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36. Jahrganss
Fulda, Dienstag den 21. Dezember 1909
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Reklamen- und Anzeigenteil.
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Erscheint täglich mk Aurnabme »er $o.m= «.rdZeirrtag« Viertel- fährlicherverngrprrir ohne vringrrlohn und vrstellsrld in Zulda sowie «Miwartrl-SvM.
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Blättern zufolge hat aber der Reichsschatzsekretär ver- chiedenen Parlamentanem gegenüber betont, daß eine Annahme ohne Bereitstellung neuer De- üungSmittel keinen Zweck habe. Solle den Veteranen geholfen werden, so müsse man auch den Gedanken einer Wehrsteuer aufgeben, da diese Steuer nach Abzug der Erhebungskosten die Deckungsmittel nicht austringr und ihre Vorberatung zu lange Zeit in Anspruch nehme. Schließlich gäbe es auch schon genug Steuern. AuS Etatsmttteln lassen sich die Mehrausgaben auch nicht decken. — Der Reichstag will nun den Beweis erbttngen, daß durch Abstriche im Militäretat ohne Gefährdung militärischer Interessen ein großer Teil, der Deckungsmittel dauern- zu beschaffen sei. In Vrteranenfragen war der Reichstag bisher immer einer Meinung, sodaß die Veteranen nicht verzagen sollen. Sie werden, was ihnen zugedacht ist, doch erhalten.__
Seine Höh« beträgt 3V2 Meter. Zu schöner Kugel- sorm ist das Geäste gebildet. — Als eine gute Folge der Branntweinsteuer stellt sich im Vogelsberg, wo noch immer das „Schnapstrinken* sehr in Mode war, ein Zurückgehen des Branntweinkonsums ein. Während früher die Mäher und Kartof- felausmacher im Herbst, die Waldarbeiter, Steinbrecher, Holzmacher im Winter sich zum Frühstück eine Flasche kräftigen Branntwein Mitnahmen, um sich daran zu „stärken*, greifen sie jetzt alle zu dem Kaffeekessel. Reisende und Wirte klagen über eine starke Abnahme des Branntweinverbrauches.
Aus dem Nachbargebiete.
* AuS dem Vogelsberg, 19. Dez. 1909. Buchsbaum von seltener Schönheit steht in
* Birftein, 19. Dez. 1909. In Lichen roth geriet der Stall eines Viehhändlers in B ran d; eine wertvolle Kuh kam in den Flammen um.
* Bebra, 18. Dez. 1909. Der hiesige Bürgerverein behandelte in seiner letzten Ver. sammlung die Frage der Errichtung eines Amtsgerichts in Bebra. Eine wohlbegründete Petition, die den Vertretern der interessierten Gemeinden zur Unterschrift zugehen soll, wird an den Justizminister gesandt werden.
* Hochheim, 19. Dez. 1909. Eine kürzlich hier verstorbene Dame hatte der katholischen Kirchengemeinde ihr HauS vermacht. Von Interessenten >var diese testamentarische Bestimmung angefochten worden mit der Begründung, die Schenkung hatte, da sie einen Wert von über 5000 Mark präsentiere, vorher der Genehmigung des Landesherrn bedurft Unter Hinweis auf ein« Entscheidung des Reichsgerichts hat nun das Ministerium den Protest der Interessenten zurück gewiesen, da die Erblasserin der Kirchengenieinde auch Verpflichtungen und Lasten ouferlegt habe, wodurch der Wett des Vermächtnisses vermindert werde und dieser nur nach Abzug der Lasten in Anschlag gebracht werden könne.
* Mainz, 18. Dez. 1909. Der Oberbürgermeister hat sich dahin geäußert, daß er für das nächste Rechnungsjahr mit einem Mehrbedarf von 800 000 Mark rechne. Vorerst sind ge- plant eine Erhöhung der Schlachtgebühren, ein Aufschlag der Preise für Gas und Elektrizität und dann noch eine erhebliche Erhöhung der Kommunalsteuern. Der Ausfall an Oktroi wird allein auf 300000 Mark geschätzt. I
* Worms, 20. Dez. 1909. Nach einem Bericht der Handelskammer Worms über den Beschäftigungsgrad der Industrie im Winter ist in der Lederindustrie des Handelskammerbezitts gegen das Vorjahr eine erhebliche Steigerung eingetreten, wie auch in den anderen Jndustttezweigen die Geschäftslage nicht ungünstiger geworden ist. Eine Minderung fei nur für das Braugewerbe, die Brauindusttte und die Zigarreniudustrie eingetreten.
* Oberlahnstein, 19. Dez. 1909. Zu der Notiz „Bea mtenb eso ldungs-Kuriosum' ist zu bemerken, daß das Wohnungsgeld der Volksschullehrer nach dem neuen Satz angegeben ist, während das Wohnungsgeld der Professoren und Oberlehrer nach dem seitherigen Satz ge. nannt wird. Die Neuregelung der Gehälter der Oberlehrer ist noch nicht endgiltiq abgeschlossen. Das Wohnungsgeld betrug bis jetzt für Volts, fchullehrer 350 Mark, für Oberlehrer 480 Mk. Von einem „Kuriosum" kann also keine Rede sein.
* Diez (Lahn), 18. Dez. 1909. In der Teig- ! warenfabttk von Martin Fuchs hier kam ein Arbeiter 1 mit dem linken Arm in die Transmission. , Die Verletzungen sind deratt, daß seine Ueberführung in die Klinik nach Gießen erfolgen mußte.
* Barchfeld (Kreis Schmalkalden), 18. Dez. 1909. Die kürzlich in Schweina verstorbene Frau v. Weiß hat in dem jetzt eröffneten Testament auch ihr Dienstpersonal nicht vergessen. Diener und Kutscher, Köchin und Garten- knechte erhalten einen Geldbetrag von je 1000 Mark, das Dienstmädchen bekommt 500 Mark, der Gärtner Hertwig, der fast 50 Jahre bei Frau v. Weiß im Dienste stand, erhält eben- falls 1000 Mark, sowie Wohnung und fort, lausenden Gehalt auf Lebenszeit.
vermischtes.
* Durch allzuviel Schnaps, den ihm feine Zechge- nossen ins Bier gegossen hatten, wurde in Au (Ober-
bayem) ein Bauernbursche vergiftet. Er starb noch in derselben Nacht unter großen Qualen.
* „Was kraucht dort unternr Bett herum?" In Villenbach in bayettsch Schwaben wurde ein Bäuerlein nachts durch ein fürchterliches Krachen aus dem Schlafe geweckt. Ehe noch die Bäuettn Licht machen konnte, hatte ibr Mann den Revolver geholt und unter das Bett geschossen, wo er den Eindringling ver- mutete. Und richtig, mit einem Schüsse im Hintetteil, aber sonst in keinem edleren Teile verletzt, kam keuchend und grunzend das fette Wechnachisschwein her- vorgekrochen, das im dunklen Drange aus denl neben- an liegenden Stalle den Weg zu seinem Besitzer gefun- den hatte. Die Kugel im Schinken wird den Bauern dereinst an dieses seltsame Abenteuer erinnern.
♦ Das Försterdrama von Dünnwald, in dem zwei Beamte von Wilderem erschossen wurden, hat zu weiteren Verhaftungen geführt. Am Sonntag wurden acht Personen verhaftet, damnter mehrere Wilderer, die wegen früherer Verbrechen entlarvt worden sind, und ein achtzehnjähriger Bursche, der ftüher, als er beim Wildem ertappt wurde, mit dem Gewehr auf den Forstbeamien eindrang und dann entkam. Ferner wurde ein Wirt verhaftet, dec den Wilderern Unterschlupf gewährte und sie mit Waffen versehen hatte.
Hofe des Landwirts Dörr in Stumpertenrod. Baum dürste ein Alter von etwa 150 Jahren haben.
Deutsches Reich.
0 Das Programm der neuen Partei. ®et_ wirkliche Charakter und Wett einer Pattei wird bestimmt durch wenige große Gmndsätze und Ziele, zu deren Kennzeichnung weniger die wohlgesehten Wotte und MwgrannnS beitragen, als vielmehr die Persönlichkeiten der Führer und Abgeordneten, die Taffachen der Parteigeschichte und der Geist der Wählerschaft. Wer die drei linksliberalen Fraktionen (den Freisinn in seiner männlichen und weiblichen Auflage und die schwäbische Demokratie) in ihrer Wirksamkeit beobachtet hat, namentlich während der Blütezeit und dem .Verkrachen deS Blocks, der weiß über Wesen und Ziele der neuen Gesamtpartei, der „Deutschen Freisinnigen VolkSpattei* Bescheid, ohne das lange Register deS Programme durchzustudieren, aus dem wir kürzlich die Stichworte veröffentlichten. Die pikanten Gewürz- stückchen in diesem Kuchen sind bald aufgezählt. Das Reichstagswahlrrcht wir- tapfer gefordert für alle Landtage, aber k e i n es w e g s für die Gemeinde- Wahlen, — was sich einfach aus der „idealen* Erwägung ettlätt, daß sonst der Freisinn von der Sozialdemokratie auS allen Rachäusem verdrängt werden würde. In kirchenpolitischer Hinsicht fordem die Herren nicht bloß die Beseitigung aller „Vorrechte*, die vermeintlich die Kirchen haben, sondern auch die „Anerkennung der staatlichen Oberhoheit*. Wenn das einen greifbaren Sinn haben soll, so kann rS nur auf eine Wiederholung des staatlichen Jnqui- sitionsverfahrcns hinauslanfen, das einst zur Einleitung des Kulturkampfes Fürst Bismarck gegen den Bischof von Ermland anwandte, indem er die Erklä- rung des unbedingten Gehorsams gegen alle Staatsge- fetze ohne Ausnahme verlangte. In der Schulfrage geht die neue Pattei natürlich auf den vollen Ausschluß der Kirche und die Beseittgung der Kon- jfessionLschule aus. Auf die „tote Hand* ist es mehrfach abgesehen. Die sozialpolitische Weisheit gipfelt in dem Orakel: „Rechtsgleichheit für Arbeitgeber und Arbeitnehmer; auf diesem herrlichen Prinzip der formalen Rechtsgleichheit stehen auch Delbrück und Sy- dow bei ihrer Vetteidigung deS Zechenarbeitsnachweises. — In dem Programm ist keine rechte Kraft und kein lebensfrischer Saft. In den Ozean schifft nicht mit tausend Masten der Jüngling, sondern auf einem mühsam gebundenen Floß der tastende Greis. Diese gekünstelte Einheitsform wird den Niedergang des Liberalismus nicht aufhalten und den Siegeszug der Sozial demokrati« <rach nicht. Fusion führt crfahrungS- gemäß leicht zu Konftiston. Als sich im Jahre 1884 aus der alten Fottfchrittspartei und dem fezessionisii- schen Abspliß des NattonalliberalismuS die sogen, deutsche Freisinnige Pattei bildete, waren 100 Abgeordnete da und riesige Hoffnungen. Die Zahl der Abgeordneten sank aber gerade nach der Fusion beträchtlich, erst auf 65, dann auf 32. Als sie sich 1890 wieder auf 64 gehoben hatte, da war trotz dem äußeren Erfolge der innere Zwiespalt so weit gediehen, daß 1893 die Svaltung der Gruppe Richter und der Gruppe Rickert eintrat. Die Ehe, die damals wegen unüberwindlicher Abneigung geschieden wurde, sol nun neu geschlossen werden unter Zuziehung der schwäbischen Demokratie als Stütze dec Hausfrau. Ob die förmliche Einigung Wittlich mehr Vorteile bieten wird, als die bisherige Fraktionsgemeinschaft, oder ob nicht vielniehr der Grund zu neuen „Sezessionen" gelegt wird, warten wir in Ruhr ab. Der Verlau der nächsten Wahlen hängt, wie wir schon sagten, von ganz anderen Dingen ab, als diesen Organi- sationskunststückchen. _
i * Kriegsveteranen und Reichstag. Die Veteranenbeihilfen sind leider vorläufig Zukunftsmusik. Der Reichstag will zwar im Januar der Angelegenheit nähettreien und einen neuen Entwurf betreffend Gewährung von Veteranenbeihilfen annehmen. Vettiner
Literarisches.
66 Jahre alt und doch noch immer jung, ebenso konservativ wie fortschrittlich in ihrer literarischen und künstlerischen Ausgestaltung treten die „Münchener Fliegenden Blätter' demnächst wieder in ein neues Quartal, nach wie vor eine unerschöpf- (liche Quelle deutschen Gemütes und deutschen Sumors. Gleich einem Orchester, das jeglichem mpfinden Ausdruck zu verleihen vermag, erklingen aus ihnen ernste und lustige Weisen, allen Schwingungen der Volksseele folgend. In ihnen besitzt Deutschland einen köstlichen Schatz, vor dessen Reichtum derjenige staunend steht, dem eS vergönnt ist, alle Bände zu durchforschen, welche seit ihrem Ent- stehen erschienen sind. Literarische Mitarbeiter au- allen Kreisen des Volkes und aus allen Ländern, in denen die deutsche Sprache klingt, ein aus erlesener Stab von Künstlern wie W. Caspari, Th. Grätz, Prof. Ad. Hengeler, E. Kirchner, Prof. C. v. Marr, Prof. A. Oberländer, E. Reimcke, R. Reinicke, A. Röseler, H. Schlittgen, Professor F. Simm, H. Stockmann, Pros. W. Vogel usw. sind die Meisterspieler des unvergleichlichen Orchesters, das Alt und Jung mit seinen Weisen erfreut. Keine keu sche Familie sollte es sich versagen, den feinen, : iem.md verletzenden Humor der.Fliegenden Blätter* als Sorgenbrecher und lachenden Philosophen einen Platz am häuslichen Herde einzuräumen. Die Verlagshandlung Braun u. Schneider, München, stellt zum neuen Abonnement Probenummern gratis zur Verfügung. Preis pro Quartal (13 Nummern) 3,50 Mk. einzelne Dummer 30 Pfg.
Ausland.
* Die schwedische Verteidigungskommission hat ihrer Regierung vorgeschlaaen, die S to ck h o l m e r Flottenstation von ihrem jetzigen nach einem anderen Otte in der Nähe von Stockholm zu verlegen und Hai Kaknäs als hierzu am besten geeignet empfohlen. Die Kosten einer Flottenstation bei Kaknäs werden auf ungefähr 25 Millionen Kronen veranschlagt.
* Die bulgarischen Mordbuben in Mazedonien haben eine neue Schreckenstat verübt. Das Oberhaupt der Partei Sandanskys in Monastir, Jowanowitsch, wurde von vermeintlichen Freunden in deren Wohnung gelockt und e r m o r d e t. Der Leichnam wurde, in einem Sack verpackt, in einem entlegenen Stadtviertel niebergelegt. Sandansky ist mit den bedeutendsten Mitgliedern seines Stabes wieder in Saloniki eingetroffen. Sandansky will einen ehrlichen Frieden mit den Türken. Damm ist er den intransigenten Banditen verhaßt.
** Gegen die deutschen Witzblätter, besonders gegen die Karikattemng des Zaren, bringt die N o - Ivoje Wremja einen scharfen Artikel. Es wäre an der Zeit, meint das Petersburger Blatt, den di- plomattschen Vertretem im Auslande Winke zu geben, ihre Aufinerksamkeit solchen Erscheinungen zu widmen, die speziell gegen Rußland lind seinen Herrscher gerichtet sind. Man wird dieser Aeußerung die Berechtigung nicht bestreiten dürfen. Es ist mich schon von deutscher Seite darauf hingewiesen worden, daß Ausfälle gegen fremde Herrscher nach Art des „Sim- pliziffimus* unseren Diplomaten ihre Tätigkeit sehr «rfchwei-en lärmen.
♦ Wieder eine Bekehrung. Jepan beabsichtigt, beim Abschluß neuer Handelsverträge die Erhebung höherer Schutzzölle vorzusehen. Es soll zwar kein Hochschutzzolltarif geschaffen, sondern ein Mittelweg eingeschlagen werden, indem man Finanzzölle ein- iührt, die aber doch zugleich geeignet sind, die Produktion des Landes zu schützen.
alles im Theater liegen bleibt, “1 das ist nicht zu sagen. Natürlich am meisten Pompadours. Und was meinen Sie nun, waS wir JU neulich in zehn solcher Dinger gefunden haben. W die an einem Tage liegen geblieben waren! Bonbonnieren, mit Fays ächten Sodener Mineralöl Pastillen gefüllt: DaS ist uns ein Beweis dafür “1 gewesen, daß die Damen doch wirklich alleS Gute zu schätzen wissen und nun können wir uns auch M erklären, warum unsere Vorstellungen jetzt gar W nicht mehr durch Husten und Räuspern gestört werden. Das machen eben nur Fays ächte 211 Sodener, die man überall für 85 Pfg. haben tann
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Monatrbrllage: „Zuldaer Geschlchtsblaüer zernsprecher Rr. 9.
Schattenblume.
8] Originalroman von Irene v. Hellmuth.
Alfted ließ daS Briefblatt sinken, als er zu Ende Stiefen; jetzt blickte er Gerdas Vater an, in dessen Kienen er das Urteil las.
„Ich wußte es ja, mir bleibt keine Hoffnung mehr,* nickte er dann traurig.
„Sie tun mir sehr leid, mein junger Freund,' sagte Hardten, „aber helfen kann ich Ihnen nicht. Das schon Sie ja wohl selbst ein. Und Du mein Kind", wandte er sich in strengem, hartem Ton an Geroa, „sei vernünftig und füge Dich in die unvermeidliche Trennung Tas fordere ich von Dir."
Das junge Mädchen weinte leise.
„Nun muß ich wieder im Schatten stehen," klagte sie bitter. „Nach dem Sonnenschein, der kurz, aber blendend und leuchtend in mein Leben fiel, erscheint mir alles doppelt dunkel und düster!"
„Sei ruhig mein Kind," tröstete Hardten, „auch für die Blumen, die im Schatten blühen, gibt es einen Lenz. Sie duften ebenso süß wie ihre Schwestern, die nur Sonnenschem kannten. Du bist noch so jung, und es wird auch wieder hell um Dich werdenl"
„Ich danke Dir für das Glück, das Du mir gewährtest," sagte Alsrcd traurig. „War es auch nur kurz, so wird die Erinnerung daran mich dennoch durch mein ferneres Leben geleiten und mich aufrichten in oen kommenden trüben Stunden. Du aber befrachte Dich als völlig frei. Ich will Deinem ferneren Glücke nicht hindernd im Wege stehen. Du bist jung und schön, und e? wird sich ein anderer finden, der Dir einen unbefleckten Namen bieten kann. Ich kann das nicht mehr Das sst dahin für alle Zettl — Und nun, — meine Gerda, — lebe wohll"
Als die Türe hinter ihm zugefallen war, sank Gerda schluchzend in den nächsten Stuhl.
. Das junge Mädchen hatte sich neben dem Vater hingeworfen, hob flehend die Hände empor, und rief Angstvoll:
„Papa, — lieber Papa, — laß ihn nicht gehen, |r ist ja unschuldig! Soll er, der nichts verbrach.
so hart büßen, und ich mit ihm? Es ist zu grausam I"
Doch Hardten blieb fest.
„Ich darf nicht anders handeln, Kindl Verlange nicht das Unmögliche! Du hörst es doch von Alfred selbst, daß es so am besten ist."
„So wird es Dir wohl ganz leicht, mich aufzugeben?" wandte sich Gerda in aufflammendem Trotz an den jungen Mann, der immer noch zögerte, sich zu entfernen.
Er warf dem Mädchen einen vorwurfsvollen Blick zu Der Professor gab ihm heimlich einen Wink, die Szene zu beenden.
Gleich darauf erschien die Frau Professor mit zornrotem Gesicht in dem Gemach. Sie kam eben von einem Ausgang zurück und hatte keine Ahnung von dem was vorgefallen war.
„Weshalb reimt denn der Herr Maler wie ein Verrückter an mir vorbei, ohne mich zu grüßen?" schalt sie ärgerlich. „Was hat es denn gegeben? Aha, woöl schon einen Streit? — Na, ich wußte es ja, oaß mit dem süßen Bräutchen, diesem Trotzkopf, kein Auskommen möglich ist! Nun sitzt sie da und heult! Weshalb flennt sie denn eigentlich so? Der Herr Bräutigam hat ihr wohl ordentlich den Text gelesen? Da« sollte mich {reuen! Ja, ja, heule nur! Ich sage es immer, die Strafe bleibt nicht aus! Hast mich schon oft genug geärgert, siehst Du, mein Püppchen, nun bekommst Du Deinen Lohn!"
Sie rieb sich schadenftoh die mageren Hände.
„Schweig!" donnerte der Professor finster. „Laß mir das Kind in Ruhe, ich dulde eS nicht, daß Du Gerda auch noch quälst, sie leidet ohnedies schon genug!'
So kurz als möglich berichtete Hardten von dem Unglück, das Alfred betroffen; denn erfahren mußte sein- «rau doch davon.
„Eine schöne Geschichte," bemerkte sie spöttisch, als er geendet. „Da habt Ihr den Leuten doch wieder Stoff zur Unterhaltung geliefert. Nun wird hin- und hergeflatsht und unser Name ist in aller Munde. Mit der Verlobung Hütte es auch nicht solche Eile gehabt! Wozu mußte die Verlobung gleich bekannt
gegeben werden! Na, mm war Gerda doch eine Zeit lang Braut und sie kann sich dafür ausspotten lassen"
Dem Professor stieg die Röte des Unwillens ins Gesicht. Wie roh und herzlos das alles klang! Nicht ein freundliches, teilnehmendes Wort fand diese Frau, die kein Gefühl zu haben schien für das Leid anderer.
Gerda floh wie gejagt in ihr stilles, kleines Zimmer. Es war ihr unmöglich, diese Reden noch länger mit anzuhören. Sie blieb für den Rest des Tages unsichtbar, mochte die Stiefmutter auch schelten, ihr war jetzt alles gleichgültig.
Schon nack einer Woche hatte das Zimmer, in dem Alfted gewohnt, einen anderen Mieter gefunden. Gerda fiihlte einen brennenden Schmerz, wenn ihr Blick zufällig auf daS Fenster fiel, an dem Alfted so oft gestanden und ihr zugelächelt hatte. Im Anfang hoffte sie noch immer Nachricht zu erhalten, aber vergebens. Alles Hoffen und Warten war umsonst. Nicht eine Zeile hatte er ihr geschrieben. Ta erwachte der Trotz in ihr und flüsterte ihr zu, daß Alfred sie nicht geliebt, sonst wäre es ihm auch nicht möglich gewesen, sie so leicht aufzugeben, sonst hätte er gekämpft um ihren Besitz und alles daran gesetzt, sie zu erringen. Sie waren ja beide noch so jung und konnten warten, selbst wenn es viele Jahre dauern sollte. Brauchte man da gleich alle Beziehungen abzubrechen? Konnte ihnen nicht ein glücklicher Zufall zu Hilfe kommen? Konnte nicht ein Wunder geschehen? Trotzig verschloß sie sich jeder besseren Einsicht. Sie redete sich immer mehr in ihre Verbitterung hinein und suchte daS Bild des einst so Heißgeliebten auS ihrem Herzen zu verdrängen. Aber um den schön geschwungenen Mund des jungen Mädchens legte sich ein herber Zug, der so gar nicht zu ihrer Jugend paffen wollte. Die großen, dunklen Augen blickten oft fo sehnsüchtig in die Ferne, als müßten sie das Glück herbeiziehen.
Allerdings war vom Glück im Hause nichts zu fpureiu Der Vater v-rbrächte jede freie Stunde in seinem Zimmer bei der ihm lieb gewordenen Arbeit, die Mutter war unfreundlicher als je. So gingen die Tage trübe dahin. Wenn Gerda einmal ausging, so
besuchte sie der Mutter Grab. Wohl folgte mancher bewundernde Blick der schlanken, biegsamen Gestalt, allein die dunklen Augen hasteten beharrlich am Boden. Gerda wich den ihr begegnenden Bekannten scheu aus. Man hielt sie schließlich für hochmütig und ließ sie gewähren. — —
III.
Der März brachte schöne, sonnige Frühlingstage und Gerda sehnte sich mit einem Male fort auS der Stadt. Ihr war es, als könnte sie ihr Leid anderswo leichter tragen, als könnte sie, fern von allem, was sie immer wieder an Alfted erinnerte, ihn leichter vergessen. Sie sprach dem Vater davon, fortzugehen, irgendwohin, wo sie die zankende Stimme der Stiefmutter, der sie überall im Wege stand, nicht mehr zu hören brauchte. Der jetzige Zustand erschien ihr so unerträglich, daß sie beschloß, demselben auf diese oder jene Weise ein Ende zu machen. Manchmal beschlich sie der Gedanke, heimlich auf und davon zu gehen, keiner Menschenseele zu verraten, wohin sie sich zu wenden gedachte; doch da sie wußte, daß sie damit dem Vater Schmerz bereiten würde, stand sie immer wieder davon ab. Aber der Wunsch fortzugehen wurde immer ftärter in ihr.
Sie war als Kind, als ihre Mutter noch lebte, einigcmale während der Schulferien bei ihrem Großvater gewesen
An den mußte sie jetzt immer denken
Der alte Müller war zwar ein Sonderling und hatte sie damals nur ungern im Hause geduldet, weil er, wie er behauptete, Kindcrlärm und Unruhe nicht vertragen konnte ,aber Gerda erinnerte sich jener Zeit trotzdem als einer schönen, friedlichen und herrlichen. Da war sie noch ein sorglos heiteres Kind unb tummelte sich nach Herzenslust in Feld und Wald umher. —
War ihr der Großvater auch oft mürrisch und finster begegnet, so verdarb ihr das dennoch die Freude an dem Landaufenthalt nicht. Die alte Muhle lag so romantisch an einem lustig dahin- rauschenden Bleche int Tale, eingebettet zwischen Obst, bäumen, daß Gerda sich kaum etwas Schöneres de» ken konnte. (Fortsetzung folgt.)