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Wahrstansi
Fulda, Mittwoch den 8. Dezember 1309
30 281
Zweites Mtatt
4< Landflucht und Stadtflucht.
an den Verwalter in Biesen (bgL Kleinbesitz', herausgegeben von R.
i. Ehrenberg, Ser»
ltche Mitglieder deS berühmt und bekannt ge-
Meines Feuittetou
volkswirtschaftlicher und soziales.
(♦) Nach der letzten Berufszählung vom Jahre 1907 sind nach den jetzt vorliegenden Schlußzahlen von der Gesamtbevölkerung Preußens, die sich auf 57 989 393 Personen stellt, als erwerbend tätig ermittelt 16 782 892, davon sind 15 970 745 Erwerbstätige im Hauvtberuf und 812147 bei der Herrschaft lebende Dienstboten. Danach sind -14,2 v. H. der Gesamtbe- VZlkerung erwerbend tätig, 55,8 v. H. nicht erwerbend, und zwar sind 19139 357 oder 50,4 v. H. berufslose Selbständige. Im Deutschen Reiche insgesamt sind demgegenüber 45,5 v. H. der Gefamtbevölkenmg erwerbend tätig 49 v. H. Angehörige und 5,5 v. H. Berufslose. Aus einer andern Aufstellung geht mit auffallender Deutlichkeit hervor, daß die l a nd - un d forstwirtschaftliche Bevölkerung nicht einmal mehr ein Drittel der Gesamtbevölkerung aus-
handen ist. Recht belehrend ist in dieser Hinsicht der Brief eine» früheren ländlichen Vorarbeiters aus Mecklenburg, der dann in der Kaiserlichen Werst in Kiel beschäftigt war. Er schreibt unterm 18. August 1908 an den Verwalter in Bresen (bgL .Landarbeit und
murf beschlossen, daß für bestimmte Gewerbezweige, in denen Hausarbeiter in größerer Zahl und zu ungewöhnlich niedrigen Löhnen beschäftigt werden, Lohnämter eingerichtet werden sollten, welche auf Grund der orts- und berufsüblichen Löhne Mindestzeit- oder Mndestjtücklöhne für einen bestimmten Zeitraum fest- zusetzen hätten. Diese Forderung soll in dem neuen Entwurs nickt berücksichtigt sein, womit sich der Reichstag aber wohl nicht zuftieden geben wird. Auch die von der Kommission geschaffene Bestimmung, wonach Tarifvetträge zwischen Hausarbeitern und Arbeitge- bem auch auf solche HauSarbeiter Anwendung finden müssen, die an dem Abschluß des Tarifvertrages nicht beteiligt waren, soll keine Aussicht auf Annahme haben Zunächst wollen wir mal den Entwurf abwarten Wenn sich die Regierung mir nichts dir nichts über die Kommissronsbeschlüsse hinwegsetzte, würde es einen harten Kampf geben, und den zu vermeiden hat die neue Regierung allen Grund.
Kuverte geben, das find aber Enveloppes.' ich Kuverte bestelle, bekomme ich immer solche mit der Aufschrift: Enveloppes." (Deutsch ausgesprochen.) So hatte ich Briefumschläge gefordert,. EnveloppeS erhalten, aber Kuverts bezahlt! . . .
wordenen Wahlausschusses sind nach dem „Bayer. Sur." in der Versenkung verschwunden mit Ausnahme des Altbürgermeisters ,der es bis zum dritten Ersatzmann brachte! Die liberalen Blätter werten tiefe Gemei-idewahl ihren Lesern nicht Mitteilen.
)( Aus dem Entwurf zur Regelung der Hausarbeit, der bekanntlich außerhalb des RahmenS der Gewerbeordnung noch in diesem Winter dem Reichstage zugehen soll, werden mehrere Einzelheiten gemeldet, deren Richtigkeit sich nicht prüfen läßt. Bekannüich hatte die Reichstagskommisflon zu dem letzten Ent-
vermischtes.
* Ein Wahlkuriosum ist auS der Gemeinde Ensheim in der Pfalz zu berichten. Bei der letzten Ge- meinderatSwahl waren bei etwas über 300 Wählern rund 200 Kandidaten aufgestellt.
* Dem Zeppelin-Nordpol-Unternehmen hat daS Reichsamt des Jnnem den Fischereidampfer „Posei- bon* für die 1910 auszuführende Expedition zur Verfügung gestellt. Während der Wintermonate wird da» Schiff in Geestemünde umgebaut werden. Die Aufgabe des Dampfers soll darin bestehen, die Einrichtungen für die anzulegenden Stationen der Expedition nach Spitzbergen zu bringen.
** Todessturz eines Luftschiffes. Am Montag stürzte bei A n t i b e s in Südfrankreich der Luftschiffer Fernandez, der mit seinem Zweidecker Flugversuche unternahm, plötzlich mit feinem Apparat zur Erde und war auf der Stelle tot.
• Ein inttieijanur historischer Fund. In der Heizungsamage der Kirche von Himmelkron bei Behieuih wurde der <?a-g einer Hohenzollernprinzes- sin gefunden, die 1591 gestorben ist. Die gestickten Teile der Kleidung, mit oct Vie Tote angetan war, sind noch verh'l nismoßig gut erhalten. Auch zwei Kindersärge wurden in der Himmelkroner Kirche aufgesunden. In dem genannten Orte geht die Sage, daß dort die „weiße grau* begraben liegt
Deutsches Reich .
* Die Billigheimer Wahlafföre ist noch in aller Erinnerung: Bei der Landtagswahl in Billigheim in der Pfatz kamen — der Wahlausschuß war ausschließlich von Liberalen besetzt — weniger ZentrumS- sttmmen heraus, als laut eidlicher Aussage von Zen- trumrwshlem abgegeben wo dm waren. Die Sache kam zum gerichtlichen Austrag, und man scheute sich in den liberalen Blättern nicht, zwischen den Zellen an« zudeuten, es sei hier von den als Zeugen vernomme-
lin 1909):
. . Ich wohne jetzt in Kiel-Garden feit dem 1 April, wo e» mit nicht am besten gefällt. Wir verdienen ja ganz schön Geld, die Woche im Durchschnitt 25 Mark, aber in solcher Großstadt ist eS soviel wie gar nicht» . , . Nichts kommt doch über Landarbeit. Ich arbette auf der Werft bei den Zimmerleuten (eS ist meist Mord), wo die großen Kriegs- und Handels- schiffe gebaut werden. ES ist auch nicht leicht, die schweren Balken zu tragen. Ich möchte doch gern wieder auf« Land . . . Nun möchte ich an Dich den Vorschlag machen, ob Du vielleicht keinen Ausweg machen kannst. Ich bin ja noch rüsttg und kann immer noch jede Arbeit machen ...
Der emfte Wille, wieder aus der Stadt in die Heimat znrückzuwandem, war durchaus vorhanden. Ebenso bei einem anderen Arbeitet, bet gleichfalls gerne wieder jur Landarbeit zurückgekehrt wäre. Sie wären dem früheren Arbeitgeber auch ganz willkommen gewesen, denn sie waten tüchtig gewesen und hatten sich gut geführt. Und doch zerschlug sich die Sache. Die Leute waten ohne alle Mittel für den Umzug und für die Einrichtung eines landwirtschaftlichen HaushallS. Landflucht ist eben leichter als Stadtflucht!
Sorge man dämm allenthalben für Aufklärung besonders der jungen Leute auf dem Lande, damit sie einerseits nicht so ganz unvorbereitet und schutzlos in die industriellen Verhältnisse geraten, wie das heute so viel noch der Fall ist, und damit sie mich mit klarem Bewußtsein ihre jetzigen und künftigen Verhäünisse abwägen können und imstande sind, auf jeden Fall ihren Vorteil zu wahren.
nen Zentrumswählern ein Meineid geschworen worben. Die Zenttumsstimmen waren meist von Katho- ■ fiten — in Billigheim sind nur wenig Katholiken — abgegeben worden, aber auch von einigen Protestanten, von denen einer bald starb; bei dessen Begräbnis kam es zu argen Skandalen, Weil der tote Protestant die Kühnheit besessen hatte, Zentrum zu Wählen! Die Landtags-Rachwahl bestätigte die Aussagen vor Gericht auf’8 glänzendste: Nicht nur die erste von katholischer Seite behauptete Wahlziffer wurde erreicht, son- bern sogar relativ bebcutenb übertroffen. Den Schluß-
ininmenbeu industrielle Arbeiter unb Arbeiterfrauen bmmen im späteren Verlauf im Grunde nur deswegen n jahrelange Rot weil Re zur Zeit, als sie noch un-
— Bom Halleyschen Kometen. Bei der riesigen ©ntfemung des Sanger warteten von uns entzieht er sich immer noch dem unbewaffneten Auge. Der Astronom Searle hat berechnet, daß die Erde am 20. Mai 1910 durch den Schweif de» Halley hindurchsaufen wird. Leider wird sich die Erscheinung kaum sichtbar »lachen, da die Schweifteilchen die Erde fast nur auf her Sagfeite treffen. Fühlbar wirb uns die Begegnung, wie zur Beruhigung für ängstliche Gemüter ge- Kfei, gar nicht Werben, die Erde hat solche Kometen-
hgänge schon mehrfach ohne Schaden erlebt.
— Em Schwabenstücklein. Wie Gott einem Freidenker seinen Daseinsbeweis erbrachte, erzählt uns folgendes erbauliche Geschichtchen: Johann Georg Huschwedel, Nagelschmied seines Zeichens, war auf der Wanderschaft in einem aufgeklärten Thüringer Städtchen zur Herberge. Da war alles davon voll, daß am Abend ein Freidenker einen Vortrag über das Dasein Gottes halten werbe Schön, dachte Huschwedel, das kannst du einmal mit anhören, besonders da der Eintritt nur sechs Kreuzer kostet. Der Abend kam, und her SBanberrebner auch unb ließ seine Lasterreden los. Als Knalleffckt am Schluß rief er: „Wenn ein Herrgott wäre, so würbe er nach allem, was ich gesagt habe, einen Engel schicken, mit an den Kopf zu schlagen/ Da wallte dem ehrlichen Schwaben sein Blut unb er brummte: „Das kann ich scho' b'sorge, da braucht's koin Engel darzue, du Bürschle, du frech's!' Und ehe der Maulheld sich zurückziehen kann, hat er seine zwei Ohrfeigen, die nicht von schlechten Eltern sind: „En schöne Grueß von unferm Herrgott. Wegen dem Strick schickt mer koin Engel vom Himmel 'runter. Da tut’? der Huschwebel!'
Aus dem Nachbargebiete.
„tt“ Flieden, 7. Dez. 1909. Einen fei. tenen „Fischzug" machte dieser Tage ein hiesiger leidenschaftlicher Angler. Er hatte seine Geräte am Hause aujbewahrt, jedoch so, daß der Angelhaken an der Schnur einige Zenti- meter über der Erde baumelte. Als er nun, durch überlautes Gänsegeschrei veranlaßt, in seinen Hof schaute, sah er zu seinem Erstaunen eine seifte Gans, die fürchterlich schrie und zappelte, an dem kSderlosen Angelhaken hängen. Da der Angelhaken durch den oberen Teil des Schnabels hindurchginz und nicht gut zu entfernen war, schnitt der Mann einfach der Gans den Kopf ab unb glaubte so zu einem guten und billigen Gänsebraten zu gelangen. Zu seinem Bedauern mußte der Fischer jedoch feststellen, daß er eine seiner eigenen Gänse „geangelt" hatte. — Durch die starken Regensälle der letzten Tage sind am südlichen. Eingänge des Di fiel- rasen - Tunnels gewaltige Erdmassen gern licht, deren Beseitigung einige Wochen dauern dürste. Infolge des Rutsches muß ein Teil der Tunnelarbeiter, namentlich Maurer, einige Zeit aussetzen. Auch bei dem Bahnbau auf der nördlichen Seite des Distelrasens kann teilweise durch die heftigen Regengüsse der letzten Tage unb die dadurch verursachte Versumpfung des Bodens nicht gearbeitet werden.
* Schlüchtern, 4. Dez. 1909. Nach der kürzlich vorgenommenen Personenstandsaufnahme zähll Schlüchtern 8427 Einwohner. Bei der letzten Volkszählung hatte unsere Stadt 2998 Einwohner
/ — Die Schulkinder vom Berliner Weihnachtsmarkt herbannt. Vier Wochen vor Weihnachten beginnt auf ben Straßen der Reichshauptstadt ein recht bizarres Loben Man meint, bie ganze Stabt wäre in einen großen Jahrmarkt verwandelt. An allen Ecken unb Enben finb Buben aufgeschlagen mit allerlei Weihnachtsartikeln unb an manchen Stellen gleichen bie Straßen wahren Tannenhainen. Unter ben Straßen- hänblem befanben sich bisher zahlreiche arme Kinder, die allerhand Kleinkram, Hampelmänner, Wachskerzen, Gold- unb Silberflitter und sonstigen Schmuck für ben Weihnachtsbaum feilboten. Jeben Menschenfreund mußte es rühren, wenn er biefe armen Kinder in ihren armseligen, zerlumpten Kleibern vor Kalte zitternd an Straßen und Plätzen stehen sah, Wie sie mit bittenden Blicken ben Passanten ihre Waren entgegenhielten. Die bebauemSwerten Kinder standen meist im Dienste von Unternehmern, bie ben Gewinn zum größten Teil in ihre Tasche steckten unb bie Kinder mit einer Kleinigkeit abfertigten. Die Berliner Polizei hat inzwischen angeorbnet, daß in Zukunft Kinder unter 14 Jahren nicht mehr zum Straßenhandel zuge- .lassen Werben bflrfen. Diese Maßnahme ist nur zu begrüßen, denn die paar Pfennige, die die Kinder hier verdienten, wiegen ben Schaben nicht auf, ben fügten Regen unb Schnee ihrer Gesundheit zu-
i T Die geliebten Fremdwörter. Kürzlich trat ich 7’° ErzMt ein Leser der „Sagt. Rdsch" - in Städtchen in einen Papierlaben unb Lobl Kuv^-i-^^r-^E^^umschläge. „Sie meinen rächst) ausgesprochen)?' .Nein, ich E . "3a, die werben aber Kn-
L sn®Ur' bfnn 0ebcn S'e mir solche!" 8$ erhalte das Verlangte, aber was sieht auf dem .Umschlag? Envelovves .Sie wollten mir bock
ES ist schon oft barauf hingewiesen worben, daß ber Abzug ländlicher Arbeitskräfte in die Stadt deren Lage durchaus nicht immer verbessert.
Und selbst bei solchen, bie anfangs — be- sonders solange sie »och unverheiratet finb — sich rein finanziell besser stellen, als sie es auf dem Lande hatten, kehrt sich die Sache vrelfach völlig ‘um sobald sie mit dem gleichen Lohne wie ftüher nun auch noch eine Familie erhalten und ernähren mus- fen. ES kommen bann später, gar manchem bte Fleischtöpfe ber Industrie nicht mehr so nahrhaft vorm als es ihnen zuerst geschienen', wurde darum mit Recht schon auf dem Kongreß ber christlichen Gewerkschaften zu München (1903) betont. Aehnlich hat auch vor einigen Monaten bet Gewerkverein christlicher Bergarbeiter (roch vor übereiltem Abzug in bie Stabt gewarnt.
Gar allzuviel scheinen biefe Mahnungen indes nicht gefruchtet zu haben. Zwar haben nach ben Jahresberichten ber deutschen landwirtschaftlichen Körperschaften für die Jahre 1908/09 die Zustande schärfster Leutenot sich in etwa gebessert. Die gewerbliche Depres- sion der letzten Jahre hat ihren Einfluß doch merkbar auSgeübt. Aber allzu große Hoffnungen darf man herauf keineswegs setzen. Wohl ist in dieser Zeit die Abwanberung etwas zurückgegangen, und die Fülle, in denen durch die Arbeitsämter der landwirtschaftlichen .Körperschaften Arbeitskäste sich vermitteln ließen, ha- ben sich nicht unwesenttich erhöht. Jedoch ansgehört ober auch nur burchschlagend sich vermindert haben bte Abwanberungen auch In dieser Zeit nicht. Sobald bann aber in ber Industrie wieder eine bessere Konjunktur eintritt — und sie ist ja schon im Werden — tbenfobalb werben sicher bie alten Zustände vielleicht sogar in verschärfter Form wieder auftreten.
Da mag es wohl an der Zeit sein, darauf wieder hinzuweisen, daß auch in der Stadt nicht alles Gold ist, was dem weltfremben Kinde des Landes als solches; 'stleißen mag, ober Was ihm von anberen in golbigen Farben vorgestellt wirb. Gerade die stillere Winterzeit möchte wohl besonders geeignet sein, in Vereinen
an die Jugendvereinigungen z. B. wärt dabei vor ollem zu denken — oder sonst bei passender Gelegenheit pich auf die Kehrseiten ber manchem so ungetrübt schön erscheinenden städtischen Medaille hinzuweisen, um manches Menschenschicksal könnte man sich wohl rin Verdienst dadurch erwerben. Unb selbst wenn bei -nanchen nur das eine erreicht wirb, daß sie, im Falle sie wirklich abwandern ober in ber Stadt Arbeit fachen wollen, nicht so gänzlich unoorbereüet all den neuen und ungewohnten Verhältnissen gegenüberstehen, Ist schon viel getan. Denn für allzu viele ist bie Abwanderung zum großen Teil nur dämm in vieler Hin- icht ein Schaden, weil sie bie Gefahren nicht kennen, )ie in ber Stadt ihrer warten. Wie viele vom Lande
* Kassel, 7. Dez. 1909. Eine Reihe von türkischen Offizieren sind als Leutnants ä la suite der Armee, ohne Vorbehalt der Prüfungen angestellt und vom 1. Januar 1910 ab verschiedenen Truppenteilen, deren Uniform sie zu nagen haben, zur Dienstleiftung überwiesen. Es befinden sich darunter Hurrem Hussein, Vize- major, dem Jnf.-Regt. von Wittich (3. Kurheff.) Nr. 83 und Kiazim Ferhad, Hauptmann, dem Kurhessischen Pionier-Bataillon Nr. 11 zugeteilt.
♦ Kassel, 7. Dez. 1909. Einem Lehrling wurde in einer Fabrik an der Drehmaschine die rechte Hand in eine große Multerschraube hinein gedreht. Die Maschine konnte zwar sofort zum Stillstand gebracht werden, doch mußte man di« Schraube erst mit Meißel und Hammer zerfchlagen, ehe der Lehrling die Hand wieder freibekam. Er mußte einen Arzt zu Rate ziehen.
△ Marburg. 6 Dez. 1909. Ter landwirtschaftliche Kreisverein beschloß, im Februar einen Schafmarkt und im Juni eine Rindvieh- Ausstellung für Vogelsberger, und Simmen- taler Raffe zu veranstalten. — Bei der Viehzählung wurden im Stadtbezirk 357 Pferde (gegen 344 im Vorjahr), 175 (205) Kühe und Rinder, 249 (79) Schafe, 382 (363) Schwein« und 2 (1) Esel gezählt.
* Wehrda bei Marburg, 6. Dez. 1909. In der Nähe unseres Orts sprang am Samstag eine geistesgestörte junge Dame in die hochgehenden Fluten der Lahn. Die Leiche ist noch nicht oesunden.
* Eisenach, 7. Dez. 1909. Wie notwendig eS ist, vor politischen Wahlen bie Wählerlisten ein- zusehen, beweist eine Notiz ber »Eisenacher Tagespost", welche mitteilt, daß bei Aufstellung der Wählerliste zu ber jüngsten Landtagswahl in Eisenach nicht nur bie Kasernenstraße ganz weggelassen, sonbern auch ber größte Teil deS Jacobsplanes vergessen worben ist. Eine Anfechtung ber Wahl ist aber deshalb nicht angängig. Die Wähler dieser Bezicke, die nicht in bi< Liste ausgenommen worben waren unb somit zur Wahl nicht zugelassen wurden, hätten rechtzeitig von ihrer« Recht Gebrauch machen sollen, die auSliegenbe Lifa einzusehen. Dann wäre auch die Unvollständigkeit rechtzeitig bemertt worben.
* Erfurt, 6. Dez. 1909. Den jüngsten Ausfall eines Prozesses ließ sich ein hiesiger Bürger, der vom Schöffengericht wegen Nahrungsmittelfälschung zu einem Monat Gefängnis verurteilt, von der Strafiammer aber freigesprochen worden war, etwa- kost e n. Der Mann begab sich mit acht Bekannten in ein seines Restaurant, bestellte ein Essen das Gedeck zu 3,50 M. unb begoß den Freispruch mit 30 Flaschen Sekt im Preise von durchschnittlich 9 Mack.
* Bad Wildungen, 3. Dez. 1909. Seit einigen Wochen wirb an der Erweiterung berGlei 8- anlagen auf dem hiesigen Bahnhöfe gearbeitet zu, Anlage bet Gleise für bie Strecke Wilbungen-Buhlen- Lorbach.
* Mainz, 7. Dez. 1909. Der Metzger Peter Knaup, ber schon seit Jahren auf ber Freibank be» Schlacht- unb Viehhoses das Fleisch aushaut, würbe vor einigen Tagen auf frischer Tat ertappt, als er seiner Frau etwa 20 Pfund Fleisch in ben mitgebrachten Korb steckte. i
♦ Biebrich, 6. Dez. 1909. Die WeihnachtS- spatkassen, bie in ben letzten Jahren allerwärt» gegrünbet worben finb, halten in biefen Tagen ihre Abrechnung Seiber finb sie durchweg nicht in ber Lage, Beträge auszuzahlen, wie wohl in früheren Iahten. Ausfälle von 1000 Mark unb mehr gegen bie Vorjahre gehören nicht zu ben vereinzelten Erscheine en Die Schuld trägt neben ber allgemeinen schl-chtea wirtschaftlichen Lage, bie Einrichtung bet Schulsparkaffen, sowie bet Hausspackassen be» Vor» schußveteins respektive ber städtischen Sparkasse.
* Wiesbaden, 7. Dez. 1909. Die Kurdeputation, bie neuerbings zu ber Einführung ber Kurtaxe Stellung nahm, hat bie folgenben Gebührensätze aufgestellt: bei zehntägigem Verweilen 6 und 3 Mack (bie zweite Zahl ist die Gebühr bet Nebenkarte), bis zu einem Monat 20 unb 10 Mack, bi» zu zwei Monaten 30 und 15 Mark und batüber hinaus bis zu einem Jahr 50 unb 25 Mark. Hülfsbedürstigen Fremden kann eine Ermäßigung bewilligt werden. Der Aufenthalt bis zu drei Tagen ist taxfrei. Für bie Benutzung des Kochbrunnens muß eine Extragebühr gezahlt werden.
Ausland.
* Der deutsch-schweizerische MehlzM-Konfliki macht ben Diplomaten große Schwierigkeiten. Die Aussicht auf eine gute Beilegung ist fast verschwunben. Der schweizerische Bunbesrot hat an bie beutsche Regierung eine Rote gerichtet, worin er sein Bedauern darüber ausspricht daß Deutschland eine schiedsgerichtliche Beurteilung des Konflittes ablehnte. Der Bundesrat behält sich in ber Rote alle erforderlichen Maßnahmen vor. Gegenwärtig beträgt der deutsche Mehlimvort etwa ein Viertel des sckwenerischen Gesamtbedarfs.
*♦ Von btr englischen Krise. Die Londoner Kaufleute -.eben avS d-r fauerfcfaticgen Lage in ber Tat die Konsequenzen. Bei der Abholung von Tabak aus dem Zollamt entrichten sie nur bie in dem früheren Budget vorgesehenen Zölle. Ungeheure Mengen Rum wurden auf ähnliche Weise ausgeliefert. Die Kaufleute schicken sich an, große Quantitäten Tee ein» zubringen, ohne irgendwelchen Zoll zu zahlen. — Die Erzbischöfe der englischen Hochkirche haben ein öffentliches Gebet während ber Wahlperiobe an- geordnet.
♦♦ Der Militärlnftschiffahri widmet man in letzter Zett inFrankreich bie größte Aufmerksamkeit. Der Kriegsminister sttlbiert vor allem die Flugmaschi- nen. Die militärischen Leistungen der Lenkballons haben ihn nicht zufrieden gestellt. Er organisiert zunächst den Dienst für die Mannschaft ,die hauptsächlich au» der Artillerie rekrutiert Werben soll. Außerdem wurden die Fragen einer Versuchsstation, einer Son« ftrultion8wertftatt und einer Führerschule erwogen. Die Versuchsstation soll im Süden zwischen der Bahnlinie Marseille—Nizza eingerichtet werden. Man hegt, wie kürzlich bereits mitgeteilt wurde, die Ueberzeugung, die Flugmaschine könne als Angriffswaffe angesehen werden unb sei geeignet, Geschosse zu schleudern. Nach der letzten Meldung aus Paris wird der französische Aviatiker L a th am nach eingehenden Unterhandlungen mit dem Kriegsministerium bei dem nächster Aufstieg mit seinem Flugapparat eine M i- traiteufe mitnehmen.
macht, wie man bisher noch immer angenommen hat;
dafür stellt die zu Industrie unb Bergbau, sowie zu gn,ntt ' Handel unb Verkehr gehörende Bevölkerung über 56 . Prozent der Gefamtbevölkerrmg.
n jahrelange Rot weil sie zur Zett, als sie noch un- ftein zu der Billigheimer Wahlaffäre legte nun die verheiratet Waren, sich frisch und froh in» Stadtleben . eßen stattgefundene Gemeinde wähl. Das Urteil stürzten und die Zukunft nicht bedachten. Wenn dann btr — wir betonen nochmals: ganz überwiegend p ro- oie Gründung einer Familie kommt .fehlen oft die aller- test antischen — Bevölkerung über ben liberalen einfachsten Voraussetzungen, um der Familie auch eine Wahlausschuß von damals ist geradewegs vernichtend, wohnliche Häuslichkeit zu schaffen. Und viele kommen Die Beteiligung bet der Gemeinderatswahl war außer- dann lange mühsame Jahre hindurch au» den Schwie- ordentlich. Von 218 Wahlberechtigten wählten 212. dgteiten nicht heraus und bringen e» zeitlebens nicht Und was war der Ausgang dieser Wahl? S äm t- zu einer anheimelnden FmnilienhäuLlichkeit. Einige '' * "" * 1 ‘ , < - < -«• • - - -
Jahre vorsichtig gespart, vielleicht ein paar Jahre später geheiratet, und alle die Schwierigkeiten hätten sich vermeiden lassen. Unb das spätere Familienglück hätte fausendfach vergolten, was man vorher sich versagt.
Gar manche aber sehnen sich, wenn sie in der städtischen Mühsal stecken, später wieder aufs Land. Dafür gibder Beispiele nicht wenige. Aber bann jst's meist zu spät. Mmi ist der ländlichen Arbeit entwöhnt und nicht minder auch in ben vielen Dingen einfachem, schlichtem Lebensverhaltniffen auf dem Lande. Aber auch noch manche andere Gründe erschweren die •JRütfwanberung, selbst Wenn guter Wille hierzu vor-