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Zeitung

uldaer

36. Jahrgang

Fulda, Samstag den 11. Dezember 1909

M 284.

Deutscher Reich

Ar:ittes

Unpolitische ZeitlSuse-

® Der Skandal von Kattowitz.

Mso die Maßregelung der Lehrer und Beamten, die in Kattowitz bei der Stadtverordnetenwahl zwei polnisch sprechenden staatstreuen Mitbürgern ihre Stimmen gegeben haben, soll nicht rückgängig ge-

Im Zusammenhang der letzten Ereigmffe auf dem Schmrplatze der Anttpolenpolitlk scheint uns dre Tat­sache besonders erwähnenswert, daß der verdiente und beliebte Oöerprüstdent der Provinz Schlesien k'-rak Nedlitz zum 1. Januar aus dem Dienste Nden wird. Wir wiffen nicht, ob sein RücktrM mit dem Kurswechsel tn der Polenpolitik in ursachlicher Beziehung steht. Daß nicht allein „Gesundheitsrück. sichten' dafür maßgebend waren, möchten wir aller­dings wohl annehmen, denn imseres Wissens besitzt Graf Zedlitz nicht nur noch große Arbeitskraft, son­dern auch große Arbeitsfteudigkeit. Aber sei dem wie ihm wolle; gerade im gegenwärtigen Augenblicke müssen wir sein Scheiden lebhaft bedauern. Tenn stand Graf Zedlitz uns auch in manchen Punk­ten als Gegner gegenüber, so war er doch ein ehr­licher überzeugter konservativer Mann, der ferner po­litischen Ueberzeugung bei seinen Entschlüflen einen bestimmenden Einfluß zuwies, und von dem man wußte was man an ihm haste. Die schlimmsten Feinde der Polen sind nicht die Alt-Konservativen, sondern jene Regierungsleute, jene gouvernementa- len Politiker, bei denen an die Stelle der politischen Ueberzeugung der Wille der unfehlbaren Staatsregie- rung tritt.

Der Kurswechsel in der Polenpolitik wird auch in den Parlamenten zur Erörterung gelangen. Der Erfolg wird allerdings voraussichtlich nicht be­sonders groß sein. Denn die famosen Gesetze, welche die Waffen jener Politik bilden, sind in Kraft. Aller­dings die Maßregelung ist nicht durch Gesetz geboten, aber das verschlägt ja bei unserer hakatistischen Poli­tik nichts. Auf die Beseitigung der polenfeindlichen Gesetze besteht zurzeit keine Hoffnung und die Art ihrer Anwendung ist dem Willen der Parlamente entzogen. Insbesondere auch die Vornahme von Ent­eignungen polnischen Grundbesitzes kann zwar im Landtage zur Sprache gebracht werden, aber einen bestimmenden Einfluß besitzt dieser nicht mehr, denn wenn die Ansiedlnngskommiffion beschloflen hat, ein Grundstück zu enteignen, so gibt es als Beschwerde­instanz bekannllich nur noch die drei Minister des Innern, der Landwirtschaft und der Finanzen.

Umsomehr muß die Sorge und das Bestreben der Volksvertretung dahin gerichtet sein, an den Punk­ten, wo ihr überhaupt noch ein Einfluß möglich ist, diesen geltend zu machen. Ein solcher Punkt ist z. B. die bevorstehende W a h l r e ch t s r e f o r m. Un­ter den gegenwärtigen Umständen, die eine vollstän­dige Reform im Sinne unserer Forderungen als aussichtslos erkennen kaffen, muß unser Hauptbestre- ben dahingehen, wenigstens in einigen Punkten Ver­besserungen herbeiznführen, und der allerwichtigste ist zweifellos die Ersetzung der öffentlichen durch die geheime Stimmabgabe. Wäre in,Preußen die geheime Stimmabgabe durchgeführt, so wären Vorgänge, wie der Skandal von Kattowitz schlechthin unmöglich. Aber gerade in diesem Zusammenhang versteht man auch, weshalb die Regierung bei ihrer letzten Erklärung über die Wahlrechtsreform die Ein­führung der geheimen Sstmmabgabe „nicht in Aus­sicht stellen konnte".

Das Hauptstück jeder vernünftigen Wahlrechts­reform muß die Einfühnmg der geheimen Stimm­abgabe sein. ____________

bett Ja, es ist zumeist eitler, nichtiger Firlefanz, was da strotzt und glänzt. Aber all dieser Zierrat gehött doch auch zum ganzen. Wer das Leben verstehen und zweckmäßig mitmachen will, muß in solchen Dingen auf dem Laufenden sein. Auch die vielverspottete und geschmähte Mode ist ein Ding, das Macht hat und deshalb realpolitisch behandelt werden muß. Der Mensch der in der Welt st-ht, braucht Weltkenntnis, und dazu gehört auch die Kenntnis der neueren Tech­nik, des gegenwärtigen Warenmarktes, der jeweiligen Geschmacksrichtung. Einen praktischen Kursus in die­sen Fächern bildet ein Studiengang an den Schau­fenstern entlang. Und Tausende verkehren in dieser Schule Auch die Jugend bis zu den Daumenlutschern herab steht mit aufaeriffenen Augen vor den glänzen­den Herrlichkeiten. Und well eben das Schaufenster heutzutage eine wahre Volksschule im Anschauungs­unterricht ist, nmß man es so bitter beklagen, daß wir nicht in den Gesehen einen gehörigen Schaufenster­paragraphen haben, dec die öffentliche Ausstellung von anstößigen Sachen, von Schmutz u. Schund in Wort u. Bild verhindert. Wer seine Kinder mitnimmt auf den Schaufensterbummel, der achte darauf, daß sie an un­anständigen Auslagen flink vorüberkommen. Die El­tern aber sollten es sich überall zur Regel machen, niemals ein Geschäft zu betreten, das in seiner Aus­lage Aergernis gibt. Ein Geschäftsmann, der auf die schlechten Neigungen der Mitmenschen spekuliert, mag sich mit solchen Käufern begnügen, welche diese schlech­ten Neigungen haben.

Wer das Schaufenster betrachtet, braucht noch nicht einzutreten. Er fann erst noch andere Auslagen zum Vergleich heranztehen und kann auch erst noch seine Pläne am Hmisofen in aller Ruhe besprechen. Manche scheuen den moralischen Kaufzwang, der ihnen ver­meintlich erwächst, wenn sie in einen Laden eintreten und sich Ware vorlegen lassen. Das ist auch eine Sache mit zwei Seiten. Es ist unrecht, wenn man ohne ernste Absichten einen Verkäufer in Anspruch nimmt und einen Teil des Warenlagers auf den Kopf stellen läßt. Andererseits ist es aber nicht klug und schön, wenn der Verkäufer einen Unentschlossenen krampfhaft fest­halten und zu einen Kauf nötigen will. Manche Kun­den bevorzugen gerade deshalb die großen Warenhäu­ser, weil sie dort eher wieder loskommen können, wenn ihnen der Kauf nicht paffen will. Die anderen Ge-

(N.) Berlin, 9. Dezember 1909.

(Nachdruck verboten.)

Das S ch a u f e n st e r ist als Erzieher des Volkes gerade in diesen Wochen auf der Höhe seiner Wirk­samkeit. Häufig verdient es auch den Titel „Ver­zieh er des Volkes", da es den Leuten Geschmack­losigkeit, Protzerei und Verschwendung beibringt. Das Schaufenster hat eben zwei Seiten, wie alle sog. Kul- -iuffortschritte.

Als ich ein Kind war, stak auch dasSchaufenster noch in den Kinderschuhen. Man stellte etliche Waren­proben an das Fenster, damit die Vorübergehenden sehen konnten, ob sich da drinnen ein Vrotladen oder ein Kramladen oder ein Tuchladen usw. befände. Es "war eine Ergänzung des Firmenschildes. Das Häuf­lein Warenproben wurde ganz einfach hinter die Scheibe gestellt, ohne alle Künstelei, und die Scheiben waren in der Regel gewöhnliches Fensterglas von be- fcheioenem Umfang in dem vielteiligen Holzrahmen. Die Beleuchtung besorgte am Tage die Sonne von vorne und am Abend die Landenlampe von hinten, i Wie hat sich das geändert! Hinter mächtigen Spiegelscheiben, die extra versichert sind, erhebt sich ein reicher Aufbau von verlockenden Waren, der an Umfang und Inhalt oft schon einen ansehnlichen La­den darstellen könnte. Von oben, von der Seite, und vielfach noch zwischen den Waren her ergißt sich eine «Fülle von Licht, manchmal sogar ein raffiniert be­rechnetes Gemisch von verschiedenfarbigem Licht. Das Ganze ist mit viel Sorgfalt und Geschick so ausgebaut, daß der Beschauer auch ein äschetisches Behagen em­pfinden soll, wie vor einem Kunstweck.

Das kostet Geld, Geld, viel Geld. Erstens nimmt das moderne Schaufenster in seiner bedeutenden Tiefe viel Platz weg, und zwar von dem kostbaren Platz zu ebener Erde, der die höchste Geschästsmiete bringen muß Zweitens kostet die Beleuchtung sehr viel. Drittels erfordett das Schaufenster, wenn eS auf der H°ye der Zeit blejben soll, alle Tage eine Masse Arbeit zur -oflege und Erneuerung, und zwar von besonders geschickten, also hochbezahlten Händen Mer­tens leiden viele Waren unter der Ausstellung im Densier, sodaß sie später nur zu herabgesetztem Preise

schästsleute sollten sich daraus die Lehre ziehen, daß sie auch gegen unschlüssige Kunden stets artig und freundlich bleiben müssen. Es ist ja möglich, daß st«, noch wiederkommen; dagegen wird derjenige Käufer, dem man etwas Unpassendes aufgeschwatzt oder gak aufgedrängt hat, gewiß nicht wiederkommen, sondern eher noch seine Bekannten vor dem Geschäft warnen. Demgegenüber steht die Pflicht des Kunden, sich vor dem Eintritt in das Geschäft klar zu machen, was er kaufen will und kaufen kann. Diese Vorbereitung deS Kaufes wird wesentlich erleichtett durch die Schausen-, ster. Da kann man sich orientieren über das Angebot, kann die Art der Waren mit seinem eigenen Geschmack und Bedürfnis in Beziehung setzen und ebenso den am- gehefteten Preis mtt seinem Geldbeutel. Wer nach dem Studium der Schaufenster an den Ladentisch tritt, wird viel schneller und sicherer zu einem befrie­digenden Einkauf gelangen, als der unvorbereitete Kunde, der sich erst ganze Berge von Waren vorlegen läßt und dann schließlich in Aerger und Verzweiflung auf etwas Unpassendes herein zu fallen. i

Gefährlich sind die Schaufenster für die Leute, di« an der A u g e n l u ft leiden, d. h. die alles gleich ha­ben möchten, was sie sehen. Solche gierigen Augen sollen namentlich beim weiblichen Geschlecht häufig Vorkommen. Für derartige Leute ist auch ein Rund- gang in den Warenhäusern ein bedenkliches Beginnen. Sie verfallen in Kaufwut und nehmen schließlich Dinge mtt nach Hmise, an deren Erwerb sie vorher gar nicht gedacht hatten. Zur Entschuldigung wird dann oft gesagt: die schönen Sachen seien so „furcht­bar billig", daß diese seltene Gelegenheit unbedingt hätte benutzt werden müssen. Die famosen „Gele­genheitskäufe" sind das Spiel eines sehr modernen Teufelchens. Wer billig und schlecht kauft, sollte un­ter Vormundschaft gestellt werden. Zum mindesten müßte eine Person, die der Augenlust nicht widerstehen kann, sich zur Regel machen, daß sie nach erwachter Kauflust erst noch einmal nach Hause gehe und sich überlege, ob sie beim zweiten Besuch wirllich anbeißen solle.

Prüfet alles, was in den Schaufenstern oder son- sttgen Auslagen präsentiert wird, aber prüfet nüch­tern und aründlich, ohne Berauschung durch das gli­tzernde Brimborium. Und behaltet das Beite, daS heißt, was für eure Verhältnisse und Bedürfnisse wirklich gut. zweckmäßig und preiswert ist.

loszuschlagen sind. Das Schaufenster bildet einen kostspieligen Zweig der niodernen Reklame. Es wird meistens noch mehr Geld verschlingen, als der andere Zweig der Reklame, das Zeitungsinserat. Aber es hilft kein Klagen: wenn der Geschäftsmann auf dem Damme bleiben will, so muß er den Aufwand mit­machen, an den das Publikum zu seiner Heran- ziehung heutzutage gewohnt ist.

In den Hauptstraßen der größeren Städte hat sich das Schaufensterwesen derartig entwickelt, daß wir besondere Gewerbeausstellungen eigentlich gar nicht mehr nötig haben. Wenn man so eine Straße entlang geht, so befindet man sich in einer permanenten Ge­werbeausstellung. Auch eine Kunstausstellung be­kommt man oft noch dazu. Alles ohne Eintrittskosten. Und auch ohne jeden Kaufzwang. Letzteres gilt frei­lich nur für diejenigen Beschauer, die sich vor dem moralischen Zwang, vor der Verftchrung zu schützen wissen. Der vorsichtige Wanderer prüft alles und vergleicht alles und überlegt reiflich, ob er nicht — morgen etwas vom besten kaufen könnte.

Die Betrachtung der Schaufenster ist lehrreich. Man kann da Warenkunde sich aneignen. Sehr heilsam ist eS, wenn man gleich die Preise angebracht findet; da läßt sich die Leifttmgsfähigkeit der verschiedenen Geschäfte abmessen — wobei man natürlich darauf achten muß, daß die verglichenen Waren auch von gleicher Güte sind. Wer mit Verstand und Fleiß da Schaufensterstudien betreibt, kommt bald dahinter, daß die raffinierte Aufmachung, die blendende Beleuch­tung und da? andere glitzernde Drum und Dran nicht den Ausschlag geben daff, sondern man den Kern der Frage, die Güte und Zweckmäßigkeit der einzelnen Waren ganz nüchtern prüfen muß. Dabei daff man freilich die künstlerische Ausstattung eines Schaufen­sters ganz behaglich mitgenießen, sich an dem guten Geschmack und dem Geschick des Herstellers erfreuen. Wer selber guten Geschmack hat, wird sich oft an einer kleinen und feinen Auslage mehr erfreuen, als an der Maflenausstellung von Großgeschästen, und er kann aus der stimmungsvollen Einrichtung eines kleinen Fensters den Schluß ziehen, daß man dort in An­gelegenheiten, die Formensinn und Takt verlangen, gut beraten sein werde.

„Ettelkett der Eitelkeiten!" wird ein mobemer Salomo rufen, wenn er die Kaufstraße entlang man-

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Aus dem Nachbargebiete.

= Großenlüder, 10. Dez. 1909. Recht unangenehme Erfahrungen machten die letzten Tage viele unserer Hausfrauen hier, als

Ausland.

* Der „nichtpolitische" Evangelische Bund hat nach einer Mitteilung des Kirchenrates, Meyer-Zwickau zwei Flugblätter in Oesterreich verbreitet, um vor der Verbindung mit den. Christlich-Sozialen zu warnen. Dre Flugblätter und die Preßagitation des Lic. Bräunlich tn dem­selben Sinne haben aber nicht viel genutzt. Herr Meyer sagte darüber auf der Tagung des „Aus-, schusses sür die Förderung der evangelischen, Kirche in Oesterreich": „Auf den stischen Mor­gen ist ein schwüler, trägemachender Mittag ge-, folgt." , .

* Die Zivilklage der Verfasser verbotener Lehrbücher ist jetzt dem Erzbischof von Paris zuqestellt worden. Kläger sind mehrere, Hoch- und Mittelschullehrer. Jeder einzelne Kläger beansprucht einen Schadenersatz von 10000 Fr. mit dem Hinweis auf den moralische« wie materiellen Schaden, der ihnen fürihre Per-, son und für den Verkauf ihrer Schulbücher durch das wider die neutrale Schule im allgemeine« und ihre Schulbücher im besonderen gefällt« öffentliche Verdammungsurteil der Bischöfe ju$ gefügt sei, unter Betonung deS Umstandes, da« diese Verdammung und Schädigung offensichtlich mit Absicht und Ueberlegung ausgeführt sel.In drei Tagen soll der Erzbischof vor dem Zivil- gericht erscheinen. Die Vertretung der Klage hat. der radikale Senator und srühere Justizminister Vallo übernommen. „ I

t Die Studenten - Unruhen tn der Pariser Universität, von denen wir gestem berichteten, haben dazu geführt, daß die juristische Fakul-' tät der Sorbonne auf Antrag der akademischen Behörde von der Regierung bis zu den Weih- nachts-Ferien geschlossen worden ist. Die Ur- fache sür die studentischen Ausschreitungen liegt in der Wahl des Prof. Lyon Caen zum Dekan/ Die nationalistischen Studenten suchten bte Vor­lesungen des ihnen mißliebigen Professors zu ver- hindern, was zu Zusammenstößen mit. den republi- kanischen Elementen sührte.

Steuern ..." . .

im Gegenwartsstaat zugibt ist der oztalvemokra. tischen Presse arg auf die Nerven geschlagen. Sie sucht sich aus dieser ihr peinlichen Situation damit herauszureden, daß sie behauptet, Kautsky habe mtt seinen Ausführungen,

„selbst wenn es gelänge, jede Verbergung von Einkommen und Vermögen unmöglich machen, selbit dann wäre man nicht in der Lage, bte ^mfomrnen und Vermögenssteuer beliebt gh o ch öu schrauben, weil die Kapitalisten, trenn bte »teuer ihr Einkommen ober Vermögen zu sehr beschnitte, einfach «ns dem Staate fort ziehen würben und dieser das Nachsehen hätte. Der Staat hätte dann bte Einkommen- und Vermögenssteuer, aber ohne Einkommen und Vermögen, lieber ein gewisses Maß kann man also bet diesen Steuern heute nicht hinaus, selbst wenn man die politische Macht dazu hätte sagen wollen, „daß es der Sozialdemokrat unmöglich sei, selbst wenn sie bte Macht dazu hatte, die indirekten Steuern so hoch zu schrauben, daß es einer Konfiskation des Vermögens nage ober gleich komme." Diese Ausreden laufen aus eine direkte Irreführung der öffentlichen Meinung hinaus. Kautsky verweist ausdrücklich darauf, daß eine „Ersetzung" aller indirekten Steuern durch eine direkte Einkommen- und Vermögenssteuer ,m Sinne des Erfurter Programms heute schon eine Forderung der Sozialdemokratie sei, und daß, selbst wenn heute schon die Sozialdemokratie bte Macht dazu hätte, bie Verwirklichung dieser Forderung unmög­lich sei, denn, sagt er: „Ueber ein gewisses Maß kann man bei dieser Steuer heute nicht hmans." — Wie die Sozialdemokratie in ihrem Zukunftsftaat einmal die direkte Steuerpolitik handhaben wird, geht uns hier gar nichts an. Kautsky spricht von heutigen Zustanden, und unter diesen und innnerhalb dieser sind seine Ausführungen aufzu­fassen ! Die sozialdemokratische Presse schwindelt ihre Leser aber auch damit an, daß sie behauptet, ihre Partei habe bei der jüngsten Reichsftnanzreform endlich einmal mit der weitern Vermehrung der indirekten Steuern ein Ende und mit der Einführung direkter Steuern einen Anfang machen wollen, ^n diesem Sinne seien die Sozialdemokraten mit ihrem Verhalten bei der Reichsfinanzreform ihrem Pro­gramm treu geblieben.....Hat denn diese Presse

ein so kurzes Gedächtnis, daß sie nicht mehr weiß, daß nach den Beschlüssen der sozialdemokra- tischen Reichstagsfraktion diese gegen dre Erb­schaft s st e u r r, also eine direkte Steuer, stimmen sollte? Daß ferner nach dem Schluß der Reichs- taaSsesslon in weiten Kreisen der „Genossen" im Lande die gleiche Ansicht zum Vorschein kam? Die sozialdemokratische Presse möge sich noch so drehen und wenden, ihre Leser noch so irre zu fuhren suchen, an den Feststellungen Kautsky?, daß das heutige sozialdemokratische Sleuerprogramm ein Un­sinn ist, kommt sie nicht herum!

+ Ein unangenehmes Nachspiel zur Berliner Landtagswahl. Im Verlauf der diesjährigen Laud- tagserfatzwahlen griff, fo schreibt das Nachrichten­amt der Stadt Berlin, die Abneigung zahlreicher Urwähler, ein Amt im Wahlvorstand zu übernehmen,

» .Rote" Ausflucht». Die ergötzliche Offenheit mit der der oberste sozialdemokratische Patteigelehrte Karl Kautsky in seiner Schrift: -Am Tage "ach der sozialen Revolution" bte Unmöglichkeit der Verwirklichung des offiziellen sozialdemokratischen Steuerprogramms:

„Stufenweis steigende Einkommen- und Vermögens­steuer zur Bestreitung aller amtlichen Ausgaben, soweit liefe durch Steuern zu decken sind. . . Erb- schaftssteuer. . . Abschaffung aller indirekten

m überaus störender Weife in den ruhigen Gang der Vorarbeiten für die Zahl rin, sodaß es zeit­weise den Anschein hatte, als ob das Zustande- kommen der Wahlmännerwahlen in einzelnen Ur- Wahlbezirken infolge der Unmöglichkeit der Bildung eines Wahlvorstandes überhaupt tn Frage gestellt sei. DaS Gesetz vom 28. Juni 1906 verpflichtet die Urwähler, das Ehrenamt des Wahlvorstehers, Protokollführers oder Beisitzers tut Wahlvorstande bei der Wahl der Wahlmänner zu übernehmen. Wer die Uedernahme dieser Obliegenheiten ohne zu-, lästigen Grund ablehnt oder sich ihrer Wahrneh- mung ohne zureichende Entschuldigung en^ieht, kann mit einer Ordnungsstrafe bis zu , 300 Mark belegt werden. Angesichts der zahlreichen Falle, von Ablehnungen mußte leider bei der diessahrlgen Landtagswahl von vorgenannter Strafbestimmung Gebrauch gemacht werden. — Auch em Beitrag zur Reformbedürstigkeit d.s preußischen Wahl­rechts !

Mk nach sich ziehen wird. Nach gewissen Aeußerungen, bi! vor einig« Zett in ber Presse austauchten, laßt sich baß man solche Güter auswählen will, bereu Sfle Ä« CTtwÄer im Auslände leben, ober k Jüe man behauptet, auf bas nationale Maryrer- tum b r Enteignung mit Sehnsucht warten, wett sie nicht wagen, srelhänbig zu verkaufen.

Die Frankfurter Zeitung hat auch bann recht, daß sie sagt: „Das Odium und die Erbitterung wer- dm auch durch so kluge Auswahl nicht verhindert

Wo überall man hinhört, ist die Erbitterung und Entrüstung über diesen zum Himmel schreienden Ge­waltakt allgemein. Man kann es nicht glauben, daß katholische Lehrer und Beamte lediglich deshalb nut- ton tm Winter au» ihrem Heim vertrieben und straf- versetzt werden, weil sie ihrer Ueberzeugung gemäß Vertreter der christlichen Weltanschauung tn das von der Freimaurerloge beherrschte Dtadtparlament von Kattowitz haben wählen wollen Wie ist das möglich in einem Staate, für den noch das Wort de» greifen Kaisers Wilhelm I. Geltung haben soll, daß dem Volke die Religion erhalten werden muffe?

Wir möchten nur einmal wiffen, wie dem Herrn von Dallwitz, dem neuen Oberpräsidenten von Schle­sien, bei dieser ganzen Geschichte zumute ist. Auch er ist wegen seines Verhaltens in der Kanalftage seiner toeit verfassungswidrig gemaßregelt worden, dann ;aber die Treppe - hinaufgefallen Und nun kommt er nach Schlesien als lebendige Illustration des alten Satzes: Die kleinen--Opponenten hangt man,

die großen läßt man laufen.

Es ist ein scharfer Wind der zur Zeit den Kurs unserer Polenpolitik besttmint Bereits die Maßnahmen der Ueberwachung der Polenbeweg- ung int rheinisch westfälischen Jndufttiegebiet das Verbot polnischer Reden bei dem Stiftungsfest des Berliner polnisch-katholischen Arbeitervereins und bei der Breslauer Kc-lhollkenveffaimnl-ing ließen erken­nen, daß die Polen, wenn sie früher mit Ruten ge­züchtigt worden sino, jetzt mit Skorpionen gegeißelt werden sollen.

Der neueste W, die geradezu skandalöse Maß­regelung der Lehrer und Beamten tn Kattowitz, läßt keinen tocitii.-.i Zweifel darüber, daß System in der Siche lfezt. £e:r v. Bethmann-Holl- toeg ist durch seine Tätigkeit als preußischer Minister M't allen Schikanen der Polenunterdrückung bestens bekannt, und er scheint gewillt zu sein, sie nunmehr mit noch größerer Energie zu betreiben.

Die „Frankfurter Zeitung" bezeichnete es als „tragikomisch", daß ber schärfere Wind in der Polen- polittt wehe, feitbem die Polen im Reichstage für die Ftnaiizreform eingetreten sind und bie Mehrhetts- bildung ermöglicht haben. Der Zeitpunkt ist hier rich­tig genannt, ober nicht die Ursache. Die UebemAme ber Geschäfte des Reichskanzlers durch Herrn v. Beth- mann-Hollweg bedeutete den Kurswechsel in ber Po- lcnpolitik. Es ist bekannt, daß das Enteignungsgeseh im preußischen Landtaae nur unter schwersten Mühen zustande gekommen ist und daß die schweren Bedenken, die viele sonst sehr regierungstreue Männer gegen das Gesetz hatten, nur dadurch beschivichtigt werden konnten, daß sie auf Gmnd der Erklärungen der Minister die Hoffnung hegten, daß die Vollmacht zur Enteignung des polnischen Grundbesitzes eine bloße Drohwaffe bleiben werde, die durch ihre bloße Exi- 0 einschüchternd wirken sollte. Diese Hoffnung ie bald enttäuscht werden. Mtt unseren Infor­mationen stimmt die neneste Meldung ber „Franks. Zeitung" vollständig überein:

Jetzt aber unterliegt es kaum mehr einem Zweifel, baß bie preußische Regierung entschlossen Ist, Ent- eignungen vorzunehmen, unbekümmert um bte schweren politischen Folgen, bie bas tm Innern und auch in manchen Beziehungen in unserer äußeren Po-