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üotationrdruckund Verlag der Fuldaer Ak- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.
JW >272*
Fulda, Samstag
den 27. November 1909.
36. Jahrgang.
Wlatt.
Wochen-Hundschau.
[:] Fulda, 26. November 1909.
„Seine Majestät wünscht, daß ich im Amt bleibe!" Mit diesen Worten verließ Fürst Bulow am 17. November des vorigen Jahres das Neue Palais bet Potsdam. Er hatte gesiegt. Kaiser Wilhelm hatte einen Akt der Selbstverleugnung geübt, dessen Größe uns erst Leute klar ist, nachdem es offenbar geworden, welch zweifelhaft« Rollen in diesem Trauerspiel gesptelt wur» den. — Wenige Monate später hatte Deutschland einen Ezkanzler. Das triumphierende Wort am Palais zu Potsdam machte dem Hamburger Zeitungsartikel Platz, in welchem ein Gestürzter seinen Zom in Tinte tauchte. Und die staunende Mitwelt erkannte, daß die Kroßen dieser Zeit sehr «ein sind. Epigonen! —
Die neue Reichstazssession wirst immer merklicher ihre Schatten voraus. Ter Bundesrat ist gegenwärtig eifrig mit dem neuen Etat beschäftigt, damit er dem Parlament sofort nach der Eröffnung am Dienstag zugehen kann. Einzelne Etats sind bereits, wenigstens in ihren Hauptpunkten, veröffentlicht worden und fasten erkennen, daß die Reichsregiemng sich bemüht, Mehr Sparsamkeit zu Ehren kommen zu lassen. Im ädrigen hüllt man sich über die dem Reichstage zuge- dachten Arbeiten noch in tiefstes Schweigen. Von den bundesstaatlichen Parlamenten, die schon seit kürzerer -der längerer Zett tragen, ist nicht viel zu melden. Der jnecklenburgische Landtag oder vielmehr die Mecklenburgische Ritterschaft will immer noch nicht dar- Zn, dem Lande die Verfassungsreform zu gewähren. Diese wurde von ihr in einer Vorbesprechung, die in Den letzten Tagen stattfand, schlankweg abgelehnt. Der badische Landtag ist nunmehr mich znsammen- zrtreten, und es wird sich bald zeigen, wie es mit dem rationalltbecalen-sozialdemokratischen „Großblock"steht. Daß die Rationalliberalen mit den Sozialdemokraten ?egen das Zentrum und die Konservativen zusanmten «ibeiten wollen, darüber besteht kein Zweifel mehr. Rur 5ft die Frage, ob die Sozialdemokraten in allen Punk- rn mitmachen wollen. Ueberhaupt nehmen die natio- »olliberalen Blätter des Reiches den Kampf gegen die Sozialdemokratie nicht mehr ernst.
Am letzten Montag hat im Reichstagswahlkreise Landsber g-S o l d i n die Stichwahl zwischen dem ivnservativen und dem sozialdemokratischen Kandidaten jtattgefunden. Der Konservative hat über den Sozialdemokraten knapp gesiegt. Dec 1906 national etikettierte Freisinn ist natürlich dem roten Bruder beigesprungen, obschon dieser ihn noch vor kurzem („Vor- wärts") einen „politischen Roßtäuscher" und „moralischen Eunuchen" nannte. Diese grobkörnige Epitheta steckte der Freisinn von heute mit einem „Was sich liebt, das neckt sich" ein.
> Innerhalb der Mittelstandskreise vollzieht sich schon seit Wochen eine Scheidung der Geister, die church die Gründung des Hansabundes hervorgerufen wurde. Eine Leipziger Versammlung der Mittelstands- Vereinigung hat sich von den Berliner „Führern" des Mittelstandes losgesagt, da sie mit dem Hansabunde nichts zu tun haben will. Demgegenüber wird jetzt erklätt, die Leipziger Tagung fei nur von den Gegnern des Hansabundes besucht gewesen, während die offizielle Tagung der Mittelstandsvereinigung am nächsten Sonntag in Berlin erfolge. Warum aber hatten denn dann die Berliner Herren Rahacdt und Richt ebenfalls die Leipziger Versammlung besucht?
Die „B o r u s s e n in Bonn sind erstklassige Men- schen. Monatswechsel 2000 Mk., alter Adel oder hohe Protektion — erste Bedingungen zum Eintritt in das feudalste Korps. Alles erstklassig-privilegiert. Und darum ist es doch unerhört, daß der Polizist in Mehlem, den man beim Bierhock gründlich verhaute, gegen die Prügel protestiert Widerstand gegen die Staats
gewalt, nennen die Philister die Exekution seitens der korpsherrltchen Freiheit. Und der „Fall Veith". Dieser katholische Einjährig-Freiwillige Unteroffizier, der die Satisfaktion verweigett, wird von den Weiß-Stür- mem nachts um 3 Uhr in seinem Zimmer ausgesucht und nach dem „Knüppel-Komment" hergenommen. Mißhandelt, sagt der Philister. Die hohe Universitätsbehörde diktiert die fürchterliche Strafe: Verbot des Farben-Tragens für einige Monate! O milder Richter! — Und diese jungen Herren, welche die Autoritär des Gesetzes so brutal mißachten, nehmen dereinst die ersten Stellungen im Reich und im Staate ein! Und da wundert mau sich, daß die Sozialdemokraten immer mehr Zulauf erhalten.
In O e ft e r r e i ch-U ngarn muß man sich daran gewöhnen, daß, >oas anderswo Ausnahmezustand ist, als das Normale anzusehen. Wer für die ungarische Krise aus der Spaltung der Unabhängigkeitspar- tei die Hoffnung auf eine baldige Gesundung der Ver- hältniffe geschöpft hatte, der muß sich nun enttäuscht sehen. Es ist wieder mal nichts damit geworden. Allerdings scheint man neuestens, nach irnzähligen Audienzen und Ministerräten anzunehmen, daß An- drassy, der Führer der 67er Partei die Bildung des parlamentarischen Kabinetts übernehmen werde. In der Tat hat er sehr ernstlich mit dem Kaiser unterhandelt, sodaß stellenweise die Bildung eines Kabinetts durch ihn, unterstützt durch den gemauferten nngemau- serten Kossuth in sichere Aussicht gestellt wurde. Aber was nützt das alles, wenn doch nichts daraus wird? Aussichtslos erweisen sich auch die österreichischen Par- lamentsverhältniffe; die Slaven wollen ihre Obstruktion nicht auf geben, sie wollen auf widerrechtliche Weise die Umgestaltung des österreichischen Kabinetts erzwin- gen, und so sind also auch hier die Verhältnisse ziemlich hoffnungslos.
Vermutlich wird man in der nächsten Zeit viel von Vorgängen in Finnland lesen, da die russische Regierung einen erneuten Versuch macht, das einigermaßen selbständige Finnland immer mehr unter die russische Knute zu bringen.
In Frankreich scheint ein neuer Geist zu erwachen. Brutal haben die Christentumshaffer die Kirche und ihre Diener beraubt, entrechtet und vertrieben; und die übrige Welt fragte sich erstaunt: Läßt sich das katholische Volk das gefallen? Wann erwacht es? Der neueste Akt der Feindseligkeit, die Klage der sozialistischen Lehrer gegen die um die christliche Erziehung der Jugend besorgten Bischöfe, scheint der Tropfen zu werden, der das übervolle Moß der Geduld zum Ueberiaufen bringt. Eine große katholische Pariei ist im Entstehen begriffen; und rbie nächsten Wahlen (1910) werden zeigen, ob der Glaube in Frankreich neu auflebt und zu Taten sich aufschwingt! —
Ein V e r f a s s u n g s kam p f ist in England ausgebrochen. Das liberale Ministerium hat ein Steuerbudget vorgelegt, um das Defizit voll 1000 Millionen zu tilgen. Das in seiner Mehrheit liberale Unterhaus nahm die Vorlage an, das konservative Oberhaus, das Parlament der Lords, zögert sie anzu- nehmen. In dem augenblicklichen Stadium der Be- ratungen ist es unmöglich, die Lösung der Krisis mit Bestimmtheit vorauszusagen. Das Oberhaus wählt ollem Anscheine nach noch zwischen Krieg und Frieden.
In China schestit die Stimmung der Regierung fortwährend umzuschlagen. Wie jetzt gemeldet wird, ist der wichtige Posten des Vizekönigs von Tschili dem fremdenfeindlich gesinnten Ehen-Kueilung übertragen worden.
Die Vereinigten Staaten gehen mal wie- der auf Raub aus. Der Bürgerkrieg in dem zentral- amerikanischen Staate Nicaragua hat ihnen den schon längst gewünschten Anlaß gegeben, den ihnen keineswegs gefügige Nicaraguanern ihre Macht zu zeigen.
+ Grotzblock-Taktik.
Mtt diesem nicht unzeitgemäßen Thema beschäftigt sich neuerdings Professor v. S a v i g n y (Münster) in der „Deutschen Wacht", der Wochenschrift der Deutschen Vereinigung, der bekannten zentrumsfeind- lichen Gründung.
Er weist darauf hin, daß diese „neue Moral" zunächst bei den Stichwahlen in Erscheinung getreten sei. Jenseits von Gut und Böse walte da nicht selten allein der „Rechenstift". Das Delirium des Partei- Haffes zeige bürgerliche Gegner sich gegenseitig als das „größere liebel" im Vergleich mit der Sozialdemokratie. In den letzten Jahren fei man aber weit darüber hinausgegangen: an die Stelle jener Augenblicksverwirrung der Stichwahlen im Einzelsalle, deren man sich rasch schämte, spaziere man nun ganz offen Arm in Arm mit dem roten Verbündeten. Dem Zentrum macht Profeffor v. Savigny den Vorwurf, daß es — in Bayern — den ersten offenen und gmndsätzlichen Schritt vom Wege getan habe. Die Zentrumspolitik bei der letzten Reichstagswahl sei ein „gemeindeutscher Skandal" gewesen, denn die Sozialdemokratie verdanke ein volles Drittel ihres Besitzstandes den „Zentrumsnothelfern". Die Liberalen in Baden von 1905 und 1909 können natürlich bei dieser Kritik nicht völlig ungeschoren bleiben. Aber das Hauptärgernis ist Herrn v. Savignh selbstverständlich auf feiten des Zentrums zil bestehen.
Wir wollen heute nicht nochmals auf den grundlegenden Unterschied Hinweisen, den ein gelegentliches und in seinen politischen Folgen harmloses Wahlbündnis mit der Sozialdemokratie wie das bayerische zur Durchsetzung einer ganz bestimmten, einzelnen Forderung gegenüber einer Wahlunterstützung bedenket, welche die allgemeine Orientierung der gesamten Politik beeinflußt und die Sozialdemokratie zur praktischen Mitarbeit an der Gesamtheit der parlamentarischen Aufgaben heranzuziehen sucht. Wer den Unterschied nicht einsehen will, der sieht ihn eben nicht ein, und viele Leute wollen es nicht einsehen. Halten wir uns darum nur an die Tatsachen, die Herr v. Savigny vorbringt. Er wirft dem Zentrum vor, daß es durch sein bekanntes Wahlbündnis mit der Sozialdemokratie in Bayern die Umsturzpartei gleichsam zuerst offiziell als bündnisfähig proklamiert habe. Das dürfte nicht ganz richtig sein. Schon bei den Reichstagswahlen im Jahre 1 8 8 4 ist die Sozialdemokratie als bündnisfähig anerkannt worden und zwar von den Nationalliberalen. Schon am 6. November 1884 hat die „Köln. Zeitung" cs ausgesprochen:
„Wir hallen es für eine richtige Taktik, bei den Stichwahlen offen zu bekunden, daß wir den Sozial- b emo traten nicht als den durchaus schlimmsten Feind bebandelt willen wollten"
Diese „richtige Taktik" ist bann in Solingen, München 2 und Hannover mit Erfolg geübt worden. Wenn jemals für eine Partei ein Anlaß bestanden hätte, mit der Sozialdemokratie ein Wahlbündnis einzugehen, so war es der Fall für das Zentrum, als es von dem Fürsten Bülow in eine Reihe der Vaterlandsfeinde mit der Sozialdemokratie gestellt und dem heftigsten Kampfe ausgesetzt wurde. Trotzdem ist ein Wahlbündnis mit der So- zialdemokratie nicht abgeschlossen worden. Was es mit dem angeblichen schwarz- roten Kartell bei den letzten Reichstagswahlen auf sich hat, das hat kürzlich Bruno Brandy in der „Sozialen Revue" auf Grund statistischer Untersuchungen der Wahlziffer unwiderleglich dahin festgestellt:
Die Soualdemokraten hätten in 10 Streifen den Sieg des Zentrums verhindern können, tatsächlich haben sie in 8 dieser Kreise das Zentrum zu Gunsten der Liberalen zu Fall gebracht; daS Zentrum dagegen bat den Sieg der Sozialdemokraten in 6 Kreisen ermöglicht, in 14 aber verhindert. Das ist der respektable Erfolg des angeblichen „schwarz-roten Wahlkartells" bet den Reichstagswahlen 1907. Tatsache ist dagegen, daß bet diesen Wahlen die Nationalliberalen ein Wahlbündnis mit der
Sozialdemokratie gesucht haben. Bebel hat dem Abg. Baffermann in der Reichstagssitzung vom 26. Februar 1907 folgendes Spiegelbild unter die Nase gehalten: „Auch bei den letzten Wahlen haben die Nationalliberalen uns wiederholt zu gewinnen gesucht und Gegen,- lenste in Aussicht gestellt. (Hört! Hört! im Zentr.; Unruhe bet den Natltb.) Die Nationalliberalen in Freiburg haben sich bereit erklärt, ihre Parteigenossen in Mainz und Köln zu veranlassen, für den Sozialdemokraten zu stimmen, falls wir die Nationallideraien in Freiburg unterstützen mürben. (Schallende Heiterkeit im Zentrum.) Und ähnlich war es in Gießen, Hildesheim und "Osnabrück. «Hört! Hört! tin Zentrum.^
Wenn man die Geschichte der Wahlbündnisse mit der Sozialdemokratie verfolgt, so kann es in Wahrheit keinem Zweifel unterliegen, daß von feiten der N a - tionallibernlen die Sozialdemokratie weit öfter und mit iveit mehr Erfolg als bundnisfähig anerkannt worden ist, als von feiten des Zentrums bet Sozialdemokrate eine Wahlunterstützung zuteil geworden unter grundsätzlicher Anerkennung des sozialdemokratischen Programms, wie wir dies jüngst von den badischen Nationalliberalen gesehen haben. Norddeutsche Blätter haben versucht, daß badische Großblockabkommen als eine Einzelerscheinung zu bezeichnen, die der nationafliberalen Partei als solcher nicht zur Last gelegt werden dürfe. Heute sehen wir attfs deutlichste, daß wenn bas badische Großblockabkommen eine Einzelerscheinung war, eS ober als solche symptomatischen Charakter trug. Fast wörtlich die Worte, welche ber badische nationalliberale Parteichef Obkircher in Freiburg gesprochen hat, finden wir wieder in einem naticnallibera- l e n Flugblatt, das bet den sächsischen Land- iagswahlen im 14. ländlichen Wahlkreise verbreitet wurde:
Ebenso lehrreich wie die Landtagswahlen in Baden und Sachsen sind die Gemeindewahlen, die augenblicklich in Preußen stattfinden. In Do rt- m u n d haben die Nationalliberalen der Sozialdemokratie in drei Bezirken den Sieg über bas Zentrum verschafft, in zwei weiteren Bezirken werden sie ihr den Sieg in der Stichwahl verschaffen. Bei ber Gemeinderatswahl in Altessen in der 3. Abteilung sind in der Stichwahl die Sozialdemokraten Mann für Mann für die liberalen Kandidaten eingetreten und haben dadurch das Zentrum zu Fall gebracht. Die Vorgänge in Essen bei bet letzten Stadtratswahl sind noch in frischer Erinnerung. Und in K ö l n hat es nicht an der Schuld der Nattonalibe- ralen gelegen, daß sie nicht in der Stichwahl zu Gunsten der sozialdemokratischen Kandidaten gegen das Zentrum den Ausschlag geben konnten.
Besserer Beweise bedarf es nicht, um zu erkennen, daß das Wahlbündnis mit der Sozialdemokratie heute allgemein die erste und wichtig st e Stell« in der nationalliberalen Wahlp olitik einnimmt. Die nächsten Reichstagswahlen werden dies in noch hellerer Klarheit hervortreten lassen. Auch in diesem Falle ergibt sich wieder, daß die Herren von bet „Deutschen Vereinigung" viel mehr Grund haben, mit ihrer Kritik bei ihren nationalliberalen Freunden zu beginnen als stets an dem gehaßten Zentrum sich zu reiben.
Deutsches Reich.
lieber „Steuerdruck, Bolksausplünderuug und rote Wahlen" hat dieser Tage in Elbing „Genosse" Horn aus Stettin geredet uud dabei gesagt, daß der Militarismus das deutsche Volk zu einer Nation von Bettlern macht. So« weit die sozialdemokratische Partei in Betracht kommt, scheint man von einer Nation von Bettlern nicht reden zu können. Die sozialdemokratische Partei hat die reichste Parteikaffe. Zudem haben die Genoffen über *V* Millionen Mark für den ganz ergebnislosen Generalstreik in Schweden verpulvert. Und drittens haben fneben
Hweites
Unpolitische Zeitkäufe.
(N.) Berlin, 25. November 1909.
(Nachdruck verboten.»
„Du bist verrückt, mein Kind." So sagt der Ver- Teibiget zu dem Angeklagten, mit dessen Sache es schlecht steht. Es wird eine umständliche Untersuchung über den Körper- und Geisteszustand des armen Sünders angestellt, und die Untersuchung dehnt sich aus bis auf die Großväter und Urgroßmutter von wegen der erblichen Belastung. Wer sucht, ber findet; etwas Rervenzuckungen und einige blödsinnige Streiche lassen sich in der feinsten Familienchronik entdecken. So wird denn der Angeklagte entweder für unzurechnungsfähig erklärt und freigesprochen, oder er wird als „min- derwertig" bezeichnet und kommt mtt einer abgemilder- ten Strafe davon. „Es lebe die Verrücktheit", ruft schließlich der Verteidiger und kommt sich selber recht vernünftig vor.
Nun ist, wie ich soeben in ber Berliner Zeitung am Mittag lese, ein hiesiger Medizinalrat noch einen Schritt weiter gegangen. In einem Vortrag hat er aus- geführi, es genüge nicht, den A n g e t la g t e n auf seinen Geisteszustand zu untersuchen, fonbem auch bie Zeugen müßten unter bie Lupe genommen werden. Sie haben ja s o o o o Recht, Herr Medizinalrat! Was dem Angeklagten recht ist, ist den Zeugen billig. Welch rin Vergnügen wird es fortan fein, als Zeuge vorgeladen zu werden. Schon bisher hatte diese Rose einige Dornen; aber künftig werden Zeugen mit Skorpionen gepeitscht. Sie, unglückseliger Belastungszeuge, haben Sie jemals irgend eine Ausschweifung begangen, die Ihre werten Geisteskräfte ungünstig hätte beeinflussen können? Wieviel Bier, Schnaps oder Bohnenkaffee pflegen Sie zu trinken? Haben Sie nachts schwere Träume? Haben Sie schon mal Nervenzuckungen oder Kopfschmerzen gehabt? Haben Sie nicht einmal schon Wutanfl sie gehabt, als Are Kinder die Spiegelscheibe entzwei warfen? Haben Sie nicht bie Großmutter Ihrer Kinder für einen Drachen erklärt? Gibt eS ober gab es in Ihrer Verwandschaft bis zum fünften Grade einen Menschen, ber schielte? Haben
Sie in Ihrer Jugenbzett nicht manchmal mehr Gelb ausgegeben, als Sie hatten? Besitzen Sie eine krankhafte Abneigung gegen gewisse Speisen, Getränke, Farben, Stoffe, Personen? Warum ziehen Sie Ihre Stirn kraus, wenn ich mich mit Ihnen unterhalte? — Und so weiter. DaS Ende des Verhörs ist alsdann die Uebertoeifung des Zeugen an eine Irrenanstalt behufs gründlicher Untersuchung seines Geisteszustandes.
Nun sagt das erwähnte Mittagsblatt mit Recht: wenn der Angeklagte und die Zeugen auf ihren Geisteszustand untersucht werden sollten, so könne man auch vor den Richtern, Schöffen unb Geschworenen nicht Halt wachen Auch deren Nerven und Gehirne müssen erst auf den Tisch des Hauses gelegt und gründlich auf ihre Gesundheit untersucht werden Von wem? Natürlich von den vereidigten Sachverständigen, den Herren Psychiatern ober Geistesärzten. Ja nun erhebt sich aber die große Schwierigkeit: Wer untersucht denn nun diese Professoren und Mebizinal- rfite auf ihren Geisteszustand? Wenn alle unterfuch- ungsbedürstig find, so fehlt es schließlich an der untersuchenden Autorität. Es kann doch nicht ein Verrückter den anbem Verrückten untersuchen. Wo ist der feste Punkt in diesem Meere der Verrücktheit? Wo ist der Mensch, ber aus sich selbst den überzeugenden Beweis zu führen vermag, daß er vernünftig ist?
Es ist schwer, sich in diesem Wirrwarr der gegenseitigen Anzweiflung zurecht zu finden. Ich entdecke keine andere Lösung des Rätsels, als bie Annahme: Wir Menschen find allzumal verrückt. Der eine etwas mehr, ber anbere etwas weniger. Die Halbverrückten sperren die Ganzverrückten ins Irrenhaus, unb die Mittelverrückten sperren die unruhigen Halbvev- rückten in» Gefängnis. Im Lande ber Stuben bilden die Einäugigen die Aristokratie. Wer noch einen Tett seiner sogenannten fünf Sinne beieinander hat, suhlt sich als-Normalmensch weit erhaben über seine Brü- btr, die ihre Verdrehtheit deutticher zutage treten lassen
Das klingt wie ein Scherz, aber es liegen doch bittere Wahrheiten in diesem Spott auf die menschliche Vernunft. Seien wir hübsch bescheiden, denn
wir gehören zu einem Menschengeschecht, das mit Armseligkeiten vollgestopft ist. Armselig ist unsere Körper- krast, armselig unsere Geisteskraft. Ringsum sehen wir menschliche Schwachheiten, Torheiten, Frevel Dir Leute tun Dinge, die aller verständigen Ueberlegung und allem gesunden Gefi'ihl Hohn sprechen. Unb doch sind es Menschen, wie wir. Wer bürgt uns dafür, daß unsere menschliche Natur nicht mich noch einmal in solcher Weise entarte? Bisher sind wir gnädig bewahrt geblieben vor solchen groben Verirrungen, die auf die Anflagebank ober ins Irrenhaus führen. Doch ist bas unser eigenes Berbienst? Wenn ungünstige äußere Verhältnffe auf uns einftürmten und die drinnen schlummernden verderblichen Triebkräfte losgekettet würden, — könnten wir dann nicht auch zu Handlungen forigeriffen werden, die man entweder für verbrecherisch, ober für verrückt erklärt? Also nur nicht pharisäisch den Kops hochheben und selbstgerecht über die 'Wankenden und Fallenden aburteilen!
Strafe muß sein, wenn ein Frevel begangen ist. Die Strafe ist ein unentbehrliches Mittel. um die Fre- beltaten einzuschränken. Wenn alle Menschen der Stimme ihrer Vernunft und ihres Gewissens Gehör schentten, so brauchten wir freilich keinen Strasappa- rat. Dann würden die inneren Hemmungen genügen gegenüber den bösen Trieben und Leidenschaften. Erfahrungsgemäß genügen sie aber nicht, es müssen äußere Mttcl der Warnung und Abschreckung hm- zukommea: wer in Versuchung kommt, muß die drohende S t r a f e vor ficb sehen —, wie das mutwillige Kind die Rute des Vaters. Wenn man den Verbrecher wegen Unzurechnungsfähigkeit nicht ins Gefängnis schicken will, so muß er in einer Irrenanstalt unschädlich gemacht werden. Dann wirft auch bie Aussicht auf biefen Zwangsmifenthalt abschreckend auf die krankhaften Geister. t Also ohne Strafe ist die Ordnung in ber Welt nicht aufrecht zu erhalten. Aber wie bei brave Vater nicht aus Grausamkett straft, sSndern aus Liebe, so sollen wir auch die Gefallenen nicht mit Haß unb Verachtung verfolgen, sondern ihnen nach wie vor liebevolle Teilnahme schenk'n.. Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Ueberhebt euch nicht, weil ihr in geringeren Versuchungen etwas besser gefahren
seid. Prahlt nicht mit eurer Standfestigkeit, da ihr noch nicht wißt, welche Stürme euch noch bevorstehen!
Immer an die eigene Brust schlagen! Auch in dem Punkt der Vernunft. Wer da sagt, ich bin vollständig vernünftig, der zeigt schon einen Mangel an Selbst- unb Menschenkenntnis. Rein, wir haben allzumal einen Schuß Unvernunft im Leib«. Mit dem Ausdruck „verrückt" will man bezeichnen, daß in dem betreffenden Kopfe der Schwerpunft des Denkens und Empfindens nicht an der rechten Stelle in der Mitte liege, sondern nach einer Seite hin verschoben sei. An einer gewissen Einseitigkeit der Auffassungen und Gefühle leiden wir aber samt und sonders. Jede» hat gewisse Liebhabereien, Vorurteile und Befangen- Beilen in seiner Verstandes- und Willenstätigkeit. Dazu kommen die plötzlichen Aufwallungen, Erregungen. Ueberstürzungen. So seht es bald hier, bald dort Trugschlüsse und Mißgriffe Auch der beste Mensch ist nicht frei von unvernünftigen Urteilen und fehlerhaften Handlungen, die er nachher zu bereuen hat. Darum heißt es ja sogar vom Gerechten, daß er sieben- mol an einem Tage fällt. Also wenn wir richtig unser eigenes Tun unb Denken betrachten, so haben wir wirklich keinen Anlaß, uns für unfehlbar zu halten. Mit unserer Vernunft unb unserer Tugend ist es auch nur schwach bestellt; ein bißchen Verrücktheit haftet unS als echliche Belastung an, und wahrscheinlich haben wir durch eigene Torheiten die Belastung noch verstärk.
Eine solche Erkenntnis ist von großem praftischen Werte. Sie macht uns vorsichtig. Erst wägen und prüfen nach allen Seiten! Dazu gehört mich, daß man die Ansichten ber anberen beteiligten Leute geduldig anhört und redlich würdigt. Wer rücksichtslos seinem E-aensinn folgt, der beweist damit, daß bei ihm bie Verrücktheit schon etwas über das Durchschnitts- nmß hinausgegangen ist. Je vernünftiger jemand ist, desto verträglicher ist er auch. Schon der alte Heide Sokrates hatte herausgesunden, daß die höchste Weisheit in ber Erkenntnis besteht, daß man nichts rechte» weiß.