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Sotationrdruckund Verlag der Zuldaer N- üendruckerei in Zulda Zernfprecher Nr. 9.
36. Iahrqanq
Fulda, Samstag den 4. Dezember 1909
M 278
Drittes Wtcrtt
287,0 Mill. M.
also insgesamt mehr rund
Aus dem Nachbargebiele.
* Frankfurt, 2. Tez 1909. Auch ein Reservemann kann noch vors Militärgericht gestellt werden, rvenn er innerhalb Jahresfrist nach seiner Entlastung sich ein militärisches Vergehen zu Schulden kommen läßt. Ein solcher Fall beschäftigte heute das Oberlriegsgericht. An Pfingsten hatte der Musketier Leonhard Weyrauch vom 117. Regiment, als er in seiner Heimat Heubach auf Urlaub war, dort den gleichfalls beurlaubten Sergeanten Kippel vom gleichen Regiment getroffen und ihn nicht gegrüßt. Der Sergeant, der ein gutes Herz hatte, meldete ihn nicht, sondern erzählte den Vorfall nur dem Feldwebel, damit dieser den Mann zur Rede stelle. Nachdem nun Weyrauch Ende September zur Reserve entlassen war, traf er Sonntag den 3. Oktober auf der Landstraße den Sergeanten mit deffen Braut wieder, und im Gefühl, daß er jetzt nicht mehr Soldat sei, rief er dem Sergeanten zu: „So jetzt will ich Dich grüßen und mit Dir abrechnen" und überhäufte ihn dann mit den gemeinsten Schimpsworten. Auf die Meldung des Sergeanten wurde der Reservist vor das Kriegsgericht der hessischen Division gestellt und hier wegen öffentlicher Beleidigung zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt. Auf die Berufung des Gerichtsherrn erhöhte das Oberkriegsgericht die Strafe auf 4 Monate. — In einer vom Frankfurter Gastwirtcverband, der die beiden großen Frankfurter Wirtevereinigungen umfaßt, «inberufcnen Versammlung wurde gestern nachmittag die Bedürfnis fr ag e im Gast- wirtsgc werbe eingehend diskutiert. Nach langem Für und Gegen wurde mit 98 gegen 10 Stimmen der Beschluß gefaßt, für die Schaffung eines Ortsstatuts unter folgenden Bedingungen einzutreten: l. Daß bei Konzessionserteilungen zwei Mitglieder aus dem Wirtschaftsgewerbe im Stadtausschuß vertreten sind; 2. daß das Statut keine kommunalen Besteuerungen des Wirtsgewerbes im Gefolge hat; 3. daß die'alten Konzessionen bestehen bleiben und bei Aenderungen des Lokales den Wirten, die schon Konzession hatten, jederzeit wieder Konzession erteilt wird; 4 daß die Einführung auf fünf Jahre
gegenüber den 420 Millionen Mark, die diese Steuern und Zollerhöhungen später im Beharrungszustande »lach den ursprünglichen Schätzungen mehr erbringen sollten. Daß diese neuen Steuern schon im ersten Jahre die vollen Erträge bringen sollten, hat kein vernünftiger Mensch angenommen; es zeugt von der ganzen Unkenntnis der betreffenden Presse, daß sie das Gegenteil annimmt oder doch zu glauben vorgibt.
Die Ursachen, die in den ersten Jahren eine volle Wirkung der neuen Steuergesehe verhindern, sind allen denen, die ein Verständnis für diese Materie besitzen, hinlänglich bekannt; wir wollen sie aber doch noch ausdrücklich erwähnen.
In erster Linie kommt in Betracht, daß sich die Verbraucher natürlich vor Inkrafttreten der neuen Steuern auf möglichst lange Zeit mit den in Betracht kommenden Bedarfsgegenständen versorgt haben, daß also naturgemäß ein Ausfall oder Rückschlag in den Einnahmen erfolgen muß. Ebenso nMrltch ist es, daß in der ersten Zeit eine Verbrauchs ein- schränkung eintritt, die sich erst allmählich wieder ausgleicht. Diese Gründe sind im Etat pro 1910 auch ausdrücklich erwähnt. Weiter kommen in Betracht die gesetzlich zu gewährenden Zoll- und Steuerkredite, welche die Eingänge zur Reichskaffe auch noch in den ersten Monaten des Jahres 1910 vermindern.
Die vorsichtige Schätzung des Reichsschatzamtes hat unseren vollen Beifall und vielleicht interessiert es unsere Gegner, zu erfahren, daß verschiedene Zen- trumsabgeordnete selbst den Rat gaben, die neuen Einnahmen sehr niedrig einzuschätzen, damit die eingestellten Sätze auch erreicht werden. Warum btefeSV Stellt man die Einnahmen niedrig ein, dann weiß man so gut wie sicher, daß diese Sätze auch erreicht werden und das Rechnungsjahr schließt glatt ab.
.. angebiche Fiasko Jet Reichs* finanzresornr.
Liberale und sozialdemokratische Blätter nehmen den Mund gewaltig voll »nd behaupten, der ne»»« Etat zeige klar, daß die ganze Relchsstnanzreform nut einem großen Fiasko abschließe, denn sie bringe nrcht 500 Millionen Mark neuer Steuern ein.
Diese neue Anklage beweist nur bte Unkenntnis und Oberflächlichkeit der Gegner. Zu- nächst sagen sie, es kämen keine 500 M'll Mk neuer Steuern ein, das ist richtig; denn die Reichstags- ehrheii hat ja aber auch gar keine 500 Mill. Mark bewilligt, sondern nur 420 Mill. Mark. ES ist zum La, chen daß man die Wahrheit nun anklagt, daß keme 500 Mill Mark auflammen. Aber auch nicht einmal 420 Millionen sollten nach der Absicht der Reichs- tagsmehrheit aufkommen, wenigstens nicht sofort. Das vo l l e Aufkommen der 4 2. Mill. Mk. ist gar nicht für das Jahr 1910 berechnet gewesen, sondern erst für 1913. Hätte man daher im Jahre 1910 schon 420 Mill. Mk. eingesetzt, bann würde jedermann mit Recht gesagt haben, da man dem Wolke zu hohe Lasten auferlegt habe.
Endlich ist zu beachten, daß eine vorsichtige Schätzung der neuen Einnahmen nur zu begrüßen ist; es handelt sich selbstverständlich im Etat nur um eine Schätzung, denn kein Mensch kann genau sagen oder berechnen, wie hoch tatsächlich das Erträgnis ist. Die neue Schätzung nun gibt folgende Zahlen:
Branntweinsteuer.....mehr
Biersteuer, einschließlich der
Ausgleichsbeiträge .... * Tabakzoll und Steuer ... „ Zigarettensteuer.......
Zündwarensteuer.....„
Beleuchtungskörper .... „ Kaffee- und Teezoll .... „ Umsatzsteuer für Grundstücke „ Wechsel- und Scheckstempel . „ Effekten- u. Zinsbogenstempel „
Fließen die neuen Steuern ertragreicher, bann ist e? sehr angenehm, man hat dann einen Ueberschuß, den man zur Schuldentilgung gut verwenden kann. Eine gesunde Finanzpolitik empfiehlt also gerade die be- anstandete Maßregel.
Ganz anders ist es aber, wenn man die Einnahmen z u h o ch schätzt. Dann kann zunächst nicht mehr der ReichSs^itzsekretär den Rofftist anwenden; denn wenn er auch sparen will, fagen ihm die Ressorts: Die Ausgaben werden alle bewilligt, in der Regel auch in der vollen Höhe gemacht; die Einnahmen bleiben zurück und da» Schlußresultat ist ein großer Fehlbetrag. So hat man es im Blockreichstag gemacht. Jetzt aber kehrt man zu einer gesunden Finanzpolitik zurück, und das sollte jedermann, ohne Unterschied der Parteistellung, begrüßen.
ES darf weiter nicht vergeffen werden, daß der neue Etat nur 152 Millionen Mark Anleihen enthält und nicht 250 Millionen Mark, wie die Etats von 1907 und 1908; diese Herabminderung der Anleihen ist sehr zu begrüßen. Wenn aber noch relcstiv viel Schul- ben gemacht werden müssen, so ist das auf die Beschlüsse des Blockreichstages zurückzilftrhren, da er beim Flottengesetzt die Anträge des Zentrums ablehnte. Diese Nachwehen müssen leider mit in den Kauf genommen werden.
rund 60,0 Mill. M.
„ 72,3 „ .
„ 30,0 „ „
„ 8,4 „ „
„ 15,0 „ „
„ 15,0 „ „
„ 26,5 „ „
„ 25,5 „ „
i, 10,3 „ *
,, 24,0 „,,
erfolgt; 6. daß alle Privatkostgebereim und Pen- sionm dieselbe Konzessionspfiicht haben; 6. daß weder an Brauereim, noch an Vereine Konzessionen erteilt werden, und daß dem Vertreterunwesen gesteuert wird. Eine Rundfrage, die der Stadtausschuß in 60 Städtm veranstaltet hat, ergab nach Mitteilungen des Stadtverordnetm Goll, daß Frankfurt in bezug auf die Personenziffer an erster Stelle steht, daß nämlich auf 161 Einwohner eine Wirtschaft kommt. Die Umfrage hat weiter ergeben, daß die Wirte in allen Städten mit einer solchen Regelung gute Erfahrungen gemacht haben.
* Biebrich a. Rh. 3. Dez. Aus Schloß Hohenburg wurden Hrn. Oberbürgermeister Vogt für die Schülerinnen der höheren Mädchenschule, welche gelegentlich der Denkmalse in weihung die beiden luxemburgischen Prinzessinnen begrüßten und ihnen Blumensträuße überreichten, zwei goldene Broschen übersandt.
* Kassel, 3. Dez. 1909. Der Raub- Mordversuch bei Harleshausen wird vielleicht schon in der am nächsten Montag beginnenden Schwurgerichlsperiode zur Verhandlung kommen, nachdem dre Untersuchung gegen den hier in Haft befindlichen polnischen Erd- arbeitet Franz Pominiak mit möglichster Beschleunigung geführt worden ist. Die einzige Schwierigkeit liegt nur darin, ob der Haupt- zeuge, der schwerverletzte Pole Stanislaus Cirus, der immer noch im Landkrankenhaus an den Folgen seiner bei dem Ueberfall erlittenen lebensgefährlichen Verletzungen darniederliegt, bis dahin so weit hergestellt ist, daß er nach dem Ge- richtsgebäude transportiert werden kann. — Al- Mittwoch morgen der Arbeiterzug von den Werkstätten in Rothenditmold leer zurückkam, stieß er mit einem soeben aus dem Oberstadtbahnhos abgelassenen Personenzug zusammen. Da die Gefahr von den beiden Lokomotivsührem rechtzeitig bemerkt wurde, gaben sie Gegendampf, wodurch der Zusammenprall sehr gemindert wurde. Die Lokomotive des ausfahrenden Zuge- setzte jedoch aus dem Geleise und wurde etwa- beschädigt.
§§ Kassel, 2. Dez. Der Kreistag bewilligte heute zum Bau der 11 Kilometer langen normalspurigen Kleinbahn Kaffel-Bettenhausen-OchS- Hausen-Vollmarshausen-Wellerode-Wellerode Süd am Stellberg bedingungslos 70000 Mk. zu den Grund- erwetbskosten, womit nunmehr nach jahrelangen Verhandlungen die Finanzierung des Projekts geglückt ist; in nächster Zeit wird als Rechtsträger des Unternehmens eine Aktiengesellschaft gegründet werden, die dann auch den Betrieb der Bahn in die Hand nehmen wird. Die Gesamtkosten des„ vom Eisen- bahnminister und den andern einschläglichen Instanzen bereits genehmigten Projekts belaufen sich auf 1200000 Mt., und werden wie folgt aufgebracht: 300000 Mk. gibt der preußische Staat, weitere 300000 Mk. der Bezirksverband Kassel, die Gemeinden Vollmarshausen, Ochshausen und Wellerode bringen 120000 Mk., an der Linienführung der Bahn interessierte Großindustrielle 246000 Mk. auf, während die übrigen Kosten durch Zeichnung und Ausgabe von Aktien aufgebracht werden sollen. Die Stadt Kassel gibt den erforderlichen Grund und Boden umsonst her, für die Grunderwerbskosten im Landkreise Kassel kommt der Landkreis Kassel ein, der heute zu diesem Zwecke nach längeren Erörterungen 70000 Mk. aus Kreismitteln zur Verfügung stellte. Nach den Rentabilitätsberechnungen, die von der hiesigen Eifenbahndirektion nachgeprüft worden sind, soll sich die neue Bahn, mit deren Bau so schnell als möglich begonnen werden soll, mit 3,8 Prozent verzinsen. Sie wird bis an die Nürnberger Straße in Kassel geführt werden, wo ein Bahnhof errichtet wird und läuft dann zunächst
ist ein Beweis dafür, daß die Partei in ihrer ausschlaggebenden Mehrheit in der feit der Reichsfinanzreform angenommenen Opposuionsstellung verbleiben will, daß ste aus den bisherigen Selbstausschaltuagen nichts gelernt, aber alles vergessen hat. Die Entscheidung ist vielen ein Charakteristikum dafür, rote sehr die ItnkS- liberalen Theorien in der Partei Oberhand gewonnen haben. Freude an den Beschluß werden nur die Rteifbtniaen und die Sozialdemokraten haben, deren Großblock.Barometer steigen wird.-
volkswirtschaftlicher und Sovaks.
) ( Herrliche Submissionsblüten werden wieder mal beridjtet Die Preisangebote auf Lieferung von Fleisch und Wurstwaren für 20,470 Vaterlandsverteidiger der Garnison Berlin ergaben ganz erhebliche Preisdifferen- »en Bei LoS 1, das 309,930 Kilogramm Rind-, Kalb- und Hantmelfleisch umfaßt, beträgt die Differenz zwischen dem Höchstangebot (399,453 Mk.) und dem niedrigsten Angebot (344,631 Mk.) 54,822 Mark^Bn Los 2 das 289,680 Kilogramm Schweinefleisch, «peck und Wurst umfaßt, hat die Differenz zwischen dem Hdchstangebot (433,678 Mk.) und dem niedrigsten Angebot (392,411 Mk.) 41,267 Mk. betragen.
* Der Streik der Weichensteller im Staate Minnesota zieht die gesamte Industrie des amerikanischen Nordwestens in Mitleidenschaft. Die Zahl der feiern- den Arbeiter wird bereits auf 20,000 geschätzt. Ganze Wagenladungen leicht verderblicher Güter sind auf Nebengeleise geschoben worden. Die Kupferminen und Hütten in Montana sind außerordenllich geschädigt, da Erzförderung aufgehört hat. Die Eisenbahnen lassen Streikbrecher aus Chicago und anderen Orten kommen.
Deutscher Reich.
) ( Ein zweiter Nachtrag zrim Kolonialetat fordert 2 Millionen für die Fortführung der Usambarabahn zum Kilimandscharo und annähemd 41/2 Millionen Mk. für Deutsch-Südtoestafrika. In den beigegebenen 2 Denkschriften wird die Notwendigkeit der Fortführung der Usambarabahn mit den günstigen Erfahrungen begründet, die betreffs der Besiedelung und Anban- sähigkeit der neu zu erschließenden Distrikts gemacht sind.
* Die Beschäftigung von Arbeiterinnen in einzelnen Fabrikationszweigen sst durch Bundesratsverordnungen neu geregelt worden. Es handelt sich dabei um Ausnahmebestimmungen von den allgemeinen Vorschriften über die Arbeit der Frauen und Jugendlichen, die der Bundesrat für gewisse Gewerbe getroffen hat. Betroffen werden die Betriebe zur Herstellung von Gemüse- und Obsflonserven, zum Räuchern oder Marinieren von Seefischen und zur Herstellung von Zichorie. Diese Bundesratsverordnungen treten am 1. Janunar in Kraft.
c. Zarte Rücksichtnahme. Aus die außergewöhnliche Milde der Strafe, die über das Korps „Borussia" in Bonn wegen der bekannten groben Ausschreitungen verhängt wurde, ist bereits hingewiesen worden, auch darauf, daß die Strafe so spät, erst nach sechs Monaten erfolgte. Einen großen Teil der direkt Schuldigen wird die Maßregelung gar nicht mehr treffen, weil sie die Universität Bonn bereits verlassen haben. Soll dieser verspätete Termin der Bestrafung vielleicht damit zusammenhängen, daß im Sommersemester ein Sohn des Kaisers, Prinz Oskar, akttves Mitglied der Borussen war und mit Vorliebe den Borussen» Stürmer trug? Das wäre ja gewiß eine sehr zarte Rücksichtnahme gewesen. Allein wenn ein Korps sich nicht einmal durch die aktive Mitgliedschaft eines Kai- sersohneS an solch wüsten und gesetzwidrigen Ausschreitungen abhallen läßt, dann ist eine Rücksichtnahme doppelt unangebracht. Wenn die Maßregelung den Prmzen Oskar mitgetroffen hätte, würde er das Verhalten seiner Korpsoenoffen auch besser einzuschätzen wissen.
(♦) Die ablehnende Haltung der Nationalliberalen bei der Präsidentenwahl im Reichstage findet durchaus nicht die Billigung aller Nationalliberalen im Lande. So schreibt die „Rhein.-Westf. Zig.":
„In weiten Kreisen der nationaUibera.'en Partei wird man diesen Beschluß nicht verstehen und nicht billigen. Jeder Nationalliberale, soweit er nicht auf der linken Seite der Partei steht, wird diesen Beschluß aufs lebhafteste beb auern müssen. EL
Irrende Seele.
33] Ro.nan von H. Teichert.
11. Kapitel.
„Henrik", rief Frau Erna Walldorf, indem sie die Türe zu ihres Mannes Zimmer eine Spalte öffnete. „Lege Deine Zigarre einmal einen Augenblick beiseite und komm aus Deiner Rauchkammer heraus! Sigurd schreibt mir da etwas sehr Merkwürdiges.*
Henrik Walldorf, der ebenso wie seine Frau sehr behäbig geworden war, erhob sich gehorsam von seinem Sitz. Wenn sie in diesem Tone rief, mußte er möglichst schnell zur Verfügung stehen. Unwillig drückte er die halbgerauchte Zigarre in den Aschbecher — in dem Zimmer seiner Frau durfte nie geraucht werden
und folgte dem Ruf.
„Wird auch was Rechtes fein", murmelte er.
„Lies selbst! Ich glaube, der Junge hat eine Torheit vor."
Er drehte sich langsam zu ihr hin. „Besser, er macht sie, solang er noch jung ist, sie ist dann lange nicht so gefährlich, aber wenn sie in reiferen Jahren gemacht wird — denn gemacht muß einmal eine werden, ohne die kommt keiner fort, nicht einmal solch ein Prachtexemplar, wie Dein Sohn ist."
„Ich glaube, wir haben allen Grund, stolz auf ihn zu sein", sagte seine Frau indigniert. „Sigurd lebt und handelt in jeder Beziehung korrekt."
„Korrekt bis zum Uebelwerden — ja doch, ich sage ja gar nichts. Laß mich doch endlich mal lesen!"
„Liebste Mama!
Quittiere dankend über Deinen Bries. Etwas fluchtig habe Ich ihn vorläufig nur durchgesehen, Deine Dokumente durchzustiidieren, dazu gehört Zeit und die habe ich heute nicht, wenn diese Zeilen noch fort» kommen sollen . Wir haben heute Ostersonntag — in aHcn Gingen einen Schritt vor Rußland voraus — und da ich mit einigen Kommilitonen einen Osteraus- flug geplant habe ,der in einer halben Stunde ange- rreien werden soll! per.peds apostolorum natürlich, heißt es eilen. Unternommen wird die Sache Haupt
sächlich ManSecks wegen, um ihn wieder in Laune zu bringen. Gherchez la komme, heißt es hier mal wieder. Er ist ein guter Junge und mir sehr zugetan; ungebeten hat er mich in seiner Herzensnot zum Vertrauten gemacht und obgleich Vertrauensbruch in meinen Augen einem Verbrechen gleichkommt, kann ich nicht umhin, tn diesem Falle sein Vertrauen zu mißbrauchen, da die betreffende Angelegenheit für uns alle hochinteressant ist. Originell und wunderbar ist die Sache, schon die Idee von Manseck. um rin Mädchen zu werben, dem er absolut gleichgültig ist — doch ich greife vor. Er hat sich durch seinen Großvater einen Korb oder wenigstens so etwas Aehnliches bei unserer Renate geholt und bei der Gelegenheit ist zum Vorschein gekommen, daß Renate seiner Tante Kind, also seine rechtmäßige Cousine, des alten Freiherrn Exzellenz von Manseck Enkelin ist. Die Versöhnung zwischen Großvater und Enkelin hat in aller Form statt- gesunden und da der alte Herr ihr die Propositon gestellt hat, fortan bei ihm zu leben, wird Renate wohl in nächster Zeit in sein Haus übersiedeln. Ich weiß es nicht, aber ich hoffe, daß sie des Augenblicks Gunst ausnutzen und sich in den Rahmen bringen wird, in den ihre Erscheinung gehört. Ihre Mutter ist auf einen Irrweg geraten, aber das blaue Blut ihrer Vorfahren pulsiert in jeder Fiber der Tochter, die ihrer Mifeehe entsprossen. Sie ist stolz und selbstbewußt und eine eigenartig vornehme Schönheit. Du wunderst Dich über meinen Enthusiasmus — ich fühle es — und meinst wohl gar, die Kunde von Renates Stan- deserhöhnng hätte in mir Wandlung geschaffen? Mein Interesse für sie ist so alt, als meine Bekanntschaft mit ihr, und mein Zukunftsbild, das immer mit ihrer Person vernüpst war, so gut tote fixiert, feit ich weiß, daß ich nur zuzugreifen brauche, um e8 zu realisieren. Wer eine Sache sicher hat, braucht nicht zu eilen und mich hindert an dem Zugreifen noch immer die unüberwindliche Idiosynkrasie gegen den Kreis, aus bem ich mir die Braut holen muß. Die Theaterwelt ist außerhalb der Bretter nicht meine Welt und so befinde ich mich auch in dem Dornauschen Hause, so gastfrei und opulent man da auch ausgenommen wird, nicht in meinem Fahrwasser. Wie ein Wunder, das der Him
mel speziell für mich geschehen liefe, erscheint mir die Kunde von Renates Zugehörigkeit zu dem alten, feudalen Aristokratengeschlecht. Ganz gegen meine Art plausche ich Dir von meinen inneren Geheimnissen vor, Mütterchen, und nun ich den Brief durchlese, komme ich mir wie ein Schwätzer vor, der voreilig seine Plane verrät.
Da klopft es stürmisch an meine Tür. Rolf Mans- ecks elegische Physiognomie schaut durch die Spalte. Ein bischen Schadenfreude überkommt mich. Einem kann sie doch nur angeboren, die Vielbegehrte, und dieser eine bist nicht du, Freiherr von ManSeck, auch nicht der von ihr unzerirennliche Werner.
Schluß für heute. Dein Sigurd."
Walldorf gab seiner Frau den Brief zurück.
„Mangel an Selbstbewußtsein kann man Deinem Sohne nicht vorwersen", sagte er sehr gemütlich.
„Worüber ich sehr glücklich bin", antwortete Frau Erna pikiert. „Ein Mann darf in der Selbstfchätznng nicht zu bescheiden sein, nur bann kann er etwas erreichen."
„Sigurd ist fraglos ein Mensch, der das Zeug dazu hat, in die Höhe zu kommen, also etwas zu erreichen, wie Du das meinst, aber in diesem Falle", er zeigte auf den Brief, „da spielt ihm sein Eigendünkel einen Streich. Renate wird nicht daran denken, ihn zu nchmen. Es ist unmöglich, daß das kluge Mädchen ihn nicht durchschauen sollte."
„Ihn nicht nehmen? Diese Theaterprinzeß, die vorn Gnadenbrot groß geworden ist, sollte nicht zu- greifen, wenn ein Mann von Sigurds Distinttion um sie wirbt?" Sie lachte konvulsivisch auf
„Warten wir's ab", sagte Walldorf ruhig; ihn regte seiner Frau Heftigkeit schon lange nicht mehr auf. „Ihre Neigung mag er ja wohl besitzen, daran zweifle ich gar nicht, aber die Liebe einer charaktervollen Frau stirbt, wenn sie auf Berechnung statt Gegenliebe stoßt."
„Das sind sinnlose Hirngefpinste, die Du da webst. Gerade, weil sie seinen vornehmen Sinn kennt —"
„Du willst sagen, sein Bestteben, zur Aristokratie zugezählt zu werden."
wird sie glücklich fein, ihm das Geschenk ihrer adligen Abkunft entgecienbringen zu können. Sie wird sich ja nicht ganz von Dornaus lossagen können, sie hat ihnen dazu zu viel zu verdanken, aber ich bin überzeugt, daß sie mit Entzücken des Großvaters hinge- reichte Hand ergreifen und froh sein wird, in eine andere Sphäre zu kommen."
Walldorf räusperte sich. „Sage doch gleich, att mein, der geborenen von Korfs Sohn."
Sie warf ihm einen giftigen Blick zu. „Tust Du nicht gerade, als ginge Dich dieser Sohn gar nicht» an?"
„Einen großen Anteil an ihm hast Du mir doch nie zugestanden."
„Deine eigene Schuld, Du hast ihn nie zu nehmen verstanden, aber ganz gleich, laß mich endlich mal ausreden. Ich meine, daß ihm bei einer eventuellen Heirat jegliche Chance offen steht und er sich feine Fran aus den aellrhöchsten Kreisen wählen kann. Er braucht wirklich nicht nach unten zu blicken. Wenn Renate partout in unsere Familie betraten will, dann mag ste schon lieber den Werner nehmen Der ist und bleibt ein Biedermann, eine Persönlichkeit wird der nie werden, der wird stch nie aufschwingen."
„Stimmt, Alte, da hast Du mir au8 der Seele gesprochen. Das ist mein Junge und dem wünsche ich das Glück, das prächtige Mädel zu gewinnen. Ihm und ihr wünsche ich diesen Treffer in der Lebenslotterie."
Am zweiten Ostertage hatte sich Exzellenz Manseck eingestellt — ohne Cerfeen. Der alte Zyniker sollte nicht Zeuge sein, tote der Großvater sich um der Enkelin Gunst bewarb und tote behaglich er stch in der Schauspielerfamilie befand. Er hatte großartige Geschenke für die Großtochter vorbereitet, aus Schmuck und wertvollen Kleiderstossen bestehend, und schon am Morgen seinen Diener damit zu Dornaus geschickt. Das begleitende Billett meldete ihn zur Mittagsstunde an und enthielt die Einladung für die Familie zu einem Diner auf der Terrasse des Zoologischen Gartens.
^ortfefeung folgt-?