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Zeitung

Monatrbcllage: „Zuldaer Gefchichtsblätter"

Mtieifti: dir ei» fpaMgePetitzeNeoder bereu Baum 15 pfg. LeNamendiePetitzeile 25 pfg., bei wieder- Holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

SotationedruSund Verlag der Luldaer At- tieudrnckerei in Zulda zernsprecher Nr.».

JW 286.

Fulda, Dienstag den 14. Dezember 1909.

36. Jahrgang.

Zweites Wlatt

verhängnisvollen Folgen die seit dem Sommer eingeschlagene jungliberale Kampf- und Hetzwtrtschaft zu führen droht. Unter Umständen kann ein solches offenes Wort der Auf­klärung und Warnung den Heilungsprozeß auf daS vorteilhafteste beeinflussen. Insbesondere kann eine amtliche Kennzeichnung der verhängnisvollen An­näherung an die Sozialdemokratie sehr leicht zu einer unabweislichen Ministerpflicht werden. Doch wenn nun der Reichskanzler glaubt, daß er mit Artigkeit und Geduld bester zu dem Ziele der Be­ruhigung und Sammlung kommt, so wollen wir ihn in dem Versuche durchaus nicht stören. Vorausgesetzt, daß den, Liberalismus nur freundliche Worte ge­opfert werden und daß nicht etwa durch bedenk­liche sachliche Zugeständnisse, z. B. auf dem Schul- oder kirchcnpolitischen Gebiete, die Ver­söhnung der Nationalliberalen erstrebt werden soll. Das wäre ein Rückfall in den Bülowschen Kurs, der wiederum zu einer neuen Krisis führen müßte.

□ Sozialdemokratische Grsetzesmacherei. Es kann nicht schaden, wenn man hie und da einmal einige Proben von dem „sittlichen Ernst" gibt, mit dem un­sere Sozialdemokraten im Reichstage „positive" Ar­beit zu leisten bemüht sind. So befindet sich auf Rr. 63 der amtlichen Drucksachen der gegenwärtigen Ses­sion ein sozialdemokratischer Antrag, der den Artikel 11 der Reichsverfassnng dahin ändem will, daß bei Angriffskriegen Deutschlands die Zustimmung des Reichstages zur Kriegserklärung ringeholt werden muß. Run wird gewiß niemand leugnen, daß es in unsere Zeit nicht recht hineinpas­sen würde, wenn es in der Macht einer einzelnen Person läge, nach Belieben einen Krieg vom Zaune zu brechen. Aber das ist bei uns auch gar nicht der Fall, vielmehr bedarf es für jeden Angriffskrieg der Zustimmung des Bundesrats. Das ist eine ausrei­chende Garantie. Ob der Reichstag fle noch verstär­ken könnte, ob er überhaupt geeignet erscheint, über Krieg und Frieden zu entscheiden, ganz abgesehen davon, daß eine Veffassungsänderung ohne die in diesem Falle wohl ausgeschlossene Zustimmung des Bundesrats unmöglich ist. — Einer weiteren Utopie jagen die Sozialdemokraten int Anträge Rr. 62 nach, in dem sie schlankweg verlangen: der R e i ch s k a n z- I et ist zu entlassen, wenn der Reichstag es for­dert. Der Bundesrat wird doch nicht den Genoffen wegen die Früchte der preußischen Konfliktszeit der 60er Jahre aufgeben! — Die Sozialdemokraten müs­sen sich selbst sagen, daß diese ihre Wünsche von vorn­herein aussichtslos sind, aber daS geniert sie nicht, wenn sie nur ihren Anhängern recht viel blauen Dunst vormachen können, was sie alles gewollt hätten.

** Die Katholikenhetze in der .Deutschen Turnerzeitung' ist noch in frischer Erinnerung, und die Aeußerungen des Herrn Dr. Götz auf die Proteste gegen dieses Gebühren kaffen er­kennen, daß eS ihm nicht einfällt, diesen Miß­brauch des von ihm geleiteten Blattes aufzu­geben. Jetzt bringt das .Sauerländ. Volksbl/ folger des weitere:

„Und kommt zufällig ein Büchlein in die Hände mit dem Titel: „Liederbuch für die Deutsche Turner­schaft". Als Herausgeber wird ein Ferdinand Götz genannt. Ob dieser Herr mit dem Leiter der »Deutsch. Turnerzeitung', Dr. Götz, identisch ist, wissen wir nicht, möchten eS jedoch nach einer von uns gemachten Stich­probe annehmen; jedenfalls hätte letzterer berechtigte Ursache, zu sagen: „Das ist Geist von meinem Geiste". Zum Beweise zitieren wir atcs dem Liede Nr. 171 „Der Turnerspiegel", Seite 160, die neunte Strophe: „Nun endlich komm' ich an die Pfaffen,

An unj're schwarze Klerisei;

Im Dunkeln nur steht man sie schaffen Und nicht frisch, fröhlich, fromm und frei, Sie essen gut und trinken auch Und haben einen feisten B auch, Das macht. Sie turnen nicht!

Sie turnen nicht!"

nicht weiter, oder denkst Du, ich werde mich von ihr zu Tode ärgern lassen?"

Professor Hardten war atifmecksam geworden. Ge­spannt blickte er seine Frau an.

„Was ist denn schon wieder mit dem Mädel los?" fragte er finster.

„Gerda ist ein trotziges Geschöpf, eS ist einfach nicht mit ihr auszukommen!"

„Das ist doch wohl Deine Schuld! Du hast nie ein freundliches Wort für daS Kind Gerda besitzt ein gutes, liebevolles Herz, aber wer wie Du den ganzen Tag zetert und schimpft, gewinnt nicht die Liebe meines Kindes!"

„Gerda ist kein Kind mehr, sie weiß genau, waS sie tut und ärgert mich, wo sie kann! Sie weiß, daß ich heute morgen das Dienstmädchen Knall und Fall entlassen mußte, weil eS sich herausstellte, daß sie ge­stohlen hat, ferner daß wir am Abend auf den Mas­kenball gehen werden, daß ich alle Hände voll zu tun habe —"

„Oho", unterbrach der Professor hastig die Rede seiner Frau, — Maskenball? — WaS fällt Dir denn ein? Ich denke gar nicht daran--"

Sie ließ sich nicht beirren, sondern fuhr mit einem boshaften Lächeln fort: „Das findet sich später, — wir reden noch darüber — also, trotzdem Dein liebes Kind daS alles weiß, hat sie sich vor zwei Stunden vom 'Hause entfernt, ohne um Erlaubnis zu fragen, und ist seitdem nicht zurückgekehrt! Bei diesem Schneetreiben! Ist so etwas erhört? Hast Du eine Ahnung, wo sie sich die ganze Zett über aufhalt?'

Er schüttelte den Kopf.

Die Sache wird sich ja aufllaren, wenn Gerda nach Hause kommt. Ich kann mir freilich nicht denken, wo sie hingegangen sein mag, — aber sie wird eS schon sagen." . „ .

Falls a ihr beliebt, den Mund aufeutun! Wenn sie nicht will, na, dann wird sie eS eben nicht sagen! Der Trotzkopf! Sie kann einem bis zum Wahnsinn ärgern durch ihr hartnäckige» schweigen! Und weißt Du, was ich heute noch gehört habe? DaS Dienstmädchen bet Frau Rat Äruber, die im ersten Stock wohnt, hat eS mir im Vertrauen erzählt: Die

Dieser „Ferdinand Götz" ist in der Tat mit dem Dr. med. Götz, dem Vorsitzenden der deut« chen Turnerschast, wohnhaft Leipzig, Lützener Straße 11, identisch. Vgl. Kürschners Literatur­kalender 1906, S. 472. — Werden die dem Verbände angeschloffenen Turnvereine, welche die Katholiken, und Priesterhetze nicht als ihre Auf- gäbe betrachten, jetzt die Konsequenz ziehen? Auf Abstellung des Skandals ist bei Herrn Dr. Götz nicht mehr zu rechnen; was sich daraus ergibt, werden die betr. Vereine sich selbst sagen müssen.

* Verminderung der evangelischen Polen. Nach den Ergebnissen der Volkszählungen von 1895, 1900 und 1905 hat, rote kürzlich die Statistische Korrespondenz mitteilte, die Zahl der katholischen Polen in Schlesien im Verhättnis zur Gesamt­bevölkerung während des letzten Jahrzehnts sehr, erheblich zugenommen, dagegen die Zahl der evangelischen Polen nicht unbeträchtlich abgenommen.. Evangelische Geistliche in den polnischen Gegenden. Preußens führen diese Abnahme der evangelischen^ Polen zurück zum Teil auf Mängel bei der ftatiftl«; scheu Aufnahme, zum Teil durch die Auswanderung nur in vereinzelten Fällen auf den Uebertritt evangelischer Polen zum Katholizismus, in der, Hauptsache aber auf die langsame Germ anis l erung evangelischer Polen namentlich in den südlichen: Bezirken Ostpreußens, wo annähernd 300,00(1 Polnisch sprechende Protestanten wohnen. Dabei: wird das interessante Zugeständnis gemacht: „Die evangelische Geistlichkeit polnischer Sprache hält vielfach an der p o l n i s ch e n P r e d l g t fest,, da die Gefahr besteht, daß die evangelischen Polen, sich k a t h o l i s i e r e n lassen, falls ihnen die deutsche, Predigt aufgezwungen wird." Und da entrüstet man, sich über die katholischen Polen, wenn sie polnische« Predigten usw. verlangen! __

d1 München, 13. Dez. 1909. Die liberalen Mün«. chener Neuesten Nachrichten bringen längere Ausfuh- rungen über die „Klerikale Herrschaft in Bayern rh das Zentrum verfolge unablässig daS große Ziel, die „Priesterherrschaft dauemd zu befestigen". Vor der „herrschsüchtigen Priesterkaste" zu warnen, daS ist, sagt das Blatt, der Zweck jener Attikel. „Auch di«, Krone ist vor den Angriffen der ultramontanen Par- tei nicht mehr sicher", heißt es. DaS sagt ein Blatt, welches schon so ost einen geradezu gemeinen Kampf gegen die Krone Bayerns, gegen den Prinzregentest Luitpold, und seine Umgebung geführt und der letz^ teren sogar vorgeworfen hat, daß sie den Abfall vom Deutschen Reiche vorbereite, das sagt ein Organ, ba®. noch vor wenigen Tagen das Kronrecht, die Zusam­mensetzung der Reichsratskammer zu bestimmen, zu Fall bringen wollte. Mit der Umschmeichelung be( Krone arbeitet die Polittk der „Reuest. Nachrichtens trotzdem und verspricht sich davon Erfolg — wenig« stcns bei der Geheimkanzlei, von der daS Blatt an« nimmt, daß sie es der Krone zu Gehör bringen werde»- An Einzelheiten sei hermisgegriffen die Verdächtigung des katholischen Beamtentums durch die Mün-i chener Reuest. Nachrichten. Das liberale Blatt nimmt daran Anstoß, daß die „Alten Herren" katholisches Studentenkorporationen „bereits" — d. h. nach 50< jährigem Bestand! — in höhere Staatsstellung ein^ rücken. Sollen denn die Mitglieder derselben ewig in den unteren Stellen hängen bleiben? Sie habest doch im Staat dieselben Rechte tote die Mitglieder anderer studentischen Korporationen. „Jugendorgani­sationen des Zentrums" nennen die „Reuest. Nachrich­ten" die katholischen Sttldentenkorporationen, um dH aus diesen hervorgegangenen Beamten zu brandmar-, ken. DaS Exempel stimmt nicht für den Beweis. Der, Chefredakteur der Münchn. Neuesten Nachr. ist ja sei«, bet Mitglied einer katholischen Studentenkorporation gewesen, der liberale Abg. Grandinger ist eS noch., Man ersieht daraus, daß eS auch anders gehen kann, und daß eS ein höchst verfehltes Unternehmen ist, die,

hat beobachtet, daß der junge Maler Roland, der unS gegenüber wohnt, immer zur bestinmiten Stund: am Fenster seines Atelier erscheint. Nicht lange darauf kommt auch Fräulein Gerda, — und da werfen sie sich verliebte Blicke und ganz verstohlen hin und wieder — wenn sie glauben, daß es» niemand sieht, auch noch Kußhände zu! Ist daS nicht ein Skandal? Ja, vor­gestern sollen sie sogar in der Dämmerstunde beisam­men gestanden haben! Sie sollen schon ganz tiertraut mit einander fein! Was sagst Du zu der Geschichte?"

„Daß es ein größerer Skandal ist, wenn meine Frau sich so weit vergißt, sich auf einen Dienstboten- Katsch einzulassen! Ich dächte, Du hättest besseres zu tun! Daß mir dergleichen nicht noch einmal vor­kommt! Ich verbiete es Dir!" gebot er streng mit finsterem Gesicht.

„Natürlich", höhnte sie, „ich hätte es mir denken können, daß Du Dich wiedenim auf die Seite des „lieben Kindes" stellst, aber Du wirst schon sehen, was Du noch an dem Fräulein Tochter alles erlebst!"

„Ruhe!" donnerte der Professor aufgebracht. „Gerda ist meine Tochter, sie weiß, was sich gehört! Für sie bürge ich! Sie vergibt ihrer Ehre nichts; ich kenne sie!"

„Ja — Du, — Du kennst sie nicht! Wann hast Du Dich um sie gekümmert? Vergräbst Dich in Dei­nem Zimmer und hörit und stehst nicht! Das nennst Du dann das Mädchen erziehen! Wer weiß, ob Gerda nicht mit dem Maler irgendwo draußen herum- läuft!"

„Schweig' — Weib, und jetzt — geh!"

Er zeigte gebieterisch nach der Tür und die Frau machte endlich Miene, sich zu entfernen.

„Wenn Gerda nach Hause kommt, schicke sie mir herein!" rief et ihr nach.

Frau Emilie lachte hämisch und schadenfroh vor sich hin.

„Also doch, — der Hieb sitzt endlich!" murmelte sie. „Na. warte mein Püppchen, heute sollst Du mich nicht umsonst geärgert haben!"

Seichend griff der Professor, nachdem die Frau gegangen war, wieder zur Feder. Aber er konnte seine Gedanken nicht mehr sammeln. Unmutig stand

ö Wie die betrübten Lohgerber schauen die Liberalen ins Wasser. Durch den Geist der Einheit und Versöhnlichkeit, der den Ion* servativen Parteitag durchströmte, ist ihnen ein gan­zer Berg Felle fortgeschwemmt worden.

Sett Monaten hat sich die liberale Presse diebisch gefreut, übet die „prekäre Lag« der konser­vativen Partei". Sie tat, als seien die Kon- servattven in einer heillosen Notlage, als müßten sie In ihrer Verzweiflung Schutz und Rettung beim Li- beralismus erbetteln und sich ihm auf Gnade und Ungnade ergeben. Der Uebermut bei dem Liberalis­mus steht auch nach den Heimsuchungen bet den letz­ten Wahlen noch auf einer Höhe, die etwas krankhaf­tes an sich hat. Es ist die Nachwirkung von der Po­litik des Fürsten Bülow, die eine Art Größenwahn auf der Linken erzeugt hatte.

Jedenfalls mußte es dem nüchternen Beobachter I änderbar Vorkommen, wenn die Nationalliberalen Iber die Sage der konservativen Partei „Schaden- reube" zeigten; eS ging ihnen selber ja jämmer­lich genug. Drei Abgeordnete, Graf Oriola, Ftht. v. Hehl und Lehmann, sind auS der Partei geschieden, 'und in der Presse wird von den Riesensummen ge- ffprochen, die Hr. v Hehl bis jetzt für nationalliberale Wahlagitation gegeben haben soll. Die konservative Partei hat dagegen keinen solchen Abtrünnigen zu verzeichnen. Bei den Nachwahlen haben nicht die Nationalliberalen Siege erfochten, sondern die Sozial­demokraten. Wenn ein Lahmer darüber spottet, daß Än anderer kein Schnelläufer sei, so ist das etwas Wgentümlich.

Mit dem Gerede über die Notlage der konserva- Hioen Partei wollten sich offenbar die Liberalen über tble heillose Zerfahrenheit im eigenen Lager Hinweg­stäuschen, wenn möglich, auch das KonfliktSfeuerchen .noch weiter anblasen, um sich selbst daran die Hände Hu wärmen. Damit ist es nun nichts mehr. Die liberale Presse muß wohl ober übel gestehen, daß sauf dem konservativen Parteitage „daS Solibaritäts- Mefühl innerhalb der Partei gesiegt unb Herr v. Hey- jbebranb nicht nur feine Entlastung, sondern die volle ^Billigung der Partei erlangt habe." Die meisten liberalen Blätter geben den Sieg der konservatwen Parteileitung rückhaltlos zu, die konservative Partei- organisation fei durch die jüngste Entwicklung nicht geschwächt worben.

Das ist nun zu ben vielen Mißerfolgen ber libe­ralen Taktik ein weiterer Hereinfall unb jwar ein recht empfindlicher. Die ganze liberale Taktik ging dahin, die Macht der Konservativen zu brechen. Zu Zeiten des Blockkanzlers versuchte man eS mit Schlauheit unter Hilfe der Regierung. Sett dem Krach vom Ende Juni ging man mit rücksichtsloser Demagogie vor. An diesem Werke arbeiteten alle Li­beralen gemeinsam, von Bassermann bis Payer. Auch die sozialdemokrattsche Hilfe Würbe nicht verschmäht, fo baß bie antikonservativen Kampfreihen von Bas­sermann bis Bebel einschließlich reichten. Das Ent­gegenkommen von rechts würbe als Zeichen ber Schwäche gebeutet unb bestärkte bie liberalen Tak­tiker in btm Glauben, sie könnten bet ben nächsten Wahlen ber Rechten so viel Manbate abnehmen, baß die Uebermacht ber Linken unb bamit ber liberale Kurs in ber Politik gesichert sei. Diese Spekulation lag ja bereits dem Wunsche nach einer Reichstags- üuflösung um Mittsommer zu Grunbe. Damals hat der gelbbebürftigc Bundesrat einen Strich durch diese Rechnung gemacht. Die volksvergiftende Hetze wurde pber doch fortgesetzt, da die liberale Wahlspekulation dachte: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben; bis zu ben Nächsten Wahlen, die höchstens zwei Jahre noch ent­fernt fein können, werden wir das Kesseltreiben gegen Die Konservativen schon auftecht erhalten können!

er auf und trat an baS Fenster. Noch immer schneite, es. In tollem Wirbeltanz flogen die großen Flockest zur Erde nieder.

Dem gegenüberliegenden Haufe näherte sich jetzt eine hohe Männergestalt. Der Professor erkannte in, ihr unschwer den jungen Maler, von dem seine Frau, vorhin gesprochen. Der junge Mann hatte ben gro­ßen Schlapphut tief in bie Stirn gezogen unb sich fest in seinen Mantel gehüllt. Er war ein aufstreben­des Talent, dessen Name in Künstlerkreisen mit Ach­tung genannt wurde, trotzdem er erst am Anfang fehl ner Laufbahn stand. Professor Hardten sah ber hoch«, gewachsenen Gestalt nach, bis sie In der Haustüre verschwand. Auf der Stirn des in tiefe Gedankest versunkenen Mannes lag eine finstere Wolke.

„Sollte am Ende an dem Geklatsch doch etwal Wahres sein?" fragte er sich.

Aber er schüttelte energisch den Kopf.

„Nein, — nein", sagte er ganz laut, „Gerda ist ja fast noch ein Kind."

Dennoch beschäftigte ihn die Sache mehr, als et sich selbst eingestehen wollte. Er beobachtete, halb von ber Oarbine verdeckt, daß der junge Mann sofort am Fenster se-nes Zimmers erschien und angelegent­lich mtf bie Straße hinabschaute. Jetzt flog plötzlich ein Helles Aufleuchten über ba8 schöne, von dunklem, welligen Haar umrahmte Gesicht beS Künstlers, bie’ Lippen umspielte ein leises, glückliches Lächeln, e? hob bie Hanb unb winkte irgend jemand einen Gruß zu.

So schnell die kleine Szene sich auch abspielte, ber Professor hatte alles genau beobachtet. Unb all jetzt leichte elastische Schritte bie Treppe heraufkamen, fuhr eS ihm in jähem Schrecken burch den Sinn: Der Gruß, baS Lächeln, das er soeben gesehen, es gau. seinem Kinde. Die Sorge legte sich ihm beängstigend auf baS Herz. (Serba zahlte erst achtzehn Jahre und bem Vater war eS bisher nie eingefallen, sie als ert wachseneS Mädchen zu bettachten; ebensowenig all er ihre geradezu auffallende Schönhett jemals bemerk! batte Von draußen Hang jetzt schrill unb anangenehm bie scheltende Stimme seines Weibel herein, doch vost Gerda vernahm man kein Wort. (Forts, f.)

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Schattenblume.

Originalroman von Irene v. Hellmuth.

Im Klavierspiel War Gerda Meisterin. Sie be- isaß entschieden sehr viel Talent. Wenn auch Frau Emilie bei dem „Gepklimper", für dal sie nicht dal mindeste Verständnis hatte, sich gewöhnlich beide Oh­ren zuhielt, so setzte Gerda dessen ungeachtet eifrig ihre Studien fort Sie besaß auch eine hübsche Stimme Smb eS kam nicht selten vor, daß der Vater bat: -Gerda — ein Lied!" — Dann setzte sie sich an baS Instrument unb begann zu singen. Der Professor Ließ bann bie Arbeit ruhen unb lauschte anbächtig den einfachen Siebern, die er so sehr liebte.

: Daß Gerda mit ihren achtzehn Jahren zu einer flieblichen Schönhett erblüht war, schien im Hause nie» tinanb zu bemerken. Der leise Hauch von Schwermut, »er über ihr ganzes Wesen au8gebreitet zu sein schien, Verlieh chr einen eigentümlichen Reiz, und mancher »etounbernbe Blick folgte ber jugenblich zarten, schlanken Gestalt, wenn sie sich auf ber Straße zeigte. ! Frau Emilie war also heute wieber einmal In bem Nrbeitszirnmer ihres Mannes erschienen, um eine bet häßlichen Szenen aufzuführen, bie er so sehr verab­scheute. Sie machte noch immer keine Miene, das Zimmer zu verlassen, obwohl ihr Gatte ihr keinerlei Beachtung mehr schenkte. Er hatte sich gebulblg sein ffortgeschleuderteS Heft wieber herbeigeholt unb schickte rch an, bie vorher unterbrochene Arbeit fortzusetzen. ^8 würbe ihm schwer, seine Gebanken einigermaßen |u sammeln, die boshafte Frau ließ eS auch gar nicht Dazu kommen.

fertig', begann sie soeben Wie- ber in ihrem spöttischen Tone.

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ieinl$$ bitt< tierIaffe mi$ M, ich will allein sogleich, doch vorerst laß Dir sagen, die Ge- Idnd&te mit (Serba muß ein Ende nehmen, so gebt eS

Es sah manchmal aus, als ob bie Konservativen statt zur bevorstehenben Kraftprobe im Vertrauen aus ihre gute Sache tatkräftig zu rüsten, den Liberalen nach laufen wollten. So hatte noch auf dem sächsischen konservativen Parteitage zu Halle Herr v. Hehbebrand, ber Führer, mit der größten Freudig­keit sich für die Wiederannäherung der Rechten und ber Nationalliberalen ausgesprochen unb bie konser­vative Presse redete fortgesetzt auch während ber Hoch­flut ber liberalen Hetzereien und Verleumdungen ber Versöhnung unb ber künftigen gemeinsamen Arbeit dal Wort.

Jeboch die Versöhnlichkeit trat nur sehr ein­seitig auf. Die freundliche Erklärung des Herm v. Hehdebrand fand keine enffprechenbe Antwort von führenber liberaler Seite. DaS Echo in ber liberalen Presse war sogar stellenweise beleibtgenber Natur. Man scheute sich schließlich nicht, ben Konser­vativen eine Selbstverleugnung zuzumuten, bie man auch Selbstmord nennen könnte: nämlich die nach­trägliche Zustimmung zur Erbanfallsteuer.

Nun haben bie liberalen Herren die Antwort: bie auf bem Parteitag deutlich hervortretende Nei­gung, einen „Block nach rechts" zu gründen. Zu einer solchen Blockgründung wirb eS ja nun nicht kommen, da es weder in ben Wünschen und Inter­essen des Zentrums noch ber Konservativen liegt, ben gesamten Liberalismus auszuschalten. Aber so viel ist boch klar geworben: wenn die Liberalen sich selbst auSschalten wollen, es läuft ihnen keiner mehr nach unb bittet sie, sich doch gütigst her zu bemühen.

Deutsches Reich.

0 Der Reichskanzler und bie Nationalliberalen. AuS ben ersten Tagen ber Etatsbebatte im Reichs­tage muß ein kleiner Zwischenfall noch besonders be­leuchtet werben. Als Herr v. Bethmann H.oll- w e g in seiner ersten Reichstagsrede von Parteien sprach, bie auf ihre Geschichte, ihre Trabltionen unb Ziele nicht verzichten sollten, ba fühlten sich bie R a- tionalliberal n schwer gekränkt. Ihr Rebner Bassermann erhob Einspruch mit ber Versicherung, baß seine Partei ihren Traditionen nicht untreu ge­worden sei, und bie liberale Presse spielte ebenfalls bie gekränkte Unschuld. Run hat am nächsten Tage bet Reichskanzler bem nervösen Liberalismus eine kleine „Genugtuung" verschafft. Er erklärte, er habe sich von jeder Kritik deS Vergangenen absichtlich fern- gehalten und habe nicht eine einzelne Partei, sondern die Parteien im allgemeinen an ihre Ge­schichte, ihre Traditionen und Ziele erinnert, um zu beweisen, daß sich unser vielgestaltetes politisches Le­ben nicht nach dem Schema „Radikalismus ober Re­aktion" spalten lasse. Ja, ber sammelpolitische Reichs­kanzler machte noch den bekräftigenden Zusatz: „Wer wie ich die auS den Steuerdebatten zurückgebliebene Verbitterung für ein Hebet hält, bet erhebt keine Vorwürfe, bie das Hebel nur vergrößern können." Aber, so muß jeder Unbefangene fragen, nie kam es denn, daß die Nationalliberalen sich durch diese Mah­nung unb Warnung getroffen fühlten unb auch die Zuhörer aus den anderen Parteien den Ein­druck erhielten, hier werbe ben Nationalliberalen ein Rippenstoß versetzt? Das erklärt sich einfach aus der Tatsache, daß bislang die nationalliberale Partei in ihrer Erbitterung wirklich ihre Traditionen unb ihre Ziele verleugnet hat. Jnbem sie sich getroffen fühlte, legte sie ein unwillkürliches Schuldbekenntnis ab. Herr v. Bethmann meinte am Freitag, er würbe ja das Hebet, das et bekämpfen wollte, nur vergrößert haben, wenn er Vorwürfe gegen die nationalliberale Partei erhoben hätte. Darüber laßt sich sttetten. Der Arzt arbeitet manchmal mit tauen Umschlägen und Geduld .manchmal auch mit scharfen Eingriffen. Es kann vielleicht boch bahin kommen, baß ber Reichskanzler bie langmütige Zu­rückhaltung aufgeben und ben üerftänbigeren Elemen­ten im Liberalismus klar machen muß, zu welchen