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Fuldaer W Zeitung

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Z.W?»wochenlxiwe«: .Illustrierte Lountagrzeitung"

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Fulda, Mittwoch den 15. Dezember 1909

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36. Jahrgang.

Kwertes Wlatt.

X Kattowitz.

Um die Kattowitzer Verhältnisse richtig beurteilen zu können, muß man sich vergegenwärtigen, daß die Stadt ungefähr 85 Prozent Katholiken zählt, die aber in diesem Jahre erst zum zweiten Male selbständig in den Wahlkampf um die Stadwerordnetenmandate eintraten. Nachdem sie vor fünf Jahren in der drit­ten Abteilung ihre Kandidaten durchgebracht hatten, stellten sie diesmal wiederum fünf katholische Kandi­daten auf, unter diesen mit Rücksicht auf den polnisch- sprechenden Teil der Bevölkerung zwei durchaus ftaatstreue Polen Trotz aller Wahlbeeinflussungen, von denen wir kürzlich erbauliche Einzelheiten mittellten, .kamen die katholischen Kandidaten mit den liberalen Mandatsbewerbern in die Stichwahl, die dann aber zu Ungunsten der katholischen Kandidaten ausfiel, weil der W.a h l d r u ck sich inzwischen noch stärker bemerkbar gemacht hatte.

Wenn die Wählermasse überwiegend katholisch und polnisch ist, dann können die gewählten Liberalen «ihre Stimmen nur erhalten haben von Leuten, die im Innersten Herzen nicht liberal sind. Wie das mög- >!ich ist? Der Grund liegt in Abhängigkeit lunb Furcht; Furcht vor dem protestantischen Be­amtentum und den reichen liberalen Bourgeoiskreisen, svon denen ein großer Teil der Kattowitzer Einwoh- ijlerschast völlig abhängig ist.

. In einem Artikel der „Köln. Bztg." wird darüber tnitgetetlt: Die herrschenden Kreise in Kattowitz neh­men zu den katholischen Volksmassen eine ähnliche Stellung ein, wie die Plantagenbesiher der Südstaa- ten zu den Negern. Da sollte ihnen mal einer kom­men und für das Volk ^bürgerliche Freiheit" ver­langen. Wenn die Kattowitzer Liberalen in die Stadtverordnetenversammlung gewählt werden sollen, so sehen sie es als ganz s e l b st v e r st ä n d l i ch an, chaß ihre Gegner, die „Ultramontanen", soweit sie sich in abhängiger Stellung befinden, durch Zwang veranlaßt werden, ihnen ihre Stimme zu geben. Es handelt sich hier um einen Terror von ganz konfessionellem Gepräge, denn das katho­lische Volk wird systematisch unterjocht und unterdrückt. Die Dinge liegen nicht nur in Kattowitz und Oberschlesien so, sondem auch in Po­ssen. Die hakatistische Presse meldete neulich trium­phierend, daß aus den Stadwerordnetenversammlun- !gen in der alten Bischofsstadt Gnesen und aus «H o h e n s a l z a, dem früheren Jnowrazlaw, alle Dolen herausgewählt feien; die Versammlungen setz- sten sich jetzt ausschließlich aus Deutschen und Libe- ralen» zusammen. Jnbezug auf Gnesen wurde noch ^angeführt, daß hier ein Erfolg der Ansiedlungspolitik W verzeichnen sei. Durch Ansiedlungen hätte die Zahl der Deutschen in Gnesen sich so vermehrt, daß .sie jetzt den Polen überlegen seien. Das ist aber nicht Mahr. Die polnische Bevölkenmg hat in Gne- ssen immer stark überwogen und das Berliner Tage­blatt verzeichnet, daß dott von 1885 bis 1905 die Zahl der Deutschen um 44 Prozent, die der Polen aber um 55 Prozent zugenommen habe. Die Haka- tistcn haben also wieder einmal die Unwahrheit ge­sagt. Wenn bei den Stadtverordnetenwahlen die Po­len eine Niederlage erlitten, so kam das einfach daher, daß alle abhängigen Polen nicht wag­ten, die polnischen Kandidaten zu wählen.

Was solche Wahlen wett sind, bei denen der Wäh­ler gezwungen wird, gegen seine Ueberzeugung zu wählen — denn nicht einmal Wahlenthaltung ist ge­stattet! — brauchen wir nicht weiter auszumalen. .Dann lieber die reinste Thvannen- Herrschaft! Auf solche Wahlen stützt sich die Herr­schaft des antikatholischen Liberalismus und Hakatis- mus in der Ostmatt.

In einer Zuschrift an die „Gern!." wird das alles übersteigende Haß geg en den Katholi­zismus, der in Kattowitz herrschenden Mächte wie folgt gekennzeichnet:

Auf der einen Seite ist es der Liberalismus von der sanftesten Form in Filzschuhen über die Loge weg biS zu den Verehrern eines Ferrer; der Liberalis­mus, der in Baden und Meiningen und Dortmund mit der Sozialdemokratie innig verbrüdert ist. Auf der andern Seite wirkt der Hakatismus strengster Observanz, dem das Denunziantenblatt, ,Katkow. Ztg/ genannt, zu Diensten steht. Haß, Heuchelei, Denun­ziantentum feierten bei der Stadtverorbnetenwahl wahre Orgien. Besonders die Kattowitzer Ztg. konnte die Regierung nicht laut genug gegen die „verräterischen" Beamten und Lehrer scharf machen. Es ist, a'.s ob in Kattowitz epidemischer Wahnsinn ausgebrochen wäre. Wer so unvorsichtig ist, auf der Straße das Wott „Pole", ohne eine Verwünschung auszusprechen, wird morgen in der Katt. Ztg. als Verräter am Deutschtum denunziert. Ein Beamter, der es wagen sollte, in seinen eigenen vier Wänden etwa laut zu sagen, der Pole (nicht Großpole) sei doch sozusagen auch noch ein Mensch, kann in zwei Tagen im Denun­ziantenblatt lesen: Verrat! Ein Mann, der den Diensteid geleistet, der des Königs Rock ge­tragen und eine Uniform hat, ist so sehr alles Natio- nalgesühls bar, einen Polen mit einem Deutschen zu vergleichen. Gar die Frage aufwerfen, ob eine Be­schwerde der Polen lnicht Großpolen) nicht einmal einer sachlichen Prüfung zu unterziehen wäre, wagt hier niemand mehr auch nur in Gedanken; die tiefste Kloake wäre nicht schmutzig genug für diesen „Hoch­verräter". Dieser in Kattowitz alles öffentliche Leben vergiftende Geist des Kalholikenhaffes und die damit zusammenhängende krankhafte Gewohnhett, polnisch mit vaterlandsverräterisch ohne weiteres zu identifizieren, ist auf die Regierung nicht ohne Ein­druck geblieben. Die Regierung hat dem stürmischen Verlangen nachgegeben.

Es mag auf den ersten Blick befremden, daß die Negierung in Kattowitz mit so maßlosem Uebereifer vorgehen konnte und die katholischen Lehrer auf dir Dörfer trieb, welche für Zentrumskandidaten gestimmt haben. Wie aber die Dinge liegen, leuchtet es ein, daß in Kattowitz der Gedanke einer freien Wahl über­haupt nicht auflommen darf, wenn die herrschende Klicke sich der Gesahr nicht aussehen will, daß es den Katholiken gelingt, den antikatholisch-liberalen Ter­ror zu brechen. Wir nennen hier das Kind beim rech­ten Namen: es handelt sich wirklich um einen anti­katholischen Terror, um Unterdrückung und Versklavung der Katholiken, die zu Stimmvieh herabgedttickt werden sollen. Wenn die Katholiken sich das ruhig gefallen lassen, spricht man in Kattowitz von konfessionellem Frieden; wer aber solche Zustände ktttisiett, der ist ein „Störer"' des konfessionellen Friedens.

Mache man sich die Situation nur recht klar. Die liberalen Terrottsten in Kattowitz sagten sich offen­bar, daß ihre Herrschaft ins Wanken geraten müsse, ioenn das Beispiel jener wackeren, überzeugungstreuen katholischen Lehrer nnd Beamten, die es wagten, offen für Zentrumsleute zu sttmmen, in der katho­lischen Bevölkerung Nachahmer fänden. In der brei­ten Masse soll die Vorstellung erhalten bleiben, daß der Staat an jedem, der nicht liberal wählt, Rache nimmt. Rur auf diesem Wege kann sich die libe­rale Herrschaft in Kattowitz erhalten. In den Mit­teln ist man nicht wählerisch; nicht umsonst liegt Kat­towitz nahe an der russischen Grenze. Jedermann soll sich den herrschenden Liberalen gegenüber ivie ein Leibeigener dienstbar fühlen. Welche politische und religiöse Ueberzeugung die Wähler haben, ist Neben­sache. Es genügt, wenn sie sich von der Furcht leiten lassen, der Furcht vor den hohen Behörden in Berlin und am Orte, vor Knutikoff und Karbatschi- k°ff.

Zum Schluß noch eine kleine Erinnerung. Po­litische Ouälkieien sind in Oberschlesien schon länger in Uebung, wenn auch bisher noch nicht so skandalös vorgegangen wurde wie jetzt in Kattowitz. Es sei erinnert an einen Fall bei der Abgeordnetenwahl im

Jahre 1903. Als in Ratibor ein katholischer Lehrer bei Abgabe seiner Stimme die beiden Zen­trumskandidaten nannte .ertönten aus der konservativ- liberalen Gruppe der Wahlmänner die Rufe: „Herr Landrat, ein Lehrerin Ein anderer Fall trug sich zu ebenfalls im Kreise Rattbor bei der Wahl 1908, wo das Zentrum ein Kompromiß mit den lohalen Polen abgeschlossen hatte. Zwei katholische Lehrer gaben bei der Urwahl ihre Stimme dem Zentrums wahlmann. Daraufhin wurden sie vom Kreisschulinspektor verhört und im Auftrage ber königl. Regierung zuOppeln aufs Landratsamt ge­laden, um sich über ihre Abstimmung zu verantworten. Das Protokoll wurde der Regienmg eingesandt.

Es sieht wirklich so auS, als ob in Preußen, we­nigstens im Osten, bie Katholiken und ihre Vertreter vogelfrei feien unb bie katholi­schen Lehrer mit Haut unb Haaren ben protestanti­schen Regierungsmännern verschrieben feien, daß sie nicht mehr nach ihrem Gewissen wählen dürfen.

Deutsches Reich.

* Das Zentrum entsandte in die B u d g e t kom­mt s s i o n dir Abgg. Erzberger, Fehrenbach, Gröber, Frhr. v. Hertling (stellvertretender Vorsitzender), Müller-Fulda, Dr. Schädler, Dr. Spahn und Speck, in die Petitionskommission: Dr. Velzer (Vorsitzender), Giesberts, Hauser, Irl, Dr. Marcour, Pütz, Wallenborn, Dr. Will, in die Wahlprüfungskommission: Kalkhof, Schwarze, Sir, Dr. Vonderscher, und in die Geschäftsord­nung skommifs ion: Dr. Bitter, Kirsch, Graf v. Oppersdorff, Roeren, in die Rechnungskom­mission: Engelen, Horn (Neisse), Schwarze, (Lipp­stadt), als Stellvertreter des Porsitzenden.

* Die Stärke des deutschen Heeres für 1910 ist nach der ,Bofs. Ztg/ festgesetzt auf 25,494 Offi­ziere, 2288 Sanitäts - Offiziere, 761 Veterinäre, 1082 Oberzahlmeister und Zahlmeister, 1230 Unter­zahlmeister, 5937 Feldwebel und Wachtmeister, 4257 Vize-Feldwebel und Vize-Wachtmeister, 393 Fähnriche, 62,453 Unteroffiziere, 5717 Hoboisten, Hornisten, Trompeter, 630 Bataillons-Tambours. 8458 Kapitulanten, 2381 Obergefreite, 55,402 Gefreite und 431,634 Gemeine. Alles in allem 504,446 Gemeine und 114,162 Dienflpferde.

* Das Putzzeug der Soldaten. In der B n d g e t- kommission wurde am Montag, wie noch nach­zutragen ist, der Resolution des Reichstags auf Uebernahme des Putzzeugs der Mannschaften auf die Reichskasse durch Einstellung von 3 Millionen Matt in den Nachtragsetat Rechnung getragen. Die Aus­führung geschieht in der Weise, daß der Betrag von 7,10 Mk. für die Unberittenen und 8,00 Mk. für die Berittenen den Leuten bar gezahlt wird und sie da­von das Putzzeug selber kaufen.

* Zu den Verfassungskämpfen in Mecklenburg. Nach einer Mitteilung, die der „Rost. Ztg." von ver­trauenswürdiger Seite zugegangen ist, hat der Mini­ster Bussard erklärt, der Großherzog von Mecklenburg- Strelitz sei empört über die Ablehnung der Ver- fassunc-svorlage und hätte nun vor, seinem Lande eine ,wirklich zeitgemäße" Verfassung ohne Einwil­ligung der Ritter zu geben.

Aus dem Nachbargebiete.

* Hünfeld, 12. Dez. 1909. Der Bergwerksdirektor Koop in Dietlas hatte seinerzeit bei Eiterfeld ein Basaltwerk ins Leben gerufen, das anfangs sich recht gut zu rentieren schien. Dem Vernehmen nach ist jetzt ober vom Eisenbahnfiskus das von dem Werk gelieferte Material als zur Verwendung für den Bahnbau nicht geeignet erklärt und infolgedessen der Betrieb wieder eingestellt worden.

X AuS ber Rhön, 13. Dez. 1909. Jüngst hat Direktionsassessor Martin im Auftrage der Kgl. Eisen­

bahndirektion Würzburg mit dem Lokalbahn komitee die zur Erbauung der Elstalbahn in Betracht kommend« Strecke Unsleben—Oberelsbach begangen und sich über die einschlägigen Verhältnisse orientiert,- Die Linie soll auf dem linken Elsufer entlang führen und die Orte WechterSwinkel, Bastheim, Unter- und Oberwaldbehrungen, sowie Unter« und Oberelsbach berühren.

♦ Wächtersbach, 12. Dez .1909. Der Magaziner- bettet Joseph Appel aus Schlierbach geriet in ber Nähe ber Wächtersbacher Steingutfabrik infolge bei Dunkelheit in bie Bracht und ertrank.

* Frankfurt a. M., 13. De,. 1909. Der Frank- futter Landwirtschaftl. Verein begeht im nächsten Jahre sein 50jähriges Jubiläum. Die erste Anregung zu seiner Gründung gab eine am 7. Januar 1860 abgehaltene Versammlung hiesiger Landwirte. Die Feiet des Jubiläums soll gelegent­lich der bevorstehenden Generalversammlung anfang» März stattfinden

♦ Offenbach, 13. Dez. 1909. Im Amtsblatt der Wiesbadener Regierung ist den fünf Oberseknn- danern und dem Fischer Schocker aus Frankfurt, die gemeinschaftlich am 19. August bei dem Offen­bacher Schleusenunglück einen Dian» und ein Ämb'i vom Tode des Ertrinkens retteten, in Form einer, öffentlichen Belobigung bie Anerkennung der' Regierung für die bewiesene Unerschrockenheit und Umsicht zuteil geworden.

* Hersseld, 13. Dez. 1909. Der jetzige Kursus der Kriegsschule erreicht am 14. ds. Mts. sein Ende. Die Schlußprüfung der Fähnriche fanir unter dem Vorsitz des Generalleutnants v. Thiesen« hausm vor einigen Tagen statt.

* Bebra, 12, Dez. 1909. Gestern brach in dem an den Laden des Kaufmanns A. anstoßenden, Kontor Feuer aus, das die in den Räumen auf« gestapetten Waren ergriff. Eine in den Laden em»] tretende Kundin alarmierte die Hausbewohner, biej gerade in einem Zimmer des oberen Stockes beim] Abendbrot faßen. Es gelang ihnen bald, das Feuer] zu dämpfen, doch soll der an den Waren usw. ent­standene Schaden recht erheblich sein.

* Kirchhain, 12. Dez. 1909. In der Vieh», zählung waren in dem Kreise Kirchhain Vorhang den 1835 Pferde, 15 428 Rinder, 10 077 Schafe unb, 14 335 Schweine. In ber Stabt reuten gezählt 172 Pferbe, 611 Rinder, 849 Schafe und 753 Schweine.'

* Eschwege, 13. Dez. 1909. Ein Attentat auf seinen Prinzipal versuchte gestern abend ein in einem hiesigen Geschäft als Lehrling unterge-* brächtet Fürsorgezögling. Als der Lehrherr den Jun-] gen aufforderte, den Schrank in seinem Zimmer $u offnen, zog dieser plötzlich einen geladenen Revolver aus der Tasche. Der Prinzipal entwand ihm bie Waffe; in ber Tasche des Lehrlings fand man außer> dem noch zwei Dolche. Die Lehre hat natürlich ihr Ende erreicht.

-t- Kassel, 14. Dez. 1909. Ein schwerhörige» Arbeiter, der am Sonntag abend von Zigeu­nern um eine Zigarre angesprochen wurde, ver­stand deren Begehren nicht. Darüber erboßt stießen ihn die Zigeuner auf das Straßenpflaster wo er mit gebrochenem Arm liegen blieb. — Im Gedränge am „silbernen Sonntag" wurde einer Dame die Börse mit 100 Mk. In­halt gestohlen. Einer andern wurde ein Paket weggeriffen, das ihr zur Erde gefallen war.

* Limburg, 13. Dezember 1909. Seit dem 1. Dezember ist in Limburg eine Steuer ein« geführt worden, die sich auf die Er­langung der Erlaubnis zum Betriebe einerGa st wirtschaft oder eines Kleinhandel-, mit Branntwein oder Spiritus erstreckt. Die Steuersätze betragen je nach der Gewerbesteuer-' klasse 300 bis 2500 Mark.

Schattenblume.

3] Originalroman von Irene v. Hellmuth.

„Ich will wissen, wo Du Dich bie ganze Zeit über hemmgetrieben hast, — hörst Du nicht? Gib Antwort jetzt — ober —"

/ Sekundenlang blieb alles still, dann vernahm man wieder bie schrille Stimme, nur gereizter als vorher.

„Schämst Du Dich nicht, bei solchem Wetter drau­ßen hemmzulaufen? Glaubst Du, man kennt Deine Schliche nicht? Wo warst Du? Du bist ja ganz naß, — hast ja einen feinen Liebhaber, wie ich höre! Na, warte, ich werde Dir helfen, verliebte Blicke zu dem Schmierer da brühen hinüberzuwerfen!"

Dem lauschenden Manne, der jedes Wort deutlich vernahm, stieg bie Röte des Unwillens in das Ge­sicht, er machte eine Bewegung, als wolle er hinaus- ftürjen, blieb aber roiebet wie gebannt stehen, als bie T^au draußen bissig sorffuhr: „Ich will Dich nun rttatt länger mehr im Hause behalten. Du kannst, so halb Du willst, je eher je lieber. Dein Bünbel schnü­ren Du bist alt genug, Dir Dein Brot selbst zu ver- bicnen. Du suchst D-t eine Stelle, meinetwegen als Hausmagd, dabei werden Dir die verliebten Grillen schon vergehen! Ich sorge dafür, daß Du arbeiten lernst, es ist hohe Zeit! Bisher hast Du die kostbare Zeit vertrödelt, daß es eine Sünde ist. Das soll nun anders werden! Unnütze Broteffer brauche ich nicht das wette Dir!"

Wieder war es eine kleine Weile still. Gerda sprach auch jetzt kein Wort. Doch plötzlich ertlang ein wmer^tdjer äluffdjrei aus des Mädchens Munde — JßLmhernannte bet Professor, daß seine nÄ“ inl G-stcht geschlagen hatte.

" die Tüte seines Zimmers auf. @erba stand hoch aufgerichtet vor der sich wie rasend geberdenden Frau^ Auf ber linken Wange des fangen Mädchens brannte ein roter ftfed- fetimhSm ^?rrte ®Frba vor sich hin und warf' sich bann mtt verzogenem Gesicht in bie Arme bS &rfer8. Er streichelte liebkosend über ihr feuchtes .Haar unb druckte sie fest an sich, als wollte er sie

schützen vor aller Unbill, und als die Frau höhnend ausrief: „Ach, welch rührendes Bild, bas nennt man rechte Erziehung!" — da zog er das Mädchen mit sich in fein Zimmer und schloß die Türe hinter sich ab. Jetzt löste sich die bisherige Starrheit des jungen Mädchens in einen Strom von Tränen auf.

Der Vater ließ sie ruhig gewähren, endlich be­gann er, so faust als es ihm möglich war: „Sage mir, Kind, wo warst Du denn heute? Warum gabst Du der Mutter nicht Auskunft, als sie Dich fragte? Du weißt doch, daß sie Dein hartnäckiges Schweigen immer so furchtbar böse macht."

Gerda hob das trdnenüberftremte Gesicht zu dem Vater auf und sah ihm offen in die Augen. „Ich — konnte es nicht sagen. Die Kehle ist mir immer wie zugeschnürt, wenn die — Mutter mich so rauh an- sährt."

Man merkte es, daS Wort „Mutter" wollte nicht über bie blaffen Lippen. Der Professor nickte still. Er begriff eS wohl, daß fein Kind keine Zuneigung fassen konnte zu ber Frau, beren Betragen manchmal geradezu an Roheit streifte. Bei Gerda erwachte dann jedesmal das Trotzige ihrer Mutter.

Ruhig fuhr der Vater fort: „Aber mir wirst Du eS jetzt sage«, wo Du so lange gewesen bist? Ich billige es durchreis nicht, daß Du ohne Erlaubnis fortgehst."

DaS junge Mädchen senkte ben Blick.

„Weißt Du nicht, waS heute für ein Tag ist, Papa!"

„Gewiß mein Kinb, — ber 6. Februar —"

„Nun", unterbrach sie ihn rasch, „das ist doch der Geburtstag meiner lieben seligen Mama, — weißt Du nun, wo ich war? Ich kaufte von meinem Taschen­geld einen Kranz und trug ihn auf ihr Grab, — ich — konnte nicht anders, Vater!"

Der Angerebete schlug ein wenig beschämt bie Augen zu Boden.

„Ach, daß ich das vergessen konnte!"

Er drückte dem Mädchen die Hand Sie verstan­den sich ohne viele Worte.

Gerda fuhr eifrig fort: „Ich brachte eS nicht über das Heq, ber Mutter Grab am heutigen Tage ganz

ungeschmückt zu taffen. So lief ich hinaus zum Fried- hos. Ich wollte ja auch gleich wieder zurück fein — aber da draußen war es so still und schön! Ordent­lich feierlich schien es mir. Lautlos fiel ber Schnee auf alle die Gräber ringsum, ich konnte mich gar nicht trennen von dem friedlichen Ort. Dabei habe ich mich dann wahrscheinlich ein wenig zu lange aufgehalten. Das fft doch sicher nichts unrechtes."

Zum erstenmal betrachtete Professor Hardten seine Tochter aufmettsam. Sie kam ihm ganz verändert vor. Er bemerkte jetzt erst, wie schön sie war mit ihren herrlichen, tiefen schwarzen Augen und dem rei- djen, kastanienbraunen Haar, das sie wie eine Krone aufgesteckt trug. Wie sie in allem ihrer verstorbenen Mutter glich! Genau so hatte sie ausgesehen, als er sie zum ersten Male sah.

Professor Hardten hatte damals, nach glücklich be­standenem Examen mit ein paar luftigen Kameraden eine größere Reise gemacht. Sie befanden sich be­reits auf ber Heimreise, als sie eine Fußtour unter­nahmen, auf ber sie sich dann verlaufen hatten. Sie kamen, als eben die untergehende Sonne die Berg- spitzen vergoldete, bei einer romantisch im Tale ge­legenen Mühle an. Unter der breitästigen Linde vor dem Hause saßen die beiden Töchter des Müllers, die eine rosig, blond, blauäugig und schelmisch, die andere brünett, mit ernsten, klugen, dunklen Glut- augen, — zwei herrliche, eben erblühte Mädchen- knojpen.

Sie labten die müden, hungrigen Wanderer mit frischer Milch und Schwarzbrot, das ihnen so herr­lich schmeckte. Jenen milden, warmen Sommerabend konnte Hardten nicht vergessen. Die dunklen Augen ber schönen Müllerstochter hatten es ihm angetan. So holte er sich beim das dunkelhaarige Mädchen als sein Weib heim, so sehr ber Müller, ihr Vater, sich auch bagegen sträubte.

Sein Kinb paffe nicht in bie Stadt, behauptete er stets. Er war ein wortkarger unzugänglicher Geselle schon damals und hauste noch jetzt auf seiner alten Mühle, bie er nie in seinem Leben verlassen hatte.

DaS alles ging dem Professor durch den Kopf, während er seine Tochter betrachtete Er backte dar­

an, daß Gerdas Mutter wohl auch erst achtzehn Jahre zählte, als er sie kennen lernte.

Dabei fiel ihm just ber junge Maler brüben wie­der ein. Er hätte das junge Mädchen gerne gefragt, was an der Sache eigentlich Wahres fei, doch wollten ihm die rechten Worte nicht einfallen. Wie sollte er es nur anfaffen, um der Geschichte auf den Grund zu kommen? Er beschloß vorläufig nur den aufmerk­samen Beobachter zu spielen.

„Jetzt geh, mein Kind", sagte er, „die Mutter braucht Dich, Du weißt, das Dienstmädchen mußte heute enttassen werden."

Durch den schlanken Körper Gerdas ging ein leich­tes Beben.

„Ach, Papa", entgegnete sie trübe, „Du ahnst nicht, wie mir vor dieser Frau bangt, ein förmliches Grauen kommt über mich bei ihrem Anblick. Sie ist so entsetzlich grob und dabei so ungebildet! Wie konn­test Du nur gerade sie zur Nachfolgerin meiner ge»!. liebten, sanften Mutter machen!"

Hardten seutzte schwer.

„Mein Kind", nickte er, „es war eine Uebereilung, die ich schwer büße. Diese Frau verstand eS, wie keine anbere, sich zu verstellen und die Sanftmütige zu spielen. Sie wollte eben um jeden Preis unter die Haube kommen. Sie wollte eine Versorgung. Dazu hatte sie mich ausersehen. Und ich Tor ging in die Falle. Hauptsächlich handelte es stch um mein Kind; Du solltest eine Beschützerin erhalten. Und mm mußt gerade Du am ärgsten leiden. Was liegt an mir, ich vergrabe mich in mein Zimmer, wenn eS mir zu bunt wird, aber Du —"

Er vollendete den Satz nicht, denn Gerda, die ans Fenster getreten war unb angelegentlich hinauS- f taute, sagte plötzlich, ohne sich umzuwenden: „Sorge Dich nicht um mich, Papa, — ich benfe, es wird auch einmal auf meinen Weg ein freunblicher Sonnenstrahl fallen. Immer werbe ich boch nicht im Schatten zu stehen brauchen. — Wie ich mich nach der Sonne sehne, — wenn es doch erst Frühling wäre! Ach tano es kaum noch erwarten!"

(Fortsetzung folatß