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3.pSkH»&- wochenbeilage: Illustrierte Somttagsjcttung“

36. Jahrgang

3ulba, Donnerstag den 2. Dezember 1909

M 276

Erstes ^Slatt

roti

Deutsches Reich

«»rrlst«: vte et» spaltlge Petitzeile oder deren Baum ISPfg. BeUamendrepetitzeil« 25 Pfg., bei Wieder­holungen wird entspr.

Badakt gewährt.

Botationrdruckund Verlag der Luldaer Ad-

Zahl zugeganqen. Der Nachtragsetat zum Reichshaushaftsetat für 1909. Er verlangt die Summe von 521701419 M. und zieht lediglich

«rlchedst täglich mit Aurnahme der So m- und Feiertage. Viertel, jährliche, ve-rngrprei, ohne vringeriohn und VesteT-eldi«8»ldas». wie au»u>ätt$ 1.60 mt.

Verantw. Bedattrurr «arl Schütter

** Berlin, 1. Dez. 1909. Der Kaiser hörte am Dienstag im Königl. Schlosse mehrere Vorträge. — Der preußische Hof hat anläßlich des Ab­lebens des verzog Karl Theodor in Bayern Trauer auf fünf Tage angelegt. — Die Preßstimmen über die Thronrede bei der Eröffnung der Rcichstayssession stimmen alle darin überein, daß sie diesmal äußerst kurz und recht nüchtern gehalten ist. Im AuSlande hat der Paflns über unsere Beziehun­gen zu den einzelnen Mächten ziemlich ungeteilten Beifall gefunden. — Nach einem neuen Erlasse des Minister? fhtb Bewerber für den Eisenbahn- dienst, welche an irgend einer Hautkrank he it leiden, von der Annahme ausgeschlossen.

— Regierungsvorlagen sind dem Reichstag

die etatmäßigen Folgerungen aus den Finanz, gesehen vom 15. Juli d. I. und aus den Be- soldungSgesetzen. Ferner ein Nachtrag für den Kolonialetat für 1909. Er verlangt 54474 Mark für Kiautschou, die notwendig geworden sind infolge der llebernahme des Etats für das ostasiaiische Detachement auf den Etat für Kiautschou. Der Nachtragsetat setzt ferner die neuen Gebührniffe der Militärpersonen der Ko­lonien nach der Besoldungsordnung vom Juli dS. Js. fest. Sodann sind eingegangen der Entwurf eines Gesetzes, betreffend Äenderung des Strafgesetzbuches, die Uebersicht über die Ergebnisse des Heeres-Ergänzungs-Ge- schäftes, der Entwurf eines Gesetzes, btreffend dieHandelsbeziehungen zum Britischen Reiche, der Entwurf eines Gesetzes über die Haftung des Reiches für seine Beamten, der Vertrag über die Unterhaltung von Post- dampsschiffsverbindungen mit Neuguinea, die Denkschrift über die Ausführung der seit 1875 erlassenen Anleihegesetze. — Das Beamten- hastungsgesetz und die Strafgesetzreform stimmen nut den in der letzten Session unerledigt ge­bliebenen Vorlagen überein.

c Interpellationen des Zentrums. Die Zen- irumssraktion des Reichstages hak folgende Interpellationen eingebracht: 1. Ist dem Herrn

ü Die Wahl des neue» Reichstags- Präsidiums

>egann programmäßig mit der Wiederwahl des Gra­sen Stolberg zum Präsidenten. Auch die W<chl ies Ersten Vizepräsidenten brachte keine Ueberraich- ung, mit 239 von 246 gültigen Stimmen wurde Abg. Spa hn auf den Ehrenpostenckeruftn.

In beiden Wahlgängen gaben Nationalliberale und Freisinnige weiße Zettel ab. Wer eS noch nicht gewußt hatte, daß die Nationalliberalen beschlossen hatten, in das Präsidium nicht einzutreten, Hütte schon aus dieser Tatsache entnehmen können, daß die Wahl deS Abg. Dr. Paasche, die mit 221 von 233 gültigen Sttmmen erfolgte, resultatlos bleiben würde. Herr Paafche erklärte, daß er gemäß einsttmmigrn Fraktionsbe- schlusses die Wahl nicht annehmen könne. Wenn eS nach seiner eigenen Person gegangen wäre, würde die Erklärung wohl anders gelautet haben. Noch vor einigen Tagen hat er in einer Wählerversammlung in Kirchberg erklärt, „wenn er gewählt werden sollte, so habe er keine Ursache abzulehnen". Aber der Ein­fluß der Jungliberalen und des linken Flügels in der Frattion, der bereits während der Finanzreform­kämpfe besttmmend auftrat und die alten Führer Heyl von Herrnsheim und Graf Ociola aus der Frattion hinausgraulte, dürfte auch in dieser Frage den Sieg davongetragen haben.

Die ablehnende Haltung der Nationalliberalen kam etwas überraschend. Noch in den letzten Ta­gen ist die „Nat.-Ztg.", daS Berliner nationalliberale Hauptorgan, mit aller Entschiedenheit dafür eingetre- ten, daß die Frattion den ihr angebotenen Posten deS zweiten Vizepräsidenten annehmen soll. In der na- tionalliberalen Fattionssitzung am Dienstag nachmit-

StStte der Ultramontanen. So etwa argumentierten hie Herren, als sie gestern und heute für diese Tatttt der Frattion eintraten. Ist'» auch Unnnn, so hat eä doch Methode. Für den, der klar sieht, ist die Ent- rotrfelung ganz deutlich gezeichnet: si?

Grobblock. Der Evangelische Bund treibt die liberale »herSBiialbemotraten.

toa hatt sich gezeigt, daß noch keine Klärung in den Ansichten der Mitglieder eingetreten war; Mittwoch früh trat man abermals zusammen und beschloß nach längerer Beratung einstimmig, mit Rücksicht auf die gegenwärtige politische Lage davon Abstand zu neh- men ein Mitglied der nattonalliberalen Fraktion für den Posten des zweiten Vizepräsidenten in Vorschlag zu bringen Eine Keine Minderheit der Fraktion, die anfangs die Ansicht vertrat, daß auch eine Vertretung bet nunmehrigen Opposition im Präsidium wün­schenswert fei, ließ sich durch die Mehrheit umstimmen, sodaß schließlich, wie erwähnt, einstimmig der Be- fchluß gefaßt wurde, die Präfidentenstellen den Mehr- heitsparteien zu überlassen.

Die Wahl des zweiten Vizeprästdenten wird nun am Freitag stattfinden, sie wurde ausgesetzt, um Zeit für weitere Verhandlungen zwischen den MehrheitS- Parteien zu gewinnen. Der .Vorwärts* erllärt, daß die sozialdemokmtische Frattion als Kandidaten für den zweiten Vizepräsidentenposten Herm Singer no­minieren werde. In der liberalen Presse wird der Name deS Abg. v. Damm genannt, des Vorsitzen­den der wirtschlffllichen Vereinigung, mit dem Hinzu- fügen, daß die Reichspartei es ablchne, »einem Prä­sidium anzugehören, daS den schwarz-blauen Block repräsentiert, der den Reichskanzler Fürsten Bülow gestürzt hat." Es ffr richtig, daß der Wunsch und die politische Berechnung besonders der Nationalliberalen auf eine solche Stellungnahme der Reichsvartei hin- zielen. Wie wir hören, hat die Reichspattei einen entsprechenden Beschluß nicht gefaßt; sie hat auch zu der Frage noch gar nicht Stellung nehmen können, weil die ablehnende Haltung der Nationalliberalen erst in letzter Stunde bekannt geworden ist.

Es würde verkehrt sein, in dem Verhalten der Natinalliberalen nur eine Demonstration der Ver­ärgerung zu sehen. Zunächst ist es deshalb politisch be­merkenswert, weil es einen offenen Bruchmitden Konservativen bedeutet und die bestehende Spannung noch verschärft. Die Hetzer in der libera­len Presse und im Evangelischen Bund erhalten da­mit eine neue giftige Waffe. Bemerkenswert ist auch

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 1. Dezember 1909.

Graf Stolberg eröffnete als bisheriger Präsident die Sitzung um 1 Uhr 15 Min. Nach Bekanntgabe der eingegangenen Vorlagen wurde zur

Wahl deS Präsidiums geschritten. Sie wurde mit Stimmzetteln vorgenommen' 8 SBei der Wahl ,um Präsident« " wu^m R4 Stimmzettel abgegeben; davon waren uubeschneben »an bat übrigen 258 lauteten 256 für bat «raten Stolberg. Zwei Stimmzettel waren waren für den Aba Bruhn abgegeben. ®raf Stolberg ist fotnit ge» wä?it Er übernimmt die Wahl dankend und bittet das Haus, ihn in seiner Amtsführung zu tmtastntzen. Darauf folgte die Wahl des ersten Btzeprä- fibenten. Es wurden 350 Stimmzettel abgegeben. Davon waren unbeschrieben 101, gUtig waren 246. Davon erhielt Spahn (Ztr.) 239 Stimmen; die übrigen waren zersplittert. Abg. Spahn nahm die Wahl dankaw an-ahi ^03 Jroeiten Vizepräsidenten würben 851 Stimmen abgegeben. Davon waren 118 unbeschrieben, gültig 233 Stimmen. Abg. Paasche (natl.) 221, zersplittert waren 112 Stimmen.

Abg Dr. Paasche ertlärt, er lehne im EmversiLnd- niS mit seinen politischen Freunden die Wahl aK - Darauf beantragt Abg. v. Normann (l), die Wahl des zweiten Vizepräsidenten bis Freitag auszusetzen, dagegen die Wahl der Schriftführer fofott zu tätigen.

Abg. Singer (So,.) widersprach diesem Antrag, ha es geschästSordnungSwidrig sei, die Wahl der Schttftsührer vorzunehmen, bevor daS Präsidium ge» 'wählt ist.

Nach längerer Geschäftsordnungsdebatte wurde schließlich in namentlicher Abstimmung der erste Teil des Antrages Normann, die Wahl des zweiten Vizepräsidenten bis Freitag auszusetzen, angenommen, während der zweite Teil deS Antrages, bett, bie Wahl der Schriftführer zurückgezogen würbe.

Freitag: Wahl bes zweiten Vizepräsidenten unb ber Schriftführer, sowie kleinere Vorlagen.

»rodblock. Der Evangelische Bimo irewi oie iweraie Pattei hinüber an bie Seileber Sozial bemotraten Unter Hefen Gesichtspunkten muß tue heutige Wahl deS Präsibiums betrachtet werben. Sw tft damttzu einem bedeutungsvollen politischen Ereignis geworden für den Reichstag, für bte Regierung, für das Volk, für die Wähler. Darüber war bis zum Schluß der heutiaen sturm bewegten Sitzung niemand mehr im Zweifel, und der Reichskanzler selbst hatte zur Wahl des Zweiten Vizepräsibenten den neuen Unterstaats- seketar" ber" Reichskanzlei, Wahnschaffe, enlfanbt, ber eifrig mit ben Konservativen konferierte.

Nach den neuesten Meldungen soll zweiter Vize­präsident der Erbprinz zu Hoh enlohe-Langen- bürg werden. Er ist Hospitant der Reichsparte,, wat einst Regent des „Herzogtums Koburg- Gotha und später kurze Zeit Letter des Kolomalamts. Er bat sich berest erklärt, die Wahl anzunehmen. So schwierig auch die Situation und so ungewiß das Schicksal der Reform noch ist, so glaubt man doch in parlamentarischen Kreisen, daß trotz der vorhandenen Gegensätze eine Mehrheit für die Reform da sein wird.

unerheblich bei.

Znm Schlüsse mag noch darauf hingewiesen wer­den, daß die Haltung der liberalen Patteien zur Frage der Besetzung de- Reichstagspräsidiums einen neuen Schritt auf dem Wege bedeutet, der die Einführung der parlamentattschen Regime- anbahnt. Der Weg ist betreten worden bereits bei der Wahl deS Blockpräsidiums, der erste große Schritt weiter war der Rücktritt deS Fürsten Bülow wegen der Entschei- tmngen im Reichstage, der jüngste Schtttt ist die Er- llärung der liberalen Patteien, daß die Präsidialge- schästsführung der bestehenden Konstellation der Mehr- hettsparteien zu überlassen fei.

Die ,Köln. Vztg/ schreibt in ihrem Stimmungs­bild aus dem Reichstage:

Die treibenden Kräfte (der Ablehnung fettens deS Abg. Paafche) waren bie Herren vom Evan­gelischen Bunb, bie Abgg. Hiebet unb Sterling, Weber unb Fuhrmann. Die Triebfeber ist ber ödeste koufeistonelle Haß. Das wurde ja innerhalb der Frak­tion der Nationalliberalen uneingeschränkt ausgesprochen. Nationalliberale Abgeordnete haben das gestern unb heute offen zugegeben. Mau legt sich bie Sache un­gefähr so zurecht: bas Zentrum müsse mit ben Konservativen vereint auch im Präsidium er­scheinen ; es sei das beste Agitationsmittel unter ben Evangelischen, wenn ihnen gesagt werben könne, bie Konservativen haben das Präsibium nur von ber Gnade des Zentrums, in Wirklichkeit herrscht das Zentrum wieder im Reichstage, unb ber Zylinder Spahns thront über ihm. Drum hat es Spahn selber zum Vizepräsibenten gewählt. Wir wollten kein Präsibium aus ber Hanb unb an ber

Reichskanzler begannt, daß Arbeitgeberverbände, insbesondere im Bergbau des Ruhrreviers, durch einseitige Organisation deS Arbeit» nach- weise» mit Zwangscharakter die Recht« der Arbeiter, namentlich die Vertragsfreiheit untz di» Freizügigkeit gefährden? Welche Maß» nahmen gedenkt der Herr Reichskanzler gegen über diesen Bestrebungen zu ergreifen? — 2 Ist der Herr Reichskanzler bereit, über de» gegenwärtigen Stand der Vorarbeiten zur Pen« sionSversicherung der Privatbeamte» Auskunft zu geben?

4- Richt weniger als 23 Initiativanträge hat bereits die fozialdemokratische Fraktion dem Reichstage zugedacht. Wenn e8 nur auf dal Stellen von Anträgen ankäme, wäre zweifellot die Sozialdemokratie die beste und tüchtigstl Partei. — Außer den Anträgen kündigt der „Vorwärts" vier sozialdemokratische Interpellatio­nen an. Sie betreffen den ZwangLarbeitsnach- weis im Ruhrrevier, die Unterstützung an arbeit», lose Tabakarbeiter, den Bergarbeiterstreik in Mansfelder Bergrevier und die Unterschlagungel, auf der Kieler Reichswerft.

♦ Auf den geschäftlichen Terror als WahlhilfS mittel wellen die Sozialdemokraten auch in Hager i W. nicht verzichten. Nach der Elberfelder soziab demokratischen „Freien Presse" wirb sich die nächst; Generalversammlung der Hagener sozialdemokratischen Vereins mit der Frage beschäftigen: „W i e verhal­ten wir uns gegenüber den Geschäftsleuten, die gegen die Sozialdemokraten (bei den Stadtverord­netenwahlen) gestimmt haben!" Auch die Gewerk­schaftsversammlungen werden sich mtt dieser Frage be­fassen.

* Sozialdemokraten als Arbeitgeber. Du sozialdemokratische „Rheinische. Ztg." veröffent­lichte kürzlich einen Artikel, in dem es u. a. heißt:

„Tatsächlich sind bie Arbettsverhältnisse im „Bor» wärt«* unb im Betriebe ber „Leipz. Volksztg." weit besser, als ber Buchbruckertarif vorschreibt, so baß sie von keinem einzigen bürgerlichen Zeitungsbettteb erreicht werben."

Zu diesen Ausführungen bemerkt der „Kor­respondent für Deutschlands Buchdrucker und Schriftgießer", das Organ der der sozialdemo« kralischen Partei sehr nahestehenden Buchdrucker« gewertschaft:

„Wenn gesagt wirb, baß bie Arbeitsverhältnisse im „Vorwärts" unb in ber „Leipziger Volksztg." „von keinem einzigen bürgerlichen Zeitungsbetrieb erreicht werben", so kann bas nur zum Lachen reizen. $«' Arbeitsverhätiwsse im „Vorw." werben in puncto Be­zahlung von zahlreichen bürgerlichen Zettungs«, betrieben erreicht unb zum Teil übertroffen. Da­gegen wirb bie Behandlung bes Personals „von keinem einzigen bürgerlichen Zeitungsbetrieb erreicht". DaS ist richtig, nur meinen wir, baß ber „Borwärts"-Be- trieb auf biefe „Errungenschaft" nicht stolz zu feto braucht. WaS bie „Leip;. Volksztg." betrifft, so fhtb bei keinem bürgerlichen Zeitungsbetriebe gleicher Größe die Arbeitsverhälnisse schlechter als in ber Leipz. VolkSzeitmig"."

(♦) Wik die Sozialdemokraten „auffiären". Bet den letzten Landtagswahlen in Berlin war eS, wie die „Bossische Ztg." mitteilt, im liberalen Büro deS 12. Wahlkreises aufgefallen, daß eine Anzahl Wahl« männer, die ihr Erscheinen mit Bestimmtheit zuge­sagt hatten, auch am späten Nachmittag nicht zur Stimmabgabe gekommen waren. Es wurden Schlepper nach verschiedenen Richtungen abgeschickt und meh« rere der nun recht kräftig bearbeiteten Wahlmänner beteuerten feierlich, daß sie ihrer Wahlpflicht Genüge geleistet und Prediger Runze gewählt hätten. Nach langwierigen Verhandlungen gelang es zunächst eitlen der Wahlmänner nochmals nach dem Wahl« lokal in der Patzenhofer Brauerei zu begleiten, wo

die Annähemng zwischen der bürgerlichen Linken

und der S ozi al d emokratie, die bei der Wahl o « , - - -

offen zu Tage trat und nm Freitag voraussichtlich noch fofott nach seinem Zusammentritt in ziemlicher deutlicher in die Erscheinung treten wird. Auch dies trägt natürlich — unb wir können sagen erfteulicher- weise — zur Klärung der politischen Situation nicht

Maer W Zeitung

- ..... Uerdnlckerei to Md«

Monatsbellager „gulbaer Geschichkblatter" zentsprecherRr.y.

Irrende Seele.

81] Roman von H. Teichert.

Renate steckte daS Briefblatt in fein Kuvert unb legte sich noch einmal in bie Kissen zurück. Nochbenk- lich sah sie aus, nicht wie eine, ber der frühe Morgen Blumen und Gttiße gebracht. Wenn SBerner recht hätte, wenn nur der Bann, den Sigurd von Kindheit an auSgeubt, in ihr ben Glauben erweckt, daß eS Liebe fei, was sie für ihn fühle? Wenn sie sich selbst täuschte in dem eigenen Gefühl? Und war er denn überhaupt lvect, daß sie ihm so treu anhing? War er ihr gegenüber so etwas anderes, als der selbstbewußte Held gewesen, der seines Erfolges sicher ist, ohne eigene Muhe einzusetzen? „Darf ich mich ber Hoff­nung hin geben, daß du dich auf mein Kommen freust?" Er schreibt nicht: „Ich freue mich auf dich, ich ersehne ein Wiedersehen " Du — du mußt dich freue» —"

Auch von Rolf Manseck kam eine Aufmerksamkeit in Gestalt eines Riesenbuketts auserlesenster Blumen.

„Zwanzig Mack unter Kennern wert, Renate", sagte Dornau sackafiisch. „Freifrau von Manseck auf Hoheneichen Hingt und ist Dein Recht al» Künstlerin. Untenn Preise opfert doch keine Ihren berühmten Namen. Präsumtiver Majoratsherr ist er jedenfalls auch noch."

„Ich bin mir nicht bewußt, Herrn von ManSeck je Anlaß zu Hoffnungen gegeben zu haben."

„Anlaß oder nicht Anlaß, Hoffnungen find da. Mache nur einen recht hübschen Korb für ihn zurecht. Oder überläßt Du der Tante, ihn für Dich auSzn- staffreren?

' Sebet ging t seiner Tagesbeschäftigung nach, erst die Mittagsstunde brachte die Familie wieder zusam- men. Kurz vor Tisch wurde ein völlig unerwarteter Besuch gemeldet. Beate kam mit der Karte zu ihrem Manne gelaufen.

Den alten Herrn mußte keine angenehme Mission herjühren. ES war etwas Unfreies in ihm, über da» anfänglich sogar seine weltmännische Gewandtheit kaum hlnforthaff. Beate konnte sich eintae Seit nicht

klar werden, Iva» er eigenllich wolle. Man sprach vom Wetter — vom Theater — vom neuesten Renn­sport — wieder vom Wetter — vom Automobilunfall ber vorigen Woche — von allen möglichen neben« sächlichen Dingen, brs Manseck sich endlich einen Ruck gab unb unuimmmben aus den Zweck seine» Besuches kam.

Intervenieren wolle er, dem Enkel znvockommen, ber die feste Absicht habe, um Fräulein Dornau zu werben, sondieren, ob er bei ber gnädigen Frau auf Unterstützung rechnen könne, daß diese Absicht nicht zustande komme.

In chrem Gesicht mußte etwas liegen, was den alten Herrn beunruhigte. Sie ließ ihn ruhig reden, unterbrach ihn mit keinem Wort, aber den hübschen, vollen SDhmb umzuckte ein ganz besonderes Lächeln — Satire — Schadenfreude — er wußte nicht recht, was er daraus machen sollte.

„Gnädige Frau", fing er wieder an — der drückenden Pause mußte ein Ende gemacht werden unb sie machte nicht Miene dazu. „Gnädige Frau, ich schein« Sie verletzt zu haben und bin todunglück­lich. Sie sollen mich nicht mißverstehen. Richt weil mir Ihr Fräulein Tochter nicht gut genug für ben Enkel bünlt, — zu hoher Ehre muß eS jeber Familie ge­reichen, in bie sie einst eintritt — sondern weil di« Tradition unseres alten Geschlechts ebenbürtige Ehen seiner Sprossen verlangt und ein Dawiderhandeln vom Majorat auSschließt, bin ich gezwungen, als Chef deS Hauses alles auftubieten, denselben von einer unüberlegten Verbindung abzuhalten. Ich bin ein alter, gebrechlicher Mann, alhulange wird mir nicht vergönnt sein, ein^u greifen in die Schicksale der Mcmigen, darum möchte ich mein HauS bald bestellt sehen und dazu gehört eine standesgemäße Heirat Rolfs."

„Derselbe Ist ja aber, wie ec mir selbst einmal er­zählte, dec zweite Sohn seiner Eltern, als Majorats­erbe kommt er folglich doch nicht in Betracht."

„Doch, doch! Sein Bruder ist kränklich und wirb voraussichtlich nie heiraten. Die Hoffnung ber Fa­milie steht auf dem zweiten Sohn, in ihm muß daS Geschleckt einst weiterblüben und wenn nun —"

„Beunruhigen Sie sich nicht, Exzellenz. In un­serem Hause droht Ihren Plänen keine Gefahr. Re­nale hat kein anderes wie oberflächliches Interesse für Ihren Großsohn, mit keiner Regung ihrer Seele ist »e ihm mehr zugetan, wie jedem guten Bekannten, ber hier verkehrt. Das dürste demselben auch nicht verborgen geblieben sein und eine beabsichtigte Wer­bung seinerseits liegt wohl kaum vor."

„Die Absicht klipp unb klar, meine gnädige Frau. Gestern abend im Rausche der hervorragenden Künst- lerjchaft Ihrer Tochter hat er mir die Eröffnung ge­macht. Auf Gegenliebe hofft die Jugend immer, fit pocht darauf als auf etwas Selbstverständliches und hat sie außer dem Herzen noch so bid zu bieten, wie mein Enkel —* Etwgs Konzession mußte er seinem Hochmut doch machen, das war nicht zu unterdrücken.

„Dann hält sie es vor allen Dingen für selbstver­ständlich, daß mit Entzücken zuaegriffen wirb. Solch ein „Glück" weist ein armes Mädchen ja doch nicht von der Hand." Beate lachte kurz auf. „Es gibt Ausnahmen von der Regel, Exzellenz, wir DornauS haben unsere eigenen Begriffe von Glück und unsere Pflegetochter, Gott sei Dank, auch, sie wird sich daS ihre selbst schmieden, unbeeinflußt von gesellschaft­lichen oder umteriellen Rücksichten und einst dem Manne gehören, den sie liebt, keinem anderen. Seien Sie froh, Exzellenz, daß Ihr Enkel nicht zufällig derienige ist, wäre eS so, bann Hilfe keine Interven­tion von Ihnen, dann würde sie sich ihr Glück — was sie ihr Glück nennt — ettämpfen, wenn es sein müßte."

„Ich danke Ihnen, gnädige Frau, für diese Er­öffnung, sie erfüllt über Erwarten baS, was ich von bl«jem schweren Wege erhoffte. Schwer war mir der Weg, aber er mußte gemacht werden. DeS HauseS Frieden, feine Einigkeit, die, Gott fei'S geklagt, schon ohnedies nicht so ist, wie sie sein sollte, wären unheil­bar zerrüttet worden, wenn nicht von Ihrer Seite bte Hilf« gekommen wäre. Rolf hat einen harten Kopf, wie alle Mansecks, ich an ber Spitze, er hätte durchgesetzt, WaS er erstrebt, und bann wäre wieder ein Glied vom Stamme abgefallen."

Der alte Mann strich mit der Hand über die Auaen. DaS Bild wollte er verscheuchen, baS sich da

hiuetogedrängi unb baS ihm in den letzten Tagen viel zu schaffen gemacht hatte. Wie ähnlich daS Mäb- chen, um das der Kampf mit dem Enkel zu entbren­nen drohte, der Verschollenen sah. Hübscher nur war sie unb durchgeistigter ber Ausdruck ber dunklen Augen. Er hatte geglaubt, er hätte bie Tochter ver­gessen, die ihm einst so schweren Kummer gemacht, vergessen, weil er sie hatte vergessen wollen, und nun Ivar sie wieder auferstanden vor seinem geistigen Auge, so, wie sie damals gewesen war, ehe sie den verhängnisvollen Weg betreten. Aus dem Tisch vor ihm stand ein koloriertes Kinberbilb von Renate. Zwölfjährig mochte sie auf demselben sein, das Köpf­chen etwas zur Seite geneigt, als gäbe der lange, schwer« Zopf, der über bet Schulter tag, demselben diese Lage.

Manseck griff danach und betrachtete es kopfschüt­telnd. „Die Aehnlichkeit ist frappierend, gnädige Frau, schenken Sie mir das Bildchen, ich bitte Sie herzlich herum. Es gab eine Zett, da habe ich ange­ordnet, daß gewisse Bilder in meinem Hause vernich­tet wurden, im Zorn und gekränkten Standesgefühl geschah eS. Ms wäre eS eines von denen, so mutet mich das Bildchen an, überlassen Sie es mir —"

Um Beates Mund zuckte eS verräterisch.

„Dieses Bild, Exzellenz, dessen Original Ihnen unruhige Stunden berettet und daS Sie um keinen Preis als zu Ihrer ehrenlverten Familie gehörig be­trachten möchten?"

Manseck stellte die Photographie zurück.

„Darf ich Ihnen eine klein« Geschichte erzählen, gnäbige Frau?"

„Bitte, Exzellenz."

„ES war einmal — so fängt ja wohl jebe Er­zählung an — ein Haus, in dem ber Friede wohnte, wollen wir jagen das Glück, da Wir gerade diesen Begriff in unserer heutigen Unterhaltung uns klar zu machen versucht haben. Reichtum, Anfehen, reinst« Familienharmoni« — Gesundheit unb ein blühender Kinderkranz, alles war ba zu finden. Da schlich sich der neidische Tob heran, brach eine Blüte nach ber andern aus dem lebenden Kranz und ließ sich erst genügen, als er verödet war, bis auf zwei. Ein