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Monatrbellage: „Zuldaer Geschichtrblätter"

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Rotationrdruckunv Verlag der Luldaer Ak- tiendruckerei in Zulda ZernsprecherNr.».

JW 277.

Fulda, Freitag den 3. Dezember 1909.

36. Jahrgang.

Iweites Wlcrtt.

0 Lothringer Block und Zentrum in Lothringen.

Es sind ganze Ladungen von Gehässigkeit, Un­ehrlichkeit und Unwahrhaftigkeit, die gegenwärtig Über das Zentrum in Lothringen ausgeschüttet werden. Im Lochringer Lande existiert eine Gruppe von Notabeln, Leuten, die bisher daS Heft in Händen hielten, die Mandate zu den Kreis- und Bezirkstagen, zum Landesausschuß und Reichstag sozusagen unter sich verteilten, sich als die einzig be­rechtigte» Volksvertreter erachteten, es aber weit unter ihrer Würde hielten, auch nur ein einzigeSmal zum Volk herabzustrigen und demselben Bericht über seine Tätigkeit zu erstatten.

DaS friedsame lothringische Volk, daS sich bis vor etwa zehn Jahren wenig um Polittk bekümmerte, war angesichts der polittschen Unfruchtbarkeit seiner „Dsprttös" mutlos geworden und ließ die Dinge gehen wie sie gingen. Die Haupttätigkeit dieser Her­ren Notabeln-Dsputös bestand darin, für diesen oder jenen, der bei ihnen vorsprach und ehrfurchtsvoll den Hut lüftete, bei der Kreisdirektton, auf dem Bezirks­präsidium oder in Straßburg irgend einen Gefallen oder eine Gunst zu erwirken. Als dann vor etwa zehn Jahren das Zentrum zum erstenmale im Lande erschien, und weithin sichtbar seine Fahne aufpflanzte, sein Programm bekannt gab und als einen seiner obersten Grundsätze aufstellte, daß daS Volk von der Regierung keine Gunst zu erbitten, sondern Rechte zu verlange» habe, wurde ein großer Teil des Volkes politisch wach, drehte den Notabeln den Rücken und schwenkte mit Sack und Pack ins Zentrumslager ab.

In der ersten Zeit schenkten die Notabeln der neuen Partei wenig Beachtung, sie waren von der Festigkeit chrcr Position so überzeugt, daß sie an einen Erfolg des Zentrums vorderhand nicht glaubten und die ganze Belvegung für ein Strohfeuer hielten. Als ihnen aber die Wählennassen in immer größerer Zahl den Rücken kehrten, sahen sie die drohende Gefahr ein und schlossen sich unter dem Titel „Bloc lorrain" (Lothringer Block) zu einem Schutz- und Trutzbünd­nis gegen das Zentrum zusammen.

Als wirksamstes Mittel zur Bekämpfung und Ver­drängung des Zentrums stellten sie die Behauptung auf, das Zentrum wolle das Lothringer Land ger­manisieren, was dort so viel heißt wie „verpreußen". Da sie aber die tiefe Religiosität des Lothringer Vol­kes kannten und auch die Verdienste des Zentrums um die Kirche nicht abzuleugnen vermochten, erklär­ten sie pch für „Catholiques convaincus" (über­zeugte Katholiken), obschon es mit der Katholizttät verschiedener dieser Herren nicht weit her ist. Son­derbarerweise fand der Lothringer Block in seinem Kampfe gegen das Land „verpreußende" Zentrum einen wirksamen Helfer in der Negierung, die den Apparat ihrer Kreisblätter gegen das Zentrum mobil machte. Als Kampforgane befaß der Lothringer Block, also die „Catholiques convaincus", den „Meffin", ein pfaffenfrefserisches Organ, das inbezug auf die Waffen und den Ton, deren es sich bedient, nicht mehr zu übertreffen ist. Die Herren des Lothringer Blocks, bei denen das Geld keine Rolle spielt, ivaien nun vor etwa anderthalb Jahren der Meinuirg, daß doppelt genäht besser hält und grün­deten daher noch ein Kampforgan deuffcher Zunge, den „Lothringer". Sie hingen dem Blatt ein katho­lisches Mäntelchen um, indem sie an die Spitze des­selben einen schon zweimal gemaßregelten Priester stellten. Der „Lothringer" steht inbezug auf Wahl der Kampfmittel und den Ton dem „Meffin" nicht nach. Der katholische Vriester kämpft hier Schulter an Schulter mit dem „Meffin", um das Zentrum nie­derzuringen.

Es ist in der Tat nicht abzuleugnen, daß daS Zentrum unter dem gemeinsamen Ansturm der Feinde Verluste erlitten hat. Besonders inbezug auf die Fi­nanzreform wurde an Entstellungen und Verdrehun­gen daS Menschenmöglichste geleistet. Indes find sie nicht so schwer, daß sie nicht wieder ausgeglichen werden könnten.

X Heber die Tarifbewegung

im vergangenen Jahre bringt das „Reichsarbeits' blatt- in der letzten Nummer interessantes Ma' terial, welche- freilich in der Hauptsache auf den Angaben von Arbeitnehmerverbänden fußt. In- d«S kannte eS durch Angaben aus Arbeitgeber- kreise« und vor allem von Gewerbegerichten er- gänzt werden, sodaß die dargebotene Statistik doch ein ziemlich treffendes Bild über die Tarif­bewegung bietet.

Für daS in Frage kommende Jahr 1908 wurden danach 2252 neue Tarifverträge abge- schloffen, wobei 50459 Betriebe mit 411265 Personen in Betracht kamen, während 1961 Tarifverträge erneuert wurden. Insgesamt exi- stierten am 31. Dezember 1908 5671 Tarife für 120401 Betriebe mit über 1 Million Personen, während die Zahl der abgeschlossenen Tarife ab 1. Januar 1908 5380 betrug und dabei etwas über 110000 mit ca. 970000 Personen in Be­tracht kamen.

Der verhältnismäßig größte Prozentsatz der von Tarifverträgen umfaßten Personen beftnöei sich in den polygraphischen Gewerben (36,2 %). Es folgt dann das Baugewerbe mit 27,1 °/0, die Industrie der Holz- und Schnitzstoffe mit 14,6 %. Alle übrigen Gewerbegruppen halten sich unter 10 °/e. An den im Jahre 1908 neu­geschloffenen Gemeinschaften ist jedoch das Bau­gewerbe am meisten beteiligt. Es stellt sogar mehr als die Hälfte sämtlicher im Jahre 1908 von Tarifgemeinschaften neuerfaßten Betriebe und Personen. Wie aus der Statistik zu ersehen ist, ist die größte Anzahl von Tarifgemeinschaften für ungelernte Arbeiter in verschiedenen Betriebs­arten geschloffen worden (126 Tarifgemeinschaften für 1051 Betriebe und 8026 Personen), dann kommen 120 Tarifgemeinschaften mit 2154 Be­trieben und 17834 Personen für die Zimmerer, 117 Tarife mit 2980 Betrieben und 15812 Personen für Schneider, 100 Tarife mit 2189 Betrieben und 23,964 Personen für Maurer, wertere 78 Tarife mit 3585 Betrieben und 91,711 Personen für Maurer in Verbindung mit Bau­hilfsarbeitern und Zimmerern, weitere 73 Tarife für 6 5 Betriebe mit 11,631 Personen für Mau­rer in Verbindung mit Zimmerern; 68 Tarife für 114 Betriebe mit 5907 Personen sind für Fabrikarbeiter, 58 Tarife mit 2981 Betriebe mit 20,563 Personen für Schreiner, 52 Tarife für 2520 Betriebe mit 5567 Personen für Schuh­macher, 41 Tarife für 282 Betriebe mit 1801 Personen für Töpfer, 40 Tarife für 48 Betriebe mit 3541 Personen für Metallarbeiter geschloffen worden.

Von den im Jahre 19 '8 abgeschlossenen Taris- gemeinschasten entfallen 982 auf Preußen und 312 auf Bayern. Interessant ist die Feststellung, daß die meisten Tarifgemeinschaften im Monat April abgeschlossen wurden. Die längste Ver­tragsdauer beträgt 5 Jahre, in der Regel ist sie auf V/i—Jahre festgesetzt. Die Mehrzahl haben eine stillschweigende Verlängerung des Ver­trages beim Ablauf seiner Geltung vorgesehen.

WaS die in den Tarifen festgesetzte tägliche Ar­beitszeit betrifft, so ist sie für eine ganze An- zahl von Gewerbegruppen im Sommer und Winter gleich. Eine größere Verschiedenheit zwischen Som­mer und Winter zeigt die Industrie der Steine und Erden. Die festgesetzte Frühstücks-Pause be­trägt meistens über Vi—V »Stunde, die Mittags- pause über 1—l1/* Stunde, und die Vesperpause über V*—V* Stunde. Der Wochenlohn männ­licher Arbeiter sowohl für gelernte wie für un­gelernte bewegt sich in feinem Mindestsätze zwischen 25 und 45 Mark. Ueberstunden werden meistens mit einem Zuschläge bis zu 20 Psg. oder zwischen 20 und 25 % vergütet. Sonntagsarbeit und Nacht­arbeit ebenso.

Inzwischen hat der Siegeszug der Tarisver- träge im Jahre 1909 in erfreulicher Weise an- gehalten. Den Segen der friedlichen Verständi- gung zwischen den Arbeitgebern und Arbeitneh­mern sieht man allmählich auch in den scharf­macherischen Kreisen ein.

Deutsches Reich,

♦ Der schweigende Reichskanzler. Abg. E r z b e r- g e r wendet sich im „Tag" (Nr. 279) gegen den Teil der liberalen Presse, die es nicht verstehen kann, daß des Reiches fünfter Kanzler ihnen nicht wie sein Vorgänger Material liefert für mehr oder weniger geistreiche Leitartikel. Nicht Reden und Programme, sondern Taten machen den Staatsmann, schreibt Erz­berger und fährt dann fort: „Eine Tat des schwei­genden Reichskanzlers aber ist bekannt geworden, und diese findet leider zu wenig Beachtung; er hat die Worte von der Sparsamkeit in die Tat umgesetzt. 250 Millionen Mark Anleihe 1907, 250 Millionen Mark Anleihe 1908, 200 Millionen Mark Anleihe 1909 und noch 522 Millionen Mark Anleihe zur Beseitigung der Vülowschen Liauibationsmasse war das Schuldenleid der letzten drei Jahre; nun bat er im Verein mit Reichsschatzsekretär Wermuth den Änleihebedarf auf 152 Millionen Mark zurückgeworfen. Das war eine Tat, die wertvoller ist, als wenn der Reichskanzler täglich zu sechs Leitartikeln Material geliefert hätte. Freilich hat dese Sparsamkeit manchen nicht gefallen, und schon zeigen sich hier und dort die Bemühungen einzelner Refforts, diese erfreuliche Tat des neuen Reichskanzlers nicht zu Ende führen zu lassen.

* Bei der Reichstegswahl in Halle sollten die ka­tholischen Vereine bekanntlich die Parole ausgegeben haben, nicht für den freisinnigen Kandi­daten zu stimmen. Die Sache ist bereits dementiett worden. Zum Ueberfluß erhält die „Germ." die Zu­schrift eines Herrn, der sehr gute Fühlung mit den katholischen Kreisen hat. Er erklärt, er habe dort nie vernommen, daß man den Sozialdemokraten unter­stützen wollte. Allerdings wollte mancher nicht zur Wahl gehen; denn der höllische Freisinn leide nicht an großer Toleranz gegen die Katholiken, von rühm­lichen Ausnahmen abgesehen. Nicht die Katholiken hatten die liberale Niederlage verursacht, sondern der Liberalismus selbst. Zum Beweise verweist die Zu­schrift auf einen Artikel in Nr. 281, 3. Beilage des Generalanzeigers für Halle, woraus hervorgeht, daß der Handels- und Gewerbestand mit der Kandidatur Reimann ivenig einverstanden war, sie vielmehr als einen Schlag ins Gesicht betrachtete und zwar beson­ders deshalb, weil Reimann dem Auffichtsrate des Haller Riesen-Beamtenkonsumvereins angehört. Es ind selbst Anhänger der liberalen Idee, welche das in dem Artikel bezeugen. Man nimmt in Halle fast all­gemein an, die Konservatven und der Bund der Land­wirte hätten geschloffener für Reimann gestimmt, als die Freisinnigen selbst, obwohl den rechtsstehenden Parteien diese Kandidatur nicht entspreche.

* „Kugel - Fangplatten" für das Heer. Demnächst werden intereffante Versuche mit einer Erfindung gemacht werden, die für die Soldaten bei den Schießübungen auf den Schießständen von großem Werte zu werden verspricht. Es handelt sich um „Kugel-Fangplatten", die eine Sicherheit gewähren sollen gegen das Abprallen der Geschosse, hauptsächlich der Stahlmantel- geschoffe. Sie sind mit keilartigen Erhebungen versehen, in die das aufschlagende Geschoß ein- dringt und so am Weiterfliegen verhindert wird.

Ausland.

? Dir Bergistungsaffäre in der österreichische« Armee hat Veranlassung zu einer Interpellation gegeben, die von dem Abg. Dr. Mühlvert im Reichsrat eingebracht worden ist. Die Interpella­tion weist auf die bei der Affäre Hosmiller zutage tretenden Mängel des österreichischen Militärstras- prozeffes hin. Die Bevölkerung habe einen gerechten Anspruch, daß derartige Strafverfahren nicht geheim, sondern unter voller Kontrolle bet Oeffentlichkeit vollzogen werden.

* Die Thronrede bei der Eröffnung des deutschen Reichstags ist im Ausland, beson­ders in Frankreich, wie schon gemeldet, recht günstig ausgenommen worden. Die Auslastungen über die deutsche Marokkopolitik werden von den maßgebenden Pariser Zeitungen als beruhigend bezeichnet, zumal nach den kürzlichen Worten Pichons über die Uebereinftimmung der Mächte in der Marokkoangelegenheit. Auch die Londoner „Times" lobt die sachliche Rede. Heutzutage müsse man den Völkern alle Aufregungen sparen. Des Kaisers Rede enthalte nichts, was den Frie­den stören könnte. In italienischen Regierungs­kreisen hat man mit großer Befriedigung die starke Betonung der Zugehörigkeit Italiens zum Dreibunde in der Thronrede ausgenommen. Ein demokratisches Blatt allerdings, „Vita", liest auS der Versicherung des Kaisers eine Drohung heraus. Die katholische „Union* erklärt: „In Italien wünscht sich niemand vom Dreibund zurückzu­ziehen. Sollte es jedoch der Fall sein, so werden die beiden anderen Mächte einen Ersatz durch den Eintritt der Türkei erhalten."

; Die Schaffung einer australischen Flotte, die bekanntlich von der englischen ReichsverieidigungS« konserenz beschlossen worden ist, scheint gesichert zu fein. Das Repräsentantenhaus des australischen Bundesstaates hat der Aufnahme einer Flotten­anleihe feine Zustimmung erteilt. Die Anleihe soll zur Beschaffung eines Kreuzers vom Jndomitable« Typ, von drei Kreuzern zweiter Klaffe, sechs Fluß­kanonenbooten und bret Unterseebooten bienen. Diese Schiffe werden die australische Flotteneinheft bilden, die im Verein mit der indischen und chine­sischen Flotteneinheit 39 Schiffe, b. i. das für bi« britische „Ostflotte* festgesetzte Minimum aus­machen wird.

** Die Untersuchung gegen die Meuterer von Salamis, T i p a l d o s und Genossen, ist beendet. Die Haupträvelssührer werden teils vor bas Schwur« und teils vor das Zuchtpolizeigericht gestellt werden. Die Gerichte werden wohl recht glimpflich mit ihnen verfahren. Eine juristische Spezialkommifsion hat schon herausgesunden, daß der Aufstand als „Akt der Notwehr" zu bezeichnen sei und die Meuterei berechtigt war. Hinter Tipaldos steht vor allem schützend seine Vaterstadt Kephalonia. Deren Bürgerschaft erhob gegen die Hochverratsanklage mit der Begründung: „Ein Sohn Kephaloniens sei noch niemals ein Verräter gewesen."

Zwei „gute Freundes

Militär-Humoreske.

Wir hatten beim Regimente einen alten Unteroffi­zier namens B a r t m a n n, einen großen, dicken Mann mit roten, fleischigen Backen, freundlichen Augen, gutmütigem Gestchtsmisdrucke und einem ganz kleinen Schnurrbarte unter der Nase. Obgleich ein wahres Muster im königlichen Dienste, das sich nie das Geringste zu Schulden kommen ließ, war er doch leicht aus der Fassung gebracht und verwirrte sich dann der­maßen, daß er förmlich unzurechnungsfähig wurde. Sonst wäre er ja, feiner ausgezeichneten Führung we­gen längst Wachtmeister geworden; aber dazu bedarf es doch eines festeren, entschlosseneren Charakters, als Bartmann einer war Wenn man ihn ansah, sah es immer aus, als wenn er einen Spaß auf den Lippen hätte; aber es kam nie einer zum Vorscheine! Da war nun der Unteroffizier Brüser ein ganz ent­gegengesetzter Mensch. Obgleich et von weitem noch ziemlich jung aussah, wurde er mit jedem Schritte, den er näher kam, älter, und wenn er dicht vor einem stand, bemerkte man in den feinen und weichen Zügen eine Unmasse kleiner Falten, die dem Gesichte etwas Greisenhaftes gaben.

Wenn Bartmann immer so pfiffig aussah, als ob er einen Witz machen wollte, so hatte BrüferS Mene stets etwas Wehmütiges und Weinerliches, wie je­mand, dem ein Unglück passiert ist. DaS war aber nicht der Fall. Brüser passierte niemals ein ™' weil er mindestens ebenso gewissenhaft war, ,,'s ~QTlmann, mit dem er bei derselben Eskadron ftanb P°radeanfstellung sogar an seiner Seite

au$ immer traurig und »einer» V^s ah, so hatte er es doch eigentlich hinter den Ohren, und ehe man es sich versah, sptana der Sckelm Fern ""d.sp.wlle Jemanden einen Scha-

er daraus ausging, Gott bewahre, so erfinderisch war er durchaus nickt- aber init desto größerem Geschicke wußte er gegebene Ver-

anlaffungen zu benutzen, was doch auch immerhin von einer gewissen geistigen Schärfe zeugt.

Die glänzendste Sette an ihm war aber fein Hofen­keder . . . so etwas gabS im ganzen Regimente nicht zum zwettennmle. Wenn die Sonne darauf schien, Warf es die Strahlen zurück, wie ein schwarzer Dia­mant.

„Sage mal, was hast Du eigentlich für Wichse, Brüser?" fragte ihn eines guten Tages der Unter­offizier Bartmann; „solch blankes Hosenleder möchte :ch auch gern haben, wie Du hast."

„Ich nehme Zucker ’nein", entgegnete der andere; „davon bekommt es den schönen Glanz "

„I, was Du sagst . . . weißt Du, da möchte ich auch einmal Zucker hineinnehmen ... ich komme mor­gen auf Wache und da möchte ich gern glänzende Ho­sen haben."

Brüser'» trauriges Gesicht wurde ordentlich noch ein brschen trauriger, als er das hörte, und im linken Auge schwamm etwas wie eine Träne.

„Ja, stehst Du, Bartmann", sagte er dann mit beinahe weinerlicher Stimme, „das kommt doch noch schr auf die richtige Mischung an . . . aber wenn Du mir Deine Hose« heute abend schicken willst, dann Will ich sie Mr gern wichsen."

Dem dicken Bartmann traten jetzt auch die Tranen in'» Auge vor Rührung.

„Siehst Du, wenn Du da» tun wolltest, Brüser", entgegnete er, „bann sollte es mir morgen auf ein hal­bes Quart nicht ankommen, wenn Du mich auf Wache besuchst."

„Ach nein! deshalb tut man es ja nicht", meinte der andere; man tut’» doch hauptsächlich aus Freund- W

„Na, bann schicke ich sie Dir also heute abenb, Brüser."

„Schön, Bartmann: morgen früh schicke ich sie Dir wieder zurück."

Am anderen Morgen um elf, als Bartmann mit der neuen Wache auszog, hatten feine Hosen einen Glanz, daß den Leuten die Säugen weh taten, die an ihm vorübergingen, und einige Stimmen wurden laut:

„I, Herrje! das ist Bartmann, und ich dachte erst, es wäre Brüser."

Das schmeichelte dem Ehrgeiz des alten Unteroffi­ziers natürlich ganz gewaltig, und kaum hatte er feine Leute wegtreten lassen, so schickte er auch gleich einen Mann fort, um das versprochene halbe Quart einzu­holen.

Der Unteroffizier Brüser ließ auch mit seinem Be­such nicht lange auf sich warten, sondern stellte sich pünktlich um ein Mertel vor zwölf ein.

„Guten morgen, Brüser!" sagte Bartmann, indem sein Gesicht fast ebenso strahlte, wie feine Hosen; „nun wollen wir erst ’nen Kleenen trinken, bann schreibe ich meinen Rapport, und wenn der Offizier du jour hier gewesen ist, bann kommt der Rest dran."

Nachdem die beiden hinter die Binde gegossen wa­ren, stellte sich Bartmann an da» alte Stehpult, um mit bedächtiger Miene seinen Rapport zu malen, und Brüser setzte sich sttll in eine Ecke und machte ein trau­riges Gesicht.

Fünf Minuten vor zwölf war Bartmann fertig und stöhnte .ordentlich auf nach der gehabten Anstren­gung.

„Nun will ich mich aber noch ein bischen setzen", sagte er, „mir sind beide Beine eingeschlafen vom langen Stehen.

„Setze Dich, Barimann", sagte Brüser traurig, in­dem er aufftanb und feinem Freunde einen Stuhl hin- schob.

In dem Augenblick aber, wo der andere sich lang­sam krumm machte, um sich niederzulaffen, nahm Brü­ser den Rapport vom Pulte und legte ihn auf den Stuhl, so daß Bartmann auf denselben zu sitzen kam.

Mit einem Male schlug eS zwölf, und der Posten vor dem Gewehr rief „Heraus!"

„Alle Wetter! Da ist auch schon der Offizier du jour!" rief der wachthabende Unteroffizier; „schnell heraus, Leute, damit wir stehen, wenn's ausgeschlagen hat."

Die Dragoner klapperten au» der Stube, und Battmann klapperte hinterher, vergaß jedoch in der Eile, den Rapport mitzunehmen.

Brüser blieb drin und war ganz beruhigt. Wenn ihn Bartmaim auch nicht in der Hand hielt, so klebte er ihm doch hinten am Hosenleder.

Battmann kommandierte: „Still gestanden! Richt Euch!" . . , und ließ das Gewehr aufnehmen; bann trat, nach den üblichen Zeremonien, der Offizier du jour näher heran und streckte die Hand nach dem Rap­port aus.

Der Unteroffizier griff in den Waffenrock, wo et seinen Platz hatte, war aber höchlich erstaunt, ihn dort nicht zu finden.

Er griff tiefer und tiefer in die Brust; aber bei Rappott kam nicht zum Vorscheine.

Er sah auf die Erde hinab, ob er hier vielleicht hinuntergefallen wäre; aber da lag er auch nicht.

„Ader wo haben Sie denn den Rapport, Unter­offizier Battmann?" fragte bet Offizier du jour et- ivas ungeduldig.

Jener begann schon verwirrt zu werden .... Sollte er ihn in der Wachtstube haben liegen lassen?

In feiner Bestürzung machte er schleunigst die Kehrtwendung, um ihn zu holen, und zeigte auf diese Att den Rappott, der ihm hinten an den Hosen klebte.

Der Offizier glaubte, seinen Augen nicht trauen zu dürfen.

„Unteroffizier Battmann!"

Sogleich machte dieser die Kehrtwendung wieder zurück.

„Zu Befehl, Herr Leutnant!"

„WaS soll denn das heißen, Unteroffizier Bart­mann?"

Dieser wurde ganz blaß und wußte nicht, was et darauf erwidern sollte.

„Wird'S bald!!? ... wie lange soll ich denn war­ten?" fuhr der Offizier du jour unwillig fort.

Bartmann machte abermals Kehrt und zeigte den Rappott auf dieselbe Weise wie vorhin.

„Herr!" schrie der Leutnant, nun wirklich zornig werbenb, „ist daS eine Manier, den Rapport zu über­reichen? . . . Sinb Sie berrihft geworben, ober wo» soll ich von Ihnen denken? . . . Augenblicklich geben Sie mir den Rapport, wie es sich gehört, ober ich lasse Sie ablösen und in Arrest bringen."