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Sotationsdrnckund Verlag der Zuldaer Ak- tienürnllerei in Fulda Fernsprecher Ur. 9.
Fulda, Freitag den 10. Dezember 1909.
36. Jahrgang.
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Kunst die teilen wohl das letzte Stück Brot mit den bunae'rnden Kollegen und vergällen ihm den kargen
Du schreibst mir jetzt viel seltener. Meinst Du, ich habe Deine Briefe nicht mehr nötig? Oder kränkt Dich'S daß id> nicht immer gleich antworte? Wenn Du wüßtest, wie viel eS hier zu studieren gab. Ein großes Opernrepertoire hatte ich beim Anttitt meines Engagements noch nicht, so manche schwierige Partie habe ich erst wahrend desselben unter Leitung meines Professors einftudiett. Der schüttelte erst dm Kopf über meinen jetzigen Entschluß, dann nickte er zustimmend. „Handeln Sie nach Ihrem Instinkt, Kindchen, ich rede Ihnen nicht mehr zu. Jhrm Weg werden Sie immer machen, denn Sie find eins von dm Geschöpfen, wie eS die Natur nur so ab und zu mal bei besonders guter Laune schafft.' Der ist auch mein Freund geworben, Werner, aber wieder tmbetS, tote Du. Der alte, weiße Herr konnte manchmal orbmüich galant werben unb dar warst Du eigentlich nie. In einigen Tagen reise ich nach Hause unb bin ich erst triebet in Berlin, muß Du unbebtngt balb einmal zu unS kommen. Zuweilen weiß ich gar nicht mehr, wie Du ausfiehst, und muß Deine Photographie, die immer auf meinem Schreibttsch steht, zu Hilfe nehmm, um Dein Bild in mir zu filieren. Warum mußtest Du aber auch von Berlin fortgehen und noch dazu so weit nach Osten? Königsberg soll gar nicht schön sein. Ich hoffe, daß Dein Aufenchalt bort nur ein Anfangsstadium Deiner Beamtenkarriere ist unb Du halb »lebet nach der Zentrale zurückkommst. Oester sehen müssen wir unS von jetzt ab wieder jedenfalls. Tante und Onkel behaupten, ich sei ht den beiden
Irrende Seele.
Roman von H. Teichert.
eindringlich gepredigt, daß er ihr eben nur Freund sein könne, von ihrer Sehnsucht zu sprechen?
Um dieselbe Abendzeit hielt Werner ihren Brief in den Händen. Er hatte ihn schon durchgelesen, ein zufriedener, glücklicher Ausdruck lag auf seinem ®e* • sicht. Zärtlich drückte er die geschriebenen Worte an die Lippen. Näher, immer näher rückte fein Ziel; nun konnte e8 ihm nicht mehr entfchwinden. Zwischen den Zeilen hatte et die Wandlung herausgelesen, die nach und nach in Renate vorgegangen, zu seinen Gunsten vorgegangen war, und nut mit Mühe hatte er oft sein heißes Verlangen gedämpft, zu ihr zu dien und sich einfach zu nehmen, was doch, so sehr sie da-, gegen geeifert, sein Eigentum war. Run brauchte er nicht mehr ju Watten, sie rief ihn selbst, sich sein Glück zu holen. Aber er war kein freier Mann mehr, jetzt mußte Urlaub eingeholt werben, und trotz feiner Bemühung bekam er den nicht gleich, da mehrere Beamte seines RessottS abwesend waren. Am nächsten Abend schtteb er an Renate. Ruhig, leidenschaftslos, wie immer; er war vorsichtig geworden, aber die Hände zitterten ihm und wollten kaum gehorchen. „Nach ungefähr vier Wochen komme ich zu euch, Rena — früher kann ich nicht, der Dienst ist ein Tyrann — unb wenn ich's auch nicht recht glauben kann, daß Du noch hübscher geworben bist, überzeugen will ich mich auf jeden Fall, unb dann erzähle ich Dir auch, wie eS mit meiner Sehnsucht die ganze lange Zeit stand. Aber ich melde mich nicht an, plötzlich bin ich einmal da unb überrumple ich Euch und bann sind wir wieder Fettenbummler, wie in bet Jugendzeit. Willst. Du, Rena?'
Roch vor Ablauf der vier Wochen, die Werner als Termin sdneS Kommens angegeben, war an Renate die Aufforderung ergangen, die Haupt-Solopartie bd einer großen Aufführung der Breslmter Singakademie zu übernehmen. Sie hatte sich einer Konzert-Agentur zur Verfügung gestellt unb, obgleich sie erst im Herbst ihre neue Tätigkeit hatte beginnen wollen, fich boch entfchlossen, baS glänzende Anev- bieten anzunehmen, da die von ihr geforderte Partie kein neues Studium ihrerseits beanspruche.
(Fortsetzung folgt.).
letzten Jahren noch hübscher geworden. Eigentlich müßtest Du das doch fonftatieren — ich habe jedenfalls schon große Sehnsucht nach DK.'
Renate hatte den Bries geschloffen und abgeschickt, ohne chn noch einmal durchzulesen. Erst am nächsten Abend in einer ruhigen Stunde dachte sie über die Schlußworte, die sie ihm gegeben, nach und ob sie recht daran getan.
Glühende Röte stieg ihr in» Gesicht. Hatte sie denn überhaupt ein Recht, dem Freunde, dem sie so
bet bd sich zu haben.
„Von bem Theaterfieber bin ich grünblich geheilt,' hatte sie bei ihrer Heimkehr gesagt. „Nein, Tante, dar ist nichts für mich. Mit Fleiß unb gutem Willen hätte ich mich wohl dnarbdten können, aber ich ziehe bie Wirklichkeit bem Scheine vor — das ist nicht mdn Feld.'
Fröhlicher war sie erst toieber geworben, als bet Entschluß, nach Hause zurückzukehren, in ihr zu völliger Reise gelangt war. In bet Zett schtteb sie an Werner folgende Zeilen: „Was sagst Du nun aber dazu, Werner, daß Dein Wunsch, mich nicht auf den Brettern zu wissen, so schnell in Erfüllung gehen soll? Ich bin fest entschlossen, die Theaterlaufbahn aufzugeben unb mich bem Konzertgesang zuzuwenben. Ich wollte baS Höchste erreichen unb zu bem Zweck mußte ich mich auf dem Gebiet versuchen, welche» ja wohl die Heimstätte höchster Kunst sein soll. Mein Freund! Wenn da» Publikum, da» un» zujubelt ober nach Samte verdammt, tiefere Blicke hinter bie Szene tun könnte, wenn e» ohne all ba8 Blendwerk der Schein- luelt bie Interpreten der Wecke unserer Musikheroen schauen könnte — kleinliche, engherzige Menschen würde eS finden, Menschen, die untereinander in ewiger Verbitterung leben, von denen einer dem andern den kleinsten Erfolg mißgönnt und jeden Fehlschlag beS anberen mit innerer Genugtuung empfindet. Weder Freundschaft noch Aufttchtigkeit gibt eS da und je höher solch dn Kunstinstitut in den Augen bet Wett steht, je geringer ist bie Kameradschaftlichkeit der Zugehörigen Die findet man eher noch bei den Mitgliedern der Wandertruppen, den ^Proletariern der
Die alten Theaterhabituös tuschelten untereinander: „Wunderbarer Wuchs und seltene Stimmittel, jutr ein bißchen zu steif, Bühnenroutine fehlt noch.' ' „Bühnentalent fehlt,' hatte sich der gefürchtete Kritiker der X.'schen Zeitung eingemischt. „Ich habe dafür ein geübtes Auge, die junge Dame ist eine hervorragende Sängerin, aber eine dito Schauspielerin wird sie kaum werden.'
Und auch Heinz Dornau war trotz Renates glan- ,enden: Erfolg etwas kleinmütiger geworden.
„Schade, schade,' murmelte et einigemal vor sich hin und als ihn seine Frau fragen b anschaute, sagte et hoch nur wieder: „Schade!'
Sie verstand ganz gut, aber für sie gab c8 kein „schade' Ihr saß die Erregung über ihres Kindes herrlichen Gesang noch in allen ©liebem. Nein, wer so singt, wer von ber Natur so begnabet ist, für ben gibt eS auch anbere Wege, seine Kunst zu entfalten, al» nur bie Theaterbretter. Weniger verlockenb, weniger blenbenb vielleicht war baS ZukunstSbllb als Konzert- eber Oratorienfängerin, aber auch weniger aufregend und imgdrübter, von Intrigen unbehelligter. Eine Feindin hatte Renate nun ja schon auf jeden Fall. Die Ventls wird der Elisabeth nie vergesse«, daß sie an einem Abend von ihr verdunkelt worden war, und fe höher die Gunstwogen deS Publikums gehen, je kampfbereiter stellen sich bie Kollegen ben Begünstigern gegenüber. Wie Befriedigung überkam Beate die Ueberzeugung, daß Renate bem Theater nut periodisch angehören würde. Ihr wäre eS schon recht gewesen, wenn sie gleich morgen schon den Vertrag umgestoßen Jiäite un° "fit ihnen nach Berlin zurückgekehrt wäre.
geworden, seit be8 Hauses Tochter fehlte. Auch Werner hatte Berlin ganz verlassen. Et hatte seinen Referendar gemacht und gleich eine An- «b *5» rtorswermaltungsressort gefunden. Der alte wtnnSeck wat seiner zunehmenden Kränklichkeit wegen «anz nach Wtesbaden übergesiedelt und Sigurd Walldorf überhaupt nicht mehr nach Berlin zurückgekorn-
Wort „ Fortwursteln' ist angewandt worden.
Ich sehe nichts von Stagnation. Wenn der Reichstag die ihm angetünbigten Vorlagen erledigt, dann wird er mit Genugtuung darauf zurückblicken können, tdche Arbdt geleistet zu haben. (Sehr richtig I recht».) Unb ist es denn richtig, daß diese Vorlagen so geschäftS- mäßig nüchtern find, daß so bedeutsame Vorlagen der Sozialpolitik, der Rechtspflege usw., Fragen, die Jahrzehnte lang auf daS heftigste von ben Parteien umstritten worden sind, deren Lösung alS dringendes politisches Bedürfnis bezeichnet werden kann, in dem Augenblick jedes politische Interesse verloren hätten, wo wir praktisch an ihre Lösung herantreten wollen? (Sehr richtig! rechts.) Ich verschließe meine Augen nicht vor der parteipolitischen Erregung, die das Land durchzieht. Aber weite «reise wollen auf die Dauer nicht von der poetischen Sensation und nicht von bet Verärgerung leben. (Sehr richtig! rechts und im Zentrum.) Eie wollen eine Politik ber Stetigkeit und Festigkeit im Innern und nach außen. (Sehr richtig I rechts und int Zentrum, Zurufe der Sozialdemokraten.) Keine Nation verträgt es auf die Dauer, durch sensationell zugespitzte parteipolitische Streitigkeiten in Atem gehalten zu werden. (Sehr richtig! rechts.) DaS schadet unS, und dazu find unsere Berten nicht angetan. Wer sich, wie Deutschland, seine Stellung in nüchterner Arbeit erworben hat, der kann sie auch nur in solcher Arbeit behaupten, und wie es niemals eine einzelne Partei oder eine einzelne Parteirichtung gewesen ist, die Deutschland chr Gepräge gegeben hat, sondern wie babd alle Kräfte des Volkes mit« gewirtt haben, so muß eS auch in Zukunft bleiben. Darin spricht sich die Ueberzeugung aus, daß es einen Zwang zum Schaffen gibt, ben die Volksgemeinschaft jedem ihrer Glieder auferlegt, und die Gewißheit, daß dieser Zwang auch die gegenwärtigen Irrungen und Wirrungen überdauern roirb. (Beifall rechts.)
Reichsschatzsekretär Wermuth beginnt unter allgemeiner großer Unruhe im Hause. Der Präsident sucht mehrmals durch Glockenzeichen Ruhe zu schaffen. Rur mühsam bringt die Stimme des Redners durch. Der Schatzsekretär weist darauf hin, daß mit dem Hauptetat auch ber Nachtragsetat dem Hause vorliegt und erläutert die Richtlinien, nach denen der Etat auf- gestellt ist. Jetzt sehen wir zahlenmäßig vor Augen, ut welchem Maße wir bereits dne Reihe von Jahren hindurch an einen chronischen Defizit gelitten haben. (Sehr richtig!) DaS ist keine neue Entdeckung von mir, sondern es war berdts der Anstoß zu den neuen Reichsfinanzgesetzen. Aber nachdem diese jetzt zustande gekommen find, muß unbedingt ber Ausgangs' punkt gewonnen werden, der Anfang damit gemacht werden, durch einen auf Jahre hinaus berechneten Finanzplan unsere gesamte Finanzgebahrung so zu formen, daß eine Entwickelung, wie die hinter unS liegende, vermieden wird. (Sehr ttchtig!) Der Redner erläutert dann Einzelheiten des Etats und schließt: Bei dem Etat für 1910 haben wir vor allem Sparsamkeit walten kaffen. Einern über» mäßigen Anschwellen des Beamtenapparats wollen wir »otbeugen. Der Etat steht streng auf dem Standpunkt: Keine Ausgaben ohne Deckungen. Unsere Finanzwirtschast befindet fich an einem Scheide- roege. Ich hoffe, sie wählt einen Weg, der zwar nicht ohne Dornen und Entbehrungen ist, der aber auf festen Grund und Boden führt. (Beifall.)
Abg. Frhr. v. Hertling (Ztr.): Meine politischen Freunde sind der Ansicht, daß der vorliegende Etat im großen und ganzen einen günstigen Eindruck macht, schon deshalb, wdl es gelungen ist, die Anleihe des außerordentlichen Etats um 50 Millionen herab- zusetzen. Der Staatssekretär hat sehr wohl getan, bei Ansetzung des Ertrags der neuen Steuern so vorsichtig zu »erfahren. Es war eine unglaubliche Verkennung der Sachlage, wenn in der Presse behauptet wurde, der Etat bekunde bereits das völlige Fiasko der Steuervorlagen. (Hertk. rechts u. im Ztr.) Darüber konnte doch von Anfang an kein Zweifel fein, daß die neu bewilligten Steuern und Zölle von Anfang an nicht den Ertrag bringen würden, ben sie im Beharrungszustande zweifellos bringen werden. (Sehr richtig! rechts und im Ztr.) Der vorliegende Etat rst uns ein Beweis dafür, daß die von uns mit so viel Mühe unb Anstrengung verabschiedete
Finanzreforrn
als befriedigend und erfolgreich angesehen werden darf. Es wird zu untersuchen sein, ob es
Mangel sein, schon bezüglich der wirtschaftlichen Interessen. Und hier hat das Zentrum stets ge» acht, die mittlere Linie sestzuhalten. (Beifall im
Zentrum.) Es ist durchaus falsch, wenn man das Zentrum als eine einseitige agrarische Partei hinstellt. Es unterstützt in gleicher Weise bie berechtigten Forderungen von Handel und Industrie. Zu den Gegensätzen wirtschaftlicher Interessen treten leider noch andere unerfreuliche Gegensätze hinzu. Der Nationalitätenhader, von dem wir heimgesucht sind, hat in den letzten Jahren leider nicht ab., sondern zugenom- men. Es ist in der Tat dn starkes Stück, wenn ein deutscher Staatsbürger dafür, daß er fein Wahlrecht ür einen bestimmten Kandidaten bei der Stadtver- ordnrtenwahl ausübt,
gemaßregelt
roirb, well der Kandidat polnischer Nationalität ist. (Hört, hört! im Zentrum.) Ich sehe in der Polenpolitik, wie sie feit einer Reihe von Jahren vom größten Bundesstaat betrieben wird, kein Ziel und kein Ende, ich vermisse in dieser Politik vollkommen das Programm eines vorausschauenden Staatsmannes, der sich dessen bewußt ist, was mit Machtmitteln des Staates überhaupt erreichbar ist. (Sehr richtig! im Zentrum.) Zum Nationalrtätenlampf kommt nun auch noch der unselige konfessionelle Zwiespalt. Der Kampf gegen den katholischen Volksteil ist dem einen Zweck, dem andern Mittet zum Zweck. Wo er Zweck ist, da entspringt er einer direkt feindseligen Ge- itnnung gegen die katholische Kirche und ihre Institution. Den Vertretern einer solchen Gesinnung gegenüber ist ;,ü sagen, daß sie sich daran gewöhnen muffen, daß im Deutschen Reiche zwanzig Millionen Staatsbürger katholischer Konfession Irt-n, daß dies« Manzig Millionen katholischer Staatsbürger den An« pruch haben und erheben, innerhalb der allgemeinen Staatsgesetze nach den Grundsätzen ihres religiösen Bekenntnisses zu leben; daß diese zwanzig Millionen Staatsbürger katholischer Konsesfion den Anspruch auf volle staatsbürgerliche Gleichheit haben (Lebhafter Beifall im Zentrum); diese Gleichheit ist aber nicht erreicht, so lange an irgend einer maßgebenden Stelle noch der Grundsatz herrscht, daß Katholiken zu bedeutenden Staatsämtern gar nicht oder nur aus«, nahmsweise herangezogen werden. (Rufe links: Aha l). Bei dieser Bekämpfung des katholischen Volksteils hat. rch nun Irider bei einem großen Teil des Volkes wieder^ ein hohes Maß politischer Unreife gezeigt. Man hat dem Volke eingeredet, daß dieses böse Zentrum nichts mehr und nichts weniger im Schllde führe, al- bie überwältigende Mehrheit der nichtkatholischen Staatsbürger gleichsam zu vergewaltigen. Solange das deutsche Volk solche Märchen glaubt, so lang« hat man ein Recht, von seiner politischen Unreife zu sprechen. (Sehr wahr! im Zentrum.) Wenn dieser Kampf seine Spitze ganz besonders gegen das Zentrum richtet, so sage ich denen, die eS angeht t „Wir sind hier und bleiben hier!' (Stürm; Beifall im Zentrum.) Ich muß hiervon sprechen, well man immer wieder behauptet hat, daß wir als „Ion« essionelle" Partei aus dem Rahmen des Verfaffungs- taates herausträten. Ich weiß ja, daß ich damit wie«' der ihrem Widerspruch begegne, aber sagen muß ich es doch, wdl es unsere Ueberzeugung ist und wett es der Wahrheit entspricht: W i r s ind
keine konfessionelle Partei.
(Stürmischer Widerspruch und Gelächter links.) ®enn Sie das bestreiten, dann lesen Sie doch gefälligst unser Programm, bann verfolgen Sie unsere Geschichte feit. 1871. Wir find allerdings, insbesondere in der Zett des Kulturkampfes, für die bedrohten oder »erlümmew; len Rechte der katholischen Staatsbürger eingetreten, aber wir haben niemals für die Katholiken mehr Recht«, verlangt, als für bie Andersgläubigen. Aber ich will, Ihnen sagen, woher der Schein der Konfesfionalität kommt. Für die Interessen ober die verkümmerte»! Rechte anderer Konfessionen einzutreten, hatten wir niemals Anlaß, wohl aber hatten wir Anlaß und' haben wir auch heute noch Anlaß, für die bedrohte»' und oertümmerten Rechte der katholischen Konsesfion! einzutreten. Diesen Schein der Konfesfionalität und; diesen St«» des Anstoßes können Sie mit Leichtigkeiti beseitigen: Helfen Sie dazu, daß die Be«. schwerden ro eggeräumt werden, die wir früher schon erhoben haben, daß die gesetzliche Beschränkung, der Religionssrriheit, wie sie in einzelnen Staaten noch besteht, beseitigt wird, dann haben wir ja keinen An»!
möglich roirb, doch am ordentlichen Etat einen Abstrich zu machen. Diese Abstriche wünschen wir nicht »er« wendet zu sehen zu einer Verminderung der Matnkular- beiträge, sondern wir wollen versuchen, die Ansätze des außerordentlichen Etats zu verringern und auf den außerordentlichen Etat hinüberzunehmen. Um Sparsamkeit bitten wir sehr; denn darüber kann kein Zweifel bestehen, daß wir für absehbare Zeit dem deutschen Volke keine weiteren Steuern auferlegen dürfen. (Wiederholtes Hört, hört! links.) Zur
auswärtigen Politik
kommt der Redner auf die Worte der Thronrede über das Marokkoabkommen und den Dreibund zu sprechen unb meint, diese Ausführungen würden all- gemeine Zustimmung im deutschen Volke finden. Italien werde auch nach Beendigung seiner Minister- krisis zum Dreibund halten. Ueber unsere friedliche und freundschaftliche Gesinnung England gegenüber brauche wohl nichts mehr zugefügt zu werden. Auch die Mißstände im Kongobecken seien lern Grund für eine Entzweiung zwischen Deutschland und England. Bei der augenblicklichen KrifiS in England sei es wohl glaublich, daß die englische Berfaffungsgeschichte in diesem Augenblick an einen bedeutsamen Wendepunkt angelangt ist. Besonders interessant für uns ist die Frage, ob England, das rassische Land des Frei«
and eis, fich »um Schutzzoll bekehren wird. Das wäre allerdings ein frappantes Gegenstück zu den Bestrebungen bet uns, unsere bestehende Wirtschaftspolitik in Bahnen zu lenken, die der englischen Freihandelspolitik entsprechen. (Beifall rechts unb im Ztr.) — Unb nun noch em paar Worte zur inneren Lage. Wir haben, fett wir uns nach den schweren Kämpfen des Frühjahrs und Sommers getrennt haben, eine
Steuerhetze
in Zeitungen, Versammlungen unb Flugblättern erlebt, wie sie häßlicher gar nicht gebucht werden kann. <Lebhaster Beifall rechts und im Zentrum, Widerspruch und Gelächter links.) Es istdabri rinsolches Ueber- maß von Unwahrheiten, von Verdrehungen und absichtlicher Irreführung (Sehr wahr! rechts und im Zentrum, Widerspruch unb Lärm links) zutage getreten, daß man darüber nur staunen kann. Man hat es so hingestellt, als ob es bisher eine Erbschaftssteuer überhaupt noch nicht gegeben habe, obschon sie doch schon in einer ganzen Reihe von Bundesstaaten besteht; man hat dem Volk vorerzählt, roeitn bie Erbschaftssteuer bewilligt worden wäre, wären überhaupt keine indirekten Steuern nötig gewesen. (Lebh. Hört, hört! u. große Hritk. rechts u. i. Ztrti Um daß Maß der Torheit voll zu machen, hat erst kürzlich ein Blatt geschrieben, das Zentrum habe die Erbschaftsstener abgelehnt, weil durch die Erbschasts- steuer der .Erbschleicherei des katholischen Klerus" rin Riegel vorgeschoben werde Dader handelte es sich bei dieser Vorlage bekanntlich nur um die Einbeziehung des Kindeserbes und des Erbes deS Aszendenten und Deszendenten. Ich weiß nicht, ob nicht gegenüber dieser Verdrehung unb dieser Irreführung eine wirk- famere Aufklärungsarbeit auch seitens der Regierung am Platze gewesen wäre. (Sehr richtig! rechts und im Zentrum.) Es ist nur zu wünschen, daß bie Verbitterung, die dadurch vielfach hervorgerusenroorden ist, sich mit der Zeit wieder legen wird; es ist insbesondere zu wünschen, daß die durch die neuen Steuern zwar veranlaßte, keineswegs ober zu rechtfertigend« ungeheuer«
Preissteigerung
gewisser Waren allmählig wieder zu einer normalen Preisbildung herunter gehen möge. Wenn es freilich wahr ist, was gestern versichert wurde, daß bereils dre sämtlichen deutschen Zündholzsabriken sich zu entern Syndikat vereinigt haben, bann rotrb das beutsche Volk allerdings wissen, daß der übermäßig hohe Preis nicht durch die neuern Steuern herdei- ae führt worden ist, und dann könnten wir es vielleicht auch bedauern, daß wir nicht den Weg gegangen sind, den Zeitungsnachrichten zufolge Oesterreich beschreiten will nämlich statt des Syndikats ein Staatsmonopol einzüführen. (Sehr richtig! rechts und im Zentrum.) Ich hoffe, baß die Erregung, bie die Kämpfe um die Steuerreform beruargerufen haben, allmähtig wieder einer ruhigeren Uebertegung Platz machen wird. An Gegensätzen wird auch dann in Deutschland kein
Deutscher Reichstag.
Sitzung vorn 9. Dezember 1909.
Haus und Tribünen sind sehr stark besetzt, befon- oers auch die Diplomaten- und die Bundesratsloge. Auf der Tagesordnung stand bie erste Lesung des
Etat».
Der neue Reichskanzler
v. Bethmann Hollweg: Der neue Etat ist mit be« anderer Vorsicht ausgestellt worden. Die, Eirmahmen md so veranschlagt, daß sich nach menschlicher Voraus- icht das Ist mit dem Soll decken wird. Allen An« orberungen für die Aufrechterhaltung unserer Wehi> macht ist genügt. Mit ben Regierungen werden die Parteien darin übereinstimmen, daß es unsere erste Ausgabe ist, bem Reiche eine solide Fi bahrung zu sichern. (Sehr nd)tig!) Unb bei ber Lösung dieser Aufgabe werden auch di« Parteien wieder zusammen arbeiten müssen, d r« üb er den Steuern auseinandergeraten sind. Man hat gefragt, und man hat diese Frage mit Vorwürfen begleitet, weshalb die Regierung in ben Kamps über bie Steuervorlagen nicht eingegriffen hätte. Unrichtigen Berechnungen sind die verbündeten Regierungen in einer großen Reihe von Berichtigungen unb aufklärenden Artikeln entgegengetreten. St« haben es allerdings getan, ohne sich in die Parteipolemik einzumischen, well das keinen praktischen Erfolg gehabt hätte. Dazu war die politische Erregung zu groß, da- isür ist die Kritik an jeder neuen Steuer zu leicht. (Sehr richtig! rechts und im Zentt.) Genau rote im Suli sind die Regierungen noch heute überzeugt, baß nur dank ihrer Zustimmung zur Finanz« ireform möglich werden konnte. Ihnen einen Etat worzulegen, ber eine allmähliche Gesun- bung unserer Reichsfinanzen verspricht. (Sehr richtig! rechts.) In ber Thronrede sind bie hauptsächlichsten Gesetzesarbeiten bezeichnet worben, die den Reichstag diesen Winter beschäftigen werden. Man hat zum Teil erwartet, daß zu bem aktuellen Pr o - gramm noch ein allgemeines hinzukommen roirb. Diese Erwartung entspricht, rote mir scheint, in erster Linie Partenücksichten. So entfliehen es die Parteien von jeher adgelehnt haben, Regierungspartei zu sein, o wenig roirb in Deutschland jemals eine Regierung Partetregierung fein können. (Sehr richtig! rechts. Stürmische Unterbrechungen durch bie Sozialbemotraten. Präsident Graf Stolberg btitet um Ruhe. Lebhafter Beifall rechts. Stürmischer Widerspruch links.) Nein, bas wird sie nicht sein. (Erneute Unterbrechungen bei ben Soztalbemokraten. Abg. Ledebour (So,.) ruft: Wir haben bie schlimmste Parteiregierung, bie ronservcrtiv- klerikale Parteiregierung! Zustimmung links, heftiger Wiberfpruch rechts. Der Prästbent schafft Mit der Glocke Ruhe.) Die Schwierigkeiten, bte sich daraus ergeben, mit ihnen hat noch jeder Staatsmann ju kämpfen gehabt. (Sehr richtig.) Gewiß, der Radikalismus hat ein Interesse daran, ganz Deutschland in zwei politische Lager zu trennen 1« nach ber Stellung, bie die einzelnen Parteien zu einzelnen Teilen der Steuervorlage eingenommen haben; er wacht ausgezeichnete Geschäfte babei. (Sehr richtig! rechts.) Aber bieser Dualismus ist eine Täuschung, bie zwar zu Parteizwecken ausgenutzt, bie aber trotz der Verbitterung, die bei uns eingejogen ist, auf bte Dauer nur sestgehalten werben tarnt, wenn zum Schaden unserer politischen Entwickelung große Parteien auf Ihre Geschichte, auf ihre Traditionen unb ihre Ziele i t,ten wollen. (Lebh. Zustimmung rechts, Lachen l v. Fress, u. So».) Ich kann keinen Vorteil sehen, ben bas Land davon hätte, wenn es gelänge, den Gegensatz, der sich übet die neue« Steuern entwickelt hat, nun für alle Ewigkeit auf unsere gesamte polttische Entwickelung fortroirlen zu lassen. (Sehr richtig!) Eine absprechende Kritik hat die gegenwärtige I Situation dadurch besonders zutreffend kennzeichnen zu müssen geglaubt, daß sie von einer Periode ber Stagnation sprach. Ja, auch bas geschmuckvolle
men. Durch Werner nur hörten sie, daß er ErlinS- hütte übernommen und dort vorläufig noch der schwe- yungernoen woueö™ *»« ren Ausgabe gegenüberftimbe, sich einzuarbeiten. Die ! Beifall nicht, den ihm seine deprimierende Arbeit einalten WalldoffS waren nach Dresden gezogen; ihre bringt. Aber bei uns? _ ---
Mittel erlaubten ihnen jetzt, ihren Wohnsitz nach eigenem Wunsch zu wählen, und für Dresden hatte Frau Erna immer geschwärmt, fett sie, noch als junges Mädchen, dort einmal ein paar Wochen verlebt hatte. Beates still innerlicher Wunsch ging nun wohl nicht in Erfüllung. Renate war viel zu gewissenhaft, einen eben geschlossenen Vertrag ohne Grund zu brechen, aber nach Jahr unb Tag hatte sie die Freude, ihr Kind wie»