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Zuldaer W Zeitung

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Fulda, Freitag den 12. November 1909,

36. Jahrgang.

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Zweites

-ch- Die Parität in de« Berwal- tnngen unserer Nachbatstädte.

Anläßlich der Aufstellung der Kandidaten für die Stadtverordnetenwahlen in Fulda ist auch die Frage aufgeworfen worden, ob cs notwendig sei, die Zahl der Mandate unserer nichtkatholischen Mitbürger in den städtischen Körperschaften zu vermehren, in denen sie bislang mit 4 Stimmen, drei evangelischen und einer israelitischen vertreten sind.

(Sine Umfrage in unseren Nachbarstädten hat fol­gendes merkwürdige Bild der Behandlung der katho» lischen Minderheiten hinsichtlich ihrer Vertretung in den städtischen Körperschaften ergeben:

Beginnen wir mit der größten Stadt, Frank- f n r t a. M. Sie zählt unter 364 000 Einwohnern ta. 110 000 Katholiken und ca. 23 000 Juden. Der Magistrat hat 27, die Stadtverordnetenversammlung 64 Mitglieder. In elfterem befindet sich ein Mitglied der Zentrumspartei, und in letzterer ebenfalls ein fal­sches, das vor 5 Jahren durch einen Kompromiß mit Mittelstandspartei und Nationalliberalen gewählt wurde. Dagegen sollen im Magistrat 2 und in der Stadtverordnetenversammlung 5 Juden sitzen. Man sieht, daß die Frankfurter nur gegen die Juden, nicht aber gegen die Katholiken tolerant sind.

In Kassel besteht bet. Magistrat aus 18, die Stadtverordnetenversammlung aus 60 Mitgliedern. Die Einwohnerzahl beträgt 150 000, darunter ca. 15 000 Katholiken. Im Magistrat sitzen 17 Evange­lische und 1 Jude, in der Stadtverordnetenversamm­lung 54 Evangelische, 4 Juden uno 2 Katholiken, von denen einer auf dem Zentrumsstandpunkte steht. In der Armendeputation ist kein Katholik. Auch hier Toleranz gegen die Juden und Intoleranz gegen die Katholiken.

Hanau zählt 32 000 Einwohner, darunter 7000 Kalholcken. Im Magistrat ist kein Katholik. In der Stadtverordnetenversammlung sind deren drei. Es scheiden 2 Kacholiken demnächst aus, von denen aber inur einer als Kandidat wieder aufgestellt ist. Vor drei Jahren verlangten die Zentrumsanhänger die Wahl des Herrn Tr. Malkmus, Rechtsanwalt, was die Majorität verweigerte und einen vollständig abhängi­gen Privatbeamten wählte; einen von den Dreien. Allerdings ist der derzeitige Stadtverordnetenvorsteher katholisch, aber vollständig unkirchlich und nicht Zentrumsmann. (Sei der inzwischen getätigten Stadtvervrdnetenwahl ist auch der eine wieder aus- gestellte Katholik nicht gewählt worden. Im Stadt­verordnetenkollegium wird künftig also nur noch ein Katholik sitzen.)

In Marburg mit 20 100 Einwohnern, dar­unter ca. 2000 Katholiken, ist kein Katholik in einer städtischen Körperschaft.

Das gleiche gilt von H e r s f e l d mit 8700 Ein­wohnern, darunter über 400 Katholiken.

Die Verhältnisse in den verschiedenen Städten feigen sonach folgendes Bild:

Frankfurt Kästet Hanau Marburg HerSfeld

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74,3

21,8

38

8,28

3

5,28

63,7

10

88

3,8

0

3,8

100

4,6

38

1,74

0

1,74

100

Wir verlangen keineswegs, wie uns von anderer Seite immer vorgeworfen wird, eine „mechanische Pantät", daß als» die Vertretung in den städtischen Körperschaften immer genau den Prozentzahlen der Konfessionen entspreche. Wir würden deshalb nichts dagegen zu erinnern haben, wenn in der einen ober

andern Stadt eine Konfession nicht genau die ihr zu- kommende Vertretung in den städt. Körperschaften hat. Das könnte in den verschiedensten 3ufall.iglet» t e n begründet sein; ein zufälliges Wahlergebnis, der Mangel eines geeigneten Kandidaten, der Wunsch gerade gewisse Männer vor allen anderen gewählt zu sehen, können die Verteilung der städtischen Vertreter auf die Konfefstonen für die Minderheit einmal un­günstig beeinflussen. Sie könnten sie freilfd) ebenso gut einmal für die Mehrheit ungünstig beeinflusien. Wenn man nun aber sieht, daß regelmäßig die katholische Minderheit diejenige ist. die bei Verteilung der städtischen Mandate im Nachteil ist, und das in so starken Prozentzahlen, bann’ wird man keinem Men­schen zumuten können, an „Zufälligkeiten" zu glauben dann wird man ein System in bet Sache erken­nen, bas Svstem der mechanischen Impari­tät.

Deutsches Keich,

(*) Der Evangelische Bund als Friedensstörer. Dieser Tage veröffentlichte die „Deutsche Tagesztg." einen Aufsatz, in dem sie zum Frieden zwi­schen den Konfessionen, zum gegenteiligen Dulden und Verstehen mahnte. .Dieser Aussatz hat bet „Deutsch-evangelischen Korrespondenz", dem Organe des Evangelischen Bundes, Anlaß zur Kritik ge­geben, die an Gehässigkeit kaum zu übertreffen ist. Man hak ein paar Satze herausgerissen und daran die Bemerkung geknüpft, die „Deutsche Tagesztg." sollte nur gleich die Konsequenzen ziehen und dem Papste den Pantoffel küffen. Man hat sich nicht gescheut, die zum Frieden mahnenden Aeußemngen als verächtlich zu bezeichnen und anzudeuten, daß sie von ultramon- tanen Jrrgängen völlig abhängig seien. Wir haben, bemerkt dazu die „®. Tagesztg.", für eine solche Kri­tik nur kühle Verachtung. Wir Mauern sie aber, weil sie gar zu leicht auf das Konto der evangelischen Kirche gesetzt wird, während sie tatsächlich nur einem bedauerlichen Heißspornentume zur Last fällt. — Die „Deutschevangelifche Korrespondenz" schreibt zur Zeit wütend gehässige Artikel über Katholisches. Das ist wohl der Grund, warum auch die nationalfibernlen Blätter sich jetzt so wütend geberden. Die national- liberale Preffe will bannt wohl den Beweis erbringen, daß sie nicht katholikenfeinblich ist.

△ Der .Bund der Festbesoldeten" der vor einigen Tagen gegründet wurde, will bekanntlich nicht nur die Reichs;., Staats- und Kommuna!- beamken, sondern auch die Prioatbeamten zu einem politischen Bunde zusammenschließen. Ueber die Ziele dieses Bundes äußerte sich öffent­lich zum ersten Male der 1. Vorsitzende, Pro- vinzialschnlsekretär Huik, in einer stark besuchten Berliner Beamtenversammlung:

Der Bund wolle nicht agreffiv vorgehen, er würde sich aber von keiner Seite an greifen lassen. .Wir wollen mit sämtlichen Berufsständen in Frieden 'eben, aber dabei auch unsere Interessen vertreten, do, wo es not tut. Für eine bestimmte Par t eirichi un q legt sich der Bund nicht fest, er unterstütz: die Männer, die für das Wohl der Allgemeinheit bedacht sind. Die Sozialdemokratie ist von vornherein auSge- schloffen, denn der Beamte ist im Grunde seines Herzens national gesinnt und verobjcheut die Be­strebungen der roten. Internationale/- Aber auch die Konservativen könnten auf eine Unterstützung durch die Beamtenschaft nicht rechnen. Durch die Vertretung der agrarischen Jntereffen hüllen die Konser­vativen sich an der allgemeinen Verteuerung der Lebensbedürfnisse milsthuldig gemacht. Erst wenn die Konservativen das agrarische Joch abgeschüllelt, volks- sreundliche Tendenzen Detfolgten, dann, aber auch nur danp werde, der,BeapUe .zu prüfen habe», was in punkto politischer Betätigung für sie zu tun sei.

Was der Bund aber eigentlich will, darüber ist man noch immer im unklaren. Es wird ein­

fach erklärt, man werde sich nur mit „großen Fragen beschäftigen, der Prüfstein solle zunächst der Reichstag sein. Die eigentlichen Macher in dem neuen Bunde der Festbesoldeten werden, ebenso wie im Hansabunde, zweifellos wieder die Liberalen sein, die auf diese Weise ver­suchen wollen, die Beamtenbewegung zu Partei­zwecken auszunutzen. Eines der Vorstandsmit­glieder, der Postaffistent Otto in Leipzig, be- tätigte sich vor einigen Monaten als ein großer Zentrumshaffer, da er pathetisch verkündete, er wolle aus der Hand des -Zentrums eine Ge- haltsausbefferung nicht annehmen. Wahlschein- lich hat Herr Otto die Ausbesserung aber doch nagenommen.

♦* Zur Schack-Affaire. Die beutsch-soziale Partei hegt die Besorgnis, baß sie den Eisenacher Wahlkreis verlieren wirb, wenn jetzt eine Neuwahl erfolgt. In einer Vertrauensmännerversammlung, bie in Eisenach stattfand, würbe beshalb beschlossen, von einer Kan­didatur für bie nächste Reichstagswahl abzusehen, ba „nach der Abstimmung im Reichstag über bie Reichs- sinanzreform, namentlich aber infolge des außer­parlamentarischen Verhaltens bes Abg. Schack, eine deutsch-soziale Kandidatur aussichtslos fei.“ — Heißt das nun, daß Schack bis zu den näch­sten Neuwahlen Abgeordneter bleibt?

Ausland.

* Die Entwirrung der ungarischen Krise sollte durch fortgesetzte Verhandlungen zwischen dem Ministerpräsident Wekerle und dem Kaiser herbeigesührt werden. Eine Klärung der Lage ist auch tatsächlich bald zu erwarten. Die seit Sonntag sichtbare Spaltung in der ungarischen Unabhängigkeitspartei hat die Krone in der Ueberzeugung bestärkt, daß den Mehrheitsparteien im ungarischen Parlament eine Lösung der Krise nicht möglich sei, und d^ß mit der Kabinetts­bildung daher die Minderheitspartei vom Jahre 1867 betraut werden soll. Deshalb ist für die nächste Woche Graf Andrassy za einer Audienz befohlen. Andrassy wird die Kabinettsbildung zu übernehmen haben; man will dabei noch einen letzten Versuch machen, auch mit Kossuth ein Einvernehmen zustande -u bringen. Sollte diese Lösung im ungarischen Parlament auf Widerstand stoßen, io wird die Auflösung des Parlaments angedroht werden

** Tie Prügelstrafe in Dänemark, die be­kanntlich vor einigen Jahren auf Antrag des damaligen Justizministers Alberti eingeführt worden ist, wird in kurzer Zeit gesetzlich be- eitigt werden. Vorläufig hat sie der neue Ministerpräsident praktisch dadurch ausgehoben, indem er Bericht über jede Verhängung der { Prügelstrafe verlangt, um von dem Begnädigimgs- I recht Gebrauch machen zu können.

** Verteidigungsanlagen nm Panamakanal, der bekanntlich seiner Vollendung entgegengeht, werden von der Regierung in Washington vor­bereitet. Eine Kommission aus Offizieren der Armee und Marine ist gebildet worden, das Ge- lande zu prüfen.

vermischtes.

* Toleranz. Die „Wests. Volksztg." in Bochum chrcibt: Bor einigen Tagen starb ein angesehener evangelischer Mann der Stadt Bochum, welcher einen weit ausgedehnter! Bekanntenkreis sowohl unter den

evangelischen wie auch unter den katbolsschen Mithin- gern hatte. Die Familie entschloß sich daher, durch Veröffentlichung einer Todesanzeige in den hiesigen bürgerlichen Zeitungen von dem traurigen Vorfall der gesamten Oejsentlichkeit Kenntnis zu geben; auch bie Westfälische Volkszeitung erhielt, weil Organ der Ka­tholiken, ein solches Inserat zur Aufnahme zugestellt. Als die Anzeige im Satz schon fertiggestellt war, wurde sie jedoch plötzlich telephonisch zurückgezogen. Und toarum wohl? Ein evangelischer Geistlicher hatte bie Frau des Verstorbenen nachträglich gefragt, in welchen Zeitungen sie bie Todesanzeige auftugeben gedenke, und war solange in sie gedrungen, nur ja von der Westfälischen Volkszeitung Abstand zu nehmen, bis sie schließlich feiner Bitte willfahrte. So der Her­gang der Sache. Um böswilligen Zungen die Ge­legenheit zu falscher Auslegung dieser Zeilen zu ent­ziehen, bemerken wir, daß uns die finanzielle Seite dieses Falles selbstverständlich nicht berührt. Hier steht nur zur Erörterung, daß ein evangelischer Geist­licher die Familie gebeten hat, die Westfälische Volks­zeitung nicht zur Mitteilung dieses Familienereig- nisfes an den katholischen Bekanntenkreis zu benutzen. Ist dieser Vorgang nicht geradezu ein schwerer Ver­stoß gegen konfessionelle Friedfertigkeit und Duldfam- feit? Die Katholiken Bochums haben bisher häufig Familienanzeigen sowohl in der Westfälischen Volks­zeitung, wie auch im Märkischen Sprecher veröffent­licht, ohne daß bie katholischen Geistlichen auch nur den Versuch eines Einspruchs erhoben haben, hier aber wird der evangelische Teil an der Ausübung der Toleranz verhindett. Die konfessionelle Scheidewand wird gegen den Willen der Beteiligten aufgerichtet.

* Strenge Kontrolle! Nach der „Köln. Ztg." ha­ben allein die von einer einzigen Werft dem Rechnungshöfe in einem Jahre eingereichten Rech­nungsnachweise usw. ein Papiergewicht von nicht Weniger, ata 24 000 Kilogra nun (vierund- zwanzigtausend Kilogramm) ausgemacht! — Also am Papier hat es jedenfalls nicht gelegen, wenn so riesige Unterschleife vorkomnren konnten, ohne daß der Rechnungshof etwas merkte.

* Prinz und Dollarkönig. An den bekannten amerikanischen Milliardär Pierpont Morgan drahtet« Prinz Heinrich, der Ehrenpräsident der im nächsten Jahr in Berlin stattfindenden amerikanischen Indu­strie-Ausstellung, folgendes: „Ich habe von Ihrer Ernennung zum Ehrenpräsidenten des Ausschusses für bie nächstjährige amerikanische Ausstellung in Ber­lin gehört, und ich wünsche, Ihnen zu gratulieren. Ich hoffe, gemeinsam mit Ihnen zum Segen unserer beiden Länder arbeiten zu können. Heinrich von Preußen." Der Dollarköntg antwortete lakonisch dem Bruder des Kaisers: „Bestätige mit Dank Ihr Kabel, bin stolz, mit Ihnen zu arbeiten. I. P. Morgan."

* Von ei nein Pechvogel berichtet die „Schwäb. Tagw.": In Schärzingen brannte das Wohn­haus des F. Leibold, Besitzers dreier Wohnhäuser, vollständiq nieder. Als Leibold daraufhin fein zwei­tes Haus bezog, stürzte nachts der Kamin ein und Leibold konnte sich nur mehr durchs Fenster retten. Bald daraus wurde er wegen Verdachts der Brand­stiftung verhaftet, aber nach vier Wochen wieder ent­lassen. Als er dann fein drittes Haus bewohnbar machen wollte, stürzte auch dieses in sich zusammen.

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