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M 277.
Fulda, Freitag den 3. Dezember 1909.
36. Jahrgang.
Erstes Matt.
X Der zweite Vizepräsident.
Es ist jetzt sicher, daß Erbprinz Hohenlohe- Langenburg, Hospitant der Reichspartei,
zuin Zweiten Vizepräsidenten deS Reichstages gewählt werden und die Wahl auch annehmen wird.
DaS Verhalte» der Reichspartei wurde bisher als der kritische Punkt bei der Präsidentenwahl angesehen. Die Reichspartei, die zwischen den Konservatwen und den Liberalen steht, hat bei der Erledigung der Finanz- reform schließlich mit den Konservativen und dem Zentrum zuj...mnengearbeitet. Aber neuerdings sollte sie sich jedoch haben bewegen lassen, in Sachen der Prä- sidcntenwahl wieder an den Liberalismus sich anzuleh- nen und zur Freude der Nationalltberalen die ihr (der Reichspartei) angebotene zweite Vizepräsidenten- stelle auSzuschlagen. Wie jedoch parteiofftzös vonseiten der Reichspartei mitgetellt wird, verzichtete sie auf den Sitz im Präsidium zunächst nur deshalb, weil zwischen ihr und den Konservativen ein Kartell besteht, wonach die konservative Partei den Präsidenten im Hause und die Reichspartei den Vorsitzenden der Budgetkommission stellt. Äe Rcichspartei steht auf dem Standpunkt, daß die Nationallibcralen gemäß der Zahl ihrer Mandate nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hasten, eine Vizeprasidentenstelle zu übernehmen.
Wenn einige Neigung bei der Reichspartei bestand, sich an die Nationalliberalen anzulehnen, so schwand sie bald, als die Nationalliberalen ohne jeden sichtbaren und haltbaren Grund schon bei der Wahl des Ersten Präsidenten gegen den bisherigen Präsidenten Graf Stolberg mit der Abgabe weißer Zettel demonstrierten. Als weiterhin Paasche bei seiner Ablehnung des Zweiten Vizepräsidenten deutlich zu erkennen gab, daß er nur dem Drucke seiner Fraktion gewichen ist, nicht dem eigenen Willen, als schließlich aus der national- liberalen Frakston heraus die Gründe für die Ablehnung mehr und mehr bekannt wurden, da drang bei der Mehrzahl der freikonservativen Abgeordneten die Ueber- zeugung durch, daß die Nattonalliberalen darauf auS- gingcn, um jeden Preis die Konservativen zu Isolieren und den unfruchtbaren aufreizenden Agi- tastonskampf der letzten Monate auch in den Reichstag selber zu tragen, indem sie dabei an die Seite des Freisinns und der Sozialdemokratie rückten. Alles dies zusammen führte bei der Reichspastei einen kräftigen Umschwung herbei In einer Fratkionssttzung nach Schluß des Reichstages hatte, wie die „Köln. Vztg." mitteilt, dre unabhängige gut konservative und nationale Richtung Varenhorst und Gamp die Oberhand, und schon nach kurzer Beratung wurde beschlossen, den Erbprinzen zu Hohenlohe-Langenburg als offiziellen Kandidaten der Reichspartei für den Zweiten Vizepräsidenten zu nominieren. Dieser Beschluß ssi offiziell den anderen Patteien mitgeteilt worden, die sich an der Wahl beteiligen.
Die Nationalliberalen haben also j u st d a 8 G e g e >i t e i l von dem erreicht, was sie beabsichtigten. Sie wollten die Konservativen mit dem Zentrum i'olicren und die Freikonservativen zu sich herüberziehen. Nun sind sie selber an der Seite der Sozialdemokratie isoliert. Jungliberalismus und Evangelischer Bund haben sie dahin geführt. Die Konservativen aber sind an der Se,ite der Reichspartei und der Wirtschaftlichen Vereinigung er st recht stark und aktionsfrei.
Jetzt ist die Wut groß beim Liberalismus. Die gesamte liberale Presse bringt giftgeschwollene Artikel über den „llmfaö* der Reichspastei. Angesichts des eigenen Hereinsalls wollen die Liberalen die Reichspastei graulich machen, indem sie ihr zu beweisen suchen, daß sie (die Reichspartei) vor einer „nicht wieder gut zu machenden Blamage" stände. Allen voran lamentiert die Presse des Evang. Bundes
Arrende Seele.
32] Roman von H. Teiche rt.
Sprachlos erstaunt sah Manseck sie an.
„Sie wissen —"
„Ich weiß, wie es kam. Ich habe Ihre Tochter gut gekannt. Aus ihrem eigenen Munde erfuhr ich ihre Schuld und sah die Sühne, die ihr das selbst- heraufbeschworrne Schicksal auferlegt."
Einen Augenblick war es totenstill zwischen ihnen. Der alte Herr hatte die Hände an die Augen gedrückt und atmete schwer. Aber die Willenskraft in ihm war noch immer stark, der Schwächeanfall ging vorüber. Er stand auf und durchwanderte das Zimmer ein paarmal aus und nieder. Dann war er ruhig geworden und setzte sich wieder nieder.
„So tauschen wir die Rollen, gnädige Frau", sagte er tonlos, „seien Sie nun der Märchenerzähler und ich der Lauscher. Wo war es, daß Sie sie zuletzt sahen und lebt sie noch?"
„Sie ist lange tot."
„Tot!" Er neigte tief das Haupt und langsam tropfte eine Zähre auf die verschlungenen Hände. „Erzählen Sie, gnädige Frau, sprechen Sie nur von ihr, sie war ja doch einst mein liebes, liebes Kind."
Und Beate erzählte von ihrer Bekanntschaft mit bet Verstorbenen in kurzen Umrissen, aber mit keinem Wort Renates erwähnend, bis er selbst fragte, ob auch ”tnber gewesen feien.
„Gine Tochter " Das Herzklopfen hatte ihr die JSSL erstich und der lauschende Mann fühlte K Sj?? Zusammenhang und deutete mit zittem- der Hand auf das Kinderbild —
„Das — das —-
unse'e^llück'^'' Mt5ti0te Sflf<rte schwer, „unser Kind, Da brach er zusammen. Am aan«n
lemb, leichenblaß lehnte er im ® ’ 3
Der Ohnmachtsfall ging unter ihrer und ihres Mannes Bemühung bald vorüber. Der alte Herr kam wieder zu sich und erst wieder im Vollbesitz seiner
über diesen ihr so unerwünschten und unerwarteten AuSgang. Doch all diese zomigen Ergüsse machen keinen Eindruck. Die Reichspastei wird sich durch den Wiederanschluß an die positiven Parteien eine ehrenvolle und wichtige Ausgabe bei der zukünftigen Entwicklung sichern, nämlich den Stützpunkt oder gegebenenfalls den Sammelpunkt zu bilden für die besseren liberalen Elemente, die der Zornespolitik des JungliberaliSmuS sich allmählich entwinden werden, und überhaupt die Wiederherstellung der Arbeitsgemeinschaft zwischen den politischen Kräften von rechts und links zu fSrdem.
Deutsches Reich.
X* Initiativanträge der Zentrumsfraktion des Reichstages.
Die Zentrumsfraktion hat folgende Anträge im Reichstage eingebracht:
1 Einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch welchen daS bandenweise Umherziehen der Zigeuner verboten wird.
Dieser Antrag ist auch für unsere Gegend, in welcher die Landgemeinden und einzelnen Höfe in letzter Zett ganz besonders unter der Zigeunerplage gelitten haben, von Wichtigkeit.
2. Unter den verbündeten Regierungen eine Verständigung darüber herbeizuführen, daß dem Mißbrauch entgegengetreten wird, wonach in Fällen, in welchen bei Gerichtsverhandlungen wegen Gefährdung der Sittlichkeit die Oeffentlichkeit ausgeschlossen wird, gleichwohl Berichterstatter der Presse zugelassen werden.
Dieser Anlrag soll den Unfug beseitigen, daß bei Verhandlung schmutziger Srrafsachen zwar die Oessent- ltchkeit ausgeschlossen, gleichwohl aber Zeitungsbestcht- erstatler zugelaffen werden, die nachher die ganze Verhandlung in die Sensationsblälter und Skandnlpreffe bringen.
3. die erforderlichen Anordnungen zu treffen, durch welche: a) dem Handwerk, insbesondere den geprüften Handwerksmeister!,, die den Meistestitel zu führen berechtigt sind und Vereinigungen selbständiger Handwerker (Innungen, Genossenschaften usw.) in weit höherem Umfange als bisher Aufträge bei Lieferungen an die Reichsverwaltung zufließen; b) jährlich dem Reichstage Nachweisungen über den Umfang dieser Lieferungen des Handwerks vorgelegt werden.
, Dieser Antrag ist im Interesse des Handwerks gestellt und soll verhindern, daß die MilUärvLrmcrltmr-r ihre Aufträge hauptsächlich den Großunternehmern zumeist, dagegen die Handwerker iibergeht.
4. eine durchgreifende Sparsamkeit in allen Zweigen der Reichsverwaltung unverzüglich eintreten zu lassen, insbesondere a) der Vermehrung d eS Reichsbeamtenkör- p e r s entgegenzuwirken; b) dafür Sorge zu tragen, daß zu untergeordneten Arbeiten nicht Beamte heran- gezogen werden, die durch ihre Vorbildung für wich- tigere Aufgaben bestimmt sind; c) die Reisekosten und Tagegelder im Sinne einer Ermäßigung neu zu regeln und die Dienstreisen einzuschränken; d) in allen Rkichsbetrieben eine nach den erprobten kaufmännischen Grundsätzen geregelte Geschäftsbehandlung durchzusühren und die hiernach von den einzelnen betrieben aufzustellende Bilanz im Reichshaushalte mitzuteilen.
Ueber den letzteren Antrag braucht man wohl kaum noch ein Wort zu sagen, ist doch die unsinnige Vermehrung des Beamtenpersonals und die burean- kratische Verwaltung, besonders der Post und Telegraphie, eine der Hauptursachen der neuen Snuern.
5. Die Gründung und Unterhaltung einer mit allen Hilfsmitteln der modernen Technik ausgestatte- len Versuchsanstalt für Luftschiffahrt in Friedrichshafen unter Leitung des Grafen v. Zeppelin zu veranlassen.
Denkkrast half sein starker Wille die Körperschwäche schnell überwinden.
Er stand auf und reichte beiden die Hand.
„Verzeihen Sie mir und nehmen Sie meinen Donk für diese Stunde. Wenn Sie nun die Güte hätten, nach einer Droschke zu schicken, wäre ich Ihnen verbunden."
„Wenn Sie mir gestatten, begleite ich Sie nach Hause, Exzellenz", unterbrach ihn Heinz.
„Auf keinen Fall, danke Ihnen. Ich werde eine Spazierfahrt in den Tiergarten machen — die frische Lust wird mich schnell restaurieren —*
Als Dornau das Zimmer verlassen hatte, um dem Mädchen den Befehl zu erteilen, einen Fuhrmann anzuhalten, ergriff ManSeck Beates beide Hände.
„Jetzt wundern Sie sich über mich, gnädige Frau, ich sehe eS Jbnm an. Sie meinen, ich müsse nun vor allen Dingen die gefundene Enkelin ans Herz drücken und die sich so unerwartet ergebenen Familienbeziehungen besesttgen. Ich kann nicht — beute noch nicht. Erst muß ich mit mit selbst fertig werden. Ich bin ein Mensch mit hartem Schädel, wie ich Ihnen schon sagte, Rührszenen sind nicht nach meinem Geschmack. Weiß Ihre Tochter von der Verwandtschaft zwischen unS?"
„Sie hat bis jetzt keine Ahnung davon."
„Obgleich Sie die Gewißheit hatten —"
„Die ist bei mir auch erst einen Tag alt."
„Dann machen Sie da? Kind jetzt mit der Tatsache bekannt, ich bitte Sie barum. Verhehlen Sie ihr auch nichts von dem, was Sie von ihrer Mutter Schicksal wissm. In richtiger Beleuchtung der Vorgänge soll sie sich selbst ein Urteil bilden, ob ich zu hart gegen die Tochter war. Ich komme wieder, vielleicht in einigen Tagen, vielleicht schon morgen, sie soll den Großvater in mir sehen und selbst entscheiden, wie das Verhältnis zwischen uns sich fortan gestalten soll."
Noch in derselben Stunde erfuhr Renate von ihrer Zugehörigkeit zu der ManSeckschen Familie und von. der Urfache de» heutigen Besuches des alten Herrn. Ueber seine Sorge, daß sie Rolf Mansecks Werbung hätte annehmen können, lächelte sie nur. Sie konnte sie dem alten Aristokraten nicht einmal Übelnehmen,
Durch diese Anträge hat das Zentrum nicht alle seine Forderungen zum Ausdruck gebracht; es hat nämlich alle jene Anträge nicht wiederholt, die schon in der letzten Session erledigt worden sind. Das Zentrum will vielmehr die Antworten des Bundesrates erst abwarten. Die neuen Anträge werden im Volke sehr freudig aufgenommen werden, denn sie zeigen, daß das Zentrum auf dem Posten steht.
♦♦ Die Landtagswahlen in Sachsen - Weimar-
Weimar, 2. Dez. 1909. Von 23 Wahlkreisen waren bis abends 10 Uhr neun Resultate bekannt. Es wurden gewählt: 4 Sozial- bemotraten (die im verflossenen Landtage 2 Mandate besaßen), 2 Liberale, 1 Ratio- ualliberaler, 1 Konservativer und 1 Mit- glied des Zentrums. Aus den meisten länd- sichen Wahlbezirken sind die Resultate erst morgen zu erwarten.
In Geisa wurde Kiel (Zentr.) gewählt, in Eisenach Appelius (Natl.), in Gerstungen Stein (Bündln). In Wei mar-Stadt siegten die vereinigten Liberalen, in Apolda, Jena- Stadt und Ruhla die Sozialdemokraten.
*♦ Berlin, 2. Dez. 1909. Prinz Heinrich von Preußen ist nach Beendigung der Jagden in Ungarn am Mittwoch in Kiel eingeiroffen. Dort sind auch der Großherzog und die Großherzogin von Hessen zum Besuchs des Prinzen Heinrich angekommen. — Der Bundesrat erteilte in seiner Plenarsitzung am Donnerstag dem Handelsvertrag zwischen dem Reiche und Bolivien seine Zustimmung. — Gegen die dem Reichstage wiederum zugegangene neue Fernsprechgebührenordnung hat eine Kommission des Hansabundes Stellung genommen.
)( Der österreichische Minister des Auswärtigen, Graf Aehrenthal, wird demnächst zur Entgegnung des Besuches des deutschen Reichskanzlers in Berlin eintreffen.
= Im Reichstage wird die erste E t a ts b e r a- t u n g am Montag ihren Anfang nehmen und wahrscheinlich am Freitag ihr Ende finden. Nach Schluß der Etatsberatung sollen die Interpellationen in fünf Gruppen besprochen, zwischendurch die kleineren Vorlagen erledigt und die juristischen Gesetze in eriier-Lesung beraten werben. Die Fernsprechgebührenordnung kommt bei der Etatsberatung mit zur Besprechung.
** Ter deutsch-portugiesische Handelsvertrag ist dem Reichstage zugegangeu. Es ist ein Meistbegünstigungsvertrag mit Zollbindungen. Die Bezeichnung „Port- und Madeirawein" wird geschützt.
C. Die Erklärung der Vorstände der Zentrumsfraktionen und des Landesausschuffes der preußischen Zentrumspariei über den politischen nicht konfeffionellen Charakter des Zentrums findet in der gegnerischen Presse wenig Anerkennung. Das ist nicht verwunderlich, denn angesichts einer so antoritatioen Feststellung ist es natürlich nicht mehr so leicht möglich, das alte Märchen von dem „konfessionellen" Zentrum zu wiederholen. Die freikonservative ,Postt äußert Zweifel über die Notwendigkeit der Erklärung wie über ihren überzeugenden Charakter. Wir antworten darauf, daß bei der Würdigung der Notwendigkeit der Erklärung allein unsere eigenen Interessen maßgebend sind und nicht die Interessen der Gegner. Und was den Mangel des überzeugenden Charakters angeht, so wisien wir schon lange, daß es als durchaus erlaubt gilt, jede Erklärung, die von Zentrumsseite
sie respektterie eben als kluges Mädchen jedes Menschen Standpunkt. Daß derselbe Mann, der sich dagegen gesteift hatte, sie als angeheiratete Enkelin in seiner Familie aufzunehmen, nun aber hatte erfahren müssen, daß sie viel größere Rechte an diese Familie konnte geltend machen, da? gewährte chr doch eine gewisse Genugtuung. Sie war gar nicht einmal sehr erstaunt gewesen bei der Tante Bericht.
In stiller Abendstunde nahm sie der Mutter Aufzeichnungen vor. Lose Blätter nur enthielt der einfache Pappumschlag. Ost waren es nur flüchtige Zeilen, bann wieder längere Berichte übet dieses ober jenes Ergebnis. Ein paar Blätter stammten aus der frühesten Mäbchenzeit, die anderen waren erst nach dem Tode der Mutter geschrieben. Mit zärtlicher Liebe mußte die Tochter an derselben gehangen haben, zwischen den Zeilen las es Renate, wo e8 nicht in klaren Worten ausgebrückt war. Trostlose Klagen über den Verlust derselben folgten dann, Andeutungen, die darauf schließen ließen, daß Vater und Tante ihrem Herzen fremd waren. Dann später — Blatt auf Blatt gefüllt mit schwärmerischen Mädchenphantasien. Dann wieder Fragmente aus späterer Zeit. Dazwischen mußten wohl viele Blätter verloren gegangen sein, den Zusammenhang konnte nur jemand verstehen, der die Sachlage genau kannte. Bittere Selbstanklagen und Klagen über des VaterS Härte, der jegliche Annähe- rung ablehnte und sie in Not und Elend umkommen ließ. Ein einziges Blatt nur war ihrem Kinde geweiht, aber auch durch diese spärlichen Glückszeilen klang der Sorgen schrei. Mißmut — Enttäuschung, seelische Schwäche, die nicht imstande ist, sich aufzuraffen, das war der Gnmdton, der durch die Auszeichnungen der letzten Jahre ging.
„Ich will mich bemühen, vorurteilsfrei zu urteilen, auf wessen Seite die Schuld liegt", hatte sie in stolzem Selbstbewußtsein gesagt, jetzt saß sie mit gesenktem Kopf und wußte sich keinen Rat — das Kindesgefühl in ihr weigerte sich, über der Mutter Tun zu Gericht 8i sitzen. „Ich hätte eS nicht getan, ich würde das lternhauS nicht so verlassen haben — aber so »er» söhnungSloS würde ich auch nicht gewesen sein, wie der Großvater." So weit war sie mtt ihrer Obiektivi-
kommt, einfach als objektiv und subjektiv unrichtig zu bezeichnen.
+ Großblockbestrebungen sehen wir jetzt allerorten. In Baden ist der Großblock bereits offiziell emgeführt, im Reichstage bahnt sich ein verständnisinniges Zusammenarbeiten von Liberalen und Sozialdemokraten unter Führung der letzteren an. Dazu paßt dann recht gut, daß auch unter den bayerischen Liberalen sich Großblockbesttebungen geltend machen. In einer am Mittwoch veranstalteten jung- liberalen Versammlung in München beantragte der Re. feient Rechtsanwalt Kohl, daß Wege gesunden werden, um in Zukunft mit den Sozialdemokraten zusammen gehen zu können, denn nur dadurch könne die „flerikale Herrschaft" gebrochen werden. Ei« Linksblock wie in Baden müsse auch in Bayern ins Leben gerufen werden.
4- Der Fall Frith wird, wie wir hören, nicht zum Gegenstände einer besonderen Interpellation gemacht werden, vielmehr soll er bei der Etats« b e r a.t u n g zur Sprache gebracht werden.
)( Zur Frage der Talonsteuer wird gemeldet, daß die Verhandlungen des Reichsschatzamtes mit den Firmen, die vor Jnkrastreten der Talonsteuer Dividenden bogen ausgegeberr haben, in erfreulichem Fortgänge sind. Es ist bereits gelungen, von den 9 Millionen, die dem Reichssackel durch jenes Manöver entgangen wären, 8 Millionen wieder einzubringen. Es besteht Aussicht, auch die noch fehlende Million zurückzuerhalten, so daß dann die Vorlage einer Novelle zum Talonsteuergeseh übersiüssig würde.
-f- Gegenüber den Gerüchten, daß der Reichskanzler sich für eine Kandidatur deS Prinzen Hohenlohe-Langenburg für den Zweiten Vizepräsidenten betätige, erklärt die ,Rational-Ztg." seststellen zu tonnen, daß keine maßgebende Stelle im Reiche sich in die Präsidentenwahl einmische. Die Frage werde selbstverständlich als eine Angelegenheit betrachtet, in welcher der Reichstag ohne Einwirkung von außen her zu entscheiden habe. — Ist di« ,Rational-Ztg.' sich auch darüber klar geworden, daß sie mit dieser Feststellung im Hinblick auf die Vorgänge bei der Wahl des Blockpräsidiums int Februar 1907 verschiedene recht saftige Ohrfeigen austeilt?
* Meiningen, 2. Dez. 1909. Im Meininger Landtag wurde heute der Sozialdemokrat Wehder zum Vizepräsidenten gewählt.
— Karlsruhe, 2. Dez. 1909. Da der Großblock im babischenLandtagedas Zentrum von ber Mitverantwortlichkeit ausgeschaltet hat, war es nur logisch, baß bie Zentrumsfraktion barauf verzichtete, bas ihm angetragene Amt eines Vorsitzenden ber wichtigsten Kommission, bet Bubgetkommisson, zu übernehmen. Das Amt hat bann ber Fraktionschef der Nationalliberalen, Oberschulrat Rebmann, übernehmen müssen. Sein Stellvertreter ist ber sozialdemokratische Abg. Kolb. Das Zentrum verzichtet nur auf den Vorsitz in dieser Kommission, mitzuarbeiten lehnt eS dagegen nicht ab. Es gehören ber Vudgetkommifsion sieben Zentrumsabgeorbnete an. Zwei Zentrumsleute, Landgerichtsrat Schmidt in Karlsruhe und Landgerichtsprä- sibent Zehnter, haben sich auch bereit finden lassen, in ber Petitionskommissioil und in der Kommission für Eisenbahnen unb Straßen den Vorsitz zu übernehmen. Der kitzlichen Frage, ob ber sozialdemokratische Vize- bräfibent Geiß „zu Hof" gehen wird, ist man vorläu- sig aus dem Wege gegangen. DaS Präsidium will sich jetzt nicht in Audienz beim Landesherrn melden. Der Großblock hat in feiner Verlegenheit beschlossen, bie Benachrichtigung be3 Großherzogs über die Bildung des Präsidiums auf schriftlichem Wege erfolgen zu lassen.
cf München, 2. Dez. 1909. Der Abg. Held hak im Steuerausschuß Namens bc8 Zentrums die Erklä-
tät gekommen. Und als am andern Tage der Großvater kam und sie ohne viele Worte an sich zog und auf die Stirn küßte, da bückte sie sich tief ergriffen auf bie welke, zitternde Hand — er hatte ja auch gesühnt, was sein starrer Sinn verbrochen.
Sie mußte sich neben ihn setzen, ganz nahe wollte er sie neben sich haben. In ihr sei ein Doppelwesen auferftanben, seine Frau unb seine Tochter, versichert« er, gar nicht begreifen konnte er, baß er die Zusammengehörigkeit nickt beim ersten Blick gefühlt habe.
Renate hörte alles ruhig mit an und verriet nur durch ein gelegentliches Kopfschütteln, daß sie anderer Meinung sei. Als et ausgeredet hatte, da sagte sie ihm liebevoll, aber klar und deutlich, daß " ihrer Pslegeeltem Kind fei und bleiben wolle, daß !.. ihnen nicht nur in tiefster Dankbarkeit, sondern auch in innigster Kindesliebe zugetan fei und sich nichts Besseres wünsche, als immer bei ihnen bleiben zu dürfen, daß aber außer diesem Umstande auch noch ihre Kunst ein Wort mitspräche. Der würde sie nie untreu werden, das sei ein Stück von ihr, zu ihr gehörig wie des Körpers Glieder.
Der alte Herr ließ sich bald überzeugen, daß e8 am besten fei, wenn alles beim alten bliebe. Dem Sliter geht die Fähigkeit ab, sich für Wandlungen im Lebensgang zu enthusiasmieren- Gewohnheit und Regelmäßigkeit find seine besten Freunde. Die Möglichkeit, seiner Lebensweise vielleicht einen ganz andern Zuschnitt geben zu müssen, hatte Manseck schon während deS Angebotes beunruhigt.
In bester Harmonie schied er von dem Domauschen Hause. Er freute sich der Enkelin und war innerlich doch recht zufrieden, daß ihr Austauchen keine unbequemen Konsequenzen weiter für sein Leben im Gefolge haben würde. Sie wollten sich recht oft sehen, um sich aneinander zu gewöhnen, aber im allgemeinen weiter leben wie bisher — jeder für sich.
Aber das Kodizill, das der Enkelin ein recht bedeutendes Erbteil zuficherte, wurde schon in den nächsten Tagen notariell abgefaßt und diese dadurch, zum Teil wenigstens, in die der Mutter verlustig gegangenen Rechte eingesetzt.
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