Einzelbild herunterladen
 

36. Iahrqanq

Fulda, Mittwoch den 22. Dezember 1909

293

Gvstes WrcrLL

Lsscheivt täglich mit ««nähme der So.m- »nd Feiertag«, viertel- lShrlicher Vernqrpreir ohne Vringerlohn und vesteSgeld in Fnlda so­wie <mrwärtr!LvNt.

Verantw. Sedattenrr

Lar? schütter

Zweifel bewilligt und ausbezahlt werden. Unsere Notiz bezog sich auf andere Veteranen, welche noch Vermögen bis zu 15000 Mark oder ent­sprechendes Einkommen besitzen und nach einem Beschluß deS Reichstages auch die Beihilfe er­halten sollen. Dieser Beschluß ist von Seiten des Bundesrats infolange abgelehnt worden, als dafür keine genügenden Mittel vorhanden sind. Erwerbsunfähige, hilfsbedürftige Ve­teranen erhalten aber, wie bisher, ihre Beihilfe, und soweit sie solche bisher noch nicht bezogen haben, brauchen sie sich nur mit den erforderlichen Nachweisen beim betreffenden Landratsamt zu melden; die Beihilfe

z p^eL« in Fulda. Wochenbeilage: Illustrierte Sonntagrzeitung"

Deutsches Reich.

** Berlin, 21. Dez. 1909. Der Kaiser hörte am Dienstag vormittag mehrere Vorträge. — Das preußische Staatsministerium trat am Diens­tag abermals zu einer Sitzung zusammen. — Die deutsche Kronprinzessin ist Dienstag vormittag in Cannes eingetroffen und vom Großfürsten Niko­laus empfangen worden.

* Die Einberufung des preußischen Land­tags auf den 11. Januar 1910 ist durch königliche Verordnung vom 20. Dezember ver­fügt worden.

)( Die Wohnungsgeldausschüsse der preußi­schen Beamten sind bekanntlich im letzten Sommer nur provisorisch geregelt worden. Wie es heißt, wird das neue Gesetz über die Regelung des Wohnungsgeldzuschusses, das dem Landtage noch im Januar zugehen soll, Uebereinstimmung zwischen den Sätzen des Reichs und Preußen schaffen. Für gewisse Städte müssen dadurch die Wohnungsgelder der preußischen Beamten herab- gesetzt werden.

)( Eine neue Novelle zu den Steuergesetzen soll dem Landtage bet seinem nächsten Zusammentritt zu- gehen. Bekanntlich hat der Landtag im Frühjahre eine Novelle zu den Steuergesetzen angenommen, die einen Zuschlag zu den bisherigen Steuersätzen vor­steht, der von 5 zu 5 Proz. abgestust ist. Jetzt soll nun eine neue Novelle eingebracht werden, die eine andere Abstufung der Steuersätze durchffihrt, um unbillige Härten zu vermeiden.

Kriegsveteranen und Reichstag. Nach einer auch von uns gebrachten Notiz (vergl. Nr. 292) könnte man annehmen, die Veteranen wür­den keine Beihilfe erhalten. Diese Annahme ist, wie uns mitgeteilt wird, nicht zutreffend, eS sind vielmehr in den Reichshaushaltsetat für das Jahr 1910 wiederum 22 8( 0 000 Mark eingestellt, um 190 000 Veteranen, d. h. Kriegs­teilnehmern, die keine Jnvalidenpension erhalten, erwerbsunfähig sind und sich in hilfsbedürftiger Lage befinden, je 120 Mk. Beihilfe auszuzahlen. Diese 52800000 Mark werden auch ohne jeden

ann ihnen dann unter keinem Vorwand versagt werden, da sie auf gesetzlicher Be­rechtigung beruht, die erforderlichen Gelder vom Reichstag auch ohne Weiteres bewilligt werden müssen, selbst wenn der Betrag von 22800000 Mark überschritten würde.

♦* Zu den „roten" Schweinen äußert sich jetzt auch die ,Nordd. Allg. Ztg/. Das offiziöse Organ versichert, daß die Angaben, wonach dir Verwendung der gefärbten Gerste zu Futter- zwecken die Gesundheit des Viehs schädige, sorg- fällig geprüft würden. Bisher fei ein Beweis dafür, daß die Verwendung der mit Eosin ge­fallen Gerste schädlich wirke, nicht erbracht worden; die Wirkung deS Eosins auf den Tier- körper bei der ausgedehnten Verwendung, die die niedrigverzollte Gerste bei der Viehfütterung findet, sei vor Einführung des Färbungsoerfahrens besonders eingehend geprüft worden. Die im Auftrage des preußischen Landwirtschastsministe- riums von dem Kaiser Wilhelms-Institut in Bromberg aus dem Versuchsgute Mocheln mehr als 3 Monate hindurch angestelllen Versuche mit 30 nach Rasse, Alter und Gewicht gleichartigen Schweinen zeugten für die Unschädlichkeit des Eosin. Eosin habe auf die Beschaffenheit des Fleisches und des Futters keinen Einfluß ausgeübt.

4- Rote Budget-Bewilliger. Der Meinin­ger Landtag hat vor seiner Vertagung die Staatsrechnnng für 1907 einstimmig genehmigt. Auch die Sozialdemokraten bewilligten den Etat. — Dasselbe tat auch der im Teltower Kreis- tage sitzende Genosse Herbst.

— Zum Besuche einer Zentrumsversamm­lung hatte durch eine Zeitungsanzeige in Or­scholz a. d. Saar „das Pfarramt" eingeladen. Das war natürlich ungehörig, beruhte aber wohl auf einem Versehen, denn bei der Wiederholung der Anzeige unterblieb die Unterschrift „das Pfarramt". Die liberale Presse hat sich weidlich über die Anzeige entrüstet. Gerade sie hat aber dazu am allerwenigsten Veranlassung. Während der letzten Reichstagswahlbewegung kündigte beispielsweise in Osnabrück ein evangelischer Pastor öffentlich eine Predigt an über die be­vorstehende Reichstags wähl. Diese Predigt über die Reichstagswahl ist dann von dem betr. Pfarrer nicht nur in der Kirche gehalien, sondern auch im Druck verbreitet worden, lieber diesen Vorfall hat man aber auf liberaler Seite keinerlei Entrüstung gezeigt; der betr. Pfarrer war näm­lich kein Zentrumsmann, sondern der bekannte liberale evangelische Pastor Psannkuche. — ber­liner Blätter wollen einen Beweis für den „kon­fessionellen Charakter" des Zentrums darin er­blicken, daß in Duisburg der „Pfairvorsitzende Reinermann" in Kuverts, gestempelt „Zentrums­partei Duisburg Petripfarre", Agitationsschriften zur letzten Stadtverordnetenwahl versandt habe. Die Blätter reden sich bann in große Entrüstung über das „Pfarramt als Wahlagitationsbureau". Seit wann ist denn Pfarre und Pfarramt dasselbe? Der „Psarrvorsitzende Reinermann" ist ein Laie und nichts anderes, als Bezirksvorsteher der Zentrumspartei in dem Bezirk der Petri­pfarre. Die Zentrumspartei in Duisburg hat rhre Agitationsbezirke aus Zweckmäßigkeitsgründen nach den Pfarrbezirken eingeteilt, wie das ander­wärts der leichtern Orientierung wegen auch geschieht.

-r-, Bon der preußischen Wahl­rechtsreform

ist gegenwärtig wieder viel die Rede. Anlaß dazu geben die offiziösen Ankündigungen, daß m der demnächst beginnenden Landtagssession die Regie­rung eine Vorlage zur Aenderung des Wahlrechts einbringen werde. Wie aber der Reformvorschlag aussehen wird, weiß bis heute kein Mensch. Nur besteht Grund genug zu der Annahme, daß er sehr zahm sein wird.

Die Einführung des direkten Wahlsystems dürfte kommen, sehr zweifelhaft aber ist es schon, ob auch die Forderung nach dem geheimen Wahlrecht Erfüllung finden wird. Um dem sozialdemokrati- Terrorismus zu begegnen würde die Regierung gegen die geheime Wahl wohl nichts einwenden. Aber der Kampf in der Ostmark legt ihr anschei­nend eine andere Erwägung nahe. In der Ostmark ist die geheime Wahl bedenklich, weil dann ja die Möglichkeit zu Beamtenmaßregelungen nach dem Muster von Kattowitz wegfallen würde. Gewiß wird es nicht an tapferen Hakatisten fehlen, die in diese Zwickmühle verschlagen werden, auf jene Lösung zurückzugreifen, die vor einiger Zeit Frei­herr v. Zedlitz empfohlen hat, nämlich die geheime Wahl als Regel einzuführen, in bestimmten Wahl­kreisen ober die Oeffentlichkeit der Wahl festzu­halten.

Noch uogewisser steht es um die Frage, ob das 9 klassenw ahlsystem beibehalten und nur c -iQett oder durch ein anderes Wahlsystem er­st iverden soll. Von nationaüiberaler Seite tritt mau mit Nachdruck für ein Mehrstimmenwahlrecht etwa nach dem Muster des fächsischen ein. Besser als dieses aber gefällt uns das neue hessische Wahl­recht, daS eine Zusatzstimme für das Alter Vorsicht, r rl von dieser Maßnahme alle Parteien in gleicher

X Den Kattowitzer Lehrern will man gründ­lich zeigen, wie eS mit der viel berühmten Wahl« reiheit bestellt ist. Wie gemeldet wird, wurde den gemaßregelten Lehrern auch die Weihnachts- Remuneration entzogen, während sämtliche fibri» ten Lehrer in Kattowitz sie erhielten.

a. Köln, 21. Dez. 1909. Im Reichstags- Wahlkreise Mülheim - Wipperfürth - Gummersbach haben auch die Christlichsozialen, die bei der Wahl 1907 für den liberalen Kandidaten eingetreten sind, im Verein mit dem Bund der Sanbrotrtt einen eigenen Kandidaten aufgestellt, und zwar in der Person des Pastors Hoemann aus Hülsenbusch.

* Essen, 21. Dez. 1909. In einer Zeitschrift an die „Germ." halte ein Oberlehrer die viel­fachen Entgleisungen beim Unterricht in der Ge­schichte an den paritätischen höheren Lehranstalten zum Nachteil der katholischen Kirche und di« anstößige Haltung mancher Geschichtslehrbücher in dieser Beziehung feftgestellt. Er hatte namentlich auf das Lehrbuch der Geschichte von Koch und Schenck hingewiesen und dabei bemerkt, dasselbe sei auch am Realgymnasium in Esse« in Gebrauch. Herr Direktor Dr. Steinecke teilte daraufhin der „Essener Volksztg." mit, daß er mit Genehmigung des Provinzial-SchulkollegiumS zu Koblenz nlcht nur den neunten Teil des Lehr­buches, von dem die Rede war, sofort dem Ge­brauch im Unterricht entzogen, sondern das ganze Lehrbuch durch ein anderes ersetzt habe. Direktor Dr. Steinecke ist Protestant, ©eine rasche und loyale Entschließung verdient deshalb um so größere Anerkennung. Durch sein einwandfreies Urteil ist dis einseitige, den konfessionellen Friede« störende Stellungnahme des Koch—©chemischen Lehrbuches dargetan. DaS Königliche Provin« zial-Schulkollegium hat die Richtigkeit des Ur­teils anerkannt; es ist darum nicht mehr als recht und billig, daß es seinerseits die Ent­fernung des Lehrbuches wenigstens an alle» paritätischen Anstalten veranlaßt. Geschieht das, dann wird dadurch ein heilsamer Einfiuß auf die Abfassung der Geschichtslehrbücher ausgeübt und gleichzeitig einer Störung des konfesfio- ntflen Friedens wirksam notgebeugt.

/ München, 21. Dez. 1909. Ein Journa­listenstreik wurde gestern abend in der bayerischen Abgeordnetenkammer durchgeführt. Das HauS steckte tief im Militäretat unv konnte sich von der Diskussion über Äantin«.Lieferungen nicht trennen. Als gegen 8 Uhr ein Vertagungs- antrag abgelehnt wurde, drehten die mit doppelten Sitzungen geplagten Journalisten daS Licht aus und verließen die Tribüne. Unmittel­bar danach hatte sich das Haus vertagt.

♦♦ Die Landtagswahlen in Weimar

sind jetzt bei den Privilegiertenwahlen angetangt Am Montag wählten die T a u s en t a I e r m ä n n e r. Im Bezirk Weimar wurde der seitherige Abg. Kommer­zienrat Döllstädt-Weimar (natl.) iviebergewählt. — Im Bezirk Jena wurde Kommerzienrat Müller- Hollenhorst-Apolda (natl.) gewählt. - In Eisenach wurde Forslral Matthes (natl.) nahezu einstimmig ge­wählt. — Im Eisenacher Oberland ist eine Stich­wahl zwischen dem Nechnungsamtsassistenten Stemlev- Kaltennordheim (natl.) und dem Oekonomlerat Do- benecker-Dermbach (rechtsstehend) nötig. Stemmler er­hielt 75, Dobenecker 49 Stimmen. Ferner erhielten Stapff 41 und Michaile 40 Stimmen, einige Stimmen waren zersplittert. (In Geisa wurden Stimmen ab­gegeben für Stemmler 14, Dobenecker 11, Stabff 1, Michaile 1.) - Im Bezirk Neustadt (Oda) ist der bisherige Abg. Fabrikdirektor Ewald Pserdekäm-

34 Freikonservative», 100 Zentrumsabgeordneten, B6 Nationalliberalm, 66 Freisinnigen aller Richtungen, 89 Pole», 3 Dänen und Welfen und 38 Sozialddemo- kraten. Die Rechte würde über 152 Sitze unter 443 verfügen, der liberale Großblock von Bassermann bis Bebel über 149 Eitze, das Zentrum nebst Anhang über 14L Dazu kämen noch 1 Däne."

Mit Recht kann also der ,Reichsbote' sagen, daß die Einführung des Reichstagswahlrechts in Preußen „die sogenannte „Reaktion" noch lange nicht zer­schmettern' würden, und man kann ihm auch zu­geben, daß die konservative Stellung ziemlich uner- schütterlich ist. Weshalb aber unter diesen Umständen von der Einführung des Reichstagswahlrecht „selbst­verständlich' nicht die Rede sein könne, wie der .Reichsbote^ meint, ist uns nicht ganz ersichtlich.

schreibt:

„Hätten die letzten Reichstagswahlen (es wurden^ in den 236 preußischen Wahlkreisen gewählt: 52 Kon­servative, 12 Reformer, Mittelsländler rc., 18 Reichs­parteiler, 29 Nationalliberale, 30 Freisinnige, 62 Zen- kruuy- 21 Polen, 20 Sozialdemokraten und je ein Däne und ein Welle) über die Zusammensetzung des preußi­schen Abgeordnetenhauses zu entscheiden gehabt, so würde es sreilich die gleiche Wirkung der Wahlagitation in beiden Fällen vorausgesetzt, zusammengesetzt fein, auS etwa 100 Konservativen, 18 Mittelständlern usw..

Werse getroffen werden. Wenn man überhaupt an ein Zusahstimmenwahlrecht denkt, so ist jedenfalls daS hessische Wahlrecht ebensolcher Beachtung wert wie das sächsische. Daß das gegenwärtige Drei­klassenwahlsystem eine Fülle von Unzuträglichketten und Ungerechtigkeiten im Gefolge hat, wird auch von konservativer Seite wohl kaum mehr bestritten. Der ,Reichsbote' macht folgenden Vorschlag:

Wenn von der Steuerdrittelung abgesehen würde und etwa bestimmt, daß jede Steuerleistung über 100 Mark (Einkommen von 2700 bis 3000 Mk.) zum Ein­tritt in die zweite und über 600 Mk. (®infomtnen°85OO his 9000 Mk.) zum Eintritt in die erste Klaffe berech- tigf, so wäre das schon eine große Verbesserung.

Der Voranschlag ist unter der Vorausetzung, daß d e Klasseneinteilung nicht zu beseitgen ist, diskutabel! » es darf daran erinnert werden, daß bei der letzten Regelung des Kommunalwahlrechts das Zentrum' eine derartige Norm für die Klasseneinteilung vor­geschlagen hat, leider ohne Erfolg. Wir brauchen nicht besonders zu betonen, daß wir grundsäßtich für das Landtagswahlrecht an der Forderung des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahl­rechts nicht im geringsten jene Gefahr für Staat ^und Volk heraufbeschwören würde, welche von den Gegnern so gern an die Wand gemalt wird, dafür können wir heute einen unverdächtigen Zeugen in dem konservativen „Reichsboten" anführen., Dieser

A 1 AnzUgen: me er»

V jk spatiige Petitzeile ode

£ /K A -MD» deren Baum 15 Pfg

Tf NdlameudrePetitzekL

I ■ V LI E| I S 23 Pfg., bei wieder

lM M «r H Bl K iM W N M W Holungen wird entfpr F JF MM g |L Rabatt gewährt.

RotationrdrnSnnl

Verlag der LnldaerAd

- _ ,,,,, <<..11 .. tieudruckerei in Zuld«

Monatsbellage: „$UlbQCt Geschichlzblaüer Fernsprecher nr.g.

MaerW

Weihnachtssitte« und Weihnachts­bräuche.

dern leuchteten die Fackeln. Das Herdfeuer, das zu­vor sorgfältig ausgelöscht worden war, wurde an der reinen Flamme des Wintersonnenwendefeuers von

Von I. R.

Kein zweites Fest im Jahre wird mit solcher In­nigkeit, mit solcher allgemeinen Teilnahme, mit sol- !chem Hauch beseligenden Friedens gefeiert wie das hl Weihnackttsfest; wohl kein anderes Fest ist denn auch mehr verherrlicht worden in Kunst und Poesie, in .Volkssitt-n und Volksbräuchen wie dieses. ES sst eine schöne Ausgabe, diesen Sitien nachzuspüren, auch eine nutzbringende Aufgabe, weil fit uns ein Verständnis dieser Sitten erschließt und uns mit dem Geiste pie­tätvoller Würdigung erfüllt.

Die Mehrzahl der Weihnachtssitten ist chnstlichen Ursprungs, manche reichen zurück bis in die urdeutsche Familie. Las Weihnachtsfest wurde von Rom aus, wo eS spätestens im Jahre. 354 durch den Papst Lr- bertuS eingeführt wurde, den deutschen Völkem über- taittelt, als diese christlich wurden. ES fällt in die heiligste Zeit der alten Germanen, die in die in­nigste Verbindung mit dem Naturkeben standen utib mit diesem ihre Feste verknüpften. Jkse Götter wa­ren Naturbilder. Wodan, ihr einäugiger HtmmelS- oott — dem Himmel entsprechend, dec in der Sonne sein einziges Auge hat - war ihnen auch der Gott deS irdischen Segens, der die Gaben deS Feldes aus der Erde hervorlockte und die A-cker segnete. Ihm gehörten die Ernte- und die Frühjahrsopfer. Seine Gemahlin Frigga, Frau Hulda oder Holle oder Lerchta war die mütterliche Erdgöttin, die an seiner Tätigkeit und an seinen Ehrungen teilnahm. Dar heiligste Fest ihnen zu Ebren war in der Zeit der Wintersonnenwende, da daS Aufwachen deS 9tatudc= sbenS seinen Anfang nimmt. DaS Fest trug den noch picht genügend ecklärten Namen „Jul' und dauerte dom 25. Dezember bis 6. Januar. In diesen 12 Ta- gen und 12 Nächten zog Wodan, der auch Sturmgott Var auf seinem weißen Roß unter Sturmesbrausen durch die Lust, begleitet von seiner Gemahlin und ge­folgt von einem wilden Heere. Auf den Höhen Io- fcrten dann die heiligen Opferfeuer und auf den Fel-

neuem angezündet.

An Wondans Umzug erinnert noch heute der Schtmmelreiler, der in vielen Gegenden Deutschlands von Hof zu Hof, von HauS zu Haus zieht und den Kindern Weihnachtsgaben spendet. Der Schimmelreiter ist ein Burscht, der sich an der Brust und auf dem Rücken Siebränder befestigt, die er mit einem Leintuche bedeckt und an welche er vorne einen Pftrdekopf, hlnien einen Pferdeschweif au$ Flachs und Werg anbringt.

Eine befanntete Gestalt ist der Knecht R u p r e cht, der in feinem Namen ebenfalls an Wodan erinnert; denn daS Wort Ruprecht Ist entstanden aus Hruod- peraht, einem früheren Beinamen Wodans, der soviel als der „Ruhmglänzende' bedeutet. Knecht Ruprecht kommt vom Andreasabend oder vom ersten Advents- fontag an, meist aber kurz vor Weihnachten. Er er­scheint in umgewendetem Pelz, das Gesicht mit einem langen, dicken Bart bedeckt; auf dem Kopfe trägt er eine Pelzmütze, in der einen Hand hat er eine Rute oder einen langen Besen, auf dem Rücken trägt er einen Sack oder einen Korb mit allerlei Geschenken für die braven Kinder. Mit rauher Stimme fragt er nach dem Fleiß und dem Verhalten der Kinder, läßt fie be­ten und Gedichte aussagen und wirst dann Aepfel, Nüsse, Backwerk und dergleichen ins Zinmier.

Ruprecht erscheint auch ost als Knecht, der das Thristkindlein begleitet. An seine Stelle treten häufig die heiligen Gestallen deS Joseph, Petrus oder des Nikolaus. Vielfach tritt auch der Engel Gabriel auf, der das Chri-'tkindlein auf feinem Wagen fahrt. Im Advent besuchen fie oft die Kinderstuben, wo sie Lieder fingen oder gar WethnachtSspiele aufführen. Die WeihnachtSspiele fanden friiher in den Kirchen flott, woselbst uns auch die ersten Weihnachts­krippen begegnen. Schon dir fromme Kaiserin Helena hatte in der über der Geburtsstätte zu Beth­lehem erbauten Kirche eine kostbare Krippe auS wei­ßem Marmor aufrichten lassen. Der hl. Franziskus von Assist stellte im Jahre 1221 eine schöne Krippe in

feiner Kirche auf, und um den Stall der Geburt anzu­deuten, stellte er ein Oechslein und ein Eselein dane­ben. Bald fanden sich nun Krippen in allen Kirchen. Von den Kirchen gingen die Krippen wie auch die Weihnachtsspiele In die Familien und in das Volks­leben über. Da wurde denn zu dem biblischen Text manches hinzugedichtet und ost, wie es des Volkes Weise ist, recht Gemütliches und NäiveS beigefügt. DaS geschah besonders in den Szenen, wo die Hirten mit ihren Geschenken nahen und wo der Engel erscheint. Da weckt z. B. in einem Spiele ein Hirt den anderen mit den Worten: „Steh auf, uns sst ein Kind ge- born', woraus dieser schlastunken erwidert: „WaS, ein Kind ist erfroren?" Auch die Szene, da Joseph nach rinn Herberge sucht, gibt manchen Spässen Ver­anlassung. Da wird z. B. erzählt von einem gut­mütigen Wirte, der die Fremden wohl gerne aufnähme, wenn er es vor seiner Frau, unter deren Pantoffel er steht, wagen dürfte. Der einfache Sinn des Volkes fand an solchen Stellen nichts Anstößiges, man hörte mit der größten Ehffurcht und Andacht zu.

Im sächsischen Erzgebirge und in Tirol finden heute noch WeihnachtSspiele statt. In Rußland wird am Weihnachtsabend in manchen Städten und Dör­fern von der Jugend rin Festzug veranstaltet. In einem großen Transparent wird der Stem von Beth­lehem voraufzetragen. und die Krippe, ebenfalls mtt Sternen geschmückt, folgt nach. Vor jedem Hause er­schallen Weihnachtslieder, und die Bewohner reichen den Teilnehmern am Zuge Weihnachtsgaben dar.

Beliebt und weitverbreitet als Weihnachtsgabe ist daS Weihnachtsgebäck. UmS Jahr 1400 wird als Weibnachtsbrauch das große, langgeformte Weiß, brot erwähnt. Um 1510 wurden von den Nonnen in Güniherstal zu Weihnachten Lebkuchen gebacken. In einer Weihnachtspredigt vom Jahre 1571 ist von Christstollen, Zucker, Pseffeckuchm und mar.cherleiKon- feft die Rede. Noch heute trifft man den Ehriststollen, der in feiner Form das Christkind darstellt, in Sach­sen als daS allgemein verbreitete WrihnachtSgebäck an. Die zahlreichen Figuren, insbesondere die Männer-, Reiter- und Tlergestalten auS Pfefferkuchenteich und dergleichen, die an den Ebristbaum gehängt werden,

erinnern an die Bilder germanischer Götter und ihnen geheiligter Tiere, die ehedem in heidnischen Tempeln von Frauen gebacken wurden. Auch die sogenannten „KlaskerlS' und „Neujahrswecken' erinnern daran. Im Schwarzwald backt man zu Weihnachten „Sprin- gerle“, ein festes Backwerk, daS in Holzformen mit den mannigfachsten Bildern eingedrückt wird. Die geschnitz­ten Holzformen vererben sich in den Familien durch Jahrhunderte hindurch.

Der größte Zauber wird der deuffchen Weihnachts­feier durch den Ehrt st bäum mit seinem Schmuck und Lichterglanz verliehen. Deuffche in fernen Lan­den fühlen sich lebhaft in ihre Heimat verfetzt, wenn sie um den Cbnstbaum sich versammeln können. Vik­tor Scheffel läßt in seinem Ekkehard schon im 10. Jahrhundert den Christbaum auftreten; wir vermissen aber dabei einen geschichtlichen Nachweis. Unser AeihnachtSbaum taucht nachweislich err im 17. Jahr­hundert und auch dann nur vereinzelt auf. Seit der Mitte der vorigen Jahrhunderts findet er allgemeinere Verbreitung, und heute beginnt er seinen SiegeSzug durch die ganze Welt anzutreten. Zwar wird nicht überaH die Tanne oder Fichte als Christbaum benutzt; in nadelwaldarmen Gegenden benutzt man als Ersatz Saubbäume, grüne Zweige und Blumen; in England werden Efeu Stechpalme, Lorbeer und Rosmarin verwendet. Eine besondere Bedeutung hat bei dem Weihnachtsfest in England der Mistelzweig. Er wird an der Decke des Zimmers aufgehangen, und die Mädchen, welche unter den Zweig treten, dürfen von den anwesenden männlichen Personen geküßt wer­den.

In Süddeutschland ist cS Brauch, daß in den Weih- nachtstagen die Kinder mit Ruten aus Wachholder- ober Tannen-eisern umherziehen und di« Erwachsenen damit, tote fie sich ausdrücken, „abkehren', wofür sie kleine Geschenk« erhalten.

In einigen Gegenden gibt eS zu Weihnachten noch F e st g e l a g e, die wohl auf den OpserfchmauS zu Ehren Wodans, die alten „Julgelage", zurückkehren. DaS hauptsächlichste Opfertter bei den Julgelagen war der Eber, dessen Kopf beim Feste auf dem Tische prangte. Noch beut« besteht in der Uckermark der