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36. Jahrgang

Fulda, Samstag den 18. Dezember 1909

Erscheint tS-lich mtt Ausnahme -er ZoM- und Feiertage viertel- sShrlicherStMgspreir ohne vringrrlohn und Bestellgeld in Zulda so­wie auswärts

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Drittes HZIcltt.

Der erste Tagungsabfchnitt der neuen Reichstagsfestion

.ist zwar kurz gewesen, aber arbeitsreich und bedeut- Ham.

Zur Verabschiedung gelangten das Handelsprovi- Jorium mit England, die Novelle zum Zolltarifgesetz , betr. Acnderung des § 5 dieses Gesetzes (Verschie­bung der Witwen- und Waisenversorgung) und der Machtrogsetat für 1909. In erster Lesung wurde der ^Handelsvertrag mit Portugal erledigt. Daneben wur­den die Interpellationen über die Mißstände auf der j'Kieler Reichswerst und über den Arbeitsnachweis des -ZechenverdandeS in eingehender Erörterung verhan- s.delt.

Das Hauptinteresse aber beanspruchte die erste ^Lesung des Etats. Die diesjährige Generalüber- i sicht über die innere und äußere Politik des Deutschen i Reichs stand unter dem Zeichen der neuen durch die Auflösung des bei den Wahlen von 1907 geschaffenen sMocks und die Ersetzung des Fürsten Bülow durch Derrn v. Bethmann-Hollweg in der Oberleitung der Aeichsgrschäfie geschaffenen Situation. Man erwar­tete von ihr eine Klärung der politischen Lage, die seit den Julitagen so unsicher und ver­worren war, wie selten zuvor. Und diese Klärung ist i wenigstens zu einem guten Teile eingetreten. Die Etatsberatung wurde eingeleitet durch eine Rede des neuen Reichskanzler über die innere Politik. Es sollte eine Programmrcde werden und sie ist eine -solche gewesen. Wenn die Liberalen dies leugnen, jso nur deshalb, weil Herr v. Bethmann-Hollweg nicht das Programm entwickelt hat, das sie wünschten. Aber ein Programm war seine Mahnung zur Politik jder Sammlung, seine Preisgebung der Bülow'schen Blockpolitik durchaus.

Mit Form- und Tendenz der Ausführungen konnte Such das Zentrum sich einverstanden erklären. Nur durfte man nicht vergessen, daß Herr v. Bethmann- Hollweg nicht sein ganzes politisches Glaubensbe­kenntnis bezw die gesamten Richtlinien seiner Wirk­samkeit dargestellt zu haben braucht, wahrscheinlich auch nicht dargestellt hat. Heber einen Punkt des jvon ihm nicht erörterten Programms hat übrigens die politische Entwicklung bereits ohne sein Zutun, ja Wohl gegen seinen Willen, Klarheit geschaffen: näm­lich über dir Möglichkeit einer stillschweigenden Koa­lition der alten Blockparteien. Zweifellos bestanden in den Reihen dieser Parteien einige Wünsche und ernsthafte Bestrebungen, das Zusammenarbeiten des ;a 11 e n Blocks wieder lebendig zu gestalten, Nicht zwar in der früheren öffentlichen Form, sondern als unsichtbare Ideengemeinschaft. Dieses Projekt ist von den Rationafliberalen durchkreuzt worden, sie baden es verstanden, durch gehässige Brüskierung die Konservativen derart vor den Kopf zu stoßen, daß an eine Neuausrichtung in dieser Session wohl nicht mehr gedacht werden kann. Dieses Verhalten der Nationalliberalen ist nur aus der Erwägung zu ver­stehen, daß sie alle Hoffnung auf die nächsten Wahlen setzen. Diese sollen ihnen einen solchen Zuwachs an Macht bringen, daß sie nicht mehr der Hilfe der Kon- .scrvativen, — das war ja die Idee des alten Blocks bedürfen, um das liberale Regiment zur Herrschast zu bringen. Ihre Zuversicht stützt sich darauf, daß sie von einer Orientierung ihrer Politik nach links die Kilfe der gesamten Linken erwarten.

I Es wird von nationalliberaler Seite mit Vorliebe (Beitritten, daß ihre Politik einen radikalen Cha­rakter angenommen habe Aber die Tatsachen sprechen denn doch zu deutlich. Die Ablehnung des zweiten Vizepräsidentenpostens, die nur durch partei­politische und agitatorische Rücksichten zu erklären ist, bedeutet einen Schritt, über dessen Tragweite sich die Partei vielleicht noch nicht ganz klar geworden ist. er

bedeutet nicht anderes, als die formelle Ab­sage an die Arbeitsmehrheit der bürgerlichen Par­teien. Wir sagen dies mit voller Betonung: Denn der Freisinn, an dessen Seite die Naffonalliberalen getreten sind, hat noch niemals den Anspruch erheben können, aus dem sachlichen Interesse der Erfüllung der parlamentarischen Geschäfte in. die Reihen der Arbeitsmehrheit eingetreten zu sein. Für ihn ist immer die agitatorische Forderung und die Rücksicht auf die Parteipolistk maßgebend gewesen. Die Nationalliberalen haben sich außerdem durch die Aufrechterhaltung dec Opposition gegen die Finanz­reform an die Seite der Sozialdemokra- t i e gestellt. Herr Bassermann hat zwar noch in fti- nen Reden im Rheinland den Kampf gegen die So­zialdemokratie erklärt. Aber wir erinnern uns, daß seine Stellungnahme zur Sozialdemokratie fast wört­lich jener entspricht, die der Aufruf der badischen Rationalliberalen zur Hauvtwahl proklamierte. Wie ernst der „Kampf gegen die Sozialdemokratie" ge­meint war, bewies das wenige Wochen später ge­schlossene Großblockabkommen. Mit warmen Worten lud Herr Bassermann die Sozialdemokratie zur Mit­arbeit an den Staatsaufgaben ein, mit Befriedigung stellte er die Mauserung ihrer Politik fest. Man muß blind sein, um die immer unverhüllter zu Tage treten­den Großblockbestrebungen innerhalb des Nationalliberälismus zu übersehen.

Ob allerdings der Proklamation des Großblocks die ganze nationalliberale Partei Folge leisten wird, ist noch nicht ausgemacht; die Herren Heyl von Herrnsheim und Graf Oriola dürften dann wohl nicht ganz ohne Genossen bleiben Interessant wird es auch fein, die Stellungnahme des Evangelischen Bundes der Hauptfchutztruppe des Nationallibe- ralismus zum Großblock zu beobachten. Bis jetzt hat er j'de Gemeinschaft mit bet Sozialdemokratie ab­gelehnt und in der Tat würde auch die Verbrüderung mit der religionslosen Internationale zu dem Pro­gramm des Schutzes der Interessen der evangelischen Kirche sehr schlecht passen. Aber ausgeschlossen ist es nicht, da der Haß gegen Rom sich als stärker erweist, als die Feindschaft gegen die erfinden Feinde des Christentums und jeder Religion.

Von erheblicher Bedeutung sind die Erfahrungen der zu Ende gegangenen Tagung auch für die zukünf­tige Haltung der Sozialdemokratie. Die Fraktion hat sich zum ersten Riale an der Wahl des Rcichstagsprösidiums positiv beteiligt, sie erkennt da­mit den Reichstag als legitime Volksvertretung an und will in ihr als gleichberechtigter Teil anerkannt werden; man darf annehmen, daß sie kein Bedenken tragen wird, fortan auch positiv an der Gesetzgebung mitzuarbeiten. Das badische Vorbild leuchtet ihr vor Augen. Der Einfluß der Opportunisten ist heute schon starker als dec der Radikalen und wenn her Ehrgeiz der alten Führer sich damit begnügte, die Massen zu leiten, so hat sich das Strebe r der Jüngeren höhere Ziele gesetzt. Cs ist kein Zweifel, daß die „staatsmännische" Politik der Frank, Kolb, David, Südekum ujw. auch dem Liberalismus die Verbin­dung mit der Sozialdemokratie erleichtert. Dazu kommt dann noch, daß die Sozialdemokratie heute schon allgemein die Parole für den Liberalismus aus- geaeben hat, vor allem die Stadtverordnetenwahlen in Dortmund sind in dieser Hinsicht sehr bemerkens­wert. Nur angemerkt werden soll, daß die Koalition mit den Nativnallibcralen im industriellen Westen sich nicht auf die politischen Fragen zn beschränken scheint: es liegen manche Anzeichen dafür vor, daß auch in wirtschaftlichen Fragen ein Zusammen­gehen bet Sozialdemokratie mit dem nativ nalliberalen Großunternehmertum sich anbahnt, mit dem Ziele, als gemeinsame Gegner die christlich-nationale Arbeiterbewegung zn vernichten, während im politischen Kampfe der gemeinsame Kampf dem Zentrum gilt. Natürlich handelt die Sozialdemokratie nicht aus besonderer Sympathie für diese ihre Kampfgenossen, sondern nur aus der nüch­

ternen Erwägung, daß nach errungenem Siege der politische und wirtschaftliche Liberalismus bann um so leichter zu besiegen sein wird.

Die Eiltscheidung in den politischen Kämpfen der nächsten Zukunft muß zwischen dem Zentrum einer­seits und der mit dem Liberalismus Verbündeten So- zialdemokratie andererseits fallen. Das Rededuell Fehrenbach-Frank im Reichstag liefe die Schlacht­linien des kommenden Kampfes bereits in voller Klarheit hervortreten^

Deutscher Reich.

München, 16. Dez. 1909. Die schwierige Frage, wie einer UederMung der gelehrten Berufe zu steuern sei, beschäftigt die bayerische Presse. Den Anlaß dazu hat eine in der Kammer gefallene Bemerkung des Justizministers gegeben, bafe er Juri­sten, die beim Staatsexamen die Rote II erhalten, in Zukunft nicht mehr in den Staatsdienst aufnehmen werbe. Noch weiter geht ein Beschluß des bayerischen Gyumasiallehrervereins, der für Lehramtskandidaten schon beim Eymnastalabschluß die MindesMote II we- mastens für die Fächer verlangt, in denen sie später unterrichten sollen. —In der Abgeordnetenkammer beklagten in der Generaldebatte über den Stilltä r- e t a t mehrere Redner den Umfang und die Kostspie­ligkeit der bisherigen Kaiser Manöver sowie die kolossalen Strapazen und Anstrengungen, die da­bei den Mannschaften zugemutet werden. Der Kriegs- Minister erklärte, daß die Idee, mit den Preußen Krieg zu spielen, gar nicht von Bayern ausgegangen sei. Es sei vielmehr vom preußischen Kriegsministe­rium an gefragt worden, ob gegen die Zuziehung baye­rischer Korps Bedenken beständen. „Wir hatten," so suhr der Minister fort, „feit 1897 keine größeren Ma­növer, die mrbedingt notwendig sind. Die Teilung der Armee erfolgte, damit eine Beurteilung nach rein militärischen Gesichtspunkten erfolgen konnte und po­litische Eifersüchteleien ausgeschlossen waren. Die Kosten der Manöver werden nicht wesentlich höher sein als die der anbem Manöver, Mehrkosten erhalten wir vom Reiche vergütet. Dazu haben wir bei den Bri­gade- und Dwisronsmanövern gespart." — Also doch Mehrkosten. Und die bezahlt das Reich aus dem großen Sack — in der Aera der Sparsamkeit. — Weiter wurde in der Abgeordnetenkammer die sozial­demokratische Interpellation wegen der von Produzen­ten und Händlern versuchten Erhöhung des Milch­preises in München und in anderen bayerischen Städten besprochen. Der Minister des Innern er­klärte, daß allgemeine Mittel, einer Milchpreiser- höhuug entgegengutreten, selbstverständlich nicht vor­handen feien. Man könne nur dafür sorgen, daß die Milchversorgung der Städte verbessert werde. Uebri- gens ist der „Milchkrieg" bereits zu Ende. Eigentlich Hal er gar nicht bestanden. Die Milchlieferanten und Milchhändler hatten nur probiert, den Preis pro Li­ter um 2 zu erhöhen. Das Publikum leistete Wi­derstand, und es bleibt beim Alten. Aus der Kam- merbebatte hat man immerhin manches gelernt. So weiß man jetzt, daß in Bayern nicht allein viel Bier, fonbern auch viel Milch getrunken wirb. Auf ben Kopf der Bevölkerung treffen jährlich 422 Liter Milch. 10 Jahre' früher waren es allerdings noch viel mehr: 4S8 Liter. Das gilt aber nicht für die Bierhauptstadt München Hier kommen auf den Kopf nur 149 Liter Milch. Beim Bier hat'? andere Zahlen. Da mar­schiert München mit etwa 420 Matz an der Spitze Um bas ungeheure Quantum zu liefern, dürfen sich die bayerischen Kühe schon geborgt anftrengen. Der in­nere Minister hat berechnen lassen, was an Milch pro­duziert wird. Die Zahl ist einfach kolossal: 36 Millionen Hektoliter. Dabei ist nicht mitgerechnet, was die Kalber saufen. Die „Münch. Reuest. Rachr." hatten entdeckt, daß an der versuchten Preissteigerung die Agrarpolitik des Zentrums schuld fei, ein Blöd­sinn, dessen sich selbst die Sozialdemokraten schämten. Aus Einfuhr von Milch besteht kein Zoll, auf Futter­

Anpolilische Zettläuse

'N.) Berlin, 16. Dezember 1909.

(Nachdruck verboten.)

Während die Welt sich anschickt, frohe Weihnach- [ten zu begehen, lag König Leopold von Bel- igien auf dem Schmerzenslager in Todesnöten. Ehe : dieses Blatt in die Hände der Leser kommt, hat er vielleicht schon ausgelitten. Der Tod zwingt auch die Träger der Kronen, mit ihm ben Kehraus zu tanzen. Er setzt seinen knöchernen Fuß dem Mäch­tigsten auf die Brust, und von ben Reichsten der Welt treibt er einen Tribut ein, den sie ncht mit ben auf- gespeicherten Millionen, sondern nur mit ihrem Herz­blut leisten können. Den Kraftmenschen lähmt er mit seinem kalten Finger und ben unersättlichen Genuß­menschen läßt er in den grimmigsten Schmerzen sich winden. König Leopolds Defftand war wie ein ,Rasiermesser, sein Herz wie ein Stein, sein Wille wie ein unaufhaltsamer Bohrer. Er tat, was er wollte, er scheute Niemand, auch nicht die Tränen seiner Frau und die Seufzer feiner Kinder. Er ging skru­pellos seinen Genüssen und seinem Erwerbstrieb nach, aber er fand daneben auch Zeit und Kraft, einen rie­sigen Kongostaat in Afrika zu schaffen und in die Ent­wicklung Belgiens entscheidend einzugreifen. Wenn dieser Mann ein paar tausend Jahre ftüher auf die Welt gekommen wäre, so hätte er in die Reihe der römischen Cäsaren vortrefflich gepaßt. Er hat bei der zuschaneilden Mitwelt oft Abscheu erregt und manchmal auch Staunen wegen seiner Zähigkeit und Schlauheit; schließlich ist er aber ehr Gegenstand des Mitleids geworden. „Miserere" (erbarme dich!) Pflegt man die schreckliche Krankheit der Gedärme­lähmung zu nennen, die den „gekrönten Kaufmann und Bouvivant" batniebergeroorfen hat. Es ist nichts mit den irdischen Herrlichkeiten. Eitelkeit bet Eitel­keiten! Die Lust endet in Schmerzen; die Schätze kanr man nicht mitnehmen, da das Totenhemd keine Taschen hat. Ein Trost am bitteren Ende ist die Achtung und Liebe der Mitmenschen; aber wer Liebe ernten will, muß Siebe neidet haben.

Zu Weihnachten denkt man mehr und lieber an das Leden, als an ben Tod. Aber der Tod kennt keine geschlossene Zeit. Er bringt sich fortwährend wieder in Erinnerung, und der weise Mensch stellt sich mit diesem Unvermeidlichen rechtzeitig auf freundlichen Fuß. Der Christ betrachtet ben Tob nicht als das Ende des Sehen», sondern als den Ueberganq vom Probeleben zum Erfüllungsleben. Das Christfest hat der Welt den Uebcrwinder des Todes gebracht und damit Vie rechte und echte Freude am Leben begründet.

Wenn unser Blick nur auf ben Schmerzen und Nöten des künstigen Sterbebettes hasten bliebe, so könnten wir eigentlich aus lauter Angst niemals des Lebens recht froh werden. Wer wenn wir weiter schauen auf die Vollendung im Jenseits, so greifen wieder Zufriedenheit und Freude Platz. „Mehr Freude!" ruft ein geistvoller Kirchenfürst in einem höchst empfehlenswerten Buche uns zu. Bischof v Keppler lehrt uns, daß die wahre Freude ein wirk­sames Hilfsmittel ist in dem Streben nach dem Guten und Schönen Das Lied der Freude patzt gerade zum Weihnachtsfeste. „Siehe, ich verkündige euch eine große Freude", sacste der Engel. Wir wollen uns freuen, und wir können es, wenn wir guten Willens find. Die bürgerliche Feier beS Weihnachtsfestes beruht auf dem praktischen Gedanken: Schaffe dir Freude, indem du Freude machst! Wer Liebe säet, wird Liebe ernten, und auf dem Felde der Liebe erblüht die reine, herz­innige Freude am üppigsten.

In Berlin haben die Geschäftsleute für die drei Sonntage vor Weihnachten metallene Beinamen er­funden. Der erste dieser Sonntage, wo viel besichtigt und noch wenig gekauft wird, heißt der kupferne. Der zweite, an dem sich die Ladenkassen schon besser füllen, ist der ftlberne. Der dritte und letzte, der ben größten Umsatz bringt, wird als goldener Sonntag gepriesen. Auf diesen goldenen Erntetag sind jetzt die Hosinungen aller Geschäftsleute gerichtet. Mögen sie sich erfüllen. Die Aussichten sind — trotz all' dem hetzerischen Steuergeschrei — gar nicht schlecht. Im großen und ganzen war das brsherize Weihnachtsgeschäft befriedigend; namentlich soll das für die besseren Artikel gelten. Es bestätiat sich da

wieder die alte Erfahrung, daß der allgemeine Wohl­stand nicht von jenen Einzelheiten abhängt, die man int Meinungsstreit und Parteikampf ausbauscht, son­dern von der jeweiligen Gesamtlage des Erwerbs­lebens. Glücklicher Weise scheint sich ja der Handel und Wandel wieder nach aufwärts zu entwickeln.

Tie metallischen Beinamen der drei Sonntage könnte man nun vielleicht benutzen, um die Weih­nachtsüberraschungen überhaupt in drei Klaffen zu teilen. Aber nicht etwa nach dem Maßstab des auf- geroenbeten Geldes.

Es gibt Leute, die recht ansehnliche Weihnachts­geschenke' austeilen, aber doch in dem harten, scharfen, vom Grünspan gefährdeten Kupfer stecken bleiben. Ihre Geschenke machen keinen erhebenden, beseligen­den und befriedigenden Eindruck, weil sie mit kalter Herablassung wie ein Almosen hingeworfen sind. Die hochfahrende Art des Gebens bildet für den Empfän­ger eine Demütigung. Aus der stolzen Wohltat wird ein Stein des Anstoßes. Es fehlt jede Anregung des Gemütes, und wenn die Geschenke nur mit dem scharfen, selbstsüchtigen Verstände gemessen werden, so lautet das Ergebnis: „Na, mit dem Bißchen brauch­ten Sie sich auch nicht so dicke zu tun! Als ob wir für diese sauer verdienten Kleinigkeiten auch noch knie­fällig die Hand küffen müßten!" Usw.

Da sagt nun der selbstbewußte Geber: „Ich kann mich doch mit untergeordneten Leuten nicht gemein machen" Und cm Vorsichtiger sagt: „Ich kann doch Leute, die mir nicht näher stehen, nicht so zärt­lich behandeln, als ob es meine Kinder ober Geschwi­ster wären." Nun ja, es gibt verschiedene Abstufun­gen in der Kundgebung der Nächstenliebe. Man braucht nicht alle Welt gleichmäßig eng ans Herz zu drücken. Doch wo die zcirtliche Liebe nicht am Platze ist, da muß doch die höfliche Liebe sich be­kunden. Zu Weihnachten darf man den kalten, hoch­fahrenden Herrenstandpunft ober gar ben protzigen Besttzübermut am allerwenigsten hervorkehrcn. Da muß sich der Mensch freundlich neben den Menschen stellen, der Christ sich dem Christenbruber gemütlich beiaelellen. Ein freundschaftlicher Blick e'm tv”-in=

mittel auch nicht. Macht alles nichts. Die Zollpoli­tik beS Zentrums ist schuld. Wenn die Viehpreise stark fallen, wenn der Zentner Weizen seit dem heuri­gen Sommer um 5 Mk. gefallen ist, da regt sich in liberalen und roten Zeitungen nichts. Wenn aber infolge Milchknappheit die Preise um einige Pfennige in die Höhe gehen, ist Feuer unterm Dach. Dr. Heim erinnerte die Genossen an ihre ewige Forderung, die Grenzen aufzuuiachen, die Zölle zu beseitigen, das Ge­treide liefere ja das Ausland. „Wie wäre es aber mit der Milch?? Holen Sie die auch aus Sübtußland oder au? Argentinien oder aus Ostindien? Einige Theorie und keine Ahnung von der Praxis, das ist die Weisheit der Sozialdemokraten, wobei sie allerdings die Nachbeter der verhängnisvollen Sprüche manch« Professoren sind.

Ausland.

** Zollschwindel beim Zuckerexport hat in N e w- y o rk nicht nur der kürzlich entlarvte Zuckertrust ge­trieben. Auch gegen die größte Konkurrenzfirma deS Zuckertrusts ist jetzt wegen Zollunterschlagung die straf- rechtliche Verfolgung eingeleitet worden. Die Firma wurde gezwungen, rückständige Zölle in der Höhe von 28 Millionen Mark an die Regierung zu zahlen Dle sogenannten „Rückstände" sind dadurch entstanden, daß den früheren Zahlungen ein gu ge­ringes Gewicht der Zuckerladungen zugrunde gelegt war.

vermischtes.

* Wettfahrt zwischen Aeroplan und Eisenbahnzug. In Algier hatte der Lustschiffer Metrot vor einem zahlreichen Publikum mehrere gelungene Flüge mit einem Zweidecker ausgeführt, als plötzlich ein mit zwei Lokomotiven bespannter Personenzug herankam. Metrot vollzog in der Lust eine Schwenkung, dis sein Flugapparat über dem letzten Wagen des Zuges stand und fuhr dann mit der Eisenbahn um die Wette, wobei er unter ungeheuerem Jubel der Passagiere Wagen um Wagen überholte.

* Die 300. Volksschule in Berlin. Dre Reichs- Hauptstadt hat jetzt nicht weniger als 300 Volksschu­len In Gegenwart des Kultusministers wurde im äußersten Nordwesten die 300. Schule eingeweiht. Das Schulwesen der Stadt Berlin ist ein Werk der letzten 40 Jahre. Die 100. Schule wurde zu Beginn' der siebziger Jahre, die 200. im Jahre 1893 eröffnet. In den letzten 16 Jahren sind also hundert neue Schn- len errichtet worden.

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ches Wort, ein jovialer Händedruck können die ku­pferne Gabe versilbern, bafe sie hell erglänzt al- kostbares und schönes Edelmetall. Wenn man merkt, daß die Gabe aus einer edlen Gesinnung hervorgeht, bann weckt sie auch edle Gefühle. Also bleibt nicht beim Kuvser der steifen Abfindung stehen, fonbern fügt das Silber der Gemütlichkeit hinzu! Die freund­liche Teilnahme muß sich auch bet der Auswahl der Gaben schon betätigen. Die rohe Masse tut's nicht; die Gaben muffen der Eigenart des Empfängers ange­paßt sein. Die „persönliche Note", wie man sich aus­zudrücken pflegt, ist vorn höchsten Wert. Daraus steht der Empfänger, daß man feine besonderen Wünsche und Bedürfnisse beobachtet und refpekttert hat, und das tut ihm wohl.

Silber ist schön und wertvoll; aber Gold ist viel herrlicher, auch viel kostbarer. Und vergoldet nicht bloß, sondern in Vollgold verwandelt werden bie Gaben durch die herzinnige Liebe, die bet ihrem Austausch hin- und herflutet wie ein elektrischer Strom, der Wunder wirft. Wunder der Freude; denn die wahre Freude auf Erden ist doch, zu lieben und geliebt zu werden. Die Liebe weiß auch Klei­nigkeiten zu Goldschätzen zu gestalten. Sie beugt der groben Begehrlichkeit auf der einen Seite und der auf­dringlichen Protzerei auf der anderen Seite vor. Sie macht erfinderisch, klug und geschickt in der Beach­tung jeder Eigenart, und' sie schafft die aufrichtige Dankbarkeit, die zur allgemeinen Zufriedenheit und Behaglichkeit führt.

Alchemie nannte man früher bie heißersehnte und nie errungene Kunst des Goldmachens. Den dazu nötigen „Stein bet Weisen" konnten die Forscher nicht finden. Der biedere Emst findet aber schon den geiftigen Stein der Weisen.

Also begnügen wir uns nicht mit Kupfer. Zum wenigsten soll das Silber bet Gemütlichkeit auf bem Gabentifch glänzen. Aber jede Familie soll auch nach bem Golb der lautern Liebe streben, nach dem be­seligenden Schatze der herzinnigen Eintracht und rück­haltlosen Gemittlichkeit.