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j.£?ÄS<i. wochenbettaser „Illustrierte Lonntagszeitung"
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Monatsbeilage: „Zuldaer Sefchichtrblötter"
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Rotationrdruckund Verlag der Fuldaer Ak- tiendruckrrei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.
M 274.
- Fulda, Dienstag den 30. November 1909.
36. Jahrgang.
ver»
getötet.
feine bischöfliche Approbation! Von wem stammt überhaupt die Bezeichnung »Heiligenbilder*. Von den Zeugen, welche diesen Ausdruck aus dem Munde deS sehr ehrenwerten Herm Schutte gehört haben! Welch ein Geschrei würde wohl das gesamte Freidenkertum erheben, wenn eS bekannt würde, ein christlicher Missionar wolle einen Handel mit Götzenbildern betreiben, und sich zu besagtem Zweck die Genehmigung etwa der heidnischen Priesterschast einholen.
Der Vorfall bestrahlt jedenfalls Herrn August Schutte mit dem hellsten Lichte: am Sonntag in den Freidenkerversammlungen wird die Geistlichkeit beschimpft und mtt Sttnkbomben beworfen, aber um Geld am Werktag zu verdienen, will man ihre Fürsprache und Unterstützung einholen!
Warum auch nicht! Wenn Ferrer, der Erbschleicher, einem sehr frommen Fräulein Heiligenfiguren ins Haus schickt, um auf diese Weise ein Vermögen zu »verdienen*, warum soll Herr August Schulte nicht auch unter kirchlicher Approbation als »Kunsthändler* Geld verdienen dürfen!
wicht von 208 Pfund hatte. Erst fett letzten Jahren zeigen sich am Meißner wieder einzelt Hirsche.
* Homberg, 29. Nov. 1909. In dem Eisen« stein-Bergwert zu Stockhausen wurde am 24. November ein junger Arbeiter aus Maulbach von abstürzenden Gesteinsmassen erschlagen und
Ausland.
♦ Französische Urteile über die deutsche Lustschiffahrt, die für uns sehr schmeichelhaft klingen, veröffentlicht der „Temps*. Das eine stammt^von dem Aeronauten Eavazza, der die deutschen Fortschritte auf dem Gebiete der Luftschiffahrt eingehend studiert hat und das andere von dem Präsidenten der Luftschif- sergesellschaft Senator d'E ftournelleS. D'Estour- nelles erklärt, es sei gerabegn eine Schmach für Frankreich, daß es sich auf diesem Gebiete von Deutschland den Dorcang in einer Weise habe ablau- sen lasten, sodaß es nunmehr ganz besonderer An- ftrengungen bedürfe, um das Versäumte wieder gut zu machen. Der Fortschritt der Deutschen auf dem Gebiete der Lustschisfahtt sei besonders der Initiative des Deutschen Kaisers zu danken. Senator d'Estoumelles fügte noch hinzu, daß die Offiziere der deutschen Luftschifferabteilung int Avancement außerordentlich bevorzugt seien, während die Karriere ihrer französischen Kameraden hinter der des gewöhn- l'chen LinienLsfiziers an Aussichten weit zurückbleibe.
* Im spanischen Ministerrat wurde beschloffen, die Risftruppen nach den Anordnungen des Generals Manna allmählich nach der Heimat zurück zu befördern und, sobald die Truppen wieder in Spanien eingetroffen sind, die Reservisten zu entlassen.
** Auch die griechische Geistlichkeit, die sich be- lanntlich zum schismatischen Katholizismus bekennt, fft jetzt in die allgemeine Krise in Griechenland hin- emgezoqen worden. Angeblich auf Anstiftung des Militärbundes bat sich BifchofAmbrosius von Larissa gegen die heilige Synod aufgelehnt, die et ebenso wie seine Amtsdrüder aujS ärgste in der Preffe beschimpft. Ambrosia?-, der der Bestechlichkeit und Simonie schon seit längerer Zeit beschuldigt wird, — er soll ganz ungebildete und unwürdige Personen gegen Zahlung von 500 bis 800 Drachmen zu Popen geweiht haben — veröffentlicht jetzt einen Brief an feine geistlichen Kinder und an da? griechische Volk, ivoiin er Entbüllungen androht und erklärt, ihm liege die Reinigung der Kirche am Herzen; man solle darum seinen Kamps als einen nationalen ansehen.
** Tas rumänische Parlament ist am Sonntag von König Karol durch eine Thronrede eröffnet worden. Die Thronrede erklärt, die Beziehungen Rumäniens zu den auswärtigen Staaten seien die besten. Tie Finanzlage sei günstig und kündigt Gesetzesvorlagen an zur Sicherung der Reserven des Staatsschatzes, zur gerechten Verteilung der Steuern und zur Förderung der nationalen Industrie.
* Zwischen dem deutschen Reiche und Paraguay ist ein Auslieferungsvertrag abgeschlossen und am SamStag in Asuncion unterzeichnet worden.
Zeit starb.
* Gießen, 26. Nov. Das städtische Elektr izk- tälswerk hat 1908 09 wieder sehr günstig abge- chloffen. Die Einnahme aus Strom betrug 197,511 Mark, gegenüber beut Voranschlag mehr 46,821 Mark. Nach Abzug von 48,735 Mark Zinsen und von 43,410 Mark Amortisation bleiben als Stehl» gewinn 50,003 Mark, die für außerordentliche Schuldentilgung verwendet werden. In der Folge werden die Uederschüfle des Werks zur Deckung der ordentlichen Ausgaben der städtischen Verwaltung in die Stadtkaffe fließen. — In 1910 11 wird die Stadt mit den seitherigen Steuerzuschlägen noch aus- kommen trotz Fortfall des Ottrois.
♦ Germerode, 25. Nov. Der Kgl. Oberförster Herr v. Eschwege erlegte dieser Tage am Meißner, unterhalb Schwalbental, einen Hirf ch, der ein Ge» '"' ....... ~ den
volkswirtschaftliches und Soziales.
+ Enthüllungen aus den Geheimakten deS Arbeitsnachweises der Industriellen in Mann» heim-Ludwigshafen, der nach der seinerzeit vom Oberbürgermeister Martin gegebenen Versicherung nicht zu irgendwelchen unlauteren Zwecken benutzt werden sollte, veröffentlicht der .Bergknappe*, das Organ der christlichen Bergarbeiter. Das Blatt schreibt:
»Auf dem Arbeitsnachweis werden die Arbeiter aufS eingehendste an mehreren Schaltern geprüft. In der Liste des Arbeitsnachweises ist die Zeichensprache üblich. Durch Zeichen wird alles mögliche angedeutet. Für die Sünder ist ein schwarzes Buch angelegt. AuS den verschiedensten Gründen werden die Arbeiter von der Arbeit ausgesperrt. Das Zeichen »z. K.* bedeutet beispielsweise »zu keinem" und darf ein mit diesem Zeichen versehener Arbeiter bei keinem Mitglied eingestellt werden. Verschiedene Formen der Stempel ans oen Abkehrscheinen zeigen der Nachweisstelle, was mtt den Leuten passieren soll."
Der ,Bergknappe', der bereit ist, seine Behauptungen mit einer großen Zahl von authentischen Belegen zu beweisen, schreibt dazu: „So arbeiten die Zwangsarbeitsnachweise der Unternehmer, und in ein solches Joch sollen jetzt die 300000 Bergarbeiter des Ruhrgebietes gespannt werden. Gegen diese Gefahr gibt es nur ein Mittel: Alle bis auf den letzten Mann in die Organisation!*
Deutsches Reich.
— Der Ausfall der Reichstagswahl in Halle, - wo der Sozialdemokrat mit einem Vorsprung von mehreren tausend Stimmen über den Liberalen gesiegt hat, gefällt den Liberalen natürlich gar nicht. Die Freisinnigen haben gegen die Wahl im Jahre 1907 rund 4000 Stimmen verloren, obwohl sie kräftig gegen die Reichsfinanzreform gedonnert hatten, und alle diese verlorenen Stimmen sind der Sozialdemo- kratte zugeflossen. Die Liberalen können wirklich froh fein, daß sie der Bundesrat und die „konserva- tiv-klerikale* Mehrheit durch Einigung in der Finanz- reformfrage vor einer Reichstagsauflösung bewahrt hat. Sie wären ja förmlich zerrieben worden. Jetzt klagen sie, die kathol. Vereine in Halle hätten den Durchfall des liberalen Kandidaten verschuldet, weil sie Wahlenthaltung proklamiert hätten. Man hätte es wahrhaftig den katholischen Vereinen in Halle nicht übel nehmen können, wenn sie keine Lustt hätten, den Freisinnigen zu unterstützen. Die Freisinnigen in Halle find eine ganz außergewöhnlich unduldsame Gesellschaft; als die Wahl des katholischen Stadtrats Winter vor einigen Jahren in Frage stand, erhoben sie ein Zetergeschrei, als ob die Türken vor den Toren ständen, sodaß Winter, der sonst ein vorzüglicher Beamter war, nicht gewählt wurde. Wenn also die Katholiken Wahlenthaltung prokla- miert hätten, dann hätten die Liberalen am allerwe- N'.gsten Grund dazu gehabt, sich darüber zu beklagen, die sich "ja doch sonst nicht scheuen, die Sozialdemo- kraien direkt „u unterstützen und mit ihnen Bündnisse einzugehen. Es ist aber gar nicht wahr, daß die Katholiken Wahlenthaltung proklamiert hatten. Die liberalen Blatter haben sich diese Meldung aus den Fingern gesogen.
* Zn dem angeblichen Justizmord Ferrer schreibt Professor Dr. Hans Reichel in Jena in der Zeitschrift »Das Recht*, Rundschau für den deutschen Juristen stand, in Nr. 22 vom 25. November:
Da die Verurteilung Ferrers vom politischen Standpunkte aus nicht gebilligt wurde, jo ertiärle man sie kurzerhand als Justizmord. Protedversamm- lungen wurden abgehallen, Kundgebung-n gesammelt, .neiolutionen gefaßt, spallenlarige Zeilungranikei ge- jchrieben, und eine Zeitung schrieb es der änoent nach: ui Barcelona sei — auf Betreib en der Pchssen und Finsterlinge — ein unerhörter Justizmord verübt worden Und der Beweis für die'e ungeheue'Iiche Behauptung? Auch nicht der Schimmer eines Beweises ist bislang erbracht. Wer gegenwärtig gegen die Richter Ferrers den schweren Borwurf erhob, ne haben einen Justizmord begangen, der hätte zum aUermindeften die Pflicht gehabt, zuvor einen Blick in das spanische Straf- und Prozeßgesetz zu werfen und sich eine ausreichende Kenntnis vom Akteriinhalt und Bewetsmittelftande zu verschaffen. Nahezu nichts
hiervon aber ist geschehen. Nicht einmal die Rechtfertigungsschrift deS den Richtern vorgeordneten Ministeriums hat man abgekartet Die am lautesten ihre Stimme erhoben, waren durch Sachkenntnis am wenigsten beeinflußt. Durch die schlichte Tatsache vielmehr, daß ihnen daS Prozeßergebnis nicht paßte, glaubten sie sich berechtigt, ohne weitere Nachforschung die Prozeßführung als gesetzwidrig und Prozeßbeteiligten als Schurken hinzustellen. Gegen ein solches Bersahren, selbst wenn es nicht mehr darstellt, als eine bodenlose Leichtfertigkeit, muß aufS entschiedenste Stellung genommen werden.
(♦) Auf dem Parteitage der westpreutztschen Ze«' trumspartei in K o n t tz sollte Justizrat Dr. K. B a ch e m nach dem Berichte liberaler Blätter gesagt haben: »Die Konservativen wollen eine Regierungspartei fein, aber daS können wir nicht mitmachen. Wir haben davon zu wenig Vorteil.* Ferner: »Unser Programm ist auch für Evangelische geeignet. Uns sind Nichtkatholiken stets willkommen, selbst Sozialdemokraten.* Wie nun Justizrat Dr. Karl Bachem in der K Vlkztg. erklärt, hat er weder die Worte: »Wir haben davon zu roentg Vorteil* noch die Worte »selbst Sozialdemokraten gesprochen. Es sind frei erfundene Zutaten eines Berichterstatters. ___________
Aus dem Nachbargebiele.
♦ Neuhof-Opperz, 29. Nov. 1909. Anstelle unseres verstorbenen Herrn Bürgermeisters Burkard, welcher in unserer Gemeinde 37 Jahre lang zum Wohle aller gewirkt hat, ist der bisherige Beigeordnete Herr Leo Günther gewählt und beule von dem Herrn König!. Landrat Springorum bestätigt und verpflichtet worden.
* Frankfurt a. M., 29. Nov. 1909. I» einem Hause an der Mainzer Landstraße stürzte ein 65 Jahre alter Invalide die Treppe herab und verletzte sich so schwer, daß er nach kurzer
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Zweites HUcttt.
* Ei« blamierter Freidenker» Häuptling.
Im Rheinland macht ein sozialdemokratischer Kretbenfcragitator viel von sich reden, der dieser Tage vöS unter die Räder gekommen ist.
Der Mann — August Schulte heißt er hatte die »Mülheimer Volkszeitung* * wegen Beleidigung vecklagt. Die hatte nämlich nach einer in Mülheim stattgehabten Freidenkerversammlung, in jvelcher Schutte seine Mätzchen verzapfte, einen Artikel gebracht, mit der Ueberschrist: »Ein Blick hinter Pie Kulissen deS FreidenkertumS*, mtt dem Motto: ^Sehn Sie, das ist ein Geschäft* und darin der er- iaunten Welt mitgeteilt, daß Herr Schulte für einen Monat 540 Mk. Spesen genommen und für jbic Leitung, man beachte lediglich Leitung einer Versammlung in allernächster Nähe Kölns, wohin man sntt der Elektrischen für 20 Pfennig fährt — 20 Mk. 5- und zweimal am Tage — berechnet habe.
Man versteht den Groll der nicht so begünftigten Freidenkergenoffen, wenn diese mit Ingrimm in ihrem Koffabuch notieren, daß nach solcher Spesen- Ichluckerei einmal nur ganze 1,60 Mark Reinertrag für die Freidenkerei herausgekommen warm.
Indes das ist völlig harmlos gegen Schultes Glanzleistung. Herr Schulte als profttlicher Mann faffullert so: warum soll ich zu meinem Verdienst stlS Fresidenkeragitator nicht auch an Wochentagen ßtwaS verdienen und zwar durch Handel mit katholischen Heiligenbildern unter Einholung der bischöflichen Approbation, Mo der Genehmigung derselben Kreise, die er in Sonntagen in echter Freidenkermanier be—kämpft.
Durch diese Veröffentlichung fühlte Herr Schulte sich schwer beleidigt. Natürlich; das wäre ja der Gchfel der Chamtterlostgkeit. Mit Recht konnte der Verteidiger des angeklagten Redatteurs bemerken, die Tatsache, daß Herr Schulte, der Bekämpfer der ka- Hokischen Geistlichen, beabsichtigt habe, sich für den Verkauf "ton Heiligenbildern die Approbation einer katholisch kirchlichen Behörde erteilen zu lassen, sei eine Gesinnungslosigkeit, die zum Himmel schreie. .5 Also Herr Schulte klagte, mußte klage», wenn er nicht für ewige Zeiten blamiert fern wollte. Er pogte und erzielte in der ersten Instanz ein Urteil gegen den ultramontanen Redakteur. Darauf erhob sich in der ganzen Freidenkerpresse ein gewaltiger Siegesjubel 9hir verschwieg man den Lesern, daß fofort Berufung gegen da? Urteil eingelegt worden war.
So kam die Sache vor die Kölner Straflammer abermals am 13. November zur Verhandlung. Und letzt mußte Herr Schulte durch zeugeneidliche Aus- fagung sich bestätigen lassen, daß er selbst gesagt habe, ; r verkaufe Heiligenbilder und er habe eine feine Idee, er wolle sich zu diesem Heiligenbil- ,verhandel auch die e rz b'is ch öf li ch e App r o- pation holen. Als ihm gleich darauf entgegnet wurde, das vertrage sich doch nicht mit feiner Stellung als Vorsitzender des Freidenkerverbandes, ant= (tooriete der Biedermann: »Ach was, wenn ich nur ein Geschäft dabei mache.*
So wurde denn der beklagte Redakteur fteige- sprochen, und Herr Schulte, der Kläger, verließ als moralisch Verurteilter daS Gerichtsgebäude
Und nun höre man die Flunkereien, mtt denen dieser sehr ehrenwette Herr fein Gebaren zu rechtfertigen sucht:
Er sagt: Die Bilder waren gar keine Heiligenbilder, sondern nur Reproduktionen von Kunst- Werken, und zu deren Vertrieb habe er einem italienischen Kunsthändler Carlo Bertoldi aus Ve- rona, der die deutsch? Sprache nur mangelhaft beherrsche, als Dolmetsch in Kölner Kunsthandlungen gedient! Aber, Herr Schulte! zum Vertrieb von Koproduktionen von Kunstwecken braucht man doch
ihren Inhalt ausmachte, strömte des Waldmeisters duftendes Aroma.
»Laßt Wald Wald sein, wundervoller Aufenthalt, wenn draußen die Julisonne brennt und noch wundervoller als Erzeuger dieses aromatischen Krautes, aber sonst laßt ihn wachsen! Wir alle brauchen Großstadtluft, Du ebenfalls Werner, bist auch schon angesteckt. Tttntt und seid vergnügt und Du, Rena, nun heißt es vorwärts auf dem an getretenen Pfade. Mach dem Namen Dorncm weitere Ehre, denn den sollst Du tragen, als Künstlerin. Da habe ich schon ein bischen vorgearbeitet bei seinem Klang, meine ich. Und keine Dummheit gemacht, halt's Herz fest! Bei den grauen isfs gewöhnlich mit der Kunst vorbei, wenn die Httrat kommt. Erst Rnhmeskränze sammeln und bann vielleicht —*
»Ganz Deiner Ansicht, Onkel, darauf stoße ich mit Dir an. Geheiratet wird nicht!*
Sie hielt Werner ihr Glas hin. Er schüttelte den Kopf. »Darauf stoße ich nicht mit Dir an, Rena! Willst Du, so teilen wir auf eine glückliche Zukunft. Wie jeder sich dieselbe ausmalt, das fei seine eigene Sache.*
Zur rechten Fröhlichkeit kam Werner heute abend nicht mehr. Ihm schien mich Renates Ausgelassenheit fordert. Etwas Unausgesprochenes lastete auf beiden, das erleichterte weder Onkel Heinz' Humor noch der herttiche Trank. Mit bewußtem Plan löste Renate dm Sann. Sie stand auf, ging ins Nebenzimmer und setzte sich an ihren Flügel. Leise präludierend berührte sie die Tasten. Sie sah sich um in dem nur durch eine Gasflamme schwach erhellten Raum und mit einem Mal war alle gemachte Fröhlichkeit aus ihr verschwunden. Wie Heimweh kam's über sie schon jetzt und ein Sehnen, das sic zornig zu- rückzudrängen versuchte und das doch da war, un- rüttclbar und schmerzend. Sie krampfte die Hände auf der Brust. »Daß ich Dich ausreißen könnte. Du schwaches Herz*, murmelte sie, »daß ich Dich zwingen könnte mtt stackem Griff, ich will nicht, ich will Dir nicht unterliegen. Frei will ich bleiben nach Onkels Theorie, mich nicht gängeln lassen.' Und
Irrende Seele.
29] Roman von H. Teichert.
Sie amüsierte sich höchlichst. „Du Mufikkenner, Du kompetentester aller Kritiker! Nein, solch sub- |eftibe Urteile können mich nicht betören. Viel, viel, schrecklich viel muß ich noch lernen. Aber später, wenn Ich wirklich ttwas kann und man von mir nur als von der Dornau spricht, dann sollst Du Dir auf mich etwas Unbilden können — wird Dir dann schon behagen, Hvenn die Leute von Dir sagen: „DaS ist der Jugendfreund der Dornau.* Wirst schon prahlen mit j)er Freundschaft!*
f Seine fröhlichen Augen wechselten den Ausdruck, $e wurden auf einmal ernst.
j »Ganz bestimmt nicht, Rena. Prahlen ift nie Meine Sache gewesen und mit der Freundschaft Mein —*
Sie ließ ihn nicht auscedm.
* »~?nn löse ich auch mein Versprechen ein und betuche Dich mit Onkel und Tante in Deiner Wald- ginfamlttt.*
L. -Dieses Versprechens enthebe ich Dich, Renate. £ie Waldeinsamkeit ist für mich schon längst über- Kunven, ich werde mich nicht vergraben Ich bin Ltteber geworden, das Höchste, was eS gibt, im Forst- xerwallungsreffort, will ich erreichen, in solcher Stel- Wng lebt man nicht im Walde.'
£ .Du wolltest aber doch eigentlich — der Wald jpars ja gerade, der Dich lockte*
& , »Das war einmal, Rena. Der Mensch wächst mit Seinen höheren Zielen und um das Ziel zu erreichen, W ich mir gesteckt —*
Z »Prost, Kinder*, rief Dornau dazwischen. »Setzt Luch mal endlich und parlamentiett nicht, als wäret wr im Abgeordnetenhause. Prost, stoßt an und vdckt! Unsere Rena soll leben und mit ihr die Kunst! Die Kunst, Kinder! Wie kann ein Mensch überhaupt |pmen und leben ohne die Kunst!*
l Dornau saß an dem Tisch, auf dem die Krystall- powfe stand. Glitzernde Eisstücke waren rund um vr.aufgetürmt und aus der goldigen Flüssigkeit, die
sie schlug auf das Klavier, daß sie drinnen im andern Zimmer erschreckt in die Höhe fuhren.
»Nanu*, rief Dornau. »ist Dir die Bowle in die ginger gegangen?*
»Ja, Onkel, und waS Lustiges will ich Euch spielen, was Lärm macht" — und alle aufrührerischen Gedanken zum Schweigen bringt, fügte sie für sich selbst hinzu. Und bann ertönte der Faustwalzer unter ihren Händen. Mit glänzender Technik spielte sie ihn, aber überhastet, wie jemanb spielt, dem aufgeregtes Blut durch die Adem rollt. Sie spielte sich irotzdem rufjig und nickte Werner freundlich zu, der sich während des Spiels an den Flügel gelehnt hatte.
»So, das war mir nötig", sagte sie ausstehend. »Nun issts wieder gut*
Er sah sie forschend an. »Du bist hochgradig nervös, Rena, aber das ist's nicht allein, was Dich so ungleich macht. Ich habe Dich längst schon einmal noch den Gründen fragen wollen. Mir, Deinem Freunde, wirst Du sagen, was Dich drückt, nicht wahr?"
Wemer faßte ihre Rechte. »Ich bin kein großer Menschenkenner", fuhr er fort, „bin viel zu schlicht und geradedenkend und so tote ich das Herz auf der Zunge habe und offen in den Augen trage, so suche ich auch bei meinem Nebenmenschen nicht tief. Ich denke, so wie sich jeder zeigt, so ist er eben. An Dir, gerade an Dir habe ich meine Hauptstudien gemacht, Rena. Du warst von Kindheit an so ein goldklares, offenes Geschöpf, bis auf den Grund der Seele sah man Dir. Aber schon feit einiger Zeit ist etwas Unklares in Dir, das wird immer schlimmer. Du bist unzufrieden mit Dir selbst, Rena, ist's so?*
»Ja, Wemer, das ist es! Du meinst, es fehle Dir an Scharfblick und hast doch fofort erkannt, was mir ist. Unzufrieden bin ich mit mir selbst, weil ich mich auf mich nicht mehr verlassen kann. Haltlos und wankelmütig bin ich geworden, ein Svielball eingebildeter Gefühle, ein Zerrbild, das selbst nicht von sich weiß, was es will.*
»Aber die Ursache, Rena, die Ursache!" »Das einige Rätsel der Frauenseele Werter. Wir
Frauen dünken uns hoch in unserer Kraft, wenn wir einem Berus zustreben; überzeugt sind wir, daß et unser Leben ausfüllen wird, so, daß das Herz in uni überhaupt nicht zu Worte kommen kann, und müssen bann doch gar bald einsehen, daß dieser stolze Lebens» cufbau ins Wanken kommen kann. Dann kommt die Angst vor dem Erliegen, das Sichsträuben gegen die Macht, die das zu stürzen droht was unser Lebensziel war, in meinem Falle mich der Kunst abtrünnig machen könnte, und bann wieder das demütigende Gefühl, daß solche Macht keine Macht wäre, wenn tic weibliche Schwäche ihm nicht selbst die Handhabe märe. Und alles zusammen erzeugt Unrast und Un- zusriedenheit und bringt aus dem Gleichgewicht. DaS ist's, Wemer, da haft Du die Ursache."
»So liebst Du, Rena, und wehrst Dich dagegen?*
Er hielt noch immer ihre Hand in der seinen. Sie sah ihn an. Angswoll hingen feine Augen an ihrem Gesicht. Sein Urteil war's, waS er heraufbeschworen. Ihr bebte das Herz vor Weh, aber nun war der Augenblick gekommen, nun mußte sie ihm die Wahrheit sagen, so bitter schwer es ihr wurde.
„ES ist so, Wemer.*
»Wen — wen?" stieß er hervor.
Sie schüttelte den Kopf.
»Frage mich nicht weiter, Werner, ich antworte Dir doch nicht. Und vergiß auch wieder, was ich Dir gesagt habe. In FreundeSbmst habe ich mein Bekenntnis gefegt, nun wird mir leichter werden, uns beiden, Werner. Lachen wollen wir beide über mein dummes Herz, das sich seine Ruhe rauben ließ von jemand, der aus sicherer Reserve des Erfolges lächelt, der ihm mühelos bei allen Frauen wird. "
»Sigurd", flüsterte er.
Sie tat, als höre sie den Namen nicht. „Da heißt es, sich aufraffen und sich dem unheilvollen Zauberbann entziehen, und wie ich jetzt vor Dir stehe, siehst Du mich auf dem Punkt. Ins frische Leben hinein, abgeschüttelt alle Grillen, die alte Nena werd? sch nun wieder.*
(Fortsetzung folati