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Hul-aer W Zeitung

Monatsbeüager „Zttldatt Geschichtsblätter"

Fulda, Dienstag den 30. November 1909.

M 274

36. Jahrgang.

ZparzeL« in Zn»«. wochenbeirag«! Illustrierte Soimtagrzeitung"

kricheint »glich mir Aurnahme be$ So.m- «ndZeiertagt.vierlel- sShrlicher Bezugspreis ohne vringerlohn und BefteLgeldinZuldasc,. «re auswärts l.SvMk.

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Lotattonr drn« und Verlag der Fuldaer Ak» tiendruckerei in Fulda Fernsprecher«».».

Erstes Matt.

s Der Reichstag

tritt heute zu einer neuen Session zusammen.

Er hat ein etwas anderes Gesicht bekommen, als vor einem halben Jahr bei seinem Auseinander« gehen. Fürst Bülow sitzt nicht mehr aus der Bundesratsestrade. An seiner Stelle ist Herr von Bethmann gerückt, Herr Delbrück hat daS Reichsamt der Innern übernommen, Herr Wermuth behütet jetzt den Reichsschatz a» Stelle deS zum Handelsminister ernannten Hevcu Sydow; der Kriegsminister von Einem hat dem General von Heeringen Platz gemacht.

Auch hn Saale unten ist das Bild ein anderes geworden. Die Liberalen müssen einige Sitze den Sozialdemokraten überlassen, und was für ihre ordeuSbüstirftigm Führer da- Schlimmste ist, sie können nicht mehr mit dem Bruderblicke nach rechts schauen. Die Versöhnungsaktion hat noch zu keinem Ergebnis geführt. Der Geist des konservativ-liberalen Block-, der solange über dem Saale geschwebt hatte, ist verschwunden, und wird in der allernächsten Zeit jedenfalls noch nicht wieder heraufbeschworen «erden können.

DaS erste bedeutsame Ereignis in der bevor­stehenden Tagung wird die Wahl des Präsidiums fein. Nach dem gegenwärtigen Stande der (hörte* rungen glauben wir allerdings nicht, daß die Wahl Schwiertzckeiten und Ueberraschungen bringe« wird. Berliner Blättern zufolge gilt es bereits als ausge­macht, daß daS »ausgeschaltete" Zentrum wieder im Präsidium vertreten sein wird. Die Konser­vativen werden den Präsidenten, daS Zentrum den ersten und die Nationalliberalen den zweiten Vize­präsidenten stellen, wiewohl manche LinSliberale die Nationaürberalen zum Streiken verleüen möchten. Das wäre dann im Wesen die Wiederherstellung deS Zustandes, wie er vor der Blockära, lange Jahre hindurch gatt.

Die wichtigste Aufgabe während der ersten Monate wird die Etatsberatung sein. Sie wird dieseSmal zu einer scharfen Prüfung aus Herz und Nieren Anlaß geben. Vor allem der Heeres- itnb der Marineetat werden Gelegenhett z« ein­dringender Rritil gewähren; es sei nur erinnert an Vr durch den Kieler-Werft-Prozeß aufaedeckten ,3.'i stände, an die verschiedenen Duell-AffLcen der cketz.en Monate, an dm Fall des Bonner Korps Borussia.

Mit besonderer Erwartung sieht ma« der ersten großm Rede des neuen Reichskanzlers ent­gegen. Zweifellos wird eS eine Programmrede werden, aber man weiß noch nicht, ob dieses Pro­gramm über allgemein gülttge Wahrhetteu hinaus- 8ehend der parlamentarischm Arbeit neue Richt- nien weisen wird.

Von großen gesetzgeberischen Aufgabm find bis heute zwei angekündigt, die Str afpr ozeßordnung und die Reichsversicherungsordnung. Das Schicksal der Arbeitskammervorlage und der Novelle zur Gewerbeordnung ist noch im Dunklen. Mtt handelspolitischen Fragen wird der Reichstag sich ziemlich eingehend zu beschäftigen haben. ES steht die Neuregelung unserer Handels- polftischen Beziehungen zu dm Vereinigtm Staaten, zu England und Kanada, zu Dänemark und Schweben bevor, während der Handelsverttag mit Portugal der Bestätigung durch dm Reichstag be­darf. Von kleineren Vorlagen find zu erwarten: Die Novelle zum Strafgesetzbuch, die Fernsprechaebührmordnung, die Novelle zum § 15 des Zolltarifgesctzes zur Abänderung deS festgelegtm Termins für das Jnkrafttretm der Witwm- und Waisenverficherung, eine Novelle zu dem Finanz­reformgesetze, mdüch eine Novelle zum Urheber­rechtsgesetz, zur Vornahme der durch die Revision der Berner Konvention notwmdig gewordenen Aendernngm.

; Auch in diesem Winter also wird der Reichs­tag über Mangel an Arbeitsstoss sich nicht zu bellagm haben, die Notwendigkeit positiver Arbeit wird auch am beften alle etwa geplanten Versuche »urückdrängen, dmch unfruchtbare Streitig toten den gedeihlichen Fortgang der parlammtarischen Arbeit zu stören.

Die erste Plenarsitzung deS Reichs­tages findet hmte nach der Eröffnungssitzung im Schlosse, die um 12 Uhr beginnt, um 2 Uhr nach­mittags statt. Sie bient aber nur zur Feststellung der Beschlußfähigkeit. Die Wahl des neuen Prä­sidiums erfolgt am Mftwoch, und am Donnerstag beginnt die Beratung des vorliegenden Stoffes.

den Vorsitzmden der Provinzialorgamsationen und den aus bem Lande zugewählten Mitgliedern, hielten am Sonntag und Montag im Reichstage mehrere Sitzungen ab, die sich mit der durch die Affäre Roeren-Büter aufgeworfenen Frage ein- gchend beschäftigten.

■*= Die preußische BerwaltuugSnftrm. Am 13. Dezember wird nach Blättermeldungen bet Aus- schuß bet Jmmediatkonnnission zur Vorberatung der VerwaMNgSreform, dem die Herren v. Sitter, Präsident des Oberverwaltungsgerichts, Kammer­gerichtsrat Schiffer, Geheimrat Schmedding und Geh. Justizrat Cassel angehörm, zusammentreten, um über bte Vereinfachung des Äechtsmittelwesms, der Beschwerde und BerwaltungsstreitversahrenS zu beraten. Die »Post" fügt dieser Meldung bei: »Die von diesen zu bewättiamde Arbeit ist so groß, daß sich seine Tätigkett wahrscheinlich über mehrere Jahre erstrecken wird.' — Das eröffnet ja nette Aus­sichten! Allerdings sind wir in Preußen daran gewöhnt, daß notwendige Reformen — siehe die Wahlrechtsreform — derart gründlich vorbereitet werden.

* Ein netter Kriegshelm soll bei der In­fanterie eingeführt werden. Er ist aus einem grünen Stoff, ähnlich dem bei der Maschinen­gewehrabteilung gebräuchlichen, gefertigt Der Beschlag ist matt bronziert, kann also nicht mehr durch Blinken zum Verräter werden. DaS Praktische aber an dem neuen Helm ist, daß die beiden Schirme vorn und hinten aufgeklappt werden können. Bei der neuen Kampfesweise wird fast nur noch im Liegen gefeuert, und dabei führten die Schirme des alten Helmes viel zu Unzuträgkichkeiten, indem sie teils gegen daS Gepäck schlugen, teils den freien Ausblick des Schützen hemmten. Beim nunmehrigen Kriegs- Helm ist daS vermieden.

* Den liberalen Schönfärbern, welche ge- fliffentlich die Meinung zu verbreiten suchen, als hätten die Katholiken keine Ursache, auf der Wacht zu stehen, und als seien alle Proteste der Katholiken gegen Angriffe von allen Seiten grundlos, spuckt das ,B«rl. Tageblatt" bös in die Suppe. In Nr. 593 schreibt es in einem Artikel mit der Ueberschrfft: »Der deprimierte Papst' in einer Korrespondenz aus Rom:

„DaS drohende Anschwellen de» — den Freimaurer« zur Last gelegten — tirchenseind- lichrn Bewegung i« aller Welt, zumal in Italien selbst, hat den Papst schwer deprimiert."

DaS ,Berl. Tageblatt" gibt also unumwunden zu, daß die kirchenfeindliche Bewegung in aller Welt drohend anschwillt. Und da hat man liberalerseitS noch den Mut, zu bestreiten, daß die Katholiken alle Ursache haben, auf der Hut zu feint

X Wenn die Trauben zu hoch hängen . . . Der Vorstand deS ReichSoerbandeS der Vereine der nationalliberalen Jugend hielt am Sonntag in Frankfurt einen Vertretertag ab. Zur Frage des Reichstagspräsidiums wurde folgende Entschließung angenommen:

»Der Vorstand des ReichSoerbandeS der Vereine der nationalliberalen Jugend würde es als eine Fort­setzung der auf dem Berliner Bertretertag begonnenen Politik begrüßen, wenn die nationalliberale Partei und mit ihr die übrigen liberalen Parteien deS Reichstage- die Bildung des RrichStagSpräsidiums dem »neuen Block" überließen."

Freilich, wenn ihnen der Posten deS ersten Vizepräsidenten Überlassen würde, dann griff man sofort zu. Aller Voraussicht nach werden sich die nationalliberalen Herren im Reichstage den »Jungen' nicht anbequemen, sondern sich auch mtt dem zweiten Vizepräsidenten begnügen.

+ Roch einmal der Streit um den Volks» verein. Die.Germania" veröffentlichte vor einigen Tagen einm Artikel gegen die Ausführungen des Professors Dr. Spahn im .Hochland", in dem es am Schluffe hieß:

»VoUsverein wie Frauenbund find es aber nach dieser Darstellung des Herr« Dr. Spahn dem katho­lische« Volke in Deutschland schuldig, offen auszu- ftirechen, welchen Bestrebungen sie dienen, damit es weiß, von wem eS getäuscht worden. Sie muffen offen ertl&en, ob sie die Handlanger der Sntklerikalifierung deS katholischen Volkes sein wollen, wie Herr Dr. Späh« die- ihnen zuschrribt bezw. zumutet.'

Dazu erläßt der erste Vorsitzende des Volks- verein-, Herr Brandts in M.-Gladbach, sol- gende öffentliche Erklärung:

»Mtt allem Nachdruck weif« ich diese für den Botts verein beleidigende g-ragefielluna zurück und lehne chrr Beantwortung ab. Dazu verpflichtet mich schon die Rücksicht auf die Herren Kardinale Fischer und Kopp, welch« erst jüngst in entschiedener Weise ähn­lich« Anzweifelungen der korrekten kirchlichen Gefin- nung und Haltung des Volksvereins für das katho- lische Deutschland öffentlich uneingeschränkt zurück- gewiesen hab«.'

** Meiningen, 29. Nov. 1909. Das Staats- Ministerium hat im neugewähften Meininger Landtage eine Vermögenssteuer- und allgemeine Gehaltsaufbesserungsvorlage sürStaats- beamte, Volksschullehrer und Geistliche eingebracht.

* Düsseldorf, 29. Nov. 1909. Die Ver- treibung der Krankenpflege-Orden ge- mäß dem »liberalen Prinzip' erscheint den vor- sichtigeren liberalen Blättern höchst unbequem unb unzeitgemäß. Die liberale Kölnische Zeitung bte bas einficht unb zum ersten Male in dieser Sache das Wort nimmt, ringt sich darin schließ- lich schweren Herzens zu der Erkenntnis durch, daß die Düffeldorfer Liberalen einen Fehler gemacht haben, der sich bei den kommenden Wahlen rächen könnte. Also daher diese Tränen, die Erleuchtung! Die Köln. Ztg. kommt nach

Deutsches Reich.

? Berlin, 29. Nov. Der Reichskanzler vollendete heute sein 53. Lebensjahr. — Einhundert- dreißig Millionen Mark hat bte Reichskasse in .diesem Jahre vom 1. April ab mehr an Zöllen und Steuer« eingenommen, als im gleichen Zeitraum deS VomahreS. DaS ist em erfreuliche» Zeichen auch dafür, daß sich die allgemeinen Verhältnisse doch wieder etwas zu bessern beginnen. Ohne De- Iztt schließt freilich der Etat des Reiches, wie be- tonnt, noch nicht. — Im »Reichsauzeiger' wirb ^Knr Denkschrift über die SchifsahrtSab- .gaben auf natürlichen Wasserstraßen veröffentlicht, Jtt der die projektierten Tarife mitgeteilt werden.— : * Der Kaiser traf gestern mittag von Pleß kom­mend in BreSlau ein. Er fuhr vom Bahnhof zn einem kurzen Besuch beS K arbinalS Kopp. Dann nahm er in der Küraffierkaserne an der Früh- Mckstafel teil. Die fünf jüngsten Offiziere des Regiments werben in Gegenwart deS Kaisers zum Ritter geschlagen. AbenbS erfolgt bie Abreise des Kaisers nach Berlin.

* Der Borstand der Reichstagsfraktion des Zentrum» und der Landesausschuß der preußischen Zentrumspartei, bestehend aus dem Vorstand der Zentrumsfraktion des Abgeordnetenhanfes und

einer sehr langen Einleitung — worin sie nach­weist, daß bei Anstellung des welttichen Pflege­personals in Düsseldorf bisher die versprochene Parität längst nicht gewahrt sei, daß durch die geistliche, konfessionelle Pflege eine große Erspar- niS sür den Stadtsäckel erzielt werbe unb daß die Pflege dmch katholische Ordensschwestern sich anderswo allgemein vorzüglich bewährt habe, — zu bem offenen Geständnis: in der Anstellung katholischer Ordensschwestern sei keine Ver­letzung eines liberalen Prinzips zu er- blicken. — Da darf man wohl einigermaßen ge­spannt sein, wie der Düffeldorfer Rathauslibera- liSmus sich in der morgigen Stadtverordnelensitzung entscheiden wird. Die „Köln. Ztg.' hat ihm ja vorstchttgerweise auch für den Fall, daß das weit» liche Pflegerpersonal beibehalten werden soll, ein Psörtlem offen gehalten. DaS »liberale Prinzip' ist, wie figura zeigt, manchmal recht kmttschukartig.

Ausland.

r Der Mailänder Gasarbetterstreik, der bereits beigelegt war, ist plötzlich erneut aus- gebrochen. 50 Arbeiter der Gaswerke ver- liefen am Sonntag plötzlich die Arbeit, und im Laufe deS Nachmittags folgten ihrem Beispiele die übrigen Angestellten. Die Gasbe­leuchtung in der gesamten Sladt versagt. Am Montag sollten erneute Verhandlungen zwischen den Gaswerken und den Arbeitern staltfinden, bereit Verhalten vollständig ungerechtfertigt er- fcheint.

* Die sämtlichen Bischöfe Spaniens richteten an den Ministerpräsidenten Moret ein gemein­sames, umfangreiches Schreiben, in dem sie for­dern, den anläßlich des Juliaufstcmdes geschlos­senen religionslosen freien Schulen unter keinen Umständen die Wiedereröffnung zu ge­statten.

volkswirtschaftliches und Soziales.

)(Ter Hanbelsminister und die Bergarbeiter

Auf das von den vier Bergarbeiterorgani- sationen des Ruhrbezirks an den .Handelsminister gerichtete Bermiltlungsgesuch betreffend den vom Zechenoerbande in Essen beabsichtigten zentrali­sierten Arbeitsnachweis hat der Handels- Minister nunmehr geantwortet. Es ist ein sonder­barer Bescheid, der den Gesuch stellern da -uge- gqngen ist. Wie man daraus ersähtt, hatte sich der Handelsminister mit dem Zechenverband in Verbindung gesetzt, um volle Klarheit über dessen Absichten zu erhalten; die Erklärungen die er da erhalten hat, sollen die Einrichtung des Zwangsarbeitsnachweise« als einen Vorteil für die — Bergarbeiter erkennen lassen. Denn bei der Einrichtung des Arbeitsnachweises sollen mm die Bestimmungen gelten,

daß die einzelnen Arbeitsnachweisstellen gehalten sind, jedem Arbeitsuchenden, der im Besitz eines Kün­digung?» und Abkehrscheines ist, einen Nachweisschein, und zwar für diejenige Arbeitsstelle zu erteilen, auf welcher er beschäftigt zu sein wünscht, vorausgesetzt, daß auf dieser Arbeitsstelle Arbeitsgelegenhett für Arbeiter der in Frage kommenden Art vorhanden ist. Nur wenn Kontraktbruch vorliegt oder der Arbeit­suchende eine von ihm angenommene Arbeit nicht an- getrelen hat, darf die Nachweisstelle vorübergehend für die Dauer von zwei Worben den Schein vrrweigern, Auch soll es dem Bergarbeiter nicht verwehrt sein, sich schon vor Kündigung seines bisherigen ArbeilsverhäU- niffes an den ihm zusagenden Arbeitsstellen nach einer anderen Stelle umzusehen und der Betriebsführer der von ihm gewählten Zeche dem Arbeiter schon, bevor dieser seine alte Stelle gekündigt hat, die Annahme zur Arbeit unter dem Vorbehalt zusaaen dürfen, daß der Arbeiter binnen einer bestimmten Frist den Nachweis­schein beibringt.

Der Handelsminifier hält auf Grund dieser Bestimmungen die Befürchtungen über die Ziele dieses Arbeitsnachweises für beseitigt. Eine Ver- mittelung zum Zwecke der Einführung eines paritätischen Arbeitsnachweises hält der Mi- nister solange sür untunlich, als nicht im Ruhr- bezirk die Voraussetzungen für ein vertrauens­volles Zusammenwirken von Arbeitgebern und Arbeitnehmern »erliegen. Ohne dies wechselseitige Vertrauen verspreche auch ein Zwang zur Er­richtung eines solchen Nachweises keinen Ersolg. Die Bergarbeitersührer werden dem Handels- Minister wohl im Parlament Nachweisen, was der Zechenverband mit seinem ZwangSarbeits- nachweis eigentlich beabsichtigt. Die Berg- arbeiterpreffe zeigte sich denn auch von der Ant­wort wenig befriedigt. Die »Bergarbeiterzlg." fchreibt:

WaS man in der Ministerantwort lese, konnten die bekannten Scharfmacher auch antworten. Vielleicht werde der Minister zu einer anderen lleberzeugung gelangen, wenn ihm im Reichstag das Material vor- gelegt wird über die himmelschreiende« Zustände, die sich au» den UnterdrückungS- und Maßregelnversuche« ergeben laffen.

Die Zentrumsfraktion des Reichstages wird wegen der Einführung des Arbeitsnach­weises und des dadurch gefährdetm freien Roa« litionSrechtS der Arbeiter sofort nach Eröffnung des Reichstages eine Interpellation einbringen.

Aus Rirche und Schule.

• Rom, 27. Nov. 1909. Papst PiuS X. hat auf die ihm bei Gelegenheit seines Bischofs- jubiläumS gewidmete Glückwunschadresse deS

deutschen Episkopates in einem an bie Herren Kardiuäle Kopp unb Fischer vom 21. November datierte- Schreiben geantwortet. Dasselbe lautet in seinen wesentlichen Stellen:

3«nigeu Dank sagen wir euch unb euern ehr­würdigen Mitbrüdern, die mit euch in Fulda zusam- menkommen, für daS liebevolle Schreibe«, das ihr zu unserem 25jährigen Bifchofsjubliläum gemeinsam an uns gerichtet habt. Wir hätten zwar im Hinblick auf bi« Zritlage, welch« gewiß nicht zur Freude angetan ist, das Gedächtnis jenes Ereignisses lieber mit Schweigen übergehen mögen. Aber da eure Liebe »8 ander- beschlossen hat, so wollen wir euch wissen lassen, daß di« Glückwünsche und Gelöbniffe, die ihr uns ge­widmet habt, uns angenehm und erfreulich gewesen sind. Wenn ihr aber lodend erwähnt, was wir seit der ttebernahme des Bischofsamtes von Mantua bi» zum heutigen Tage geleistet haben, so habt ihr daS wohl aus einem gewissen Ueberschwang eurer Liebe zu uns getan. Wir aber müssen, wenn wir auf jene ganz« Spanne unseres Lebens zurückblickrn, lief bewegt werden, da wir über die Verwaltung unseres hl. Amte» dem oberste« Hitten strenge Rechenschaft geben muffen. Ihr aber werdet nicht nur durch sorgfältige Amts­führung, sondern auch durch eure frommen Gebete bei Gott uns unterstützen. Wir hinwiederum werden nicht ermangeln, für euch den Beistand der göttlichen Güt« zu erflehen.

Stadtverordneten- Versammlung.

( Fulda, 30. November 1909.

An der gestrigen Sitzung der ©tabtoerorbneten» Versammlung nahmen 19 Mitglieder des Kollegium» teil. Der Magistrat war durch Herrn Oberbürgermei­ster Dr. Antoni vertreten. Den Vorsitz führte Herr Stadwerordnetenvorfteher Gegenbaur.

Der Sitzung wohnte, zum ersten Male fett Be­stehen unseres Stadtparlamentes, eine Frau mit einem noch schulpflichtigen Knaben bet. Letzterer mußte ten Saal verlassen.

1. Rechnungsprüfungen. Zunächst wurde die Stadtsaalrechnung pro 1908/09 sestgestellt, welche mit einem Fehlbetrag von 515,15 Mk. ab- schließt. Die Saalmiete war mtt 1300 Mk. in den Etat eingestellt. Eingenommen wurden 965 Mk. Der etatsmäßige Zuschuß der Stadt bettägt 9100 Mk. Die WaisrnhauSrechnung schließt in Ein­nahme u. Ausgabe mtt 20 562 Mk. ab. Es ist noch ein ungedeckter Set rag von 4095,94 Mk. vorhanden, der fick durch die sehr hohe Zahl der BerpflegungStage (27 071, gegen das Vorjahr mehr 3535) erflärt. Die Schlachthofrrchnung, welche mit einem Be- stand« von 1377,45 Mk. abschließt, verzeichnet einen Betriebsverlust von 3936,64 Mk. Der Mehrverbrauch an Wasser belauft sich auf 570 Mk. Der Herr Schlacht- hofdirettor führt den Betriebsverlust in einem Schrei­ben an die Finanzkommission darauf zurück, daß noch nicht habe festgestellt werden können, wie viel Wasser und Dampf gebraucht werde. Insbesondere habe die Talgschmelze mehr Dampf und infolgedessen auch nvhr Kohlen verbraucht. Im nächsten Jahre bei bet Aufstellung der neuen Maschine werde sich die Sache günstiger gestalten. Für Licht unb für Kohlen be­zahlt die Talgschmelze nach den Ausführungen be» Referenten, Herrn Rübfam, 200 Mk. Dieser Betrag müsse erhöht werden. Ersparnisse an Kohlen könn­ten durch Isolierung der Stirnwand und der Dome ter Kessel gemacht werden. Die Metzger bezögen da» Eis vielfach, statt vom Schlachthof, von auswärts, wo sie doch dasselbe Geld bezahlen müßten. Herr Sun- k e l unb der Herr Oberbürgermeister bemer­ken, daß die Talgschmelze keinen Dampf, sondern nut Elektrizität bezieht. Nach Angabe des Herrn Sunkel werden für Licht unb Kraft nicht 200, sondern 600 Mark bezahlt. Die Eisproduktion im Schlachthof stelle sich zu teuer. In Frankfurt könne man Eis für 55 und in Ludwigshafen für 50 .H pro Zentner beziehen. Herr Weber hebt hervor, daß man nach seinen Er- sahmngen durch genügende Kesselisolierung sür 1000 Mark Kohlen im Jahre ersparen könne. Auf Anttag der Herren Rübsam und Weber beschloß die Ver­sammlung, den Magistrat zu ersuchen, für möglichst baldige Isolierung beS Kessels an Stirnwand unb Dom durch einen Fachmann Sorge zu tragen.

Die Kasernen-Rechnung schließt ab mtt einem Bestände von 43 667,74 Mk. Es waren Ende 1908 an Schulden vorhanden 3 014 252,34 Mk., 7300 Mack konnten dem Kasernenfonds zugeftihrt werden. Die endgültige Abrechnung über den Kasernenbau wird wohl noch einige Zeil auf sich warten laffen, da die Rechnung beim Oberrechnungshof liegt — Die Stadtschloßkasse n-R e ch n u n g verzeichnet einen Bestand von 623,49 Mk. Sämtliche Rechnungen wurden nach dein Anträge des Magistrats festgestellt und dem R-chmmgsführer Entlastung erteilt

2. Kenntnisnahme von der Verfügung der Kö­niglichen Regierung, die Genehmigung der Ortszu­lagen an die Lehrpersonen der Bolksschulen betreffend. Die Versammlung nahm Kenntnis von einem Schrei­ben der Königlichen Regierung, wonach sie die Be­schlüsse her städtischen Körperschaften vom 20. und 21. b. Mts. betreffs der Gewährung der Ortszulagen an die Lehrpersonen der Volksschulen genehmigt. In dem Schreiben der Regienmg beanspruchte besonders folgender Possus das Interesse der Versammlung:!

»Wir machen jedoch schon jetzt darauf aufmerksam, daß wir die Anstellung von Rektoren an den katholischen Volksschulen und eines Rektors an der evangelischen Volksschule für erforderlich er­achten und behalten uns vor, demnächst hierauf zurückzukommen."

Herr Kipp ist der Ansicht, daß die Kenntnis­nahme dieser Mitteilungen die Stadt wieder Geld kosten werde, wenn die Regierung zur Einführung der Rektoren übergehen sollte. Jedenfalls aber würde! eine wesentliche Umänderung in der Schulaufsicht eintreten. Dec Herr Oberbürgermeister führt aus, daß es jetzt in der Schulverwaltung folgende Instanzen gebe: König!. Regierung, Kreisschulin­spektor, Lokalschulinspektor, Hauptlehrer, nach Einfüh­rung der Rektoren: Kgl. Negierung, Kreisschulin- spektor, Rektor. Die Einführung der Rektoren würbe; gleichbedeutend fein mit der Aufhebung der geiftli«