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36. Jahrgang
Fulda, Freitag den 17. Dezember 1909
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Zweites Wtatt
Stenerprogramm verrate»?
Die Spekulation der Sozialdemokratie, die Ar-
EMetttt täglich mit Mnsio^me der $o .m< »ndZeiertage. viertel- Wrlicheryezugrpreir ohne Btbtgetlolm und vestrtlgeldinZnidaf»- «ie auswärts 1^0 Mk.
Verant«. Redakteur r
S. 32):
Wenn die sozialdemokratischen Parteiführer chren Gewerkschaften eine solche Taktik anraten, dann darf man der Zentrumspartei keinen Donvurs machen, daß sie in einer politischen Situation ebenso gehandelt hat. Demgegenüber nehmen sich die Vorwürfe der sozialdemokratischen Presse, das Zentrum habe sein bisheriges Steirerprogramm »verraten", es sei mit demselben „umgef,illen", recht albern ous!
esse gewidmet wird. Daß aber anderseits bei einem Steuerbedarf von fast 500 Millionen Mk. auch die i n d i re kt e n Steuerquellen wieder herangezogen --, . . ... «werden mußten, ist ohne weiteres klar. Die Frage >$< Hat das ZentrttM ^em früheres „UI> in welchem Verhältnis diese zu dm
Steuervroaramm verrate«? Besitzsteuern stehen. Die Zentrumspartei hat rmnach
ba6 <troa eln Drittel der neu zu beschlreßen-
Die Speftllation der Sozialdemokratie, dtt Ar-1 Besttzsteuern sein sollten. Das hat ste
cheiterwähler deS Zentrums würden wegen der Reichs ^^reicht ES find 310 Millionen Mk neuer indirekter finanzreform in Massen vom Zentrum absallen, smv | steuent beschlossen worden und 135 Millionen Mk. gründlich inS Wasser gesallen. Im Gegenteü hat sich I ^Rhfcucnt. Und unter den indirekten Steuern de- die Ueberzrugung durchgerungen, daß erstens die Äuf-1.. . -- < v— n>,ar*r:<>t>r;*
bringung der neuen Steuern eine unbedingte N o t- wendigkeit war, an der keine Partei, die auf die Dauer ernst genommen sein wollte, herumkommen konnte. Und daß zweitens die Art und Weise, wie unter wesentlicher Mitwirkring des Zentrums die ganze Steuerfrage gelöst worden ist, wohl die b e st e war, die unter den obwaltenden Umständen sich er
werben. , „, , , _ ,
Die Zentrumspartei sitzt nicht auf einem veralteten und verknöcherten Programm fest wie die Sozialdemokratie. Ste hat sich die polittsche Bewegungsfreiheit stets erhalten und sie stets zum Wohle des Volkes benutzt. Aber gegebenenfalls verlangt auch auch die Sl^ialde mokratie von den Massen, daß sie es verstehen, wenn ihre Führer früher Getagtes nrcht aufrecht erhalten und durchführen können. In dem großen Maurerstreik in Berlin im Jahre 1907 hat der Abg. Bebel in einer großen Versammlung der sozialdemokratischen Maurer für die Annahme deS Schiedsspruchs des Gewerbgerichts plä- ! diert. Damals handelte es sich dämm, den Massen begreiflich zu machen, daß die Führer nicht aufrecht haften konnten, was sie früher den Massen versprochen hatten. Dr Abg. Bebel führte dazu folgendes aus (siehe „Der Kampf um die Arbeitsbedingungen", Verlag vom Zentralverband der Maurer Deutschlands.
„Ich bin Dir nicht böse, mein Rinb", sagte er milde, das weiche Haar streichelnd, „obwohl Du für derartige Sachen noch viel zu jung bist. Hoffentlich hast Du Deine Liebe keinem Unwürdigen geschenkt."
„Ach, Papa — Alfred ist doch ein lieber, prächtiger Mensch, und er wird einmal gewiß ein großer Künstler werden, daraus kannst Du Dich verlassen. Alle, die seine Bilder sehen, sagen e8, und auch sein Meist« prophezeit« ihm eine grobe Äutunft — <S«*
finden sich solche, die wohl ziemlich ausschließlich von den bessergestellten Kreisen getragen
«tf »chütte,
w°ch«ni>Mse:,Mustrierte Sonntagsjeitung"
Aus? Und warum? Glaubst Du, daß ich Deinem Vater als Frei« so sehr unwillkommen bin? Wenn ich auch kein Vermögen besitze, und weder auf einen Erbonkel noch auf eine Erbtante rechnen kann, und ich auch bei meinem Vater auf keine Unterstützung hoffen kann, da et noch für fünf unversorgte Kinder paren muß, so habe ich doch etwas tüchtiges gelernt und denke mit meiner Kunst durchzukommen. Wenn es auch vorerst kein glänzendes Los ist, das ich Dir zu bieten habe, so ändert sich das jedenfalls mit der Zeit. Ich will arbeiten und schaffen, so viel in meinen Kräften steht. Das alles werde ich Deinem Vater sagen und zwar bald."
G«da schüttelte den Kops.
,Jch fürchte. Du stellst Dir die Sache gar zu leicht vor,'denn ich — ich muß Dir sagen, daß Du aud) cm mir keinen Goldfisch gefangen hast — denn Vermögen besitze ich nicht."
„Dar ist auch gar nicht nötig", sagte Alfred zuversichtlich, „ich dachte noch nie daran. Die Hauptsache ist, daß wir unS lieb haben, — nicht wahr, lieb haben wir uns doch?" .... „r
Er beugte sich nieder und sah ihr in die Augen, und was et darin gelesen, mußte ihn befriedigen, denn et lachte jetzt laut und übermütig auf.
Run muß ich aber eilen", sagte Gerda ängstlich.
„Ach — mußt Du schon fort? Wie kurz ist doch die Zeit. Also — gute Nacht, Liebling, auf Wiedersehen — hoffentlich morgen!'
Dar Mädchen schlüpfte in? Hau«. Dn junge Maler stand noch eine ganze Weile und starrte die Türe an, durch die Gerda veffchwunden toar. Endlich ging er langsam Übet die Straße seiner Be- hmisung zu.
Nun wagte sich auch der Professor au« seinem Versteck hervor. Die Füße waten ihm ganz kalt geworden. Sinnend saß « bald darauf am Schreibtisch, ab« nicht wie sonst flog die Feder übet da« Papi«. Er dachte daran, daß « nun einem Fremden Einblick in seine traurigen Familienverhältnisse gestatten mußte und da« war ihm seht peinlich. Wenn nun Gerda« Mutt« »och lebte, wie würde ste sich
.i tlendnukerei inZulda monatsMIage: „SMaer Sesch chkblatter sendetet nr. 9.
_
„Schade, daß wir nicht reich genug find", seufzte bet Professor, „so ein junges Talent zu unterstützen, würde mir Freude machen. Er sollte es sich doch besser überlegen und nicht so ein kleines, dummes, arme« Mädel wie Dich zur Frau begehren."
„Papa, sprich nicht so", — Gerda schmiegte sich innig an den Vater, „wir haben uns lieb und werden, wenn eS fein muß, auch Not und Entbehrung zusammen tragen."
Et lächelte.
„Was weiß so ein Kind wie Du von Not und Entbehrung! Du kennst daS Leben nicht meine Kleine! Aber gleichviel, wenn ihr Euch wirklich so lieb habt, und der junge Mann um Deine Hand anhält, so habe ich keinen Grund, seine Werbung zu-' rückzuweisen. Freilich, warten müßt ihr mindesten« drei bis vier Iahte, eh« daffst Du nicht an eine Hei- tat denken."
(Fortsetzung folgt)-
Schattenblume.
5] Otiginalroman von Irene v. Hellmuth.
„ Der Wind wehte kalt von Norden h«, aber die beiden schienen nichts davon zu spüren, sie sahen sich nicht ein einzigesmal um und ahnten nicht, daß sie beobachtet wurden. Sie schienen ganz vertieft In ihre leise geführte Unterhaltung. Da die Straße ziemlich menschenleer war, schob der junge Mal« feinen Arm unter den des Mädchens und diese« schmiegte sich an- fdjeincnb sehr zutraulich an feine Seite. Dabei hingen die Blicke bet beiden an einander, als könnten sie sich nicht loSreißen. Der Professor hatte genug gesehen. Et wandte sich mit eiligen Schritten heimwärts Dicht bei d« Haustüre drückte « sich im Dunkeln in eine in tiefem Schatten liegende Mauernische und wartete der Dinge, die noch kommen sollten. Es dauerte auch gar nicht lange, da erschien das verliebte Pärchen an der Straßenecke, diesmal gar sittsam neben einander gehend und sich nach allen Seiten umsehend. Ganz nahe bei dem Verstak des Professors machten sie Halt. Hätten sie ahnen können, daß ein Lauscher sie behorchte und jedes ihr« Worte verstand, so wäre die Unterhaltung wohl ganz anders Ausgefallen.
Der junge Mann hielt die Hand de» Mädchens lin der seinen, während « leise sagte: „Wie lange muß ich nun wieder warten, bis ich Dich sprechen |ann?"
Ein Seufzer antwortete chm.
„Gerda, bitte, komm morgen wieder!
>enn ick kann - gewiß! Du weißt nicht, wie schwer eS geht, daß ich mich frei mache.
„Ach Du, — Du fühlst nicht, wie ich, sonst ließest A)u mich nicht vergeben» bitten!"
Sage daS nicht, Alfred, ich kann eS nicht hören, beim ick — habe Dich fr^b!" .
Mit leisem Jubelruf umfaßte « blitzschnell deS Mädchen» bebende Gestalt und drückte ste an sich.
Gerda schien sehr erschrocken.
. „Du Unvorsichtig«", zürnte ste, „wenn tut» je- Wand siebt, bann ist alle» au«!
gegeben hat."
Hier scheint eine Waffe vergessen zu sein: die der Lüge und Verleumdung, die von den Gegnern der katholischen Kirche mit Vorliebe in Anwendung gebracht werden. Daß der L-rmplr- zissimus" als der beste Arbeiter „gegen Rom beirachtet wird, ist nicht unmtereffant. Für die katholische Kirche ist es jedenfalls fern schlecht^ Zeugnis, wenn sie von einem Blatte bekümpst wird, daS sich mit Vorliebe im sittlichen Schmutz behaglich grunzend wälzt. Für daS Freidenker- tum, ist es allerdings bezeichnend, daß es solcher zweifelhaft« Bundesgenossen sich rühmen muß.
♦ Die „Wartburg" und der Aberglaube. Es gereicht der „Wartburg" zum besonderen Vergnügen, dem „römischen Aberglauben", als da Heiligenverehrung, Snadenbilder, Ablässe sein soll, nachzuspuren. Da ist es ergötzlich, in der Nummer vom 10. Dez., zwar nicht zum erstenmal, eine sehr in die Ütugen fal- lende Reklame für einen — Wahrsager „ Jßroj. Zazra" in London zu finden. Es heißt da:
„Reiben Sie etwas Ruß oder Tinte auf Ihre Daumen, machen Sie einen Abdruck aus weißes P» pier und senden Sie mir dieses nut Angabe Ihr« Geburtsdatums und Zeit (falls Ihnen be^nnt). Bei- zufngen bitte ich ein Kuvert mit Ihrer Adresse nebst 2 Mark M deutschen Briefmarken. Ich sende Jhnen Dann portofrei eine Lebensbeschreibung (10 mit Chart (unklar), um Ihnen meinen Erfolg zu beweisen. i
Mehrere Empfehlungen sind beigegeben. Ein Lord B. sagt: „Alles mir Prophezeite traf richtig ein und Wäre sehr gefährlich für mich geworden, hätten SU mich nicht gewarnt." Ein ärgerer Schwindet dürfte kaum jemals dem Viiblikum bargeboten worben sein, als ihm hier die „Wartburg", trotzdem sie im hellen Sachsenlande nunmehr Betlegt wird, ihre Spa^ ten öffnet. — Man merke sich diese Paukenschlagerei für den Aberglauben, Wenn die „Wartburg" wieder einmal in sittlicher Entrüsttlng für die gefährdete Kultur sich begeistert! _____________
reichen ließ. I
Diese Zeichen politischer Denkungsweise und Einsicht weiter Kreise der Zentrumswählerschaft ärgern natürlich die sozialdemokratische Presse ganz gewaltig. Drum verlegt sie sich darauf, das Zentrum in den Augen seiner Wähler in ein möglichst ungünstiges Licht zu stellen. Wobei die Behauptung eine große Rolle spielt: das Zentrum habe durch seine Mitarbeit an der Reichsfinanzreform fein bisheriges Steuer- Programm „betraten".
Diese Behauptung entbehrt in verschiedener Richtung jeglicher Stichhaltigkeit. Zunächst ist e» nicht richtig, daß die Zentrumspartei ihren Programm- Punkt bei den Steuerfragen, die wirtschaftlich schwä- ch e r n Volksgruppen nach Möglichkeit zu s ch on e n, durchbrochen hat. Im Gegenteil: dieser sein programmatischer Standpunkt war m 11 Veranlassung, in die Finanzreform einziigreisen, um zu verhindern, daß die indirekten Steuern über Gebühr vermehrt würben, dagegen der Besitz zu seht geschont Wurde. Das Zentrum hat erreicht, daß an indirekten Steuern 90 Millionen Mk. weniger beschlossen sind, als die Blockparteien zu machen beabsichtigten. Es hat erreicht, daß die Besitzsteuern auf Schultern gelegt worden find, die wirklich leistungsfähig ge- tiannt werden müssen, auf die Schultern des mobilen Kapitals. Wenn das Zentrum dabei in die Notlage ?ersetzt worden ist, Steuern zu beschließen, die chm elbst nur unangenehm waren, so liegt dies in dem Umstande, daß der Bedarf von fast 500 Millionen Mk. neuer Einnahmen nicht so leicht gedeckt werden kann. Roch vor Wenig Jahren hätte man jeden | ausgelacht, der vorausgesagt hätte, daß 1909 fast 500 Millionen Mk. neuer Reickseinnahmen beschafft werden müßten. Die Verhältnisse erweisen sich nicht bloß oft stärker als die Menschen, sondem auch stärker als alle guten Vorsätze. Gewiß hat die Zentnimspartei manche Steuern nicht gern gemacht. Sie hat^aber darin einwilligen müssen, weil ohne diese Steuern unter den gegebenen Verhältnissen die Finanzreform nicht verabschiedet werden konnte. Die Finanz- teform mußte aber erledigt werden, damit endlich das ^deutsche Wirtschaftsleben zur Ruhe kommen konnte. Wenn sie nicht s o ausgefallen ist, wie das Zentrum 'es wünschte, so trägt daran ausschließlich der Block mit seiner Verschleppungtzpolitik die Schuld.
Es ist aber auch weiter nicht richtig, wenn die Sozialdemokratie dem Zentrum den Vorwurf macht, seine Handlungsweise stehe in Widerspruch mit dem, was seine Führer früher gesagt hatten. Den Grundsatz, die Minderbemittelten bei der Besteuerung möglichst zu schonen, hat die Zentrumspartei, wie gezeigt, nach jeder Richtung hin aufrecht erhalten und auch praktische Erfolge bei der jetzigen Finanzreform erzielt. Es ist keine Schande für eine Partei, wenn sie angesichts neuer Situationen nicht an dem Wortlaut früherer Erklärungen festbält. Durch ihren zähen Widerstand gegen den übermäßigen Ausbau der indirekten Steuern hat die Zentrumspartei es erreicht, daß der Sefifo ft euer frage ein erhöhte» Jnter-
Beutfches Reich.
X Großblockkamarilla in Baden? Durch die Zentrumspresse des badischen Landes läuft zurzeit ein von hochangesehener Seite stammender Artikel, her seines Aufsehen erregenden Anhalts wegen verzeichnet zu werden verdient. Es handelt sich um den schwerwiegenden Vorwuff, daß der Großherzog unter dem Einflüsse einer Reihe höch st - stehenderBeamtensich befinde, die ausnahmslos aus dem Heidelberger Studentenkorp» „Richerts" beröorgegangett seien und den Zugang zu den hohen Staatsämtern und zur Umgebung des Großherzogs versperren. Illustriert wird diese Enthüllung durch Beobachtungen aus letzter Zeit, die eine Beeinflussung des Großherzogs im Sinne des Großblockgedankens erkennen lassen sollen. Als der Artikel der amtlichen „Karlsruher Ztg." erschien, der vor den Stichwahlen den bürgerlichen Parteien em- vfahl, sick zunächst zu vertragen, um vor allem den Feind bet Staatsordnung, die Sozialdemokratie, nie- derzuringen, durfte man wohl der Ansicht sein, daß eine Regierung, die einen derartigen Ruf an die Ordnungsparteien ins Land hinansschicki, dem Großblock auch späterhin die Anerkennung versagen würde. Aber die feierliche Beglückwünschung des sozialdemokratischen ersten Vizepräsidenten durch den Minister con Bodman, das auffallende Fernbleiben gewisser hoher katholischer Beamten vorn offiziellen Kammereröffnungsgottesdienste, die herzliche Begrüßung der Kammerlinken durch den Großherzog und die kühle Reserve dn Rechten gegenüber, die Berufung des den Großblock unzweifelhaft begünstigenden liberalen fierrn Dr. Bürklin in der ersten Kammer und dis zahlreichen Konferenzen der Regierung mit ihm vor dem Großblockbündnis follten aufs deutlichste erlern [neu lassen, L daß man regierungsseitig von vorn
herein mit dem Zusammengehen des LcheraliSmu» nick der Sozialdemokratie gerechnet hat, und 2. daß man der allerhöchsten Stelle die Genehmigung zum । Paktieren und Regieren mit dem Großblock abge- rungen hat. Man geht in den Geheimratskreffen mtt der Idee hausieren, daß es Aufgabe de» bürgerlichen Liberalismus sei, die Sozialdemokratie zu sich hinüber zu ziehen. Man nennt mit inefeter Bestimmtheit einen diensttuenden Kammer- Herrn, der sein Aeußerstes im Sinne des Großblocks beim Großherzog tun soll Daß er nne alle höheren Beamten am Hose Ruperte ift, erscheint fast selbstverständlich. So steuert man, wenn mcm sich nicht im letzten Augenblicke eines anderen beftnnft tm
Musterländle" Baden mit Negierungshilfe d« Sozialdemokratisierung des Lande», mit Volldampf zu
♦ Hastbarmachunq von Lehrern für Pftrchtver- letzunaen. Der Kultusminister wünscht unter Hinweis auf das Gesetz vom 1. August 1909 über die Haltung des Staates und anderer Verbände für Amtspflicht Verletzungen von Beamten bei Ausübung der öffentlichen Gewalt nähere Kenntnis barüb« zu erhalten, wie oft und in welchen Fällen Lehrer und Lehrenn- nen für Amtspflichtverletzungen der beznchneten Art, besonders für Ueverschreitungen des Zuchtigungsrech- tes haftbar gemacht, welche Prozesse darüber elngeler- tet und wie diese entschieden worden sind Der Minister fordert die Einreichung eines Verzeichnisses der bekannt gewordenen Fälle seit 1907 bis zum 25. Dezember dieses Jahres, sowie kurzen besonderen Bericht über jeden einzelnen nach dem 31. Dezember 1909 eintretenden Fall.
4- Zn der Hetze gegen Staatssekretär v. Schoen, die in der nicht näher qualifizierbaren Verdächtigung durch die „Tägliche Rundschau" ihren Höhepunkt erreicht hat, bemerkt die „Post":
Auf das Entschiedenste muß im Interesse des Reiches gegen die bösartige Hetze protestiert werden, bie gegen einen so verdienten Diplomaten wie beu Öeirn Staatssekretär v. Schoen seit geraumer Zeit betrieben wird. Herr v Schoen hat sich unbestreubare Verdienste um die Besserung der deutfch-franzomchen Beziehungen erworben. Für seine geschickte und er- soioreiche Politik verdient der Herr Slaatssekrelar volle Anerkennung, nimmermehr «der Angriffe! Am wenigsten aber von jenem Teile der Presse, der sich nut Vorliebe „national" zu nennen pflegt!
Die „Tägliche Rundschau" glaubt sich nun aus der Affäre ziehen zu können, daß sie sagt: „Es gibt Dinge, die dementiert Werden müssen, auch wenn ste wahr sind " Sie Will ihre Mitteilungen von „einigen nationalen Abgeordneten" erhalten haben, denen sie ein Jniasse der Diplomatenloge" zugesteckt bauen soll, und ein Herr, „dessen bekannt« und angelegener Raute Glaubwürdigkeit verlangt," hat die Sache bestätigt. Es wird Wohl niemand annehmen, daß mit dieser fadenscheinigen Erklärung die „Tägliche Rundschau" sich reinwafchen könne. Ein Blatt, das als leine angeblich oornehmste Aufgabe den Schutz der Interessen deS Deutschen Reiches und des deutschen Volkes >m In- und Ausland bezeichnet, scheut sich nicht, einen der höchsten Beamten des Reiches In so infamer Weise an den Pranger zu stellen. So etwas wie die Tägliche Ruiidschau" hätte einmal em Zen- lrumsblatt berichten sollen! Die „Tägliche Rundschau" aber ist das bevorzugte Blatt weiter Kreise der Berliner Beamterischaft und des Offizierkorps, und in der Kadettenanstalt Groß-Lichterfelde ist sie das
bte une: faßlichen Kampf gegen Rom mit Aussicht auf trgen innen Erfolg nicht führen können, wenn wir zarte Ruck sicht auf Wittenberg nehmen. Der Protestaw< tismus Hai seine Stoßkraft verloren. Was der Luthergeist in feinen besten Tagen nicht vermocht hat, das leistet er unmöglich jetzt mit seinen matten Nachklängen. Gegen Rom wirken nut die all"stärk st en Mittel. Ein unversöhnlichertzaß, der nicht» hören will von Vergleichen und von Beschönigung . . Eine Schonung religiös« Empfindungen bedeutet dabei Verzicht auf die eigenen Ideale. Man kann auch auf ein reinem geistigen Gebiete keinen Rneg führen, wenn man dem Gegner nicht wehe tim will...
nur ein Kampfmittel, das Erfolg verspricht - rückuchts lose Aufklärung. Die beste Arbeit macht bisher d« „Simplieiffimus". Wir wollen ausdenHaßund die Unbildung päpstlicher Evolutionen uni allen Waffen des Spottes, der Verachtung, der geistigen Uederlegenheit und des besseren Wissens antworten. Nutze jed« die Waffen, die thm die Natur
Aus Kirche und Schule.
* Der liebertritt des Professors Dr. Albert von Riwille. Unter dieser Ueberfchrist veröffentlicht die Deutsch-Evangelische Korrespondenz eine Mitteilung, worin von einer „auf Reklame berechneten Mitteilung von dem Uebertritt des Professors an der philosophischen Fakultät Halle von Ruville zum Katholizismus gesprochen wird, aus d« „von katholischer Seite au»- aiebig Kapital geschlagen werde". Trotzdem da» königlich preußische Staatshandbuch den Professor Dr Albert hon Ruville unter den Mitgliedern d« phllosophischen Fakultät der Universität Halle an- führt, bestreitet chm die Deutsch-Evangelische Storre- spondenz dieses Recht und behandelt ihn „lediglich als Titularprofessor und Privatdozent' und fährt dann fort:
Aufsehen hat sein Uebertritt keineswegs in bett. Kreisen verursacht, die ihn kannten, und fein Uebertritt. das Augen leuchteten, sie war so schön in ihrem Eifer, daß der Bat« ste lächelnd betrachtete.
„Du scheinst ja sehr genau unterrichtet zu sein", spottete er gutmütig, „Woher hast Du denn diese Weisheit Kleine?"
„Alfred hat es mir selbst erzählt, er ist so stolz auf feine Kunst, hat auch bereits einige Bilder ausgestellt", erklärte Gerda wichtig."
„Ja, ja", nickte Hardten zustimmend. „Als ich merfte, daß mein kleines Mädchen sich für diesen Maler interessierte, da habe ich mich nach seinen Verhältnissen erkundigt, und was ich da erfuhr, hat mich sehr befriedigt. Er ist ein sparsam« fleißiger Mensch unb hat Talent. Er kann eS zu etwa» bringen tm Leben. Freilich muß « noch ordentlich lernen, « sollte sich mal «ft ein wenig in der Welt umschauen, das wäre sehr gut für den jungen Künstler. Ab« leider wird ihm dazu daS liebe Geld fehlen."
„Er hat mir schon davon gesprochen", meinte | Gerda nachdenklich, „so eine Reise nach Italien wäre wohl fein höchster Wunsch, freilich wird e» eben ein Wunsch bleiben, denn es kostet zu viel."
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aIPI III Illi ff* JV 1XB&I U.UU BaHMrt. ▼ ▼ M ” ▼ff «»lationrdrnckMd vertag der Fuldaer Ak-
privilegierte Organ.
* Mit welchen Waffen der neue Kulturkampf gegen die katholische Kirche geführt werden soll, venSt im Freidenkerorgan „Das freie Wort" Nr. 18 Prof. Ludwig Gurlitt. Er prüft die Frage, ob die Freidenker auch den Plotestantismus bekämpfen sollen, kommt aber zu folgenden Schlüssen:
Was mir schließlich doch ave Bedenken genommen hat, "das ist die Eikennlnis, daß wir Kultursreunde freuen! Weshalb mußte der unerbittliche Tod sie sobald hinwegraffen!
Lange saß er so in tiefe Gedanken versunken und die Erinnerung führte ihn zurück in längst vergangene Zeiten und gaukelte ihm lichte Bilder vor die Seele.
Als Gerda bei ihm eintrat, schwebte ein mildes Lächeln auf seinen Lippen
„Nun", begann er neckend, „Du hast wohl recht viele Seforgimgen zu machen gehabt, weil Du so lange aus warst? Hatten sie denn nicht Zeit bis morgen?"
Etwas im Ton des Vaters mußte ihr auffallen, denn sie betrachtete ihn mißtrauisch von bet Seite. Dann schüttelte sie stumm den Kopf.
„Die Sache war wohl sehr wichtig?" fiihr er fort, „und morgen — da hast Du gewiß wieder ähnliche Besorgungen?"
Gerda wurde sehr verlegen, sie sah angelegentlich tu Boden. Als sie nicht antwortete, begann er aufs neue: „Ich hatte nämlich vorhin ebensalls einen Gang zu machen, und habet hm — da begegnete mir] ein verliebtes Pärchen, das so mit sich beschäftigt war, daß es mich gar nicht bemerkte, und seltsam — das Mädchen — das sah meiner Gerda so ähnlich, daß es mir auffiel, ober Du — nicht wahr, Du bist es nicht gewesen?" —
Jetzt schaute Gerda auf, sie las in de» Vaters Gesicht, daß er alles wußte. In der nächsten Sekunde hing sie an seinem Hals und verbarg daS glühende Gesicht an sein« Brust.
„Papa, — lieber gut« Papa, sei nicht böse, wir haben un» doch so lieb!" stammelte sie unter Schluchzen, während ihr die Tränen aus den Augen stürzten.