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Fulda, Montaa den 22. November 1909
M 267
Hwertes Blatt
volkswirtschaftliches und Soziales.
)( Zu der Frage der Saison- und Jnventurans- verläuje nahm eine öffentliche Versammlung der Bci- liner Handelskammer am Freitag einstimmig eine Resolution an, worin gefordert wird, daß nicht mehr als ein Inventurausverkauf und 2 Saisonausverkauf nn Jahre veranstaltet werden dürfen, und daß jeder dieser Ausverkäufe höchstens 4 Wochen währen darf.
cf München, 20. Nov. 1909. Der baye- rische Landtag wird entgegen den früheren Bestimmungen noch bis zum 18. März tagen. Die Regierung hat ein Nachtragspostulat zum außerordentlichen Etat in Höhe von 83835000 Mark für Zwecke der Staatseisenbabnverwaltung eingebracht. — Gegen die Schmutzliteratur hat sich am Samstag bei der Generaldebatte des Justizetats der Justizminister scharf ausgesprochen. Er erklärte, in Deutschland feien die Schmutzbilder am ausdringlichsten, und er versprach ihre Bekämpfung mit den allerschärfsten Mitteln.
Aus dem Nachbargebiete.
* Gießen, 18. Nov. 1909. In einem nicht weit von hier gel'genen oberhesfi scheu Dorfe sollte dieser Tage eine Hochzeit stattfinden, zu der große Vorve- reitungen getroffen waren. Man hatte allein zwei Zentner Mehl zu Kuchen verbacken. Im letzten Augenblick wurden aber die Hochzeitsgaste wieder abbe- stellt, da der in einem anderen Orte wohnende Bräutigam zwar im Elternhause der Braut erschien, aber nur seine dort befindlichen Hochzeitskleider mit den Worten zurückverlangte: „Aus dem Sp äß ch e werd nautl", und damit von bannen zog.
* Eschwege, 20. Nov. 1909. Am Samstag morgen wurde auf der Straße nach Kassel eine Bauersfrauüberfallen. Der Räuber würgte die Frau und drohte ihr mit einem Dolche, bis sie ihre Barschaft,
— Eine sehr auffallende Erscheinung ist, daß die feit 1906 bestehende Erbschaftssteuer immer geringere Beträge bringt. Die ursprüngliche Veranlagung seitens der Regierung lautete auf fünfzig Millionen jährlich zugunsten des Reiches. Auf Grund der Erfahrungen fiel der Voranschlag für 1907/08 auf 42 Millionen, das wirkliche Erträgnis belief sich aber nur auf 26,26 Millionen. Für 1908/09 veranschlagte man nur noch 30 Millionen, der wirkliche Anfall aber sank aus etwas über 18 Millionen. (!) Neuerdings — die Behörden werden jetzt wohl ein wenig näher nachgehen —- steigt das Erträgnis wieder etwas. Aber die bisherige Entwicklung der Steuer zeigt nach der „Ostpreußischen
Ausland.
* ftn der Stationierung der englischen Heimat- flotte sind für den Jahreswechsel bemerkenswerte Aenderungen angeordnet. Die zweite Division der L-ctmafflotte, die aus acht Schlachtschiffen, fünf Pan- zerlreuzern und 24 Torpedobootszerstörern besteht, er- dält als Stützpunkt die Orkeny-ftmeln «uörvlich von Schottland). Die erste Tivifion der Heimatflotte, vier Dreadnoughts, vier andere Schlachtschiffe, drei Jn- vincibles und zwei weitere Panzerkreuzer, werden in Shceuieß (Südengland) stationiert anstatt wie bisher in Portland. Die atlantische Flotte erhält Dover als KriegShafen. Auch die alte Kanalflotte wird wuder ins Leben gerufen werden und demgemäß die Zahl der Schlachtschiffe in den heimischen Gewäffem von 22 auf 28 erhöbt werden.
* Abschaffung des Zopfes in China? Nach einer Meldung des „North China Herald" soll die chinesische Regierung beschlossen haben, den berühmten Zopf, der" bis jetzt als etwas Heiliges, Unantastbares galt, von Köpfen ihrer Untertanen verschwinden zu lassen. Die Reform soll stufenweise durchgesührt werden: man will die Entfernung des Zopfes zuerst den Soldaten, den Studenten und der Polizei anbefehlen; dann sollen sich nach und nach die anderen Bürger des Himmlischen Reiches d n Zovi abschneiden lassen. Eine in diesem Sinne aufgesetzte Denkschrift ist am 9 November, bald nachdem die Leiche der Kaiserin- Mutter in den „Gräben des Ostens" beigesetzt worden war, von der Regierung dem Regenten vorgelegt worden
Zeitung" immerhin, daß Erbübergänge (bezw. Schenkungen) im Betrage von mehr als einer Milliarde Mark nicht zur Besteuerung gelangt fein können; denn soviel Erbschaftsmaffe fetzt das Defizit gegen den Anschlag voraus. Wie ist das möglich? Der immobile Besitz kann sich doch wohl schwer in diesem Umfange und mit dieser Raschheit den staatlichen Ansprüchen ent- ziehen: es kann dies aber nur der mobile, der seine Papiere, Effekten usw. entweder vor dem Tode des Erblassers verteilt und verschenkt oder im Auslands anlegt und dadurch der heimischen Steuerbehörde entzieht. Wer auch im Besitz solchen beweglichen Erbvermögens ist — sei es Großmagnat oder Börsianer — hat also bei der Erbsteuer ein trauriges Privileg vor dem fest- liegenden, unbeweglichen Familienbesitz, und die Steuer wirkt hier durchaus ungleich und daher einseitig.
* Mit der Durchführung des sozialdemolrattschen Schnapsboykotts schemt es je länger veno mehr zu na» pern. Der Parteivorst and muß daher schon selbst in Aktton treten und den Genossen gut zureden, keinen Branntwein zu trinken. In der Erklämng des Parteivorstandes, tue tut „Porw." veröffentlicht wird, wird aber zugleich darauf aufmerksam gemacht, daß derjenige, der noch Schnaps trinkt, nicht gegen die Grundsätze der Partei verstößt. „Tiefeingewurzelte Gebräuche" könnten „ganz selbstverständlich" nicht durch eine Parteitagskundgebung mit einem Schlage aus der Welt geschafft werden. So-toeit, den Schnapsgenuß als einen Verstoß gegen die Grundsätze der Partei zu bezeichnen und deshalb mit dem Ausschlüsse aus der Partei zu drohen, will der Parteivorstand nicht gehen; er befürchtet, daß die Parteiversammlungen zum Tummelplatz der unangenehmsten persönlichen Zerwürfniffe" gemacht würden, daß „Schnüffeleien und Denunziationen" — sowas traut der Parteivorstand den Parteigenoffen also zu! — Tür und Tor geöffnet würden, wenn die Nichtachtung des Schnapsbohkotts als Verstoß gegen Parteigrundsätze betrachtet werde. Man sieht, daß der sozialdemokratische Parteivorstand den Schnapsbohkott doch nicht mit aller Strenge und Scharfe gehandhabt wiflen will; er muß ja dabei auch auf die „Genossen" Rücksicht nehmen, die bei allem „Zielbewußtsein" doch ihren Schnaps nicht miffen wollen.
(*) Der industrielle Mahlsands. Die Einführung des Berichtes des „Vorwärts" über die Sitzung des ZentralverbandeS deutscher Industrieller vom 15. Oktober legte die Vermutung nahe, daß es sich um ein Geheim Protokoll handele. Die „Kölnische Zlg." stellt fest, daß die angeblichen Enthüllungen nichts weiter sind als ein wörtlicher Abdruck aus der Nr. 116 der öffentlich erscheinenden „Verhandlungen, Mitteilungen und Berichte des Zentralverbands deutscher Industrieller", die vor wenigen Tagen erschienen ist.
4- Eine sozialdemokratische Massenkundgebung für Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten, geheimen Wahlrechts für beide Geschlechter bei der Wahl zu den Kommunalvertretungen steht in Aussicht. In allen Gemeindevertretungen, in denen die Sozialdemokratie Vertreter besitzt, soll — tunlichst am gleichen Tage — ein dahingehender Antrag gestellt, wo dies nicht dec Fall ist, durch eine Erörterung der Frage herbeigeführt werden.
** Unsere notleidenden Genoffen. Für den schwedischen Generalstreik sind von den deutschen Sozialdemokraten nicht weniger als 1283 161 Mark an die schwedische Landeszentrale gesandt worden. Die Sammlungen sind jetzt eingestellt worden, nachdem die Schweden erklärt haben, daß die noch im Streik verbleibenden 15 000 Arbeiter von den schwedischen Arbeitern über Wasser gehalten werden können.
Deutsches Reich.
+ Katholiken und Protestanten in der Zentrumspartei.
In Köln, wo bekanntlich vor vierzehn Tagen das Zentrum bei den Stadtverordnetenwahlen 3. Klaffe mit einem Zuwachs von 7000 Stimmen einen sehr bemerkenswerten Sieg er- runaen hat, rüstet sich die Zentrumspartei zum Wahlkampf für die zweite Abteilung. In einer großen Wählerver,ammlung am 17. d. M. sprach auch der vor eineinhalb Jahren geroäblte Zentrumsstadtverordnete Christian Meyer, ein Alt-Lutheraner. Seine Ausführungen bilden ein sehr bemerkenswertes Zeugnis für die Inter- konsessionaütät des Zentrums und für feine To- leranz. Weil dieser Vorgang bildlich ist für andere Gemeinden, in denen das Zentrum eine ausschlaggebende Rolle spielt, geben wir die betreffenden Ausführungen hier wieder. Herr Stadtverordneter Meyer erklärte wörtlich:
„Sie haben durch die Kandidatur eines Protestanten gezeigt, daß Sie nicht engherzige, einseitige, konfessionelle Politik treiben wollen, daß Sie sich freihalten wollen von jeder Intoleranz, und daß die Tore Ihrer Partei auch anderen GlSubi- gen offen stehen, sofern diese den Boden der christlichen Weltanschauung mit Ihnen gemeinsam haben. Ich möchte an die Worte des Herrn Kollegen Nönmg anknüpfen, daß die Zenlrumsfraktion mich zu allen Versammlungen und Beratungen hinzugezogen hat und nichts beschlossen worden ist,- ohne auch mich als gleichwertigen Faktor zu hören. Ich freue mich, das hier konstatieren zu können, und wenn noch von altersher ein Vorurteil bei mir gegen die Katholiken vorhanden gewesen wäre, meine Tätigkeit als Stadtverordneter hätte dieses Vorurteil zerstören müssen. (Lebh. Beifall.) Ich habe keine Ursache, anzunehmen, daß es anderswo anders sein sollte als in Köln, abgesehen von Fehlern und Mißgriffen in einzelnen Fällen, die selbstverständlich überall auf allen Seilen vorkommen. Wenn jeber Protestant bieten Einblick in die Zentrumspartei hätte, wie ich ihn habe — und nichts verwehrt ihm diesen, wenn er ihn haben will —, so würbe es anders sein auf lern Gebiete gegenseitiger Duldung und Verstan- digunz. Wenn meine schwache Kraft dazu beitragen kann, Vorurteile und durch nichts begründete falsche Mein mgen über Sie und den Katholizismus überhaupt zu zerstreuen, so würde es mir zur hohen Genugtuung geteidjen, daß gerade meine Person dazu ausersehen war, ein Band des Friedens und der Eintracht um alle Christen zu schlingen. Ich habe es nicht bereut, vor anderthalb Jahren Ihrem Ruse gefolgt zu fern, und wenn Sie es auch nicht bereuen, so wollen wir weiter arbeiten in gemeinsamem Kampfe für unsere christlichen Grundsätze und Ideen, zum Wohle der Stadt und des ganzen Gemeinwesens." i9ebb- Best.)
17 Mark, auslieferte. Man fahndet eifrig nach dem Täter. — Ein Schadenfeuer legte am Samstag den großen Schuppen der Doernberg'sch.n Drogerie in Asche.
△ Aus dem Kreise Marburg, 19. Nov. 1909. In einer ganzen Reihe Ortschaften unseres Kreises mußten wegen der hestig auf- tretenden Kinderkrankheiten, wie Masern, Scharlach usw., die Schulen gefchlofsen werden. In der Stadt Wetter kamen gestern von 214 Kindern nur 88 zum Unterricht.
* Mühlhausen i. Th. 19. Nov. 1909. In Küllstedt ist ein Verband zur Gründung einer Zentralwasserversorgung für mehrere eichsseldische Dörfer gebildet worden. Es sind angeschloffen die Dörfer Eichenrieden, Stmth, Wachstedt, Effelder, Küllstedt und Büttstedt.
* Göttingen, 19; Nov. 1909. Im Hotel zur Krone wollte ein Kellnerlehrlng den Fahrstuhl benutzen. Em Unbefugter hat diesen jedoch von seinem Stand entfernt; der Lehrling öffnete die Tür und stürzte i n d i e Ziele. Er erlitt lebensgefährliche Verletzungen.
§§ Kassel, 19. Nov. 1909. Ein gefäh r kicher Schwindler hatte sich heute vor der hiesigen Slraskammer zu verantworten und der Staatsanwalt bezeichnete ihn und seinen Anhang als „Vampyre", die ihre Opfer nicht eher losließen, als bis sie sie völlig ausgesogen hätten. Der wegen zahlreicher Wechsel- und Lizenzschwindeleien wiederholt mit Zuchthaus vorbestrafte erst 33 jährige Kaufmann Richard Löffler, stark gefesselt aus dem Zuchthaus vorgeführt, hatte sich heute wegen Betruges und Urkundenfälschung zu verantworten. Der Vorsitzende der Strafkammer stellt« ihm in Aussicht, daß er heute auf eine Gesamtstrafe von 15 Jahren Zuchthaus zu rechnen habe, um dann vor den Strafkammern in Ulm, Wiesbaden, Frankfurt a. M. und Nürnberg zu erscheinen, wo er nach den ihm zur Last gelegten Straftaten nochmals auf 12 dis 15 Jahren Zuchthaus zu rechnen hätte; es käme also heute gar nicht darauf an, wenn er die volle Wahrheit sage, er würde damit lediglich umso schneller die Kelte von Prozessen gegen ihn erledigt haben. Löffler bestritt indes heftig seine Schuld und wollte Vertagung des Termins; er führte eine Anzahl Gründe für die Vertagung ins Treffen, erklärte sich aber schließlich bereit, in der einen Betrugssache gegen sich verhandeln zu lassen. In diesem Betrugsfall« handelte es sich um einen raffinierten Schwindel, den Löffler inszeniert hatte, um zwei mit Hypothekengeschäften unerfahrene Leute um ihr gesamtes Vermögen zu bringen. Löffler hatte «8 verstanden, sich als Bevollmächtigter eines Frl. N. auszuspieleu, das 5000 Mk. Vermögen geerbt hatte. Er besorgte diesem Frl. einen Bräutigam und schwindelte diesem ein Haus in der Henkelstraße auf, das dieser aber nicht übernehmen konnte, da ihm hierzu 1000 Mk. fehlten. Auch diese 1000 M. beschaffte Löffler, indem er einen Freund zur Hergabe einer Zession bewog, woraus der künftige Gatte des Frl. N. das Haus auch übernehmen konnte, seines Besitzes aber nicht sroh werden konnte, sondern sehr bald infolge geschickter Manipulationen des Löffler und seiner Freunde Haus wie Geld los geworden war. Die ganz verwickelte Finanzierungsgeschichte hatte Löffler aber so gewand eilige« fädelt, daß ihm heute selbst der Staatsanwalt nicht beikommen konnte, in der Hauptsache deswegen nicht, weil Frau S., das damalige Frl. N., auS den Vertragsabschlüffen damals nicht recht klug geworden war, und infolgedessen auch heute bestimmte Angaben, aus die sich ein Urteil hätte stützen können, nicht machen konnte. Der Staatsanwalt mußte daher zu seinem lebhaftesten Bedauern die Freisprechung des Angeklagten bean-
Irrende Seele.
22] Roman von H. T e i ch e r t.
„Sagen Sie mal so ganz unumwunden, lieber Lanzau, welche Elemente sind denn so hauptsächlich bei diesen Zusammenkünften im Haus« Dornau vertreten?" konnte er doch nicht unterlaßen zu fragen. So ganz gemütlich war ihm doch nicht bei feinem plötzlich gefaßten Entschluß. Der alte Aristokrat in ihm rührte sich Eine etwas gewagte Extravaganz, seiner nicht ganz wiirdig, würde dieser Besuch bei den Theaterleuten doch vielleicht sein — wenn er e8 nicht des Jungen wegen täte, um eventuelles Unheil zu verhüten. Erwartungsvoll sah er Lanzau an, der unbewußt mit der Antwort zögerte. Die Ueber- tafehung, die des alten Herrn Entschluß ihnen gemacht, mußte doch erst überwunden werden. Aber während sich Lanzau innerlich köstlich über die Idee amüsierte, berührte sie Rolf sehr unangenehm. Er kannte seinen Großvater doch besser, als dieser. Der alte eingefleischte Aristokrat, der fteifnackig an bet neuen Zeitströmung vorübergiug, paßte ganz und gar nicht in das Tornausche Haus, wo Freiheit deS Denkens und Ungezwungenheit des Beckehrs herrschte und jeder Besucher, ob er im bürgerlichen Leben viel oder wenig vorstellte, mit gleicher Herzlichkeit aufge- nominen wurde. Wenn der alte Mann hoffte, als j.Exzellenz, Freiherr von Manseck" dort wer weiß wie hofiert zu werden, wohl gar dachte, eine große Rolle zu spielen, so konnte ihn eine Enttäuschung erwarten ,die möglicherweise sehr ungünstig auf seine .©tunmung und Haltung wirken konnte. „Wenn ihm Lanzau doch abraten möchte", dachte Rolf und sah den Freunb burchbtingenb an. Der aber tat, als verstehe er nicht; um seinen Munb zuckte bei lieber« mut. Er freute sich mörderisch darauf, wie stch bie jttlte Exzellenz zwischen all ben Leuten bet Feber unb Ier Kunst machen würde, zwischen der GeisteSartsto- Iratie, bie so gar nicht gewillt ist, vor der StanbeS- Wriftolratie zu katzbuckeln.
„Eine umfaffenbe Antwort auf biese Frage zu Heben, ist nicht leicht, Exzellenz", antwortete et end
lich, „ich treffe eigentlich jedesmal andere Menschen dort. Gelehrte, Schriftsteller, Bühnenleiter unb -Mitglieder. Maler, Bildhauer, ein buntes Durcheinander. Hübsche junge Damen natürlich auch!"
ManSeck lachte laut auf.
„Sie sind ein Filou, Lanzau. Hübsche junge Damen! Na, gehen wir also um derftwillen uno schauen wir vor allen Dingen im? mal die schönste von allen an, Prinzessin Tnrandot, ihren Hofstaat unb ihre Schmacht-Ritter."
„Zu benen ich nicht gehöre, Exzellenz."
„9<a, na, Ueberzeugung macht wahr. Werde eS schon henmSbekommen, wer der Bevorzugte ist."
„UebrigenS, Exzellenz, die Hauptsache, mit dem NechmittagSempfang Ist eS heute dort überhaupt nichts. Heute, wie an jedem fünfzehnten, öffnet das Dotnaufche Haus erst am Abend seine Pforten. Frau Domau hat bas in den letzten Monaten so eingerichtet, weil brr Nachmittag vielen, besonders ben Herren, oft ungünstig als Besuchszeit ist. Wenn Exzellenz aber am Abrnb mit uns gehen wollen —"
„Noch besser, viel besser. Offen gestanben liebe ich dies» Zwlelicht-ArtangementS auch gar nicht."
„Ich auch nicht", krächzte Oertzen, „ba «S flch nun aber um einen Abenbbefuch hanbelt, würbe ich mich ben Herren gerne anschließen. Wären bann nicht so vereinsamt, Manseckchen."
„Unb vor allen Dingen kriegten Sie mal wieder ein paar hübsche Gesichter in allernächster Nähe zu sehen, meinen Sie. Ne«, lieber Oertzen, daraus wirb nichts! Muß mich schon so wie so Tag für Tag über Ihre nichtSwürbige Physiognomie ärgern, ba möchte ich mir burch biefelbe nicht auch noch anber« wärt» jeglichen Genuß derbe eben."
„Aber erlauben Sie mal, Manseckchen —'
Der winkte nur abwehrend mit der 'Hand; als aber der Zeitpunkt kam, lenkte er doch wieder eia unb schließlich fuhr Oertzen boch mit zur Jägersttaße.
„Doch besser, ich habe irgend ein« geduldige Seele um mich, um meine Galle an ihr auSzulaffen, wenn mich bie Wut überkommen sollte, tiefe Expedition unternommen au haben", dachte Eizellen, ManSeck
8. Kapitel.
Sie kamen verhältnismüßig früh hin. In ben Gefellschastsräumen bet Dornauschen Wohnung bewegte sich vorläufig noch ein kleiner Bekanntenkreis. DaS Gros der Besucher stellte stch gewöhnlich nach Schluß der Theater unb Konzerte ein. Der Hausherr war auch noch nicht da, im Schauspielhause gab e8 heute Shakespeare, Lear war eine seiner Hauptrollen. Mtt großer Herzlichkeit wurden Lanzau unb Rolf Manseck unb mit vollendeter Höflichkeit bie beiden mitgekommenen alten Herren von bet Hausfrau empfangen Ungezwungen in ihrer Art flch zu geben, viel redegewandter, als vor ihrer Heirat, unb unterstützt burch ihre vorteilhafte äußere Erscheinung, machte sie, den Eindruck einer Dame, die in bet Gesellschaft groß geworben ist, unb wirkte momentan geradezu verblüffend auf Exzellenz Manseck. „Wie eine regierende Herzogin", dachte er bei sich unb schaute zu der blühenden Frau hinüber, die ihren vornehmen Gast ruhig empfing, als seien Exzellenzm tägliche Erscheinungen in ihren Salons. Dieser sah allerdings in seinem schwanen Anzug unscheinbar genug aiS. Die @eneral8uniform, bie er sonst noch bei jebet nur möglichen Gelegenheit gerne trug, hatte er heute nicht angelegt, man konnte boch nicht wissen, ob be8 Kaisers Rock in dieGesllschast passen würbe. Jetzt ärgerte et sich im stillen, baß biefelbe zu Hause im Schrank hangen geblieben war. Tab-llos schwarze GeselischaftSröcke trugen hter alle Herrn, baS übersah er sehr balb, aufsehenerregender wäre jedenfalls bie blitzenbe Uniform gewesen. Ein klein bischen stieg ihm schon bie Galle ins Blut.
„Hätten mich auch erinnern können, daß hier „en graude tenue“ mehr am Platze gewesen wäre," knurrte er Oertzen an. DaS Heute Männchen kicherte. Ihm war's eine Genugtuung, daß sein Tyrann ebensowenig ausfiel, wie er selbst. Er rieb sich bie Häntie unb sah sehr vergnügt aus. Hier schien es gemütlich werben zu wollen. Gut eingerichtete, prachtvoll erhellte Räume, bie schöne, stattliche HauSftau iw dunklen Seibenkleide, und dort im anderen Zimmer, um den Flügel gruppiert, junges, lustiges Volk, dessen frohä Lachen bis zu ihm drang. Rolf und Laruau batten sich
eben dem Kreise zugesellt. Er sah, wie beide einet jungen Dame die Hand küßten, das war jedenfalls die Haustochter, die anderen Anwesenden wurden viel kühler begrüßt. Schade, daß er nicht auch gleich dorthin gehen konnte, aber vorläufig hieß es hiev standhalten, bis es feinem Tyrann gefiel, weiter zu wandern. Und der war schon in ein interessantes Gespräch mit einem ältlichen Herrn verwickelt. Redakteur der . . . scheu Zeitung — streng konservatives Blatt, Mansecks Leib- und Magenlektüre. Oertzen selbst sah sich auch angeredet; daS machte sich alles so von selbst und so würde, hoffte er, auch daS zwanglose Zusammensein mit der schönen Tochter nickt lange auf sich warten lassen.
Da kam sie übrigens schon selbst herüber, die mittlerweile dazuaekommenen neuen Gäste zu begrüßen. Hinter ihr ein Teil der Gesellschaft, die um sie gewesen war.
„Unsere Tochter," stellte Beata das junge Mädchen ihm und Manseck vor, nannte darauf ein« Anzahl fremder Namen und machte sie beide dann noch ganz besonder- mit ihren beiden Neffen bekannt.
DaS war sie also! So sah sie auS! Eo überaus reizend mit dem zierlichen, dunklen Köpfchen und der formvollendeten, jungen Gestalt, mit den ernsten Augen und dem lachenden Kindermund, dachte Erzeuenz, und da hatte er sich gewundert, daß sein Enkel schmal geworden war, vor Verliebt« sem! Und diese Hand, eine aristokratische Hand reinster Form! Chevaleresk zog er sie an di« Ä und ließ feinen borstigen Schnurrbart fe- lang darauf ruhen. Dann sah er wieder bewundernd in das blütenreine Gesicht des jungen Mädchen-, und auf einmal stieg em Bild tn ihm auf, dar er bisher gewaltsam aus feiner Erin- nerung verbannt hatte. Solche Augen und eben solch' süßen Rinbetmunb hatte jemand gehabt, der rhm einst sehr nahe gestanden hatte. Nur blond war die Liselott gewesen, weißer ihre Haut und weniger weich und melodffch ihre Stimme, als von dieser hier. Er hielt noch immer mit zitternde^ Hand Renates Hand, feine Augen hingen selbstvergessen an des Mädchen» Gesicht. Dann ermannte er sich gewaltsam Wd gab bie Heine Lxuch ftrj, (I. f.)