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JW 272.

Fulda, Saiuslag Den 27. November 1909.

36. Iadrqansi.

Wertes Matt.

X Der gesiihrliche Jahreswechsel.

Mit Punsch und Pfannkuchen, mit Prosit Neujahr und Glückwünschen feiert man den Jahreswechsel. Man freut sich seines Lebens. Denkt nicht an die Alltagssorgen. Denkt nicht an die Gefahren, die der Jahreswechsel birgt. Nun, auch wir wollen nicht der Kopfhängerei zu Silvester das Wort reden. Aber wir wollen mahnen: denkt schon jetzt an eure Forderungen! An die Schulden zu denken, könnt ihr getrost euren Gläubigern überlassen. Sie werden ch noch vor Neujahr melden! Sonst droht die Ver- /äljrung! Denkt also an eure Forderungen, falls es euch nicht gleichgültig ist, ob ihr sie in den Nauchfang schreiben könnt.

Welche Forderungen verjähren am Jahresschluß?

Mit dem Ablauf eines jeden Jahres verjährt eine große Anzahl Forderungen. Regel ist zwar, daß Forderungen in 30 Jahren, von dem Tage'ab ge­rechnet, an dem sie entstanden sind, verjähren. In­dessen hiervon macht das Gesetz zahlreiche Ausnah­men, indem es für sehr viele Ansprüche eine kürzere Verjährungsfrist, nämlich von nur zwei oder vier Jahren, festsetzt. Diese kürzere Frist wird aber nicht vom Entstehungstage der Forderung an gerechnet, sondern von dem Schlüsse desjenigen Jahres an, in dem der Anspruch entstanden ist; demnach verlängert sich tatsächlich die kürzere zwei bezw. vierjährige Frist jedesmal um den Zeitraum vom Enssiehungstage bis zum Schlüsse desselben Jahres.

Mit dem 31. Dezember dieses Jahres verjähren von den im Jahre 1907 entstandenen Forderungen hauptsächlich folgende:

1. Die Ansprüche der Kaufleute, Fabrikanten, Handwerker und Kunstgewerbetreibenden an die Privatkundschaft für Lieferung von Waren, Ausführung von Arbeiten und Besorgung von Ge­schäften mit Einschluß der Auslagen.

2. Die Ansprüche derjenigen, welche, abgesehen ^on den Fällen Nr. 1, die Besorgung fremder Ge­schäfte oder die Leistung von Diensten gewerbsmäßig betreiben, wegen der ihnen aus dem Gewerbebetriebe gebührenden Vergütungen mit Einschluß der Aus­lagen (Stellenvermittler, Waschfrauen, Denti

3. Die Ansprüche der Angestellten wegen -es Gehaltes oder Lohnes, der Gratifikationen, Tan­tiemen, Spesen und anderer Dienstbezüge (Hand­lungsgehilfen, Werkmeister, Privatsekretäre, Tech­niker, Redakteure, Syndici usw.), auch die Ansprüche Arbeitgeber wegen der auf jene Ansprüche gewährten Vorschüsse.

4. Die Ansprüche von gewerblichen Arbei­tern, auch Lehrlingen, Tagelöhnem und Handar­beitern wegen des Lohnes, auch die Ansprüche der Arbeitgeber wegen der Vorschüsse.

5. Die Ansprüche der Lehrherren wegen des Lehr­geldes und anderer im Lehrvertrage vereinbarter Lei­stungen, sowie wegen der für die Lehrlinge bestritte­nen Auslagen.

6. Die Ansprüche von öffentlichen und privaten Unterrichts-, Erziehungs-, Verpflegungsanstalten und Krankenhäusern.

7. Die Ansprüche der Pensionsinhaber und ande­rer, die Personen zur Verpflegung und Erziehung »ufnehmen.

8. Die Ansprüche approbierter Medizinalpersonen (Aerzte, Zahnärzte. Tierärzte, auch ter Hebammen).

9. Die Ansprüche der Rechtsanwälte, Notare und Gerichtsvollzieher.

10. Die Ansprüche dr Forst- und Landwirte für Lieferung land- oder forstwirtschaftlicher Erzeugnisse

(Getreide, Holz usw.) für den Haushalt des Schuldners (z. B. Fordemng der Milchbauern).

11. Die Ansprüche von Transportunternehmern jeder Art, wie Eisenbahnen, Schiffern, Lohnkutschern, Boten, wegen der Vergütung.

12. Die Ansprüche der Gastwirte für Wohnung und Beköstigung.

13. Die Ansprüche der Lotteriehändler an die Prwatkundschast

14. Die Ansprüche von gewerbsmäßigen Vermie­ter beweglicher Sachen.

Von den im Jahre 1905 entstandenen Forderungen sind mit Ablauf dieses Jahres verjährt:

1. Die Ansprüche der Kaufleute, Fabrikanten, Handwerker und Kunstgewerbetreibenden für Liefe­rung von Waren, Ausführung von Arbeiten und Be­sorgung von Geschäften mit Einschluß der Auslagen, sofern die Leistung für den Gewerbebetrieb des Schuldners erfolgt sst.

2. Die Ansprüche der Vermieter und Verpächter auf rückständige Miets- und Pachtzinsen.

3. Die Anspn'iche auf rückständige Zinsen, Renten, Pensionen und ähnliche regelmäßig wiederkehrende Leistungen.

Mahnung unterbricht nicht die Verjährung!

Es heißt also: dafür sorgen, daß die Verjährung nicht eintritt. Das einfachste Mittel, sich gegen sie zu schützen, ist natürlich das, daß der Gläubiger den Schuldner bezahlen läßt, bevor die Verjährung voll­endet ist, also noch im laufenden Jahre. Leider er­folgt die Zahlung nicht immer so prompt, indem der Schuldner entweder nicht zahlen will ober auch nicht kann. In solchen Fällen muß man bewirken, daß der Eintritt der Verjähmng verhindert wird, der Anspruch also mich nach dem 31. Dezember 1909 noch weiter besteht. Dieses Ziel wird nun durch die bloße Mahnung nicht erreicht; denn sie unter­bricht die Verjährung nicht, gleichviel, ob sie münd­lich oder durch eingeschriebenen Brief erfolgt. Wohl aber genügt es, wenn der Schuldner in irgend einer Weise den Anspruch anerkennt. Dies kann ganz formlos, z. B. nur mündlich geschehen. Sicherer freilich geht der Schuldner, wenn er eine schrift­liche Anerkennung, etwa durch ein Antwortschreiben auf einen Mahnbrief, erwirbt. Der Schuldner muß aber anerkennen, daß er die geforderte Summe auch schulde; keine ausreichende Anerkennung wäre es z. B., wenn er zngibt, die gelieferten Waren empfan­gen zu haben, aber nicht binzufügt, daß er sie auch noch bezahlen müsse. Denselben Wert wie die aus­drückliche Anerkennung des Anspruches hat eine A b - schlayszahl ung oder Sicherheitslei­stung (z. B. Pfandbestellung). Durch die Aner­kennung wird die Verjährung unterbrochen, und die bisher verstrichene Zeit der Verjährungsfrist kommt nicht in Anrechnung, vielmehr beginnt am Tage nach der Anerkennung d i e F r i st von neuem ju laufen.

Zu den bisher genannten Mitteln ist allerdings die Mitwirkung des Schuldners erforderlich. Wo diese nicht herbeigeführt werden kann, da muß zu andern Maßregeln gegriffen werden. Die Hauptfach- lichsten sind die Erhebung der Klage und die Zu­stellung eines Zahlungsbefehles im Mahn­verfahren. Der auf Grund eines Zahlungsbefehls erteilte und rechtskräftig gewordene Vollstreckungsbe- sebl, sowie ein rechtskräftiges Urteil bewirken, daß vom Eintritt der Rechtskraft an eine neue Verjäh- rungsfrist, und zwar die dreißigjährige, zn laufen beginnt. Zu beachten ist aber, daß, falls ein Zah­lungsbefehl erlassen wird, auch der Vollstrecknngs- befehl erteilt oder, wenn der Schuldner rechtzeitig Einspruch erhoben hat, Klage erhoben werden muß, andernfalls gilt die Verjährung als nicht unter­brochen.

Aus dem Nachbargebiete.

* Aus dem Vogelsberg, 25. Nov. 1909. Fußhoher Schnee bedeckt Flur und Feld und noch brummen in vielen Ortschaften die Dreschmaschinen, durch den vorzüglichen Ausdrusch der Ernte verspätet, daneben haben aber auch die Dreschmaschinen durch den vorzüg­lichen Ausfall der Ernte viel länger zu tun. Ein solcher Körnersegen hat feit langem nicht auf den Speichern geruht. Wer den Wohlstand unserer Ortschaften vergleicht mit denjenigen vor 30—41 Jahren, der kann den großen Fortschritt nicht leugnen.

* Kassel, 25. Nov. 1909. In der Angelegen­heit des Raubmordversuches bei Harles- Hausen fand heute morgen durch einen Ver­treter der Staatsanwaltschaft eine Verneh­mung des überfallenen polnischen Arbeiters Cirus statt, der an den Folgen der erhaltenen Verletzungen im hiesigen Krankenhause darnieder- liegt. . Dem Cirus wurde der kürzlich in Halle verhaftete als einer der Hauptbeteiligten in Be­tracht kommende Pominiak gegenübergestellt. Der Verletzte erkannte in Pominiak mit aller Bestimmt­heit einen der beiden Täter wieder und erhärtete diese seine Aussage eidlich. Auch die Schutzleute, die seinerzeit in der in Frage kommenden Nacht zum 6. d. Mts. auf dem hiesigen Bahnhof Dienst hatten, behaupteten mit Sicherheit, den Pominiak wiederzuerkennen. Da sonach hinsichtlich der Täterschaft des Pominiak kein Zweifel mehr mög­lich scheint, dürste die Angelegenheit vielleicht noch in der nächsten Schwurgerichtsperiode zur Ver­handlung gelangen. Äußer Pominiak kommt als Täter noch ein anderer polnischer Arbeiter namens Szigalsly in Frage. — Im Gerichtsgebäude verhaftet wurde ein wegen verschiedener Straf­taten von auswärts steckbrieflich verfolgter junger Mensch. Er hielt sich in den hiesigen Gerichts­sälen als Kriminalstudent auf und glaubte offen­bar, dort sicher zu fein, als er von einem Polizei- 'beamten auf Grund des Steckbriefs erkannt und verhaftet wurde.

* Eschwege, 26. Nov. 1909. Beträchtliche Unterschlagungen haben sich in einem hiesigen Fabrikgeichäft ein Werkmeister und ein jüngerer Kontorist zuschulden kommen lassen. Beide schädigten gemeinschaftlich durch falsche Buchungen der Arbeitslöhne rhre Chefs um größere Summen.

* Eichenberg, 26. Nov. 1909. Einen empfind­lichen Schaden hat der Gutsbesitzer eines Nachbardorfes durch den plötzlichen Witlerungs- umichlag erlitten. Infolge Differenzen mit feinen ausländischen Arbeitern waren diese schon vor Beendigung der nötigsten Erntearbeiten von dannen gezogen. Es war ihm aus diesem Grunve nicht möglich, vor Emiritt des Frostes alles unter Dach und zu bringen. 30 Morgen Ruben und 20 Morgen Kartoffeln sind emgeschnert. Aus einem anderen Gute im Lemetal stehen eben­falls noch ca. 50 Morgen Rüben unterm Schnee versteckt.

* Göttingen, 25. Nov. 1909. Die Stadt­verordneten haben in geheimer Sitzung das Projekt der Erbauung einer Straßenbahn abgelehnt.

* Heiligenstadt, 24. Nov. 1909. Die hiesige Zigarrcnfabrrk von Nathusius, die etwa 40—50 Arbeitskräfte beschäftigt, wird zum II. Dezember ihren Betrieb ein stellen.

vermischter.

* Die Diebe und der Bauchredner. Wie man auf eine originelle Art Diebe sicher fangen kann, ohne den Polizeiapparat in Bewegung zu sehen, das lehrt eine Verhandlung vor dem Schöffengericht in Stettin. Dem Hausbesitzer F. in Podejnch war im September wiederholt Obst aus seinem Garten gestohlen worden. Als er eines Nachts nach Hause kam, hörte er, wie die Wipfel der Bäume in feinem Garten raschelten, ob­wohl es windstill war. Er ahnte sofort Obstdiebe und ging deshalb um das Haus herum nach seinem Gar­ten. Wirklich bemerkte er auch drei Gestalten, die eifrig bemüht waren, große Säcke mit dem feinsten Obst zu füllen. Ter Bestohlene isi in seiner Nachbarschaft als Bauchredner bekannt, und diese Kunst kam rhm jetzt zustatten. Er schrie den Dieben kräftig zu: „Halt! Keiner rührt sich von der Stelle! " und bann mit ver­änderter Stimme, als sei es eine andere Person: „Kar­rest hol man de Dogge acht-r mp!" Dazwischen mar­kierte er das Knurren eines Hundes. Da bekamen es die Diebe, drei Personen, mit der Angst zu tun, ließen ihre Säcke fallen, und versprachen, nicht auszureißen. Der Bauchredner ging nun auf sie zu, drehte sich vor­her aber noch einmal um, rief nach der Straße hin: „Herr Sergeant, bleiben Sie an der Ecke stehen!" und ließ diesen auch aut Worten, sodaß es den Anschein gab, als ob das ganze Haus umstellt sei. Auf diese Weise gelang es dem schlauen Bauchredner, die Diebe mit nach der Straße zu nehmen und sie dann mit Hilfe zweier zufällig daherkommender Soldaten auf die Poli­zeiwache zu führen.

* Von einem Eber, der auf dem Rittergut Rad­io w am Scharmützelfee gehalten wird, wurde einem Schweizer das rechte Bein zerfleischt. Hinzueilende Knechte mußten den Schweizer aus der Gewalt des wilden Tieres befreien. Der Unglückliche, dem die Schlagader zerrissen worden war, verstarb infolge des starken Blutverlustes, ehe es möglich war, ärzt­liche Hilfe herbeizuholen.

* Eine eigenartige Erscheinung erregt in Linz a. Rh. großes Aufsehen. In der Restauration Dillmann beobachteten der Wirt und die Gäste dieser Tage plötzlich ein erdbebenartiges Getöse. Gleichzeitig setzten sich die elektrischen Klingel in Bewegung. Als man nachsah, gewahrte man im Garten, der dicht an das Wirtschaftsgebäude an« schließt, daß an drei Stellen eine Flüssigkeit aus dem Boden quoll, die einen stark petroleumartigen Geruch verbreitete. Die drei Stellen gaben die Flüssigkeit etwa zwei Stunden lang; sie war jedoch nicht so reichhaltig, daß man sie. hätte sammeln können. Fachleute haben Proben des nassen Bodens an sich genommen, um ihn chemisch zu untersuchen. Es fiel den Besitzern schon seit vielen Jahren auf, oaß in der Nähe der Stelle gepflanzte Bäume immer wieder entgingen. Auch gewahrte man, daß hier die Bleirohre der Wasserleitung stark oxydierten und fast jährlich erneuert werden mußten. Auf oas Ergebnis der chemischen Untersuchung dürfte man gespannt fein.

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täglich ein Lilörgläschen Dr. hommei'r Haemalogen unmittelbar vor der Haupt­mahlzeit ! Ihr Appetit wird reger, Ihr Nervensystem erstarkt, die Mattigkeit verschwindet und körperliches Wohlbe- sinven stellt sich raschest ein. Warnung: Man verlange ausdrücklich den Namen Dr. Hammel.

Irrende Seele.

27s Ro nan von H. Teichert.

„Liebling!" Beate hob des Mädchens Kopf und legte ihn an ihre Brust. „Hast Tu Grund zu wei­nen ober ist s nur Nervenüberreizung, die sich in Trä­nen Luft macken muß? Ist es das, dann weine Dich ordentlich aus, ich weiß aus Erfahrung, wie das Hilst, das ist, wie wenn ein Regenschauer die verlangende Natur erquickt. Liebling, Du armer! Jst's Dir zu »lei geworden in letzter Zeit? Viel, viel zu gewissen­haft bist Du gcweM."

Renate schüttelte heftig den Kopf.

„Tante, kannst Du mich nickt fortfchicken von hier — weit, weit fort und niemand sagen, wo ich bin, daß mich niemand findet, wo mich niemand quält, daß ich zur inneren Ruhe kommen kann?"

„Ja, Nena, gewiß, wohin Du willst. Aber willst Du mir’S nicht sagen, was Dick quält?"

»Nein — nein und frage mich nicht, Tanke. Nichts ist es. ein Phantom nur, eine Einbildung, aber es macht mich krank und willenlos. Und die ewige Angst um Werner! Liebe liebe, Tante, ich kann sein Weib doch nicht werden, ich habe ihn lieb und doch nicht kteh und daß er nun glauben könnte, ich habe mit ihm gespielt —"

-Das wird Werner nie glauben, Rena, aber wenn so schwer wird, einmal offen mit ihm zu reden, so will ich's für Dich tun."

. "Nein, nein, das will ich auch nicht, Tante, keiner toll ihm weh- tun " Sie weinte heftig. „Ach Gott, «enn ich doch nur wüßte, was ich eigentlich will, und aatu™ '.oh solch treues Herz zurückstoßen muß!" iS fa?" H§oz anders gewählt hat, Rena, ist -i T®ra9’ ""ch nicht danach, Tante, bitte, frage mich . a 'S Seb's mir ja selbst nicht ztk. Es ist ja auch mcht wahr, nervös bin ich. Du hast recht, und Jortjnodjte ich von hier, so recht, recht weit"

-sie to-inte noch immer heftig und ließ sich strei- cheln, wre ein Kind, das mit seinem Kummer zur Mut- £tr geflüchtet.

»Das sollst Du, Rena Wär's jetzt nicht gekoimuen, hätten wir, Onkel und ick, es Dir heute abend ge­sagt — rin Geschenk sollte es fein für Deinen Fleiß und den Erfolg, der rhn heute krönen wird. Nach Mailand zu Giovann Vanni wollen wir Dich schicken, ein ganzes Jahr. Bist Du nun wieder froh?"

Da schluchzte das Mädchen noch heftiger. Aber diese Tränen spülten das Gequälte fort, was ihr Inneres erfüllt. Es waren Tränen unendlichen Dan­kes für die Güte, die sie, die Fremde, von den Pflege­ettern erfahren

Und am Abend war sie ruhig und wohlgemut. Der Tränenstrom des Morgens hatte die schwülen Wolken an ihrem Seelenhorizont verteilt. Sie war ruhig wie immer, und wenn auch nicht ganz ohne Herzklopfen, wenn sie an den Abend dachte, dock ohne krankhafte Aufregung.

Der große Konversationssaal war bis auf den letz­ten Patz gefüllt. Unter den Zuhörern waren außer den DornauS die beiden Walldorfs und Rolf Manseck. Renate hatte als bedeutendste Schülerin eine größere Anzahl Billetts zur Verteilung erhalten. Sie und ihr Partner, der heutige Lohengrin, machten in der Ver­sammlung, noch ehe der Vorhang in die Höhe ging, viel von sich reden. „Ganz etwas Besonderes sei es um die beiden Stimmen, wie sie das Konservatorium seit langem nicht zur Bearbeitung gehabt hätte." Man munkelte sogar, daß beide schon feste Engagements an irgend einer großen Bühne hätten, denn es feien Kräfte, die nicht nötig hätten ,den mühsamen Kletter­weg zur Höhe zu machen, erst bei kleinen Provinzial- bühnen anzufangen, um erst nach und nach bei größeren Theatern anzukommen. Unmittelbar hinter den drei jungen Männern wurde diese Ansicht erörtert und jeder von den Dreien hatte seine eigenen Gedanken beim An­hören derselben.

„Zerbrecht euch nicht die Köpfe, was aus der Elsa wird," dachte SBemet und lächelte still, „weder an gro­ßen, noch an kleinen Theatern wird sie wirken. Hier sitzt einer, der ste auf seinen starken Armen irgendwo- hin tragen wird, wohin sie nur will, und sie wie ein Feenkind in ewige Glückstage betten wird."

„Da muß ich mich mit meiner Werbung beeilen," sagte sich Rolf Manseck, „ist sie erst an irgend einer Bühne tätig, geben'» die Ettern nie und nimmer zu."

Um Sigurd's Lippen zuckte die Satire. „Wie oben­hin die Menge doch ihre Schlüffe zieht! Keiner kennt die Betreffenden, und jeder weiß doch ganz genau, welches ihre Zukunftspläne sind. Hier bin ich der Kompetente, meine Herrschaften, denn mir gehört ihr Herz, ob sie sich selbst auch noch sträubt, es zuzuge- stehcn, und mir gehört sie, sobald ich nur will."

Jetzt wurde es still im Saal. Die Vorträge be­gannen. Eine junge Cellistin ließ sich hören, bann folgten Geigen-, Gesangs- und Klaviervorträge und nun kam der Glanzpunkt des Abends, das Duett Lo- h.'ngttnS und Elsas im Brautgemach, vollständig sze- niert. Der junge Gralsritter, eine hohe Gestalt mit breiter Brust, das Glücksbewußtsein der kommenden Stunde im Antlitz, neben ihm Elsa — Renate, sich keusch und ängstlich an ihn schmiegend, in ihrer Lieb- lichk-'it sofort die Zuschauer für sich einnehmend.

Beate schlug das Herz bis zum Halse. Silbe für Silbe sprach sie innerlich des Sängers Text mit. Run setzte Renate ein, zaghaft, mit bebendem Ton. Beate dünkte, daß eine andere, ihr vollständig Fremde dott oben finge, aber nur ein paar Takte lang, dann rang sich das wunderbar weiche Organ zur vollen Freiheit durch und verschmolz sich mit des Partners weittra­gender Stimme zu idealem Guß. Ein hoher, ein voll­kommener Genuß war es, die beiden Stimmen zu ' hören. Man vergaß darüber, daß beide Debütanten j noch Anfänger in der mimischen Kunst waren, daß diese : Else mehr fang, als spielte. Die wunderbare Stimme,' unterstützt durch eine Schulung, die bis in die fein-! sten Nuancen glänzend genannt werden mußte, nahm 1 alle Herzen und Sinne gefangen und als zum Schluß! Elsa in schreckhafter Erkenntnis der Tragweite ihrer; weiblichen Neugier sich an Lohengrins Brust warf und völlig gebrochen neben ihm zur Erde glitt, da brach ein frenetischer Beifall aus. Wieder und wieder hob sich der Vorhang und verbeugte sich das gefeierte Paar.

Renate sah furchtbar blaß aus, nichts von Triumph lag auf ihrem Gesicht. „Ernst, zu ernst," meinte Be­ate. .als kämpfe sie schon wieder mit Tränen."

Sie selbst trocknete auch verstohlen die feuchten Au­gen. Die Freude und der Stolz der Zugehörigkeit zu dein Mädchen, das em so bevorzugter Liebling der Na­tur war, übermannte sie im Angesicht dieses ersten gro­ßen Erfolges und bann kam die Angst dazu, daß nun die Zeit gekommen war, in der es einen Tag geben würde, an dem man sie ihrsortnehmen würde — irgend­wie —

Hornau drückte leise ihren Arm.

„Nickt sentimental werden, Beate, freu'-Dich doch lieber über solchen Erfolg und sage Dir, daß es unser Werk ist, was das Mädel erreicht hat. Sie hat ihre Sache gut gemacht, wirklich gut, gesanglich geradezu hervorragend! Schauspielerisch allerdings noch wie eine Anfängerin. Unter uns gesagt, Beate, sie wird immer eine größere Sängerin als Darstellerin sein, aber die wird sie sicher werden und die Welt in Stau­nen setzen."

Beate nickte still, sie dachte ihr Teil. Und fast fin­ster sah sie Sigurd an, der eben zu ihnen getreten war. Er sah erregt aus, hatte sich aber wie immer in der Gewalt.

„Warum so ernst, Tante? Du hast doch allen Grund zu prahlen. Das Ende hat ja herrlich das Werk gekrönt. Ich gratuliere zu Renates großartigem Erfolg, non run an ist ihr Ruf als Sängerin ja wohl gefiebert."

»Ja, das ist er, und was an mir liegt, will ich dazu beitragen, daß Renate diesen Ruf betätigt," ant­wortete sie fest. ,Jn ihrer Kunst wird sie volle Be­friedigung finden und alles, was ste in letzter Zeit reizbar und nervös gemacht, darüber vergessen, das hoffe ich wenigstens, denn ich kenne mein starkgeisttges, charaktervolles Kind. Das Frauenherz ist ein merk­würdiges Ding, Sigurd, es hat viel Kammern. Eine davon birgt unfern Frauenstolz und wenn der sich erst einmal bäumt, bann öffnet sich die Nebenkammer, in der der Trotz wohnt, und bann ist's vorbei mit der Hingebung. Wenn bas doch bie jungen Männer beherzigen möchten, viele Tränen würden ungetoeitd bleiben."

'Fortsebuna fobiA-*