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36. Jahrgang

Fulda, Montag den 13. Dezember 1909

JV3 285

Zweites Wlcrtt

Reklamen- und Anzeigenteil,

Pfeildreieck-Seifen

Verkaufsstellen durch dieses Plakat kenntlich.

Fabrikant I August Jacobi, Darmstadt.

nl$t zum Jahreswechsel, sondern zur Weihnachtszeit Glückwunschkarten zu versenden, sich seine Weih­nachtskarten in England Herstellen läßt. Diese Weihnachtskartc des Kaisers zeigt ein historisches Bild nach einem Gemälde des englischen Königs Heinrich VIII. auf dem „Great Harry" darstellend. Schutz der nationalen Arbeit" ist das Losungswort der Regie­rung und aller bürgerlichen Parteien. Eine Vemach- läffigung der nationalen Arbeit aber ist es, wenn von höchster Stelle im Auslande Dinge bestellt werden, die ebenso billig und preiswert in Deutschland zu haben sind.

** Der Bonner Bierkrieg ist von den studentischen Vertreterversammlungen für sämtliche Lokale aufgeho­ben worden und zwar auf Grund einer Einigung, die durch Vermittelung des Rektors zwischen den Ver- tretem der Studentenschaft und der Wirte erzielt worden ist. Münchener Bier kostet bei Abnahme von Zehnerkarten das halbe Liter 0,27 Mark. Dortmun­der Bier bleibt boykottiert.

* Ein Einarmiger als vierfacher Lebensretter. Die Rettungsmedaille am Bande ist dem 13jährigen Sohne Otto des Gendarmerie-Wachtmeisters Jä­nicke in Priebus verliehen worden. Er hat im letzten Sommer vier Schulknaben vom Tode des Ertrinkens gerettet. Bemerkt sei, daß Jänicke als kleines Kind durch einen Unglücksfall ben linke« Arm verloren hat, trotzdem aber als ausgezeichneter^ Schwimmer bekannt ist.

* Disziplinierte Rechtsanwälte. Mehrere Kölner Rechtsanwälte, die die Geschäfte eines übel beleu­mundeten und kürzlich zu 2 Jahren 6 Monaten Ge­fängnis verurteilten Rechtskonsulenten geführt hatten, wurden vor das Ehrengericht gestellt und zu 2000 Mk, Geldstrafe, bezw. zu Verwarnungen und Vertveisen verurteilt.

Handel und Industrie.

* Berlin, 11. Dez. 1909. Mangels Anregunx von auswärts setzten zu Beginn der B ö r s e die Rcalisationsbestrebungen, die in der Befürchtung einer Gcldversteisiing ihren Grund haben, sich weiter fort Der Kursstand erfuhr daher auf nahezu sämtliche^ Marktgebieten weitere, wenn auch nicht bedeutende Einbußen. So waren Montanwerte und Bahnen durchschnittlich y2 Proz. niedriger. Stärker gaben Bochumer nach, wogegen Phönix, Rombacher und Harpener fest lagen. Belebt bei anziehenden Kursen war zeitweise der Beckehr in Elektrizitätswerten. Bel Edisonaktien ist ein Abschlag von 9 Prozent zu be-'. rücksichtigen.

Verantw. Redakteur r Lari Schütter

u>°chEas-:,Mustrierte Zonntagszeitung

Aus -em Nachbargebiele.

* B-icha, 11. Dez. 1909. Unsere Polizei nimmt allabendlich eure Revision des hiesigen Fremdenver­kehrs vor. Das scheint sich unter den reisenden Hand­wecksburschen, die kein reines Gewisien haben, schnell hcrumzuiprechen, denn während sonst die Herberge fast täglich überfüllt war, bleiben jetzt immer nur wcn-ge Personen über Nacht. Für den Stadtsäckel be­deutet das eine ansehnliche Ersparnis. fallt doch damit auch die Be'bilfe fort, welche die Stadt den mittel­losen Reisenden zur Gewährung des Nachtlagers bei­steuerte. — Der Bezirksausschuß des vierten Verwal­tungsbezirks hat in seiner dieser Tage in Dermbach stattgehabten Sitzung dem Gesuch der Stadt Vacha zur Ausnahme eines Darlehns in Höhe von 245 000 Mark zum Ankauf des landgräflichen Gutes „Widemork" die Genehmigung erteilt.

* Alsfeld, 10. Dez. 1909. In Weickartshain wurde vorgestern ein 17jähriqer Arbeiter zwischen den Puffern zweier Eisensteinwagen tot gedrückt.

* Frankfurt a. M., 10. Dez. 1909. Welche Vielseitigkeit und Reichhaltigkeit an sportlichen Genüssen die Internationale Ausstellung für Sport und Spiel, die bekanntlich vom 15. Mai bis 15. Juli hier stattfindet, bieten wird, davon legt recht anschaulich das soeben heraus­gegebene vorläufige Programm Zeugnis ab, das an erster Stelle ein internationales Radrennen (15. bis 17. Mai) vorsieht. Die Tag« vom 27. Mai bis 3. Juni sind dem Fecht- und Pferde» sport vorbehalten. Dann folgen bis zum 13. Juni Lawn-Tennis»Tourniere, olymische Spiele, automobilistifche Veranstaltungen und Wasser­spiele, vom 14. bis 18. Juni die Tage für die Luftschiffahrt, vom 25. bis 27. Juni für den Rudersport, vom 1. bis 30. Juni für Schieß, konkurrenzen, vom 8. bis 10. Juli für Ring- kämpfe. Großem Interesse dürste auch die Vor- führung von dressierten Jagd-, Polizei- und Kriegshunden begegnen, die mit einer Hunde- Ausstellung verbunden, auf den 23. Juni fällt An den von diesen Hauptgruppen nicht besetzten Wochentagen finden während der ganzen Dauer der Ausstellung Wettspiele der Schulen, lokale Veranstaltungen hiesiger Sportvereine und Volks» feste statt.

Wehrt «tlt* mit Ausnahme der $».«■ rmd§«!erta-e. viertel­jährlich« vezuqrprek ohne vringerlohn und veftellgeld in so­wie aurwäcks 1-5« Mk.

vermischtes.

* Schutz der nationalen Arbeit. Englischen Blättem ist zu entnehmen daß der deutsche Kaiser auch in diesem Jahre, der englischen Sitte huldigend,

* Franksurt, 11. Dezember 1909. Der Fi­nanzausschuß der Luftschiffahrt-Aus­stellung hat vorläufig einen Fehlbetrag von 170 000 Mark festgestellt. Das endgültige Ergebnis kann erst in einigen Monaten festgestellt werden, wenn die schwebenden Prozesse ihre Erledigung gefunden haben. Die obengenannte Ziffer dürfte aber keine wesentliche Verschiebung erfahren, sodaß die Zeichner des G a r a n ti e f on d s mit fünfzehn Prozent heran- gezogen werden müssen.

* Eisenach, 10. Dez. 1909. Mit Hülfe des P o- lizeihundes „Lotte" ist es in Bürgel bei Jena gelungen, drei Diebe ausfindig zu machen. Nachdem der Aunb auf das Grundstück des Bestohlenen geführt worden war, nahm er sofort eine Fährte auf und stellte den 17jährigen Klempner Jakob, der dann ge­stand, zwei Mitschuldige zu haben. Alle drei, wurden ins Amtsgerichtsgefängnis nach Jena überliefert.

* Kobmg, 11. Dez. 1909. Ein Sieuerku- r i o | u m, das wohl einzig in seiner Art dasteht, ist hier zu verzeichnen Das Grundstück eines Koburger Einwohners reicht mit seiner Spitze in den Bezirk einer Nachbargemeinde; eS ist hierfür sage und schreibe ein Pfennig Grundsteuer zu entrichten. Da der Be­sser wegen eines Pfennigs den halbstündigen Weg zur Entrichtung dieses Betrages scheut, kommt er ord­nungsgemäß zu den Restanten, und so wird ihm dann folgender Zahlungsbefehl zugestellt: „Der Vollftre- ckungsbeamte . . .' wird hiermit beauftragt, dem .... 0,01 Mk Grundsteuer für 1 Einheit 1909, weiter an 40 I Gebühren und Auslagen, in Sa .41 H an be­weglichem Vermögen so viel abzupfänden, als zur Deckung dieser Schuld nebst Kosten nötig ist. Herzog­lich S. Staats- und Domänenkasse." Wegen des einen Pfennigs will sich aber der Mann doch nicht pfänden lassen, er zahlt diesen und hat nur 20 H Mahnge­bühr — da es nicht zur Pfändung kommt — zu ent­richten. Man sieht hieraus, was für Scherereien selbst wegen eines Pfennigs Steuern enfftehen können.

* Bom Westerwald, 11. Dez. 1909. Für ben Imker war dieses Jahr besonders bemerkenswert die auffallende Vermehrung der R o tk e h l ch e n ober Rotschwänzchen. Diese Vögel, bie als nützlich gelten, sind grausame Feinbe bes Bienenstanbes. Sie fressen die Bienen nach Tausenden und können in bet Zeit bcs Brutgeschastes ganze Völker ruinieren. Eine wirk­same Abwehr gegen diese Räuber hat man noch nicht gesunden, und man kann es dem Imker nicht ver­denken, nenn er Gleiches mit Gleichem vergilt, b. h. die Rotschwanznester im Umkreis seines Bienenstan­des entfernt.

* Limburg, 11. Dez. 1909. Bei der Tieserlegung eines BrunnenZ auf dein Gelände der Busch'schen Brauerei stürzte der Hilfsarbeiter Brötz in einen 2G Meter tiefen Schacht und zog sich erhebliche Verletzungen za.

* Ans Najsau, 9. Dez. 1909. Bei der Festsetzung der A m t s z u l a g e n an bie Schulleiter hat sich bei bet Durchführung bes Lehrerbesoldungsge- ietzes eine große Verschiedenheit ergeben. Während eme Reihe von Orten nur ben Mindestsatz mit 700 Mk. zahlt, gewähren andere Zulagen von 1000, 1200. 1500 Mark und Frankfurt a. M. sogar 2000 Mark. Eine aus den Kreisen der mit der geringsten Amts­zulage bedachten Schulleiter der Regierung vorge­tragene Bitte, auf eine gleichmäßigere Be­handlung inbezug auf bie Amtszulage» Hinzuwicken, ist a b g e l e h n t worden.

* Heiligenstadt, 10. Dez. 1909. Auf dem Ge­höft des Landwirts Rindernmnn in Mengelrode war beim Dresch en von Getreide Feuer entstanden. Die große Scheune mit allen Vorräten, sowie das Wohn­haus mit Stallungen brannten gänzlich nieder.

M ä r k t e.

-st Fulda, 11. Dez. 1909. Der heutige Schweine» markt war mit 95 Ferkeln und 2 Läufern be» trieben. Bezahlt mürben für Ferkel 11, 16, 19 Mk. pro Stück, für Läufer 45 Mst pro Stück.

zur See hinweisend, sagt Balfour: Die Oeffentlich- keit wird nicht so leicht die bedauernswerte Nach­lässigkeit »ergeben, durch welche die von den Liberalen so beklagte Rivalität im Flottenbau in so gefähr­licher Weise ermutigt wurde. Dieser Hinweis zielt natürlich auf die deutsche Flotte. Tas Bangemachen vor einer deutschen Gefahr ist das unentbehrlichste Rüstzeug der konservativen Wahlpropaganda ge­worden.

** Zur Einweihung des Friedenstempels, bie im Jahre 1913 im Haag erfolgen wird, beabsichtigt die hollänbisch« Regienmg eine große interna­tionale Ausstellung zu veranstalten.

** Die schriftliche Antwort der Schutzmächte auf bie letzte türkische Note in ber Kretasrage ist am Freitag in Petersburg bem türkischen Gesandten über­gehen worden. Die Antwock, die inhaltlich schon feit langem bekannt war, eckläck eine neuerliche Behand­lung ber Kretafrage augenblicklich für unangebracht.

** Präsident Zelaya von Nicaragua bittet jetzt um gut Wetter. Er erklärt den Befehl zur Hinrichtung der beiden Amerikaner nicht gegeben zu haben. Auch fei er bereit, z ur ü ck z u t re t e n, könne aber hierin nicht übereilt handeln, weil sein Rücktritt die Erheb­ung verschiedener Packeien zur Folge haben würde. Er verhandelte mit den Revolutionären, um einen Nachfolger zu finden, der allen annehmbar fei.

Ausland.

** An der sranzSsische« Elfenbeinküste (Mittel- rrr'rrt) herrschen seit längerer Zeit s ch we r e Un- jen. Seit dem letzten Februar sollen dort im Gebiete von Bandana gegen 200 Senegal» schützen gefallen sein . Am 20. Novmber hat- ien bie Franzosen am Schlüsse eines 24ftünbigen Gefechtes bei ber Station Bonzi 20 Tote, barum sler einen E ingeborenen-Leutnant; ein europäischer Leutnant und ein Sergeant wurden schwer verwundet. Gegenwärtig gehen bie Truppen unter großen Schwie­rigkeiten an Die Besetzung bes Gebietes westlich von Baule. Die Handelsstraßen der Küste und nach dem Innern sind wieder mit Ausnahme derer von Ober» Saffandra dem Karawanenverkehr geöffnet.

£ Die englischen Liberalen haben in einer großen Demonstrationsversammlung am Freitag abend ihr Wahlprogramm der Oeffentttchkeit übergeben. Sämtliche Minister, ausgenommen die Minister des Auswärtigen und der Kriegsverwaliung, die in der Provinz Reden hielten, waren anwesend. Der Ministerpräsident tadelte äußerst scharf das Vor­gehen des Oberhauses und erklärte: „Unsere alleinige Aufgabe ist es nunmehr, den Grundsatz der Reprä- sentativverfassung auf eine unerschütterliche Grund­lage zu stellen. Wir werden kein Amt annehmen »der verwalten, wofern wir nicht diejenigen Bürg­schaften haben, die für eine gedeihliche gesetzgeberische Tätigkeit unserer Partei notwendig sind." — Der konservative Führer des Unterhauses Balfour ver­öffentlicht eine Flugschrift, in der er erklärt, der Angriff auf das Oberhaus sei der Gipfelpunkt einer von langer Hand vorbereiteten Verschwörung von Mitgliedern der Regierung, um tat­sächlich zu einer einzigen gesetzgebenden Kammer zu gelangen. Die großen Machtbefugnisse des Unter- Hauses genügten diesen Verschwörern nicht, weil sie das Unterhaus nicht nur von den Peers, sondern auch vom Volke unabhängig gemacht haben wollten. Im Interesse des Volkes müsse das Komplott zu Nichte gemacht werden. Auf die Lage Englands

Deutsches Reich.

* Die hauptamtliche Kreisschulinspektion in Destpreußen. Westpreußen zählt nach der,Germ/ insgesamt 56 Kreisschulinspektionen. Von diesen werden 45 durch Kreisschulinspektoren ;im Hauptamt verwaltet. Es ist bezeichnend für den Kurs der westpreußischen Schulverwaltung, sdaß sich unter den 45 hauptamtlichen Kreisschul- inspektoren nur 10 Katholiken befinden. (Brient, Karthaus, Pr. Stargard, Putzig, Sullen- schin, Bruß, Dt.-Krone, Löbau, Stuhm, Tuchel.) Und das in einer Provinz, die überwiegend katholisch ist! Ganz besonders stark tritt die -Imparität im Regierungsbezirk Marienwerder hervor, der nur hauptamtliche Kreisschulmspek» tionen hat. Von den 30 Kreisschulinspektoren im Regierungsbezirk Marienwerder sind — fünf katholisch. — In Preußen sollte doch der Grund­satz herrschen, daß bei Vergebung der Staats» fimter die Tüchtigkeit ausschlaggebend ist. Sollte die Intelligenz der westpreußischen katholischen Schulmänner (Rektoren, Seminarlehrer, Ober­lehrer) wirklich nicht zur Schulaufsicht ausreichen?

* München, 12. Dez. 1909. Für die Be­schaffung von Wohnungen für Beamte, Bedienstete und Arbeiter der Verkehrsanstalten wurden von der bayerischen Abgeordnetenkammer am Samstag 10 Millionen Mark bewilligt.

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Schattenblume.

4] Originalroman von Irene v. Hellmuth.

I.

Professor Hardten saß am Schreibtisch. Vor ihm Jagen verschiedene Bücher und Hefte in bunter Unord­nung. Immer wieder fuhr sich der anscheinend sehr ierregte Mann mit ber Hand durch fein dichtes Haar, .bas an ben Schläfen schon leicht ergraut war. In chem Gemach, das keinerlei Luxus aufwies, herrschte seine wohlige Warme; braußen hatte ein regelrechtes Schneetreiben begonnen.

Der Professor stützte ben Kopf in bie Hand und ilarrte eine ganze Welle trübe vor sich hin. Endlich ing er an eifrig zu schreiben, da wurde plötzlich bie t üre seines Zimmers weit ausgerissen und sehr un- anft wieder ins Schloß geworfen. Der Mann zuckte Aervös zusammen, als die Eingetretene, eine hagere Drünette Fran, sich dicht vor ihm aufpflanzte und bnit unangenehm klingender Stimme laut zu schelten begann: „Natürlich, da sitzest Du nun seit drei Stunden, Du kümmerst Dich einfach um gar nichts, während ich mich totärgern kann! Mann —" schrie sie immer erregter werdend, als sie sah, daß er ohne ben Kopf zu heben, scheinbar ohne sie zu beachten, weiterschrieb, — „Mann — jetzt höre mich endlich xm ,ich muß mit Dir sprechen, — lege mal erst bie Dcber aus der Hand--"

Der Angerebete gab keine Antwort, und an bem A-rvösen Zittern der Finger konnte man wecken, daß ier durchaus nicht so ruhig war, wie et scheinen -'wollte.

.®ie,J^r.a,u tourbe zornrot im Gesicht und riß bem Wri9 VWfflben Mann das Heft weg, basselbe in /a'rAf.n e Simmers schleudernd. Das war dem fr-j, r k btC1 ®'"üenb fuhr er die höhnisch

slachelnde Frau an:

„Wie oft habe ich Dir schon gesagt dasi Du nilrb ^Jnriner Arbeit nicht stören darfst sofort hebst Du «te.n Heft auf, und dann — hmmis mit Dir! Ich lann Dich hier nicht gebrauchen, ich habe keine Leit chaö toeiftt Du doch!" ' '

Die Frau lachte noch immer.

. „Du hast nie Zeit für mich, ich werde aber nicht gehen. Du mußt mich jetzt anhören!"

Er mochte wohl von früheren ähnlichen Austrit­ten her wissen, daß ihm sein Widerstand nichts nütze; denn er stützte seufzend den Kopf in die Hand. Auf seiner hohen Sttm lag eine tiefe Falte, die Augen blickten düster, bie Lippen waren fest zusammenge- preßt und so ließ er den unvermeidlichen Redeschwall über sich ergehen, ohne auch nut ein Wort zu sagen. Die Frau erging sich zuerst in allgemeinen Klagen, deren Schlußsatz heute wie immer lautete: „Und kurz und gut, ich kann mit dem knappen Haushaltungs­gelbe unmöglich auskommen, meine Kasse ist leer, ich brauche notwendig einen Zuschuß!"

„Du mußt es eben besser einrichten", warf er ruhig dazwischen.

„Einrichten", höhnte sie grimmig, „Du gibst viel zu wenig her, ein Geizhals bist Du, höre nur, was andere Frauen bekommen!"

„Ach was, andere Frauen!" rief er ungeduldig. „Ich habe Dir schon oft versichert, daß ich nicht mehr geben kann; meine erste Frau ist mit viel weniger auSgekvmmen, sie verstand eben zu wirtschaften, aber Du, — Du bist eben keine Hausfrau!"

„Da haben wir es wieder, das alte Lied!" schrie die Erzürnte mit vor Wut zitternder Stimme. „Herr­gott, diese erste Frau, wie ich sie hasse!" — —

Professor Hardten schnellte von seinem Sttihle in bie Höhe und stellte sich mit drohender Geberde vor die Frau hin.

„Wage es nicht, sie zu schmähen!" bornierte er, „hätte ich Dich doch nie gesehen! Wie viele trübe Siunben wären mir erspart geblieben!"

Er hörte nicht mehr auf bie ferneren Schimpfe­reien bes erbosten Weibes, ächzend war er in seinen Stuhl zurückgesunken und vergrub ben Kopf in beide Hände. So saß er regungslos lange Zeit.--

Was hatte ihn mir bewogen, diese unglückselige zweite Ehe zu schließen? Er dachte zurück an seine sanfte blasse Gattin, mit der er in glücklichster Ein­tracht gelebt, und die ihn so bald verlassen mußte. Er dachte an die Stunde, da sie ihm mit feliaem Lä­

cheln fein Töchterchen in die Arme gelegt Mit kei­nem Fürsten hätte er damals tauschen mögen! — Vorbei, — vorbei! — Das kleine Mädchen zählte kaum zehn Jahre als die Mutter starb. Damit fing das Unglück an.

Das Kind, das ohnehin viel ernster war als seine Aliersgenossinnen, wollte sich durchaus nicht trösten lassen. Es verlangte unausgesetzt nach der Mutter und verfiel in Weinkrämpfe und nachher in eine schwere Krankheit, von ber es sich nur ganz langsam wieber erholte. Es blieb immer zart unb schonungs- bebürftig. Nur selten sah man das kleine Mädchen la­chen und noch seltener sich an ben frohenSpielen ber anderen Kinder beteiligen. Immer blieb Gerda allein für sich. Ihr liebstes Plätzchen war im Arbeitszim­mer bcs Vaters unb da bas stille Kind den eifrig schreibenden Mann niemals störte, so durfte es bleiben.

So vergingen ein paar Jahre; allein da der Haus­halt immer nur von fremden Personen geführt wurde, so war in bemfelben nie rechte Orbnung und Ge­mütlichkeit zu finden. Die Wirtschafterin, die der Professor nach dem Tode seiner Frau engagiert hatte, war eine ältere, mürrische Frau, die stets mit ver­drossener Miene herumging und mit dem Kinde gar nicht umzugehen verstand.

Gute Freunde rieten dem einsamen Mann, sein Kind nicht so ohne mütterliche Auffrcht und Pflege aufwachsen zu lassen. Er wies zuerst den Gedanken an eine zweite Heirat weit von sich, aber nach und nach kam er zu der Einsicht, baß es für das Kind wickttch besser wäre, wenn er sich wieber verheiratete.

Gerba weinte heiße Tränen, als sie hörte, baß sie eine Stiefmutter bekommen würde.

In liebevollster Weise versuchte ber Vater dem Kinde klar zu machen, wie viel schöner es wäre, wenn wieber eine Mutter im Hause wäre, die sich um die Erziehung kümmerte, da er selbst so wenig Zeit hätte, sich um das Wohl und Wehe seines Töchterchens an­zunehmen.

Gerda verstand zwar damals nicht viel von des Vaters Worten, sie begriff nur, daß ihre über alles geliebte, tote Mutter eine Nachfolgerin bekommen sollte und ihr kleines 'Herz krampfte sich bei diesem

Gedanken zusammen in herbem, bitterem Weh. Und oje neue Mutter kam.

Aber sie verstand es nicht, sich die Liebe lind das Zutrauen des Kindes zu gewinnen. Es lag ihr wohl auch nichts daran. Sie war eine selbstsüchtige Natur, welche die gute Versorgung, die der Professor ihr zu bieten hatte, mit Freuden ergriff.

Die Kluft zwischen Mutter und Tochter erweiterte sich mit den Jahren immer mehr, und als Gerda be­greifen lernte, daß ihre Stiefmutter auch den Vater unglücklich gemacht hatte, da fing sie an, dieselbe zu hassen.

Der Professor war ein sttller, wortkarger Mann geworben, ber sich mehr und mehr von der Außen- ioelt zurückzog Die Gatten sahen sich nur bei den ge­meinsamen Mahlzeiten, seine übrige freie Zeit benützte der arbeitsame Mann zu fleißigem Studium. Er schrieb oft bis tief in die Nacht hinein. In seinem stillen Zimmer >oar es ihm am wohlsten. Zwar drang die keifende, scheltende Stimme des Weibes auch bis hierher, und nicht selten kam Gerda mit rotgeweinten Augen zu ihm, um ihr Leid zu klagen. Aber wenn er über seinen Büchern saß, so vermochte er doch oft für Stunden ben Kummer zu vergessen, den diese zweite Frau in sein Leben gebracht hatte.

Frau Emilie hatte sich sehr bald als zanksüchtige Natur entpuppt, sie besaß roenig Freunde, Aber eine ihrer schlimmsten Eigenschaften war die, daß sie nicht zu lvirtschaften verstand. Das Geld glitt ihr form» lich unter ben Fingern durch.

Professor Hardten erkannte leider zu spät, daß et mit dieser Heirat einen verhängnisvollen Irrtum be­gangen hatte.

Daß Gerda unter ben geschilderten Verhältnissen ein recht stilles Mädchen wurde, ist wohl begreiflich. Sie mied den Verkehr mit Aliersgenossinnen. Eine Freundin besaß sie nicht. Tanz und Spiel und aus­gelassene Fröhlichkeit hatte sie nie kennen gelernt. Sie liebte es, an stillen Sonntag-Nachmittagen in ihrem kleinen Zimmerchen zu sitzen unb zu lesen; das waren ihr die liebsten Stunden; die ließ sie sich nicht nehmen, cb auch die Stiefmutter brummend meinte, es gäbe etwas Besseres zu tun. (Fortsetzung folgt)