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36. Jahrgangs

Fulda, Donnerstag den 18. November 1909

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damit, daß die Sozialpotttik den Arbntgebern immer härtere Lasten aufbürde, und daß die meisten bürgerlichen Parteien deS Parlaments aus Sorge um die Gunst der Massen eS nicht wagen, den .zuweitgehenden" sozialpolitischen Vorlagen ihre Zustimmung zu versagen. ES soll eme Geschäfts- stelle errichtet werden, deren Aufgabe eS ist, fich über die VerhLltnisie der einzelnen Wahlkreisen zu informieren, Vertrauensmänner in den Wahlkreise« aufzustellen und Vorschläge für das Vorgehen bei den Wahlen dem Komitee zu unterbreiten

AnaestchtS der Neugründung des Hansabundes ist es ja nun zweifelhaft, ob der industrielle Wahl- fonds wirklich ernchtet wird. Es ist das aber auch ohne Bedeutung für die Beurteilung der sozial­politischen Lage; denn es ist einerlei, ob das Unter- nehmertum einen eigenen Fonds gründet oder seine Gelder dem Hansabunde, der doch im gleichen Fahr- wasser schwimmt, zufließen läßt. Jedenfalls haben wir damit zu rechnen, daß für die nächsten Wahlen das sozialpolitische Moment ausschlaggebender an Bedeutung gewinnt

*♦ Berlin, 17. Rov. 1909. Die Einberufung des preußischen Landtags ist für den 11. Januar in Aussicht genommen. Am gleichen Tage wird durch den Finanzminister der neue Etat vor- gelegt werden. — Nach langen Verhandlungen ge­nehmigte, wie aus Hamburg gemeldet wird, der Vor- stand ves israelitischen Tempelverbandes die Teck- nähme zweier Rabbiner bei jüdischen Leichen- verbrennunaen. ,

— Der Kaiser traf am Dienstag nachmittag in Baden-Baden ein, woselbst er vom Großher­zog und der Großherzogin von Baden begrüßt wurde. Im Schloß fand Familienfrühstückstafel Im engsten greise statt. Danach trat der Kaiser die Wellerfahrt nach Donaueschingen an, wo er um 6 Uhr 50 Mm. zum Besuch des Fürsten von Fürstenberg eintraf. t _ rxi ,

* Nicht das Kaisrrpaar wird, wie der „«off. Ztg. geschrieben wird, eine P al ästi n are i se auf der Jacht „Hohenzollem" im nächsten Frühjahr unter­nehmen, sondern Prinz Eitel Friedrich mit Gemahlin, denen sich die Tochter des Kaiserpaares, Prinzessin Viktoria Luise, anschließen wird.

(*) Die Ursache des Sturzes des Fürsten Bülow. Auf dem in Breslau abgehaltenen ersten konservativen Diskussionskurs führte Abg. v. H e y d e b r a n d aus, den Konservativen wäre bereits lange vor dem Rück­tritt Bülows bekannt gewesen, daß der Kanzler den Abschied nehmen werde, weil er den Rückhalt am Kaiser verloren habe. Deshalb wäre Bülows Gehen oder Bleiben auf das Verhalten der Konser­vativen bei der Finanzreform ohne Einfluß gewesen.

* Bei den Berliner Protest. Kirchenwahlen siegten in 27 Gemeinden die Liberalen, in 20 die Positiven und in 3 die Kompromißkandidaten. Das Ergebnis ist ein starker Zug nach links. Diese liberalen Er­folge vermögen in den einzelnen Gemeinden zum Teil noch nichts an den Mehrheitsverhältnisfen zu ändern, die vielmehr trotzdem mehrfach positiv bleiben. „Be­merkenswert ist," sagt die „Deutsche Tagesztg.", „der Umstand, daß bei der Agitation der Liberalen auch die — Finanzreform gegen die Positiven aus­gespielt wurde, und zwar, wie das Ergebnis zeigt, mit Erfolg. In Berlin ist auch daS Unsinnigste mög­lich"

X Zu dem Kieler Werstprozefse wurde der „Köln. Volksztg." von einem Industriellen des Westens ein Briefwechsel zur Verfügung gestellt Es ist daraus ersichtlich, daß bereits im Jahre 1902 nicht nur die Kaiserliche SBttft in Kiel direkt, sondem auch das Retchsmarineamt in Berlin davon in Kenntnis gesetzt worden ist, daß die Verkäufe von Altmaterial nicht mit rechten Dingen zugehen könnten und in dem Submifsionsverfahren unbedingt eine Aenderung eintreten müsse. ES sei unbedingt erforderlich, daß die Verkäufe öffentlich stattfänden

deutschen Schiffahrtsgesellschaften dafür zahlen, bet der Submission angeboten, bekam aber auch zum sechsten Male di« typische Antwort: „Ihr Angebot konnte wegen vorliegender günstigerer Angebote mcht berück­sichtigt werden." Sie fiel also mtt ihrer Offerte durch, obwohl sie der Marine den „Taler" zu »wer Mark an- geboten hatte. Viele bedeutende Firmen be­teiligen sich angesichts dieser Zustande üderhaupt nicht mehr an den Submission^ welche die Marine ausschreibt, weil fie den Glauben haben, daß diese nur noch pro forma stattfänden und gewisser begünstigten Lieferanten die Auf. träge unter allen Umständen

Eine sonderbare Erfahrung hat ein anderer Geschäfts- freund von uns mit der Marrneverwaltung gemacht. Er erhielt vor einigen Jahren von der Werstveivvaltung eine Lieferung, deren ganzer Betrag etwa.8000 M. (sage achttausend Mark) war. Bei der Zuweisung des Auf­trags wurde jedoch noch der Vorbehalt gemacht, vap eine besondere Kommission der Marineverwaltung sich zuvor noch von der „Leistungsfähigkeit der Fabrik" überzeugen müsse. Richtig erschienen auch nach einiger Zeit drei Marinebeamte und Offiziere aus der Fabrik, welche etwa 700 Kilometer von Kiel ent- fernt im Westen Deutschlands liegt und besichsig en diese, um sestzustellen, ob sie auch wirklich für 8000 M. Ware liefern könne. Welchen Zweck mag diese Be- sichttgung wohl gehabt haben? Wie viel an Reise­kosten und Diäten, außer der nutzlos vergeudeten Zeit, mag sie das Reich gekostet haben?

Man kann daraus sehen, wie bei der Marinier- waltung mit dem Gelde der Steuerzahler gewirtschaf­tet wird. Es ist bet der Marine üblich, die Mitglieder der Budgetkommission zu Informationsreisen elnzu- laden, welche sehr instruktiv sind, es wäre aber auch gut gewesen, diese Kommiffion zu den Gerichtsver- haudlungcn in Kiel einzuladen, sie würden dann recht iuteresfante Informationen erhalten haben.

Wie jetzt die „Köln. Vztg." zuverlässig erfahrt, sollen im bevorstehenden Verkmlfstermin von Alt- material die Angebote verlesen werden Man hat also anscheinend nunmehr endlich eingesehen, daß ■bie Oeffentltchkeit be» Verfahrens für die Verwaltung selbst der beste Schutz gegen Betrüge­reien und Uebervorteilungen ist.

* Wiesbaden, 16. Nov. 1909. Die Meldung be» „Hann. Saurier", daß die Ernennung des Poli­zei p r ä s id enten von Wiesbaden, v. Schenck, zum Regierungspräsidenten von Magdeburg unmit- telbar bevorstehe, bestätigt sich der „Franks Ztg. zu­folge, nicht. Mit Herrn v. Schenck find dieserhalb bis­her keinerlei Verhandlungen gepflogen worden.

<p Darmstadt, 17. Rov. 1909. Die gestrige erste Sitzung der Herbstseffton der Zweiten 9 am-, mer eröffnete Vizepräsident Morell. Rach Erlebt- giing verschiedener kleinerer Vorlagen trat das Hau» hi die Prüfung der Wahl de8 Zentrumsabgeordneten Dr. Fr en ah (Wahlkreis Mombach-Jngelheim) ein. Ter Wahlprüfungsausschuß beantragt, die Wahl bet Wahlmänner in Mombach iind damit die Wahl deS Abgeordneten für ungültig zu erklären, da in Mom­bach nahezu Stimmengleichheit herrschte und nachweis­lich fünf Nichthessen zu Unrecht gewählt haben. Abg. Dr. S ch m i 11 (Ztr.) will heute nicht an dem lang- jährigen Prinzip des Landtages rütteln, wonach trotz der Offenlegung der Listen noch nach der Wahl Ein­spruch gegen deren Giltigkeit zulässig sein soll. Da aber bei einer Neuwahl die gleichen Wähler wie früher das Wahlrecht ausüben dürfen, so beantrage er den Wahlprüfungsausschuß mit der Aufgabe zu betrauen, zu untersuchen, ob nicht noch wettere zwanzig Nicht-, Hessen, wie ihm versichert werde, gewählt und au» dm Wahllisten zu streichen find. Gegen diesen Antrag wenden sich die freisinnigen und sozialdemokratischen Redner, die in ihm nur ein Verschleppungsmanöver erblicken wollen. Der Antrag auf Zurückverweisung wird schließlich gegen die Stimmen der Freisinnigen, Sozialdemokraten und einiger Bauernbündler ange­nommen. Die Wahl des bauernbündlertschen Abg. Sensfelder (Darmstadt Land-Groß-Grau) wird dem Ausschußantrag entsprechend für gilttg erklärt. Di« Kammer nahm weiter die Regierungsvorlage bett. Abänderung des Fischereigesetzes mit einigen unwe-

Veulsches Reich,

* Ein Rnndschreiben des AugusttnuSvereius.

Durch die liberale Presse läuft gegenwärtig ein schon länger zurückliegendes Rundschreiben deS Augustmus- vereins, das bedauert, daß manche ZentrumSblätter in bezug auf angemeffene Tonart, namentlich in Polemiken gegen einander, noch zu wünschen übrig lasten. Die Blätter knüpfen daran, wozu kein großer Witz gehört, allerhand hämische Glosten, dazu fehtt jede Berechtigung. Der Augustinusverein hat es immer als eine seiner vornehmsten Ausgaben be­trachtet, aus eine angemessene Form des politischen Kampfes, auch dem Gegner gegenüber, hinzuwirken. ES ist also nichts damit, wenn z. B. die Köln. Ztg. sich so anstellt, als ob augenblicklich in der Zentrums- presse ganz besonders schlimme Zustände herrschten, die den Augustinusverein auf den Plan gefordert hätten. Mtt Recht ftagt die Köln. Vztg. die llbe- ralen Blätter, ob denn bei ihnen alles so wohlbe­stellt ist in bezug auf guten Ton, daß ein wenig Selbsteinkehr und eine dem Rundschreiben des AugustinuSvereins entsprechende liberale Mahnung an die liberale Prefle nicht auch, und vielleicht noch viel mehr, am Platze wäre? Der Unterschied zwi­schen der Zentrumspreste und der liberalen Prestr ist nur der, daß, wie das Rundschreiben des AugustinusvereinS beweist, man auf der Zentrums­seite vor allem die Pflicht erkennt, vor der eigenen Tür zu kehren, während die liberalen Besen dieses Geschäft nur vor fremden Türen besorgen. Wo ist denn aus der liberalen Seite die Stelle, die auch nur in einem einzigen Falle eingegriffen, gegen eine rüde Tonart in der eigenen Preste die Stimme er­hoben hätte? Wir wüßten keinen Fall dieser Art! Und doch gäbe es da gerade in der liberalen Presse reichliche Arbeit für „Lehrmeister des guten Tons."

X Die LanbtagSwahlen in Berlin.

In den vier Berliner Landtagswahlkreisen, wo die sozialdemokratischen Mandate für ungiltig er­klärt worden waren, fanden am Dienstag die Wahlmännerstichwahlen statt. Die Hauptwahl hatte bekanntlich die Wiederwahl der Sozialdemo­kraten Borgmann, Heymann und Hirsch ergeben; die erforderlichen Wahlmännerstichwahlen konnten charan nichts mehr ändern. Zweifelhaft war nur noch der 12. Wahlkreis. Den haben nun die Sozialdemokraten verloren und statt des (Zehngebote-) Hoffmann zieht der freisinnige Pre- diger Runze ins DreiklafsenhauS ein. Die Sozial­demokraten vermochten nicht die 27 Stimmen, um die sie am Hauptwahltage, am 26. Oft, hinter der absoluten Majorität zurückgeblieben waren, einzu­bringen. Sie brachten nur noch neun Wahlmänner durch, während die vereinigten Bürgerlichen 173 Stimmen gewannen. Das endgültige Resultat in Berlin 12 stellt sich rote folgt: Gewählt sind: Ver­einigte bürgerliche Parteien 378, Sozialdemokratie 336 Wahlmänner. Da im ganzen 711 Wahl­männer gewählt worden sind, beträgt die absolute Majorität 356. Demnach erscheint die Wahl des Predigers Runze (frs. Vp.) gesichert.

△ Der industrielle „Zuliusturm".

Der Zentralverband deutscher Indu­strieller beabsichtigt bekanntlich, einen Wahl- fonds zu gründen, aus dem die Kandidaten aller nationalen Parteien unterstützt werden sollen, welche die Interessen der Industrie im Sinne des Zen­tralverbandes zu vertreten entschlossen sind.

Dem /Vorwärts^ ist jetzt ein Bericht „auf den Redaktionstisch geflogen" über jene geheime Sitzung des Ausschusses des Zentralverbandes, der Mitte Oktober die Gründung jenes Wahlfonds erörterte. In der Sitzung begründete Herr Bueck den Antrag

und die Angebote seitens der Bieter vecksen würden, sodaß jeder Jntereffent erfahre, welche Gebote aus die Altmaterialien abgegeben würden. Der Antrag aus Oeffentlichkeit de» Verfahren» ist aber stet» feiten» der Nerlichen Werst in Kiel und fetten» des Reichs- marineamtrS abschlägig beschieden worden, da- gegen hat die Kaiserliche Werst in Wilhelmshaven dem Anträge schon früher entsprochen und da» offent- ltche Verfahren eingeführt. Allerdings hatte der Ge­währsmann der „Köln. Volksztg " die Werst: m Wil­helmshaven schon in einem früheren Falle vor 1903 auf Unregelmäßigkeiten, die durch die Ringbildung bei den Verkäufen stattfanden, aufmerksam gemacht, wodurch ein solcher Verkauf als ungültig erklärt wor- dm war AlleS dieses war auch dem Reichsmarine, amt durch die Eingabe des Industriellen bekannt Nachdem nun der Prozeß der Kaiserlichen Werst Kiel aeaen Frankenthal und Genoffen bekannt wurde, habe der erwähnte Industrielle am L Juni 1909 an das Neichsmarineamt eine Eingabe gerichtet und dann Oeffentlichkeit der Submissionen gefordert. Darauf kam am 22. Juli die Antwort, „daß hinsichtlich des Verlesens der Angebote zurzeit erneut Erwägungen darüber schweben, wie die Minsche der Bieter mit den dienstlichen Interessen in Einklang gebracht werden können ' Nun soll am 25. November wieder ein Ver­kauf in Kiel stattfinden. In den Bedingungen heißt es- Die Angebote werben im Verkaufstermin nicht verlesen" Es soll also ttotz des Kieler Prozesses in Kiel so wie bisher weiter gewirtschaftet werden. — Zur Illustration, wie die Angeklagten im Prozeß Frankenthal und Genossen zur Fernhaltung reeller Käufer von den Verkäufen in Kiel ge­arbeitet haben, erzählt der Gewährsmann der „Köln. Volkszeitung":

„Im Juni 1904 fuhr ich zur Besichtigung der aus- aeschriebenen Materialen nach Kiel. Auf meinem Wege vom Bahnhof zur Kaiserlichen Werik kam ein ©err zu mir, der sich als Fr. Jakobson vorstellte und wich frug, ob ich zum Verkauf nach dort gekommen sei. Als ich bejahte, daß ich zur Besichtigung anwesend sei, eröffnete mir der Herr, ich solle dem Kaufring beitreten, da sie genau darüber orientiert seien, wer Bedingungen er­halten habe und sim auch mit Geboten auf die zum Verkauf stehenden Materialien beteilige. Wenn ich dem Ring nicht beitrete, würde man seitens des RingeS derartige Preise bieten, daß jedes Gebot meinerseits zwecklos bleibe. Ich antwortete dem Herrn, da ich mit derartigen Sachen bereits sehr trübe Erfahrungen gemacht habe, muffe ich eS ablehnen, dem Ringe bei­zutreten, ich würde meine Gebote selbständig ein« reichen. Ich wurde dann Höchstbietender auf einen Posten Weißmetall, den ich sehr eingehend besichtigt hatte. 9118 ich das zugeschlagene Material aber erhielt, mußte ich leider seststellkn, daß ich etwas ganz anderes bekommen hatte, infolgedessen ich auf weitere Käufe bei der Kaiserlichen Werst in Riet verzichtet habe."

Von anderer Seite wird der „K. Vztg." über die Scheu der Kieler Werftverwaltung vor der Oeffent­lichkeit bei der Vergebung von Steferungen noch mit- geteilt:

„Während die preußischen Verwaltungen in wohl­verstandenem Interesse der preußischen Finanzen das Ergebnis der Submissionen in voller Oeffentlichkeit be­handeln, sodaß jeder, der sich mit Angeboten beteiligt, sofort weiß, ob und weshalb er mit seiner Offerte durchgcfallen ist, ob Durchstechereien und Begünsti­gungen stattfanden, verfährt die Marineverwaltung auf ganz andere Weife. Der § 3 der Subrnisüonsbedin- gangen bestimmt: „Die bietenden bleiben 45 Tage ge­bunden." Der Bietende erfährt jedoch nicht, welche Angebote und zu welchem Preis im Submissionstermin abgeben worden sind, er bekommt zunächst den Bescheid, „daß eine Verlesung oder sonstige öffent­liche Bekanntgabe des Submissionsergeb- nisses nicht stattfindet." Einige Zeit später wird ihm dann brieflich mitgeteitt, daß fein Angebot nicht berücksichtigt werden konnte.

Eine uns befreundete Firma hatte, nachdem sie 5 Jahre lang erfolglos zu normalen Preisen fubmittiert hatte, einen Artikel, der einen ganz bestimmten Markt­preis besitzt, auf Grund der eigenen Warenproben der Martneverwaltung zu etwa zwei Drittel des Marktpreises und des Preises, den die größten

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Irrende Seele.

19] Roman von H. Teich ert.

Nun hier mein letzte» Tagebuchblatt, vor drei Monaten geschrieben. Ja, wirklich keine Zelle ist seit­dem dazugekommen. Nun schnell noch ein paar Worte, trotz aller Unordnung, so manches habe ich im Som­mer erlebt, das gehört noch ins Meininger Kapitel — dann Strich drunter.

- Den zwanzigsten August haben wir heute, bis zum ersten September muß der Umzug bewerfftelligt sein. Dann fängt ein neues Leben an, für Onkel Heinz und auch für mich. Wie ivird man in der Millionenstadt meinen Gesang beurteilen? Stehen mit nicht große Enttäuschungen bevor? Es ist nicht schwer, in einem kleinen Kreise das meiste zu leisten, aber draußen in bet Welt, die so hohe Ansprüche an das Können des kinzelnen stellt, wie verschwindend wenig wird da da» meine gewertet werden! Tante schilt, wenn ich mut­los bin. „ES steht Dir nicht, Rena", behauptet sie. „Dir war der Frohsinn immer treuer Kumpan, halt ihn fest und vertreibe ihn nicht durch Grillen."

Jrn Grunde freue ich mich auf Berlin. Auf all das Schöne, waS ich im Winter zu hören bekommen werde, und auf Werner freue ich mich, der nun jeden Sonntag bei un8 fein wird. DaS war eine Lust, als er im Sommer bei uns wat. Und wie hübsch er in seinem Wald geworden ist. Braun und bärtig, wie ein echter Landjunker. Aber anders ist eS zwischen uns doch geworden, wie es vor drei Iahten war, und manchmal wurde e» mir ihm gegenüber ordentlich schwer, den alten harmlosen Ton festzuhalten. Nicht ich bin anders geworden, in ihm ist die Wandlung borgegangen und als er abfuhr wußte ich, daß es endgsilttg vorbei ist mit aller Kinderei, daß ich mich fortan zusammennehmen muß, wenn ich den Freund in ihm nicht verlieren will.! Die Kinderschuhe find ausgetreten, des Lebens Forderungen treten an uns heran, seine Pflichten und fein Ernst. Ich weiß jetzt, daß Werner mich liebt, mehr und anders als ein Dniber. und an dem Tage, an dem mir’» klar wurde.

habe ich biet gemeint. Noch hat mir Werner nicht von feiner Liebe gesprochen und mein Bestreben wird sein, es zu verhindern, denn welche Antwort könnte ich chm denn geben? Du lieber, armer Werner, dich liebe ich und lieb dich doch nicht.

Von Sigurd sprachen wir viel im Sommer. Die Brüder lieben sich nicht besonders, aber Gerechtigkeit läßt Werner ihm doch widerfahren. Er sei entschieden ein bedeutender Mensch, beurteilt er ihn, und jetzt, da er ins richtige Fahrwasser gekommen sei, auch um­gänglicher geworden. Die ihm von Geburt anhaftende Dosis Hochnntt, gewisse angcecbte Vorurteile und die zeitweilige Anwesenheit diplomatischer Schachzüge, die hin und wieder Zweifel an seiner Aufrichtigkeit ein­flößen, alles diefes zusammen lasse ihn ost abstoßend erscheinen. Sein Kern sei aber gut und trotz einer schwer zu verbergenden Eitelkett sei er ein Mensch, der, wenn er erst einmal in die rechten Hände gekom­men ober, wie Werner sagt, an einem edlen Frauen­herzen seinen Meister gefunden haben wirb, ein gan­zer Mann werden kann. Ich höre persönlich nie etwas von ihm und das ist gut, für mich ist's besser, wir bleiben uns fern. In Freiburg soll ei mtt höchstem Eifer seinem Studium obliegen und auch nut solche Kommilitonen zu seinen Freunden zählen, die den­selben Zweck im Auge haben. Daß diese nun zufäl­lig alles Leute mit adligen Namen feieff, „nicht wahr, Renate, das rechnen wir chm zu gut*, meinte Werner humorvoll, „da kommt noch immer das Korfffche Blut durch." Da soll der junge Lanzau fein, den wir vor Jahwn in L. kennen lernten, außerdem ein gewisser Freiherr von Manseck, der sich durch Lanzau sehr an Sigurd angeschlossen habe. Die Freiburger Studen- ten sollen übrigens oft in Berlin sein, vielleicht tut unS Sigurd die Ehre an .

Nun schilt Tante aber und darum Schluß!

7. Kapitel.

Ein trüber Novembertag lag über Berlin. So ein recht unfreundlicher, an dem kein Sonnenblick durchschaut und der die Menschen zu allem unlustig macht, um so mehr, wenn derselbe noch dazu, wie heute, ein Sonntaa ist

Die drei jungen Herren, die vom Tiergarten kom­mend, die Linden entlang schlenderten, blieben an der Charlottenstraßenecke stehen. Sie trugen alle drei dasselbe Abzeichen einer Freiburger Studentenverbin­dung und von dort waren sie auch erst vor ein paar Stunden zum Berliner Sonntagsaufenthalt einge­troffen.

„So, hier trennen sich unsere Wege", sagte Sigurd Walldorf, die Uhr ziehend. „In zehn Minuten Zwei. Die fehlenden Minuten genügen gerade, uns an die für utts gedeckten Mittagstafeln zu führen. Oder speisen die Ihrigen später?" wandte er sich fragend an feine Begleiter. „Ihr Großvater aller Wahrschein- lichkett nach, Manseck, zwei Uhr ist Sürgerftunbe, vor­nehme Leute speisen ja wohl nach altem Herkommen später?"

„Möglich", antwortete der Angesprochene, „bei uns hält man fich aber, solange ich denken kann, an diese Bürgerstunde. Auf dem Lande wurde sogar schon immer um Eins gegessen. Bei meinem Groß­vater gibt eS aber überhaupt keine ganz bestimmte Mittagsstunde, dort wird alles seiner Schachleiden- schast angepaßt. Ist die Partie au», wird gespeist, das heißt, dann wird fein Mittag aus bet Speise­küche geholt, zieht die Partie fich in die Länge, kann'S Drei, Vier, auch später werden, ehe dem Magen sein Recht wird."

„Na, da wünsche ich Ihnen, daß Sie heute nicht gar zu lange zu warten brauchen. Ich bin jedenfalls rechtschaffen hungrig und sehe dasselbe von Ihnen voraus. Lanzau fieht schon ganz mager aus."

„Kinder, spottet nicht, ich könnte Winde anbeißen. Wüßte ich nicht, daß bei meiner Schwester Sonntags immer aonz besonders aufgefahren wird, ich tauchte nochmals im ersten besten Automaten unter und legte den schäbigen Rest meiner Barschaft in Butterbroten an. Aber die vier ©äuge, süperb bereitet, die will ich mir doch nicht verderben und ein Weinchen führt mein Schwager, sage ich euch —'

„Und Kindergeschrei ist dort im Hause", paro­dierte Sigurd. „Da haben wir's schon besser, Mans­eck, wir können unsere Sonntagssuppe wenigstens in

Ruhe löffeln. Aber hatten Sie fich nicht auf, Lanzau, bet Ihrer Schwester geht's pünttttch zu, daS Stück bis zum Pariser Platz zurück könnte Ihnen eine Schüssel kosten. Bleibt's also beim Stelldichein zum Fünfuhrtee?"

„Fragt dieser Mensch noch! Ich glaube, dieser five-o'clock-tea war der Zweck unseres heutigen Hterheckommens. Ich btn pünttttch wie ein Mani­chäer bei Ihnen, Manseck, hatten Sie sich bereit!"

Sie reichten sich verabschiedend die Hände.

„Schon im voraus meine untertänigste Empfehlung Ihrer Frau Tante und Fräulein Cousine, Pardon, tooHte sagen Fräulein Dornau."

„Immer derselbe Dumme Witze!" sagte Sigurd ärgerlich.

„Vergesse immer, daß Sie die junge Dame nicht für Are Anverwandte gehalten totffen wollen."

Sie trennten sich und schritten nach drei verschiede-, denen Setten. Manseck ging noch eine kurze Strecke die Linden entlang und stieg bann die Haupttreppe zum Olderlickschen Hotel-garni hinauf, in dem sein Großvater schon seit Jahren seinen Winteraufenthalt hatte.

Die drei Zimmer, die der alte Herr bewohnte, waren anheimelnd gemüttich und hatten nichts von Hotelräumen an fich, auch hatte Exzellenz Manseck Privatbedienung. Der alte Diener, der Rolf empstirg, war ein Jnventarstück der Familie, mit seinem Herrn jung gewesen und in seinem Dienst alt geworden, treu ergeben dem Hause und allem, was dazu gehörte.

„Exzellenz noch in Attion oder schon bei Tisch, Ewald?" fragte der junge Mann freundlich.

„Noch beim Spiel, junger Herr. Der Herr Kam- merjunker von Oertzen sind noch da. Die Herrschaften kämpfen eine heiße Schlacht, deren Ende gar nicht abzusehen ist."

Die beiden alten Herren waren so in ihr Spiel vertieft, daß sie den Eintritt des Besuchers überhörten und erst aufs-hauten, als dieser ihnen sein vernehm­liches^ „Guten Morgen" zurief.

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