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36. Jahrgang:
Fulda, Dienstag den 7. Dezember 1909
M 280
Erstes Matt
* Konservative und Liberale.
Die Blockflickoersuche können bis auf weiteres als abgetan gelten.
Die Spannung zwischen der konservative» und der nationalliberalen Fraktion ist jetzt schärfer als je. Zur Beleuchtung dieser Sachlage trägt die jüngste Wochenrundschau der Freuzzeitung' bei. Die Kritik, die der Rundschauer an den ehemaligen Blockgenossen übt, muß auf diese wie ein Guß kalten Wasser- wirken. Er stellt zunächst auf Grund von Berichten aus der konservativen Fraktion fest, daß „dort jetzt eine Einheitlichkeit und Einmütigkeit herrscht, wie kaum je zuvor; vor allem darüber, vaß eine Rückkehr zum Block für die Konservative« nach dem Verhalten der Liberalen, besonders der Na« lionalliberalen, und nach den maßlosen, nie zuvor in Deutschland erlebten Beschimpfungen von dieser Seite, ganz unmöglich ist; die Würde der Fraktion und die Selbstachtung eines jeden einzelnen Mitgliedes verbiete dies".
Die Rundschau teilt ferner mit, daß konservative Abgeordnete aus ihren Wahlkreisen erfahren haben, man wünsche dort, die Fraktion möchte den Liberalen offiziell mitteilen, sie hätte« bei den nächsten Wahlen nicht mehr auf die Stichwahlunterstützung der Konservativen gegen die Sozialdemokratie zu rechnen. Der Nundschauer will freilich erst abwarten, wie sich die Liberalen bis zu den nächsten Wahlen entwickeln; aber er hält doch schon jetzt die Folgerung für gegeben, daß die Konservativen eigene Kandidaten aufzustellen haben, wo es irgend lohnt. Das sei „einfach eine Forderung nationaler Politik, seit die Liberalen aller Richtungen sich in den Parlamenten mit der Sozialdemokratie zusammentun".
Zu der Präsidentenwahl im Reichstage wird dann in dem konservativen Blatte ausgeführtr Die Nationalliberalen wollen den Zustand der Erregung in der Wählerschaft um jeden Preis bis zu den nächsten Wahlen erhalten und zu diesem
wesen müsse geändett werden, so daß sich auch anständige Firmen daran beteiligen können. Ob ganz all« gemein kaufmännische Grundsätze für die Staalsver«. waltung vorbildlich seien, wäre noch eine Frage. Gerade die Schmiergelder sind ein kaufmännischer Grundsatz. (Widerspruch links. Zuruf: Mißbrauch!) I«, viele Betriebe kommt man ohne Schmiergelder über- Haupt nicht herein. (Zuruf link?: Leider!) Ohne juristische Kenntnisse geht es einfach nicht. Im übrigen können wir das Vertrauen haben, daß bte deutschen Werften, wenn es auch ohne kleine Mißstände nicht abgehen wird, weiter auf der Höhe sein werden.
Staatssekretär v. Tirpitz: Wenn der Abg. Erz» berget ausführte, es wären Materialien über Bord geworfen worden, möchte ich doch bitten, mir die Möglichkeit zu geben, das zu untersuchen. Das wäre ja ein so unerhörter Mißbrauch, daß ich mit der größte« Rücksichtslosigkeit vorgehen würde. Keineswegs will ich den Reichstag mit für die Dinge verantwortlich machen, wie der Abg. Erzberger zu meinen schien. Das liegt mir durchaus fern. Ich bin dem Hause dankbar, daß es das Flottengesetz bewilligt hat. Der Ober« werftdirettor muß vom Bureaudienst befreit werde« und stärker zum Dienst in feinem Restort herangezogen werden. Er muß Seeoffizier sein, denn er muß di« technischen Betriebe beaufsichtigen und dabei im praktischen Leben der Marine stehen. Von seiner Stellung aus muß er über die Anforderungen der einzelnen Resforts objektiv urteilen und diese Stelle muß dem Kommando der aktiven Flotte entgegentreten können. Das kann aber nur ein Seeoffizier. Das Submissionswesen ist allerdings verbesterungsbedürftig.
Abg. Spahn (Ztr.) nimmt die UntersuchungS», behörde in Schutz gegen die Kritik des Abg. Semler.
Dienstag: Dritte Lesung des HandelsproviforiumS mit England, deutsch-portugiesischer Handelsvertrag, dritte Lesung der Arbeiterreliktenversorgung. )
Auch bei eiligen Arbeiten, wobei Tag und Nacht gearbeitet wird, kann manchmal nicht so kaufmännisch vorgegangen werden. Die Jnstnuation, als ob Beamte sich aus den Ueberschüssen bereichert haben, weise ich energisch zurück. Auch bestreite ich, daß Schiffe vor Bewilligung derMittel auf das Stapel gelegt worden seien. Wo ist das geschehen? WaS die Frage nach den Anordnungen zur Sparsamkeit und kaufmännischen Grundsätzen in der Buchführung und Kontrolle angeht, so habe gerade ich die Bureaukratie in den technischen Betrieben be- fettigt. Unsere Magazinaufseher find nicht zu schlecht bezahlt. Sie haben eine Ausbesserung von 20 Prozent bekommen. Die Zahl der Beamten ist dieselbe wie auf den Privatwersten. Für Beschwerden bin ich stets zu haben. Ich habe in den letzten Jahren die Betriebe freigemacht von der Bureaukratie und werde darin fortsahren. Ich habe auch gesucht, jeden Taler, der ausgegeben wurde, nach Möglichkeit auszunutzen. Die Wersten haben stets bewiesen, daß sie gut funktionieren, selbst bet großem Arbeilsandrang. Tatsächlich ist der Arbeitseffekt von Jahr zu Jahr gesteigert und die Unkosten sind trotz der steigenden Tendenz der Arbeitslöhne und der Preise für Materialien geringer geworden. Die Danziger Werft hat hinsichtlich der Unterseeboote auf den ersten Anhieb dasselbe geleistet wie alle Marinen der Welt. Auf keinem einzigen Schiff ist bisher ein technischer Zusammenbruch vorgekommen. Um einer durch den Prozeß hervorgerufenen Beunruhigung entgegenzutreten, will ich die Leistungen unserer Wersten betonen. Auf Einzelheiten eingehend, erwähnt der Staatssekretär, daß Versuche mit kaufmännischer Buchführung und lausenden Inventuren stattfinden. Die vorgekommenen Unregelmäßigkeiten werden sich nach meiner Meinung nicht wiederholen. Verallgemeinerungen lehne ich im Interesse der kaiserlichen Marine und Deutschlands ab.
Auf Antrag findet eine Befprechung der Interpellationen statt.
Abg. Kreth (t): Der Herr Staatssekretär hat die Irreführung der öffentlichen Meinung bedauert. Er hätte dieser Irreführung die Spitze abbrechen können dadurch, daß er selbst die Mißstände möglichst bald an die Oeffentlichkeit gebracht hätte. W r haben ja in letzter Zeit die Verlogenheit einer gewissen Presse zur Genüge kennen gelernt. Leider ist aber die Regierung der Verlogenheit dieser Presse in den letzten Monaten sehr spät und nur unvo llkommen entgegengetreten. Richtig ist, daß hier nicht mit der nötigen allpreußischen Sparsamkeit verfahren wurde. Einzelheiten werden wir in der Kommifston beim Marinetat nachprüfen. Auch bei Banken kommen Millionenunterschlagungen vor. In der Kommission werden wir auf die größte Sparsamkeit bringen.
Abg. Erzberger (Ztr.): Der Staatssekretär wird den heutigen Tag in feiner Lausbahn nicht rot anstreichen. Wenn man dem Herrn Staats;ekrelär folgen wollte, fo müßte man die gesamten Prozeßberichte aus Kiel mit der Ueberschrist versehen: „Das große Märchen aus Kiel". Nach seiner Darstellung war in Kiel alles so rein und faubet und so zweifelsohne, daß die ganze Chabruse von Kiel das Lied anstimmen könnte: „Dies Kind, kein Engel ist so rein, Laßt Eurer Huld empfohlen sein." (Beifall und Heiterkeit.) Ich glaube aber doch, die große Masse des Volkes wird etwas anderer An- sicht sein. Warum hat denn dann der Kiele; Prozeß überhaupt stattgeftinden? Warum betreibt die Werft dann noch einen Zivilprozeß gegen die Angeklagten? Gewiß, es hätte noch schlimmer werden können; aber das, was der Prozeß gebracht hat, genügt gerade schon. Weite Kreise des Publikums sehen in der Freisprechung der Angeklagten die schärfsie Verurteilung der Bureaukratie. «Sehr richtig! links.) Etwas stimmt in der Maschinerie in der Tat nicht. Meine politischen Freunde bedauern die Kieler Vorkommnisse und verlangen, daß der Staatssekretär unbekümmert um Stellung und Person die ersorderlichen Maßnahmen trifft, um die Wiederkehr solcher Vorfälle zu verhindern. Nun sagt der Herr Staatssekretär, er habe mit eiserner Faust eingegriffen, sobald er von Unregelmäßigkeiten Kenntnis erhalten. Nun, das ist doch eigentlich selbst- verständlich und es ist das Mindeste, was man verlangen muß. Bedenken muß es aber erregen, wenn bei all' diesen Verfehlungen immer und immer nur von untergeorbneten Beamten die Rede ist. Es ist ganz selbstverständlich, daß, wenn auch alle höheren Beamten ihre Pflicht getan hätten, solche Dinge nicht möglich gewesen wären. Deshalb muß verlangt werden, daß bei Einleitung der Disziplinar-
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 6. Dezember 1909.
Am Bundesratstisch v. Tirpitz. In der Hofloge wohnt der Chef deS Mttitärkabinetts der Verhandlung bet Zunächst stehen zur Erörterung die Interpellationen der Freisinnigen und Sozialdemokraten betr. bte
Zustände auf der Kieler Werst.
Zur Begründung der freisinnigen Interpellation k^Ilbg. Leonhart (frf. Vp.) das Wort: Im Verlaufe de, Prozesses haben fich Zustände herausgestellt, bte zur Verurteilung des auf der Werst geübten Systems führen müssen. In der Hauptsache ist zu bemängeln, daß den Aufsichtsbeamten jegltche Fachkennt- Nis fehlt Der ungesunde Einfluß des Bureaukra- tismus hat fich besonders bet diesem Betrieb gezeigt. Speziell haben fich die Verhältnisse in der Magazin- verwaltung als unhaltbar herausgestellt. Die Gehälter der Magaztnaufseher find derart unzulänglich, daß diese Beamten, die mit Objekten von Millionen zu tun haben, Gefahr laufen, über kurz oder lang auf Abwege zu geraten. Eine Buchführung im tauf» männifchen Sinn hat die kaiserliche Werft nicht gekannt. Es fehlt an jeder Uebersicht. Alles wurde bet Revisionskommission überlassen, bie aber auch bie tatsächlichen Verhältnisse nicht kannte. Daher muß das Revistonswesen auf andere Grundlage gestellt werden. Bei dem herrschenden Verwaltungssystem ist das Verantwortlichkeitsgesuhl abhanden gekommen. Man braucht kaufmännische Hilfsarbeiter, zweckmäßigere Einrichtung des Kommissionswesens und größere Sparsamkeit. Namentlich muß den Technikern rin größeres Maß von Verantwortlichkeit eingeräumt werden. Alle bürgerlichen Parteien sind ausnahmslos der Meinung, daß wir eine einer Großmacht würdigen Flotte haben muffen, auf der anderen Seite aber, baß bie Gelber der Steuerzahler nicht so verpulvert werde», wie wir es in den letzten Wochen gesehen haben. __ .
Abg. Siegten (Sozd.) führt aus: Aehnliche Mißstände wie in Kiel bestehen auch in Wilhelmshaven, sonst hätten Magazinbeamte mit einem Gehalt von 1800 Mark nicht ein Vermögen von vielen Tausenden ansammeln können. Gefordert werden muß, daß die am meisten bloßgestellten Beamten nicht wieder in ihren Stellungen belassen werden. Es wäre angebracht, Herrn Frankenthal zum Werftdirektor zu machen. (Heiterkeit.) Wir werden bei der zweiten Etatslesung die Einsetzung einer parlamentarischen Untersuchungekommission beantragen. Auf der Kieler Werst sollen Schisse auf Stapel gelegt worden sein, für bie bet Reichstag noch nicht bie Mi ttel bewilligt hatte. Das Beamtenpersonal auf Oer Werst ist viel zu groß. Wenn bet Staatssekretär Nicht so brüsk bie Beschwerden der Arbeiter zurück- Sviesen hätte, hätten die Beamten nicht fo wirt- aften können.
Staatssekretär v. Tirpitz: Was die in den beiden Interpellationen erwähnten Unterschleifen betrifft, fo scheiden diese ans, weil wegen der Unterschleife im Prozeß der Freispruch erfolgte. Soweit der Prozeß in Frage kommt, so handelt es sich bloß um eine Abteilung, das Altmaterial. (Ledebour ruft: Alles das scheidet aus.) Der Magazinverwalter Heinrich ist io lange im Amt geblieben, weil er bas Vertrauen ber Vorgesetzten genoß. Es ist Vorsorge getroffen, baß bie oorgekommenen Unregelmäßigkeiten sich nicht wie ber hol en, insbefonbere soll bie Gewichtkontrolle besser werben. Die Aussicht ber höheren Vorgesetzten bat bisher nicht ausgereicht. Deshalb wirb bie Aufsicht verstärkt werden. Verladen soll nur noch während der Bureauzeit werden. Alles Material soll vor dem Verkauf verlesen und sortiert werden. Bei den Submissionen sollen die Angebote genau bekannt gegeben und geprüft werden. Ferner werde ich die Aussicht dadurch zu verstärken suchen, daß die Ver- waltungsdirettoren mehr als jetzt vom Bureaudienst entlastet werben unb die Möglichkeit erhallen, in ben Außendienst stets persönlich einzugreifen. Gegen Veruntreuungen kann niemand, auch bie Privatwerften nicht, etwas tun. Die kaiserliche Werft hat nicht den Charakter eines Fabrikbelriebes oder Gewerbes, sondern muß auch auf die Dauer die Instandhaltung besorgen.
Untersuchung nicht Halt gemacht wird vor den höheren Beamten. Der Herr Staats, ekretär hat mit großer Energie betont, wre sparsam in der Manne gewirt- schäftet werde; im Reichsheer werde lange nicht so sparsam gewirtschaftet. Nun, bis setzt hat wohl noch niemand geglaubt, daß bie Heeresverwaltung eme Musterinstitution an Sparsamkeit wäre, (sehr rrchttg linkS) Aber es sind auch in ber Marine eme ganze Reihe von Tatsachen bekannt geworben, die mit dem Beariff der Sparsamkeit nicht in Einklang zu bringen sind: ich erinnere nur an den Usus oder vielmehr an Ben Unfug, daß, wenn Auslandschiffer heimkehren, sie etwaige Vorräte an Materialien, auch an Lebens- Mitteln der Bequemlichkeit halber einfach üb" Bord werfen. (Hört, hört!) Schon wiederholt ist in der Bndgetkommiffion, wenn wir versuchten, Abstriche am Marineetat machten, die Tatsache festgestellt worben, daß das Beamtenheer der Marme ein unverhältnismäßig großes ist: kommt doch auf unseren Reichs- werften schon auf 74 Arbeiter ein Beamter (Hört! hört!) Nun sagt der Herr Staatssekretär. „Seit Annahme des ersten Flottenge etzes hat fich die Summe der Ausgaben im Werftbetriebe um 140 Prozent erhöht, während die Zahl der Beamten nur um 68 Prozent gestiegen ist." Gewiß, die Ausgaben im Werftdelriebe sind kolossal gestiegen; aber ich darf doch wahrhaftig nicht so argumentieren, daß ch sage wenn ich 1000 Tonnen Kohlen bestelle, brauche ich einen Beamten, wenn ich aber 6000 Tonnen bestelle, brauche ich sechs Beamte. (Beifall und Heiterkeit.) Der Staatssekretär hat uns — man könnte fast meinen, vorwurfsvoll — gefügt, wir hätten ihm sa bte großen Summen für bie Marine zur Verfügung gestellt unb suchte so den Reichstag zum Mitschuldigen zu machen. Wir werden uns dieses Wort merken für die Berhand- lunqen der Budgetkommission. (Sehr gut! links. Nun die Maßregeln zur Verhütung der Wiederkehr solcher Mißstände. Die kaufmännische Buchführung tut's nicht, bei ihr kann auch geschummelt werden. (Heiterkeit.) Auch die in der „Nordd. Allg. Ztq. veröffentlichten Reformvorschläge können nicht befriedigen. Es muß ein kaufmännischer Geist in bte Werftverwaltungen übernommen werben. Man mag gegen ihn sagen, was man will: es unbestreitbar, daß unsere großen Privatbetriebe wirtschaftlicher geleitet werden als bie Staatsbetriebe. Deshalb müssen die kaufmännischen und technischen Kräfte mehr in den Vordergrund gerückt werden. In den technischen Instituten der Heeresverwaltung haben wir durchaus tüchtige Offiziere, die technisch besonders ausgebildet sind. Warum geht die Marine nicht denselben Weg? Achtzig Prozent der Ausgaben der Marme sind doch technischer Natur. Beschäftigen Sie Kaus- teute und Techniker, das ist der einzig richtige Weg. Die Meter Werst hat z. B. zehn Direktoren. Davon ist einer Admiral, fünf sind andere Offiziere vrei Techniker und einer ist Jurist. Und bann soll kaufmännisch gewirtschaftet werben! Mehr Oeffentlichkeit, mehr Licht muß tn b:e Marine- verwattung hinein. Fort mit ber bisherigen Geheimnis- krämerei! Recht schlimm wird bei den Vergebungen gesündigt. Eine Firma bot — um einmal zu einer Werftlieferung zu kommen — einen Artikel, der sie selbst 5,40 Mk. kostet, mit Verlust für 3,60 Ml. an. In Kiel aber bedauerte man in dem bekannten hekto- qrapMerien Schreiben, darauf nicht eingehen zu können. Von allen Reichsresforts zeigt die Marineverwallung das geringste Entgegenkommen. Wir glauben gern, daß der Staatssekretär den guten Willen hat, zu helfen. Aber das Maß bet Reformen genü t uns nicht. Wir wollen eine Bilanz haben, eine Aende- rung ber Organisation unb ein schärferes Hervortreten bes technischen Personals. Dann werden wir nicht mehr gezwungen fein, hier im Reichstage über fo unerquickliche Zustände zu reden. Das deutsche Volk hat eine sehr schwere Steuerlast auf sich genommen. Mit diesen Mitteln muß sparsam gewirtschaftet werben. (Beisall.l
Abg. Semler (natlb.): Für die Gewichtskontrolle und die Berkausskoutrolle sind Berbefferungen teilweise in Aussicht genommen, teilweise ungeordnet worden, aber weitere müssen ihnen folgen. Das sind lediglich Organisationsfragen. Die Werftverwaltung hat eine schwere moralische Schädigung erlitten. Der Redner rügt weiter die Art der Prozeßsührung und schließt: Je mehr Opfer wir füt die Marine bringen, desto mehr müssen mir darauf bringen, daß sparsam gewirtschaftet wirb. (Beifall links.)
Abg v Gamp (Rp.) bestreitet, daß die Werstver- waltung moralisch geschädigt fei. Das Submissions-
Irrende Seele.
35] Roman von H. TeIchert.
„Möglich, sogar wahrscheinlich, daß diesem Impuls sein Verlangen entsprang. Aber daß nur Man- gel an Liebe dasselbe diktierte, diese Annahme ist entschieden ungerechtfertigt. Gründe für solche Bitte können ganz anderer Natur sein. Ich zum Beispiel, Rena, ich — ich weiß ja nicht, wie Du Dir Dein Leben nach dem Jahr Mailand einzurichten gedenkst, Du weißt es ja vielleicht selbst noch kaum, aber wenn ich Dir noch etwas gelte, so erfülle mir die eine Bitte: „Gehe nicht zur Bühne, laß diese Laufbahn außerhalb Deiner Pläne." Er stockte und sah, wie sie rot wurde. „Werde nicht Opernsängerin. Die Welt der Bretter ist gefährlich für jede Frau und Du, Du — bist viel zu hübsch, um umgefahrdet diese Klippe umschiffen zu können." Er unterbrach sich und griff nach der keinen Hand, die regungslos aus seinem Arm lag. „Nicht, weil mir die Laufbahn der Schauspielerin zu gering dünkt, bitte ich Dich, ich schätze jegliche Kunst, aber weil sie gefahrbringend ist und weil —" „ich Dich so grenzenlos liebe und Dich nicht untergehen sehen kann", wollte er sagen — er verschluckte die Worte. Nach einer Sekunde sprach er weiter — „Ich habe kein Recht über Dich, die Freundschaft allein berechtigt nicht. Deinen Lebensgang zu bestimmen, aber ich bitte Dich, Rena — von Herzen bitte ich Dich — wähle den Konzertsaal als Berufsart. Es kann ja niemand ein deutsches Lied so schön singen, wie Du, bleibe dabei, Rena.. Man wird Dir zujubeln und Dich aus Händen ?.ra£etL‘5UrA<t?e Welt kannst Du diese Kunst tragen U1r »Du" bleiben, wie Du heute vor
mir stehst. Willst Du meine Bitte in Betracht ziehen?" „ .Gr ££ °uf fi-, nieder. Sie hatte dm Kops gesenkt und erwiderte fernen Blick nicht. Ernst md nachdenklich ging sie neben ihm her. Leise drückte er ihre Hand. Da iah sie ihn an mit Harm Augen. „Onkels ist -mich aus der Bühne zu sehen, ihn würde ich enttäuschen wenn ich nicht einmal den Versuch ma- chm wollte. Darum gönne mir Bedenkzeit, Werner.
Nach der Mailänder Zeit sage ich Dir Bescheid und wie er auch auSsällt, sorge Dich nicht um mich. Du mein getreuer Eckart, ich bleibe mir selbst treu."
Sie sprachen dann fürs erste kein Wort mehr miteinander, die kreisenden Gedanken mußten erst zur Ruhe ommen hinter den jungen Stirnen.
12. Kapitel.
Ei« Blatt aus RenatcZ Tagebuch.
Nun sind wir schon zwei Wochen hier auf Rügen und erst nach und nach kommt das Heimatsgefühl, das die See sonst stets in mir erweckt, zum Durchbruch. Langsam nur spülen die ruhelosen Wellen den schweren Druck von der Seele, dm ich mitgebracht, und noch immer warte ich darauf, daß mein Erinnern zerstäube, wie der Wogm Sprühregen, der spurlos im Ufersand versinkt. Ich fühle oft Tantes Blick sorgenvoll auf mir ruhen. Sie sorgt sich ohne Grund — die gute Tante — so tief ging’S nicht, was mich verwundet, daß mich'S krank gemacht hätte. Der verwundete Stolz, der will noch immer nicht ruhen und das Schamgefühl über mich selbst — das andere —
Ich grüble ost in stillen Stunden, ob wahre Liebe sterben kann ober ob's wirklich nur ein Trugbild war, was ich im Herzen getragen und, nun es Kränkungen tragen soll, sich rebellisch sträubt und gar nicht mehr wie Liebe aussieht. Ich frage heute Tante nach ihrer Meinung. Sie hat immer so treffende, durchdachte Antworten berett.
„Liebling, deS Herzens Irrfahrten sind alt, wie die Liebe, und Irrungen menschlich. Quäle dich nicht mit Skrupeln, ob Dein Gestühl für Sigurd echt oder eingebildet war. Du wirst es heute und auch morgen noch nicht ergründen. Die Zeit wird Dir's ohne Dein Zutun kund tun; sie narbt nicht jede Wunde, sie hält auch so manche offen und ist der beste Prüfstein für die Echtheit unserer Gefühle."
In den zwei Wochen hier haben Sonne und Lust mich braun gemacht. „Wie ein Zigeunerkind siehst Du aus", sagte Tante sehr zufrieden. Wir halten uns still für uns, ich möchte Leben um mich haben, aber mit keinem Menschen zu reden brauchen. Auf dm höchsten
Dünen, da sitze ich ganz allein, folge ber Wolken Flug unb der Wellen unablässigem Wellenschlag unb dann wird's still in mir, köstlich still. Und merkwürdig ost kommt bann der Wunsch über mich, Werner eine einzige Stunde hier zu haben, ihm zu erzählen, alles, alles von bei Seele herunterzureden. Seine liebe Hand möchte ich fühlen und seine guten Augen auf mir ruhen sehen — etwas so unaussprechlich Beruhigendes liegt in seiner Art. Schreiben mag ich ihm nicht, was mir geschah, aber wenn ich es ihm sagen könnte, das würde mir sicher helfen.
Und daß ich's gar nicht mertte, daß mein Herz dem Unrichtigen entgegenschlug, als Sigurd am Vormittag meines Geburtstages plötzlich vor mir stand, so recht unerwartet, denn er hatte ein paar Wochen nichts von sich hören lasten.
Dieses Mal brachte er mir keine Veilchen. Ein.m köstlichen Strauß Rosen, aller Farben. Er mochte meine Verwunderung in meinem Gesicht lesen und zuckte die Achseln.
„Du liebst ja nun durchaus einmal nur Rosen, da muß ich Deiner Liebhaberei schon etwas Konzession machen, zumal Dein Geburtstag ist. Dunkle Rosen hätte ich Dir niemals gebracht, ich Pfusche niemand ins Handwerk, das scheint Werners verbrieftes Recht zu sein. Diese da", er zeigte mit zusammengezogenen Brauen auf die Rose in meinem Gütrel, „ist sicher wieder aus ber steten Quelle."
„Richtig erraten," antwortete ich, „vor einer Stunde aus der Blumenhandlung hier nebenbei gekommen, wie jeden Morgen!"
„Jeden Morgen? Du empfängst Rosen im Abonnement?"
Ich lachte fröhlich
„Ja, denke Dir, Werner hat das noch vor seiner Abreise fest gemacht. Ich habe ihn brieflich leichffln- nig gescholten, er reagiert darauf gar nicht. Die Rosen kommen nach wie vor täglich *
„Ein wieder auferstandener Ritter Toggcnburg." Er lächelte wegwerfend. „Nutzlose Aufopferung!"
Ich wollte gerade eine Antwort auf Sigurds an- maßendr Bemerkung geben, da griff dieser ungeniert nach meiner Rose, zog sie aus dem Gürtel unb legte
sie auf den Tisch. „Diese Spielerei muß nun aufhören, Renale, von jetzt an darfst Du Werners Stofe« nicht mehr tragen."
„Oho!" Der Trotz wallte mächtig in mir auf. „So geht man nicht mit mir um, mein Herr Tyrann", dachte ich. Hasttg steckte ich die Blume an ihren Platz zurück.
„Was fickt Dich an, Sigurd, was erlaubst Du Dir?"
Er lächelte wieder sehr siegessicher.
„Wozu bie Aufregung unb Widersetzlichkeit, Renate? Du mußt ja selbst einsehen, daß jede Kinderei einmal ein Ende nehmen muß".
„Aus ben Kinderjahren bin ich schon recht lauge, Sigurd, dies Rosentragen batiert aus späterer Zeit."
„Um so begreiflicher! Du wirst diesen Sport aber jetzt doch aufgeben müssen, insofern Werner habet beteiligt ist."
„Niemals!"
„Niemals?" Er lächelte wieder so recht über« legen.
„Sehr einfad), dieses Niemals. Ich liebe Rosen zu tragen und da ich miris in den Kopf gesetzt habe, mich mir mit denen zu schmücken, die mir Werner scheu«, so -"
wirst Du fortan, um Dir selbst nicht untreu zu werden, eine andere Blume als Schmuck wählen muffen. Das siehst Du ein, nicht wahr?"
„Durchaus nicht!"
Tante trat gerade zu uns. Es lag ihm baran, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. Sehr ruhig, mit seiner alten Ueberlegenheit, die mich stets an ihm gereizt Hot, sagte er: „Wir sprechen uns heute noch über diesen Punkt endgültig aus, Renate."
Mich hatte dieses kleine Vorspiel verstimmt unb auch beängstigt. Nun kam'S mit Sigurd zur Aussprache und davor bebte ich
Alle möglichen Besucher kamen noch im Laufe deS Tages zur Gratulation — gute Freunde und obrr- slächliche Bekannte. Alle Menschen verwöhnen mich, ich frage mich oft, wodurch ich das verdiene.
^"rtleduna