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Fulda, Donnerstag den 9. Dezember 1909

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Kvstes Wkcrtt.

V Staats^ozialismus in der Schule

Renate, vei

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gibt'» kein Entrinnen mehr.'

Zornig, mehlet kaum mächtig, stieß ich den Mann, der au» dem kahlberechnenden Liebhaber auf einmal ein Mlicher werd« wollte, von mir.

Mr standen un» beide gegenüber, ich in heftigem Zorn, er blaß bi» an die Lippen. So überraschend war ihm mein Vorgehen, daß er sich schwer zurechtfin- de« konnte. Ich bS in seinem Besicht da» maßlose Er­staunen über diesen Audgana seiner Werbung. Me konnte ihm — ihm da» geschehen? Er war meiner doch so sicher gewesen, hatte gemeint Mir zugreifen zu brmlchen, um mich al» dankbar ergeben« Braut zu

Du de» alten reichen ManSeck Enkelin. Da» hätte wohl keiner gedacht, daß Du noch einmal solch ein Goldfischlein mit großen Erbansprüchen werden wür­dest, Du kleiner Findling!'

Mir war'», al» könne ich mich nicht rühren, so ab­gestorben war mein Innere». Kalte Berechnung sür Liebe — Steine statt de- Lebensbrote» hatte mir der Mann, an dem mein junge» Herz gehangen, geboten und, oß wärt ich eine Sache, über mich verfügt. War ich denn in Suggestion, daß ich da» alle» mit angehört hatte, wie ein willenlose» Medium, da» gehorchen muß? Flüsternd« Liebesworte drangen auf einmal an

Nun liegt die Stunde hinter mir, al» wären Zet» kn darüber hin gegangen. Ich lerne schon überwin­den.

Da» Mailänder Studium hatte Renate nicht in dech Maß« befriedigt, wie sie gehofft. E» war ihr dabet ge­gangen, wie allen Menschen, die mit zu großen Erwav, hingen an eine Sache Herangehen. Sie hatte ihren Italienischen Aufenthalt deswegen abgekürzt und w« schon nach 6 Monaten nach Wien übergefiedelt. Bo« dort schrieb sie enthusiastische Briefe. Die anmutige Donaustadt mit chren gemütlichen Leuten gefiel ihr viel besser al» da» vielgepriesene Italien. .Wenn'» nicht in Berlin sein kann, dann möchte ich hier immer leben', hatte sie gleich im ersten Monat an die Pflege» eliern geschrieben. Und in Wien, unter dem Einfluß ihre» Lehrer», hatte sie sich denn auch entschlossen, ein Bühnenengagement anzunehmen.

Heinz Dornau war sehr befriedigt von diesem Re­sultat, viel mehr al» Beate ,bie Renate» Entschluß ziemlich fleptisch aufnahm.

.Mag sie'» versuchen, Heinz, bei der Bühne bleibe« wird sie doch nicht.'

Er hatte sehr überlegen gelächelt.

.Laß sie nur erst Erfolg haben, Beate, der Ehrgeiz treibt fie dann von selbst auf dieser Dahn weiter. Du gehörst ja wohl auch der Oeffentlichkeit an und bist nicht abgestumpft gegen Anerkennung, aber Du hast keine Ahmng, wie diese den Schauspieler elektrisiert und in Bann schlägt. Und Erfolg muß Renate haben, ihre Stimme und ihre Erscheinung sichern ihr von

mein Ohr.

.Den Brautkuß sollen Deine Lippen mir freiwillig Meten, Du kleine Widerspenstige l Gesehnt haben wir un» ja beide danach. Oder willst Du'» noch immer leugnen in herbem Mädchenstolz? Rützt nicht» mehr, Renate, verstrickt hast Du Dich im eigenen Garn, jetzt gibt’» kein Entrinnen mehr.'

sehen.

.Bist Du von Sinnen,' tarn’» endlich über seine Lippen.

.Nicht von, aber sehr bei Sinnen, Sigurd. Wer sollte da» nW sein, der eine Stund« lang Dein« kühlerwägend«« Demonstrationen mit anzuhören ge- itoungen war? Statt LiebeSwerbe« rein sachliche Au»- einandersetzung — zum Herzbrechen komisch.'

.«bet Renate, ich schwöre Dir. daß ich Dich (leie.*

Da lachte ich schallend.

.Du hast mich in allem mißverstanden, Renate.'

^a, mißverstanden in alle«, da hast Du recht.'

vomhetein die Gunst de» Publikum».'

Sie »oren beide zu Renate» erstem S Wien gdommen. Sie hatte die Elisabeth häutet zu singen gehabt.

Da» überfüllte Hau» hatte gedröhnt von dem Bei« fall, den man der jungen Sängerin gesollt; dagegen wat selbst die Venu» in den Schatten gestellt worben, obgleich sie der Menet anerftmnter Liebling war. Aber so etwa» von Stimme hatten die Menet über­haupt lange nicht gebärt, so etwa» von jugendlich war­mem Schmeh, von entzückender Reinheit und vollkom­mener Schulung.

Dortsetzung folM

. Deutsches Reich.

Zentrum und Hansabnnd.

Soeben ist eine Broschüre, betitelt: »Nach dem Kanzlersturz' von Ernst Walter, erschie- nen. Sie verdankt dem grimmigsten Haß gegen da» Zentrum ihre Entstehung. Bemerkenswert .st in dieser Beziehung schon, waS der Versaffer über die Unzufriedenheit weiter Kreise mit den gegenwärtigen politischen Verhältnissen zu Anfang der Broschüre sagt. ES heißt da:

.Die Entrüstung gegen die Totengräber des Blocks ist »u einem großen Teil weniger auf die neuen Steuern »urückzuführen — denn ohne Konsumsteuern wäre e» auch bei Annahme der Erbschaftssteuer nicht abgegan- gen — als vielmehr auf den Sturz des Fürsten Bülow und den Widerwillen, den der größte Teil des deutschen Volkes gegen die Zentrumsherrschaft empfindet . . . . .Fürst Bülow alS Stützer der Zentrumsherrschaft er- reute sich daher auch in so hohem Maße der Sym­pathien des deutschen Volkes.'

Diese Aussührungen enthüllen erneut den wahren Charakter der liberalen Steuerhetze. Nicht die neuen Steuern sind es, welche die Liberalen zum Kampfe gegen daS Zentrum auf­stacheln, sondern lediglich der Umstand, daß „Fürst Bülow al» Stürzet der Zentrumsherr, schaff" seinen Abschied nehmen mußte, weil es ihm nicht gelang, mit dem Block daS große nationale Werk der Finanzreform zu vollbringen.

Man kann sich denken, daß Ernst Walter sein Haupt fchmerzersüllt verhüllt, wett daS Zentrum noch immer existiert, der Block aber nach einem kurzen Dasein schnell den Weg alles Zeitlichen ging. Ernst Walter hofft jedoch, auch das Zentrum endlich denselben Weg in die Ge­filden de» Todes wandeln zu sehen. Vom Hansabund erwartet er, daß dieser seinen Dolch dem Zentrum endlich ins Herz stößt. Dieser Gedanke wiederholt sich in zahlreichen Wendun- gen der Broschüre. So lesen wir:

„Das eigentliche Kampfgebiet des Hansa­bund e s liegt jedoch auf keinem anderen Parteigebiete, als auf dem des Zentrums. Gegenüber dem Zen­trum wird eS sich erweisen müssen, ob der Hansabund eine größere Bedeutung im politischen Leben Deutsch­lands erlangen wird. Sollte er nicht genügenden Ab­fall vom Zentrum zu bewirken vermögen, um dessen gegenwärtige ausschlaggebende ©teUung im Reichstage aufzuheben, so wird er durch eine Spal­tung desselben einen Teil für sich gewinnen müssen.' . . . .Das Ende der Zentrumspartei des Reichstages in ihrer gegenwärtigen Stärke und Einheitlichkeit kann daher für die nächsten Wahlen erwartet werden.'

Diese Zitate dürften genügen, um zu beweisen, daß der Hansabund dem Zentrum als Todfe ind gegen üb ersteht, wie die Broschüre an anderer Stelle mit dankenswerter Offenheit selbst bemerkt. Um sein Ziel, die Schwächung oder wohl gar die Beseitigling des Zentrums zu erreichen, setzt der Hansabund dort ein, wo auch schon andere auf einen Zerfall des Zentrums spekulierten:

.Die verschiedenartigsten materiellen Interessen, die in der Zentrumspartei vertreten find, werden sicher früher oder später einmal ihren gegenwärtigen Bestand erschüttern. Der neugegründete Hansabund aber wird nur im Fördern dieses Prozesses sein« Lebensaufgabe finden können.'

Angesichts dieser Kampfansage deS Hansa- bundes gegen da» Zentrum ist für jedes Mit. glied der Zentrumspartei die Stellungnahme klar und unzweideutig gegeben. Kein Gewerbe­treibender, der Anhänger deS ZentrumS ist, darf den Hansabund durch seine Mitgliedschaft unterstützen.

Daß die staatsabsolutistischen Tendenzen der ateruna in Hinsicht auf bte Schule tatsächlich

i die Religion und die Kirche treffen, steht außer allem Zweifel und ist vielen Herren der Regierung ganz gewiß auch äußerst angenehm. Aber »ch möchte dafür halten, daß diese Wirkung nicht bte ,««rst und mit Vorzug beabsichtigte ist. DaS gebt schon daran» hervor, daß der Religion ja auch n, der neuen Schulordnung ein wichtiger Platz be- taffen werden soll; dies geht ferner auch daraus hervor, daß di« Regierung ganz gewiß nicht die Abficht hat, die evangelische Kirche durch bte ge­plante Schulgesetzgebung zu verfolg«, unb zu ver- Nichten. Rein, waS matt null, ist dieses. Die Schule soll alleiniges Wirkungsfelb bes Staates fein; e» soll auch Gottesfurcht unb Religion m ihr gepflegt werben, aber im Namen und nach be« Weisungen des Staates. Und da die evangelish Kirche ihrem Wesen nach so wie so schon Staatskirche ist, so hat man es mit der Absetzung der evangelischen geistlichen Schulinspek­toren bis jetzt auch gar nicht so eilig gehabt, im Gegenteil, mau hat sie noch vermehrt. Es liegt auch gar kein Grund vor, von Staatswegen aus an dieser Gepflogenheit etwas zu ändern. Die evangelische Ktrche ist in ihrer heutigen Verfassung ja schon vollauf Staatskirche geworden. Aber bte katholische Kirche ist baS Hinbernis; nicht nur läßt sie selb« in ihren inner» Angelegenhetten kein prinzipielles Eingreifen des Staates zu, sonbern sie wirft sich zudem auch nach außen stets zur Verteibigerin b« individuellen Freiheit be» Einzelmenschen, bet Familie unb ber Ver­bände auf. Daher bte staatsrechtliche" Notwendig- kett, ihren Einfluß auf allen Gebieten zu brechen, ganz besonder» auch in der Schule. So endigt di« Schulkampagne de» Staates allerdings im Kulturkämpfe, ab« ihren Ausgang nimmt sie von Staatssozialismus bezw. vom Staats-

Ich drückte die Hände auf mein wildpochende» Herz. .Sior allen Dingen habe ich da» hi« mißverstanden — Mädchentorheit l'

.Sentimental warst Dt, nie, Renate, ich glaubte, ich spräche zu dem Mädchen, da» mir von Kindhett an al» denkend bekannt war. Hätte tch gewußt, daß Du verliebt« Phrase» vernünftiger Aussprache vor- zichst —'

„So hättest Du Deinen Angriff anders geregelt, meinst Du. Zu rebrcffieren ist das nun nicht mehr, Sigurd, ich bin Dir int Gegenteil dankbar, daß Du mich von bomberein hast in Deine Karten blicken lassen. Du bist Deiner Mutter echter Sohn — da» hätte ich längst wissen können. Ihre Theorie ist die der Herzlosigkeit, woher sollte bei Dir das Herz kommen? E» ist schon gut, daß au» un» beiden kein Paar ge­worden ist, schon Deiner Mutter wegen, unb sollte e» Dir nahe gehen, daß Du Dir den vornehmen Gold­fisch hast entschlüpfen lassen, so sei Dtr zur Beruhigung gesagt, daß ich mich n'emals zur ManSeckschen Familie zuzählen nwtbe. Ich bin unb bleibe Renate Dornau und meiner Kunst bätteft Du mich auch nie abwendig machen können. Ich bin stolz darauf, Künstlerin zu fein, unb werde mein Licht nicht unter den Scheffel stellen, keinem zuliebe. Da» hättest Du mit in den Kauf nehmen müssen und schon deshalb ist e» besser, daß e» so gekommen ist.'

Ich Un bann allein fortgegangen, um die Eltern aufzusuchen. Rach einer ganzen Weste erst tauchte Sigurd Wied« auf. Et sah furchtbar »«ärgert au8 und verabschiedete sich sosott. .Er wollte die nächste Straßenbahn benutzen, um schnellet nach Berlin zu- rückzukommen, da « die Absicht hab«, noch heut« nach Freiberg zurückzusahteu.' Wit hielte« ihn nicht auf. Un» allen war e» eine Erleichterung, daß er ging. Wit fuhren auch bald nach Hause. Mein Zorn wat ver­bucht, die Gebe, die große Gebe hielt nun ihren Ein- jug in mein Herz. Stunden hindurch habe ich In d« Nacht geweint Wie klug bet Mund auch geredet, da» Herz kennt keine Logik, da» muß erst überwin­de« lernen, still für sich, btt t» vo, selbst zur Ruh« kommt

36. Jahrgang.

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♦ Berlin, 8. Dez. Betreff» bet Einführung von SchiffahrtSabaaben habe« ble Regierungen von Sachsen unb Baden, bie bekanntlich beibe vo» b« Einführung von Schiffahrtsabgaben nichts roiffe« wollen, eine Denkschrift abgefaßt, bie jetzt veröffertt licht wirb. — Wie ble „Deutsche Tageszeitung' hört, ist bem Bundesrate bereits ein Gesetzentwurf zuge­gangen, besten Gnmbzüge in b« Einführung bet Kontingentierung beS Kalibergbaues, verbunben nut ein« Probuktionssteuer, beruhen.

4- Ein bedauerlicher Formfehler. Wäh- rend man in dm Kreisen der Kriegsveteranen gehofft hatte, in nächster Zeit in den Genuß der Veteranenbeihilfe zu kommen, die der Reichstag ihnen durch die Annahme eines Ge­setzes vom 13. Juli 1909 zugesichert hatte, wird etzt bekannt, daß der Entwurf vom Bundesrat nicht angenommen werden kann, weil im Ent­würfe de- Reichstags, der aus einem Initiativ­antrag hervorgegangen war, ein Formfehler — die Bestimmung deS Inkrafttreten- ist fortgelassm rootben — unterlaufen sein soll. Aus diesem Grunde ist auch die konservative Interpellation, bie sich mit bieser Materie beschäftigte, vorläufig zurückgezogen worben. Sollte sich biete Meldung bestätigen, so wäre bas für bie Veteranen aller- dingS eine wenig angenehme Weihnachtsüber­raschung. ES wirb bann wohl nichts werter übrig bleiben, als burch eine Novelle baS In­krafttreten bes Veteranengesetzes zu bestimmm.

** Die Abschiedsworte des Grafen Zedlitz- Trützschler bei seinem Austritt auS dem Ober­präsidium bet Provinz Schlesien werben in bet ,Schles.Ztg/ veröffentlicht. Diese außerordentlich sympathischen, bescheibenen unb würdigen Wort« unseres ehemaligen Oberprästbmtm werben auch bei unS in Kurheffm einen Wiberhall finden, Graf Zeblitz-Trützfchlet sagte bei feinem Scheibmr

„Arn heutigen Tag« schloß tatsächlich, wenn auch nicht formell, bte Arbeit eines langen Lebens. DaS Ist ein Schnitt durch wein Herz, unb da ich mit alte« Fasern meine» Lebens an Amt unb Pflicht häng», seh« ich die Bande zerreißen, die mir eigentlich baS Beben lebenswert machen. Ab« mein« Zelt ist gekom­men, und ich sehe meine Kräfte auf der absteigend«» Kurve. Da habe ich mich entschlossen. Seine Majestät zu bitten, mich in Gnaden in da» Privatleben zurück-, treten zu lassen, und er hat e» genehmigt. Ich möchte um de» Amtes und um meinetwillen nicht gern rot« ein abgestorbener Ast abgesägt werben, sondern «- h o betten H.auptrS hinubrrtreten in den letzten Ao« schnttt meines Lebens, voll Dankbarkett im Herz«» Tw bie Güt« unb Nachsicht, für bie Hilfe und das Wohl« wollen, bte ich hi« rote überall in meiner dtenstiichen Laufbahn erfahren habe, unb bte st« mir so köstlich gemach» haben. Ich darf in voller Aufrichtigkeit und ohne jede falsche Bescheidenhett Ihnen sage», baß ich nie hoch von mein« Begabung, meinen Leistungen und Erfolgen gedacht habe. Ader eins darf ich von mir behaupten: ich bi» allezeit bestrebt gewesen, alle» herzugeben, was in meinem Wesen war im Dienst« de» Königs und des Volkes, in Ernst unt> Pflicht, in Gerechtigkeit und Hingabe bis zum letzten Blutstropfen. Unb ich bin niemals eigene Wege gegangen, ich hab« niemals meine Ehre und meinen Vorteil gesucht.'

♦ Die Deutsche Vereinigung, bte bekannt« jen« trumsfeindliche Vereinigung, hält am 12. Dezember in Düsseldorf ihre Generalversammlung. Interessant ist, daß ein Vortrag, der in dem offiziellen Organ der Vereinigung angtlünblgt war, in dem Programm nicht angeführt wird. Er sollte handeln über Partei» Politik in den Selbstverwaltungskörpern. Dari« sollte offenbar der bekannte Lehrsatz d« Deuffchen Vereinigung bargelegt werden, daß die polittsch« Richtung mit d« Kommunalverwaltung nicht» zu tu« hätte. Warum hat man diesen Vortrag nachträglich fallen gelassen? Anscheinend hat man nach dm» Ver­halten btr Liberalen in der Düsseldorf« Krankenhaus« frage denn doch wohl gerade Düsseldorf für dm um geeigneten Ort gehalten, um den beabsichtigten Vom

abfolutiSrnns.

ES scheint mir diese Feststellung von ganz ein­schneidend« Bedeutung zu sein. Betonen rott nicht ausschließlich den kirchenfeinblichen Charakter b« RegierungSplSne hinsichtlich bet Schule; sonst rotrb uns gleich vorn RegierungStische aus beteuert, an einen Kulturkampf denkt bie Regierung nicht. Wetsm wir vielmehr auch barauf hin, welche Entrechtungen unbKnechtungen bieGemeinben unb Familien — trotz btt augenblicklichen Liebkosungen ber Re- giernng —in Zukunft übet sich ergehen lassen müssen, wenn sie nicht mit bet Kirche sich zusammenschlteßen unb mannhaft gegen bie Bestrebungen bet Re- gierung ankämpfen. Ein ähnliches LoS rotrb bte Lehrer treffen. Sie werben nach unb nach voll- stänbig ber Staatsomnipotenz überantwortet werben. Kampf für bte Freiheit ber Gemeinbrn und Familien muß ebenso gut bte Parole lauten, rote Kampf für bie Kirche. .

Was hat ber Staat nicht schon bie Schule tn seine absolutistischen Fesseln geschlagen! Wit haben ut»8 schon so seht batan gewöhnt, daß rott es gar nicht mehr recht empfinden. Wir haben ben Schul­zwang unb finben nichts mehr batan, wir haben bie ZwangSschule unb taffen eS unS gefallen, wir haben bas Schulmonopol in weiterem Sinne unb geben uns zufrieden. t , ,,

Wenn bet Staat nut unserem materiellen Eigentum so schalten unb malten würde, wie mit unseren Kindern, diesem teuerften unb höchsten Eigentum, welch ein Sturm b« Entrüstung mürbe ba entstehen! Leiber haben wir uns biefen Staats­sozialismus in bet Schule schon so weit gefallen lassen, obwohl eS für ba8 Gemeinwohl durchaus nicht notwendig war, denn auch ohne Schulzwanr unb ohne Zwangsschule unb ohne Schulmonopol kann ein Vock ein ebenbürtig« Konkurrent in wirt» schastlichm unb kulturellen Wettbewerb« sei», wie unS Belgien lehrt!

Wollen wir uns noch etnen wett« sortichrettenben Staatsabsolutismus in b« Schule gefallen lassen?

Irrende Seele.

<7] Roman von H. Teichert.

„Laß un» zu Ende kommen, Renate,' sagte et Jtelf. »„Weswegen ich heute schon mit Dir spreche. Ich hone von Rolf ManSeck, daß Du den Vorschlag Deine» Großvaters, zu ihm zu ziehen und fortan »n fernem Hause als seine Enkelin zu leben, rundweg abgffchlagen hast. Ich möchte Dich zu bestimmen suchen, diesen Ver­zicht zu widerrufen und während Deiner Brautzeit ISDetn Domizil dort aufzuschlagen. Fürunsere später» Gesellschaftliche Stellung und für die Plan», die tch für Mich persönlich habe, ift es durchaus notwendig, daß Ich mir meine Frau aus hochangesehener Familie ge» iholt habe. Bei dem Einfluß, den ich al» Besitzer de» größten oberschlesischen Hüttenwerkes dereinst i» d« Provinz haben werde, ist mir der Landratsposten de» KreiseS sicher — wenn natürlich die Verhältnisse tat 'Hause stimmen — Du verstehst —'

„Vollkommen.'

, „Und stehst ein, daß es geraten ist. Deine» Groß­vater» Anerbieten anzunehmen.'

„Ganz entschieden.'

„Gott sei Dank, daß Dir daS einleuchtet! Dann foirft Du auch begreifen, daß diese projektierte Studien- ,reise nach Mailand ausgegeben werden muß. Offen ge­standen, eine Idee, die mehr wie shocking war. Eta» jungt Dam» ganz allein nach einem fremden Land»! Hast mehr als genug gelernt unb warum zwecklos Geld unb Zeit vergeuden? Die opulenten Mittel, Me Dir Dein Großvater zu diesem Zweck bewilligt — di» Renntni« dieser Tatsache habe ich von Tante Beate —, .foaren wir zu unserer Hochzeitsreise. Da sollst Du 8-Ä^.""uen lernen, Rena, von Venetien bi» zur 'Eudivitze. ünter meiner Aegide wirst Du auch wirk­lich Genuß und Nutzen davon haben. Ich habe Im Vorigen Sommer einen großen Teil d« sonniam Halb- Insel durchwandett und »ockenntaiffe von Lcmd und Leuten. Unb geht'» nur an, wollen wir lebt» Iaht Pnt größert Steife machen. Zu knausern brauchen wir Licht. Erlin»butte arbeitet gut und ntchtumsonst bist

Nur ein Blind« kann es leugnen, baß die ganze Bewegung zur Abschaffung ber geistliche» Schul» ausstcht tatsächlich bahm führen wirb, bte Schule bem Staate vollenbs auszuliefern.

Seich« hatte bie Gemeinbe noch ein gewichtige» Wort ln Schulangelegenheiten mitzureben; auch b« Ktrche war ein gewisfer Einfluß gesichert, derart' daß wenn ÄÄ ÖÄÄÄ Ab« rote? Sollte man beibe Faktoren zu gleicher Zeit ausschatten? Da» wär« ein aussichtsloses unb gefährliches Unterfangen gewesen. Besserhandelt man in solchen Fällen nach bem Grundsatz Dmde et impera. Teile unb herrsche! Und zwar nimmt man denjenigen Gegner am ersten vor, besten Em- 'fluß man als ben größeren ansieht. Die Kirche, unb speziell bie von leb« Staatsautorttät unab­hängige katholische Kirche, ist jeberzeit ber sicherste Hort b« individuellen Freiheit, bie wärmste Ver­teibigerin ber Famltienrechte gewesen. Darum muß ,fie zunft um all ihren Einfluß gebracht werben. Die Gemeinben köbert man mittlerweile burch allerlei Rechte, bte sie auf Kosten bet Ktrche em­pfangen - später läßt sich ja sehen, wieweit man diese Zugeständnisse aus Gründen b« Staatsratson weiterhin gewähren ober zurückziehen soll.

Wir möchten also, im Gegensätze zu ber herrschen» ben Auffassung, in bem Bestreben, bte geistliche Schulaussicht zu beseitigen, an erst« Stelle nicht so sehr ein antikirchlicher, al8 vielmehr ein staats» absolutistisches ob«, wenn man will, etn fiaatSsozialistlscheS Vorgehen erblicken. Man müßt« ben regierenben Kreisen boch wirklich wenig Einsicht zutrauen, wenn man annehmen wollte, fie 'wüßten nicht, wie nichtSsagenb bt« hergebrachte» Einwürfe gegen bie technische Tüchtgkett b« Seistlichen Schulinspektoren seien; man müßte bie iegierungen wirklich zu benen zählen, bte nichts gelernt unb nichts vergessen haben, wenn man chnen bie Auffassung unterschieben wollte, b« Einfluß ber Religion auf die Schule, speziell auf b,« Volksschule, 'sei gering zu bewerten ob« sei gar ber Bildung unb Erziehung b« Jugend hinderlich. So glaube Ich wirklich nicht, baß bie geiMche Schultaspektton als solche an «stet Stelle b« Stein bes Anstoßes ist. Ich glaube auch nicht an spezifisch kulturkämpsertsche Gelüste bet Regierungen bei beten Bestreben zur Abschaffung btt geistlichen Schulaufsicht. Daß solche Gelüste bei ben liberalen unb sozialistischen Parteien, in ben liberalen unb sozialistischen Zeitungen vorherrsche»!» finb unb in ben Be­strebungen btt Regierung eine höchst willkommene Bunbesgenossenschast erblicken, ist ganz gewiß nicht zu bestreiten. Vielmehr scheint mir der Ansturm bet Regierung gegen bie geistliche Schulaufsicht mit Vorzug auS staatsabsolutistischen Erwägungen bttvorzugehen. Ober haben wir nicht in ben letzten Jahren auf allen Gebieten bes öffentlichen Lebens biefe Neigung zutage treten sehen? Haben rott nicht gehört von bet Stärkung bet lanbrätltchen Macht gegenüb« ben Kreiseingesessenen unb Ge» meinben? Will man nicht bas Rich teil olle- flturn unter bie Aufsicht eines Präfekten stellen? Will man nicht aus ben Schulkollegien ba» «kollegiale System' ausschalten? Trägt bi« Gesetz- gebung gegen baS Eigentum btt Polen nicht einen eminent staat-sozialistische» Charakter a» bet Strrn? Unb roa» wat bie Erdschaf tssteuervorlage in bet Fassung, wie fie von ber Regierung vor« gelegt unb von bet liberalen unb sozialistischen Partei befürwortet würbe, anbers als ein staatssozia» ItscheS Attentat auf bas Privateigentum?__________