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uldaer

36. Jahrgang

Fulda, Montag den 6. Dezember 1909

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Gastes ^fatt

auch dieses ecrüfarbene Gewebe. Nun wirst Du wirk- Da fand sie Oertzen, ohne vieles Suchen. Man

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L»»rlgen: Vtt tt* fpaltigepetitreileoder deren Kaum 15 Psg. KeNamendiePetitzeUe 25 psg., brr Wieder­holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

Hotafiottsbrndunb Verlag der Luldaer Ak- tiendrnckerei in Zulda Zernsprecher Nr. 4.

lich wie ein Baroneßchen in Mgen einhergehen.'.

Nach und nach kam die Freude bei Renate nun doch durch, die Jugendlust, die in ihr pulsierte und die sich gern schmückt mit äußerem Tand, brach sich natur-

hatte schon gespeist. Das Domausche Ehepaar und ferner saßen beim Kaffee, während Renate mit ihrem Großvater promenierte. Arm in Arm, wie Oertzcn schon von weitem bemerkt hatte.

„Hat Glück, mein alter Freund, solch süßes Mäd­chen führen zu dürfen, macht immer noch Anffehen, der Generalsrock, wenn solch ein weißer Schmetterling neben ihm hergaukelt.' Oertzen hatte sich's kaum be­quem gemacht, da kam das ungleiche Paar auch schon

trfchetm xeguoi um Ausnahme der $o.m= und Feiertag«. Viertel- tährlicherverugrpreir ohne vringertohn und veAeligeld in Fulda ss- wieamwärtsl.öOMk.

verantw. Redattemr Lart Schütter

w.ch-nb-tt-s«:,Muftrierte Somtagrzeitmig

Deutsches Reich.

** Berlin, 5. Dez. 1909. Der Kaiser ist gestern abend 11'/. Uhr von Jagdschloß Goehrde in Potsdam eingetroffen. — Der Gesetzentwurf über die Einführung eines Kaliaussuhrzol- les soll bereits im Januar eingebracht werden. — Die Bank-Enquete-Kommission hat ihre Beratungen über die Frage der Regelung des Depositenwesens und damit die ihr über- traaenen Aufgaben beendet; sie hat sich über­wiegend gegen eine gesetzliche Regelung de» Despo- fitenwesens ausgesprochen.

)( Der Reichstag soll, wie je;t bestimmt wor- den ist, am 17. Dezember n di Weihnachts. F e r i e n gehen. Die Wiel erau nähme der Ber- handlungen wird am 11. Janu c erfolgen.

c. Der Reichskanzler wird wie wir hören, bei der bevorstehenden ersten Etatsberatung zu kurzen Ausführungen über die Ziele seiner Politik das Wort nehmen. Danach wird Reichsschatzsekretär Wermuth den Etat einsühren. Als erster Redner der Zentrumssraktion soll Abg. Frhr. v. Hertling sprechen.

C. Zur Schriftführer-Wahl im Reichstage hatte die polnische Fraktion den Abg. Nape- ralski als Kandidaten bezeichnet, der aber nur 160 Stimmen auf sich vereinigte. Die sreikon- servanve ,Postt bemerkt nun, daß der Erbprinz zu Hohenlohe die Annahme desVizepräsiden- ten-Postens im Reichstage an die Voraussetzung geknüpft habe, daß kein Pole zum Schriftfüh- rer gewählt werde. — Wie wir dazu erfahren, ist die Annahme der Kandidatur Hohenlohes keineswegs von der Bedingung abhän- gig gemacht worden, daß die polmsche^Frak- iion, die übrigens auch früher bereits einen Schrift­führer gestellt hat, nicht im Bureau des Reichs- tages vertreten sein dürte. Wohl aber dürste richtig sein, daß die Reich-Partei für den polni- scheu Kandidaten nicht eingetreten ist.

c. Der Toleranzantrag des Zentrums. In süddeutschen Blättern lesen wir die Nachricht, der Toleranzantrag werde in der Fassung, in der er im Jahre 1907 ein gebracht wurde, wieder ein­gebracht werden. Diese Mitteilung ist unrichtig, insofern, als eine Beschlußfassung der Zentrums- sraktion über eine Dieneinbringung des Antrages bis jetzt nicht vorliegt.

■*y Tie Nationalliberalen sind schlechter Laune. Sie haben auch Grund dazu. Sie hofften die Präsidentenwahl durch ihren „Streik" zu vereiteln, nun ist die Wahl doch erledigt — ohne sie und alle Welt macht sich über den miß­glückten „Streik" lustig. Schwer „geladen" sind die hereingesallenen Naiionalliberalen natürlich vor allem gegen die„Streitbrecher" von der Reichspartei. In ihrer Enttäuschung schimpfen sie nun arg, aber damit können sie ihren groben Fehler nicht wieder gut machen. Wenn sie nun doch wenig­stens die Genugtuung hätten, daß ihnen der törichte Streik tm Lande großen Bestall und Anhang verschafft hätte. Die liberale Jugend und was sonst ebenso politisch urteilslos ist, wie sie, klatscht ja Beifall. Aber den Besonnenen ,n

zunick.

Ein indigniecker Blick Mausecks traf den Ein­dringling, er unterdrückte sichtlich schwer einen em- pöcken Ausruf, aber er war viel zu viel Weltmann, als daß er sich in Damengesellschast hätte gehen lassen. So begnügte er sich damit, ihn mit eisiger Miene zu begrüßen und fiirs erste vollständig zu ignorieren, als sei das dürre Männchen Luft. Renate war sehr ani- niieck, ihr Kreolengesichtchen hatte ordentlich Farbe bekommen. Sie haste eben mit dem Großvater eine sehr wichtige Unterredung geführt, die beinahe etwas stürmisch geworden wäre. Er hatte nochmals den Ver­such gemacht, sie der Kunst abtrünnig zu machen, das heißt der Kunst, die vor die Oeffentlichkeit tritt Sie solle ihm versprechen, nie für Geld zu singen, weder Bühne noch Konzecksaal als Berufsstätte zu wählen, sie solle ihre Kunst im Hause treiben oder, wenn die Gelegenhett sich biete, zu wohltätigem Zwecke auS- nützen Sie war schrecklich empört gewesen. „Schä­men sollte sie sich ihres Könnens, es verleugnen und verstecken vor der Welt, wie etwas Verfemtes — ihre heilige Kunst, die ibr Loben schmücken sollte, ins Dunkle tragen, damit nur ja niemand merkt, daß sie ihre Priesterin ist." Sie haste sich ordentlich zusam- mennchmen müssen, um artig zu bleiben, aber sie hatte des Großvaters Ansinnen so bestimmt zumckge- wiesen, daß er ganz still geworden war. Ansanzs hatte sie gemeint, dieser sei nun wohl böse und würde sich sicherlich fortan nicht mehr viel um sie kümmern, das hätte ihr leid getan. Aber was sie von ihren Mädcheniahren an erstrebt — erhofft — durch eisernen Fleiß erreicht, es wog schwerer, als die Gunst des plötzlich aufgetauchten Großvaters, trotz seiner golde­

nen Folie. Eine Weile hatte der alte Herr geschwie­gen, aber die Gleichack, die er in dem jungen Menschen- kmde, das nach Naturrecht ein Stück von ihm war, gesunden, zog ihn mächtig an. Das war Charakter. Sich selbst fand er da. So war er immer gewesen, fest, unbeugsam in einmal gefaßten Vorsätzen und dem, was er als richttg eckannt.

Heber ihre nächste Zukunft hatten sie dann gespro­chen. Das Resultat mußte sie Werner sofock mitteilen, erfter Hand mußte er doch erfahren, was sie anging. Sie wintte ihm mit den Augen. „Gehen wir ein bis­chen, Werner?" Und als sie beide außer Sehweite waren, nahm sie seinen Arm.

„Laß uns weitergehen, wo nicht so viele Menschen sind, zählen muß ich Dir doch — Hör' doch nur, Werner! Das Geld zur italienischen Studienreise will Großvater geben! Ich freue mich so schrecklich für Onkel und Tante. Ganz leicht wäre eS ihnen doch nicht geworden, sie hätten sich sicherlich gewisse Ein­schränkungen deswegen nufrrlegrn müssen und nun brauchen sie es nicht, Großvater gibt von seinem Ueberfluß."

Sie drückte in hervorbrechendem Jubel WemerS Arm und zaubecke einen Widerschein ihrer Fröhlich­keit auf sein Gesicht. In grünender Lenzespracht wanderten die beiden jungen Menschen, über ihnen der blaue, sonnige Himmel, in ihnen der Jugend froh« Lebenslust, die des Trübsinns ©ritten in einem Augen­blick focklacht und nicht begreift, daß es Stunden geben konnte, in denen dieselben kopfhängerisch ge­macht.

Renate erzählte ausführlich von ihrem Gespräch mit dem Großvater.

„Du toirft es begreifen, Werner, daß ich ehrlich entrüstet war. Tas von mir zu verlangen! Wenn Großvater mich lieb hätte, wie sonst Großväter ihre Enkel lieben, dann würde er ja auch gar nicht mit solchen Ideen zum Vorschein kommen, aber bei ihm ist der Aristokrat die Hauptsache. „Shocking", ein Mitglied der Familie auf der Bühne zu wissen!"

Gortsetzung fötal1

möchten. Die Regierung wolle die Interessen eines festen inländischen Marktes wahrnehmeu, und aus der Wahrung dieser Interessen ergäben sich von selbst die Richtlinien für unsere Exportpolitik. (Lebh. Bravo. rechts und im Zentrum).

Montag: Forttetzung und Jnterpellatwnen bett, dir Kieler Werftaffäre.________________________________

Zeitung

Monatrbeüager „Mdaer GeschichtZblätter"

gemäß Bahn.

Als Werner kam, waren noch alle in Bewunderung der Geschenke vertieft.

„Sieh doch, Werner", rief ihm Renate entgegen und zog ihn an der Hand an den Ueberraschungstisch. „Hast Du denn überhaupt in Deinem Leben soviel Luxus für mich möglich gehalten?"

„Noch viel mehr."

Er ging bis zur Tür zurück und griff nach der Heinen Papierdüte, die et auf den nächsten Tisch ge­legt hatte. Stillschweigend löste er die leichte Hülle und reichte Renate die ttefdunkle Rose.

„Danke, Werner!" Sie küßte die duftende Blüte und steckte sie in den Gürtel. „Ist und bleibt mein schönster Schmuck, dem kommt kein Gold und Edelstein oleich. Ich weiß gar nicht, wie es werden soll, wenn Du mir einmal keine Rosen mehr bringen wirst."

„Dann bringt Dir ein anderer welche. Rosen blühen überall."

„Aber wenn ich nur die tragen will, die Du mit bringst?" sagte sie ckgensinnig.

„ES liegst ja einzig und allein in Deiner Hand, dir diese Laune zu gewähren."

Sie wurde dunkelrot und bückte sich schnell übet die Kleiderstoffe. Sie ärgerte sich über sich. Ging sie mit ihm nicht wie mit einem Leibeigenen um, den man ruft und fortschickt nach momentaner Eingebung? Sie wünschte auf einmal — sie wußte selbst nicht, was |ie wünschte — ober sie nahm sich vor, gut mit ihm zu sein — schwesterlich herzlich, ohne ihn zu quälen.

Als Oertzen um die gewöhnliche Zeit bei Mans eck versprach und seines Freundes Fernsein erfuhr, lächelte er verschmitzt.

„Ja, ja, die Herrschaften find ausgefahren. Wissen Sie nicht, wohin?"

„Keinen Schimmer! Met wo sollen sie fein? Im Zoologischen natürlich. Im vornehmen Viertel. Auf Wiedersehen!"

der Partei wird es wohl grausen ob dieses Bei- falls. Denn sie werden sich nicht verhehlen, daß doch den Vorteil schließlich wieder nur die Sozial- demokraten haben werden, wie von allem, waS die Nationalliberalen in letzter Zeit unter Füh- rung ihrer „Jugend" getan haben. In den Parteikreisen im Lande, die sich von den jung­liberalen Phrasen nicht betäuben lassen, wird denn auch bereits Befremden und Unwillen laut über den unpolitischen Streich, durch den dte Nationalliberalen sich selbst ausschalten. Nun auf eine Dummheit mehr oder weniger kommt es nicht an, nachdem die ganze nationautberale Taktik im letzten Halbjahr sich als eine lückenlose Kette von groben Mißgriffen und Fehlschlagen erwiesen hat. Darüber ließe sich ein kurzwelliges und lehrreiches Buch schreiben. Eine mehreren Zentrumsblättern zugehende Korrespondenz führt wenigstens einige Kapitelüberschriften an:

1. Wie die Nationalliberalen sich hinreißen lassen, den Vorsitz in der Finanzkommisston niederzulegen.

2 Wie dte Naiionalliberalen den Fraktionszwang zu Gunsten der Erbanfallsteuer einführen, dadurch bte wertvollen Mitglieder abstoßen und sich nut einem Leichnam solidarisch machen. , .

3 Wie die Nationalliberalen nach Ablehnung der Erbanfallsteuer sich auf die blanke Bernemuna aller früher erstrebten Steuern warfen und durch ihre Selbst- ausschaltung die neue Mehrheit erst recht tn Kraft und ^"^^Ww^die Nationalliberalen im Verein mit der Sozialdemokratie die wüsteste Hetze im Lande treiben und dadurch nicht etwa konservative oder Zentrums- Mandate, sondern liberale Mandate den Sozialdemo­kraten zuschanzen.

Da es sich augenblicklich um Reichsangelegenhektm handelt, wollen wir von dem Ruhme der Großblock» Politik in Baden und der Präsidentenwahl tn Sachsen nicht weiter reden. , ~ ... . , .. ~.

5. Wie die nationalliberale Fraktion durch die Ab­lehnung der Vizepräsidentenschaft des Reichstages ihre besonnenen Mitglieder abermals brüskiert und die Lorbeeren des Zentrums erheblich vermehrt hat.

6. Wie die Nationalliberalen durch ,h e Haltung gegenüber dem Vertagungsantrag des Abg. v. Normann am letzten Mittwoch die Konservattven ohne Grund und Zweck brüskiert haben.

„Fortsetzung folgt" kann man ruhig hinter dieses Sündenregister (oder genauer gesagt: Dummheitenregister) schreiben. Denn bte ersten Fehler ziehen immer weitere nach sich.

Der Wagen Drzymalas.

Vor etwa drei Jahren erstand ein armer Bauer na« Niens Drzhmala aus Pogradowitz Kreis Bromst la Morgen Land, worauf er einen Stall unb eine Scheune erbaute. Zum Bau eines Wohnhau- s e s wurde ihm auf Grund des Ansiedelungsgesetzes die Erlaubnis n i ch t e r t e i l t. Um nun irgendwo fern Haupt niederlegen zu können, kaufte er einen Wagen, ähnlich denjenigen der herumziehenden Kamssclbesitzer, und stellte ihn in einer Entfernung von 40 Meter von den Gebäulichkeiten auf. Zwar erschien eine Polizei- lommission, mußte aber unverrichteter Sache zurückkey- ien, da das Wohnhaus beweglich und transportabel ist. Dieses moderne Bauemwohnhaus im Gebiete der An­siedelungspolitik bewohnte Drzhmala mit seiner Frau und drei Kindern.

Damals schrieb eine Zeitung, der Wagen Drzhrna- las würde berühmt werden in der ganzen Welt. Das ivar nicht schwer zu vrophezeien. Eine solche außer­gewöhnliche bürokratische Glanzleistung mußte überast von sich reden machen und gleichzeitig mich die preu­ßische Polenpolitik um allen Kredst bringen. Das Ansiedelungsgesetz, auf welchem das Verfahren gei gen Drzhmala sich begründete, hat ja wohl keinen er­heblichen internationalen Eindruck gemacht, denn Pa­ragraphen erscheinen dem tot, der ihren Sinn nicht ver­steht. Viel wirksamer war eine so anschauliche und drastische Schilderung der Wirksamkeit dieses Gesetzes,

Flugblatt verbreitet haben, 3) daß einer dieser Be- amten noch heute im Dienste des Verbandes steht, und 4) daß das Flugblatt im Verlag der sozialdemo­kratischen „Rheinischen Zeitung" gedruckt ist, nachdem eine bürgerliche Partei in Essen bte Druck- • leauna ab gelehnt batte. Diese Tatsachen sind gericht­lich festgelegt, und ich möchte damit bte Sache vor­läufig als abgetan betrachten, wenn nicht von ber anbeien Seite weitere Angriffe erfolgen. Dte ganze Debatte ist veranlaßt durch die gestrigen Angriff der Sozialdemokraten auf unsere Partei; wir haben selbst­verständlich keine Veranlassung, einer solchen Debatte aus dem Wege zu gehen, soweit die Geschäftslage des Hauses dieses zuläßt. (Beifall int ZA y Abg. BehrenS (wirtfch. Bgg.): Wir fit nmen der Vorlage zu, bedauern aber ausdrücklich, daß die Ma­terie noch nicht endgiltig geregelt worden ist Wtr sehen aber ein, daß das geschäftlich mcht möglich ist, bis zur gewünschten Zeit das notwendige Gesetz zu schaffen. . a

Ein Antrag von der Linken auf Kommiffionrbera- tung wird abgelehnt. Der Gesetzentwurf wird in erster und zwetter Lesung angenommen. Die Linke stimmt dagegen.

Es folgt die erste Beratung des

Handelsvertrags mit Portugal.

Staatssekretär Dr. Delbrück: Unsere wiederholten Versuche, mit Portugal einen neuen Handelsvertrag abzuschließen, waren erst im vorigen Sommer von Er­folg gekrönt. Wir haben u. a. erreicht, daß für etwa 73 Prozent unserer gesamten Ausfuhr nach Portugal bis zum Ablauf des Vertrags eine Aendernng der be­stehenden Tarifposttionen nicht eintreten darf. Außer­dem ist es uns gelungen, für einzelne Waren die Tarifpositionen noch etwas herabzusetzen. Ich bitte Sie daher, der Vorlage Ihre Zustimmung zu erteilen.

Abg. Dr. Pieper (Ztr.): Es wird gut sein, diesen Handelsvertrag an eine Kommission zu verweisen, da­mit man sich dort über die Einzelheiten des Vertrags unterrichten kann; denn der vorliegende Vertrag muß zu den ungünstigsten gerechnet werden, der uns seit Jahren vorgelegt ist. Wenn man genauer zusieht, wird man bald erkennen, daß hierbei Deutschland die Kosten trägt, während die Vorteile auf feiten Portu­gals liegen. Besonders die Textilindustrie erleidet schweren Schaden. Wir, die wirtschaftlich Stärkcrn, gewähren dem kleinen Portugal reiche Vorteile. Por­tugiesische Weine und Südfrüchte werden übermäßig bevorzugt. Wir werden es uns sehr überlegen müssen, ob wir bem Vertrag zustimmen können. (Beifall.)

Abg. Graf Kanitz (K.): äußert bieselben Bedenken, wie der Vorredner und schließt sich dem Antrag aus Kommifsiousberatung an.

Abg. Merkel (Nl.): hat gleichfalls lebhafte Beden­ken gegen den vorliegenden Handelsvertrag, besonders, weil Deutschland Portugal die unbeschränkte Meistbe­günstigung gewährt, während Portugal uns nur vor­übergehend die Sätze seines alten Tarifs gewährt und sich das Recht vorbehält, in jedem Augenblick die exorbitanten Erhöhungen feines neuen Tarifs in Kraft treten zu lassen, und andere Staaten uns gegenüber zu bevorzugen. Der Vertrag ist eine schutzlose Preis­gabe deutschen Gewerbefieißes. Ich möchte am liebsten die Vorlage glatt ablehnen, aber ich will mich auch einer Kommisstonsberatung nicht widersetzen, die Sache ist gar zu interessant. «Lebh. Beif. bei den Natt.)

Geh. Rat im Reichsamt des Innern Müller er­widert dem Vorredner, daß vor dem Abschluß des Vertrages Sachverständige gehört worden reien, und daß die portugiesischen Kolonien einen besonderen Zoll­tarif haben. .

Abg. Buddeberg (FBp.) schließt sich dem Antrag auf Kommisstonsberatung an.

Abg. Dr. Südekum (Soz.) weist darauf hm, daß in dem Vertrag hauptsächlich englische Untere, en wahr­genommen würden, und daß der Vertrag in London entworfen sei. Im weiteren bekämpft Redner die Schutz­zollpolitik, mit der endlich ausgeräumt werden müsse. Unser? Diplomatie und Bürokratie sei nicht in der Lage, die Interessen des deutschen Volkes wahrzunehmen.

Abg. Linz <Rp.): Ich bin von den Verlrelern meiner heimischen Textil- und Kleineisenindustrie ge­beten worden, den Vertrag abzulehnen. Das Richttge wäre, die Regierung zöge den «ertrag vorläufig zuruck und träte in neue Verhandlungen ein.

Staatssekretär Dr. Delbrück weift die von dcn Vor- iebnem erhobenen Vorwürfe, besonders den der leicht- sertigen Arbeit zurück, und spricht den Wunsch aus, daß die Interessenten ihm ihre Wünsche vorbringen

Irrende Seele.

14] Roman von H. T e i ch e r t.

Renate war ganz verstört über ble Sendung. Lchmuck besaß sie bis jetzt sehr wenig, baS einzige wertvolle Stück war der Ring aus dem Meininger Schloß, und nun lag vor ihr ein ganzes Etui funkeln­der kostbarer Gegenstände, mit denen sie sich schmücken Zollte. _

„So freu Dich doch, Mädel", ermunterte Dornau, indem er ein Stück nach dem andern aus bem Samt- - Polster hob und bewundernd betrachtete. „Diamanten, ibie sich sehen lassen können! Du hast phänomenales Glück, Rena. Andere Sängerinnen müssen sich solche blitzenden Dingerchen erst verdienen, Du sängst Deine Laufbahn gleich damit an. Den Großvater hast >r-u wirklich gerade zur rechten Zeit gefunden."

„Ich wäre auch ohne ihn ausgekonnnen, Onkel, ich habe ja Euch. Versuchen will ich ja, ihn ein bis« 'chen lieb zu haben, wenn ich aber daran denke, daß ‘für die Unsumme, die dieses alles kostet, meine arme Mutter hätte ein Jahr lang sorgenlos leben können, bann kommt es mir wie Sünde vor, daß ich mich über­haupt daran erfreuen soll."

„Solche Skrupel mußt ©u nicht in Dir auftommen kaffen, Liebling", sagte Beate liebevoll, „daran ist nun nichts mehr zu ändern. Freue Dich immerhin und schmucke Dich mit den Gaben Deines Großvaters, darin soll Dein Dank liegen und ein gewisses Ent- Äegenfommen, das er unbedingt verdient.. DaS Be- fhrben, an Dir gut zu machen, was er vielleicht an ©einer Mutter gefehlt, ist ein Sieg, den bet Mensch

,‘*’m ßb« Tradition und Vorurteil davongetragen. Weine Pflicht ist es, ihm dttrch Entgegenkommen diese Buhne zu erleichtern."

Sie legte Renate die einzelnen Schmuckstücke an Und breitete dann die mitgekommenen Sachen aus. >®°, auf einmal", sagte sie staunend, „und alle gleich wertvoll tn ihrer Art. Die Seide legen wir i|uru(f, das gibt Konzertkleider, aber diesen reizenden Meißen Viole-Stoff, den lassen wir gleich machen'

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 4. Dezember 1909.

Am Tische des Bundesrats waren Dr. Delbrück ttttb v. Tirpitz mit zahlreichen Vertretern des Re.chs- warineamts erschienen. Das Haus selbst war start

Auf der Tagesordnung stehen sämtliche bisher ein­gegangenen

Interpellationen, um der Regierung Gelegenheit zu geben, über den Zeit­punkt ihrer Beantwortung sich zu erklären. — Zu den Interpellationen der Freisinnigen und der Sozialdemo £ ithor bett ctftb ettieb in Äicl bcnicitt

Abg Dr. Wirmer (fress. Vp.): Mit Rücksicht da­rauf, daß über das Urteil im Kieler Werstprozeß dre »äderen Einzelheiten heute noch nicht bekannt sind, erscheint es erwünscht, die Verhandlung darüber um einen, zwei Tage zu verschieben.

Abg. Singer (Soz.): Ich schließe mich dem an.

Staatssekretär v. Tirpitz: Wenn das hohe Haus die Beantwortung der Interpellation zu verschieben wünscht, bin ich bereit, sie am Montag zu beant- ^^P^äsident Graf Stolberg: Ich werde die Inter­pellation also zu Montag auf die Tagesordnung setzen.

Zu den übrigen Interpellationen betr. den Arbeitsnachweis, die Privatbeamtenversicherung, die Unterstützung an arbeitslose Tabakarbeiter, den Marisfelder Bergarbeiterstreik, die Anwendung des Reichsversicherungsgesetzes erklärt Staatssekretär Del­brück sich bereit, sie in den nächsten Tagen zu beant­worten. m ±

Es folgt die Fortsetzung der Beratung über die

Verschiebung ber Hinterbliebenenversicherung.

Abg. Sachse (Soz.): Die Agrarier stecken Millionen infolge des Zolltarifs in die Tasche, und sür die Witwen und Waisen sind keine MUtel vorhanden. Das Zentrum spielt nachher immer den Unschuldigen. Der katholische Volksverein treibt eine unschöne und unwahre Agitation. Entstellungen find bei ihm an der Tagesordnung. (Zuruf im Zentrum: 30000 Mk.!) Wir haben mit dem Flugblatt, das behauptet, der Zeu trumsab g. Brust habe von denZechenbesitzeru 801-00 Mark erhalten, nichts zu tun. Das Gegen­teil zu beweisen, ist dem Zentrum nicht gelungen.

Vizepräsident Dr. Spahn: Lassen Sie die Neben­dinge und halten Sie sich nur an den Gegenstand.

Abg. Sachse (Soz.) Das Zentrum sollte sich über die Agitation anderer nicht beschweren. In den christlichen Gewerkschaften des Zentrums bestehen ja selbst zwei Richtungen, die sich in einer sehr unschönen Weise befehden. „ . , .

Vizepräsident Dr. Spahn: Tieie Lache hat mit dem Gegenstände hier nichts zn tun.

Abg. Sachse (Soz.): Diese Dmge sind gestern vom Abg. Becker selbst in die Debatte gebracht worden, dafür muß man sie auch heute zurückweisen können.

Abg. Stadthagen (Soz.): Die Leute, die Hunderte von Millionen durch den Zolltarif geschluckt haben, wollen jetzt das bischen Recht, das die Witwen und Waisen durch den Antrag Trimborn bekommen haben, ihnen noch hinausschieben. Dieses Gesetz hier muß abgelehnt werden. Das Zentrum verhöhnt die Be­dürftigen und speist sie mit hohlen Phrasen ab. Das ist eine Expropriation der Armen. Das ist schlimmer als Hochstapelei. Denn Hochstapler begaunern nur reiche Leute. Sie wollen aber die Armen ausplün­dern. (Lärm i. Zentr., Beifall d. Soz.)

Abg. GieSberts (Ztr.): Ich glaube, dem Hause einen Gefallen zu tun, wenn ich auf den Sermon des Abg. Stadthagen und den polemischen Stunk, den er vorgetragen hat, heute nicht näher eingehe. Der Zoll- tarif selbst ist von wohltätigen Folgen gewesen, das hat selbst der „Vorwärts" anerkennen müssen. Betreffs der 30 000 Mark-Angelegenheit handelt es sich nicht darum, ob der Vorstand des sozialdemokratischen Verbandes das gegen den Abg. Brust gerichtete Flug­blatt geschrieben hat, es handelt sich hier darum, 1) daß das Flugblatt verbreitet ist, 2) daß Beamte des sozialdemokratischen Verbandes das