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Fulda, Mlptae den 15. November 1909.
M 26 '
36. Jahrgang.
Kvftes Mcrtt.
a Tarifveryandlnngen im Baugewerbe
Die Tarifverträge hat man wohl mit der Schriftstel- lerin Fanny Jmle „Soziale Friedensdokumente" genannt. In der Tat schalten sie für die Dauer der Verträge Streiks und Ausspermngen so gut wie vollständig aus. Um so ernster aber rottb die Sache im Augenblick der Ta rifern eu e run g Alle Streitigkeiten, die sich sonst nacheinander im Lause der Ta- rifdauer abgespielt haben würden, werden durch das Tacifamt auf eine kurze Spanne Zeit, die Zeit vor dem Ablauf der Verträge, zusammengedrängt.
Die fortschreitende Vereinigung der Unternehmer hat die Gefahr dieser Periode noch bedenklich verschärft. Solange die Arbeitgeber und Arbeiter in jedem Distrikt für sich miteinander verhandelten, lag die Sache ziemlich einfach; gab es Streik oder Aussver- ,rung, bann doch nur in dem betreffenden Lohngebiet. Seit aber die Unternehmerverbän de sich über das ganze Reich zusammengeschloffen haben, gibt es strur noch einheitliche Verhandlungen, bei denen es neuerdings üblich geworden ist, gleich mit der Gesamtaussperrung für ganz Deutschland zu drohen.
Die Sorge vor einer solchen Gesamtaussperrung beherrscht augenblicklich die soziale Lage. Die vereinigten Unternehmerverbände des Baugewerbes haben in den letzten Jahren einheitlich darauf hingearbeitet, daß alle Tarifverträge im Baugewerbe Kum 30. März 1910 ablaufen. Bekanntlich war schon ?im Jahre 1908 eine einheitliche Behandlung der Tarifabmachungen dadurch zustande gebracht worden, daß das Vertragsmuster vereinbart worden war, das die 'grundsätzlichen, allen Tarifverträgen gemeinsamen Bestimmungen enthielt. Dieses Vertragsmuster nmßie den Verträgen, welche die einzelnen Landes-, Bezirks- und Ortsverbände in Deutschland abschlossen, zugrunde gelegt werden. Arbeitgeber wie Arbeitnehmer haben nun zum bevorstehenden Ablauf der Tarifverträge Abänderungsanträge zu dem Tarifvertragsmuster eingebracht Die Verhandlungen über ein 'neues Vertragsmuster haben nun am Freitag in Berlin begonnen. Die Arbeitgeber werden in diesen Verhandlungen durch den Deutschen Arbeitgeberbund für das Baugewerbe und zwar durch eine zu diesem Zweck ernannte Dreizehnerkommission vertreten. Die Arbeiterinteressen liegen in den Händen der Delegierten des christlichen Bauarbeiterverbandes (Vorsitzender Abg. Wiedeberg) sowie der verschiede- tien sozialdemokratischen Bcmarbeiterverbände.
Zweifellos gehören diese Verhandlungen zu den bedeutungsvollsten, die jemals bisher auf dem Gebiete des Tarifvertragweseus stattgefunden haben. Ihr endgültiger Ausgang entscheidet über Krieg und Frieden im gesamten deutschen Baugewerbe, da mehr als 22000 Baugeschäfte und weit übet 300 000 Arbeitnehmer von dem Schicksal dieser Tarif- Abmachungen getroffen werden.
[ Bisher find die gegenseitigen Abänderungsanträge zum Tarifmuster Misgetauscht worden, und es haben sich dabei schwerwiegende Streitpunkte zwischen den Heiden Parteien ergeben. Die beantragten Vertragsäderungen des Arbeitaeberverbandes werden für die Mrbeitervertreter zunächst als ganz unannehmbar bezeichnet. Vor allem wird verlangt, daß die Arbeiter !die Arbeitsnachweise der Arbeitgeber rückhaltlos anerkennen und nur durch sie Arbeit suchen.
Deutscher Keich.
** Berlin. 15 Rov. 1909. Der Kaiser und der österreichische Erzherzog-Thronfolger mch- men auch am Samstag an der Hofjagd in Getzlingen .teil. — Der Vorstand des deutschen Städtetages
trat am Samstag in Berlin zusammen, um das Steuerrecht der Gemeinden gegenüber dem Reichsfiskus, die Zinsbogensteuer, Reichswertzuwachssteuer usw. zu beraten.
♦ Das Kaiserpaar unternimmt, wie gerüchtweise verlautet, Stnfang Februar eine Mittelmeerreise, an die sich ein B e s u ch P a l ü st i n a s anschließen wird. Die „Hohenzollem" soll für Ende Januar seeklar gehalten werden.
** Die Reichstagsersatzwahl in Landsberg- Soldin hat, wie gemeldet, eine Stichwahl zwischen dem konservativen und dem sozialdemokratischen Kandidaten erforderlich gemacht, während früher die Konservativen gleich im ersten Wahlgange gesiegt hatten. Auf konservativer Seite scheint schlechte Wahlbeteiligung geherrscht zu haben. Anscheinend sind die gou- vernementalen und dem Evangelischen Bunde folgenden Elemente zuhause geblieben. Die Liberalen erinnerten sich, daß der Block mit dem „furor Protestant"cus" zustande gekommen ist, und pflügten deshalb ihren Acker mit der Ka- iholikenfurcht und der Zentrumsangst. In geradezu erbärmlicher Weife war von den Liberalen gegen die Konservativen gellend gemacht worden, daß der konservative Parteisekretär Dr. Kaufhold „aus katholischer Familie stamme und ein katholisches Gymnasium besucht und Mitarbeiter ultramontaner Blätter gewesen sei", Notabene: Dr. Kaufhold hat ein preußischer Staatsgymnasium besucht und hat als Student sich einen Teil des Unterhalts als Korrektor der,®etmania' erworben. Und deshalb malen führende Persönlichkeiten der liberalen Parteien eine „ernste ultramonlane Gefahr" an die Wand. Und nicht ohne Erfolg, ivie der Ausgang der Wahl beweist.
* Eine Jüterpellntion über die linier» schleife aus der Kieler Reichs wer st hat die freisinnige Fraklions-Gemeinschast im Reichstage eingebracht.
— Daß im Wahlkreis Eisenach, dem Wahlkreis Schacks, die deutsch-soziale Partei auf eine eigene Kandidatur verzichten werde, wird jetzt parteiamtlich demenliert. Der Generalsekretär der deutsch-sozialen Pariei schie bt nämlich einem sächsischen Blatte,
daß die deutsch-soziale Partei mit einem eigenen Kandidaten Vorgehen wirb. Der Kandidat ist gefunden und wird in einer Aerlrauensmänneiver- sammlurig, die nach der Mandatsniederlegung des erkrankten Abg. Schack einbernsen wird, vorgeschlagen werden . . . Rar unter einer Bedingung sind die Deulsch-nMtonalen bereit, in Eisenach- Dermbach zu verzichten, nämlich dann, wenn ein in Aussicht genommener, srührr in Lieichsdtensten stehender Mann, der keiner Partei angel ört, bei aber wegen seiner ganzen Vergangenheit und wegen seines großen Wissens eigentlich die Untersintzung aller bürgerlichen Parteien finden könnte, sich zur Annahme einer Kandidatur bereit erklärt. Verhandlungen darüber finden in diesen Tagen statt.
Auf wen anders als den Grasen Posadowtky könnte hier gezielt sein? Graf Posadowsky aber wird wohl nicht wollen.
-> Der neue Bauernbund und die nationalliberale Partei. Kürzlich hat der nationaltiberale Verein für den Wahlkreis Linden eine Versammlung abgehalten, in der nach einem Bericht des „Hannöver. SouricrS" der Reichstagsabg. Wachhorst de Wente gesagt haben soll:
feit Gründung des Bundes der Landwirte Kälten sich viele ehemals nationalliberale Mitglieder des Bundes von der Partei ab gewandt. Es sei deshalb, um die bisherigen Anhänger der Partei zu erhalten, nichts anderes Übrig geblieben, als eine ähnliche be-
russständische Organisation zu schaffen, well die Land- wirte der Meinung seien, daß nur durch eine solche Organisation Vorteile für sie errungen werden könnten.
Dieses Zugeständnis ist überaus wertvoll. Damit wird unzweideutig und unzweifelhaft zugegeben, daß der neue Bauernbund eine nationalliberale Gründung ist, deren Hauptzweck darin besteht, die Landwirte, die fahnenflüchtig zu werden drohen, bei der Partei zu erhalten
# Karlsruhe, 14. Rov. 1909. Es sieht so aus, als hätten die badischen Sozialdemokraten von dem Großblock bereits „die Neese boK". Die Nationalliberalen sind bekanntlich sehr zurückgegangen, trotzdem beanspruchen sie das Präsidium im Landtag, dazu haben sie aber die Hilfe der „Genossen" nötig. Diese wollen jedoch davon nichts wissen, und die sozialdemokratischen Blätter in Baden winken recht kräftig ab. — In F r e i b u r g sprach am Freitag in einer großen Versammlung unter stürmischem Beifall der verdiente Führer der badischen Zentrumspartei, Geistl. Rat Th Wacker über „Die politische Lage nach den Wahlen" Et sagte u. a.:
„Das große Ziel, eine Mehrheit der Rechten zu erreichen, bleibt bestehen, das Ziel, das wir unverrückt im Auge behalien müssen durch Unterstützung der Konservativen durch Zentrumsstimmen. Wenn wir auch bei dieser Wahl keine besonders günstigen Erfahrungen in diesem Punkte gemacht, wo die Scharen der konservativen Wähler gelichtet schienen, so darf uns das doch einen anderen Weg, als den bisher betretenen, nicht zeigen. Der Gedanke gemeinsamer Arbeit zur Bekämpfung der Linken hat an Platz gewonnen. Ob wir im kommenden Wahlkampfe die Konservativen wieder im ersten Wahlgang unierftützen, ist bis dahin eine offene Frage. Es steht zu erwarten, daß die Kreise der Nalionalliberalen, die man als die Gemäßigten kennt, Fühlung zn gewinnen suchen bei den Konservativen. Ich glaube, daß wir das in der nächsten Zu- kunst erleben werden .... Es wird für die nächste Zukunft die Situation für das Zentrum eine andere sein und eine andere Parole uns letten müssen. Nicht mehr: Vor allem Kampf gegen die Nalionalliberalen, sondern die Parole wird lauten: Kampf gegen die Sozialdemokratie und die Verbündeten derselben. Das erleichtert uns die Situation."
Ans! and.
** Auf die Ente von der Doggerbank- Affäre ist ihr Urheber, Herr vom Rath, am Schluffe eines neuen ,Tag"»Artikels noch einmal zurückaekommen. Er schreibt:
„Wo Worte versagen, da müssen Taten sprechen. Ich habe eine Tat ans Licht gezogen, die mit einem grellen Schlaglichte die ganze Gefährlichkeit ber Situation erleuchtet, die auch dem blödesten Philister die Augen öffnen muß, wohin wir treiben. Daß ich es getan, darüber muß ich die schwersten Vorwürfe über mich schweigend ergehen lassen. Aber die Hoffnung leitete mich, daß ich zur Klärung der Situation beigetiaien habe, und daß man nicht nur bei uns, sondern auch jenseits des Kanals eines Tages, erkennen wird, daß meines drastischen Mittels Zweck nicht Störung und Beunruhigung internationaler Beziehungen, sondern Verständigung und Frieden war."
Herr vom Rath ist also nicht in der Lage, den aktenmäßigen Beweis für seine Behauptung tu erbringen. Unter diesen Umständen hätte er, selbst wenn sie den Tatsachen entsprach, sie nicht vorbringen dürfen.
I In dem Redekamps zwischen Iswolski und Aehrenthal, über den wir mehrfach berichteten, hat der österreichische Staatsmann noch einmal das Wort ergriffen. In einem Artikel des offiziösen ,FremdenblatU wiederholt Aehren- thal die Behauptung, daß Iswolski sich noch vor der Annexion verpflichtet hätte, dem Vorhaben Oesterreichs keine Hindernisse in den Weg zu legen. Zur vollständigen Klarlegung der Angelegenheit meint Aehrenthal, gebe eS nur ein Mittel: die Veröffentlichung der diplomatischen Geheimkorrespondenz.
* Das ungarische Abgeordnetenhaus hat am Samstag an Stelle Justh's Alexander Gaal (Koffuth- Packei) zum Präsidenten gewählt.
** Die Hetzrede des Generals Asiuari, der, lvie gemeldet, in den Ruhestand versetzt worden ist, scheint den Italienern au8 dem Herzen gesprochen zu sein. Während die Regierung in der unabhängigen Presse heftig getadelt wird, daß sie Astnari maßregelte, bereitet man dem General Huldigungen. So beschloß das römische Komitee der Dante-Alighierigesellschast, der nächsten Versammlung die Ernennung des Generals zum lebenslänglichen Mitgliede vorzuschlagen. In Mailand zogen am Samstag 1000 Demonstranten mit einer italienischen Fahne vor das Militärkommando, wo Hochrufe auf General Asinari bi Bregezzo ausgebracht wurden. Asinari selbst erklärte, die Folgen seiner Handlung tragen zu wollen, doch ziehe er kein Wort zurück.
** Die Kretafrage, die durch eine Note der Pforte an die Schutzmächte aufs neue zur Diskussion gestellt werden sollte, wird mit aller Wahrscheinlichkeit jetzt nicht aufgerollt werden. Wie im französischen Ministerrate mitgeteilt wurde, werden sich sämtliche Schutzmächte dahin erklären, daß die Behandlung der Kretasrage jetzt nicht angebracht erscheine. In Griechenland und besonders auf Kreta bat der Schritt der Pforte lebhafte Bewegung hervor- gcrufen. Das kretische Exekutivkomitee trat wiederholt zu Beratungen zusammen, um die Aktton zu regeln, falls die Frage in eine neue Phase eintritt; auch verhandelte es mit den Konsuln wegen des Schutzes der Mächte
2lu$ Uirche und 5chnle.
s- Fulda, 15. Rov. 1909. Arn 1. April n. I» ist an der hiesigen stadtpsartlichen Mädchenschule die Stelle einer Lehrerin zu besetzen. Meldungen sind bis 1. Dezember an den Magistrat zu lichten.
* Bamberg, 13. Nov. 1909. 80 kathol. Geistliche aus Ober- und Untersranken hatten sich hier eingefunden zum Zwecke der Gründung einer Lokal schult nspektorenvereinigung. Die Vorstandsschaft wurde vom Erzbischof Dr o. Adert in Audienz empfangen. Dr. von Abert äußerte, er habe die vollste Ueberzeugung, daß die neue Vereinigung in dem heutigen Schulkampf die Rechte der Kirche wahren und dem Episkopat in dem Kampfe der Geister eine treue Unterstützung sein werde. In der Versammlung wurden zwei Resolutionen gefaßt, in denen es heißt: „Die Durchführung der in der Denkschrift des katholischen Lehrervereins zur 9leu« ordnung der Schulaufsicht und Schulleitung gemachten Vorschläge würde die königlichen Lokalinspektoren der wich'igflen Rechte berauben, ihr Amt würde zur Bedeutungslosigkeit herabgedrückt und ihr Einfluß auf Erziehung und Unterricht fast ausgeschaltet. Die Vorschläge der Denkschrift bezüglich der distriktivm Schulaufsicht bedeuten den Anfang der völligen Beseitigung der geistlichen Schulaufsicht und führen in ihren Konsequenzen zur Trennung der Schule und der Kirche."
Lokales.
Fulda, den 15. November 1903.
;!; Gewerbegerichtswahl.
Bei der am SamStag getätigten Wahl der Arbeiter-Beisitzer zum Gewerbegericht wurden 307 Stimmzettel abgegeben, welche mit Ausnahme von 3 Stimmen sämtlich auf die Herren Franz Heil, Ferdinand Müller und Georg
Irrende Seele. •
17] Roman von H. Telchert.
„Und je mehr Du leistest, je ehrgeiziger wirst Du werden, Renates das kenne ich. Erst einmal auf den Brettern, erst einmal das süße Gift der Huldigungen gekostet, dann geht's mit uns durch, das Verlangen nach mehr."
Sie dachte eben über diese Worte nach. Ob der Onkel doch recht hatte? Sie hatte gestem abend vor dem Herzog und der Hofgesellschaft gesungen und war sehr gefeiert worden. Des Herzogs Gemahlin hatte ihr eigenhändig einen juwelenblitzenden Ring an den Finger gesteckt und ihr überschwängliche- Lob zuteil werden lassen. Sie hatte die ganze Nacht kaum eine Stunde geschlafen vor Aufregung. Der Ring, das Lob, all die liebenswürdigen Worte aus Frauen- und Männermund. alles war bunt umhergewirbelt in ihrem Hirn und doch war sie mit sich selbst gar nicht zufrieden gewesen. Mel, viel besser hätte sie fingen müssen, um das alles zu verdienen, viel, viel mußte fie noch lernen, so uneirdlich viel. Ob es denn überhaupt je em Auslerneu gab? Es kam ihr so vor, als sei sie i rx* J™'fan9enn, und doch zollte man ihr so un« ! u Ä™* Lob. Wie würde es sein, wenn sie erst wirklich etwas leistete I
Sie legte den Kops an die Stuhllehne, ihr wurde ganz schwindlig bei dem Gedanken. Wirkte das Gift schon, von dein der Onkel gesprochen?
~ Ee sich auf, es gab noch so viel zu harnen.
r „8fbuch die lose r Blätter mußten geordnet werden, alle sein säuberlich nach Datum und Nummer, wie unordentlich die lagen! Und beim Ordnen hast Vnern tC ^n3cr "ls nötig auf diesem und
September 97.
Heute habe ich meinen Unterricht bei Lamberü begonnen Er war fehr zurückhaltend, her alte Herr, ~“n^e rnich bei ihm anmelbete. Er habe sich eigen!» W°n ganz zurückgezogen, sagte er, er fei sehr rrankiich, regelmäßigen Unterricht könne er gar nicht'
mehr erteilen — aber, wenn ich ihm etwas Vorsingen wolle, um sein Gutachten zu hören, ihn interessiere jegliche deS Gesanges Beflissene. Sehr halbseiden kam alles heraus. Ich sah Tante an — sie mich. So hatten wir uns das nicht gedacht und mir fiel alle Courage in die Schuhe. Aber ich sang trotzdem. Wie Tante später sagte, ganz besonders gut — natürlich, mein gekränktes Selbstgefühl bäumte sich und stachelte mich auf Dachte bei Alte eigentlich, ich sei eine von den vielen, bie so ein bißchen Klavier klimpern utib ein Liedchen fingen lernen, weil's Mode ist? Nein, mein Freundchen, bas war ein Aberglaube. Wie ei mich aber auch angutfie, als ich so ein halbes Dutzend Tonleitern raust unb runtergeschmettert hatte. Er hatte selbst die nötigen Akkorde dazu angeschlagen — jetzt stand et von seinem hochbeinigen Klavierseffel auf und drückte meine Hände, daß ich dachte, er wolle sie mir abrrißen.
„Gut — gut, wundervolles Material! Wann beginnen wir?"
„Das war Dein erster Triumph,- Rena," sagte Tante Beate auf dem Nachhausewege, „nun Glück auf und fei fleißig!" Und wie mr Belohnung fand ich zu Hause einen Brief von Werner vor. Es ist der erste, den ich von ihm empfangen habe. Wirklich ein herzensguter Junge! Ich glaube, so ein bißchen Sehnsucht hat er nach mir, so zwischen den Zeilen steht's geschrieben
„Wozu hier nun noch Rosen blühen. Begreife ich wirklich nicht", schreibt er, „geradezu aufdringlich ziehen sie in den Schaufenstern der Blumenhandlungen meine Augen auf sich. Wartet ihr nur, jetzt werden keine mehr gekauft! Wozu auch? Schicken kann ich sie Dir doch nicht, so gern ich's täte — ich glaube, ich würde Schulden machen, um Dir Dein Lebenlang Rosen auf Deinen Weg streuen zu können."
Tante laS den Brief. Eigentlich ist's gegen die Abmachung. Aber sie bat dämm und da gab ich ihn.
„Gut ist der Junge, gerade so wie fein Vater, aber eine Keine Portton Leichtsinn und ich fürchte auch ein Keiner Prozentsatz Willensschwäche sind ebenfalls al- väterlich«« Erbteil in ihm," meinte sie „Jeden
falls, Rena, wenn Du nicht willst, daß er dereinst nicht mehr wie brüderliches Entgegenkommen von Dir er- toarten soll, gib Deinen Briefen rein schwesterliche Form. Dir und ihm ersparst Du dadurch schwere Stunden, denn weh willst Du ihm doch nicht tun."
März 98.
Heute habe ich die ersten Veilchen in unserem Garten gefunden, nun wiid's wirklich Frühling. Als wäre er für mich allein da, so freue ich mich jedesmal über seine Ankunft. „Der Winter war lang unb schwer, da tut Ausmhen not," sagte Tante gestern zn mir, „ich wollte, bet Sommer wäre schon da, damit wir ausfliegen können. Du übst zu viel" Zu viel! Und doch geht'S nur schrittweise vorwärts. Mir kommt es manchmal so vor, als nähere ich mich schon dem Ziel unb bann wieder, als rücke es bet jedem Schritt vorwärts zurück in nebelhafte Ferne, in unerreichbare Sphären. Werde ich je mit mir zufrieden sein?
Onkel besteht darauf, daß ich endlich bei ihm mit dem dramatischen Unterricht beginne. Dahinter steckt Lambertt. Er ist selbst Opernsänger gewesen und sieht in mir schon die künftige Primadonna. Lustschlösser, ivie Seifenblasen schillernd, und ebenso vergänglich Ich werde nie für die Bühne taugen
April.
Ich habe nun seit einem Monat regelmäßig Unterricht bei Onkel Heinz. Bis jetzt befriedigen ihn meine Fortschritte, glaube ich, im allgemeinen sehr wenig. Zuweilen lobt er mich rückhaltlos, bann gibt es aber auch Sttmbeu, in denen er seine Unzufriedenheit ebenso rückhaltlos kundgibt.
„Stimme, musikalische Begabung, das Aeußere, alles hast Du zur Bühne, aber sag mal, hast Du eigentlich kein Temperament oder verstellst Tu Dich? Mädel, Mädel, mit Deiner Ausrüstung und dabei so steif! Das Aus-sich-Herausgehen fehlt Dir noch ganz und gar, mit Dir durchgehen muß cs, vergessen mußt Du, daß Du bk Rolle spielst. Du mußt sie leben, leben Wir wollen später ernstliche Nepertoirestunden beibe machen, ohne Musik natürlich, nur textlich." Onkel möchte mich auf diese Weise vorbereiten, daß mir später, wenn ich die Rollen erst gesanglich inne habe, das Auftreten keine Schwierigkeiten mehr macht.
Heute bin ich achtzehn Jahre alt geworden. DaS soll ja die Wonnezeit tm Mädchenalter sein. Ich weiß nicht, ob es je schöner werden kann, wie eS bisher war. Mich freut meine Arbeit, mich freuen meine Freistunden — um mich ist Sonn« und viel Siebe. Meine Pflegeeltern sind fo unendlich gut, uns bindet ein festes Band, fester vielleicht, als wären fie meine leiblichen Eltern
Meines Geburtstages vor zehn Jahren erinnere ich mich plötzlich. Da war ich »och 6d meinem Mütterchen tm kleinen Garteuhause, Vater hatte unS damals schon verlassen. An dem Tage hat Dtutter viel geweint, so ganz besonders traurig war fie. „Bleibe brav, Rena," sagte fie mir unb küßte mich heftig, „und tue nie gegen ben Willen betet, die das Schicksal Dir zu Hütern bestellt, versprich es mir. Es straft sich alles im Leben, besonders die Untreue gegen die, die uns erzogen und unserer Kindheit Schritte geleitet. Wenn Du erst groß bist und ich vielleicht lange nicht mehr bin. dann sollst Du meine Tagebuchauszeichnun- cen lesen. Kurze Zeit nur habe ich es geführt und den Schluß, den bitteren Schluß schon hinzugefügt." Wo bie Blätter wohl sein mögen? Ich muß Tante doch einmal danach (ragen. Und Wetter erinnere ich mich des Tages. Tante Beate war uns damals noch ziemlich frtmb, aber sie schickte mir doch einen großen Ge- buitstagskringel und dann Köpfte Werner ans Fenster und reichte mir einen ganzen Strauß Maiglöckchen herein. Selbst gepflückt habe er sie, sagte er sehr stolz, gestem in Thronfolgershain und total nasse Stiefel habe er sich dabei geholt. „Wenn's jetzt mal endlich aufhört zu regnen, dann nehme ich Dich auch mal mit, Rena, ba stehen noch viele, aber gut laufen mußt Du." Unb wie ich bann aus dem SchulwcgcSigurb getroffen unb gewartet habe, daß er mir gratulieren würde! Er war wie immer, sehr von oben herab Schließlich ertrug ich dies Uebergchen des meiner Ansicht nach so wichtigen Ereignisses nicht mehr. „Warum gratulierst Du mir nicht." fragte ich ihn, „weißt Du nicht, daß heute mein Geburtstag ist?" Da blickte er mich so recht gönnerhaft an unb zuckte bie Achseln. „Wenn Dir so viel baran liegt, kann ich Dir ja auch gratulieren. Für mich ftnb bas Kindereien." (Forts P