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ulda, Dienstaq den 16. November 1909.

Jahrgang

M 263

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der Regierung. Um seinen Kollegen eine Eini­gung mit der Kammer zu erleichtern, hat, wie am Samstag gemeldet wurde, der Finanzminister seinen Rücktritt angeboten. Das Kabinett hat

traulichen Sitzungen der gegnerischen Parteien zu be­stehen scheint, die Schildemng eines unbefugten Teil­nehmers der oben erwähnten Versammlung gebracht, wonach das Zentrum angeblich grundsätzlich seine freudige Zustimmung zu jener Beschränkung des Wahlrechts geben soll Demgegenüber sei wiederholt festgestellt, daß das Zentrum getreu seinem Programm amndsätzlich für ein freieres Wahlrecht ein­tritt, obgleich es den genannten sozialistischen Forde­rungen in ihrem vollen Umfange und ihrer großen Tragweite nickt zustimmen kann. Angesichts der durch die Erklärungen der Regienmg geschaffenen Sachlage würde c§ aber nach den Darlegungen dxs Abg. v. Brentano zum Schaden des heffischen Volkes eine unfruchtbare und falsche Politik treiben, wenn es deshalb dem direkten Wahlrecht — und diesmal aller Voraussicht nach auf Jahrzehnte — das Grab graben wollte, weil nickt alle seine Wünsche dabei in Erfüllung gehen Von Interesse ist festzustellen, daß die Sozialdemokraten selbst bei der letzten Vor­lage ihre schließliche Zustimmung zum Gesetz nicht von der Beseitigung der lauteten abhängig gemacht haben. Jedermann weiß, daß die ganze Taktik der Sozialdemokratie und der mit ihr verbündeten Franks. Zeitung ja auch nur barmri hinausläuft, Zentrum und Nationalliberale in dieser Frage scheinbar ins Un­recht zu setzen, um damit bei den Wahlen im Trüben zu fischen. Das war ja auch der Zweck der ganzen Komödie, die man auf jener Seite bei den letzten Landtagswahlen gespielt hat, als man gegen Zentrum und Rationalliberale mit dem Vorwurf des „Verrats von Volksrechten* krebsen ging. Nichts ist so altem, was nicht neuerdings von dem Frankfurter Demokra­tenblatt gierig ausgenommen wird, wenn man auch nur die leiseste Hoffnung hat, daß man damit dem verhaßten Zentrum am Zeug flicken kann

Die Hauptgefahr für das Scheitern der Vorlage liegt im Üebrigen an der von der Regienmg mit Recht verlangten Vermehrung der städtischen Mandate, gegen die ein Teil der ländlichen liberalen und bemern- bündlerischen Abgeordneten seit Jahren wohl aus einer versteckten Gegnerschaft gegen das direkte Wahl­recht heraus ankämpst Die nächsten Tage werden Klarheit darüber bringen, ob dieser Widerstand aufrecht gehalten wird oder aber seine bessere Einsicht und die Rücksichten auf die politischen Folgen des ScheitemS der Vorlage den Widesstand in jenen Reihen zu be- seitiaen geeignet sind.

Viel hängt von der Entscheidung der näcksten Tage für die Zukunft der inneren politischen Ent­wicklung Hessens ab. Fällt die Vorlage zum vierten Mal, bann dürste auf Jahrzehnte hinaus sich voraus­sichtlich keine Regierung mehr finden, die in Hessen mit einer Wahlrechtsvorlage vor die Kammern tritt. Es ist zu hoffen, daß dieser Ernst der Situation der An­nahme der Vorlage die Wege ebnen wird.

3° Die Wahlrechtsreform in Hessen.

Heute tritt die zweite Kammer zu einer wichtigen Session zusammen, in der über die seit Jahrzehnten vom heffischen Volk erwartete ReformdesWahl- rechts die Würfel fallen sollen.

Dreimal hat im letzten Jahrzehnt das Reformwerk Schiffbruch gelitten; das politische Interesse in Hessen dreht sich um die Frage, ob zmn vierten Male die Vor­schläge der Regienmg dasselbe Schicksal erfahren oder pber das direkte Wahlrecht auch in Hessen seinen Ein­zug halten soll.

Die gegenwärtige Lage erscheint dem Zustande­kommen der Vorlage günstig. Im Gesetzgebungsaus- ichuß der Zweiten Kammer hat man sich in stattlicher Mehrheit über die vorgeschlagene Verfassungsänderung sowie über die Reform des Wahlrechts im Allgemeinen perständigt und, wenn nickt alle Zeichen trügen, scheint Auch bei den hessischen Standcsherren keine ernste Nei- tzung zu bestehen, abermals dem Reformweck Schwie­rigkeiten zu bereiten. Es ist ein offenes Geheimnis, daß auch der Großherzog dringend das Zustandekom­men der Reform wünscht, damit dieser Zankapfel aus dem politischen Leben Hessens ausscheide.

Dieser Wunsch ist um so berechtigter, als in der gegenwärtigen Zeit noch andere wichtige Fragen das öffentliche Leben in Hessen bewegen; wir brauchen nur an die Finanzlage des Landes, die in Aus­sicht stehende beträchtliche Steuererhöhung so­wie an die zu verabschiedenden Reformen der Ver­waltungsgesetze und der Gemeinde­steuern zu erinnern

Während im abgelaufenen Jahre und namentlich bei den letzten Landtagswahlen der Streit der Par­teien bei der Wahlreform sich vornehmlich um die Verfassungsänderungen drehte, wobei die Linke mit der Sozialdemokratie aus wahltaktischen Gründen be­kanntlich wie neuerdings bei der ReichIfinanzreforrn die albemsten und ungerechtesten Vorwürfe gegen die Freunde der Regierungsoorschläge erhob, ist jene Frage diesmal in den Hintergrund getreten und die sozialdemokratische Presse richtet ihre Angriffe nun­mehr vor allem gegen die Kauielen, an welche die Re­gierung ihre Zustimmung zur Reform des Wahlrechts knüpft. Natürlich fehlt es nicht an heftigen Angriffen der roten Presse gegen das Zentrum, weil dieses mit der großen Mehrheit des Landtags seine Gegnerschaft gegen die varaescklagenen Beschränkungen des Wahl- ceckis nicht soweit treibt, daß es darüber das Zu­standekommen des diresten Wahlrechts scheitern läßt. In einer Sitzung des Landeskomitees der Zen - i r u m s p a r t e i hatte bet Referent bet Zweiten Kammer Abg. v Brentano erklärt, baß bas Zentrum angesichts der wiederholten feierlichen Erklärung der Regierung, daß sie ohne die gesetzlich niedergelegten Kautelen der Vorlage niemals ihre Zustimmung geben werbe, seine Gegnerschaft gegen diese Ein­schränkungen aufgeben müßte.

Dieser Standpunkt wirb im übrigen von ber weit­aus großen Mehrheit ber Volksvertretung geteilt, so­weit das ernstliche Bestreben vorhanben ist, das direkte Wahlrecht wirklich zustande zu bringen. Bekanntlich bestehen diese Kautelen in der Voraussetzung mehrjäh­riger Staatsangehörigkeit und längeren Wohnsitzes in Hessen, wie sie mich in allen übrigen Bundesstaaten als Vorbedingungen für die Ausübung des Wahlrechts bestehen. Ginge es nach den Wün­schen der Sozialdemokratie, so hätte ein jeder Ein­wohner männlichen und weiblichen Geschlechts. Hesse oder Nichthesse, der das 21. Lebensjahr überschritten, das Wahlrecht, ob er Steuern bezahlt ober nicht. Daß man sich ernstlich auf eine solch weitgehende, mit dem Wahlrecht aller anderen Bundesstaaten im Gegensatz stehenden Forderung nicht einlassen kann, liegt auf der Hand Nun hat die „Franks. Zig.*, deren Spezialität neuerdings in indirekten Veröffentlichungen aus ver-

volkswirtschastliches und Soziales.

) ( Daß der Arbeitslosenversicherung von mehreren Seiten noch große Schwierigkeiten gemacht werden, geht auS folgender Meldung hervor. Im badischen Ministerium des Innern begann dieser Tage eine Konferenz von über 50 Jnteressenvertretem zur Be­sprechung der Arbeitslosenversicherung. <Jie Venrerer der Handelskammern und der Arbe .geb.'rverbände verhielten sich enffchieden ablehnend man dürfe aus Selbsterhaltungstrieb keine Maßn-ipnen billigen, die die Gewerkschaften ober die Sovulvemokratie fördern würden. Der Vertreter der t^nbwirtschaftskammer war für eine Arbeitslosem- .rsicherung, wenn die Kosten von den Städten pl agen werden, weil man dem Lande keine neuen B iastungen zumuten könne, oie die Seutenot auf dem vanbe noch vergrößern wür­ben. Die Vertreter ber Handwerkskammern waren teils für, teils gegen die Versicherung.

Ausland.

** Die Finanzlage Frankreichs droht zu einer Fußangel für das Kabinett Briand zu werden. Herr Cochery, der Finanzminister des Kabinetts Br and, hat keine angenehme Erbschaft angetreten. Der Fehlbetrag im französischen Staatshaushalt ist ja seit langem eine dauernde Erscheinung und beläuft sich für das neue Rech­nungsjahr auf rund 300 Millionen Francs. Um dieses Defizit zu decken, gedachte Cochery die Steuerschraube für Tabak und Alkohol anzuziehen. Dieser Plan schien auch ursprünglich bei den Abgeordneten eine günstige Ausnahme zu finden, doch haben sie ihre Meinung bald geändert, als sie bemerkten, daß diese Steuerpläne bei den Wählern we ug Beifall fanden. Die Abgeordneten fchienen jetzt eher geneigt, die Anträge regierungsseindl/cher Abgeordneter anzunehmen, die eine Ablehnung der Steuerpläne Cocherys bezwecken. Der Ministerpräsident ließ die Vorstände der Mehr- heitspruppen wissen, daß er eine derartige Be­handlung nicht dulden werde. Da die obigen Steuervorschläge keine Mehrheit zu finden scheinen, ist die Regierung bereft, praktische Vor­schläge zur Verbesserung der Entwürfe Cocherys entgegenzunehmen. Die Regierung, wird gesagt, habe überhaupt keine Vorliebe für diese oder jene Steuer, sondern sei mit jedem Mittel zufrieden, das ihr ohne Schädigung des Gemeinwohls die nötigen Einnahmen sichert. Die Abgeordneten sind indes der Meinung, daß dies eine Um­kehrung der Rollen sei. Nicht die Kammer hat neue Steuern vorzuschlagen, das sei die Aufgabe

vermischtes.

* Vereinfachte Gepäckabfertigung. Die Eisenbahn bireftionen sind vom Eifenbahnminister angewiesen worben, zu prüfen, ob sich nicht eine Vereinfachung bei bet Gepäckannahme nach Muster ber französischen Bahnen ermöglichen läßt. Dort wirb das Gepäck an den Droschken usw sofort auf einen Starren ge laben, dessen Gewicht bekannt ist. Auf einer in ber. Boden eingelassenen Wage wird das Gepäck verwogen und dann sofort zum Zuge weitergefahren.

* Eine tragikomische Geschichte spielte sich kürzlich auf dem Nittergute Hauswalde bei Saalfeld ab Tort wurde dieser Tage das Erntefest gefeiert. Ale das Hoch aus die Gutsherrschaft verklungen war, kom manbierte ber Hofmann, ber bett Festzug leitete- „Leute, nun singt zum Schluß das Lied „lieb’ immer Treu und Redlichkeit". Während nun die Leute fangen, wurde von bisher nicht ermittelten Personen, die Speisekammer erbrochen und eine Menge Vorräte gefto /er. Erft als die Leute zum Tanz auf den Spc .'cher gezogen waren, entdeckte die Gutsherrin, daß trotz der guten Lehren des gesungenen Liedes Schirm len, Würste und Speck verschwunden waren.

Deutsches Reich.

* Zum Rücktritt des Oberpräsidenten Grafen von Zedlitz und Trützschler hat der MinisterdesJnnernden,Breslauer ® enetc.fr

* Fahrbare Beobachiuugsstände für die Artillerie. Wie die Korrespondenz ,Heer und Politik von militärischer Seite erfährt, werden demnächst bei unserer Artillerie mehrere bemerkenswerte Versuche mit Beobachtungsständen für die Mannschaften der Artillerie gemacht werden. Diese neue Art der Be­obachtungsstände zeichnet sich durch ihre große Be­quemlichkeit und ihre technische Ausnützungsmöglich- teit aus. Unter dem Munitionswagen befindet sich ein drehbarer Mechanismus, der durch kurze Hand­habungen zum Beobachtungsständer umgewandelt werden kann. Der Behälter ist gepanzert. Auf der Leiter, die schnell auseinandergenommen und zu­sammengelegt werden kann, befindet sich der Sitz für den beobachtenden Mann. An ihm ist zugleich mit wenigen Handgriffen ein Tisch angebunden, der zur Festlegung der Beobachtungen dient. Sogar ein Telephon ist für den Beobachter vorgesehen. Noch eine zweite Art derartiger Apparate kommt zur Prüfung. In diesem Falle ist die Deichsel am Protztasten beweglich befestigt und dient zum Halt für die Beobachtungsleiter. Der Schutzschild kann leicht mitgeführt werden, da er in den Fällen, wo er 'r icht gebraucht wird, als Fußbank für die Mannschaften dient. Die Einteilung und Befefti- gung der Apparate ist derartig, daß sie eine Ver­größerung des Wagens nicht notwendig machen. Die Werkzeuge, sowie der Fernsprecher können auch sehr bequem und schnell in dem Kasten untergebracht werden. Die Apparate erscheinen sehr aussichtsreich und werden voraussichlich im nächsten Jahre beim Kaisermanöver zum erstenmal zur Verwendung ge­langen.

anjeiger' zu der Erklärung ermächtigt, daß die Rücktrittsabsicht des Grafen Zedlitz weder mit dem Verbot der polnischen Sprache auf einer Nebenveranstaltung des letzten Katholikentages in Breslau noch mit anderen amtlichen Vor­gängen irgendwelchen Zusammenhang habe. — Für die Bureaukratie gilt bekanntlich der Grundsatz: Qnod non eet in actis, non est in mundo — Was nicht in den Akten steht, das ist überhaupt nicht auf der Welt. Daß Graf Zedlitz an Herrn von Moltke nicht geschrieben har: „Ich mache nicht mehr mit, weil ich das Breslauer Verbot für einen Unsinn halte/ das glauben wir gern; so etwas tut kein preußischer ^ich jedoch mit ihm" solidarisch erklärt, und er Beamter. roirb infolaedeffen nicht demissionieren.

Leipziger Allerlei.

In dem idyllisch gelegenen Luftkurort Berndorf hat sich bei Beginn ber Saison ein reger geselliger Ver­kehr entwickelt. Das beleben be Element des kleinen Kreises wat ein junger Referendar Schmidtlein, ber eS meisterhaft verstand, gemeinschaftliche Ausflüge, Ge­sellschaftsspiele, Konzerte und dergleichen zu arrangie­ren. Er fühlte sich so recht Hahn im Korbe und grollte nicht wenig, als ihm in einem erholungsbe­dürftigen Rittmeister ein recht unliebsamer Konkurrent entstand, v. Spangenberg, so hieß ber neue Ankömm­ling, besaß vielleicht noch mehr gesellige Talente. Er schien einen gewissen Ehrgeiz darein zu setzen, den Re- ferenbar aus seiner führenden Rolle zu berbrängen, .was ihm nur zu gut gelang. Schmidtlein fiel jetzt, toie man sagt, hinten runter, seine Vorschläge blieben unbeachtet, und bald wat der Rittmeister der Held bet Gesellschaft. '

25er Referendar fügte sich der Ueberlegenheit deS andern icheinbat neidlos, im stillen aber mißgönnte et ihm feine Erfolge, und er beschloß, die geselligen Arrangements deS Riftmeisters, wo es anging, durch allerhand Machinationen zu durchkreuzen.

Spangenberg hafte wieder etwas ganz neues ange» regt em gemeinschaftliches Picknick im Freien. Man wollte Zeinen Ansstug zu Wagen nach einer in der r iL, Kurortes gelegenen Schloßruine mit einem siumllischen Frühstück an Ort und Stelle verbinden. Jede Familie hatte in ihrem Wagen ein vor den an« .bern geheim gehaltenes Gericht mitzubringen. Aus .diese Art hoffte ber Rittmeister ein besonders reich­haltiges Ensemble zu erzielen.

Der Vorschlag wurde durchaus beifällig anfgenom- wen^ Nur der Referendar lachte höhnisch, als er von ber Sache Erfuhr. Es war ein teuflisches Lachen. t ,, Zwei Tage oot bem Ausfluge machte er feine Ab­schiedsbesuche Zuerst sprach er beim Kommerzienrat hon Bimmelbetg vor. „Zu meinem Bedauern', er« Jlärte er, „werde ich an dem Picknick nicht teilnebmen können Wichtige Geschäfte machen meine sofortige

Abreise notwendig. Apropos, meine Gnädigste, wel­ches Gericht haben Sie gewählt?*

.Bitte, darüber soll nicht gesprochen werden."

„Aber ich reife doch ab/

„Schön, ich will es Ihnen sagen, wenn Sie mir Stillschweigen geloben.*

„Mein Wort, gnädige Frau.*

„Ich habe Rehfilet gewählt.*

„WaS, Rehfilet? Das bringt aiich Frau Direktor Hummel mit.*

„Nicht möglich, woher wissen Sie das?*

„Ich war eben dort, um mich zu verabschieden, und hörte eS von Frau Hummel selbst.*

„Wie fatall Was mache ich nun?*

„Wählen Sie etwas anderes, gnädige Frau Viel­leicht ein Gemüse. An Fleischspeisen wird es ohnehin nicht fehlen.*

„Ein Gemüse? Aber welches?*

„Wenn ich mir erlauben darf. Ihnen einen Rat zu geben: Wählen Sie Leipziger Allerlei, das enthält alle feineren Arien von Gemüse.*

Fran v Simmelberg sand diesen Vorschlag ausge­zeichnet, und Schmidtlein entfernte sich, nm noch weiter für gemischtes Gemüse Propaganda zu machen.

Er begab sich zunächst in die Villa nebenan, wo er sich bei Saurat Sprengers melden ließ. Unter dem Vorwande seiner schleunigen Abreise enllockte et auch hier die Frau deS Hauses ihr Geheimnis. Als Frau Sprenger edlärte, sie werde Hummer-Mayonnaise mit­bringen, lachte er überlustig auf.

„Kurioses Zusammentreffen, meine Gnädigste Hummer Mayonnaise will auch Frau v. Simmelberg mitbringen. Sie hat eS mir eben anvertraut, als ich mich verabschiedete.*

„SBie unangenehm. Da weiß ich aber wirklich nicht -*

„Wenn ich mir einen Rat erlauben darf: wählen Sie Leipziger Allerlei. An Fleisch, und Fischgerich­ten wird ohnehin kein Mangel sein.*.

„Sie tonnten Recht haben. Ich will Ihren Rat befolgen, rechne aber auf Ihr strengstes Stillschwei­gen.*

.Da» versteht sich, gnädige Frau*

Schmidtlein machte an diesem Tage noch etwa zehn Visiten und überall gelang es ihm, für Leipziger Aller­lei Stimmung zu machen.

Der geplante Ausflug nach ber Schloßmine ging zwei Tage später bei ungemein günstigem Wetter in Szene. Alles war in der rosigsten Stimmung, beson­ders der Rittmeister v. Spangenberg, der an diesem Tage neue Lorbeeren zu ernten hoffte und als Fein­schmecker bem Picknick mit wonnigem Behagen entge­gensah.

Man besichtigte die Schloßruine und ließ sich bann in malerischen Gruppen an dem Walbrande nieder. Der wichtige Augenblick war gekommen. Auf ein Zeichen des Rittmeisters erschienen die Diener mit den Schüsseln, die Neugier war auf das Höchste gespannt. Frau v. Simmelberg brachte Leipziger Allerlei — ein „Ah* bet Ueberraschung — wozu sie einen Spiritus- Apparat zum Wärmen mitgebracht hatte Frau Hum­mel frug mit verlegenem Gesicht ebenfalls Leipziger Allerlei auf, wozu sie bemerkte: „Falls es nicht rei­chen foBte.* Frau v. Simmelberg warf ihr einen bit­terbösen Blick zu. Frau Balderich brachte ebenfalls Leipziger Allerlei, nichts als Leipziger Allerlei.

Der Rittmeister wurde abwechselnd blaß und rot. Eine peinlich gedrückte Stimmung hatte sich der Ge­sellschaft bemächtigt. Man packte die mit geb rächten Schüsseln wieder ein und ficht nach Hause, um sich Adieu zu sagen.

Erst allmählich Härte sich die Sache auf. Der Re­ferendar war schon am Tage vorher abgereist und auch ber Rittmeister zog eS vor, von der Bildfläche zu ver­schwinden, nm seine Beschämung in der Stille eines entlegenen OstseebadeS zu verwinden, wo er sich im tiessten Inkognito aufhielt. Man will ihn dort gesehen haben, wie er mutterseelenallein am Meeresstrande wandelte und düstet vor sich hinmurmette: „Nichts als Leipziger Allerlei, nichts als Leipziger Allerlei*

— Besser getrunken alS tot. Der Grünwaren­händler Schaurer in Wien hafte feinen Kutscher Schmedl zu einer Kundschaft geschickt um 40 Kronen «imukallieren. dock wurde eS Abend, ohne daß er

heimkehrie. Da der Kutscher wiederholt Selbstmord- abstchten verraten hatte, ging Schautet in der An­nahme, daß er nun wohl seinem Leben ein Ende ge­macht haben werde, in dessen Wohnung. Et fand den Unglücklichen angekleidet, jedoch regungslos auf dem Bette. Um sich zu überzeugen, ob ber Knecht schon „ganz tot* sei, rüttelte et ihn — ba öffnete derselbe die Augen und rief: „I will a Ruhl* worauf er sich umdrehte und — weiterschlief. Als Schautet erfuhr, daß der Kutscher den einkaffierten Betrag in mehrerer Gasthäusern vertrunken habe, erstattete er Anzeige So kam Schmedl vor den Strafrichtet. Es gab fol genbe Unterhaltung: Richtet: WaS sagen Sie zu bet Anzeige? — Angeklagter: I hab' seit lang' an Selbstmord vorg'hadt, und wie i die 40 Kronen kriegt hab', hab' i denkt, jetzt trinkst dir Courage an — Richter: Aus bem Selbstmord wurde aber ein Rausch I — Angeklagter: I hab' z'viel getrunken und ... in mein' Dusel hab i an’n Selbstmord ganz ver­gessen. Jetzt hab' lan Geld mehr g'habt und bin z'Haus gangen, mir ’n Rausch ausschlafen. — Der Richter verurteilte den gedächtnisschwachen Selbst- mordkandidaten zu fünf Tagen strengem Arrest.

— Eine unerwartete Erbschaft fiel kürzlich eine, schlichten inländischen Fatmetfamilie zu. Die Fa­milie, namens Haie, hewirtschaftet in der Nähe von Ballina eine kleine Farm. Zu ihren Vorfahren zählt sie auch einen Mann, den die Lust nach Abenteuern veranlaßte, im Jahre 1830 nach Mexiko auszuwan- betn, wo er sich dank seines ei fernen Fleißes, seiner Energie und Unerschrockenheit ein bedeutendes Ver­mögen erwarb. Als im Jahre 1844 die mexikanische Regierung sich in finanziellen Schwierigkeiten befand, borgte ihr ber Irländer Haie ein unb eine halbe Million Dollar, bie bem Verleiher jedoch nicht zurück- bezahlt wurden, sodaß die Schuld mit den Zinsen heute auf etwa 5 Millionen angewachsen ist. Die me­xikanische Regierung wünschte nun endlich die Schuld zu begleichen und ließ die Familie Haie, bie als erb­berechtigt allein in Frage kommt, wissen, daß in etli­chen Wochen da? Geld bei dem meriHmischen Vertreter in London abgehoben werden kann. -p