie be­stritten —, aber die Errichtung, Leitung und Beauf­sichtigung der Schule blieb der Kirche Vorbehalten; e? war auf den Konzilien der Bischöfe (z. B. zu Mainz im Jahre 813), wo die diesbezüglichen Vor- schristen und Normen ausgestellt und beschlossen wur­den.

Wie Karl d. Gr. der erste weltliche Herrscher war. der dem Schulwesen seine besondere Tätigkeit zu­wandte, so war er auf lange Jahrhunderte hinaus auch der letzte. Mit Karls d. Gr. Tode hörte die staatl. Für­sorge für die Schule wiederum auf. Der Staat tat Jahrhunderte hindurch, bis in die zweite Halste des 17. Jahrhunderts hinein, nichts mehr für die Schule. Ter Kirche allein blieb die Sorge für das Schulwesen überlassen Rur die städtischen Körperschaften nehmen sich seit dem 13. Jahrhiindert der Schule kräf. tig an. Der Grund für dieses städtische Interesse an den Schulen war jedoch kein kirchenfeindlicher, sondern ein rein wirtschaftlicher und sozialer. Im ausgehen­den 12. Jahrhundert nämlich war man von der Dorf­besiedelung zur Städtegründung, vorn einfachen Land­wirtschaftsbetrieb zum Handel und Gewerbe überge­gangen. Diesen neuen wirtschaftlichen und sozialen

Verhältnissen konnten die bisherigen Schulm selbst», verständlich nicht mehr genügen; daS Bildung»^- dürfnis des aufftoebenben Bürgerstandes war gewach- tCn die Handwerker und namentlich die Kaufleute strebten nach Schulen, in denen den besonderen An» forberungen ihres Handwerks, ihres Gewerbes Rech­nung getragen würde. So griffen denn die Städte, selb» zu und gründeten eigene Schulen, bte J°8^ nannten Stadtschulen, in denen neben den gjeriga, Fächern auch Deutschlesen, Schreiben von Geschäft», aufsätzen und Rechnen hmzugenommen würbe. Aber was wiederum das Bemerkenswerte bei dieM^ städttschen Schulgründungen ist: die Erlaubnis, fw zu gründen, holten die Städte von der Kirche em und die Aufsicht über den gesamten, religiösen wie pro­fanen Unterricht überließen sie auch m den Stadt- chulen der Kirche. So ließ sich z. B. di-Stadt HE bürg im Jahre 1281 von Papst Martin V. Stadffchick rechte verleihen. Zwar kam es nicht selten zu Str^, tigteiten zwischen der Stadtbehorde und den Pf^reM wegen der Errichttmg von Stadtmitten;doche» waren keine Streitigkeiten, um die Rechte der Kirch« auf die Schule, sondern Konkurrenzschden die Pfarrer fürchteten aus den neu erstehendenStadffchuA mit Recht eine Beeinträchtigung ber eiten WrrfätK len Wo aber im Mittelalter bis über die Zeit der Reformation hinaus tatsächlich Landesherren oder weltliche Behörden die Anstellung der Lehrer und die Aussicht über die Schüler in den Händen batten, M waren diese Rechte, nach Analogie mit den Patronats rechten, von der Kirche ausdrücklich erbeten und bet' ’^’äÄie katholische Kirche im Besitz einer unabhängigen Sckulaufsicht bis zum Re», sormationszeitalter, ja über mehrere Jahrzehnte dÄ» Reformationszeitatters hinaus^ Nicht die Reforma tion als solche hat an diesem Besitzstände der Kirche t* katholischen wie protestantisch e nL anbei etwas geändert, sondern der StaatsabsoluttsmuS. Doch davon im folgenden Artikel.

Deutsches Reich.

Berlin, 22. Dez. 1909. König Viktor Emanuel von Italien wird fich im Mühja« zum Besuche des Königs Eduard nach England begeben, danach auf der Ostsee mit unserem Kaiser zusammentreffen, den Zaren m Peterhos! besuchen und endlich auf der Rückreise in Cher^ bourg eine Begegnung mit dem Präsidenten der Republik Frankreich, Falliöres, haben. —- ®w Kronprinzessin Cäcilie ist bekanntlich in (^annelj öingetrosfen, wo sie von den französischen öe*. Hörden begrüßt wurde. In einem Telegramm des Pariser „Maiin" wird nun behauptet, daß auch der deutsche Kronprinz in (Sanne» Jet allerdings im strengsten Inkognito. — Die nr der Bildung begriffene badische Volksparter wird außer der freisinnigen und demokratische« Partei auch die Nationalsozialen umfassen, biu gegen nicht die Nationalliberalen, wie die durch die Presse gegangene Mitteilung infolge eines Telegrammfehlers behauptet hatte.

* Reicheversicherung und Netzte. Nach einet Mitteilung der „Franks. Ztg." ist dem Widerspruch, der Aerzte und ihrer Organisation gegen die tm Entwurf der Reichsversicherungsordnung vorgesehene Regelung der Arztsrage stattgegeben worden. Der Entwurf ist im Reichsamt des Innern umge- arbeitet und die Arztfrage auf der folgenden Grundlage geregelt worden: Von den Vertretern, der Aerzte und der Klassen in den einzelnen Regie», rungsbezitken werden Tarifverträge vereinbart. Alle, Aerzte des Bezirkes, die die Bedingungen des Tans» Vertrages anerkennen, sind bei allen Kassen zuzu« lassen. Kommt ein Tarifvertrag nicht zustande, so setzt die Regierung einen solchen von Amtswegen fest. Eine Verpflichtung, zu den Bedingungen dieser

V Zur Schulaufftchtsfrage.

Ein geschätzter Mitarbeiter au8 kirchlichen Krei­sen schreibt un8:

In Nr. 290 bet Fulb. Zeitung Erstes Blatt vom Samstag den 18. Dezember, äußerte sich ein Volk s- sch«ll«hrer zur Schulaufstchtsftage. Diese Aeuße- rung dürfte eine der beachtenswertesten sein, die in diestr Sache in Zeitungen in letzter Zeit überhaupt erschienen sind. Sie ist beachtenswett erstens wegen iihrer klaren Auffassung von den Rechten der ^Kirche auf die Schule und wegen ihres entschiede­nen Eintretens für dieselben; sie ist beachtenswert zweitens wegen bet Vorschläge, die der betreffende Volksschullehrer zur H a u p t l e h r e r f r a g e macht; sie ist drittens beachtenswert als Wiedergabe der An­sichten der kathol. Lehrer unseres BezltteS, denn der Artikelschreiber erklärt ausdrücklich, seine Meinung fei „die Meinung der katholischen Lehrer* überhaupt. Aber noch aus einem vierten Grunde ist die Auslassung des Volksschullehrers beachtensivert: sie hat nämlich den Entgegnet (in derselben Nr. 290 der „Fuld. Ztg.) im Punkte 3 zu einer Unterschei­dung hinsichtlich der Schulaussicht veranlaßt, die auf den ersten Blick besticht u. wegen dieser ihrer bestechen­den Form leicht zu einem Schlagworte im bevor- ' stehenden Schulkampfe werden könnte, zum großen 'Schaden der guten Sache, denn diese Unterscheidung ist in sich zum mindesten sehr mißverständlich; wir meinen die Unterscheidung zwischen kirchlicher und geiffli cf» er Schulaufsicht, von denen nur die letztere gefordert werde, während der erstere sowohl für die religiös-sittliche Erziehung als mich für die Kirche gleichgültig fei. (Wir hatten gegenüber der 'Charakterisierung der Schulaussicht als einer staatli­chen Amtstätigkeit hervorheben wollen, daß es für die Praxis gleichgültig fei, ob man den Geistlichen, wenn er gemäß den gegebenen Rechtsverhältnissen als Ortsschulinsvektor fungiere, als Vertreter der Kirche ober als Beamten des Staates ansehe. Wir nannten die OttSschulaufficht eine geistliche, weil sie aus­geübt wird von Geistlichen, um deren Beibehaltung als OttSschulinspektoren im gegenwärtigen Schulkampf eS sich zunächst handelt. Die gründ s ätz liche Forderung nach einem Aufsichts- recht der Kirche sollte damit nicht berühtt werden. -Die Red.)

Diese vier Umstände, die den erwähnten Artikel Jamt seiner Entgegnung charakterisieren, sind die /nähere Veranlassung zu'der Artikelserie, der wir über ! b ' Schulfrage in der „Fuld. Ztg." hiermit eröffnen ii en. Der entferntere und tiefere Grund zu der Jgi, ,unten Artikelserie ist die hervorragende Wichtigkeit Uitb Zeitgemäßheit einer ausführlicheren Behandlung Iber Schulfrage. Es erscheint uns geradezu unerläß­lich, daß die Schulftage, die gegenwärtig im Vorder­gründe aller idealen Interessen steht, auch in den öffentlichen Blättern, nicht bloß in den Fachblättern und Fachzeitschriften, eine allseitige Besprechung er­fahre, damit die Geister geklätt und für sachgemäße i Vertretung der rechten Grundsätze in den uns etwa l bevorstehenden Kämpfen befähigt werden.

An erster Stelle soll uns die Geschichte der 'Schulaussicht beschäftigen; an zweiter Stelle sollen Ibie katholischen Grundsätze hinsichtlich ber Schul­aufsicht bargestellt und begründet werden, schließlich soll die brennende Hauptlehrerfrage zur Er­örterung kommen.

I. Zur Geschichte ber Schulaufsicht.

Das vorchristliche Heidentum kannte keine Volks- bildung, keine Volks erziehung, keine Volks- schule. Zwar hatte das vorchristliche Heidentum auch Schulen, aber ber Zutritt zu diesen Schulen war nur einer bevorzugten Minderheit gestattet, nur den Rei­chen und Angesehenen, wahrend die große Mehrheit

Schattenblume.

10] Originalroman von Irene v. Hellmuth.

Der Kranke schwieg; er schien erschöpft. Im Zimmer regte sich nichts. Von der Straße herauf drang das Geschrei spielender Kinder.

, Nach einer Weile fing Hardten wieder an: „Dein Großvater ist zwar ein mürrischer alter Sonderling, «nd viele Freuden werden auch dott nicht auf Dich garten, mein armes Kind. Aber die Rosel ist ja auch dort, und sie wird Dich mtt Freuden unter ihre schü­tzenden Fittige nehmen, sie muß ja immer etwas zu bemuttern haben. Die gute Alte sorgt schon für Dich. Und wenn ber alte Müller auch manchmal sonderbar ,ist und grob und unfreundlich dazu, so laß Dich das sticht weiter ansechten; denn im Grunde genommen be­sitzt er doch ein gutes Herz. Er ist nur verbittert, denn das Leben hat ihm auch übet mitgespielt. Er hatte auch sein redlich T-il an Sorgen und Kummer zu tragen, er konnte es' trotz allen Fleißes, trotz red­lichem gutem Willen doch zu nichts bringen, eS ging immer rückwärts statt vorwärts. Krankheiten, Ver­luste im Geschäft ließen ihn nie so recht aufatmen, und vollends den letzten Schlag verwindet er sein Le­ben lang nickt mehr. Es war ja auch fast zu viel für den armen Mann und ich glaube mir ginge es .genau so wie ihm."

Gespannt blickte Gerda den Vater an.

v „Ich weiß, daß sich einmal etwas Furchtbares ereig­net hat," sagte sie, „aber was eigentlich geschehen sst, ,konnte ich nie erfahren. Schon da ich als Stoib auf iber Mühle war, entnahm ich auS gelegentlich aufge- sschnappten Bemerkungen, daß einmal ein schreckliches silnglück passiett sein mußte, — aber eine Scheu, die ich mit heute noch nicht zu ettlären vermag, hielt wich immer ab, darnach zu fragen. Jetzt war ich ja lange nicht dott und hatte die Sache ganz üergeffen; kber wissen möchte ich doch, was den Großvater zum Menschenscheuen Sonderling gemacht hat."

, Hardten hatte sich ein wenig im Bett aufgerichtet Mb begann: „DaS will ich Dir sagen, mein Kind,

,ch erinnere mich jeder Kleinigkeit noch ganz genau. Ich war damals mit Deiner Mutter bereits verlobt und auf einige Wochen Gast in der Mühle, als das schreckliche Unglück geschah Es ist ja lange her, aber so etwas vergißt man im Leben nicht Daß Deine Mut­ter eine Schwester besaß, ist Dir wohl bekannt. Man konnte sich aber kaum einen größeren Gegensatz den­ken als diese beiden Mädchen. War Deine Mutter brünnett mit dunklen Augen und bräunlichem Teint, so besaß die andere hellblaue Vergißmeinnichtauzen — hatte Haare wie gesponnenes Gold, war zatt und rosig wie eine Apfelblüte. Dazu kamen Grübchenwan­gen und ein Mund — der wie geschaffen schien zum Stoffen. Sie wurde überall nur die schöne Müller- Trudel genannt. Allezeit war ste zu tollen Stteichen aufgelegt —der Schelm saß ihr im Nacken und lachte ihr aus den hellen, luftigen Augen. Wer sie sah, blieb stehen und schaute ihr nach. Und wenn im mchen Dorf zum Tanze aufgespielt wurde, da ging es ohne die Müller-Trudel nicht; wenn sie nicht kam, wurde ste von den Burschen geholt. Jeder wollte mit ihr tanzen. Es war auch eine Lust, ihr zuzusehen, wenn sie dahinschwebte, wenn ihre Wangen glühten, ihre blonden Zöpfe flogen und ihre kleinen Füße kaum den Boden berührten. Deine Mutter liebte den Tanz nicht, aber sie ging doch immer hin, um die schöne Schwester tanzen zu sehen und die bewundernden Blicke zu beobachten, die man der Trude von allen Selten nachsandte. Daß es Ihr an Freiern nicht fehlte, brauche ich Dir wohl kaum zu sagen, aber keiner der Burschen konnte sich rühmen, von ihr bevorzugt zu sein. Sie hiell alle in gewissen Schranken, bis auch ihre Stunde glommen war, und die Liebe Besitz nahm von ihrem Wesen."

Der Erzähler machte eine Pause. Er schien ganz »ergeffen zu haben, daß Gerda neben ihm saß, wie versunken in die Erinnerung an jene Zeit schaute er gerade ins Leere.

„Strengt Dich da» Plaudern nicht allzusehr an?" fragte das junge Mädchen besorgt.

Er schüttelte den Kops und fuhr dann fori: „Du weißt doch, daß sich in dem unweit derMühle liegen­

den Dorfe eine große Baumwollspinnerei befindet, wo einige hundert Arbeiter beschäftigt sind."

Als Gerda nickte, erzählte der Vater weiter: „Also der Besitzer der Spinnerei, Helldorf mit Namen, hatte einen Sohn und den hatte sich die Trude zu ihrem Liebsten erwählt. Aber der junge Helldorf galt in der ganzen Gegend als ein leichtsinniger Verschwender, der das Geld feines Vaters zum Fenster hinauswarf, der spielte und riesige Summen verlor. Er war ein rich­tiger Tagedieb, der jedem hübschen Mädchen nach­stellte. Der alte Helldorf war schwach genug, seinem Sohne, der ein auffallend hübscher, eleganter Mann war, überreiche Mittel zu gewähren, sonst wäre es ihm nicht möglich gewesen, ein so flotes Leben zu führen. In die Fabrik seines Vaters kam er nur selten und auch dann nicht, um zu arbeiten, sondern nur um die Zeit totzuschlagen und den Arbeitsmädchen die Kopse zu verdrehen. Der junge Lebemann sollte sich in der eine halben Stunde entfernten Stadt eine fast fürstlich eingerichtete Wohnung gemietet haben; dort empfing er seine Freunde, vornehme Schmarotzer, die sich an ihn hingen wie die Kletten. Dort wurde ge­spielt und in mancher Nacht mehr Geld verloren, als eine Familie das ganze Jahr brauchen darf.

Die Trude wurde von allen Seiten vor dem leicht­sinnigen Menschen gewarnt, allein sie wollte nichts hö­ren. Ihr Vater, dessen Liebling sie war, versuchte auf alle mögliche Weise, sie zu überzeugen, daß Robert Helldorf nie daran gedacht habe, sie zu heiraten; er bat und beschwor das Mädchen, doch von jenem Menschen zu lassen — Umsonst! — Dann probierte er es mit Strenge, er schreckte sogar vor körperlichen Züchtigungen nicht zurück Als ihm eines Abends hinterbracht wurde, die Trude gebe sich mit ihrem Lieb­sten auf der alten verfallenen Burgruine — die zwischen Mühle und Dorf auf dem sogenannten Rabenstein liegt — ein Stelldichein, da peitschte er das Mädchen heim, daß eS fich winselnd vor ihm am Boden wand. DaS tat ihm freilich am anderen Tage wieder leid, aber er war eben em jähzorniger Mensch, dessen Wut manchmal keine Grenzen mehr kannte

Trotzdem Ueß Tnide nicht von ihrem Liebsten.

„Und wenn Tu mich zu Tode prügelst," erklärte sie! dem Vater kaltblütig. „Noch int Sterben würde_ ich nicht anders können, als Robert lieben. Ich würde mit ihm betteln gehen, wenn es sein müßte, aber von ihm lassen werde ich nie!"

DaS war eine schwere Zeit. Der Müller wußte, daß sein Kind unglücklich werden würde und tonnt«' es doch nicht hindern. Er ließ kein Mittel unver­sucht, Trude zu überzeugen, daß ihr Geliebter ein Lump war. Als eines Tages die Nachricht verbreitet wurde, der junge Robert Helldorf habe fich mit einem reichen Mädchen verlobt, da atmete der Müller auf; denn er hoffte, das werde die Trude endlich kurie­ren. Aber sie lachte den Leuten ins Gesicht und! glaubte kein Wort

„Robert liebt nur mich, und ich werde feine Frau,, er hat es mir versprochen," sagte sie immer, — bi» ihr endlich die Augen aufgingen und sie glauben mußte. Als sie erkannte, daß sie ffintergengen und betrogen worden war, daß er nur ein frevelhafte» Spiel mit ihr trieb und sie um einer anderen willen verließ, als es ihr zur Gewißheit wurde, daß er ihre treue, heiße Liebe mit Füßen trat und sich obendrein bei seinen Kameraden über sie lustig machte, da verfiel das arme Mädchen in Trübsinn. Sie weinte nicht und klagte nicht. Ost wanderte sie halbe Nächte lang in der allen Mühle umher. Dein Großvater war der Ver­zweiflung nahe, wenn er sein schönes geliebte» Kind ansah. Für Tnide war ihm nichts zu viel. Er taufte1 ihr die schönsten Kleider, um ihr Freude zu machen,! es wurde nid)!» versäumt, aber geholfen hat es auch nichts.

Schon lange vorher, in frohen glücklichen Tagen, hatte sich die Trude immer ein eigenes Zimmer ge­wünscht mit lauter weißen Möbeln und weichen Tep­pichen. Jetzt wurde ihr auch dies gewährt. Ihr alles Zimmer wurde ganz neu eingerichtet, der Mül­ler ließ eS sich ein schönes Geld kosten, sie schien eS kaum zu bemerken, sie saß nur immer am Fenster und wartete, daß der Geliebte —wie sonst so ost — erschien. Natürlich vergebens! Und an dem Tage, da Robert mit einer anderen Hochzeit hielt, hat sich die arme Trude im Mühlbache ertränkt!" (Fortt, f.)