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Fulda, Donnerstasi den 25. November l')09.

JW 270.

Errties Mlcrtt

die sozialdemokratischen Verbandsbeamteu Vundesst Spaniol und Götte die Verfasser des Flugblattes I Mk. (

Äuf Grund dieses Berichte- sollen nun die Leser des .Vorwärts' sich ein Bild von der Bedeu­tung des Prozesses machen. Es wird behauptet: »Der Bergarbeitervorstand tat damals alles mög­liche, um die Verbreitung, als sie chm bekannt romoe, zu verhindern." Damit vergleich« man nun die Prozeßverhandlungen. Der Abg. Sachse mußte zugeben, daß er schon damals gewußt habe, daß

seien, als er die Erklärung erließ, daß das Flug­blatt gegen Brust von einem Vorstandsmitglied des christlichen Gewerlvereins herrühre. Abg. Hu« erklärte dazu: »In der damaligen Lage seien fi« in der Notwehr gewesen und hatten deshalb keine Verpflichtung gehabt, zu sagen, daß das Flugblatt gegen Brust aus ihren Reihen herrühre. Das würde Selbstmord bedeutet haben." Spaniol wid Götte sind nach Bekanntwerden ihrer Täterschaft ruhig im Verband« geblieben. Abg. Huö hat am 17. und 24. September, also 8 bis 14 Tage nach der Wahl, in der Mergardriterzeitimg' den Verdacht noch bestärkt, das Derleumdnngsmach. werk sei angeblich aus den Kreisen des christlichen Gewerkvereins gekommen, trotzdem er wußte, daß zwei Beamte des eigenen Verbandes die Täter waren.

Wirklich, eine glänzende Illustration zu der Wahrheitsliebe und Gewissenhaftigkeit des ,Bor- wärt«'!

tingent weist im ordentlichen Etat an Einnahmen nach: 8245463 Mk. (+ 1811482 Mk.) für Rech- nung der Bundesstaaten mit Ausschluß von Bayern, 495 334 Mk. (— 1147 288 Mk.) für Rechnung aller Bundesstaaten; im außerordentlichen Etat 3 503 656 ■ 314757 Mk.) Die fortdauernden Ans-

*, Berlin, 24. Roo. 1909. Der Bundes- rat hat am Mittwoch über Etat- Beschluß cte- saßt. — Wie die »Danz. Allg. Zig." mitteilt, wird der Danziger Regierungspräsident v. Jarotzky demnächst als Nachfolger des Herrn v. Gescher nach Münster übe: siedeln. Nachfolger Jarotzkys in Danzig soll Geh. Reg.- Rat v.Schmeling vom Lanvivirtichastsmmisterium werden, der früher Landrat in Stuhm und Stolp war. — Eine Aenderung des Lehrer-Diszi- plinargesetzes will eine Petition des preußi- scheu Lehrervereins herberlühren, die in der letz- len Sitzung des geschäflssührenden Ausschusses in ihren Grundzügen sestgestellt wurde. — Zu dem allgemeinen Delegierten'age der deuisch-

veutscher Reich.

A Aas »em ReichShaashaltsetat siir 1910 bringt die ,Nordd. Allg. >jtg/ in ihrer Donnerstag- ausgabe weitere Einzelhetten.

Für neue Schisfsbauten und Ausrüstungen iverden über 243", Millionen Mark verlangt, ca. 24 Millionen Mark mehr als im vorigen Jahre. Darunter befinden sich 15 Millionen Mark zur Be- schaffmrg von weiteren llntetfeebooten und zur Fortsetzung der Versuche mit denselben. Dem­gegenüber ist es unbegreiflich, rote einige Flotten­phantasten behaupten können, bei uns würde das llnterseedootswes.m vernachlässigt. 15 Mill. Mart ist doch eine ungeheuere Summe, zumal man be> denkt, daß die Untersuchungen über das beste Unter­seebootsystem noch in keinem Staate ein einiger­maßen befriedigendes Ergebnis erzielt haben. Für die Verwaltung der Werften werden im außer- ordentlichen Etat etwas über IV, Millionen weniger gefordert, als im vergangenen Jahre.

Der Haushaltsetat der Schutzgebiete schließt in Einnahme und Ausgabe mit über 109 Mill. M ab, d. i. über 10 Mrll. Mark mehr als im letzten Jahre. Dem Etat ist eine Denkschrift über eine anderweitige Regelung der Besoldungsverhättnisfe der Beamten in den vom Reichskolonialamt verwatteten Schutzgebiete beigegeben. Danach soll die Neuregelung in der Weise erfolgen, daß bei der auf Grund der neuen Be- soldungssätze im Reiche und in Preußen erfolgen­den Neufestsetzung der Auslandsgehälter das Höchst­gehalt nicht mehr wie bisher in fünf Jahren, sondern unter Beibehaltung der einjährigen Auf- rückungsfristeu nach sechs Jahren erreicht wird, und das ferner nach Erreichung des Höchstgehalts dreimal nach je drei Jahren Dienstalterszulagen gewährt werden. Die Ausgaben der einzelnen Schutzgebiete sucht man noch mehr als bisher durch die eigenen Einnahmen der Kolonien zu decken. Ja, die Schutzgebiete muffen diesmal zum ersten Male zu den Ausgaben des Reiches für koloniale VerwaltungSzwecke ebenfalls ihren Beitrag bei» steuern. Insgesamt werden von ihnen als ein­malige Beträge nicht weniger als 135000 Mark gefordert. Außerdem muß Kamerun noch den Reichsvorschuß in Höhe von 700000 Mk. zurück­erstatten.

Der Etat des allgemeinen Pensionsfonds steht eine Ausgabe von über 7 Mill. Mark vor, ca. 2V, Mill. Mark mehr als im Vorjahre.

Der Etat für das preußische Militärkon-

konservativen Partei, der am 11.Dezember in V*ciUn ftatifinben wird, find nunmehr Vie Einladungen ergangen

= Feststellung der Thronrede. Montag vormiilag ist, wie der Bethniann-offizwse ,Reichs- bote' mitteilt, in einer Sitzung des preußischen Staatsministetium?, an der die Reichsstaats- sekretäre bezw. ihre Vertreter terlnabmen, der Wortlaut der Thronrede zur Eröffnung des Reichstages testgestellt morde».

)( Zu» Michsveremsgrsetze hat das sächstsche Oberverwaltimgsgericht ein b e m e rkenswerteS Urteil gefällt, wonach die Polizei das Recht hat, jeder öffenttichen Versammlung beizuwohnen. Es komme, wie das Urteil besagt, nicht daraus an, ob die Versammlung anzeige-, bekanntmachungS- oder ge­nehmigungspflichtig sei, ob in ihr politische oder ge­werkschaftliche Angelegenheiten erörtert würden, oder ob sie unter freiem Himmel stattfinde, vielmehr ge­nüge es, daß sie unter das Reichsvereinsgesetz falle und öffeaüich sei — Hoffentlich wird der Reichstag demnächst zeigen daß das BereinSgesetz diese Aus­legung doch nicht zuläßt.

)( Das Beschwerderecht des Bturlanbtenstandes hatte vielfach zu Klagen Anlaß gegeben. Wie jetzt gemeldet wird, will man das Beschwerderecht des Beurlaubtenflandes noch mehr illusorisch machen. Rach einer neuen Vorschrift haben die Mannschaften des Beurlaubtenstandes, die Beschweiche über einen Vorgesetzten führen wollen, nicht nur, wie bisher, die für die aküven Mannschaften vorgeschriebene Frist von fünf Tagen innezuhalterr. Zuwiderhandlungeti werden nicht mehr, wie bisher, allgemein diszipli- »arisch, sondern grundsätzlich als Ungehorsam mit Arrest bestraft. Um bei den schon im Beurlaubten­stande befindlichen Mannschaften Verstößen aus Unkenntnis vorznbeugen, werden die in Betracht kommenden Bestimmungen den Entlaffmrgspäffen vorgedruckt werden.

* Wie gespart wird, zeigt der frühere Oberst Gädke an einem Fall, in dem ein Oberst in Generalsstellung 500 Mark für einen Umzug erhallen hat, ohne überhaupt umzuziehen l Gädke berichtet im »B. T.":

Vor einigen Jahren wurde ein Regimentskomman­deur aus CharloUenburg znm Kommandeur einer Brigade befördert, deren Stab in Berlin stand. ®r meldete sich hier dienstlich und liquidierte darauf un­verzüglich BIO Mark (sage sünfhundertzehn Mark) für einen Umzug aus Eharlotteuburg nach Berlin, obwohl er seine Charlottenburger Wohnung ruhig deibehielt und sie erst ein halbes Jahr später sohne dienUiche Beranlaffnng) innerhalb Sharloltenburgs wechselte — also auch dann einen Umzug in die neue Garnison nicht vollzog. Nun würde an sich eine Bestimmung der Reifeordnung mißbräuchlich sein, die bei dem en­gen wirtschaftlichen Zusammenhang Eharkottenburgs und Berlins die Liquidierung von Umzugsgeldern ge­staltet, wenn man von einem Stadtteil zum anderen umzieht. Um die Stadtteile bandelt es sich doch tat­sächlich. Man kann aus dienstlichen Gründen inner­halb Klein-Berlins zu einem weiteren Umzuge genötigt sein, als der von Eharlotteuburg nach dem Westen '-Berlins ist, ohne bei solcher Gelegenheit 510 Mart liquidieren zu können. Geradezu unglaublich aber ist es doch, wenn die Wohnnngsverlegung üverhaupt nicht statrfindet und trotzdem die Kosten dafür angesordert und auch dezahtt werden

* Der Abg. Schack hat fein Mandat immer noch nicht medergelegt. Die von seinen Freunden mit dem Grasen Posadowsky stattgehabten Verhandlungen über eine Kandidatur scheinen er­folglos gewesen zu sein. Man hat sich deshalb, wie mehreren Blättern auS dem Wahlkreise Eisenach geschrieben wird, jetzt an den früheren Handels­minister Freiherrn v. Berlepsch gewandt, da­mit dieser sich als »gemeinsamer bürgerlicher Kan­didat" ausstellen lasse. Weiter wird der,Frankf. Ztg.' mitgeteilt, daß, wenn alle Stränge reißen, der (antisemitische) Kaufmann O. Kettenbeil

+ Schwindel ans Prinzip.

ßu den beliebtesten Schlagern der sozial­demokratischen Presse gehört es, in der Polemik den Gegner mit der ma.siveu Grobheit uiederzudonnern: Sie lügen wie die Teufel und schwindeln aus Prinzip! Dabei ist es gerichtsnoto­risch. daß gerade die sozialdemokratische Presse in der Kunst, ihre gläubigen Leser um die Wahrheit zu beschwindeln, äußerst gewandt ist.

Es ist selbstverständlich nicht möglich, alle ,olche Fälle sestzulegen, aber von Zeit zu Zeit empfiehU es sich doch, die sozialdemokratische Wahrheitsliebe etwas näher zu beleuchten. Bor uns liegt die Äir. 273 des .Vorwärts' vom 23. Skooember. Es ist die Zeit der Wahlen, und die Sozialdemolratie hätte es wirklich nicht nötig, ihre unbestreitbar großen Erfolge noch zu übertreiben. Aber es kommt ihr augenscheinlich nicht daraus an, ihren Lesern die Wahrheit zu berichten, sondern nur daraus, chnen die tote Partei in möglichst glänzender Verfassung vorzusuhren. Siege in Dortmund! jubelt der .Vorwärts" und teilt seinen Leiern mit:

.Bei den Stadtverordnetenwahlen der 3. Abtei­lung Dortmund hat die Sozialdemokratie zum ersten- male drei Sitze erobert, die sie dem Zentrum abgenommen hat . . . In den drei von der Ar­beiterschaft eroberten Bezirken steigerte das Zentrum seine Stimmenzahl von 2520 am 3641, die Sozial­demokraten aber von 1807 auf 4835. Die Siege find umso höher anzuschlagen, als der Wahlkampf mit un­erhörter Erbitterung geführt wurde. Der Stimmenzu­wachs der Sozialdemokratie ist gewaltig; im Jahre 1903 wurden erst 600 fozialdemolratische stimmen ge­zählt."

Die Zahlen find richtig, aber nur znm Teil richtig. Unter den 4835 sozialdemokratischen Stirn- men befinden sich nämlich mindestens 1500 libe­rale Stimmen, die auf Grund des blau-roten Blocks sofort für die Sozialdemokratte abgegeben morden find. Wenn man das Verhältnis der Ziffern der Zentrumsstimmen feststelle« will, so ist zu der. cksichttgeu, daß tm Jahre 1907 Zentrum und Polen zusammengingen, während jetzt die Polen eine gesonderte Kandidatur ausstellten, für die 766 Stimmen abgegeben wurden. Bei Berück­sichtigung dieser Verhältniffe schrupft der Sieg der Sozialdemokratie arg zusammen.

Noch schöner ist folgendes Stücklein. Unter der Spitzmarke: »Verurteilung des ,Bergknappen'-Re- dakteurs" berichtet der »Vorwärts:

»Im April ds. Js. brachte der .Christliche Berg­knappe' einen Artikel, in dem behauptet wurde, der sozialdemokratische Bergarbeitervorstand sei Urheber eines bei der Knavpschastswahl von 1904 erschienenen anonymen Flugblattes, in dem dem damaligen Gewerlvereinsvorsttzenden August Brust vor geworfen wurde, er sei von den Unternehmern mit 30000 Mk. bestochen worden. DaS Flugblatt war in Wirklich- leit von dem später entlassenen Berbandsbeamten Spaniol und dem Berbandsbeamteu Götte verfaßt und »et breitet worden. Der Bergarbeitervorstaad tat da­mals alles mögliche, um die Verbreitung, als sie ihm bekannt wurde, zu verhindern. Der Bettagte be­stritt die Absicht der Beleidigung. Das Gericht er- kannte eine solche aber als vorliegend an, weil m dem inkriminierten Artikel auf Auslassungen des .Berg­knappen' aus 1904, die schwer beleidigend für den Berbanvsvorstand waren, Bezug genommen wurde."

gaben des ordentlichen Etats betragen 554501311 Mf r_f_ 10716807 Mk.), die einmaligen Aus­gaben 57 585960 Mk. I— 32 466096 Mk.); tut außerordentlichen Etat werden 19949100 Mk. f__ 14 411100 Mk.) verlangt. Wie eine dem Etat

beigegebene Denkschrift besagt, ist eine anöerroeitc Regelung der Ratwns- uud Pserdegeldgebühr geplant. Ma« scheint aber den bezüglichen Wünschen des Reichstages nicht weit entgegenkommeu za wollen. Einer Herabsetzung der Rationsgedähr und dem Wegfall jener Berechtigung für solche Osfiziere, die bisher für fehlende Pferde Rationen tu Geld de- zogen, steht die Regierung im großen und ganzen ablehnend gegenüber. Tie ganze Reform der Ration»- und Pserdegeldgebuhr scheint darin zu bestehen, vom Reichstage noch größere Summen da- sür bewilligt zu erhalten.

0 Reichstags-Abg. dc Witt (Zei'ir.) ist am Mittwoch vormittag in Köln gestorben.

Amtsgerichtsrat Hermann de Witt war ge­boten am 21. März 1856 in Kellen (Kreis C'.eoe^, besuchte die Gymnasien zu Emmerich unb Cleve, die Univer'ttäten Bonn und Berlin (1876 1879), trat 1880 in den Justizdienst, wurde 1885 Ge- richlSassor und 1890 Amtsrichter. Seil 1893 ist er Mitglied des Reichstages. In dem genannten Jahre wurde er auch in das Abgeordnetenhaus gewählt, dem er bis zum Ablauf der letzten Legislatur-Periode angehörte. Er hat als Schrift- steiler und Parlamentarier eine febt emsige Tätig­keit entfaltet. An verschiedenen Gesetzentwürfen, z. B. an der Grundbuch - Ordnung, war feine Mitwirkung von maßgeblichem Einfluß. Aba de Wirt hat auch im katholischen Leben eme her­vorragende Tätigkeit entfaltet. Noch auf der letztenKatholiken-Bersammlung in Breslau bat er in einer meisterhaften Rede das Referat über die Presse erstattet. Er mar ein viel gesuchter und sehr erfolgreicher Redner, bet die Mafien fortzureißen und eine scharfe Klinge zu führen verstand. Bon feinen früheren Reden auf den Katholikentagen ist neben der Rede über bürger­liche unb dogmatische Toleranz seine Rede auf dem Essener Katholikentage 1906 über die Be­teiligung deS katholischen Bolksteiles in Deutsch, land am öffentlichen Leben besonders beachtet worden, wobei er die Vorwürfe zurückwies, die gegen die katholrsche Ethik wegen ihrer Stellung zu den Fragen des wirtschaftlichen Lebens erhoben worden sind.

de Witt vertrat den Wahlkreis Mülheim- Wipperfürth. Im Jahre 1907 wurde er in der Hauptwahl mit 19,958 Stimmen gegen 11,218 nationalliberale und 8538 sozialdemokra­tische Stimmen gewählt. Es wird also nicht ge­ringer Anstrengung bedürfen, um den Wahlkreis dem Zentrum zu erhalten.

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Irrende Seele.

25] Roman von H. Teicheri.

Renate stand tm eifrigen Gespräch mit Werner im Musiksaal Er schüttelte eben ungläubig den Kopf.

„Ich kann'» Dir wirklich nicht glauben, daß Du Angst hast vor morgen abend, Rena. Du mit Deiner himmlischen Stimme, die geschult ist, wie kaum eine zweite, nnd Deinem unerschrockenen Sinn — und vor dem Publikum t Lauter geladene Beute, die in E«t- zücken über Dich geraten werden."

»Ach Du," lachte sie, .glaubst wohl, jeder meine e» so gut mit mir, wir Du? Sie werden mich schon ordentlich zerpflücken, denn stehst du, Werner, ich weiß, was ich leiste, und bin gar nicht bescheiden genug, mich zu unterschätzen, gesanglich fülle ich meine Rolle — aber schauspielerisch ganz und gar nicht. Dazu fehlt mir eben das Talent und offen gestanden auch die Lust. Du wirst sehen, daß ich mich gründlich bla­mieren werde."

»Das ist unmöglich, Rena, dagegen schützt Dich schon Dein AeußereL. Nenn man so auSsieht, wie Du, hat man das Publikum schon von selbst auf seiner Seite '

»Werner, Werner, bist Du unter die Schmeichler gegangen?"

.Ich schmeicheln? Weißt'» ja selbst, wie hübsch Du bist. Das weiß ich, wäre ich morgen Dein Lohen- grtn —"

*a Fingen, Renate," sagte Sigurd da- zwifchentretend. Er hätte ste schon wieder von ferne beobachtet und sah ärgerlich au»

r<-™ ".ache aber auch ein anderes Gesicht, St- £ J™s° böse ansiehst, kann ich doch unmöglich da» Märchen bom Glück singen. Wie soll ich mich habet ins Glück hineinträumen?"

°ber gleich darauf den Blick sie konnte feine Augen heute nicht ertragen War'» am Ende doch das Märchen vom Glück nrafl bann stand, und verstand sie e» nur nicht richtig zu Ffajien?

Seine Verse wollte sie fingen. Er hatte ihr schon öfter welche gebracht, aber stets die Bitte hmzugesügt, sie niemand zu zeigen. So wett ging seine Eitelkeit nicht, seine Reimerei für bedeutend zu halten. Aber diese! Helles Entzücken hatten sie bei Renate hervor- gerujen und wie von selbst war ihr eine Melodie dazu eingefallen. Gut gelungen waren ihr die Harmonien und die Begleitung, sie dokumentierte auch durch ihre kleinen Kombosttiomi, daß sie eine durch und durch musikalische Sängerin war, .was nicht jede ist", tote Heinz Dernau malitiös bemerkte. Reimte begleitete sich stet» selbst, da» machte ihr keiner gut genug, wenig­sten» von denen, bi* bei ihnen im Haufe verkehrten, keiner. Die wenigsten Menschen begreifen ja, wie schwerwiegend für den Vortragenden die Begleitung ist und wie abhängig er babon ist. Renate wurde momentan nervös, wenn man ihren Intentionen nicht dlmdlmgZ folgte.

Sie saß schon am Flügel, al» Werner sich noch ein­mal M ihr niederbeugte.

.Nun wirst Du natürlich wieder nur für Sigurd fingen und an mich kabel gar nicht denken."

Sie strich über sein bärtige« Gesicht.

»Du lieber Dumm ick Du! Hab' ich nicht gerade Dir oft genug allein etwas borgejungen?'

»So, aber dieses Lied, Rena! Ich möchte da» Gefühl haben, al» sängest Du nur für mich. Dars ich?"

Sie schüttelte den Kops. »Heut nicht, Werner, für alle finge ich heute und dem Sig gilf» natürlich am meisten, da e» seine Verse sind."

Sie mußte ihn znrückweisen, mußte ihm jetzt manch, mal wehe tun, um ihm m,»zuweichen — sie hatte Angst, daß ein unbewachter Augenblick zwischen ihnen zur Sprache bringen würde, wo» jle so gern verhindern wollte. Werner fühlte die herbe Abwehr, die jetzt ost in ihrem Wesen lag, und wollte sie doch nicht spüren. Sein ganze» Sein wurzelte so unerschütterlich in ihr, das konnte eine augenblickliche Laune ins Wan­ken bringen.

Er trat sofort zurück und gesellte sich zu Rolf Manseck der am unteren Ende des Flügels lehnte unb leinen Blrck bon Renate wandte. Dieser suchte immer in

ihrer nächsten Nähe zu sein, wenn sie sang, er fand ihren Mund so entzückend habet Er fand ihn immer schön, aber wenn demselben die weichen, warmen Töne entquollen, ohne daß »r sich unschön berzerrte, wie bei so btelen Sängerinnen, bann konnte er ganz verges­sen, was sie fang, er schaute nur und variierte immer denselben Wunsch, fte küssen zu dürfen al» sein eigen Renate schlug die ersten Akkorde, dabei sah sie aus. Abwehrend tohrfte fte mit dem Kopf zu den beiden Männern hin

^Weiter, weiter ins Zimmer zurück, mich grntrrt'S, wenn man mir so unmittelbar in den Mund sieht."

Sie gingen gehorsam zu nick und gesellten sich zu »er kleinen Zuhörerschar, die an den Wänden saß. Tabei kam Rolf neben feinen Großvater zu sitzen.

.Geschieht Dir ganz recht, mein Junge, daß Du fortgejagt wurdest. Wie kann man sich so herandrän- gen, wenn eint Dame singen will!"

Rolf sah den Großvater etwa» verblüfft an.

»Ich bin nicht zum erstenmal hier im Hause."

»Das gibt Dir ehre gewisse Freiheit be« Beneh­mens, meinst Du so?"

Senates Gesang überhob ihn der Antwort. Ihr wundervoll weiche» Organ nahm sofort alle Zuhörer gefangen.

,6» rinnt ein Dust durch die träumenden Lande, E» klingt ein Lied durch die bärnmembe Flur, Aus blauer Ferne ein Wunderfingen — Du Mädchenvlüte, was finnst Du nur?

Der Tag ist müd' -- doch das Lied will nicht schlafen Aufieufzend lehnst Du das Köpfchen zurück. Du lauschest der alten Sehnsuchtsweise

Und träumst, wie die anbem — daS Märchen bom Glück!"

(Gedichtet bon Löon Bandersee.)

.Charmant, wirklich ganz herrlich?' machte sich Exzellenz ManSecks Entzücken Lust. Solche Stimme hatte er lange nicht gehört. Die alten Knochen hatte es dabei durchschauert, als wären die siebzig Jahre von ihnen abgefallen und ihr Träger wieder jung unb blondhaarig, wie der Enkel neben ihm. Der saß unb träumte weiter das Märchen bom Glück. Kein Laut

kam über sein? Lippen, nur seine Augen umfaßten mit sehnsüchtig schwermütigem Blick das Mädchen, da» He Natur so reich auZgestattet mit inneren und äuße­ren Gaben und das zu erreichen er wohl Gut und Blut eingesetzt hätte.

Er iah, wie sie sich alle um ste drängten. Sein Großvater als erster. Der war entzückt von ihr, den brachte et vielleicht auf seine Seite, aber die Eltern, die adelsstolze Mutter, und vor allen Dingen sie selbst, die Begehrte, war sie ihm denn überhaupt zugetan? Bis jetzt hsitr ßr ihr» feinen Anlaß zum Hoffen ge­geben. Da waren die Walldorfs, die standen im Wege, die waren wohl beide hartnäckig entschlossen, um den Preis zu kämpkeu. Sie hatten den Vorteil der Jugendfreundschast für sich, mit diesem Recht umgaben sie sie wie mit einer Mmier. Der junge Forstaspirant sprach schon wieder lebhaft auf fte ein. Der schien doch wohl der Begünstigtere ZN sein. Sein Freiburger Studiengenoffe stand still im Hintergrund. Aber seine Äugen brannten unb da? nervöse Zupfen am Schnurr­bart, daS kannte Rolf, der trug'» nicht so zur Schau, wie der andere, sprach nie von ihr, aber bet dem war'» wohl beschlossene Sache, sie sich zu erringen. Nie sie ihn mit den Blicken suchte, er war, außer ihm selbst, der tintige, der ihr nichts Anerkennendes über chien Gesang gesagt, über das Lied, da» seinen Text enthielt.

»Noch einmal, bitte, noch einmal,' hörte Rolf jetzt allgemein bitten. »Solch ein Lied muß man zweimal hören, dann erst hat man den echten, rechten Genuß davon.' Renate schien unschlüssig, sie blickte fragend zu Sigurd hinüber — er sah e» nicht ober wollte nicht sehen. Sie war sichtlich erregt, ihre Wangen glühten. Mit *tn paar Schritten war sie neben ihm.

.Du sagst mir nichts, Sig? Hab' ich'S nicht recht gemacht mit bet Melodie? Hast Du Dir'» ander» gedacht?'

Er sah sie mit unverhohlenem Entzücken an. .Nein, Renate, nicht anders — so, gerade so habe ich mir gedacht, daß cs vertont werden müsse.'

Die Spannung ht ihrem Gesicht ließ nach.

.So bist Du auch dafür, daß ich es noch einmal finge?" (Fortsetzung folgt.)