36. Jahrgang
Fulda, Sanistag den 20. November 1909
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Drittes Wtatt
noch anderswo, die Scheidung erlangen, da er als
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die Unauflöslichkeit der Ehe hütet. Wir sind dem „Atheist" für die Enthüllung über seinen Helden sehr dankbar. Er bestätigt also vollauf etwas, waS er ein paar Spalten nachher als »uncrwiesene Gruselgeschichte' nicht wahr haben will. Ja, wenn die katholische Kirche das sechste Gebot Gottes drangeben wollte, viele, sehr viele, die heute .Kreuziget sie' rufen, wür
den ihr das große Hallelujah singen I An die Freidenkermegären, die wie Furien diesen Ferrer-Rum- mel mitgetanrt, richten wir das Ersuchen, einen heNen Augenblick zum Nachdenken darüber zu benützen, ob denn diese Stellungnahme der Kirche für die Unauflöslichkeit der Ehe nicht gerade im Interesse der — Frau gelegen ist, sofern diese dadurch geschützt wird gegen die Verstoßung durch den Mann!!
Fürchterlich hat kürzlich, wie schon mitgeteilt wurde, Maximilian Harden in seiner .Zukunft' .die Kulturgemetnschast der freien Denker', die Herren Geheimrat Prof. Dr. Lujo Brentano, Ritter hoher Orden, Exzellenz Geheimrat Prof. Dr. Haeckel, Ritter höchster Orden, Prof. Max Liebermann, Ritter ziemlich hoher Orden usw., bochgenonnnen, die einen bom- bastischen Protest gegen die Hinrichtung Ferrers los- aelaffen hatten. Alle diese Herren ducken sich jetzt wohlweislich, bis auf einen, Herm Meier-Graefe. Dieser sandle an Harden eine lange Entgegnung. Harden ist so grausam, die ganze Zuschrift wörtlich abzudrucken. Meier-Graefe entschuldigt sich darin, ein spanischer Bekannter habe ihm gesagt, die Hinrichtung sei ein .ungesetzlicher Akt der Klerikalen'. Daraushin hat er denn lustig mitgemacht gegen Kleri- kaltsmus, JesuitiSmus und Katholizismus, gegen ein ehrcnweckeS Ministerium, ein untadeliges Offizier- Spruchgericht und ein ganzes Land. Sein .Rechtsgefühl' war .verletzt', und um diesem genugzutun, verhimmelt und verteidigt er einen Anarchisten, beschimpft er die spanische Regierung, das spanische Offizierskorps und das ganze spanische Land. Hübsch, nicht wahr?
Harden bescheinigt ihm, daß er „eine Riesen- dnmmheit gemacht, andere dazu verleitet und sich nun, statt in «schäm zu gestebcn, mit Rabulistenkunst vom Pfahl losschwatzen will".
Damit wird man wohl die Akten über das Debüt der „Kulturgemeinschast aller freien Denker" E. G. für Anarchistenverhinuneluilg und politische Tölpelei und ebenso des Goethebundes m. 6. £>. für Antikleri- kalismus, Jesuitenfrefferei und ähnlicher Menschenrechte einstweilen schließen können. Wenn von Zcn- trumsseite her solche Herren mit Ruten gestrichen werden, wird's von ihnen meist hochnäsig nasenrümvfend hingenommen. Ob's jetzt mehr genützt, wo Maximilian Harden sie mit Skorpionen gezüchtigt hat? Bei allen gewiß nicht Bei nächster Gelegenheit werden sie wieder da sein, und alle „freien Denker" Hervorrufen, wenn wieder .ein Bekannter" ihnen eine Gelegenheit geigt, gegen den „Klerikalismus" loszustürmen wie der Stier gegen das rote Tuch, mögen sie sich selbst dabei auch noch so sehr blamieren. Das Publikum der „freien Denker" hat ja'ein gar so kurzes Gedächtnis, und man kann ihm unglaublich viel bieten. Schlimm ist nur, das; durch solches Gebaren das Ansehen des deutschen Volkes, der „Ration der Dichter und Denker" vor dem Ausland immer mehr unter die Füße komnit.
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Veraotw- Redakteur: wT Ep
wschenbekase: „Illustrierte Sonntagszeitung"
Deutsches Reich.
4- Zur Reform des preußischen Wahlrechts verweist die /ßofi' darauf, daß der tiefe Frage berührende Teil der Thronrede seine anthentische Auslegung in der Erklärung des Ministerpräsidenten vom 9. Januar vorigen Jahres besitze, deren Wortlaut vorher festgelegt gewesen sei und sicherem Vernehmen nach auch im einzelnen ßie volle Zustimmung der Krone gefunden habe. In dieser Erklärung ist von einer Neu- einteilung der Wahlkreise mit keinem Wort die Rede, die Einführung des Reichstagswahlrechts wird entschieden abgelehut, als Ziel der Wahlrechtsreform werden vielmehr allein hingestellt, die Abstufung deS Stimmrechts nach dem wirk- lichen Gewicht der Wahlftimmen, und die Siche- rung des den breiten Massen des Mittelstandes gebührenden Einflusies auf daS Ergebnis der
habt, obe. er hat feine Behauptungen wider bessere» Wissen echoben."
* Pfarrer und Politik. Unter dieser Spitz- marke tritt der Protest. Pfarrer Lienhard in der »Reformation' der bekannten, namentlich von protestantischer Seite erhobenen Behauptung entgegen, daß Politik und Religion nichts mit einander zu tun hätten. Wir lesen da u. a.:
Wenn Genußsucht, Habsucht und Gewinn- sucht, also recht minderwertige Triebfedern, das polr- tische Leben vergiften, und im Kampf um „Mein und Dein" eine verhängnisvolle Rolle spielen, so kommen hiezu die Kämpfe um die Weltanschauung, die von der Politik sich nicht reinlich fernhalten lasten. Das alte, nicht von der Welt zu schaffende Thema vom Kampf B'hen Glauben und Unglauben kehrt in den mannig-
ten Formen im politischen Gebiete wieder und durchaus nicht immer parlamentarisch und sachlich er- örtert. Die Redensart, Politik habe mit Religion und Konfession nichts zu tun, ist eben eine auf Schritt und Tritt widerlegte Redensart. Kirche und Staat, Familie und Schulen sind keine Größen, die nicht immer auf. einander angewiesen wären. Unter dem innigen Zu- sammengeden der volkserhaltenden Faktoren kommt es im Handumdrehen zu Reibungen und Grenzstreitigkeiten. Wie könnte da ein um das öffentliche Bolkswohl be» forgter Mensch mit verschränkten Armen „neutral" zu- schauen können?
♦ Ein neuer Truppenübungsplatz, der nicht wenige, als 5920 Hektar groß sein sollte, ist bekanntlich bei Berlin beschafft worden. 13 Millionen Mark wurden dafür angefordert und von der Budgetkommission des Reichstages am 1. Juli b. I. bewilligt. Es wäre intcreffant, einmal aktenmäßig zusammenzustellen, welche Spekulationsgewinne in biesen 13 Millionen enthalten sind. Es soll Personen geben, die beizeiten das Land für 100 Mack den Morgen kauften und vor Fiskus das Doppelte und Dreifache dafür erhielten. Aber nicht nur um diese Spekulattonsgewinne aus Kosten der deutschen Steuerzahler handelt es sich. Die „Staatsbürgerztg.' erzählt:
Die tn der Nähe des neuen Truppenübungsplatzes liegenden Landgemeinden, wie Kallinchen, Schöneiche, Töpchin, Egsdorf, Jackzenbrück und Mellen, sind blutarm, 250 v. H. Kommunalzuschlag, 375 v. H. Gebäudesteuer, 500 v. H. Gewerbesteuer werden gezahlt. In der einen Gemeinde bilden vier Ziegeleibesitzer die erste Steuerklasse und bringen allein ein Drittel der gesamten Steuern auf. Der dortige Geistliche wies nun die Gemeinden auf Wertzuwachssteuer hin. Bon den außerordentlichen Gewinnen der Truppenübungsplatz-Spekulanten sollten die Gemeinden wenigstens einen Teil für ihre eigenen Bedürsniste abfordern. Bis Ende Mai dieses Jahres war dieWerlzuwachs- steuer in allen beteiligten Gemeinden beschlossen. Mitte Juni bekommen die Gemeindevorsteher Zuschriften vom Ministerium des Innern, daß an den zur Genehmigung eingereickten ■ teuerordnungen noch einige Aenderungen nötig seien. Die Gemeinden hatten bis zum 21. Juni schon die berichtigen Steuerordnungen dem Landralsamt eingereicht. Am 22. Juni bereits erteilte der Kreisausschub seine Zustimmung und gab die Steuerordnungen weiter. Wird die Regierung in Berlin den armen Dorfgemeinden zu ihrem Recht verhelfen? Sie läßt warten! Wiederholt bitten die Gemeindevorsteher um Beschleunigung, damit die Wertzuwachssteuer in Kraft tritt, eh« die groben Land« Verkäufe stattsinden; nachher hatten die Steuerordnungen ja nur noch geringen Wert. Am 9. Juli wird noch einmal telegraphisch um Genehmigung der Steuern gebeten. Es kommt keine Antwort! Die Landverkäufe gehen vor sich, die Spekulationsgewinne werden, um einen Fachausdruck zu gebrauchen, „realisiert". Die armen Gemeinden müffen zuseüen, wie Gewinne dis zu 400 v. H. gemacht werden. Und endlich — am 22. Juli, nachdem nichts mehr zu retten ist, kommt der Bescheid, daß di« Steuerordnungen genehmigt werden.
Die Einführung der Steuer war also verschleppt worden, bis diejenigen kundigen Personen, die nicht nur einen weiten Blick, sondern auch gute Verbindungen haben, mit ihren Gewinnen in Sicherheit waren.
* Tie neue Kriegs - Verpflegungsvorschrift ist soeben an die Kommandobehörden und Trup-
Wahlen, endlich die Einführung der geheimen Stimmabgabe ist nicht in Aussicht gestellt worden. __ Wir zweifeln nicht daran, daß viele Leute m einer derartigen Aenderung des Wahlrechts eine wirkliche Reform ersehen werden. Der eine ver steht nämlich unter Reform diese-, der ander jenes.
* Nur keine ktholischen Schwestern". Man sckreibt" der Germ.": „Nur keine katholischen Schwe- tcm!' So denken nicht nur die Liberalen Düffelbocks sondern auch andere. Im Städtchen Blesen, »reis Schwerin a. SB., wollten die Bürger eine Niederlassung von Barmherzigen Schwestern gründen und stellten deshalb am 1. Oktobn 1908 em Gesuch an das KultuSministeckum. Sie erhielten am 24 Snli b I eine ablehnende Antwort, weil „in Biesen durch' den dock neu gegründeten Zweigverein des Vaterländischen Frauenvereins eine . Landkranken- vflegestation eingerichtet wird . . .cm Bedürfnis zur Errichtung einer Ordensniederlassung in Biesen iura Zwecke der Ausübung der Krankenpflege nicht anzuerkennen' sei. Der Zweigverein des Vaterländischen Frauenvereins wurde aber echt am 6. Mar d I allo fünf Monate nach der Absendung des Gesuchs der Bürger gegründet und zwar laut Bericht des „Schweriner Kreisblattes" zur Errichtung einer Krankenvflegestation mit einer Krankenpflegerin. Bürgerfrauen traten dem Verein nicht bei, sondern zwölf nicht ganz unabhängige katholische Frauen und Jungfrauen, außerdem noch ebensoviele Andersgläubige Die Stadt Blesen, sowie sechs angrenzende Dörfer die sich dem Gesuch angeschloffen haben, find zu 97 Prozent katholisch und zählen ungefähr 5000 Einwohner. Die Bürger Blesens befürchteten sofock nach der Gründung des Vaterländischen Frauenvereins, daß er bie Ansiedelung der Barmherzigen Schwestern vereiteln solle, und baten wiederholt um die Ge- nehmigung einer Niederlassung der Barmherzigen Schwcktern. Am 1. v. M. kam eine Krankenpflegerin hierher und zwar eine Polin. Um das Katholische zu verdrängen, ist auch das Polnische gut, sonst taugt es nichts.
* Der Buchhandel und der katholische Klerus. Gegen einen Artikel des „Mörz" wendet sich die V e r- einigung katholischer Buchhändler, die ca. 200 Firmen des deutschen Buchhandels umfaßt. In dem fraglichen Artikel der Zeitschrift „März' heißt es nämlich:
„Wenn ich die Benediktinerllöster ausnehme, Darf ich behauotrn, und niemand kann mir den Gegenbeweis bringen», daß in keiner geistlichen Bücherei Alt- bayerns em deutscher Klassiker vertreten ist . . . Die „Bücherei" des allbayerischen Geistlichen befindet sich in einer Art Nachtkasten, oder sieht auf einem kleinen Pulte; sie besteht aus einer „Geschichte der Heiligen«, ein paar gebundenen Kalendern, etlichen Gebetbüchern und Slingls Verwaltung des katholischen Pfarra nts. Der Hochwürdige hat niemals das Bedürfnis, ein Buch zu lesen . . ."
Gegenüber diesem Schmähartikel stellt nun bie Vereinigung katholischer Buchhändler au3 langjähriger geschäftlicher Erfahrung fest, „daß der bayerische, wie der d e u t s ch e Klerus überhaupt, zu den besten B ü ch e ckä u ' e r n gehört, und daß zahlreiche Verlagsunternehmungen, auch solche nichttheologischen Charakters, ohne den Absatz unter dem Klerus geradezu undurchführbar wären. Manche Sortimentsbuch- hcmdlung würde ohne die Kundschaft der Geistlichkeit überhaupt nicht bestehen können, manche andere würden nur schwer fie entbehren können. Auch kauft der katholische Klerus nicht bloß katholische Literatur, sondern auch solche, sowohl wiffcnschaftliche wie belle- tristiskhe, die seiner Weltanschauung entgegengesetzt ist, um durch eigenes Studium zu ihr Stellung zu nehmen. Den „Simpliziffimus" und seinen Bm- der „März" dürste man freilich leicht veraeblich in den sonst recht reichhaltigen Bibliotheken der Geistlichen suche». Entweder hat der Korrespondent des „März" nie mit katholischen Geistlichen zu tun ge-
AC. Die durch die Ferrer-Blamage entlarvten Freidenker
beginnen jetzt mit sehr gedämpftem Trommecklang ihren Rückzug. ES ist ein wahrer Hochgenuß an Komik, die Purzelbäume zu sehen, welche bie Freidenkerpresse schlägt, um ihre Leser über den Herem- fall mit dem „Helden" Ferrer hinwegzutauschen.
Man höre und staune. Diese Freidenkerprrffe, bie sich in der Verhöhnung des Christentums nicht genug tun konnte, appelliert jetzt an die chckstliche Gesinnung derer, die sie bisher in wahrhaft gassenbubenackiger Weise angepöbelt hat und fleht sie um des Himmels 'willen an, doch in den Enthüllungen über den wick- lidjen Ferrer einzuhalten!!
So möchte der „Atheist", daS Organ des Zeiftral- oerbandes deutscher Freidenker (Nr. 45 vom 7. November 1909), die Tatsache, daß Ferrer die Kinder -seiner rechtmäßigen Fmu enterbt unb bagegen bie Kinder feiner Geliebten in seinem Testament bedacht, während eine Tochter von ihm als Fabrikarbeiterin kümmerlich ihr Brot verdiente, als „unbewiesene Gru- ffelgeschichte" abtun. Das geht nun nicht, denn Tatsachen lassen sich auch von Freidenkern nicht aus der Welt schaffen! Wir sind aber dem „Atheist" dankbar flir sein Zugeständnis, daß damit sein Held Ferrer Blamiert ist! Denn wäre das Blatt selbst nicht dieser -Ansicht, würde es nicht den Versuch machen, die Tatfache als unerwtesene Gruselgeschichte abzuschieben!
Und nun das köstlichste! ES heißt wörtlich: „Den christlichen Brauch, die Toten ruhen zu lassen, igno- -riereii diese klerikalen Finsterlinge." — Ei, ei! Auf [einmal ruft man die chckstliche Sitte und chckstlichen Wrauch zu Hilfe!! Slber so haben wir doch nicht ge- roettet! Wer den toten Ferrer nicht hat ruhen lassen, das ist ja die ganze Freidenkersippe gewesen! Sie haben ihn aus dem Grabe gezerrt, um dabei Hetzreden blutrünstigen Stils zu halten. Da wurde der Kneiv- wick und Anarchist, der Anarchist Ferrer hinaufgelogen zu einem Heros, wie die Welt noch keinen gesehen habe.
Wer aber in solcher Weise, wie das Freidenkertum einen Toten aus dem Grabe reißt zum Zweck einer wahrhaft schamlosen, verlogenen Hetze, der muß sich .schon gefallen lassen, daß man seinen Helden sich näher ansteht. Wer dagegen schrckt, gibt zu, daß der ehrenweckc Held die Prüfung nicht vertragen kann. [So zetert man heuchlerischerweise über kleckkale Finsterlinge, welche die Toten nicht ruhen lassen!
Daß aber diese „flerikalen Finsterlinge" mit ihren ^Gruselgeschichten' im Rechte sind, verrät berfelbe »Atheist', wenn er burch Veröffentlichung von Briefen seines H-lben Ferrer jebem Tieferblickenben ent- tzüllt, wo her Grunb für ben Kirchenhaß des Anar- ifeiner Frau geschieden sein. Und die katholische chistenhäuptlings zu suchen ist. Der Mann wollte von 'Kirche tat ihm den Gefallen nicht! Daher die Wut! Der „Atheist" gibt noch eine Erklärung dazu:
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Verlag der $ulbaer Ak» tienbrnderei in Zulda
Monatsbeilage: „5«ldaer Seschichftbiätter" Zernsprecher Nr. 4.
„gerrer war mit einer eifrigen Katholikin verheiratet, die auch ihre Kinder, zwei Mädchen, klerikal 'erzogen haben wollte. Darüber tarn es zum Bruch Zwischen den beiden Eheleuten und Ferrer wollte sich scheiden lassen, konnte aber nirgends, weder tu Spanien
spanischer Katholik ft!) eine untrennbare Ehe geschlossen halte."
Anscheinend meint der Ackikelschreiber, «in nicht- fpanischer Kathoik könne eine lösbare Ehe eingehen; et weiß also nicht, daß die katholische Kirche allüberall
Irrende Seele.
f21] Roman von H. Teichert.
i „Ich für meinen Teil habe elenden Stubenarrest. Das elende Wetter sitzt mir in allen Gliedem, das Zwickt und zwackt und reifst in mir hemm, als wäre iber Teufel int jSpiet. Junge, Junge, wäre ich noch 'mal jung und flott wie Du, hei, wie wollte ich mich emulieren."
< „Rätst Du mir, das auch zu tun. Großpapa?"
„Gott soll mich bewahren, Rolf. Du hast die Zeit fa noch vor Dir, zu genießen mit Weile unb Vernunft. ■S3ift ja auch von Natur kein Sausewinb, Gott sei -Dank, kann ich dazu ja nur sagen, aber viel vom Leben i Wirft Du nie haben. Nur der hat's, mit dem das ;Blut auch mal durchgehen kann, ohne daß die Vernunft davon weiß. Davon haben Sie natürlich keine Ahnung, Oertzen."
DaS kleine, vertrocknete Männchen wollte eine Krastanstrengung machen, das Gegenteil zu behaupten — ba reichte Ewald ihm gerade den Sonntagsbraten, Fasanen mit Trüffeln, hin. Beira Anblick solcher Schüsseln ging es gegen sein Gewissen, zu streiten Er schmunzelte, leckte sich di« Lippen und nickte zu- stimutend. Mochte man doch von ihm denken, was man wollte, wenn er nur sein Lieblingsstück in Sicherheit brachte.
„Nun also, Rolf, welches ist Dein Tagesprogramm?"
eilltn Abendzeitvertreib habe ich noch nicht nachgedacht, die Rachmittagsstunden hingegen will ich Trrundm im Hause von Walldorfs Ber- Mtu"ÄL°’c^Mea zubringen"
die Leute?" 0 Afternoon-Empfang. Wer find tkrüftbnhn $~b°^ sprach ich Dir schon deS öfteren, L'Zßs ÄST g bas war eine wunderbare Geschichte mit dem Testat
ment. Alter, verschrobener Geselle, der Erlin. Lebte und ging einher wie ein Bauer, bei dem Reichtum! Hab' ihn oft genug gesehen bei den großen Herbstjag- den in den fürstlich X'schen Forsten. Großartiges Eisenwerk, diese Erlm-Hütte, so in der Deuthencr Gegend muß sie liegen. Bei rationellem Betrieb unter den Händen eines Besitzers, der daS Berg- und Hüttenwesen au fond studiert unb mit eigenen sachkundigen Augen die Arbeiten kontrollieren kann, auch nicht, wie der Vecktorbene, durch ekelhafte Knauserei die Entwicklung der eigenen Industrie unterdrückt, muß die Mineralausbeute auf dortigem Grund immer beträchtlicher und baS schon jetzt bebeutenbe Eisenwerk erstklassig werben. Ter Alte war ein Rüger Kovf, et hat ganz genau gewußt, wo es bei ihm fehlte, und deswegen als Hauptklausel deS Testaments die Bestimnwng getroffen, daß der zukünftige Besitzer Fachmann fein müsse. Aber wie die Walldorfs nun doch zu dieser Erbschaft gekommen sind, wissen fie wicklich nicht. Im Zorn hat der Alte testiert. Und so recht vor Toresschluß, ohne front gewesen zu fein. Ein paar Tage nach Abfassung hat ihn der Schlag gerührt. Wer wckß, wie die Sache noch gekommen wäre, wenn er länger gelebt hätte. Schöne Erbschaft, ä Ja bonheur! Wie ist denn der junge Mann, dem fie in ben Schoß gefallen ist? Gebildet natürlich. Aber von repräfentabter Erscheinung? Und besitzt er den nötigen Ehrgeiz, etwas aus sich machen zu wollen?'
„Mehr als zu viel, Großpapa. Ich glaube, in bessere Hände hätte der alte Sonderling fein Eigentum nicht legen können. UebrtgenS ist effektiv nicht er, sondern fein Vater der Erbe. Sigurd Walldorf wird nur deshalb dereinstiger Letter der Hütte werden, weil er allein imstande ist, die Haupkbedingung zu ersAlen.'
„So wirst Du heute bei den alten Walldorfs fein?' „Nein, die leben vorläufig noch in Kurland. Unsere Verabredung gilt dem Hause von Walldorfs Tante, Frau Domau, die Dame ist Schriftstellerin und ihr Mann Mtglied des königlichen Schauspielhauses.'
Der alte Herr wiegte bedächtig das Haupt.
„Hm, hm, gerade kein Kreis, in den Du eigentlich passest Könntest Du ben Besuch nicht umgehen? Bfft Du überhaupt schon bekannt baselbst?"
Rolf verneinte. „Die Familie lebt erst fett ein paar Monaten hier. Herr Domau Ivar bis jetzt am Mcimngenschen Hostheater. Aber warum sollte bas Haus, bas in bent Ruf hoher Intelligenz unb Gast- fteunbschast steht, nicht für mich Paffen, Großpapa? Lanzau, ber bie Familie schon feit Jahren kennt, ist entzückt von ber Ausnahme, bie man bort finbet*
„Glaub' ich schon! Ist bie Dame bes Hauses selbst jung und schön oder sind Töchter da, was?"
„Soviel ich wckß, haben Domaus keine eigene Familie, sie haben nur eine Pflegetochter."
„Also ist die Pflegetochter der Anziehungspunfl. Auch Schauspielerin?"
„Ich kenne die Familie »och gar nicht, Großpapa." Etwas wie Ungeduld klang durch Rolfs Ton. „Ich hörte von der jungen Dame nur durch Lanzau. Walldorf selbst hat mir gegenüber noch nie von feiner Cousine gesprochen."
Als der Kaffe« gereicht wurde stellte sich auch Lanzau ein. Er war dem alten Manseck schon bekannt unb erfreute sich besten großer Sympathie. Der reb- selige ,immer fröhliche Kumpan paßte in jeben Rahmen. BereitwMgst gab er Auskunft über Domaus, rühmte daS Haus und die wunderbare Anmut ber Haustochter unb beruh'gre ben besorgten Großpapa auch über den Punkt, daß dieselbe weder Schauspiele- rin sei, noch die Gewohnheiten der Theaterdamen habe. Mit dem Versprechen, bei bet nächsten Berliner Spritzfahrt bem alten Herrn ein paar Abenbstunben zu schenken, trennte man sich bann bald.
Tas Dornausche Haus unb ber jedsonntagliche „Aftemoon-tea* mußte auf bie Freiburger Stuben- ten große Anziehungskraft ausüben. Exzellenz Maris- eck machte jebenfalls bie Bemerkung, baß sein Enkel währenb bieses Winters seht ost nach Berlin kam, viel öfter als in ben beiben ersten seiner Studienzeit, und daß et zur festgesetzten Stunde durch nichts von dem Besuche bei DotnauS »urückrubalten wat. DaS aab
ihm zu denken! Exzellenz gehörte nicht zu den ständigen Theaterbesuchern, besonders nicht zu denen, die das Königliche Schauspielhaus oft frequentieren, er hatte aber doch Gelegenheit gesucht, Dotnau atf Künstler kennen zu lernen, unb war mächtig von seiner Kunst gepackt worben. Bei seiner täglichen Zeitungsrevue stieß er bes öfteren auf rühmliche Kritiken seiner Leistungen; er wußte 31tgeben, daß das Lob, welches man ihm spendete, nicht übertrieben wat. Desgleichen kamen ihm auch oft Essays und Feuilleton? von Beate Domau in die Hände — fein pointierte Charakterzeichnungen. Zu übersehen wat daS Dornausche Ehepaar künsterisch nicht, selbst tn der Millionenstadt, und geistreich und fesselnd waren die beiden Menschen ganz sicher. Aber — Der alte Herr kraute sich den Kopf. Die Anziehung dort ging doch wohl von anderen Palm aus und das wollte er doch mal selbst untersuchen. Vor allen Dtngen bei Lau zau sondieren, unauffällig natürlich. Der war unverändert flott und ewig vergnügt, sprach übet bc8 Dornausche Haus wie einer, ber gerne dort verkehrt unb gerne gesehen wirb, aber nicht wie einer, bsn'i hinzieht mit unsichtbar zwingendeii Händen unb dem das Blut heißer durch die Adern jagt bei dem Gedanken dahin ES war März geworden. Sonnen- schein und Regenschauer wechselten getreulich nach alk-m Heckemmen und unter Sonne unb Regen zog FrühlingSobcm burch bie Lüste
„Siehst blaß aus, Rolf, hatte ber alte Herr heut- zu bent Enkel gesagt unb ihn babei forschend ange> blickt. Es war wieder einmal Sonntag unb Wiebe: einmal hatten die Freiburger die paar Stunden Eisen- bahnfahrt unternommen, um den Sonntag in Berlin verleben zu können, und bieses Mal war Lanzau Exzellenz' Mittagsgast. „Blaß unb mager bist Du, Dii tun Ferien not Du arbeitest zu viel. Ober sitzt bei Grunb wo anders? Verliebt am Ende gar?"
„Und wenn es so wäre, Großpapa?"
Unerwartet emst kam die Erwidemng. Der alte Herr wiegte langsam den Kopf.
„Schau, schau! Und gleich so emsflich, daß die Wanaen davon bobl werden? Bin ick dock aefoannt."