Maer W Zeitung
Monatrbellage: „KUdatt SeschichtsblStter"
36. Jahrgang
Fulda, Freitag den 17. Dezember 1909
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wochenbe!,aee: „Illustrierte §onntag;zMng"
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Grttes Matt.
0 Die liuksliberale Einigung.
Heißa, juchheißa, dudeldumdei! ES geht hoch her in der freisinnigen Presse. Sie ist vergnügt wie nie und jubelt, afö ob jetzt alle Tage Airmeß wäre, denn — „endlich nach so schweren Mühen" ist daS Einigungsprogramm der neuen „Deutschen freisinnigen Bolkspartei", wie die „große" freisinnige Partei nach der Verschmelzung der linksliberalen Grüppchen heißen soll, anS Licht des Tages gekommen.
Das — Progranim ist da, nachdem der Viererausschuß Jahr und Tag im Schweiße seines Angesichtes sich damit abgequält hat, eS zurecht zu zimmern, di« neue „große" Partei selbst, die — kommt erst nach, vielleicht auf dem ersten ordenüichen Parteitage im Jahre des Heils 19—12, vielleicht auch nicht.
Das Programm, das'soeben in der freisinnigen Presse veröffentlicht wird, enthält eine außerordent- lich lange Liste von politischen Forderungen, die in der Hauptsache als alte Forderungen deS sogenannten entschiedenen Liberalismus bekannt sind. Zum größten Teile allerdings sind diese Forderungen recht allgemein gehalten. Bemerkenswert erscheinen uns folgende: „Erhaltung des Reichstagswahlrechts. Be- rückflchtigung der Minderheiten bei den Wahlen. Allgemeines, geheimes und direktes Wahlrecht für die Volksvertretungen der Einzelstaaten. Reform deS Kommunalwahlrechts unter Beseitigung der Klassen- wahlen und der öffentlichen Stimmabgabe. Freiheitliche Ausgestaltung und Handhabung deS Vereins-, Verfammlunys- und Preßrechts. Gleichberechtigung aller rAigiösen Bekenntnisse und NeligionSgesellschaf- ten. Beseitigung der vom Staate den Kirchen gewährten Vorrechte. Anerkennung der staatlichen Oberhoh- heit. Keine Einmischung der Kirchen in staatliche Angelegenheiten. Unabhängigkeit des Unterrichts von der Kirche, Beseitigung der geistlichen Schulaufsicht. Allgemeine Volksschule ohne konfessionelle Trennung. Sicherung der vollen Wehrkraft des Reiches, aber Vermeidung aller nicht unbedingt gebotmen Aufwendungen und Beseitigung aller Luxusausgaben. Schrittweise Herabsetzung der Lebensmittel- wie der Jn- dustriezölle, Entlastung unentbehrlicher VerbrauchS- gegenstände und Rohstoffe von Steuern und Abgaben. Progressive Besteuerung von Vermögen und Erbschaften, Beseitigung aller Steuerprivilegien, inSbesonderS der toten Hand."
Mit dem Einigungsprogramm wird der Entwurf kines OrganlsattonsstatutS veröffentlicht. Danach soll der Parteitag das oberste Organ der Partei sein. Ein Zentralausschuß hat für die Verbreitung der Partei- gmndsätze, für die Vorbereitung der Wahlen und für die Organisation der Partei zu sorgm. Daneben soll noch ein geschästsführender Ausschuß stehen. Nach den Uebergangsbestimmungen ernennen für den ersten geschästsführenoen Ausschuß, bet BIS zum ordentlichen Parteitag 1912 tätig fein soll, die freisinnige Volks- Partei 9, die freisinnige Vereinigung 4 und die deutsche Volkspartei 3 Mitglieder. Außerdem bestimmt die freisinnige Volkspartei den Vorsitzenden deS geschäftsführenden Ausschusses, die freisinnige Vereinigung den Stellvertreter.
Die Zustimmung zu den Abmachungen kann ja nicht schwer toerben, da das Programm nur solche Punkte enthält, über die man längst einig ist. Wenn man gleichwohl soviel Mühe darauf verwenden mußte, so rührt daS von der überflüssig starken „Führerschaft" bei den drei Parteien her und von dem Ehrgeiz, der nicht auf die Führerrolle verzichten mag. Die Differenzpunkte zwischen den einzelnen Gruppen, dir in den Abmachungen nicht berührt werden, bestehen weiter fort, man wird darum das praktische Zusammenarbeiten all der verschiedenen Element« in der neuen Partei abzuwatten haben, um beurteilen zu können, ob die Bildung dec einen „großen" Partei auch ein vollständig einheitliches politische- .Vorgehen zur Folge haben wird. Die Zusammenar- ;bcü der drei Gruppen im Reichstage war ja bereit» i durch die Fraktionsgemeinschaft gewährleistet. Die ! Schwierigkeiten lagen auf dem Gebiete der politischen ^Tätigkeit der Wählerschaft, insbesondere bei den Wahlen. Die „große" freisinnige Partei wird bei den nächsten Wahlen den Beweis zu führen haben, daß sie eine größere Kraft besiyt als die bisherigen drei Gruppen. Im Reichstage werden die 49 linksliberalen Abgeordneten um keinen Deut mehr Bedeutung und Einfluß haben, wenn sie anstatt in der Fncktionsge- meinschaft in einer Parteigemeinschaft austreten.
ES wäre ja so nett, wenn nach der Einigung bk Zahl der freisinnigen Wähler wie eine Sturmflut anschwellen und die „große" Partei eine Anzahl neuer Mandate gewinnen würde. Ach, wäre sie nur ihrer .49 Mandate sicher.
Deutsches Reich.
/ ♦♦ Berlin, 16. Dez. 1999. Die Kaiserin ist heute abend ll1/* Uhr nach Ploen abgereist.
— Für die Lehrerinnen - Prüfung hat der Unterrlchts-Minister eine wichtige Verfügung er- lasten. Danach wird die Vorschrift der PrüfungS- Ordnung für Lehrerinnen aufgehoben, wonach für die Zulaffung zur Prüfung der Nachweis der Vollendung deS 19. Lebensjahres nöti, ibejro. bei jüngerem Alter ein DiSpenS nachzu- suchen war. In Zukunft ist die Nachfuchung deS AlterSdiSpenfeS also nicht mehr etfotbetlk। weder bei der Prüfung der Lehrerinnen für Volksschulen noch bei der Prüfung für mittlere und höhere Mädchenschulen.
+ Die Färbung der Gerste mit Eosin, -die vom Bundesrat auf Grund de« am 13. Jul d«. IS. verabschiedeten Reichsgesetzes über die Kennzeichnung der zu billigerem Zollsatz einge- führten Futtergerste vorgeschrieben ist, scheint, fcwe sich jetzt herauSstellt, eine verfehlte Maß-
nähme zu fein. Es wird nämlich die Klage erleben, daß daS Eosin giftig sei und bei den Schweinen, die mit Eosin gefärbte Futtergerste reffen, Erkrankungen Hervorrufe. Am Dienstag eigte im Reichstag der Abg. CarftenS Magen und Darm eines Schweines, das mit Eofingerste efüttert worden ist. Trotzdem die Fütterung erst feit 8 Tagen stattfand, erwiesen sich alle Teile, auch der Speck, als stark gerötet und ent- ündet. Die Anordnung der Eofinfärbung der Aerste erscheint verwunderlich, indem erst kürzlich n einem Prozeß eines Angestellten der Firma Merck & Co. in Darmstadt, der Hauptverferti- ijerin deS Losins, gegen diese Firma das Arbeiter- chiedsgericht nach einem Gutachten des Prof. Zeoin für festgestellt erachtet hat, daß daS Eosin gifthaltig fei. In Dahlem besitzen wir doch die reich auSgestattete biologische Lehranstalt; weshalb hat man hier nicht vor der Anordnung praktische Versuche vorgenommen?
* Der Papst und Elsaß-Lothringen. Die ,Vossische Zeitung' meldet allen Ernstes auS Rom:
Der Battkan hab« zurzett, als er mit Frankreich gute Beziehungen unterhielt, die deutschfeindlichen Kundgebungen in Elsaß-Lothringen, wenn nicht geradezu begünstigt, doch geduldet, um sich der Republik angenehm zu erweisen. Jetzt aber, da er mit Frankreich gebrochen hat, weist er die Geist- lichkett tin Reichslande an, sich künftighin jeder Teilnahme an sranzosenfreundlichen Kundgebungen zu enthalten.
Man muß sich nur immer wundern über diese Leute, die im Vatikan das Gras wachsen hören, natürlich noch weit bester, als der heil. Vater selbst.
* Ein wertvolles Geständnis macht zur Reichsfinanzreform der freisinnige Abg. Proseffor Eickhoff im ,Tag' Nr. 290. Er schreibt:
„Ich leugn« zwar nicht und habe eS niemals getan, daß auch von der bürgerlichen Linken erhebliche Fehler begangen worden sind. So war es nach meiner Auffaffung sehr wohl möglich, sich über die Branntweinsteuergesetzgebung mit den Konservativen rechtzeitig zu einigen, selbst auf die Gefahr hin, daß das Branntweinmonopol eingesührt werde, dem eine große Anzahl freisinniger Abgeordneter nach meiner Kenntnis der Dinge ihre Zustim- mug nicht versagt hätten."
Kraster konnten die freisinnigen Grundsätze, wie sie von Eugen Richter zeitlebens vertreten worden find, nicht verleugnet werden. Richter war der verkörperte Widerstand gegen jede Art von gewerblichem Staatsmonopol, und diesen Standpunkt hat auch die vom ihm begründete ,greif. Ztg/, die das offizielle Organ der Frei- finnigen Volkspartei darstellt, noch bei Einbringung deS Entwurfes durch Herrn Svdow scheinbar mit allergrößter Entschiedenheit eingenommen. Die Verwirklichung der konservativen Wünsche nach der Seite des Branntweinmonopols hat daS Zentrum mit Erfolg verhindert. Es ist klar, daß, wenn beim Branntwein der Weg des Monopols beschritten worden wäre, es kein Halten mehr auf dieser Bahn gegeben hätte. Wer bürgte dafür, daß nicht schon sehr bald das TabakSmonopol gefolgt wäre? Für Kon- zessionen auf politischem Gebiete würden die „freisinnigen" Volksvertreter schon bald ihren Nacken gebeugt haben.
)(Die Rüpelhaftigkeit der Sozialdemokraten trat wieder mal in Braunschweig zutage. Daselbst fand bekanntlich am Mittwoch die Ver- mählung deS Regenten Johann Albrecht mit der Prinzessin von Stolberg-Roßla statt. Am Dienstag mittag hielt die Braut ihren Einzug, aus welchem Anlaß zahlreiche Fabriken feierten. Man wollte den Wünschen zahlreicher Arbeiter ent- gegenkommen, die den feierlichen Einzug, der für eine kleine Residenzstadt doch ein seltenes Schauspiel bietet, sich ansehen wollten. Nach dem „Vorwärts wurde nun von den Sozialdemokraten die Gelegenheit benutzt, um eine Wahl- rechtSdemonstration zu veranstalten. In der Nähe des Schlaffes machten die „Genoffen", gerade al» die Galawagen mit den Hochzeits- gästen vorbeifuhren, den üblichen Radau und schrien: „Rieder mit dem Klastemvahlrecht!", worauf sie die Marsalleise fangen. Wir sind sicherlich keine Freunde deS KlaffenwahlrechtS; aber auch keine Freunde der widerlichen Straßen- demonstrationen, die noch nie zu etwas Gutem geführt haben. Noch weit mehr sind solche Demonstrationen zu verurteilen, wenn sie auS Anlaß von Feierlichkeiten, wie sie in Braunschweig stattfanden, erfolgen.
♦ Bülheim e. Rh., 16.Dez. 1909. Die Reichs- tagSersatzwahlim Kreise Mülheim-Wipperfürih. Gummerbach ist auf den 16. Februar, etne eventuelle Stichwahl auf den 26. Februar anberaumt worden.
’a Dir Laubbauk i« Fulda nud daß Berliuee Tageblatt.
Dem reichShauptstädtlschen Leiborgan der Börsenjobber ist ine phänomenale Entbeckung geglückt, baß die landwirtschaftliche Gründung zur Bckämpfung deS Güterschachers, bi« Landbank Fulda, eine „katholische Landbank" ist! Die Entdeckung war gar nicht so einfach, waS man schon darau» ersieht, daß da» Berliner Blatt bereits seit dem Sommer darüber gebrütet Hot, aber umso schöner ist da» Ergebnis.
Die Landbank Fulda ist ein Ausfluß — d e r konfessionellen Elgenbrödelei. Ere ist nicht mehr und nicht weniger al» der Gegenbewer» gegen die Behauptung, daS Zentrum sei eine interkon
fessionelle Partei: Denn, sagt daS Berl. Tagebl., der Zentrumsabgeordnete Müller-Fulda unterstützt diese „katholische Landbank" mit seinem Geld! Diese Schlüsse zieht das Berliner Blatt aus der Tatsache, daß die Ralffeisenvelelne in den katholischen ;i) Kreisen Fulda, Hünfeld, GerSfeld, trotzdem die Marburger Generaderiammlung die Gründung einer Landbank für ganz Hessen beschlossen hat, in diesem Sommer eine Landbank auf lokaler Grundlage ins Leben riefen.
Es »st durchaus nicht verwunderlich, daß bei dem räumlichen Abstand Berlin—Fulda (350 Stirn. Luftlinie) die Tageblattredaktion über die Landbank- Gründung genau so vortrefflich unterrichtet fft, wie der Papagei über das große Einmaleins. Das Berl. Tagebl. kann nicht wissen, daß
1. die Landbank Fulda schon geraume Zeit v o r dem Marburger Beschluß geplant und teilweise in die Praxis umgesetzt war.
2 auf der Vertreterversammlung der Raisfelsen- vereine in Fulda fast alle Redner die lokale Gründung sachlich daraus begründeten und ihr den Vorzug vor der hessischen Landbank gaben, well die bäuerlichen Gesellschafter dem kleinen Untemehmen mit größerem Vertrauen entgegenkommen, die persönliche Bekanntschaft der Geschäftsschließenden größere Sicherheit gewährt und das vorteilhaft sich äußeri, was die Ralff- eisenvereine überhaupt so erfolgreich gemacht hat: Geschäftsverkehr auf Grund persönlicher Bekanntschaft der Genossenschaftler.
3. ein unbedingt sachverständiger ®efd)äft8manti riet, das unausgeprobte Unternehmen zunächst im kleinen Maßstab zu versuchen.
** Kattowitz.
Gegen die Stadtverordnetenwahlen in Kattowitz ist seitens der Zentrumspartei und der Polen Protest beim Magistrat eingegangen, worin hauptsächlich gerügt wird, daß die mittleren und unteren Beamten unter dem Druck der Vorgesetzten bei den Stichwahlen gestimmt hätten.
Die gemaßregelten Lehrer haben in einem an den Kultusminister gerichteten Schreiben um Zurücknahme der Versktzungen gebeten.
Mit den Lehrermaßregelungen von Kattowitz beschäftigt sich auch der,Satolit', das einflußreichste polnische Blatt Oberschlesiens. Er sagt unter anderem:
Die Katholiken wollten in etiva wenigstens das kolossale Uebergewicht des Liberalismus im Kommunalletten von Ka'ltow.tz emschränten; sie wollten mehr Katholiken in das städtische Kollegium hineinwählen, damit auch der katholische Einfluß in einer, ihrer enormen Mehrheit nach katholischen Stadt sich geltend mache; sie wollten, daß das Stadtverord- netenkollegium gerechterweise mehr die wirkliche Gesamtheit der Einwohnerschaft vertrete und nicht bloß die geringe Minderheit der andersgläubigen Liberalen. Die Katholiken wollten nicht etwa alle Protestanten und Juden aus der städtischen Verwaltung hinauswerfen, sondern sie wollten nur ihre Repräsentanten um einige vermehren . . . Um nichts anderes also hat es sich für die Katholiken in Kattowitz gehandelt, als um Gerechtigkeit und um die Verteidigung des christlichen Charakters der städtischen Vertretung. Und es hätte einem jeden scheinen müssen, daß die Behörden des „Landes der Gottesfurcht und frommen Sitte" sich in diese innere Angelegenheit der Bürger der Stadt Kattowitz nicht mischen werden, daß sie vielmehr sich freuen würden» wenn die christliche Richtung die Ferrerleute überwindet. Denn die Kattowitzer Bürger haben doch dasselbe garantierte Recht der Selbstverwaltung, wie die anderen Gemeinden, daß sie also in das städtische Kollegium wählen lönnen, wen sie wollen.
Der ,ßatoli£' hebt mit Recht hervor, daß in dem Kompromiß zwischen den deutschen und den polnischen Katholiken, der den Polen zwei Man- date konzedierte, absolut nichts ausfälliges war, da ja Kattowitz von den dort und besonders in der Umgegend in übergroßer Mehrheit ansässigen Polen lebe. Das Blatt schließt seine Betrachtungen wie folgt:
Die Zentrumsblätter sind sehr entrüstet über dieses Vorkommnis, und sie kündigen an, daß die Angelegen- Helt im preußischen Abgeordnetenhaus« zur Sprache gebracht werden wird. Sehr gut! Nur wird dort die Sache sehr energisch angefaßt und von der Regierung Garantien gefordert werden müssen, daß in Zukunft die Rechte aller Staatsbürger ohne Ausnahme, speziell das Recht der kommunalen Selbstverwaltung und die Wahlsreiheit durch niemanden an getastet werden dürfen.
Die ,Berl. Pol. Nachr/ bringen, etwas sehr spät, zu den Kattowitzer Maßregelungen folgende offenbar offiziöse Bemerkungen:
Das Reichsbeamtengesetz und das preußige DiSzi- plinargefetz sehen allerdings die Strafversetzung als Disziplimwstrafe vor, allein diese Strafe kann beiden Gesetzen nur auf Grund eines förmlichen Disziplinarverfahrens verhängt werde«. Davon ist in dem vorliegenden Falle nicht die Rede, es handelt sich vielmehr dabei lediglich um Versetzungen im Interesse deS Dienstes. Eine solche Versetzung erfolgt, wenn ein Beamter, der im allgemeinen feinen Dienst wahrzunehmen in der Lage ist, sich gerade für die Verwaltung einer besonderen Dienststelle nicht eignet, entweder, weil seine Kraft zu dem Maß der Dienstgeschälte nicht ausreicht, oder weil sonst in seiner Person liegende Momente ihn gerade zu erfolgreicher Wahrnehmung dieser besonderen Geschäfte nicht geeignet sein lassen. In dem vorliegenden Falle ist die Versetzung erfolgt, weil di« betreffenden Beamten durch die Stimmabgabe gezeigt haben, daß sie das Maß von Staats- und Nartonalgesühl nicht besitzen, das als eine unerläßliche Vorbedingung für die Wahrnehmung von Staatsobliegenheiten in den polnisch gemischten Landesteilen anzusehen ist. Hier handelt es fich bekanntlich um einen Existenzkampf der vielfach von auswärts unterstützten polnischen Elemente gegen daS Deutschtum und gegen unser nationale- Staalswefen. In diesem Kampfe muß der Beamte naturgemäß fest zu dem Staate und der von ihm befolgten nationalen Politik stehen. Wenn daher ein Beamter seine Stimme einem polnischen Kandidaten gibt, so liefert er den augenfälligen Beweis, daß er das Maß von nationalem Staatsdewußtsein nicht besitzt, das für Beamte in jenem
Landes teil unerläßlich ist. Sein« Versetzung im, Interesse des Dienstes ist daher unbedingt erforderlich und geradezu selbstverständlich. t
Wrnn es noch eines Beweises bedurft hätte, daß diese ^Versetzungen im Interesse deS Dienstes" mit dem eigentlichen Dienst nichts zu tun haben, sondern in Wirklichkeit Strafversetzung gen sind, dann ist dieser Beweis gerade durch ie Ausführungen des offiziösen Organs geliefert worden. Und diese Strafversetzungen ohne vorgängiges Disziplinarverfahren sind gesetz« vidrig. Es klingt fast wie Hohn, wenn man riefe Gesetzwidrigkeit damit zu verdecken sucht, daß man das Mäntelchen „im Interesse deS Dienstes" hervorholt.
Ausland.
: Schon 39 Stunden hatte die österreichisch^ Parlamentsitzung heute morgen um 2 Uh^ bis dahin liegen Nachrichten vor — ununter«, krochen gedauert. Sie wird noch fortgesetzt.^ Von den 51 Dringlichkeitsanträgen der tschechischen Opposition sind bisher drei erledigt worden. Der Tscheche Spaeeh sprach über 6 Stunden. AIS ,hm der Stoff auszugehen schien, brachten ihm seine Parteigenossen einen Band Brockhaus und et übersetzte daraus ins Tschechische den Artikel übet die Hufkrankheiten der Pferde. Der Tschechisch- Radikale L isy sprach über sieben Stunden. 2B5^ renddieser Rede kam es zu großen Lärmszenen auf cer zweiten Galerie, sodaß die Galerie geräumt werden mußte. Heute morgen um 2 Uhr sprach der tschechische Abgeordnete P a d o n r in der fünften Stunde. Die Obstruktionsredner bebienen sich der tschechischen Sprache. Man rechnet jetzt damit, daß dieser Dauersitzung durch Krawalle der Sozialdemokraten und der deutsch-nationalen Bevölkerung ein Ende gemacht werden wird.
♦* Die Lösung der ungarischen Krise soll nun, wie aus Wien gemeldet wird, energisches betrieben werden. Es machen sich nämlich allmäh« I ich die Folgen der Verwirrung auch dem Ausland« gegenüber bemerkbar. Das Ministerium Wekerst weigert sich nämlich, trotz des Ermächtigungsgesetzes das erst mit dem Ende des Jahres abläuft, den Handelsvertrag mit Rumänien in Kraft treten zu assen. Da dieser Handelsvertrag nicht nur wirt« chastilche, sondern wahrscheinlich auch groß« polft tische Bedeutung hat, so liegt dem Kaiser alles daran,' die Sache bis zum ersten Januar zu regeln. Graf Khuen Hedervary und Lnkacs scheinen einig« Aussichten auf Kabinettsbildung zu gewähren. f
* Die Verdächtigung Deutschlands, eS suche im fernen Osten Unruhe anzustisten, die sich der russische Minister Iswolski in diplomatischer Gesellschaft geleistet haben sollte, wurde dem Minister zu Unrecht in den Mund gelegt. Der Petersburger Vertreter des Wölfischen BureauS ist von Iswolski ermächtigt worden, die betr. Nachricht zu dementieren. Der Minister, so wird hinzugesügt, habe stets die loyale Handluugsweist Deutschlands gegenüber Rußland hervorgehoben.
♦ Das deutsch-englische FreundschastSkomitee hat durch seinen vollziehenden Ausschuß erklärt, es sei durch die von dem Sozialisten Blatchford vor einigen Tagen in London veröffentlichten bösartigen Arttkel peinlich berührt. Es erhebe gegen diesen durch nichts veranlaßten Angriff auf einen befreundeten Staat Einspruch und versichere dem deutschen Volk auss neue, welch gute Gesinnungen ein großer Teil des englischen Voltes ihm entgegenbringe, der nichts mehr wünsche als eine stetige Aufrechterhaltung der guten Beziehungen.
** Zum Schweizer Bundespräsidenten für 1910 wählte die vereinigte Bundesversammlung mit 148 von 160 gültigen Stimmen den Ehes des Eidgenössischen Finanz- und Zolldepartements,Comtesse« Neuenburg. Zum Vizepräsidenten wurde gewählt Ruchet-Waadt, Chef des Departements des Innern, zum Bundeskanzler Schutzmann. Alle drei Ge« wähtten gehören der radikal-demokrattschen Partei an.
; Der Führer der alten katholischen Partei in Belgien, Woeste, ist nach einer Meldung au8 Brüssel an einem Leberleiden gefährlich erkrankt.
** Der „liberale Sieg" bei den spanischen Gemeindewahlen ist von der liberalen Presst verkündet worden. Die genaueren Feststellungen zeigen folgendes Bild: In ganz Spanien find 28884 Gemeinderäte zu wählen, von denen bisher 17300 den konservativen Gruppen, 10100 den liberalen Gruppen und 1400 den Extremen gehörten. Die gesamten Ergebniffe sind noch nicht bekannt, dennoch haben die konservativen Gruppen jetzt schon 17 600 Gemeinderäte sicher. DaS ist der liberale „Sieg"! Er besteht lediglich darin, daß die Republikaner und Sozialisten fast 3000 GemeinderSte gewonnen haben, die die liberalen Gruvpen eingebüßt haben. Ganz wie bei uns! Republikaner und Liberale vereinigten in letzter Stunde in vielen mittleren Städten ihre Kandidaturen und ver- brfingten dadurch die Konservativen, da das System der relativen Mehrheit gilt. Nach bet konservativen „Epoea" bedeuten die Ziffern der Munizipalwahlen das Ende der liberalen Regierung bei den Parlamentswahlen, denn die großen Städte seien nicht Spanien. Die Regierung werde wohl alle Anstrengungen machen, aber die Arbeit der konstrvativrn Führer werde sie zu schänden machen.
*» Zum Generalstabschef der Vereinigten Staaten ist General Leonard Wood ernannt worden. Er war eS, der bet Ausbruch deS Spanisch -Amerikanischen Krieges die Rauhreiter anwarb, die unter Roo- sevett» Führung in den Krieg zogen. AIS O b er - befeblShaber der amerikanischen Streitkräfte