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Sotationsdruckunb Verlag der Fuldaer Ak- tiendruckerel in Fulda Fernsprecher Nr. V.

Jahrgang

Fulda, Samstag den 13. November 1909

M 261

Grstes Matt

Die heutige Ausgabe umfaßt 16 Seiten.

0 Erzherzog Franz Ferdinand, der österreichische Thronfolger, ist zu mehrtägigem Be- suche nach Berlin gekommen und dort mit allen Ehren empfangen worden. Der Besuch hat, da der Thronfol­ger von seiner Gemahlin begleitet ist, einen familiären Lharakter. Gleichwohl fehlt ihm nicht politische Bedeutung, die umso schärfer hewortritt, wenn man bedenkt, daß das Zusammentreffen deS Erzherzogs mit Kaiser Wilhelm das fünfte in diesem Jahre ist, und wenn man dieser Zusammenkunft jene andere be­deutsame von Racconigi entgegenhält.

Die Tage von Racconigi und die auf ste folgende unfreundliche, herausfordernde Haltung Rußlands ge­genüber Oesterreich werden sicherlich das Hauptthema in Berlin bilden. Dort wird auch die Entscheidung fallen, ob die diplomatische Geheimkorrespondenz zwi- sche Oesterreich und Rußland über die Annexion Bos­niens und der Herzegowina in den hauptsächlichsten Teilen veröffentlicht werden wird. Jedenfalls wird die Aussprache auch in Sachen Italiens zum Dreibunde Resultate zeitigen, mit denen Herr v. Bethmann-Holl- weg nach Italien gehen wird, um dort die Antwort auf Racconigi zu überreichen. Man ist in Wiener maß­gebenden Kreisen der festen Zuversicht, daß über die Balkanfragen, über die Stellung Oesterreichs inner­halb des Dreibundes und über die Auslandspolitik der beiden verbündeten Reiche eine Einigung erzielt wer­den wird, die im Konzerte der Mächte ihre Wirkung nicht verfehlen wird.

Wir freuen uns von ganzem Herzen des guten Einvernehmens, das zwischne unserem Monarchen und dem künftigen Träger der Krone des österreichi­schen Bruderjtaates besteht. Wenngleich wir nicht ver­kennen, daß heute politische Bündniffe stärkere Unter­lagen haben muffen, als die persönlichen Beziehungen tber Fürsten, so ist es doch keineswegs gleichgültig, 'welche Stimmung die Personen, die an entscheidenden Stellen stehen, einander entgegenbringen.

Erzherzog Franz Ferdinand ist es nicht in der Wiege gesungen worden, daß er zum Herrscher des großen Kaiserreiches an d-r Donau bestimmt sei. Das unglückselige Ende des Kronprinzen Rudolf erst berief die Nachkommen des Erzherzogs Karl Ludwig zur Thronanwartschast. Franz Ferdinand war der Erst­geborene. aber da er von überaus zarter Gesundheit war, rechnete man zunächst allgemein damit, daß der­einst seinem Bruder Otto die Krone zufallen werde. Dieser ist heute bereits gestorben, während Franz Fer­dinand nach völliger Genesung die Blüte männlicher Kraft verkörpert. Erst seit wenigen Jahren hat er sich um die politischen Geschäfte bekümmert, sein reifes Urteil und seine kluge Energie haben ihn aber bald zur rechten Hand Kaiser Franz Josephs werden lassen, und es ist ein offenes Geheimnis, daß die Berufung des jetzigen Kriegsministers, des Ministers des Aeuße- rcn Graf Achrenthal und des Generalstabschefs auf seinen Rat geschehen ist. Der Erfolg hat den Rat gerechtfertigt. Die erste politische Kundgebung Franz Ferdinands trat die Uebernahme des Protektorats über den katholischen Schulverein. Der Akt war charakte­ristisch, Franz Ferdinand ist ein treuer Sohn seiner .Kirche und bestrebt ihre Rechte zu wahren. Er ist überzeugt von der ungeheuren Bedeutung, welche die Religion des Volkes für den Bestand des Staatswesens hat, und von der ebensogroßen Wichtigkeit der chrsst- lichen Erziehung und der christlichen Schule. Kein Wunder ist es, daß deswegen der Haß des Unglau­bens und des Liberalismus sich gegen ihn gewandt hat, keine Gelegenheit läßt er vorübcrgehen, ohne ihn als „klerikal", als „Jesuitenzögling", als „Werkzeug ultramontaner Machtgelüste" und wie die schönen Titel weiter lauten, zu bezeichnen. Bor allem wird es dem Erzherzog Thronfolger verübelt, daß er zu der christ­lich-sozialen Partei in wohlwollendem Verhältnis steht. Aber wer will c8 ihm verübeln, daß er auf ein gutes Einvernehmen mit dieser großen Partei Wert legt, die seinen eigenen politischen Uebeczeugungen zweifel­los am nächsten steht. Dies gilt nicht allein für die Kirchen- und Schulfrage.

Erzherzog Franz Ferdinand ist ein begeisterter An­hänger des deutsch-österreichischen Gedankens, auch hier findet er die Christlich-sozialen auf seiner Seite, und bas gleiche gilt von seiner Stellungnahme gegen die Losreißungsbestrebungen der Magyaren. Neben der Sprachenfragc in Oesterreich bildet das staatsrechtliche Verhältnis zu Ungarn das schwierigste Problem der kommenden österreichischen Politik. Auch vom reichs­deutschen Standpunkte aus dürfen wir unsere Freude und unsere Genugtuung darüber äußern, daß der Erz­herzog Thronfolger in diesen beiden schwierigen Fra­gen eine Ueberzeugung vertritt, die in erster Linie das Ansehen des deutschen Namens und die Einigkeit und Macht des Kaiserreiches wahren und schützen will.

Zu seiner kraftvollen Energie dürfen wir das Ver­trauen hegen, daß er diese Ueberzeugung auch in die Tat umsetzen wird.

fortan die S ch u tz v o rs ch r ist en für die Beschäf­tigung von Kindern, jugendlichen Arbritem und von Arbeiterinnen Anwendung: auf Werkstätten, in denen durch elementare Kraft bewegte Triebwerke nicht bloß vorübergehend zur Verwendung kommen, ferner auf Hüttenwerke, Zimmerplätze und andere Bauhöfe, aus Werften, sowie auf Werkstätten der Tabakindustrie. Auf Ziegeleien und über Tag befindliche Brüche und Gruben finden die Schutzvorschriften bereits Anwen­dung, wenn in diesen Betrieben in der Regel mindestens fünf Arbeiter beschäftigt werden. Dem Bundesrat ist die Ermächtigung erteilt, die Schutzvor- schristen für jugendliche Arbeiter und Arbeiterinnen auch auf andere Werkstätten, auch solche der Haue­industrie, auszudehnen

Die neuen Schutzvorschristen finden nach dem Ge­setz keine Anwendung auf Gehilfen, Lehrlinge und Arbeiter in Apotheken, ferner auf diejenigen Ar­beiter in Handelsgeschäften, die nicht in einem zum Handelsgeschäft gehörigen Betriebe mit der Herstellung oder Bearbeitung von Waren beschäftigt find, sowie auf die Angestellten in Heilanstalten und Genesungshei­men, Musikaufführungen, Schaustellungen, theatrali­schen Vorstellungen und sonstigen Lustbarkeiten, sowie auf das Verkehrsgewerbe. Auf Gärtnereien, das Gast- und Schankwirtschaftsgewerbe, sowie auf das Ver- kehrsqewerbe finden die Vorschriften über die obli­gatorische Arbeitsordnung Anwendung. Die Schutz­vorschriften für Jugendliche greifen für Bäckereien und Konditoreien mit Bäckereibetrieb nur dann Platz, wenn diese Betriebe unter regelmäßiger Tag- und Nacht­schicht arbeiten. Die Schutzvorschcssten für Arbeiterin­nen aber gelangen auch für Bäckereien ud Kodidotreien zur Anwendung.

Die Aendemng der Schutzvorschristen gegenüber dem bestehenden Rechtszustand bestehen im wesentlichen im folgenden: Für Arbeiterinnen und für jugend­liche Arbeiter ist das Verbot der N a ch t a r b e i t, das bislang auf die Zeit von halb 9 Uhr abends bis halb 6 Uhr morgens sich erstreckte, auf die Zeit von 8 Uhr abends bis 6 Uhr morgens ausgedehnt. Ferner ist für Arbeiterinnen und für jugendliche Arbeiter unter 16 Jahren eine ununterbrochene Ruhezeit von mindestens 11 Stunden vorgeschrieben. Endlich ist ein beschränk­tes Verbot der Mitgabe von Arbeit nach Hanse ausge­sprochen.

Die besonderen Bestimmungen zum Schutze der Arbeiterinnen bestehen in folgendem: Die Höch st- arbeitsleistung für Arbeiterinnen in Betrie­ben, in denen mindestens 10 Arbeiter beschäftigt wer­den, ist auf 10 Stunden und für die Samstage und die Vortage der Festtage auf 8 Stunden herabgesetzt. Der Schluß der Arbeitszeit am Samstag, der zurzeit um halb 6 Uhr zu erfolgen hat, hat künftig um 5 Uhr zu erfolgen. Die Schonzeit der Wöchnerinnen endlich ist auf 8 Wochen ,von denen wenigstens 6 nach der Niederkunft liegen müssen, erweitert.

Ausnahmen sind möglich wegen außergewöhn­licher Häufung bet Arbeit, wegen Unterbrechung des Betriebes durch Naturereignisse oder Unglücksfälle und in zwei Fällen durch Verordnung des Bundesrates. Wegen außergewöhnlicher Häufung der Arbeit kann für die Dauer von zwei Wochen durch die untere Ver­waltungsbehörde die Beschäftigung von Arbeiterinnen über 16 Jahren bis 9 Uhr abends an den Wochen­tagen außer Samstags gewährt werden. Jedoch muß der Arbeitsschluß um 9 Uhr abends erfolgen und darf die Arbeitszeit 12 Stunden nicht überschreiten; auch muß die zu gewährende ununterbrochene Ruhezeit min­destens 10 Stunden betragen. Solche Ausnahmetage dürfen im ganzen 40 im Jahre bewilligt werden. Die höhere Verwaltungsbehörde kann jedoch 50 Aus­nahmetage bewilligen, falls die Arbeitszeit in den Be­trieben so geregelt wird, daß ihre tägliche Dauer im Durchschnitt der Betriebstage des Jahres die regel­mäßige gesetzlich boroefdjriebene Dauer nicht über­schreitet. Die Äusnahmemöglichkeit für die Unter­brechung des regelmäßigen Betriebes durch Naturer­eignisse oder Unglücksfalle ist dieselbe, wie nach dem bestehenden Gesetz. Auch können die Pausen für Ar­beiterinnen und jugendliche Arbeiter auf besonderen Antrag durch die untere Verwaltungsbehörde in glei­cher Weise, als das Gesetz es allgemein vorschreibt, ge­regelt werden, wenn die Natur des Betriebes ober Rücksicht auf bie Arbeiter in ben einzelnen Anlagen eine anbere Regelung ber Arbeitszeit erwünscht erschei­nen läßt. Jeboch müssen fortan vor Erlaß biefer an- bertoeitigen Regelung ber Pausen bie ständigen Arbei- terausschüffe gutachtlich gehört werden. Die dem Bun­desrate vorbehaltenen Ausnahmen beziehen sich auf Saisonarbeiten und auf Gewerbezweige, in denen

Verrichtung der Nachtarbeit zur Verhütung des Verderbens von Rohstoffen oder des Mißlingens von Arbertserzeugnissen dringend erforderlich erscheint z D. für Konservenfabriken Für Gewerbezweige ' in denen regelmäßig zu gewissen Zeiten des Jahres ein vermehrtes Arbeitsbedürfnis (Saisonbetriebe) eintritt dürfen 50 Ausnahmetage durch Bundes ratsverordnuna bewilligt werden; jedoch ist diese Bewilligung an bie Bedingung geknüpft, daß die Arbeitszeit in der Weise geregelt wird, daß ihre tägliche Dauer im Durch­schnitt der Betriebstage de» Jahres die regelmäßige gesetzliche Arbeitszeit nicht überschreitet. Wo die Ver- richtt-ng der Nachtarbeit zur Verhütung des Verderbens von Rohstoffen oder des Mißlingens von Arbeits- erzeugniffen dringend erforderlich erscheint, ist der BundeSrat ermächttgt, Ausnahmen von den Schutzvor- fchnften für Arbeiterinnen mit der Maßgabe zuzu­lassen, daß die ununterbrochene Ruhezeit an höchstens 60 Tagen bis auf 8% Stunden herabgesetzt werden kann.

Der Bundesrat ist soeben damit beschäftigt die Ausnahmen naher festzulegen. Man darf bet' Er­wartung Ausdruck verleihen, daß diese Verordnung von sozialem Geiste durchtränkt ist und daß nicht durch daS Hintertürchen ber notwendigen Ausnahmen bas alte Gesetz wieder seinen Einzug halten kann.

Deutsches Reich.

** Berlin, 12. Nov. 1909. Der Kaiser hat dem Eickprinzen von Reuß j. L. aus Anlaß von

Die neue Gewerbeordnurrgsnovelle

tritt am kommenden 1. Januar 1910 in Kraft. Damit ift der Arbeiterschutz um ein tüchtiges Stück vorange­bracht, für das dem Zentrum besondere Anerkennung 'gebührt.

* Auvch die Novelle ist der Begriff „Fabrik" aus tx1 .Gewerbeordnung gestrichen. Die besonderen Vor- Men welche bet 4. Titel des 7. Abschnittes der Ge- 72b-°rdnungüber bie Fabriken enthält, ist auf alle Betriebe erstreckt, in denen mindestens in beschäftigt werden. Die Vor- blc bestehende Gewerbeordnung über jugendlichen Arbeitern und Eriken trifft, gelten vom 1. Ja- ttuar ab für alle gewerblichen Betriebe, in denen in d« Regel mindestens 10 Arbeiter beschäftigt werden

Ohne Rücksicht auf bie Zahl ber Arbeiter finden

zwischen Stadt und Land! Los vom antinatio­nalen Zentrum! Zurück zum alten Block- gebauten! Gegen die Sozialdemokratie!"

Der Ausruf ist unterzeichnet von dem „vor- bereitenden Ausschuß der konservativen Vereini­gung". Namen von irgendwelcher politischer Bedeutung find darin nicht vertreten. Bezeich­nend für den Geist der neuen Vereinigung ist die Tatsache, daß sie ihren Ausruf der ,Tägl. Rundschau' zur Veröffentlichung übergeben hat, einem Blatte, dem man alles andere, nur nicht die Vertretung konservativer Interessen und Be­strebungen nachsagen kann.

Lauterbach, 11. Nov. 1909. „Was sagt die „Fuldaer Zeitung" dazu?" so fragt der „Lauterb. Anz." in seiner stummer 134. „U. A. w. g.“ Er soll für diesmal d« Antwort haben, um die er bittet, nämlich die Antwort auf eine „lieblich duftende Blütenles« blinden ultramontanen Konfessionshasses" auS Nummer 133 des „L. A.". Es war da aus Auslassungen des in München erscheinenden „ultramonlanen Witzblattes Grobian" hin­gewiesen, der u. a. das Märchen von Luthers Selbstmord wieder auswärmte, und ferner über die Stellungnahme des lutherischen Oberkonsisto­riums zu Straßburg gegen einen Hirtenbrief des Bischof Benzler über die Mischehen berichtet. Der Hirtenbrief, so war da gesagt, enthalte „offenkundig Schmähungen des Protestantis­mus". — Wir haben dazu folgendes zu sagen:

1. Der „Grobian" ist kein „ultramon­tanes" Blatt, sondern ein Witzblatt, das sein« „unparteiische Richtung" am Kopfe jeder Rüm­mer ausdrücklich heroorhebt.

2. Wir mißbilligen auch in einem Witzblatt im Interesse des konfessionellen Frie­dens solche Bemerkungen — wir würden die­selben erst recht mißbilligen, wenn sie in einem „ultramontanen" Blatt ständen. Der „Grobian" ist von der „ultramonlanen" Presse bereits wiederholt derb beim Kragen gepackt worden, früher als die „antiultramontanen" Blätter aus ihn aufmerksam wurden.

3. Wir könnten aus prot. Blättern eine ganze Blütenlese von Beschimpfungen der kath. Kirche bringen — der „L. A." würde dann wohl zugeben, daß der „Grobian" noch Waisenknabe im Schimpfen ist. Im ynieteffe des konf. Frie­dens lassen wir dieses.

4. Der Protest des Oberkonsistoriums gegen den Hirtenbrief des Bischofs Benzler beweist uns nichts — gerade so wenig wie die paar aus dem Zusammenhang gerissenen Bemerkungen des „L. A," aus diesem Hirtenbrief. Der betreffende Artikel des „L. A." entstammt offenbar der Korrespondenz des Eoang. Bundes. Ihre Zu­verlässigkeit in der Wiedergabe von Zitaten aus Aeußerungen von katholischer Seite hat schon sehr häufig einer Nachprüfung nicht standgehalten. Die lotbringischen katholischen Blätter haben wiederholt energisch Verwahrung dagegen ein­gelegt, daß Bischof Benzler in seinem Hirtenbrief den Protestantismus beleidigt habe.

5. Die beiden Artikel d?s „L. A." in Nr. 133 beweisen uns die Richtigkeit unserer Auf- saffung über dieses Blatt.

6. Warum unterrichtet denn der „L. A." nicht seine Leser über unseren Artikel vom 5. Nov. und überläßt den „harmlosen Leuten" die Be­urteilung darüber, wer den Frieden stört? I« ben dort angezogenen Artikeln ist der „L. A." nicht, wie er stolz sich rühmt, „ultramontaner Gehässigkeit gebührend entgegengetreten", sondern diese Artikel sind an den Haaren herbeigezogen und machen auf den objektiven Leser den Ein­druck „da soll der Katholizismus verächtlich ge­macht werden" (diesen Eindruck haben auch prot. Leser). Schließlich dem ,Lauterb. Anzeiger"

7. zur Belehrung, daß ultramontan her­geleitet ist von ultra montes, d. h. jenseits der Berge. Man nennt die Katholiken ultramontan, weil sie den Papst „jenseits der Berge" als ihr Oberhaupt anerkennen. Und das tun alle kath. Deutsche, die noch den Anspruch darauf machen, zur kath. Kirche zu gehören: also sind alle Ka­tholiken Ultramontane.

Diese Antwort wird für heute genügen. Wir find überzeugt, auch die evangelischen Leser des „L. A." wollen nichts von den bissigen Bemer­kungen eines Lokalblattes wissen, sondern wollen in Frieden mit ihren katholischen Mitbürgern leben. Aus dieser Ueberzeugung heraus haben wir den Artikel vom 5. Nov. und auch den heutigen geschrieben.

* Landsberg cu W., 12. Nov. 1909. Bei der Reichs tags ersah wähl in Landsberg a. W.-Soldin erhielten Amtsgerichtsrat Holtschke (kons.) 9469, Landwirt Schoeppe (lib.) 6377, Expedient Pützel (Soz.) 7555 Stimmen. ES ist Stichwahl zwischen dem Konservativen und dem Sozialdemokraten erforderlich. — Die Stimmen der Konservativen find seit der Wahl vom Jahre 1907 um 4000 zurückgeblieben.

München, 12. Nov. 1909. Das bayeri­sche Abgeordnetenhaus hat die Warenhaus- Steuer, deren ganze Erträge den Gemeinden zu­gewiesen werden, mit großer Mehrheit angenommen.

]:[ Dresden, 12. Nov. 1909. Am Don­nerstag haben di« sämtlichen in die sächsisch« Zweite Kammer gewählten sozialdemokratischen Abgeordneten folgenden Gib geschworen:

dessen silberner Hochzeit den Schwarzen Adler­orden verliehen. Am Freitag traf er mit dem österreichischen Erzherzog Thronfolger Franz Fer- dinand in Jaevenitz ein, und begab sich zur Hofjagd in Letzlingen. Gestern fand zu Ehren des Erzherzogs im Neuen Palais zu Potsdam eine Abendtasel statt.

— Tie Wirkung des sozialdemokratischen Schuapsboykotts ist in Breslau eine eigen­artige. Der Schnapskonsum ist zwar in einigen Gastwirtschaften um 50 Prozent zurückgegangen, doch trinken die Sozis dafür desto mehr zu Hause. Wie die „Bresl. Volksmacht" sich euphemistisch autzdrückk, „will" man die Beob- achtung gemacht haben, „daß einzelne Familien stärkere Quantitäten SchnapS im Konsumverein einkaufen". Das sozialdemokratische Blatt tröstet sich zwar damit, daß Hausveibrauch in Brcmnt- wein nie so stark werden wird, als der Kneipen- trunk, betont jedoch, daß „die Anschaffung jeder Quantität Branntwein auf das schärfste zu ver- dämmen" ist. — Wen» das der Fall ist, wes- halb untersagt man den sozialdemokratischen Konsumvereinen nicht überhaupt die Abgabe von Schnaps an die Mitglieder? Oder fürchtet man dann, daß die schnapslüsternen Genossen anders­wo ihren Bedarf decken werden?

)( Die protestantische Generalsynode hat am Freitag ihre Tagung beendet. Das ^ge­nannte Jrrlehregesetz d. h. das Gesetz betr. die Beanstandung der Lehre von Geistlichen wurde einstimmig angenommen. Daß das Ge­setz den kirchlich liberal gesinnten Pastoren sehr weit entgegenkommt, zeigt schon der Umstand, daß selbst die »Tägliche Rundschau" gegen das Gesetz nichts einzuwenden hat. Das Gesetz hat in der Kommiffionsberatung zahlreiche Verände­rungen zugunsten der liberalen Richtung in der protestantischen Kirche gefunden. Zur Frage der Beteiligung der Geistlichkeit an der Feu er- b estat tun g wurde eine Resolution angenommen, die grundsätzlich die Erdbestattung als allein zu- lästig erklärt. Von den Beschlüffen der General- synode ist auch eine Resolution zur Austritts­bewegung hervorzuheben. Die Ursachen der Austrittsbewegung führte Oberhosprediger D. Dry­ander auf christentumsfeindliche Strömungen unserer Zeit und auf die stärkere Propaganda einiger Sekten zurück.

(*) Der evangelische Bund behauptet bekanntlich, er diene dem konfessionellen Frieden. Wie er daS macht, hat er auf einer Lulherfeier gezeigt, die er in Wittenberg dieser Tage abgehalten hat. In der „Festrede" sagte Pastor Prese nach dem „Wtttenb. Tagebl." u. a.:

„Herrschen heißt, mit unerbitterlicher Gemalt seinen Willen durchsetzen. Dienen heißt, ohne Widerspruch alle Befehle ausführen, ohne eigenen Willen, also ein Sklave sein. Diese Auffassung findet ihren schärfsten Ausdruck im jesuitischen Papsttum, das sich ja für unfehlbar erklärt. Das Dienen finden wir in der menschenunwürdigsten Gestalt in den katholischen Orden. Ein Jesuit hat aufgehört, ein Mensch zu sein, er ist nur noch eine Maschine. Darin liegt eine große Gefahr für unser Vaterland, daß in ihm 60 000 solcher von dem Despoten in Rom geleiteter Wesen bei uns ihr Wesen treiben. Jeder einzelne Katholik wird am Gängel­bande geführt. Besonders bedenklich ist die Macht des Beichtstuhles, ber bie Menschen zwingt, ihr Innerstes und Heiligstes preiszugeben. Jungfrauen, Frauen, Beamte, Parlamentarier, sie alle empfangen bort ihre Befehle. Es sinb viele Deutsche, denen diese unbeutsche Kirche bot)er steht als ihr Vaterland. Aber man sieht die Klugheit Roms: feine Herrschastsgelüste verbirgt es unter dem frommen Deckmantel der Religion. Jedoch: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Diese sind Falsch­heit, Hinterlist, Spionentum. Vom Kanzler und Minister ab bis zum untersten Assessor hat man Furcht vor Roms Macht. Keiner von den hohen Herren ist Mitglied des Evangelischen Bundes. Wohl aber gehören diese Herren — soweit sie katholisch sind — alle den katholischen Volksverein an. Welche Freude durchzuckte uns alle, als sich endlich ein Mann fand, der die Ketten fprengte und dem Feinde die Larve herunterriß. Aber in diesem Sommer haben deutsche Männer im Bunde mit ihren Todfeinden d em deutschen Volke diese Ketten wieder aufgelegt.

. Wir Protestanten sind keine Ausrührer, aber wir haben eine andere Auffassung von Herrschen und Dienen, als die Römlinge . ... Seit .... dem 13. Dezember 1906 leisteten sich (die Römlinge) in Infamie und Perfidie das Möglichste gegen seine Person (nämlich des Kaisers).....

Wer Jesuiten säet, erntet Aufrührer. Wollen wir evangelisches Herrschen und Dienen ver­körpert sehen, so brauchen wir nur hinzuschauen auf Kaiser Wilhelm I. und Bismarck. Diesen Lichtgestalten stellen wir gegenüber den Mann auf Petri Throne, der seinen auf den Kni een heranrutschenden Verehrern die Fußspitzen zum Kusse bietet .... Es bereitet uns aber Weh, wenn wir sehen, wie viele katho­lische Mitbürger Rom dienen wollen und dem Bater- lande — was doch unmöglich ist. Es tut unserem Herzen bitter weh, wenn wir daran denken, daß eS viele Deutsche gibt, deren Herz ultramonian ist, und die darum bereit sind, auf RomS Befehl die heiligsten Pflichten gegen daS Vaterland zu verletzen. Ultra montee, d. h. über den Bergen. Gott hat Deutschland von Rom durch die Alpen getrennt. Er wollte ihnen damit sagen: dort drüben habt ihr nichts z« suchen. Bon dort aber ist unsn urUnheil und Tücke gekommen.

Dem Lauterbacher Anzeiger" zur Lektüre empfohlen.

4- Die „konservative Bereinigung", bie neue Konkurrenz der konservativen Partei, roenbet sich mit einem Aufruf an die konservativen Männer in Stadt und Land, in dem folgende Forderungen aufgestellt werden:

„Mehr Fühlung mtt dem Botte 1 Unabhängigkeit gegenüber dem Bunde der Landwirte! Ausgleich