Einzelbild herunterladen
 
  

Maer W Zeitung

Fulda, Mittwoch den 8. Dezember 1909

JV3 281

36. Jahrgang.

»,»rige«: vir et» streitige Petitzeile oder bereu Nau« 15 pfg, Beü amen dtepetikzeile 25 Pfg.. bei Wiede» Holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

Sotationrdruckund Verlag der Fuldaer Al> üendruckerei in Fulda Fernsprecher Rr.

monatrbeilager „8uldaer GeschichtsbMer"

Lrfcheim täglich mit Ausnahme der §o.m- nad Feiertage, viertel­jährlicher Bezugspreis ohne vringerlohn und SefteSgeld in Fuldas», »ie auswärts 1-50 ölt

Verautw. Nedakteurr Carl Schütter

wochmbeirag«:Illustrierte8onntagszeitllng"

Erstes Wlatt

verstecken. Gelächelt habe ich über all Vie Bemühun­gen von anderer Seite, Dich zu gewinnen.*

„So sicher warst Du Deiner Sache?*

„So sicher*

„Und dachtest nicht daran, daß die lange WartenS- zeit Mädchenschwärmerei entnüchtert?*

Er lächelte wieder sehr selbstbewußt.

In mir stieg der Zorn in die Höhe.

„Du bist anmaßend 618 zur Beleidigung," sagte ich bebend.

„Renate l* Er nahm meine Hand und behielt sie in der seinen. „Höre mich ruhig an. Du mußt Dir überhaupt abgewöhnen, alle Augenblicke beleidigt zu sein, das würde mich nur abstoßen. Ich liebe an Dir Deinen klaren Verstand, der nichts Weibisches an sich hat. Glaub'« mir, die Frauen haben mich zu sehr verwöhnt, einer Frau, auch selbst der, die ich liebe und der ich angehören will, Sklave werde ich nie werden. An dm Gedanken mußt Du Dich doch von vornherein gewöhnen.*

„Ausgezeichnet! Und woran noch?* Ich bestelle meine Hand au8 der seinen und stützte mich an die Rücklehne der Bank „Sprich Dich doch endlich ein­mal aus.*

Er lachte verlegen.

„Ich will Dir eine Liebeserklärung oder beffer ge­sagt einen emstgemeinten HeiratSantmg machen und, wie es scheint, zanken wir uns schon dabei. Kein verlockende» Prognostikum für unsere Ehe —*

„Sprich doch, bitte, vorläufig nicht von uns, oll gehörten wir schon zusammen. Bet einem Heiratsan­trag fragt man das Mädchen doch erst, ob sie überhaupt einwilligt.'

„Renal Habe ich daS wirklich nöttg? Unsinn! Wir lieben un«, ich biete Mr eine gesicherte Zukunft, angesehen, pekuniär mehr al« glänzend. Kannst Du Dir etwa« Besseres wünschen? Du möchtest mich nach Mädchenart ein bißchen zerren. Aehnlich sieht e8 Dir ja wohl nicht, aber Du bist eben doch auch nur ein Mädchen.* Er nahm wieder meine Hand und küßte sie. „Mit der Hochzeit warten wir noch, bis ich Er- linShüüe übemommen habe, noch bin ich ja Studie- rmder. aber klar sollte eS zwischen uns werdm. bofl

Ich nickte beistimmend, unheimlich still war eS in mir geworden. Meine Ruhe hatte ihn wieder sicher gemacht.

„Daß Du mir beistimmst, ist mir ein Beweis, daß wie durchaus zueinander passen, Renate. Wir werden ein ideales Paar abgeben, unsere Ehe wird tadel«, loS.'

„Sagen wir mustergültig.*

„Mt einem guten Willen Deinerseits ganz be­stimmt. Was an mir liegt —*

„Den Haustyrannen zu verkörpern —*

„Ich werde Dir Deine Rechte nie kürzen,* untev- brach er mich, „wir werden jeder unsere Pflichten ha- ben und jeder in seinem Reich wirken.*

„Singen darf ich wohl nicht mehr?*

Er s«ch mich mißttauisch an. „Wie kommst Du mir eigentlidj vor, Renate? Wie könnte ich Dir dast verbieten? Die Kunst im Hause habe ich immer gr i schätzt. Singen sollst Du, soviel eS Dir nur Dells l HauSfraumpsiichten erlauben. Ich freue mich Deines herrlichen Stimme und werde stolz fein, sie von dank an für mich ganz allein zu haben.*

„DaS kannst Du ja auch. So viel Studium unk jahrelanger Fleiß für enge vier Wände!* !

„Ja, wie denn anders? Ich verstehe Mch wohl nicht recht? Wunderbare Situation, ganz für mich passend! Ich sitze in ErllnShütte, dar Hüttenwerk liegt ganz isoliert, und meine Frau singt da irgendwo in Patt! ober St. Petersburg für Geld, noch dazu fiir Geld! Da« ist eben das Dipttmierende eurer Kunst.*

Er stand auf und ging sehr erregt auf und nieder. Ich saß ganz still und wartete. Biel konnte nun ja doch nicht mehr kommen.

Nach einer Weile setzte er sich wieder und suchte meinen Blick. „Kleine Rena, welch wilde Schößlinge ranken in Dir empor! Sieh nicht so finster aus, eS steht Dir nicht, flar müssen Deine Augen sein und sträube Dich nicht so viel. Mein ist der Bogel, so wild er sich auch gebärdet, war eigentlich immer mein, zu oft hast Du Dich verraten.*

Er wollte mich an sich ziehen, bet Versuch mißlang, ibn ärgerte daS. (Fortsetzung folgt.)

o. Für die religiöse Freiheit!

Die Zentrumsfiafilon deS Reichstages hat am DieM tag folgenden Initiativantrag eingeb rächt r

„Der Reichstag wolle beschließen: den Reichskanzler zu ersuchen, durch Verhandlungen mit den Bund«««, staaten dahin zu wirken, daß Beschränkungendeik religiösen Freiheit, sowett solche bestehen, («tf dem Wege der Gesetzgebung beseitigt werden.*

Die ©inbringung dieses Antrages wird im ganze« katholischen Deutschland freudig begrüßt werden; ist er doch bestimmt, auf die Beseitigung der schmerzlichst empfundenen Ungerechtigkeiten, welche die katholische Kirche und die Ausübung der katholischen Religion im deutschen Reiche noch heute erfahren muß, hinzuwirken. Der Antrag ist nicht, wie man auf den ersten Blick glauben möchte, eine Neu­auflage des alten sogenannten Toleranzantrages, nicht bloß formell, sondem auch matettell ist er von diesem wesentlich verschieden.

Gegen den Toleranzantrag sind bekanntlich von protestantischer Sette Bedenken geltend gemacht wor­den, die dahingehen, daß die Gesetzwerdung der in ihm vorgeschlagenen Sätze mit den Interessen der evangelischen Landeskirche nicht vereinbar sei. Diesen ängstlichen Bedenken trägt der jetzige Antrag Rech­nung. Er sieht auch davon ab, im Wege der Reichs­gesetzgebung gegen die beklagten Zustände Wandel zu schaffen. Bei der Beratung des Toleranzantrages sind von den Rednern des Zentrum? die protestantischen Kreise aufgefordett worden, wenn ihnen der Antrag nicht annehmbar erscheine, dann aus eigenem gesetz­geberische Vorschläge zu machen, wie den Klagen der Katholiken, deren Berechtigung auch die anderen Par­teien nicht ganz abzustreiten vermochten, Entgegen­kommen gezeigt werden könne. Leider ist dieser Auf« forberung weder damals noch später entsprochen wor­den. Auch dem Toleranzantrag ist ein direkter Erfolg nicht beschiedcn gewesen, indem die verbündeten Re- gierungen den entsprechenden Beschlüssen deS Reichs­tages ihre Zustimmung versagt haben. Immerhin ist er nicht ganz erfolglos geblieben. Fürst Bülow

Bon Millionenverlusten kann gar keine Rede sein. Weiter ist unS mangelhafte Wirtschaftlichkeit beim Ver­kauf von allen Schiffen vorgeworfen worden. Wenn ein solche«, wie z. B. der „Etosch", für einen Speztal- zweck angetauft wird, so ist eS natürlich, baß da ein höherer Preis erzieltwirb. Für uns aber ist es ein Laden­hüter. ES handelt sich jetzt wieder um den Verkauf deS „Kaiser Adler*. Wir haben uns die größte Mühe gegeben, überall herumgefragt, um ihn zu verkaufen; eS ist unS nicht gelungen. Soll ich nun das Schiff verfaulen lassen? Weiter hat der Abg. Struve be­hauptet, für den Umbau der „Matte* seien 800000 Mark auSgegeben und nachher sei daS Schiff zum ulten Eisen geworfen. Wir hatten allerdings die Absicht, die „Matte* umzubauen, aber die Absicht ist nicht ausge- führr und die 800000 Mark sind wieder abgestttchen. (Hellerkett unb Hört, hört! rechts. Der Staatssekretär droht dem Abg. Struve scherzhaft mit dem Finger. Große Hettetteit).

Abg. Severing (Soz.) tritt einigen Ausfüh­rungen deS Staatssekretärs entgegen und meint u. a.r Wie wenig ernst eS dem Staatssekretär ist mit feiner Erklärung, daß er aus jede Beschwerde sofott elnschrellen werd», können Sie daraus entnehmen, baß er auf eine Klage meiner politischen Freunde irn Jahre 1905 nicht eingeschritten ist, sondern die ihm unterbreitete Denkschrift als leeres Geschwätz be­zeichnet hat. (Hört, hört! bei den Soz.) Ich mache mich auch anheischig, in der 2. Etatsberatung die Be­hauptung de- Abg. Erzberger zu erhärten, daß Pro­viant und Munitionvon Schiffen verschwunden ist, ohne daß man weiß, wohin die Sachen gekommen sind. (Hött, hört! btt den Soz.) DaS alles ist mög­lich unter dem famosen System Tirpitz. Meine {freunde sind der Ansicht, daß diese ganzen Unter« chlttfe nur infolge des ungeheuren Beamtenheers vorkommen konnten. Sodann wirst Redner dem Werftdirektor v. Usedom Unfähigkeit vor, und dem Korvettenkapttän Simon in Danzig, daß er der Arbeiterschaft gegenüber vermittels einiger williger Kreaturen ein Spionagesystem betrieben habe. Nach Herrn Tirpitz soll eine strengere Kontrolle geübt werden. Das ist den Arbeitern gegenüber bisher schon geschehen, aber man solle lieber andere Leute kontrollieren. Er halte eS für votteilhafter, wenn man mit der G ünst- lingswirtschaft aufräumen würde. Das uneheliche Kind eineS Offiziers sei in das Säuglingsheim der Werft ausgenommen, und der Arbeiter, der diese und andere Dinge zur Sprache brachte, wurde von der Werst entlasten. Das seien russische Zustände. (Beifall bet den Sozialdemokraten.)

Admiralllätsrat HarmS wendet sich gegen einige von dem Vorredner erhobene Behauptungen, die un« richtig seien. Dei vielgeschmähten Korvettenkapitän Simon könne niemand auch nur mit einem Schein von Recht der Spionage beschuldigen. Der Arbeiter sei entlassen worden, weil er sozialdemokratischer Agitator war. (Lärm der Soz.) Soztaldemokratische Agitatoren dulden wir auf der Werft nicht. (Beifall rechts, Lärm b. d. Soz.) Die Ausnahme des Kindes in das Säuglmgs- httm erfolgte auf Bitten eines Werftarbeiters, der der Vater der unehelichen Mutter war.

Abg. Dr. Leonhart (frs. Vp.): Der Staatssekretär ist uns immer noch eine Aufklärung schuldig, weshalb den Sachvetttändtgen der 28erft die Genehmigung zur Aussage oerfagt worden ist. Das hat im Anfang des Prozesses den denkbar schlechtesten Eindruck gemacht. Das Rttchsmattneamt sollte sich einmal bi im Lloyd oder der Hapag erkundigen, wir die die alten Schiffe verkaufen. Für die Kriegsmarine besteht die veraltete Vorschrift, daß alte Schiffe nicht ins Ausland verkauft werben dürfen. Man Hede diese Bestimmung einfach auf, da die Zwischenhändler die Schiffe doch ins Aus­land verkaufen. (Sehr ttchtig! links.) Ich glaube, einige südarnerikanische Raubstaaten werden uns gern ein altes Schiff abtaufen und mehr bezahlen, als die Chabruse. (Heiterkeit.)

Staatssekretär v. Tirpitz erwidert, daß er sich um die politisch« Gesinnung eines Arbeiters gar nicht küm­mere, aber was nicht geduldet werden könne, sei, daß er als Agitator auftrete und Unzufriedenheit im Be- triebe erzeuge. Daß wir zwtt Beamt« in Kiel nicht als Sachverständige zugelassen haben, ist geschehen, weil diese beiden Beamten diejenigen waren, in deren Betttebe Unterschleffe vorgekommen sein sollen. Der Verkauf alter Schiffe an das Ausland klingt sehr ver­lockend. Slber diese Frage kann das Rttchsmattneamt allein nicht entscheiden.

Abg. Erzberger (Ztr.) •. Parteipolitische Bestrebungen wollen auch wir nicht in den Rttchsbettteben dulden.

Slbg. Goiheiu (freif. Bg.) tadelt, daß in der Vor­lage die Wünsche unserer Jndusttte in keiner Wtts, erfüllt würden. Die Hauptschuld daran hat unser uw feliger Zolltarif. (Lebh. Sehr richtig! links).

Staatssekretär Dr. Delbrück: Tatsache aber ist, daß unter der Herrschaft unserer Handelspolitik unsere In« dusttt« in den letzten 30 Jahren einen rapiden Auf­schwung genommen hat. Bei dem norliegenben Gesetz­entwurf mußte unser Augenmerk darauf gerichtet fein, eine Differenzierung unserer nach Portugal eingeführten Waren und Produtte gegenüber denjenigen anderer Länder zu vermeiden. Unb ich bitte Sie, vor Ihrer Entscheidung sich eingehend zu Informieren, in wie wett unsere große überseeische Industrie rin Interesse an dem Zustandekommen des Vertrags hat.

Staatssekretär des Auswärtigen v. Schoen spricht die Hoffnung aus, daß in den Kommifftonsberatungen di» Herren zu der Erkenntnis kommen werden, daß ihre Borwürfe über die Unzulänglichkeit unserer Diplo­matie unbegründet sind.

Abg. Stresemann (natL) wendet sich noch einmal entschieden gegen den Vertrag.

Abg. Pauli-Cochem (Zenlr.) vertritt die Interessen des Moselweinbaues.

Abg. Lehmann (Soz.) bespricht ebenfalls Wein­fragen.

Abg. Eickhoff (freif. Vp.) wendet sich gegen den Verttag im Jntereffe der bergischen Kleineisen - In­dustrie.

Abg. Graf Kanitz (kons.): Der wirtschaftliche Aus­schuß, die berufene Instanz in dieser Frage hat sich fast allgemein mit diesem Vertrage einverstanden erklärt. Nehmen wir diesen Verttag nicht an, so setzen wir un« der Gefahr aus, einen Zollkrieg heraufzubeschroören, bei dem unsere Industrie bedenklich Schaden erleiden muß.

Nach weiterer unwesentlicher Debatte wurde bei portugiesische Handelsvertrag an eine Kommission ver­wiesen.

Donnerstag: Etatsberatung. '

Irrende Seele.

36] Roman von H. Teichert.

Sigurd kam erst gegen abend wieder, wir hatten ftlne gemeinschaftliche Ausfahrt nach Tegel verabrrdet, nur wir vier. Großvater war schon damals verreist, sonst hätte er es sich sicher nicht nehmen lassen, den ^Tag mit uns zu verleben.

Es war köstlich im Tegeler Park. Wenig Menschen und die Lust erfüllt von Malendust. Und inmitten dieser herrlichen Natur, da haben wir beide, Sigurd und ich, uns ausgesprochen — für's Leben, sage ich, einstweilen, meint er.

Er legte meinen Arm in den seinen und lentte un« lsere Schritte in den abgelegensten Teil de» Parke»; fdott setzten wir uns nieder.

„So, Renate, nun wollen wir uns über den heute ^ftüh angeregten Puntt weiter aussprechen,* sagte er, „und über anderes, das eigentlich nicht vieler Worte bedürfte. Im Hauptpuntt sind wir ja schon längst einig, denn lieb haben wir unS beide, ich Dich, Du Mch.*

, So furchtbar überraschend kam mir diese Art der Werbung, daß ich, wie mit Glut übergossen, unfähig war. Irgend etwas zu erwidern Mit tief gesenktem Kopf saß ich da. Da hob er mein Kinn auf und nö­tigte mich, ihn anzusehen Aber eingedenk deS Wor­be», das ich mir selbst, und des Versprechens, das ich rt ” gegeben hatte, vorläufig frei bleiben zu wollen, 'ch den Bann nicht wieder Herr über Mch »er« tnJi» unfreundlich, aber bestimmt entzog ich wem Gesicht seiner schmeichelnden Hand.

'fraefnSr Cmem bestrickenden Blick wurde ein erstaunt

W “J0 Iieb' Renate, liebst mich von willst Du Dich mir jetzt AN 'ch Mr wein Recht einforbem will?* MeÄJÄ Swmd? Dein Recht? Wo stände oas verbrieft?* fragte tch

deinen Augen Renate. Ich habe ihre Sprache Lr iden, so sehr Du Dich bemühtest, sie zu

hielt ich für nötig, damit ich fortan ein gewisses Be- stimmungsrecht über Dich bekomme. In Dein Leben ist ein ganz neuer Faktor getreten und wie mir's scheint, bist Du gewillt, die Vorteile, die Dir daraus erwachsen, sehr nebensächlich zu behandeln.*

' Darauf kam eS also hermis. Er sah mich ftagend an, da ich nichts ertoiberte, sprach er weiter.

„Ich bin nun einmal rin eigentümlicher Mensch. Als ich von Deiner Zugehörigkeit zur Manseckfchen Fa­milie hörte, füllte ich eine gewisse Befriedigung. So hatte mich mein Instinkt doch richttg geleitet. Ich habe immer daS Gefühl gehabt, al» paffest Du gar nicht in daS Milieu, in das das Schicksal Dich ver­pflanzt. Wozu soll ich mich besser machen, als ich bin? Dieses Theaterleben, dem Du einverleibt warst, ist mir antipathisch gewesen von meinen Knabenjahren her und viel Demütiges, was ich Dir vielleicht ange­tan habe, trotz meiner Neigung zu Dir, ist nur auf Rechnung dieser Anttpathle zu schreiben. Angeboren und anerzogen ist mir das Gefühl und, feit ich selbst denken kann, nur fester geworden. Ich kann Deinem Pflegevater meine Achtung nicht versagen, er zieht mit viel Anstand an dem Thespiskarren, aber gut ist es doch, daß er nicht Dein wirklicher Vater ist, in dem Fall —*

„Würdest Du nicht um mich freien?* unterbrach ich ihn mit bebenden Lippen.

Er zuckte die Achseln. Eine dlrefte Antwort scheute er doch wohl, er mochte in meinem Gesicht meine Em­pörung lesen.

„So ist bei Deiner Wahl nicht die Liebe, sondern sind die äußeren Umstände maßgebend?*

„Nicht maßgebend, Renate, Du drückst Dich zu kraß au«, aber mit in die Wage fallend. Hältst Du daS etwa nicht für richtig?*

„Für klug iedenfallS*

„Nun siehst Du. Für dumm möchte ich auf keinen Fall bei Dir gelten und dann merke ich auch, daß je­des Mädchen ihre Zukunft lieber einem klug wägenden Manne anverttaut als einem, der bllndlingS nur der Leidenschaft folgend darauf loSheiratet . Die Berhält- nlffe müssen zusammen paffen, daS sollte Grundbedin- guna leder Ebe fein.*

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 7. Dezember 1909.

Heute wurde bei recht schwachbesetztem Hause die Besprechung über die

Kieler Werft-Angelegenheit fortgef etzt.

x Abg. Lattmann (wirtsch. Vgg.): Es wäre wünschens­wert gewesen, wenn bet Staatssekretär gestern bie vor­gekommenen Fehler freimütiger anerkannt hätte; man hat den Eindruck, a!8 ob bie Mattneoerwattung zu viel hätte vertuschen wollen. 3lnberetfrit8 darf man aber aus einzelnen solcher Vorkommnisse nicht verallgemeinern. Ferner wäre es wünschenswert, wenn der Etaatssettetär mitteilen würde, wie hoch etwa der Verlust ist, den die Marineverwaltung erlitten hat, 'weil im Volke über den Verlust bie ungeheuerlichsten lZahlen verbreitet stnb. Die Vorgänge sinb nicht ge­eignet, uns bie Freude an unserer Marine zu beetn» trächtigen. Wir müssen jedoch verlangen, bah bie Mattneverwaltung rücksichtslos vorgeht gegen ben all­zu bureaukratischrn Geist unb gegen ben Meschoresgeist. .'(Beifall.)

Abg. Werner (Refp.) verlangt schärfere und durch­greifendere Revisionen, damit solche Vorkommnisse nicht 'wiederkehren können. (Beifall.)

Abg. Dr. Struve (frs. Vgg.): Die Schärfe, mtt der der Staatssekretär gestern gegen meinen Frakttons- kollegen Leonhart polemisierte, stach ganz auffallend ab svon der Milde, mit der er Herrn Erzberger antwortete. Warum aber war Herr Tirpitz so erregt? Ahnte er, daß er trotz des Kieler Freispruchs schlecht abschneiden würbe? ®r hat meinem Fraktionskollegen Leonhart den Vorwurf gemacht, er kenne die Bestimmungen nicht Ich weiß nicht, ob Herr Tirpitz selbst alle bie Bestim­mungen auswendig weiß. (Sehr gut! links.) Aber darum handett es sich gar nicht. Herr Tirpitz rühmt sich der Sparsamkeit seines Betriebes. Redner sühtt ■einige Fälle an, wo das Gegenteil von Sparsamkeit sich gezeigt habe. Ein altes Schiff wurde von der Verwaltung für 150000 Mk. verkauft unb vom Käufer zehn Tage später nach Belgien sür 360000 Mk. abge­geben. (Hört, hört!) Die „Marie" wurde um 800000 Mark umgebaut und bann zum alten Eisen geworfen. Von einem sparsamen Verbrauch an Materialien, Koh­len usw. sei keine Rebe. Rebner kommt bann mtt einigen Worten auf ben Prozeß selber zu sprechen unb meint, es sei schlimm, baß Unterschleife In solcher Höhe ■ vorgekommen seien, schlimmer, daß die Unterschieise "zwanzig Jahre lang unentdeckt bleiben konnten, [unb sehr schlimm sei es, baß jetzt nach anderthalb Jahren über die Höhe der Unlerschlttse nicht das geringste habe nachgewiesen werden können, womit der Untersuchungsrichter etwas habe anfangen können. Wie hat es überhaupt kommen können, — oder ist es viel­leicht hier in Berlin gar nicht bekannt, — daß der Erste Staatsanwalt erst einen Tag vor Eröffnung des Pro­zesses den Auftrag erhalten hat, den Prozeß zu führen? (Hört, hört!) Daß der Staatsanwalt sich nun über ote ungeheuren Materien nicht mehr zureichend unter­richten konnte, ist selbstverständlich. Ist daran vielleicht auch eine der beliebten „Bestimmungen* schuld? (Sehr gut! links) Herr Tirpitz, der ein warmes Herz für seine Beamten hat, weist darauf hin, daß die Angeklagten freigesprochen seien. Ja aber Herr Tirpitz . . .

Präsident Graf Stolberg: Herr Abgeordneter, Sie sagen immer: Herr Tirpitz; ich kann zwar dagegen nichts machen, aber ich möchte Sie doch darauf hin- .weifen, daß es hier Gebrauch ist, „Herr Staatssekretär* 'zu sagen; übrigen» heißt et auch nicht „Tirpitz*, son­dern „von Tirpitz*. (Htttetteit und Beifall.)

Abg. Struve (sortsahrend): damit sind die Unter» schleife nicht aus der Welt geschafft. Wenn unsere Kritik als zu scharf befunden wird, so soll man be­denken, daß wir bei unseren Erörterungen nur die Absicht haben, bie Tüchtigkeit unb Schlagfettigkeit der Marine zu heben.

Etaatssettetär v. Tirpitz: Ich habe schon gestern zugegeben, baß Unterschleife ftattgefunben haben. Der Abg. Lattmann hat gefragt, rote hoch etwa bet Verlust der Martneverroaltung fei. Der jährliche Umsatz be­läuft sich auf etwa 300000 Mark; nimmt man etwa 10 bis 15'/« an, so sinb bie Verluste noch lange nicht so hoch, wie in ber Presse behauptet wirb.

Nun heißt eS aber in dem Danziger Falle, der Ar­beiter fei entlassen worden, well er von zuständiger Seite als Agitator bezeichnet wurde. Was ist daS für eine zuständige Seite? Ist das ein Schutzmann? Ein Spion? Ein Geheimpolizist? Wenn die Verwaltung nach der politischen Gesinnung der Arbeiter recher­chieren würde, so wäre das eine Beeinträchtigung der politischen Freiheit der Staatsbürger. Alle Patteien müffen dagegen protestieren. Denn wa? heute der einen passiert, kann morgen der anderen passieren. Heute geht es gegen ben roten Mann, morgen gegen einen anberen. Ich will auf den Skandal von Kattowitz gar nicht eingehen. (Zurufe bei ben Polen.) Wer war es also, der ber Marineverwaltung über daS politische Auftreten der Arbeiter berichtete? (Staatssettetär v. Tirpitz: Der Polizeipräsident!) Auch der hat kein Recht dazu. Wenn ich die Darlegungen des Herrn Staatssettetärs von gestern und heute zu- sammenfaffe, so scheint mir ihre Tendenz dahin zu gehen, es bleibt im wesentlichen alle» beim alten. Der Staatssekretär sollte sich über alle bureaukratischen Bedenken hinwegsehen unb die Forderungen des Mittel­standes hinsichtlich der Vergebungen erfüllen. Es fehlt uns leider noch ein Reichsbeschaffungsamt. Zu meiner Behauptung, daß Auslandsschiffe bei der Rückkehr in ben Heimathafen aus reiner Bequemlichkeit sich ihrer Vorräte dadurch entledigen, baß sie sie über B-orb werfen, hat der Staatssekretär nichts weiter zu sagen gewußt, als daß der Martneverwaltung da­von „nichts bekannt sei*. Was alle Spatzen nachgerade von den Dächern pfeifen, daS sollte man im Reichs­marineamt wirklich nicht wissen? Einer meiner Kol­legen ist bereit, dem Herrn Staatssekretär zuverlässiges Material dazu zu überreichen, unb Herr Severing hat dasselbe erklärt. (Zuruf) Namen werden wir vorder­hand nicht nennen, solange es in Reichsbetrieben leider noch Brauch ist, nicht auf den Schuldigen loszugehen, fondern den zu packen, ber einem Abgeordneten Ma­terial gegeben hat. Ich habe persönlich um so weniger Veranlassung dazu, als ich in ber Beziehung mit der württembergischen Regierung nicht sehr erfreuliche Er­fahrungen gemacht habe. Im übrigen habe ich aller­dings die Hoffnung, daß schon die Tatsache allein, daß derartige Uebergriffe der Führer von Schulschiffen hier zur Sprache kommen, den Erfolg haben wird, einem solchen Unfug ein Ende zu machen. (Lebhafter Beifall.)

Staatssekretär v. Tirpitz: Dem Abg. Erzberger würde ich sehr dankbar sein, wenn er feinen Kollegen veranlassen würde, mir das erwähnte Material zur Verfügung zu stellen. Ich werde jeden mir bekannt gewordenen Fall eingehend prüfen. Sozialdemokratische Agitatoren können bei keiner Verwaltungsstelle geduldet werden. Ich habe auf die Hunderte von Fragen in diesen Tagen möglichst immer geantwortet. Aus alle Einzelheiten kann ich nicht eingehen. In der Frage, ob eine Konzentration des Beschaffungswesens richtig fei, stimme ich Herrn Erzberger zu, obwohl ober weil er ein Zentrumsmgnu ist. (Zuruf: Weil! Stürm. Heiterkeit.)

Abg. Legien (Soz.) erklärt, daß der entlassene Werftarbeiter nie ein sozialdemokratischer Arbeiter ge­wesen sei.

Abg. Struve (frs. Vp.) erklärt, daß die von ihm gemachten Mitteilungen über den Umbau ber „Marie" chm von einem Verwaltungsbeamten gegeben feien, von dem er habe annehmen dürfen, daß er gut unter­richtet fei.

Abg. Fegter (freif. Bg.) weist darauf hin, daß die Marine Verwaltung alle Ursache habe, auch auf die Werst in Wilhelmshaven ihr Augenmerk zu richten.

Die Rednerliste ist erschöpft, die Diskussion schließt. Das

Handeisprovisorium mit England

wird in dritter Lesung debattelos angenommen, ebenso debattelos in dritter Lesung ber Gesetzentwurf bett, die Abänderung des § 15 des Zolltattsgesetzes, bett, die

Hinterbliebenenversorgung.

Darauf wird die erste Beratung deS Handelsvertrags mit Portugal fortgesetzt.

Abg. Wallenborn (Z.): Bei Annahme dieses Han­delsvertrags wird Portugal seine Einfuhr nach Deutsch­land sehr rasch steigern unb so den ohnehin sich in der traurigsten Lage befindlichen deutschen Rotweinwinzern eine neue gefährliche Konkurrenz bereiten. Deshalb muß von der Gewährung der Meistbegünstigung an Portugal abgesehen werden.