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Wdaer W Zeitung

monotsbeilase: „Mdaet GeschichtSblAtet

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zparz«lle"rnÄda. wochenbeilage:,Illustrierte Sonnfagsjcitung“

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Fulda, Samstag den 4. Dezember 1909

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Zweites

««zeigen: vte ein­spaltige petttzelle oder deren Raum 15 pfg. Rellamendrepetitzeilr 25 Pfg., brr Wieder­holungen wird entspr.

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RotationsdruSund Verlag der §uldaer Ak- tiendrnckrrei in Lnlda Lernsprecher Ur. 9.

des ersten Vizepräsidenten begnügen. Doch das Zen­trum bedankte sich höflich bofüt, da eS als die stärkste Partei Badens ohne Zweifel ein Anrecht aus den Präsidentenposten hatte. Auf diese Weise ist es den Sozialdemokraten gelungen, zuni ersten Male in einem deutschen Bundesstaate dem badischen Genossen Geiß einen Vizeprüsidentenposten zu verschaffen. Wie sehr der revisionistische Gedanke in der deutschen Sozial­demokratie festen Fuß gefaßt hat, zeigt schon der in früheren Jahren ganz und gar unmöglich gewesene Be­schluß der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, even­tuell einen „Genoffen" aI8 Vizepräsidenten vorzuschla­gen. Der religiöse Haß der Liberalen hat in D ü s s e l- d o r f wieder mal einen bedenklichen Triumph gefeiert. Schon seit längerer Zeit stand die Frage der Ein­führung der Krankenpflege durch Ordensschtveslern in den städtischen Krankenanstalten auf der Tagesord­nung der Madtoerordnetensitzungen. Nunmehr haben die Stadtverordneten mit 32 gegen 19 Stimmen den Antrag des Zentnims auf Zulassung der Ordensschwe­stern zur Krankenpflege in den städtischen Krankenan­stalten abgelehnt und beschlossen, die Organisation der weltlichen Schwestern weiter auszubauen. Sehr er­baut wird die Düsseldorfer Bevölkemng über dieses rücksichtslose Vorgehen bet liberalen Herren gegenüber den Wünschen der Katholiken, die doch die Mehrheit der Bevölkerung bilden, nicht sein, zumal durch An­nahme des Zentrumsantrages die Stadt jährlich nicht weniger als 140 000 Mark gespart hätte. Aber was kümmert die liberalen Polittker die Frage, welche Rück- wirknng ihre Beschlüsse auf den Stadtsäckel haben wer­ben? Ihnen kommt es ja vor allem darauf an, der katholischen Kirche eins zu versetzen, alles andere ist Nebensache. Hoffentlich wird ihnen aber nunmehr bei den nächsten Stadtverordnetenwahlen gezeigt, was man mit solchen „Volksvertretern" tut.

Der Tod hielt reiche Ernte: Mathias Wiese und de Witt sind vom irdischen Kampfplatz, wo sie als echte Zentrumsmänner und kernfeste Katholiken gestritten und gelitten haben, abgetreten. Möge das Beispiel, das sie uns Zeitlebens gaben, hellleuchtend wirken! — In Bayern starb ein fürstlicher Arzt, Herzog Karl Theodor, der Tausenden das Licht der Augen gerettet hat, unentgeltlich, in selbst­loser Hingabe an seinen barmherzigen Beruf. Ehre diesem Wohltäter auf der Menschheit Höhen!

Landsberg und Halle. Hier Sieg der Sozialdemokraten, dort der Konservativen. Der be­trübte Dritte ist der Linksliberalismus, der immer noch nicht ans seinen mannigfachen Niederlagen ge­lernt hat. Mit einer unglaublichen Verblendung stößt er allenthalben die bürgerlichen Wähler vor den Kops und ebnet der Sozialdemokratie den Weg, die keine Bedenken trägt, flugs ihren bereitwilligen Helfer in den Graben zu werfen. Wenn nicht alle bürgerlichen Parteien bei der Landtagswahl im 12. Bezirk zu Berlin eingesprungen wären, hätte der Zehn Ge- bote-Hoffmann im preußischen Landtag die deutsche Grammatik und jeden anständigen Abgeordneten wei­ter ottakieren können. Davor sind wir zum Glück gnädig bewahrt.

In Oe st erreich -Ungarn erlebte man in dieser Woche die Genugtuung, daß wenigstens der Neichsrat in Wien, wenn auch unter vielen Schwie­rigkeiten, die parlamentarische Tätigkeit aufnahm. Die ungarische Krise ist dagegen noch immer nicht gelöst. Wie gewohnt, ging es auch in dieser Woche weiter: heute ist Koffuth der Mann, morgen Andrassy, über­morgen Tisza und dann kommt wieder Herr Wekerle, bis dann schließlich wieder ein Beamtenministerium austaucht. Für einen Moment wurde sogar der nun­mehrige Führer der Unabhängigkeitspartel, Herr Justh als der kommende Mann bezeichnet, der sich für die Bildung des Kabinetts trotz seiner sonsttgen scharfen Stellung insofern eignet, als er keine Forde­rungen bezüglich bet Armeesprache stellt. Man er­sieht an? diesem Wechsel der Chancen, daß eine end­

gültige, dauerversprechende Lösung noch In weiter getiie liegt.

Die Würfel sind im englischen Oberhaus gefallen: Die Abstimmung über den Anttag Lord Lansdownes: daß das Oberhaus nicht zur zweiten Lesung bet Budget-Vorlage schreiten könne, bevor die Wähler Gelegenheit hatten, sich dazu zu äußern, ergab die überwältigende Mehrheit von 375 gegen 75 Stim­men für den Antrag. Nun geht der Wahltanz los, der über mehr entscheidet, als eine Finanzfrage wie das Budget. t,

InFrankreich geht der Kamps um die Schule rüstig fort. Für die Bildung einer geschlossenen, aktionsfähigen katholischen ^er wie man in diesem Falle wohl wird sagen dürfen, kirchlichen Patter pnb trotz der Bemühungen und der flammenden Reden der Bischöfe die Aussichten sehr gering. Desto ziel- bewußter ist man im gegnerischen Lager. Der Mi­nisterpräsident Briand hat bereits des östern öffentlich erklärt daß die Regierung nicht daran denke, den Forderungen der Katholiken nachzugeben.

Den Kampf gegen die religionsfeindlichen Laien­schulen nahmen jetzt auch die spanischen Bi­schöfe auf. Sie richteten an die Regierung eine Eingabe, in der sie von ihr verlangen, daß dre Er­mächtigung zur Wiedereröffnung der religiös-neu­tralen Laienschule versagt werde. — Den Ris-Feldzug in Nordmarokko scheinen die spanischen Trup­pen endlich zu Ende geführt zu haben. Wiewohl die Nachrichten über die letzten spanischen Erfolge in dem Kriege äußerst dürftig gehalten waren, so ließen sie doch erkennen, daß die aufsäffigen Kabylenstämme des unnützen Blutvergießens müde sind, zumal keine^Aus­sicht vorhanden ist, daß der maroflanische Sultan Mulay Hafid sie mtterstühen werde.

Rußland lebt gegenwärtig mal wieder in großer Angst vor den — Japanern. Man vermutet diese schon in Finnland, woselbst sie mit den revo­lutionären Elementen gemeinsame Sache machen sol­len, um das russische Reich zu zertrümmern. Der große Verwaltungsskandalprozeß, der schon seit längerer Zeit die russischen Gerichte beschäftigt, bringt geradezu grauenhafte Zustände in den einzelnen Ve-waltungsressorts zutage.

Auf dem B a l k a n geht es im alten Schlendrian weiter. Von einem Balkanbund hört man nichts mehr; offenbar konnten sich die kleineren Staaten, die nur ihre eigenen Interessen berücksichtigt tvissen woll­ten, über das Programm nicht einigem

selbst; einige Fuhren Dünger (Straßenmüll) wurden unentgeltlich von der städtischen Fuhrparkverwaltung abgegeben. Das lebhafte Interesse für den kleinen Grundbesitz trat besonders augenfällig in die Erschei­nung, als die Leute sich bei der Neuvergebung von Land in dringlichster Weise darum bewarben Für die Stadt selbst war diese Maßnahme insofern von günftigem Einfluß, als Barnnt-rstützungen in großer Menge in Wegfall kommen konnten. In Fulda plant man bekanntlich auch ein Vorgehen wie in Po­sen. Etwas ähnliches hat man in der Landgemeinde Langwardein in Oldenburg versucht, wo man aus Ge- meindekosten Kühe antaufte und diese unterstützungs­bedürftigen Leuten zur eigenen Nutzung in Fütterung und Pflege gab.

Diese Möglichkeit der Einkommensbeschaffung könnte man nun auch sonstigen kleinen Leuten eröff­nen, die zwar nicht als eigentlich Arme anzusprechen sind, denen aber die Nutzbarmachung einer lohnenden Nebenerwerbsguelle sehr willkommen fein würde. Man­cherorts hat man bereits, und zwar mit günstigem Er­folge, versucht, Arbeitern und kleinen Handwerkern ein Stück Gartenland zu überweisen Wo die ?(rbeitei sich nicht selbst gleich in den Besitz eines Gärt­chens setzen konnten, haben gemeinnützige Vereine oder sonstige Organisationen Land pachtweise oder käuflich übernommen, das sie unter bestimmten Bedingungen zur Nutznießung oder zum allmählichen Eigentumser­werb überließen. Diese Kleingartenbestrebungen fin­den ihre Zentralisation m dem Zentralverband deut­scher Arbeiter- und Schrebergärten zu Berlin und in dessen Organ „Der Arbeiter- und Schrebergarten". Ein solcher Schrebergartenverein besteht auch in Fulda. Aehnliche Ziele verfolgt die Deutsche Gar­tenstadtgesellschaft (Sih Berlin), die billiges Land in geeigneter Verkehrslage für neue Ansiedelungen, für ganze mustergültige Stadtanlagen unter Ausschluß der Spekulation erschließen will.

Neben der Ausbreitung der Gartenkultur käme bann die Hebung der Kleinviehzucht in Be­tracht. Für unsere Zwecke kämen hier in Frage Schweine', Ziegen, Kaninchen, Hühner, Bienen usw. Vielfach steht man diesen Betriebsmöglichkeiten noch gänzlich verständnislos und sehr oft mißtrauisch ge­genüber. Manches konnte man hier vom Auslande lernen, dem wir heute noch für derartige Produkte einen gewaltigen Tribut entrichten müssen Natürlich darf man nicht alles zugleich beginnen wollen und vor allem nicht ohne Vorkenntnisse und ohne Abwägung der gegebenen Verhältnisse einen derartigen Betriebs­zweig in Angriff nehmen. Für fast jeden der genann­ten Betriebsarten gibt es besondere Fachvereine und Fachschriften. Die Anschaffung eines derartigen Fach- organs, das Interessenten zugänglich gemacht werden sollte, ließe sich doch auf irgendeinem Wege wohl er­möglichen.

Ein sehr bemerkenswerter Vorschlag mürbe, im August heft bet „Zeitschrift für Agrarpolitik" betreffenb die Verwertung bet städtischen Küchenabsälle für die Schweinemast gemacht. Um die Verwertung der Küchenabfälle zur Schweinemast zu ermöglichen, mußte in den Stadien für eine Trennung der Küchenabfälle von den anderen Bestanbteilen des Hausmülls Sorge getragen werben Durch Einführung bes Dreiiei- lungsshstems des Mulls, (wonach getrennt gesammelt werden: 1. Asche und Kehricht, 2. Küchenabsälle (Fleisch-, Bock- und Gemüseabfälle, Kartoffelschalen usw.), 3. Sperrstoffe oder gewerbliche Abfälle) könn­ten die großen Mengen der Küchenabfälle nach Ab­kochen unb Sterilisation zur Fütterung ber Schweine mit Vorteil nutzbar gemacht werben. Dieses Drei­teilungssystem wirb schon seit einer Reihe von Iah­ten in vielen Stabten von Amerika burchgeführt. In Potsdam werden die Speisereste gegen Meistgebot zur Schweinemast abgegeben und sind sehr begehrt. Sie sind in frischem Zustande sogar mit Erfolg an Rind­vieh verfüttert worden. Neuerdings hat sich in Char*

Erschetnt täglich mtt Ausnahme der Soj»

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Verantt». Redakteur, «ari Schütter

36. Iahrqansi

wochen-Uundjchau.

[:] Fulda, 3. Dezember 1909.

Die Vertretet des deutschen Volkes sind wieder in den Reich Stags bau in Berlin eingekehtt. Wenn sie wollen, können sie am 5. Dezember die 15. Wiederkehr des Tages begehen, an dem der Reichstag in dieses sein neues, stolzes Heim zog, nachdem er 23 Jahre lang sich mit einer beschräntten Tagungsstatte hatte begnügen müssen. Bismarck hatte 1871 be- absichtigt, in bet Wilhelmstraße einen bescheibencn Bau von höchstens 750 000 Mark auffuhren zu lassen, aber bie Abgeordneten wünschten besser zu „sitzen unb bezogen einstweilen einen Fachwerkbau in ber Leipzigerstraße. Am 27. Januar 1875 sagt ber steno­graphische Bericht: „Ein Stück ber Verzierung bet Decke des Saales fällt mit lautem Gepolter auf das Tischchen eines der Mitglieder herab. Allgemeiner Ausstand und andauernde Unruhe." Trotzdem wurde erst 1884 der Grundstein zu dem Neubau gelegt und erst 1894 war dieser vollendet. Er hatte 23,4 Mil­lionen Mark gekostet. Man sieht, wir bewegen uns in Extremen: zwischen breiöiertel und dreiundzwanzig Millionen. Es ist gut, daran zu erinnern, jetzt wo angeblich die Aera der Sparsamkeit die Aera ber vollen Hand ablösen soll. Die Thromebe enthält ja ebenfalls einen Hinweis barauf. Extreme zeigen sich auch noch in anbetet Hinsicht. Durch bie Thronrede nach den Blockwahlen ging ein ganz anderer To» als heuet; es war ein Nachklang der nächtlichen Serenabe vor bem Schloß: Mit fliegenben Fahnen führte Bülow bie Block-Phalanx. Aber: gestern noch auf stolzen Rossen, heute burch bie Brust geschossen! Die Thronrebe am vergangenen Dienstag ist kühl bis ans Herz: Der Sang ist verschollen..... Dem

stillen Beobachter gefällt bie ruhige Art freilich besser als bk mit Hurra unb Los! Aber bie an Katerstim­mung erinnembe Nüchternheit bünkt ihm auch nicht nötig. Die Reichstagsmehrheit, bie keinen Vettel, sondern das Sümmchen von sage und schreibe 475 Millionen bewilligt hat, konnte beanspruchen, nicht wie der Mohr behandelt zu werben, der seine Cchulbigkeit getan hat und gehn kann. Indes wer rechnet in der Politik auf Dankbarkeit!

Die Nationalliberalen stnb offenbar ber Ansicht, mit bet Schmollpolitik beim deutschen Volke mehr Ruhm einzulegen, als mit einer positiven gesetzgeberischen Mitarbeit. Bei bet P t ä s i b e n t e n w a hl im Reichs­tage streikten sie. Selbst bie so viel verschrienen So­zialdemokraten stimmten für ben Grafen Stolberg als Präsidenten und für den Zentrums-Abgeordneten Dr. Spahn als ersten Vizepräsibenten. Zum zweiten Vize­präsidenten wurde ber nationalliberale Abg. Pansche gewählt. Er lehnte die Wahl jedoch auf Fraktionsbe­fehl ab. Nachdem der 2. Vizepräsident abgelehnt hatte, hätte in einem anbeten Wahlgang ein anderer gewählt werden müssen. Aber welche Partei soll ihn stellen? Die Linkslibetalen tun nicht mit; die Sozialdemokra­ten wollen nicht alle dem Präsidenten zukommenden Pflichten erfüllen, bie Polen unb bie wirtschaftliche Vereinigung sind zu Rein unb bie Freikonservativen waren noch nicht entschieben. Datum stellte ber kon­servative v Normann ben Antrag, bie Wahl bes 2. Vize nur ben Freitag zu verschieben. Bei ben Libera­len hat ber Haß gegen das Zentrum unb ber Aetger über bie Konservativen, bie ben Block „kaput" gemacht haben, ben Streik bei bet Präsidentenwahl veranlaßt. Derselbe Haß hat auch in der badischen K a m- m e r zu seltsamen Blüten geführt. Der frühere wohl­verdiente Kammerpräsident, ber Zentramsabg. Dr. Fehrenbach, würbe bei ber diesmaligen Präsidenten­wahl einfach übergangen und sollte sich mit bem Posten

8. C. Die Veredlung der Lebenshal­tung

ist ein Kapitel, dem man in jüngster Zeit erfreulicher­weise eine fteigenbe Beachtung zuwenbet

Vor allem sucht man dabei die Fähigkeit zu ver­mitteln, mit dem erzielten Einkommen richtig umzu- oehen und zu wirtschaften. Die Betonung der spar­samen und wirtschaftlichen Verwendung des Einkom­mens ist gewiß sehr wichtig, jeboch gibt es auch Mittel unb Wege, durch eine zweckentsprechende Eigenproduk­tion einen Mehrgewinn zu erzielen und damit der Hebung von LebeHhnltung und Lebensweise zu dienen. Sehr zu begruben ist es, wenn man neuer­dings diese Mittel und Wege zunächst denen zugänglich machen will, deren Einkommen durchaus nicht hinreicht zur Bestreitung der notwendigen Lebensbedürfnisse, oder die überhaupt kein Einkommen beziehen, also den unterstützungsbedürftigen Armen. So hat, wie wir früher berichteten, die Stadt Posen den Versuch ge­macht, derartigen Bedürftigen Land zur Eigennutzung zu überweisend Von der städtischen Grundeigentums- Verwaltung wurden 1450 Quadratmeter Land zu bil­ligem Preise verpachtet und in Parzellen von 200 Quadratmetern an kinderreiche Familien verteilt. Das Land wurde den Bedachten im Laufe des Monats April übergeben. Die Aussaat beschaffen die Leute sich

Unpolitische Zeitlöuse.

(N.) Berlin, 2. Dezember 1909.

(Nachdruck verboten/,

Dieser Monat, der das Dutzend voll macht, ist der Kaufmonat, der Schenkmonat, der Zärüichkeitsmonat. Für den gebenden Teil ist es eine Art Saatmvnal, da er das kostspielige Saatgut der Liebe ausstreut; für den empfangenden Teil der Erntemonat, dec mit über* rastenden Liebesgaben die Hände, die Taschen, die Truhen, die Schranke und auch die Attindchen und die Magen füllt. Der Dezember steht unter dem Zeichen ber Pakete, bie von ben heimkehrenden Leuten getragen werden; die Frauen tragen zehn Pakete mit eleganter Sicherheit, und die Manner wissen mtt zweien nicht fertig zu werden. Wenn ich in meiner vorortlichen Nachbarschaft Umschau halte, so scheinen wir diese Woche auch unter dem Zeichen der ftattemben Wäsche zu stehen. Wo man sich noch nicht ganz ber Wasch­anstalt verschrieben hat, ba wirb vor Weihnachten noch aufgeräumt mit ber schmutzigen Hauswäsche, benn in ben zwölf geheimnisvollen Nächten zwischen Weihnach­ten unb Dreikönigen haben bie Waschwannen nach ur­altem Brauch Ferien.

Soll ich nun heute toieber einmal von ber Kunst des Einkaufens reben? Vielleicht auch von dem Gelaufe in den großen Warenhäusern, von denen im­mer neue hier wie Pilze aus der Erde schießen, um sich einen Wettbewerb auf Tod und Leben zu machen, unb von benen ein Teil bie Aussicht hat, nach ben paar fetten Weihnachtswochen mehr Labenmädchen als Käufer aufzuweisen? Oder von der Kunst des überhaupt, die manche Leute zum Schaden des Geldbeutels unb ber Gemütlichkeit noch ber?tetk”? Ober soll ich anknüpfen an bie unb Hemden, bie da im De- £ & B um womöglich etwas von dem kurzen Sonnenichein zu erhaschen?

Nun ja da, Waschfaß unb ber Scheuerbesen Finnen ^dveittslieb. Sie rufen uns zu: Räumt auf flilt bem alten ©taub unb Schmutz, bevor bas Christfest Wut, das heiligen Frieden und glückselige Liebe tt, t6* ^au5 &r*n<en soll. Machet alles sauber unb blitz­

blank, nicht bloß ben Hausrat, sonbern auch bie Her­zen, — nicht bloß bie Ecken in den Stuben, sondern auch die Ecken im Kopfe!

Ich habe einen Erzieher gekannt, ber ein Schock Jungen in ben schönsten Flegeljahren leiten uub ver­edeln sollte. Sein Lieblingsspruch war: Schenk' mir dein Herz! Gesunde Jungen in dem Alter haben es zwar nicht so eilig mit der Aufopferung ihrer Herzen, aber der würdige Erzieher bekam sie schließlich doch. Nicht etwa durch seine Beredtsamkeit allein, die Her­zen wurden überhaupt nicht auf dem Präsentierteller ihm. entgegengebracht, sondern er mußte sie mühselig nach und nach erobem. Erobern durch sein selbstloses, treues, unermüdliches, folgerichtiges Wirken. Erst als die Jungen sich darüber klar wurden, daß er selbst ihnen sein Herz mtt allem Zubehör seines Wesens rückhaltlos geschenkt hatte, rückten sie mit ihren Herzen heraus, und es entwickelte sich ein inniges Familien­leben in der großen Anstalt, das auch durchaus nicht gestört wurde, durch die kindischen Scherze, die sich die naseweise Jugend gelegenfltch mit den Eigenheiten unb Schwächen bes alten Herrn gestattete. Das lau­tere, eble, golbene Herz blieb Sieger.

Schenk' mir Dein Herz! Diese Inschrift sollte über allen Gabentischen unter ben Weihnachts­bäumen prangen. Wo bie Herzlichkeit fehlt, ba sind bie kostbarsten Geschenke nur Plunber. Aber wenn Herz unb Herz in vollem Einklang sich finben, ba gibt eS ein Wunber ber Gabenvermehrung: bie Kleinig­keiten erhalten Golbeswert, unb bk behagliche Zu* friebenheit füllt alle Lücken aus.

Schenk mir dein Herz! Ja, wie macht man denn das? Man kann doch das Herz in dem Kaufhause nicht mit in ba8 Umschlagpapier packen lassen, und Wenn man das Wort „herzlich" in eine Stickerei ein- fiigt, so ist das vorerst nur ein Wort, nicht die Sache selbst. Auch die mündlichen Beteuerungen der Herz­lichkeit machen für sich allein den Kohl noch nicht fett. Im Gegenteil: je echter und inniger die Herzlichkeit ist, desto schweigsamer pflegt sie zu werden. Die Schenkung deS Herzens ist ein innerlicher Akt, den man am besten an seinen Früchten erkennen kann.

Da sagt nun vielleicht einer leichthin: Uh habe boch meinen Angehörigen von Anfang an mein Herz

geschenkt, also ist eine neue Uebergabe gar nicht nötig. — Hm! Bon Zeit zu Zeit muß man boch einmal nachsehen, ob bie elektrische Leitung auch noch ganz in Ordnung ist. Die Herzen gleichen ben galvanischen Elementen, bie in ihrer Berührung ben elektrischen Strom erzeugen sollen. Im Laufe ber Zeit wird die Berührung manchmal etwas mangelhaft. Es bilden sich Heinere oder größere Zwischenräume, es gibt Stöße, b'e Verwirrung anrichten; es seht sich ber Rost von Mißverständnissen und der Staub der Gleich­giltigkeit dazwischen: der Kontakt ist gestört oder gar gänzlich unterbrochen. Soll es so bleiben? Nein. Also frischauf zur Revision und Reparatur. Weih­nachten ist die geeignetste Zeit.

Als Opferaltar der Liebe hat man oft und mit Recht den Gabentisch bezeichnet. Das schöne Wort erinnert immer wieder an die Stelle im Evangelium, wo es heißt: Wenn du deine Gabe opfern willst und dich erinnerst, daß dein Bruder etwas wider dich habe, so gehe zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder.

Also die erste Vorflage ist: Haben die Familien* glieder etwas gegen einander? Ich möchte bitten, diese Gewissenserforschung nicht gar zu oberflächlich zu machen. Daß ihr euch nicht gegenseitig haßt und be­schimpft oder gar kratzt unb haut, will ich gerne glau­ben; bamil ist aber bie Herzlichkeit noch gar nicht ge­währleistet.

Es gibt Kinber, bie es zu offenem Trotz unb er­klärter Widersetzlichkeit gor nicht kommen lassen, aber trotzdem durch ein starres, ungemütliches, verschlosse­nes, hinterhältiges Wesen ihren Eltern viel Sorge und Aergcr machen. Solche Kinder haben oft noch ein pharisäisches Selbstbewußtsein, indem sie Gott danken, daß sie nicht sind, wie manch« andere Kinder, die in offenem Kampf und Krieg mtt ihren Eltem (eben. Sie pochen darauf, daß ihnen keine Sünde gegen das vierte Gebot nachgewiesen werden könne; sie täten doch wirklich ihren Eltern nichts böse», wenn auch die Eltem mamhnial streng seien in ihren Anforderungen usw. Melleicht tun sie wirklich nichts gröblich böfeS; ober sie tun auch nichts gutes, nichts liebes. Und da» ist bedauerlich, denn die Eltem, die sich für ihr Kind aufgeopfert haben, verdimen ettvaS wehr, ol­den Schutz vor erklärter Bosheit. Du sollst Batet und

Mutier ehren. Du sollst ihnen Liebe für Liebe mübergeben, Du sollst ihnen Tein Herz schenken, nickt bloß einen zwangsweise gebogenen Rücken

Wer Siebe ernten will, muß Liebe säen. Dal sollkcn auch bie Eltern bedenken und einmal nachprü- scn, ob sie die Pflege unb Erziehung ihrer Kinbei auch stets in warmer Siebe betrieben haben. Crbnung muß sein, Zucht muß sein, Strenge muß fein; aber in bem ganzen Getriebe barf nie unb nirgenbS bal Oes ber Siebe fehlen. Eigensinn unb Jähzorn bür* fen bie Ettern nicht kennen. Sie müssen bie mildem- ben Umstänbe bes Alters unb ber Unerfahrenheit gel­ten lassen. Sie bürfen gerecht strafen, aber sie müssen auch gerecht erziehen lernen. Und vergessen lernen; denn bas wiederholte Schelten wegen alter abgetaner Fehler macht verstimmt und verstockt. Je mehr bk Kinber heranwachsen, besto mehr Rücksicht auf ihr« eigenen Wünsche können sie verlangen unb besto mehr Schonung ihres Ehrgefühls bei ben nötigen Zurecht­weisungen. Die elterliche Hand soll den Zügel nicht fahren lassen, aber sie soll nicht ohne Not an bem Zügel zerren unb ziehen, vielmehr ber zunehmenden „Wejchmäuligkeit" Rechnung tragen. Da gilt der alte Spruch, der sonst inbezug auf bie Kirche gebraucht wirb: im Notwenbigen straffe Zucht, in ben Neben­sachen Freiheit unb in allem bie Liebe!

Auf Erden ist nichts vollkommen unb bleibt nichts von Schwächen unb Mängeln verschont. In den besten Familien schleichen sich Mißverständnisse und Mißhelligleiten ein; es setzt sich Staub unb Schmutz an. Da muß mal eine Bahn gemacht, gefegt, ge> waschen unb ausgeräumt werben. Bei bem innerlicher Großreinemachen soll sich lebet beteiligen inbem er sein Gewissen erforscht über seine bisherigen Beiträge zur Störung ber häuslichen Herzlichkeit unb sich vor­nimmt, künftig auf ben Wegen bet Liebe unb Gemüt­lichkeit zu wandeln.

Herz zu Hetzen — ohne alle Scheibestoffe unb ohne jeben Rückhalt: ba» ist die rechte Weihe de» Chtistbaumes, da» gibt den schönsten und segens­reichsten Gabentisch. Friede den Menschen — nicht den Menschen mit loftbaren Geschenken, sondern den Menschen mit dem gute« Willen der liebevollen Ein­tracht!