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Sark Schütte, für die Anzeigen: . ,, „ ., ~ „ _
z.parzeller in Zulda. wochenbeilage: „Illustrierte Zonntagzzettung" monatrbeilage: „Zuldaer Geschichtrblatter"
Anzrkgen: Vie einspaltige Petitzeile oder deren Kaum ZS pfg. Reklamendlepetiheile 25 Pfg., bei Wiederholungen wird entspr.
Labatt gewährt.
«otationsdruSund Verlag der Fuldaer Ak- tiendruckerei in Fulda
Fernsprecher Rt. y. ?
30 273.
Fuld a, Montaq den 29. November 1909.
36. Jahrgang.'
tätswerkes näher zu treten. Zur Feststellung der benötigten Licht- und Krastmengen wird gegenwärtig bet der Einwohnerschaft eine Umfrage gehalten.
* Aschaffenburg, 25. Nov. 1909. Wegen Schar- nd Diphtherie mußten in einer Reihe von Orten (Amorbach, Burgstadt und Großheubach) die Schulen geschlossen werden.
* Niederlahustein, 27. Nov. 1909. In dem Abort eines Wagens 2. Klaffe des v.Zuges 67 Frankfurt-Köln ist gestern die Leiche eines jungen Mannes gefunden worden. Die Schlagader war durchgeschnitten.
vermischter.
* Hochwasser führen seit Samstag Eder, Diemel, Leine, Ruhme, Werra und obere Saale.
* Etikette und Fischgräte. Die englischen Blätter, die so gerne die freien Zustände Englands betonen, erzählen bewundernd, daß jüngst die Prinzessin Luise von Battenberg, die Großnichte König Eduards, als ihr bei der Hostafel eine Fischgräte in die Kehle geriet, alle Etikette beiseite ließ, schnell in eine Droschke sprang und sich nach dem nächsten städüschen Krankenhause fahren ließ. Ja, sollte die Dame denn mit der Fischgräte im Halse ruhig sitzen bleiben.
*§ Die Ermordung des Fürsten Ito auf dem Bahnhofe in Charbin ist zufällig kinematogra- phisch s ix i e r t worden. Dem Photographen sind bereits 150 000 Rubel für die Aufnahme geboten worden, er verlangt jedoch noch mehr.
Literarischem
Ernte und Aufbewahrung frischen ObfteS während des Winters, sowie Sortieren, Verpacken und . Versenden des Obstes. Von Heinr. @ aer b t
Fünfte Auflage. Von Otto Bißmann, Herzog!. Obstbauinspktor in Gotha. Mit einem Anhänge:, Ungefähre Reife- und Pflückzett einer größeren Anzahl Äepsel- und Biruensorten u. Mindestgewicht einer Frucht I. Wahl. Mit 40 Abbildungen im Test. Verlag von Trowitzsch u. Sohn in Frankfurt a. Oder. Preis 1,80 Mark.
Das vorliegende Büchlein will der Hausfrau ein praktischer Berater sein, ihr zeigen, wie sie ihre Win- tervorräte an Achseln und Birnen, aber auch Steinobst, Schalenobst und Beerenobst in der einfachsten Weise aufbewahren muß und welche Mittel anzuwenden sind, um es stets frisch, schmackhaft und schön zu erhalten. Dann aber will es besonders den praktischen Obstzüchter in allen den vielen einschlägigen Arbeiten unterstützen, die zum Ausbewahren im großen erforderlich sind, und ihn anleiten, bei immer knapper werdendem Angebote der stets vorhandenen Nachfrage nach frischem Obste gegenüber die besten Preise zu erzielen. i
«Zweites Wtcrtt.
O Das Grotzblockpräfidiunr im
. Musterländle.
Der Großblock in Baden hat also doch sich nicht ischeut zu tun, was vor kurzem der nationalliberale stannh. Generalanzeiger noch als „schlimmsten nd brutalsten Gewaltstreich" gekennzeichnet it. Die Präsidentenwahl im badischen Landtage rächte unter rücksichtsloser Verletzung der Rechte er stärksten Partei dem nationalliberalen Rohrhurst, em Vertreter der drittstärksten, das Ehrenamt des asten Präsidenten. Da das Zentrum sich dafür chankte, von der Gnade des Großblocks den Posten pes Vizepräsidenten anzunehmen, wurde ein Sozial- emokrat zum ersten und ein Demokrat zum zweiten äzepräsidenten gewählt. Der Block ist also unter ch. Auch die Posten der Sekretäre wurden mit ier Großblockabgeordneten beseht.
Da haben wir das erhebende Schauspiel der Offiziellen Thronbesteigung und Krönung des Groß-
Die Präsidentenwahl hat auss deutlichste alle le liberalen Politiker Lügen gestraft, die das na- jonale Gewiffen ihrer Wähler mit der Ausrede chzuschläfern suchten, der badische Großblock habe itr die Bedeutung eines taktischen Abkommens ge- ftbt. Nein, es galt die Erzielung einer festen Najorität der Linken zur Uebernahme der »ar lamentarischen Geschäftsführung unter Ausschluß des Zentrums und der Kon» ervativen. Die badischen Liberalen haben Nierals im Ernste daran gedacht, den Großblock nach slücklich verlaufener Wahlschlacht außer Kraft zu )tzen. Kürzlich kennzeichnete die ,Franks. Ztg/ die lüfgabe der Stunde dahin:
„Das Stichwahlabkommen galt der Abwehr einer St die politische Entwickelung des Landes äußerst ge- iihrlichen Mehrheft der Rechten. Dieses Ziel ist ein et sich negatives; wie aber einige Ueberlegung zeigt, Meßt es ein sehr positives in sich: Hintanhaltung er Reaktion, um an ihrer Stelle eine fortschrittliche bftwickelung zu sichern. Es ist also nicht so, daß tun nach den Wahlen, nachdem es gelungen ist, dem packer'schen Bormarsch ein Hall zu gebieten, die zur lbwchr verbunden gewesenen Parteien ihre Aufgabe chon erfüllt hätten. Das Stichwahlbündnis muß zu Inet Arbeitsgemeinschaft in der Kammer sich rweitern. Nachdem der Feind geschlagen ist, muß in *r parlamentarischen Arbeit feine Verfolgung cmfge- jomnten werden. Und das geschieht am erfolgver- «ißendsten und für das BolkSganze am besten, wenn 'er durch die Wahlen zum Ausdruck gekommene Wille er Wählerschaft in der gesetzgeberischen Arbeit respek- iert wird."
Die Präsidentenwahl hat gezeigt, daß die badi- jchen Liberalen so gut rote die Sozialdemokraten knet Mahnung ihr Ohr nicht verschlossen haben, pie wollen gemeinsam die Geschicke des Landes eiten. Die blau-roten Herrschaften sind ganz unter ich, und da die Sozialdemokraten das Heft in der Hand haben, wird die Welt demnächst Zeuge Jein, pie das „Musterländle" parlamentarisch sozial« «emokratisch regiert wird. Das Zentrum sann dieser Entwickelung der Dinge gehobenen Gestütes zuschen und ruhig abwarten, bis mau sich silfesuchmd an es wenden wird. Der badischen Regierung möchte man zu dem blau-roten Regiment eigentlich gratulieren, denn sie hat unbeftreit- >are „Verdienste" um dessen Zustandekommen da- wd), daß sie die infame Steucrhetze gegen Zentrum tttb Konservative Monate hindurch gewährm ließ, »hne auch nur das geringste dagegen zu tun.
ES würde eine folgenschwere Verkennung der gegenwärtigen politischen Situation fein, wenn man n dem Großblock nur eine badische Spezialität »scheu sollte. Gewiß, Baden ist auf dem Wege »er Verbündung von Liberalen und Sozialdemokra- je» .am weitesten vorangeschritten, aber es ist der
Wegweiser für das ganze Reich. Es ist in Wahrheft das .Musterland". Die Entwiilung, die in Baden zum Großblock geführt hat, ist anderwärts gleichfalls im Gange, sie ist nur noch nicht so weit vorgeschritten.
Die Erfahrungen der letzten Wahlen in Sachsen, nicht minder wie in Baden, und ganz besonders der Gemeindewahlen im industriellen Westen, in Köln, Essen, Dortmund reden eine so deutliche Sprache, daß niemand sie überhören kann.
Deutsches Reich.
X Der Bundesratsausschufi für auswärtige Angelegenheiten ist am Samstag unter dem Vorsitz des Reichskanzlers v. Bethmann-Holl- weg zusammengetreten, da der Reichskanzler an- geblich den Wunsch hatte, sich über die deutsch- englischen Beziehungen auszusprechen. Dem Ausschuß gehören zur Zeit außer den Bevollmäch- tigten der drei Königreiche die von Baden und Mecklenburg-Schwerin an, und diese fünf Staaten waren durch ihre leitenden Minister vertreten. Ihnen zu Ehren fand abends ein Festmahl beim Reichskanzler statt.
-j- Als Schildhalter des Polentums bezeichnet die ^reuzztg/ das Zentrum unter Bezugnahme auf polen freundliche Steuerungen beim roestpreußischen Zentrumsparteitag und auf Vorgänge bei der Kattowitzer Gemeindewahl, wo Zentrum und Polen gemeinsam vorgingen. Sie schreibt:
„Gewiß, das Zentrum hat von jeher gegen das Polentum weitgehende Konnivenz geübt. Aber gerade das oberschlefische Zentrum nahm in dieser Beziehung unter seiner aristokratischen Führung eine abweichende Haltung ein, und auch in Westpreußen, wo eine allgemeine Organisation bisher fehlte, ist man von national- politischen Bestrebungen von feiten des Zentrums vielfach mit bewußter Entschiedenheit entgegengetreten. Wenn das Zentrum sich jetzt in diesen beiden Provinzen (in Pofen kommt es ja nicht in Betracht) in der Weise, wie es die obigen Kundgebungen erkennen lassen, mit der nationakpolitischen Bewegung identistziert, so wird das auf fein allgemeines Verhältnis zur Regierung und zu den rechtsstehenden Parteien eine Wirkung ausüben müssen, die wir umsomehr bedauern würden, als bei der neuerlichen Entwicklung des Linksliberalismus zur Sozialdemokratie hinüber ein festeres Zusammenstehen der staatserhaltenden bürgerlichen Parteien höchst wünschenswert wäre."
Wenn die .Kreuzztg/ der Ansicht sein sollte, daß die gesamte polnische Bevölkerung in Preußen den großpolnischen Bestrebungen anhänge und auf die LoSreißung der östlichen Provinzen von Preußen hinarbeite, so möge sie sich an die Zustimmung der polnischen Fraktion zur Reichsfinanzreform erinnern; die doch sicherlich alles andere war, als ein Akt deutschfeindlicher und revolutionärer Bestrebungen. Im übrigen aber wird uns auch die Gegnerschaft der Konservativen nicht im geringsten davon abbalten, die berech- tigten Forderungen der polnischen Bevölkerung zu unterstützen. Wir sind der Ansicht, daß es dem Staatswohl viel gedeihlicher fein wird, wenn der staatstreue Teil der polnischen Bevölkerung in seiner Treue befestigt, als wenn auch er durch hetzerische Maßnahmen in das feindliche Lager hineingetrieben wird.
Ausland.
** Das österreichische Abgeordnetenhaus ist arbeitsfähig. _
Bekanntlich war das AbgeordnetenhMis durch die von den tschechischen Oppositionsparteien cingebrach-
ten Dringlichkeitsanträge zur Nationalitätenfrage feit Beginn der Seffion in seiner parlamentarischen Tä- tiokeit lahmgelegt worden. Am Freftag schlug der Abg. Stölzl die Bildung eines Ausschuss es vor, der die nationalen Angelegenheiten zu regeln, die hiermit zusammenhängenden Gesetzentwürfe und Anträge, die in Zukunft dem Ausschuß überwiesen werden, zu beraten und dem Hause hierüber zu berichten haben soll. Tie Generalredner Seitz und Fuchs ecklärten, daß sie im Interesse normaler parlamentarischer Verhältnisse und des nationalen Friedens für den ??(ntrag stimmen würden. Nach einer Reihe tatsächlicher Berichtigungen erltürte der Abgeordnete Kramarz (gemäßigter Tscheche), dem Anfrage Stölzl beizutreten und betonte, die Tschechen wollten einen ehrlichen Frieden, worauf der Antrag Stölzl gegen die lärmenden Tschechisch-Radikalen angenommen wurde. Rach zwölfstündiger Sitzung wurde die Beratung geschloffen. Die nächste Sitzung findet am Dienstag statt. Auf der Tagesordnung sieht die erste Lesung des Budgetprovisoriums.
** Unserem italienischen „Bundesgenossen", der sich in letzter Zeit mehrfach gegen Deutschland und Oesterreich höchst unbrüderlich benahm, wird in einem Telegramm der .Kölnischen Ztg/ das augenscheinlich aus maßgebenden Berliner Regierungskreisen stammt, schonungslos den Kopf zurechtgesetzt:
Man scheint, so heißt es, in Italien vielfach der Ansicht zu sein, daß der Dreibund für Italien nicht das geleistet habe, was er versprach, sowohl politisch als auch wirtschaftlich. Es wäre nicht schwer, gegenüber den italienischen Klagen eine Gegenrechnung auszustellen, aber man darf darauf um so eher verzichten, als der Unbefriebigung, die vielfach in der italienischen Presse sestgestellt werden muß, eine Haltung der italienischen Regierung gegenübersteht, die nicht auf diesen Punkt abgestimmt ist. Der große Borteil, ben Italien von feinem Verhältnis zu Deutschland und vom Dreibunde gehabt hat, besteht ganz offenbar darin, daß es sich durch dreißig Jahre ungefährdet entwickeln und seine Kräfte ruhig dem inneren Ausbau widmen konnte. Unbegründet sind insbesondere die Klagen über eine wirtschaftliche Zurückstellung Italiens durch Deutschland. Es ist selbstverständlich, daß wir bei unseren wirtschaftlichen Beziehungen in erster Linie die Interessen unseres eigenen Landes in Betracht ziehen; darüber hinausgehend, haben wir aber den Italienern mit Rücksicht ans unser Bundes« Verhältnis so große Zugeständnisse gemacht, wie sie nur immer möglich waren.
* Eine neue norwegische Eisenbahnstrecke, d i e Bergen mit Christiania verbindet und die bisher nur zum Teil ausgefiihtt war, fft vollendet und dem Verkehr übergeben worden. Die neue Bahn ist von größter w i r t s ch a f t l. Bedeutung und von internationaler Wichtigkeit, da sie die Fortsetzung des Rahusystems von der Nordsee nach Ostasieu durch Schweden und Rußland bedeutet.
* Ein blutiger Zusammenstoß fand, tote türkische Blätter melden, zwischen den türkischen Truppen und den aufständischen Stämmen von Muntefik statt. Die Aufständischen sollen über zwei- hundert, die türkischen Truppen sechzig Mann verloren haben.
Aus dem Nachbargebiete.
* Friedberg, 27. Nov. 1909. Der schon lange andauernde Prozeß der Stadt Friedberg mft Bad Nauheim wegen Einführung der Abwässer in die Ufa wurde heute endgültig zu Gunsten Friedbergs entschieden. Ter Provinzialausschuß hat bestimmt, daß Bad Nauheim von jetzt ab keine Ab- wäffer mehr in die Ufa leiten darf.
* Weftburg, 25. Nov. 1909. Die Stadtverwaltung beabsichtigt der Errichtung eines Elektrizi-
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Kleines Feuilleton
— Neuer Beitrag zur Zigeunerforschung. Den Kuden gleich sind fett Jahrhunderten die Zigeuner Xttter den Völkern der Erde zerstreut. Man begegnet ihnen als seßhaften Familien oder wandernden Zügen in Persien, Nordafrika, Kleinasien, auch in Amerika. In Europa findet man sie an allen Enden, hn kalten Norden wie im fernen Süden. Auf deutschem Boden zeigen sie sich nachweislich feit 1417. Weder unmenschlich strenge Edikte der Landesobrig- teiten noch Reichspolizeiverordnungen vom ausgehenden Mittelalter bis in die Neuzeit konnten die Fremdlinge vettreiben. Dunkel wie die Herkunft der Zigeuner ist ihre Geschichte. Sie selbst behaupteten, aus Aegypten zu stammen; bei vielen Völkern hießen sie früher dementsprechend, zum Beispiel bei den Fran- fepfen Egptiens. Doch die Untersuchung ihrer Sprache, die, wie um die Mitte des vorigen Jahrhunderts streng wissenschaftlich festgestellt wurde, mit der indischen Sprache, namentlich mit dem Sanskrit verwandt ist, weist auf Hindostan hin. Neben der Zigeunersprache und ihren Mundarten hat man das ganze Wesen des Nolles zu ergründen versucht, und zahlreiche Arbetten deutscher und fremder Gelehrten sind der Zigeuner- forschung gewidmet. Den neuesten Beitrag liefert Fr. W. Brepohl in seinem Auffatze Die Zigeuner wach Geschickte, Religion und Sitte. (Zeitschrift Religion und Geisteskultnr UI, 4. Heft; auch als Son- derdruck im Verlage von Dandenhoeck und Ruprecht, Köttingen 1909.) Der Verfaffer urteilt vielfach auf «Grund eigener. Erfahrungen und Beobachtungen, die er auf Streifzügen durch Dörfer ungarischer Zigeu- wer, dm bekanntesten unter allen, machte. Er spricht ^uber ihre Verlogenheit gegen andere, ihre Ehrlichkeit Mgen stammesgenossen, überhaupt ihre moralischen Vigenfdjaften. Nach seiner Auffassung ist in rein ^engwfer.Hinsicht die Vorstellung des Zigeuners von ^nnem näheren Wesen unklar und verschwommen. .Einen Schöpfungsbericht kennen die transstlvanischen c’geuner, den Brepohl in großen Zügen nach Wlis-
loki ,dem besten Kenner der Volksdichtung der ungarischen Zigeuner, wiedergibt. Auch ihren praktischen Katholizismus — dem Namen nach bekennen sich die Zigeuner unter den Christen ausnahmslos als römische. oder griechisch-orthodoxe Katholiken — beleuchtet der Verfasser. Die Sakramente der Taufe und Ehe taffen sie, aus materiellen Gründen, mehrfach spenden, so die Wanderzigeuner, um gutherzige Men- lchen zu Geld- und anderen Spenden zu veranlassen. Im übrigen gibt es nut Zwangsheirotten bei ihnen, deren Hergang der Verfasser schildert. Sonst geht er noch in manchen Einzclzügen aus die Lebensweise des Volkes ein und hebt seine Pietät den Toten gegenüber besonders hewor. Letztere äußert sich z. B. durch die eigenartige Sitte, auf das Grab eines Stammes- genoffen beim Vorübergehen einige -Tropfen Bier, Wein oder Branntivein zu gießen. Der Verfasser hält dafür, daß das Zigeunervolk für das praktische Christentum zu gewinnen und auch ethisch zu er- zrehen fei, überhaupt bildungsfähig fei; liebevolle Beeinflussung müsse an die Stelle der polizeilichen Befehle und der durch Unverstand hervorgerufeneu Bosheiten gegen sie treten. Et erwähnt, daß in neuerer Zett der Gedanke der Zigeunermisston in evangelischen Kreisen wieder lebendig geworden sei. Jedenfalls muß, wer die Zigeuner gewinnen will, thre Eigenart kennen und mehr noch ihre Sprache. Nützlich sind daher Arbeiten wie die vorliegende, die guten Aufschluß über die Eigenart des Volkes gibt. (Eine Zigeunermission von katbolischer Seite ift mit gittern Erfolge im Wittgensteinschen (Westfalen) versucht worden.)
— Der Smtnenfee des Mars. Der Direktor der Pariser Sternwatte, Herr Camille Flammarion, äußert sich im „Newyoick Herald" zu der jüngst aufgestellten Behauptung, daß sich auf" dem Mars eine furchtbare Katastrophe ereignet habe. Herr Flammarion sagt: „Was uns bisher überraschte, war die schnelle und stetige Veränderung des Mars. Diese Veränderungen können noch nicht endgültig beurteilt werden, aber sie tragen sicher keinen katastrophalen Charakter, denn sie spielen sich weder gewaltsam noch plötzlich ab. Die Verschiebung der Pole, die anschei
nend so lebhafte Befürchtungen weckt, kehrt alljährlich wieder. Dagegen sind andere Vorgänge auf dem Mars noch völlig rätselhaft, so etwa die Veränderungen in jenem Marsland, das man den Sonnensee genannt hat. Das ist ein runder oder ovaler Fleck auf der Marsobersläche, etwa von der Größe Frankreichs. Manchmal erscheint dieser Fleck ganz rund, manchmal länglich, manchmal einfach, manchmal doppett oder dreifach. Er ist von zahlreichen Kanälen umgeben und auch diese verändern sich je nach den Jahreszeiten. In diesem Jahre sind die Wandlungen ganz besonders deutlich gewesen, wenngleich noch nicht deutlich genug, um sie zu erklären. Ist das Wasser oder Vegetation? Aber aus allem schließen wir nicht auf ein Ende des Mars, sondern im Gegenteil auf eine wunderbare Lebenskraft. Der Mars ist eine lebende Welt, wir sind mir noch nicht imstande, sie deutlich genug zu beobachten. Aber es unterliegt keinem Zweifel, daß wir eines Tages über die Mittel Verfügen werden, um unserem Wissensdrang Befriedigung zu verschaffen =p.
— Besondere Klaffen für begabte VollsschAer. Eine Neuerung auf dem Gebiete des Volksschul- wesens wird in Charlottenburg «»geführt. Der Magistrat schlägt den Stadtverordneten vor, den 8-Klaffen für schwächere Kinder, sogenannte ä-Klaffen für die über das Durchschnfttsmaß erheblich hinansragenden Schüler gegenüber zu stellen. Die L-Klaffen sollen in vier aufsteigenden Stufen mit je einjährigem Pensum zu einer über das Ziel der Volksschule hinausragenden Bildung führen. Es soll jedoch nicht, wie e8 sonst auf mittleren Schulen der Fall ist, durch Zahlung von Schulgeld ein Platz gesichert werden, sondern allein die Leistungsfähigkeit der Schüler nach dem Urteil der zuständigen Schulmänner soll den Zutritt zu den L-Klassen ermöglichen. Der Magistrat hofft auf diese Weife dem Mittelstände, insbesondere dem Kaufmanns- und Handwerkerberuf, mehr als biifoer befähigte und gründlich oorgebildete junge Kräfte zuzuführen. In den L-Klaffen, mit deren Einrichtung Ostern 1910 begonnen werden wird, soll ebenso wie an den mittleren und höheren Lehranstalten
eine Fremdsprache mit dem übrigen Schulunterricht verbunden werden. Die Einrichtung der L-Klaffen ist so gedacht, daß die tüchtigsten Schüler der Nor-" maltlasse IV, welche bei ihrer Versetzung nicht nach der Sexta einer höheren Lehranstalt übergehen, in besonderen Klaffen zusammengefaßt und nach einem besonderen Lehrplan mit einer Fremdsprache unterrichtet wurde. Schüler der L-Klaffen, welche au8 äußeren Gründen das Ziel der obersten Klaffe noch nicht erreicht haben, dürfen noch ein halb bis ein Jahr über das schulpflichtige Alter hinaus die Schule besuchen. Die Aufnahme in das L-System soll durch die Schuldepntation auf Vorschlag der Versetzungskonferenz mit Zustimmung des Rektors und des Schularztes erfolgen.
— Einige v-Schncllzüge Berlin—Köln legen jetzt dem „Konf." zufolge die Strecke Berlin—Hannover (254 Kilometer) ohne Aufenthalt und ohne unterwegs Waffer aufzunehmen, zurück. Bei dieser Höchstgeschwindigkeit müssen die gewaltigen Treibräder der für diesen Dienst herangezogenen vierzylindrigen Verbund-SchnellzuB'Lokomotiven nicht weniger als 295 Umdrehungen in der Minute machen. Der Kohlenverbrauch beträgt 11 bis 12 Tonnen für 1000 Kilometer. Aeltere Maschinen brauchen bei geringerer Leistung erheblich mehr Kohlen. Die Lokomotivführer und -Heizer werden bet diesen Schnellfahrten nicht mehr angestrengt als bei gewöhnlichen Fahrten.
— Heimgckehrte Wörter. Die Vorliebe der Deutschen für Frrmdwörtn hat sie zur Entlehnung fremdsprachiger Ausdrücke veranlaßt, welche ursprünglich deutsch^ Sprachgut waren und in der ausländischen Vermummung nur nicht gleich erkannt wurden. So ist der stolze „Marschall", ehe er nach Fmnkreich herüber geholt wurde, ein simpler deutscher Stallknecht, ein „Marschall" gewesen, der gestrenge „Pedell" ist aus dem alten deutschen „Büttel" entstanden. Der „Faltstuhl" unserer Altvordern wurde als „Fauteuil" aus Frankreich heimgebracht, während sich der „Schmelz" im Angelsächsischen „smelt" erst in „Email" verwandelte, ehe er wiederkehrte.