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Fulda, Mittwoch den 1. Dezember 1909

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36. Jahrgang.

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Z.ParzeLer <R Zul'da. Wochenbeilage? „Illustrierte Sonntagrzeitung"

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Kotationrdruckund Verlag der Fuldaer Ab

Monatrbeüager „8llldaer Geschichtrblätter" Senisprecher vr. y.

Erstes 'Wtcrtt

men Bemerkungen italienischer Blätter gegen den Dreibund dennoch nicht bloß vom festen Zusammen­halten Deutschlands und Oesterreich-Ungarns, sondern auch von der Uebereinstimmung beider Mächte mit Italien als von einer fortdauernden Bürg, schalt für Frieden und Wohlfahrt gesprochen wird.

Das „Berliner Tageblatt" stellt dec Thronrede ge­genüber jene letzte, die der Reichstag am 19. Februar 1907 gehört hat. Die Triumphsttmmung der Blockwahlen spiegelte sich in ihr wieder. Dem deutschen Volke wurde bescheinigt, daß es Ehr und Gut der Nation ohne kleinlichen Parteigeist treu und fest gehütet wissen wolle. „In solcher Bürger, Bauern und Arbeiter einigenden Kraft des Nationalgefühls, ruhen des Vaterlandes Geschicke wohlgeborgen", so hieß es in der Thronrede; „Deutschland zum Heil!", so schloß sie. Es ist nicht zu bestreiten, daß nach Form und Inhalt jene Thronrede von der gestrigen ganz e r h e b l i ch a b st a ch. Es ist allerdings man­ches anders geworden seit jener „glorreichen" Zeit, der „nationale" Block, dem jene stolzen Worte gal­ten, hat sich in seiner Tätigkeit als wenig „national" erwiesen. Der Partei aber, die in die Lücke ein­sprang, und das nationale Werk zum glücklichen Ab­schluß brachte, ist noch niemals der verdiente Dank gezollt worden. Auch unter diesem Gesichtspunkte ist rin Vergleich der beiden Thronreden recht lehr­reich. Und cs kann nicht geleugnet werden, daß di« kühle Form und der „geschäftsmäßige" Inhalt der Thronrede in mehr als einer Beziehung nicht geringe politische Bedeutung besitzt.

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. kreise Kirchhain-Marburg-Franke ri­ll erg hat man den Eindruck, als ob man sich mitten im Wahlkampfe befände. Nachdem der jetzige Ver­treter des Kreises, Dr. Böhme, der Geschäftsführer des Bauernbundes, sich scharfe Mißtrauenskundgeb- iingen der Parteien zugezogen hat, mit deren Hilfe seinerzeit seine Wahl zustande gekommen ist, sucht er sich nun im Verein mit Angestellten des Bauernbun­des das Vertrauen seiner Wähler wiederzugewinnen. Bon Dorf zu Dorf werden. Versammlungen abgehal­ten, Mitglieder für den neuen Bund geworben und Ortsgruppen gegründet. Aber mich der frühere Ver­treter des Kreises, v. G er l a ch, und seine Anhänger sind tätig, um dm Kreis wiederzugewinnen. Die un­gewöhnlich lebhafte agitatorische Tätigkeit, die hier entfaltet wird, ist anscheinend auch auf die Annahme zurückzusühren, daß der demnächst im Reichstag zur Verhandlung kommende Protest gegen die Wahl des Dr. Böhme eine Ungültigkeitserklärung zur Folge haben wird.

V Würzburg, 30. Rov. 1909. Der 1. unter- fränkische Zentrumsparteitag fand ge­stern unter zahlreicher Beteiligung statt. Es waren 192 Delegierte anwesend. In geschlossener Sitzung beschäftigte man sich zunächst mit Organisationsfra­gen, insbesondere mit der Schaffung eines Partei- sekretariats. Nachmittags fand eine öffentliche Parteiversammlung im großen Saale des Huttenschen Gartens statt. Abg. G e r st e n b e r- ger sprach über die Reichsfinanzreform. Er kennzeichnete es als eine wunderliche Erscheinung, daß Männer, die in einer schweren Rot ihrem Vater- lände in uneigennütziger Weise einen großen Dienst erwiesen haben, deshalb im Lande beschimpft, ver­höhnt und angegriffen werden, und das nicht nur von Leuten, welche auf den Umsturz der jetzigen Ge­sellschaftsordnung ausgehen, sondem sogar von sol­chen, welche die Liebe zum Vaterlande in Erbpacht zu haben sich den Anschein geben und sich ihrer nationalen Gesinnung ganz besonders rühmen. Richt das Zen­trum sei anzuklagen, sondern die liberalen Parteien, die vom ersten Augenblick an die Finanzreform ver­quickten mit der Frage der Landtagswochlreform in Preußen, die stets alle Forderungen der Regierung bk willigt hallen, ohne an die Deckung der Kosten zu besten, die keine Schulden getilgt, die selbst die bc- schloffme Tilgung um Jahre hinausschoben, um das zarte Gebilde des Blocks nicht so rasch einer zu schwe­ren Belastungsprobe zu unterziehen und so die Fehl­beträge auf 681 Millionen anwachsen ließen, die be­reit waren, 90 Millionen indirekter Steuern mehr zu bewMgen, als notwendig waren, die dir Erbschafts­steuer zu einer hochpolitischen Frage erhoben, ihr einen Wert beilegten, den sie in keiner Weise hat, die bereit waren, durch Annahme von Reichsvermögens- fteuem die Einzelstaaten in ihrer ftnanziellen Selb-

Tie Thronrede.

Kurz, rein sachlich, man möchte sagen geschäftr- mäßig enthält die Thronrede im wesentlichen nur eine Aufzählung der gesetzgeberischen Aufgaben, die dm Reichstag in der neuen Session beschäftigen sollen

Wir begrüßen es. daß die sozialpolitischen Auf­gaben an erster Stelle unter den dem Reichstage über­wiesenen gesetzgeberischen Aufgaben genannt werden. Allerdings müssen wir sagen, daß nach unserer Hebet- zeugung sich die sozialpolitische Tätigkeit des Reichs­tags in der neuen Session auf die angeführten Punfte nicht beschränken darf. Schon die ersten Tage werden aus Anlaß der Interpellation des Zentrums wegen des Zwangsarbeitsnachweises im Ruhrrevier ein wei­teres sehr wichtiges Gebiet eröffnen.

Die Aufzählung der kommenden gesetzgeberischen Aufgabm wird eingeleitet durch eine Bemerkung, die einer gewissen politischen Bedeutung nicht ermangelt:

„Nachdem die in Ihrer letzten Tagung vereinbarte Steuergesetzgebung dem Reiche neue Einnahmequellen erschlossen hat, muß beharrlich dahin gestrebt werden, die finanzielle Stellung des Reichs mit den so ge­wonnenen Mitteln zu befestigen."

Diese Worte enthalten immerhin eine kleine An­erkennung des Werkes, das die Steuermehcheit geschaf­fen hat. Nachdem die Negierungen die Finanzccform der Steuermehrheit offiziell angenommen haben, wür­den sie sich allerdings selbst ins Gesicht schlagen, wenn sie jetzt nicht mehr zufrieden sein wollten. Dazu kommt, daß von ihrem Standpunkte die Regierungen nur das eine Interesse haben, mit dem Reichstage in positivem Werken zusammen arbeiten zu können; mit der Fort­dauer oder gar dem Größerwerden des Haders zwi­schen den Parteien würden sie keine guten Geschäfte machen können. Darum ist es nicht mehr als selbst- verständlich, daß die Thronrede sich aller Anspielnn- gen auf den alten und den neuen angeblichen Block enthielt.

Einen etwas höheren Schwung nimmt die Thronrede bei der Erörterung dec Beziehungen zum Ausland. „Ruhig und krafwoll" ist die Parole; damit werden alle Parteien einverstanden sein. Besonders nützlich wird es sein, wenn überall der Eindruck der Unruhe, der impulsiven Sprunghaf­tigkeit vermieden wird. Dann wird der Eindruck der Kraft umso stärker sein. Die Beziehungen zu einzel­nen anderen Mächten sind nicht mehr bloß „normal", sondern „friedlich und freundlich", wobei Frankreichs ■ besondere Erwähnung geschieht. Der Hauptton wird begreiflicherweise auf den Dreibund gelegt. Es ist bemerkenswert, daß trotz der neuerlichen unliebsa-

ständigkeit so zu schädigen, daß diese zu Kostgängern des Reiches herabsinken, die die Reichsfinanzreform nur dann machen wollten, wenn es ihnen nach den Aussprüchen Werners dabei gelänge: „die Gesamt­heit und das ganze öffentliche Leben mit dem libera­len Geiste durchdringen zu machen". Daß die Sozial­demokratie mit dem Ausgang der Reichsfinanzreform höchst unzufrieden sei, das sei erklärlich. Sie hatte schon sicher gehofft, daß nichts zustande käme und der Reichsiag aufgelöst würde. Dann hätte sie die furcht­bare Niederlage, welche sie im Jahre 1907 fast um die Hälfte ihrer 79 Mandate brachte, wieder aus­wetzen können. Nun sind alle Hoffnungen ins Was­ser gefallen, und bis die nächsten Reichstagswahlen sind, hat das Volk erkannt, daß die Besserung der wirtschaftlichen Lage viel mehr wert ist, als die paar Mark indirekter Stenern. Die Sozialdemokratie sei es, die mit der Erbanfallsteuer den Leuten Sand in die Augen streut, als ob mit Annahme dieser die an­deren Steuein unnötig gewesen wären. Sie wisse, daß diese Steuer nur 55 Millionen getragen hätte, daß sie allein 25 Millionen Erhebungskosten verursacht hätte. Sie würden in der dritten Lesung selbst dage­gen gestimmt haben, — trotzdem stimmten sie mit ein in das Geheul der Börsenmänner, welche nur deshalb so lehr nach der Erbschaftssteuer schreien, weil sie am leichtesten sich davon drücken können. Der Redner schloß: Lassen wir uns nicht verblüffen, und ein- schüchtern durch die Hetze und das große Geschrei, aber auch nicht durch die Effahruna, daß da und dort ein-. 3eine Dem Zentrum abzufallen drohen. Wer so we­nig Achtung für die politische Ehre hat, daß er es lie­ber ertragt, an die Wand gedrückt zu werden und für nichts zu gelten, als einige Pfennige Steuer zu zah­len, die er doch hätte zahlen müssen, die nicht auSge- blieben wären, der war ohnehin kein richtiger Zen- tmmsmann. Und wer für die idealen Güter so we­nig Verständnis hat, daß ihm die Zündholzsteuer här­ter auf die Nerven füllt, als die shstematischen Versuche, bie, Katholiken aus dem öffentlichen Leben und den einflußreichen Stellungen miszuschalten, als die d-ohende Gefahr, einen katholikenfeindlichen Block dauernd im Lande zu erhalten mit der weiteren Ge­fahr eines neuen wirksaincrcn Kulttirkampfes auf dem Gebiete der Schule — der ist kein echter katholischer Mann' An emem solchen verliert das Zentrum nicht viel. Stärker als alle Macht ist das Vertrauen auf eine gute Sache und das Vertrauen auf den, der schließlich alles zum Rechten leitet — wenn wir unsere Schuldigkeit tun. Lebhafter Beifall sowohl während als am Schluffe der Rede lohnte den Redner. Gleich, daraus ergriff der Abg. H e l d das Wort zu einem Referat über die bayerische Steuerreform. Die Versammlung schloß mit der Annahme einer Re­solution, worin der Zentrumsftaktion das Vertrauen der Wähler ausgesprochen wird.

(*) Darmstadt, 30. Nov. 1909. In der heute zusammengetretenen evangel. Landesshnode hielt Oberkonsistorialpcäsident D. Nebel eine An­sprache, in der er betonte, daß angesichts des Vor­dringens des Unglaubens die Gegensätze, die unter ben Evangelischen bestehen, auf so tiefen Gründen sie auch bemheu, zurücktreten müßten und daß der von der evangelischen Kirche zu bestehende Kampf nicht zu fuhren sei innerhalb der evangelischen Kirche, son- ner nach außen gegen die, welche die Axt an die Wurzel legen wollen.

<? Darmstadt, 30. Nov. 1909. In der Zweiten Kammer wurde heute die Generaldebatte über die Wahlrechtsreform zu Ende geführt. Staats- Minister Dr. Ewald gab zunächst namenö der Regierung die Erklärung ab, daß die Bestimmungen des Gesetzentwurfs über die Karenzzeit beim Wahl­recht so zu verstehen sind, daß eine längere Ver­legung des Wohnsitzes von Hessen das Wahlrecht aufhebt. Die Regierung müsse daran festhalten, daß die fluktuiercnde Bevölkerung durch diese Be­stimmung von der Ausübung des Wahlrechts aus­geschlossen werde, da man von dem Wähler unter allen Umständen ein Vertrautsein mit den Interessen des Landes erwarten müsse. Der Minister erklärt, daß der seitherige Verlauf der Debatten die Hoff- nung der Regierung auf einen günstigen Verlauf der Verhandlungen sehr herabgestimmt habe. Nach, drücklich warne er die staatserhaltenden Parteien des Hauses vor Abschwächung oder Beseitigung der Kautclen, von deren Annahme das Schicksal der Vorlage und damit die Erreichung des direkten Wahlrechts wohlauf lange Jahre hinaus abhängig sein werde. Abg. Bähr (Bauernbund) bekämpfte die Vermehrung der städtischen Mandate. Abg. Ulrich (Soz) polemisierte leidenschaftlich gegen den Staatsminifter, der mit seiner heuttgen Er­klärung deutlich zu erkennen gegeben habe, daß die Regierung mit Absicht und Vorbedacht den Ar- beitern das Wahlrecht verkümmern wolle. Staats­minister Dr. Ewald legte mit erhobener Stimme Verwahrung dagegen ein. Was die Regierung verhindern wolle, sei die Uebertragung des"Wahl- rechts an fluktuierende Elemente, einerlei, ob sie dem Arbeiterstand oder anderen Gesellschaftsklassen angehörten. Die Kammer vertagte die Spezial- beratmig des Gesetzes auf morgen vormittag, wo alsdann zunächst die Abstimmungen über die Ver- lassungsänderungen erfolgen.

fff Dresden» 30. Nov. 1909. Die zweite sächsische Kammer hat die Etatsberatung be­gonnen. Nach.den Darlegungen des sächsischen Finanzministers ist die Schuldenlast Sachsens auf 893 Millionen Mark herangewachsen. Im Jahre 1892 kamen in Preußen 134,96 Mark aus den Kopf, in Sachsen hingegen 239L4Mk.; 10 Jahre später kamen in Preußen 208,21 Mark, in Sachsen hingegen nur 204,25 Mark. Sehr erbaut wird der preußische Finanzminister Freiherr v. Rhein­baben von dieser Gegenüberstellung der sächsischen und preußischen Schulden wohl nicht sein. Der sächsische Finanzminister teilte in seiner Etatsrede weiter mit, daß die Beschlüsse des Reichstages zur Reichs-Finanzreform vom Bundesrate nicht mit Stimmenmehrheit, sondern von särnt-

stels dem protestantischen Bekenntnisse angehört, ob­gleich der Kreis zu zwei Drittel katholisch war. Ein schwächlicher Versuch, hier eine Aendenmg herbeizu­führen, blieb in den 1870er Jahren ohne Erfolg. Um­sichtige Ausnutzung der durch die neue Kreisordnung gegebenen Gelegenheft verschaffte der Zentrumspactci im Jahre 1888 die ihr gebührende Zweidrittelmehr­heit, die sie sich ttotz mannigfacher Anfechtung bis heute behauptet und auch bei der Wahl zum Provin­ziallandtag glücklich ausgenutzt hatte. Bei der Neu- Besetzung des LandratsamteS war von dec Regierung wieder ein protestantischer Assessor als Verweser ge= andt worden. Ein Zufall lenkte die Aufmerksamkeit der Zenlrumsmehrheit auf den damaligen Gerichts- affessor dr SBitt, der mit entsprechendem Grundbesitz m Kreise angesessen war, demnach allen gesetzlichen Anforderungen entsprach, die an einen präsentations- ähigcn Kandidaten gestellt werden. Die Mehrheit )cs Kreistages machte von ihrem Präsentationsrecht Gebrauch Sofort aber setzte die Minderheit nament­lich ans der Stobt Wesel mit einer wenig wählerischen Agitation ein. um eine Bestätigung der Wahl zu ver­hindern. Das hauptsächlichste Moment in der Be­schwerde bildete die Behauptung, Herr de Witt habe als Student in Hemdsärmeln zur Sommerzeit Kegel geschoben! Wenn die Borussen in Bonn nichts an­deres verbrochen hätten, hätte man sie nicht zu sus­pendieren brauchen. Bei der Staatsregicrung fand die Beschwerde aber einen günstigen Resonanzboden; e« wurde mit Herrn de Witt verhandelt, man ersuchte wn dringend, feine Kandidatur zuruckzunehmen, jede beliebige Amtsrichterstelle stehe zu seiner Verftigung Herr de Witt, der sein Wort verpfändet, hielt seine Bewerbung aufrecht. Da ging man einfach über ihn zur Tagesordnung über und sandte den jetzt als Re- giemngspräsident zurückgetretenen Herrn v Gescher als Landratsamtsverwalter nach Wesel. Er, der ja auch Katholik war, wurde von der Protestantischen Minderheit auch gesellschaftlich zunächst eisig kalt be­handelt. DaS änderie sich erst, als er 1893 nach der ReichstagSauslSsung eine Kandidatur zum Reichstag gegen daS Zentrum annahm.

Grund folgender Meldung der Frkf. Ztg. aus Bor­ken (Westfalen) vom 19. November:

Bei einem Küster an der Pfarrkirche in Borken wohnten seit kurzer Zeit zwei junge Leute, die — ent­setzlich zu sagen! — evangelifchen Glaubens waren. Die Sache wurde infolge einer Denunziation im Pastorat bekannt. Dorthin wurde der frevelhafte Küster schleu­nigst zitiert, und es wurde ihm eindringlich auseinander­gesetzt, welche Abscheulichkeit sein Tun sei. Natürlich mußte er sein Haus schleunigst von dem „Geschmeiß" reinigen. Hoffentlich wird das Haus noch grünolich ausgeschwefelt. Bor nicht langer Zeit ereignete sich hier ein ähnlicher Fall. Nur handelte es sich hier um einen Organisten, der einen Israeliten in Logis genommen hatte. Auch dieser Mann mußte seinem Mieter kündigen.

Daß das wieder ein krasser Schwindel ist, ersieht man aus folgender Zuschrift des Pfarrers und Landdechanten Erpenbeck in Borken an den Wests. Merk.:

Nach der Dienstanweisung für Küster, welche von der Bischöflichen Behörde für alle Küster der Diözese Münster festgesetzt ist, heißt es: „§ 6. Die ihm (Küster) etwa zustehende Dienstwohnung darf er ohne ausdrück­liche Zustimmung des Pfarrers oder des Kirchenvor­standes auch nicht teilweise an Andere ver­mieten." Im Jahre 1902 richtete der Küster Heinrich Boßmann an den Kirchenvorstand das Gesuch, es möchte ihm erlaubt werden, 2 Zimmer in der Küstereiwohnung an einen einzeln stehenden Herrn zu vermieten. In der Sitzung des Kirchenvorstandes vom 3. Dezember 1902 Nr. 5. wurde dieses Gesuch mit folgenden Worten genehmigt: „Das Gesuch des Küsters Boßmann, zwei Zimmer an einen einzeln stehenden Herrn zu vermieten, wurde widerruflich genehmigt mit der Bedin­gung, daß der zeilige Dechant mit der Per­sönlichkeit des Mieters einverstanden sei." Der Inhalt dieses Schreibens wurde dem Küster mit« geteilt, damit er sich danach zu richten habe. Derselbe hatte dann von da ab in seiner Wohnung verschiedene Mieter — ohne Rücksicht aus die Konfession — bald waren es Katholiken, bald Protestanten. Als nun in diesem Jahre (1909) der Kirchenvorstand gewahr wurde, daß der Küster Boßmann gegenwärtig sogar 4 Mieter in der Küsterwohnung wohnen hatte, war der Kirchen­vorstand damit nicht zufrieden und es wurde der Boß- mann gelegentlich daran erinnert, daß ihm in der Sitzung des Kirchenvorstandcs vom 3. Dezember 1902 nur erlaubt sei, 2 Zimmer an einen einzeinstehenden Herrn zu vermieten, so daß er 3 Herren entlassen müsse; welche, ob Katholiken oder Protestanten, das war ihm vollständig freigejleUt; es wohnten dort zwei Katholiken und zwei Protestanten. Welche er ent­lassen wolle, davon war gar keine Rede, denn Boß­mann wurde sogar von mir aufmerksam gemacht, ob er den Postassistenten Helm, welcher Protestant ist und schon lange bei ihm gewohnt habe (und den ich bei einer Familiensestlichkeit kennen gelernt halle), nicht behalten wolle, woraus er erwiderte, dieser werde doch demnächst von Borken versetzt, was inzwischen auch geschehen fft. Daß der Küster schleunigst zittert sei, daß ihm gesagt sei, sein Tun sei eine Abscheulichkeit, daß er sein Haus von dem Geschmeiß reinigen mühte, sind lauter Verleumdungen.

Zu der Bemerkung über den Organisten und den Küster wird dem ,Westf. Merk.' mitgeteilt, daß der israelitische Herr das Haus verließ, da er in dem Hause des Organisten infolge der mehruwnat- lichen schweren Erkrankung dcr Hausfrau und in Ermangelung eines Dienstmädchens nicht diejenige Aufwartung erhallen konnte, welche ihm billiger* weise zustand.

— Kirchhain, 30. Nov. 1909. Im WahI-

v.ChrzanowSki (Pole) hat je in Mandat definitiv niedergelegt. Als Ersatzkandidat wird Arbeiter­sekretär Nowicki bezeichnet. — Der Finanzminister hat Bestimmungen über die Vereinfachung dcr Buchung und Abrechnung bei den Regierungshaupt­kassen und den Spezialkassen erlassen. Die Verein­fachungen beziehen sich auf Buchführung über Pen­sionen, Reuten und Hinterbliebenenbezüge.

* Die Fraktionen des Reichstags hatten auf gestern abend Fraktiqnssitzungen angeordnet, die sich in erster Linie mit der heutigen Wahl des Reichstagspräsidiums zu befassen hatten. Das Zentrum hält daran fest, daß es als stärkste Partei ein Anrecht auf den ersten Präsidenten habe. Wenn es auch mit Rücksicht auf die ge­gebenen Verhältnisse und auf die Person des bisherigen Präsidenten Graf Stolberg auf diesen Posten verzichtet, so gibt es damit seinen grund­sätzlichen Standpunkt nicht auf. Ebenso wird das Zentrum wie 1907 einen Kandidaten für den ersten Vizepräsidenten präsentieren. Die nationalliberale Fraktion ist darüber, ob sie die Stelle des zweiten Vizepräsidenten annehmen soll, noch zu keinem Entschluß gekommen, dieser soll erst heute vormittag gefaßt werden.

)( Die Hmterbliebeiienversicherung soll nach der Absicht der Regierung erst am 1. April 1911 zur Einführung gelangen. Bekanntlich wurde bei Beratung des Zoütarifgesetzes auf Ansuchen des Zentrumsabg. Dr. Trimborn bestimmt, daß die Mehrekträge ans den landwirtschaftlichen Zöllen zu der Hinterbliebeneuversicherung verwendet werden sollen, und zwar sollte die Versicherung am 1. Jan. 1910 zur Einführung gelangen. Angesichts der recht ungünstigen Finanzlage des Reiches mußte man sich aber schon in den letzten Jahren darauf gefaßt machen, daß der Termin weiter hinaus­geschoben würde. Jetzt ist dem Reichstag ein Ge­setzentwurf zugegangeu, wonach der Termin für das Inkrafttreten der Versicherung durch eine ent­sprechende Akndecung des Zolltarifgesetzes auf den 1. April 1911 hinausgeschoben wird.

* Im Sehen dcö verstorbenen Abg. de Witt hat es ähnlich, wie bei dem fortschrittlichen Eugen Rich­ter, eine Landratszeit gegeben, woran anläß­lich seines Ablebens schon erinnert werden kann. Es war, so erzählt ein uicderrheiirischer Mitarbeiter der „Köln. Vztg.", im Jahre 1889, als im Kreise Rccs der Landralsposten vakant geworden war. Seit der Besttzergreifimg der clevischen Lande, wozu auch dcr Krcis ReeS gehörte, durch Preußen, hatte der Landrat

I Berlin, 30 Nov. 1909 Der Kaiser nahm Dienstag vormfttag im Könglichen Schloß ,u Berlin den Vortrag des Chefs des MilitättabiE er!" gegen. — Der Kronprinz und die Kron- Prinzessin sind aus Hopfreben nach Potsdam »urückgekehrt. — DaS Verbot des Tragens der französischen Far^n ist jetzt int Reichsland gleichfalls neu m Ennnerung gebracht werden. — Ker Reichstagsabg. für den Wahlkreis Posen-Stadt

Deutscher Reich.

)( Die Berliner Landtagswahlen.

Die Abgeordnetenwahlen für die vier ungiltig erklärten Berliner Landlagemandate haben am Dienstag stattgefunden. Besonders hart war der Kampf im Moabiter Wahlkreise. Der Wahlkreis wurde von den Freisinnigen zu- Mckgewonnen und der im vorigen Jahre ge­wählte sozialdemokratische Hoffmann, der „Zehn- tzebote-Hoffmann", hat das Mandat an den Freisinnigen Prediger Runge verloren. In den drei anderen Wahlkreisen wurden die früheren sozialdemokratischen Mandatsinhaber mit starker Mehrheit wiedergewählt. Im 5. Wahlbezirk er- Hielten Stimmen: Borgmann (Soz.) 318, Schöler N') 203; ,m 6 Wahlbezirk Heymann (Soz.) 403, Schulz (fteif.) 208; im 7. Wahlbezirk Hirsch (Soz.) 393, Goldschmidt (fteif.) 253 ’

(Durch em Versehen ist eine gestern wegen Raummangels zurückgestellte Notiz über die am heutigenDienstag stattfindendenMahlen"in daS beiliegende 2. Blatt geraten.)

* Ein vertrauliches Rundschreiben zugunsten des Hansabundes wird von der,Köln. Volksztg.' veröffentlicht.

Darm werden von ihren Vorsitzenden die Mitqlie- d» des Vereins zur Wahrung der gemeinsamen wirt, fchaftlichen Interessen der Saarindustrie und der Süd­westlichen Gruppe des Vereins deutscher Ei en- und Stahlindustrieller bnngenb aufgefordert, mit nennens­werten Beiträgen dem Hansabund beizutreten, da sonst di» Gefahr besteht, daß in ihm der Industrie wenig günstige Strömungen die Oberhand erhalten könnten." Bemerkenswert sind in dem Rund­schreiben folgende Angaben: „Das Kohlensvndikat bat dem Hansabund 60000 Mk., der Stahlwerksverband 50000 SDIL überwiesen. Die fünf Saarhütten zahlen ihm außerdem noch jede einen Jahresbeitrag von 1000 Mk. oder rund 20 Mg. auf den Kopf des be- schäfttgten Lohnarbeiters, die wirtschaftlichen Vereine und der Arbeitgeberverband der Saarmdustrie jeder einen solchen von 500 Mk."

)( Mit der Aufstellung des „EinigungS- Programms" ist der in Berlin zusammengetretene sogenannte Viererausschuß der freisinnigen Frak- tionSgemeinschaft beschäftigt. Mehrere Entwürfe find ausgearbeitet, die „Einigkeit- ist aber nicht sehr groß.

* lieber katholische Unduldsamkeit „entrüstete" sich dieser Tage wieder einmal dir liberal» Presse auf