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Jahrgang

Fulda, Dienstag den 7. Dezember 1909

JW 280

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Verantw. Redakteur: Lark Schütte, woch°nb°i<ase: Illustrierte Sonntagszeitung"

.. Der Sparsamkeits-Antrag des Zentrums.

Die Zentrumsfraktion deS Reichstages hat es im- rner als eine ihrer ersten Aufgaben angesehen, dafiir

Deutsches Reich.

♦ Ein rentables Geschäft. Die deutsche Bank hat jetzt 26 Aufsichtsräte. Diese sitzen außerdem noch in 215 anderen Gesellschaften in solchen Aenitem. Unter den 26 Ausstchtsräten ist auch der fteisinnige Reichs-

Ansland.

r Daß der Rücktritt des Kabinetts Giolitti nicht nur durch innere Fragen begründet ist, argwähnte die ,Kreuzzeitung' schon in ihrer Frei­tagabendsausgabe.

„Es wird von manchen Seiten, die Anspruch darauf erheben können, für wohlinformiert zu gelten, mit Bestimmtheit behauptet, daß in Racconigi wett bedeutungsvollere Abmachungen getroffen worden sind, als bisher der Oeffentlichkeit bekannt war. Aus den wiederholten Erklärungen der italienischen Regierung über die unveränderte Stellung Italiens zum Drei­bunde aber scheint hervorzugehen, daß weder Tittoni noch Giolitti das Aktionsprogramm in allen Punkten zu billigen vermögen, das in Zukunft die Leitlinien der äußeren Politik Rußlands und Italien bilden soll. Es scheint, als ob beide Staatsmänner eine Neuorien­tierung der äußeren Politik Italiens nach gewissen Anschauungen Alexander III., die an einer einflußreichen Stelle geteilt werden, nicht mitmachen wollen."

Wie nunmehr aus Wien gemeldet wird, hat der Rücktritt des italienischen Kabinetts in dortigen diplomatischen Kreisen einen überaus ungünstigen Eindruck gemacht. Man erwartet davon nichts gutes für einen ruhigen Fortgang der Balkanpolitik. Man darf auch daran er­innern, daß Rußland mit so großer Eile plötz- lich nach einer kurz vorhergehenden Verstimmung, die schon zu Kriegsgerüchten Anlaß gab, mit Japan sich um gegenseitige Garantieoerträge be­müht, und daß der alte Russenfreund Graf Pfeil in der ,Tägl. Rundsch/ über militärische Maßnahmen und Kriegsstimmungsmacherei in Rußland schreibt, die direkt gegen Deutsch- land gerichtet seien.

*♦ Erne Wiederaufnahme des Ferrerprozrffes be­treibt mit Unterstützung der radikalen Presse die Ge-

zu sorgen, daß mit den Steuergroschen des Volkes recht sparsam umgegangen werde.

Sie hat auf diesem Gebiete auch manches erreicht (Panzerplattenlieferung, Koloniallieferungen, Tippels- kirch usw.). Nach der Annahme der neuen Steuern aber sah sie eS als eine besondere Pflicht an, eine größere Mion auf diesem Gebiete zu unternehmen und brachte daher den von uns bereits mitgeteilten An­trag ein, der eine durchgreifende sparsam- l e it in allen Zweigen der Reichsverwaltung verlangt.

An der Spitze steht die Fordemng: leine Ver­mehrung der Reichsbeamtenl Ein sehr ge­sunder Vorschlag. Wenn in allen Bureaus die Beam­ten tüchtig beschäftigt sind (nicht nur 4-5 Stunden, wie in Berlin), dann reicht die jetzt vorhandene Zahl vollständig aus. Es ist erfreulich, daß im neuen Reichshaushalt auch recht wenig neue Stellen geschaffen werden sollen, daß der Reichskanzler in der Thronrede Sparsamkeit ankündigte. Denn im alten Tempo der Beamtenvermehrung kann es nicht weiter gehen, sonst erhält am Ende der Reichsparteiler v. Gamp recht, der da meint: „Die Beamten fressen uns einst auf!"

Die zweite Fordemng ist nicht minder berechtigt: minderwertige Arbeiten durch billige Kräfte. Hier herrscht die denkbar größte Verschwendung und Vergeudung. Es gibt noch genug Stellen, wo ganz einfache Arbeiten, die ein junges Mädchen verrichten könnte, durch Beamte vollzogen werden, die täglich bis zu 15 Mark kosten. Der Äbg. Erzberger führte kürz­lich in seiner Fuldaer Rede dafür einige drastische Bei­spiele an. Bei der Eisenbahn werden die Depeschen schon längst durch Unterbeamte besorgt, bei der llieichs- post durch mittlere Beamte. Und dann erst das Heer der Aufsichtsbeamten; da gilt der von dem genannten Abgeordneten damals angeführte Satz des Italieners: „3 Schaff' und 5Guck!" Es ist allerdings betrübend, daß die Verwaltung hier nicht selbst für Sparsam­keit sorgt und daß das Zentmm erst auf solche selbst­verständliche Dinge aufmerksam machen muß; denn hier könnten durch Reformen Millionen erspart werden.

Von großer Bedeutung ist weiter die Fordemng der Ermäßigung der Kosten für B e a m t e n r e i f e n; es werden im Deuffchen Reiche insgesamt weit über 150 Millionen Mark hierfür ausgegeben, da im Reichs- haushalt allein mehr als 40 Millionen Mark für Rei­sen aller Art stehen, Preußen über 30 Millionen Mark ausgibt usw. Diese Niesensummen sind einfach un­erhört. Viele Beamte machen recht hohe Ersparnisse bei diesen Reisen; sie erhalten für 1 Kilometer 13 und fahren vielleicht 3. Klaffe, wo der Kilometer 3 Pfennig loftet. So geht es durch alle Rubriken hin­durch!

Eine Fmcht des Kieler Prozesses ist in der letzten Fordemng des Antrages enthalten: Kaufmän­nisch e G r u n d s ä tz e in den Reichsbetrieben! Bi­lanz im Etat für alle Reichsbetriebe! Es genügt nicht, kaufmännische Buchfilhmng einzuführen, wie ein libe­raler Antrag es fordert; die Buchffihrung allein tut es nicht, da kann trotzdem alles vorkomm.n. Der kaufmännische Geist muß seinen Einzug halten und man muß jedes Jahr dem Volke mitteilen, wie es mit ber Rentabilität der Betriebe aussteht, darum eine Bi­lanz! Jetzt macht es die Bureaukratie sehr einfach: wenn sie kein Geld mehr hat, gibt sie es einfach als Etatsüberschreitung aus und im nächsten Jahre fordert sie noch mehr. So wächst die Ausgabe immer schneller an und man erhält nie einen klaren Einblick.

Das Volk wird diesen Zentmmsantrag sehr freu­dig begrüßen und sich freuen, daß nun eine große Fraktion den ersten Schritt auf diesem Gebiete ge­tan hat.

ö Die handelspolitischen Aufgaben -es Reichstags.

Die Einberufung des Reichstages vor Weihnach­ten ist vornehmlich deshalb notwendig geworden, wett die deutsch-englischen Handelsbeziehungen auf eine neue Grundlage gestellt werden muffen.

Mit dem 31. Dezember d. I. erreicht die dem Bundesrate zuletzt wieder zwei Jahre erteilte Ermäch­tigung, den Angehörigen und den Erzeugnissen Groß- Lritanniens sowie seiner Kolonien, unb auswärtigen Besitzungen diejenigen Vorteile elnzurau- men, die vom Reiche dem meistbegünstigten Lande gewährt werden ihr End^ Die Vorlage, welche die Verlängerung dieser Ermächtigung bis zum 31. Dezember 1911 vorschlägt, ist vom Reichstag schon am Freitag in erster und zweiter Lesung angenommen worden. Eine Debatte, die man bei dieser Gelegenheit heit erwartete über die deutsch-englischen Beziehungen unb über die Handelsbeziehungen zu Äanaba, mit dem gegenwärtig bekanntlich ein Zollkrieg besteht, hat 'nicht stattgefunden.

An zweiter Stelle beschäftigte den Reichstag der Handelsvertrag mit Portugal. In offiziösen Auslassungen hat man diesen Handelsverttag als eine „hervorragende Leistung der deutschen Diplomatie" ge­priesen. Der Reichstag scheint allerdings wenig Nei- tzung zu haben, diese Zensur zu unterschreiben, der Entwurf wurde am Samstag von den Rednem der Verschiedensten Parteien arg zerpflückt. „Deutschland ist bei dielem Vertrag der allein gebende, Portugal der allein nehmende Teil", das war das Leitmotiv, das sich durch die Reden fast aller Abgeordneten hindurch­zog. In sehr sachlicher Weise gab für das Zentrum ber Abg. Dr Pieper dieser Ueberzeugung Ausdruck; noch (tarier und zum Teil in sehr temperamentvoller Weise wurden diese Bedenken von dem nationallibe­ralen Abg. Meckel, einem Vertreter der in erster Linie beteiligten Textilindusttie vorgetragen.

Der deutsch-schwedische Handelsvertrag läuft mit dem Ende des nächsten Jahres ab. Der Ab­schluß eines neuen Vertrages bis zu diesem Zeit­punkte wird voraussichtlich nicht möglich sein, weil die schwedische Regierung noch die Genehmigung des neuen Zolltackfs, auf dem die Verhandlungen mit Deutschland süßen sollen, durch das Parlament her­beiführen muß Wahrscheinlich wird durch ein Pro- pisockum zunächst die Geltung des gegenwärtigen Ver­trages um ein Jahr verlängert werden.

An letzter Stelle ist zu nennen die Neuregelung unseres handelspolitischen Verhältniffes zu den Ver­einigten Staaten von Nord-Amerika. Das gegenwäckig geltende Handelsprovisorium lauft mit dem 7. Februar nächsten Jahres ab. Verhandlungen zwischen Amerika und Deutschland über die künftige .Gestaltung der Dinge sind im Gange, aber im einzel­nen ist noch nichts darüber bekannt geworden, und es besteht wohl zurzeit auch noch keine Aussicht, daß in diesem Winter eine Vorlage bett, ein neues Handels­abkommen mit Ameckka dem Reichstage zugehen werde. Die SBebingungen, die der neue amerikanische Zoll- tarif aufstellt, sind sehr streng und geben die Frage zu erwägen, ob nicht ein Zollkrieg vorzuziehen wäre. Aber wir denken daran, daß der Amerikaner wie im Geschäft, so auch in der Politik den „Blufft liebt, und wir meinen, wenn die deutsche Regierung sich dadurch nicht verblüffen läßt, daß bann wohl bie Vereinigten Staaten über ein Abkommen, das auch den deutschen Interessen gerecht wird, mit sich werden reden lassen.

taasabgeordnete Schrader, der insgesamt 18 Aufstchts- ratsposten innehat. In einer interessanten Tabelle bringt der „Vorwärts* eine Zusammenstellung für bte Deutsche Bank und alle die Bankgesellschaften, an denen ie dauernd beteiligt ist. In jedem Falle ist die Zahl ver Auffichtsräte festgestellt, dazu die sichtbare summe ber im letzten Geschäftsjahre ausgezahlten Tantiemen. Dabei ergibt sich, daß 26 Personen eine Nebeneinnahme von 4 65 Millionen Mark haben. Als man im Jahre 1906 diese Einkommen besonders besteuerte, da stimmte ber Freisinn gegen die Tantiemensteuer

)( Im Neichsversicherungsamt fand unter Vor­sitz des Präsidenten Kaufmann eine Sitzung statt, an der die Vertreter der gewerblichen Berufsgenossen- schasten und zahlreiche Aerzte teilnahmen. Es wurden in dieser Sitzung eingehende Erörterungen über das Heilverfahren bei den Berussgenossen- schäften gepflogen. Es ergab sich unter den An­wesenden volle Einmütigkeit darüber, daß das Heil- vcrfahren ber Berufsgenossenschaften in dem Sinne re­formbedürftig sei, daß ein früheres Eintreten für die Behandlung ber Unfallverletzten dringend notwen­dig erscheint. Nur hierdurch könnte die stetig wachsende Rentenlast der Borufsgenoffenschasten herab gemindert werden. Es wurde eine Kommission gewählt, welche Vorschläge au3arbeiten soll. Die von der Kommission aufzustellenden Vorschläge sollen alsdann einer neuen Versammlung der beteiligten Faktoren zur Beschluß­fassung vorgelegt werden, um den Berufsgenossenschaf­ten zur Kenntnis gebracht zu werden. . .

△ Die freisinnige Berfchmelzung. Die mer ret- finnigen Programmschmiede, die im berühmten Viererausschuß die Verschmelzung der lmksliberalen Parteien vorbereiten sollten, sind angeblich mit ihrer Hauptarbeit fertig. Das langersehnte Einigungs­programm soll in erster Lesung zustande gekommen fein. Hoffentlich überdauert es auch noch die beiden anderen Lesungen.

Zeitung

mottdsMiage: „Sulbaet GeschichtrblAter"

liebte Ferrers, Solidad Villaftanka. Sie behauptet, mit ihrem reichlichen Material einen Justizmord nachiveisen zu können Die Energie der Dame erflärt sich durch den Wunsch, bei Gelegenheit ber Prozeßrevision die Freigabe von FerrerS konfisziertem Vermögen berbeizuführen.

* Ist der König von Spanien krank? Eine fran­zösische Zeitung bringt eine aufsehenerregende Mel­dung aus Madrid über den Gesundheitszustand des Königs Alfons. Demnach leidet der König schon seit langem an einem schweren chronischen Ohren­leiden und zwar nur des einen Ohres, ferner an einem Nasengewächs, das ihm Atmungsbefchwerden verursacht. Der König unterzog sich vor einiger Zeit bet Behandlung eines Spezialisten in Bordeaux. Die­ser Arzt erachtete jetzt eine Operation für unerläßlich. Die Operation soll in Bordeaux ausgeführt werden.

volkrvlrtschasMches und Soziales.

△ 200 000 Mitglieder sollen nach der sozialdemo­kratischen Tagespresse — auch die Frankfurter „Volks- stimme" setzt ihren Lesern diesen Kohl vor — bte christlichen Gewerkschaften in letzter Zeit verloren ha­ben Daß dies Schwindelist, liegt auf der Hmtd, und eine Widerlegung ist somit überflüssig Der Zweck dieser sozialdemokratischen Hebung ist, so schreibt man uns aus Arbeiteckreisen, erklärlich, wenn man be­ben», daß gerade in den sozialdemokratischen Ver­bünden Mtglicderverluste nach Hunderttausenden sich vollziehen ober vollzogen haben. So hat der sozial- bemottatische T ex t ila r b e it e r ö er b a n b ca. 83 000 Mitglieder, bet Bauhilfsarbeiterverband etwa 20 000 verloren. „Der christliche Holzarbeiter" berich­tete dieser Tage noch, daß ber sozialdemokratische Holzarbeiterverband entgegen seiner eigenen Angabe unb nach bet Beitragsberechnung, bie er beim christ­lichen Holzarbeiterverband anwandte, nur noch 78 000 Mitglieder habe. Auch die kürzlich sozialdemokratische^ feitS gemachte Mitteilung, der „freie" Maurerverband habe im Gegensatz zum christlichen Bauarbeiterverband ca 14 000 Mitglieder zugenommen, erweist sich als eine recht fette Ente; denn nach dem eigenen Aus­weis des „Grundstein" hat der freie Maurerverband in diesem Jahre noch rund 1500 Mitglieder verloren. So liegen also die Dinge im „freien" GeweckschaftS- lager. Daß man da für die Christlichen, die trotz bet Bekämpfung von allen Seiten sich ruhig weiter md- wickelt, eine ähnliche Situation wünscht, ist begreiflich. Aber Gott fei Dank hängt die christliche Gewerkschafts­bewegung nicht von Prophezeiungen ber Genossen ab. Genau genommen müßten nach den sozialdemokra­tischen Prophezeiungen überhaupt keine Mitglieder und somit auch keine christlichen Gewerkschaften mehr vorhanden sein; denn bald verloren diese 5000, bann 20 000, dann 70 000 und jetzt 200 000 Mitglieder bei etwa 300 000, die sie überhaupt zählten. Dabei kämpf­ten sie reckt tapfer um Arbeiterrechte unb Arbeiter­interessen: z. B. der Gewerkverein christlicher Berg­arbeiter gegen den Arbeitsnachweis des Zechenver- bandes, der christliche Bauarbeiterverband um den neuen Tarifvertrag, der christliche Malerverband um dasselbe, ebenso auch der christliche Holzarbeiterver­band ; ein deutliches Zeichen, daß sie noch recht lebens­fähig sind. Und auch die übrigen Verbände marschie­ren rüstig weiter.

** Der Riesenstreik in Australien hat ein Ausgehe« bet Kohlenvorräte bei den Gaswerken in Sydney her­beigeführt. Der Bürgermeister üerfügte, daß Petro­leum l am p e n zur Straßenbeleuchtung in Anwen­dung kommen. Um die Gasvorräte zu sparen, wurden bisher nur die Hauptstraßen beleuchtet, während die meisten Straßen in Dunkelheit dalagen. Die Eini­gungsversuche blieben alle erfolglos. Der Vorsitzende und der Sekretär des Bergarbeiterverbandes fotöie ein anderer Führer der ausständigen Arbeiter sind unter ber Anschuldigung, eine Verschwörung angezettelt zu haben, verhaftet worden.

Zwei „gute Freunde".

Militär-Humoreske.

(Schluß.)

Von nun an zerbrach sich ber Unteroffizier Back­mann den Kops, wie er sich an seinem Freunde rächen könnte.

Da er gerade keine erfindungsreiche Natur war, so verging eine ganze Weile ,ohne daß ihm etwas ein» gefallen wäre, bis er eines guten Tages einmal so heftig hinter sich nießen hätte, daß er einen Schreck bekam.

Er sah um und gewahrte eine alte Frau, die sich vornübergebeugt auf ihren Stock stützte und mit dem Kopfe wackelte.

Startmann wollte sich eben wieder umwenden, al- >s noch einmal losging und die Alte wieder um ein paar Minuten nachzitterte.

i „I, Gott bewahre!" dachte der Unteroffizier . . . iNabcr so zu niesen, da kann einem ja ordentlich bange ijeerben."

Weiter kam er nicht mit seinen Gedanken.

Als er schon eine Strecke weiter war, begegnete ihm fein Freund Brüser.

; Er schüttelte ihm herzlich die Hand, unb abermals und noch einmal, und wie sie sich voneinander trenn» (jen, da glänzten dem alten Startmann die Augen, wie ste ihm noch nie geglänzt hatten.

; So kam ber Sonntag heran, an bem die Parade auf .dem Markte stattfindet. '

».t \ S^te steht bann in langer Linie eine Schwadron, die Unteroffiziere in einer kürzeren ba» por unb bie Herren Offiziere in einer ganz kurzen por diesen.

z Sn ber Mitte stehen die Trompeter und blafen ein )mar Stüde bie Reinen Jungen haben Papierhüte auf fanb spielen Soldat, unb bie kleinen Mädchen haben sich Lei den Händen unb tanzen Ringelringel-Reihen. F- Die ganz kleinen wiegen bie Ammen auf bem Arme und tänzeln mit ihnen auf jene eigentümliche

Weise, bie nicht von ber Stelle kommt, sondern sich einen Schritt vorwärts unb wieder rückwärts bewegt.

Der Herr Oberst machte mit seinem Adjutanten einen Umgang bei den vier Eskadrons und sprach mit ben Herren Offiizeren und den Unteroffizieren, um sich leutselig zu zeigen unb sich populär zu machen.

Er war eben auf dem linken Flügel ber brlttcn ESkabron an gekommen unb sprach noch mit bem lin­ken Flügel-Unteroffizier, um sich nachher zur vierten Schwadron zu wenden, bei ber Startmann und sein Freund Brüser standen.

Bartmann, ber schon eine ganze Weile ein pfiffi­ges Gesicht gemacht hatte, kniff jetzt das linke Auge ganj zu und stieß feinen Nachbar mit dem Ellenbo­gen an.

„Na, wollen wir noch eine nehmen, ehe der Alte kommt?" fragte er, feine Löfchpapierdüte hervorholend unb mit der linken Hand miseinanderrollend.

Dabei schlug er bie Augen nieder, als wenn er ben andern nitch offen anblicken könnte, und hielt ihm bann die offene Düte hin.

Brüser blinzelte ihm verstohlen in's Gesicht und merkte 'was.

„Der alte Junge macht ja solch' eigentümliche Miene," dachte er; „der kann sich nicht verstellen . . . mit der Priese hat es gewiß nicht seine Richtigkeit..."

„Sieh 'mal . . . sitzt da auf dem Kirchturme nicht ’ne Wespe?" sagte Brüser dann in seinem gewohnten weinerlichen Tone.

Bartmann sah hinauf, und während er dies tat, nahm Brüser schnell seine eigene Löfchpapierdüte aus ber Hosentasche, krabbelte sich mit Daumen und Zeige­finger eine Priese heraus, zog Bartmann seine Düte auS ber Hand und sog mit hörbarem Wohlbehagen sei­nen eigenen Tabak.

„Ich sehe keine WeSpe," sagte der andere; „wie soll man denn auf dem Kirchturme eine Wespe sehen? es ... es wird wohl ne Schwalbe gewesen sein."

„Kann auch ’ne Schwalbe gewesen sein," gab Brü­ser mit einer Leidensmiene jur „darf ich Dir nun auch eine von mit anbieten?"

Damit gab er Startmann dessen eigene Priese hin.

Dieser krabbelte sich eine gehörige Quantität her­

aus, sog sie in beide Nasenlöcher und schnippte bann den Rest mit den Fingern ab.

„Die ist gut . . . die ist aber gut!" sagte er.

Während der andere die Augen zugekniffen, um den Tabak emporzuziehen, hatte Brüser die Tüten aber­mals vertauscht und gab dem Freunde die seine zurück, während er die ihm gehörige wieder in die Hosentasche steckte.

Startmann konnte die innere Heiterkeit kaum unter­drücken und blinzelte seinen rechten Nachbar fottwäh- rend verstohlen an.

„Na warte!" dachte er; „na Watte... das ist heute für den Zucker in der Wichse . .

Der Herr Oberst und sein Adjutant waren nun mit der dritten Eskadron fertig und kamen zur vierten herüber.

Nachdem sie mit den Herren Offizieren gesprochen, wandten sie sich zur Linie ber Unteroffiziere unb ka­men näher unb näher an Brüser und seinen Freund Vartmann.

Der Letztere zitterte vor Aufregung mit ben Armen und bann begann er auch mit bem Kopfe zu zittern.

„Nanu!" dachte er, „will es denn noch nicht bei ihm wirken? Er hat doch ne ganz gehörige Priese ge­nommen unb macht noch immer ein Gesicht wie ’ne alte Schlafmütze."

Jetzt sprach der Herr Oberst schon mit Brüser's rechtem Nebenmanne.

Bartmann'S Ungeduld ließ sich kaum mehr be- meiftern.

„Das ist das reine Murmeltier!" setzte er seine aufgeregte Betrachtung fort; „ber scheint gar kein Ge­fühl in ber Nase zu haben ... ba bin ich boch ein anderer Kerl! . . . ich habe ihm bie Priese bloß gegeben .. . und mir kribbelt eS schon im ... im ..

Hier biß er die Zähne zusammen, kniff die Augen zu unb schüttelte sich . . . bann ging es aber wieder vorüber.

„Unb er" . . . reflektierte er weiter - . . „unb er . . . hat die Priese genommen . . . unb steht ba wie ein alter Oelgötze

Der Herr Oberst rebete jetzt mit Brüser; ba dieser aber solch' langweiliges Gesicht machte, wandt: er sich gleich darauf an feinen linken Nachbar.

„Wie heißen Sie doch?" fragte er, als wenn et nicht gleich darauf kommen konnte.

Der Unteroffizier stellte sich so stramm, wie es ihm möglich war, nahm die Arme zurück und wollte ant­worten; anstatt dessen aber schüttelte er krampfhaft ben Kopf, als wenn er eine Fliege drin hätte.

Der Oberst sah seinen Adjutanten an, unb dieser erlaubte sich ein dienstliches Lächeln.

„Ich habe Sie gefragt, wie Sie heißen?" wieder­holte der Oberst.

Der alte Soldat nahm jetzt seine ganze Kraft unb Selbstbeherrschung zusammen.

„Ba ... ba ... ba ,. .rrt.." begann er mit Todesverachtung; bann schüttelte er sich abermals, kniff die kleinen Augen zusammen unb riß ben Mund auf, als wenn er jemand verschlingen wollte.

„Mein Gott, ber Mann bekommt ben Veitstanz!" sagte der Oberst, einen Schritt zurücktretend; „haben Sie denn das schon öfter bemerkt, Mttmeistet von Polly?"

„Nein, Herr Oberst, noch niemals!" antwortete die­ser hinzutretend und an ben Helm fassend; „vielleicht ist ihm die Schuppenkette zu eng . . . ich will einmal sehen ob ..."

Mit diesen Worten streckte er beide Hände aus, um den Meinen weiterzuschnallen, als Startmann so furcht­bar loSnieste, daß ber Oberst, ber Rittmeister und bet Adjutant einen Sprung rückwärts machten, wobei letz­terer dem zweiten auf die Fitste trat.

„Donnerwetter! sehen Sie sich boch vor!" schrie dieser mit schmerzlich verzogenem Antlitze.

Da pmsttte Bartmann noch einmal los, unb zwar dermaßen gewaltsam, daß et Brüser mit bet rechten Faust vor ben Magen schlug, sodaß et mehrere Schritte zurücktaumelte.

DerHberst, der Rittmeister unb ber Adjutant mach­ten wiöbrt: einen Sprung nach hinten, wobei ber zweite dem ersteren mit dem Absätze an'S Schienbein schlug.

„Aber nehmen Sie sich doch in Acht, Herr!" rief dieser, mit bet Hand ben schmerzenden Teil reibend.